HANNELCRE BUBLITZ IRINA KALDRACK THEC nÖHLT MIRNA ZEMAN HRSG AUTOMATISMEN - SELBST.TECHNOLOGIEN llllllttrttttttttttttttttt WITHELM FINK Hannelore Bublitz, Irina Kaldrack, Theo Röhle, Mirna Zeman (Hrsg.) AUTOMATISMEN – SELBST-TECHNOLOGIEN SCHRIFTENREIHE DES GRADUIERTENKOLLEGS „AUTOMATISMEN“ Herausgegeben von Hannelore Bublitz, Gisela Ecker, Norbert Otto Eke, Reinhard Keil und Hartmut Winkler Hannelore Bublitz, Irina Kaldrack, Theo Röhle, Mirna Zeman (Hrsg.) AUTOMATISMEN – SELBST-TECHNOLOGIEN Wilhelm Fink Gedruckt mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft Umschlagabbildung: Jürgen Gebhard (picturepress) Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Gedruckt auf umweltfreundlichem, chlorfrei gebleichtem und alterungsbeständigem Papier. 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KG, Paderborn ISBN 978-3-7705-5425-6 INHALT HANNELORE BUBLITZ, IRINA KALDRACK, THEO RÖHLE, MIRNA ZEMAN Einleitung ..................................................................................... 9 SELBST-TÄTIGKEIT TECHNISCHER OBJEKTE JAN MÜGGENBURG, CLAUS PIAS Blöde Sklaven oder lebhafte Artefakte? Eine Debatte der 1960er ............................................................... 45 CHRISTOPH NEUBERT Selbstlos. Heterotechnologien im Menschen- und Maschinenpark (Samuel Butler, Gabriel Tarde) .................................................... 71 IRINA TARANU, SEBASTIAN LABITZKE, HANNES HARTENSTEIN Zwischen Anonymität und Profiling: Ein technischer Blick auf die Privatsphäre in sozialen Netzwerken ................................................................ 105 Thesenbaukasten zum Verhältnis von Automatismen und Selbst-Technologien, Teil 1 .......................................................... 131 6 INHALT SELBST-VERHÄLTNISSE, SELBST-KONSTITUTION, SELBST-REFLEXION JENS-MARTIN LOEBEL Privacy is Dead – Ein Fünf-Jahres-Selbstversuch der bewussten Ortsbestimmung mittels GPS .................................... 143 VOLKER PECKHAUS Den Automatismen auf der Spur. Konzepte und Grenzen rationaler Zugänge zu Wissen und Wissenschaft ....................................................... 165 ANIL K. JAIN Die Dialektik des Automatismus – Deflexion oder das Andere der Reflexion ................................... 181 ANNETTE RUNTE Automatismus und Autismus. Zur Subjektkonstruktion in medizinischen und literarischen Diskursen der Moderne ................................... 193 LUDWIG A. PONGRATZ Selbst-Technologien und Kontrollgesellschaft. Gouvernementale Praktiken in pädagogischen Feldern .............. 221 HARTMUT WINKLER Me, Myself and I. Bildstrecke zum niedergehenden bürgerlichen Individualismus ...................................................... 237 INHALT 7 Thesenbaukasten zum Verhältnis von Automatismen und Selbst-Technologien, Teil 2 .......................................................... 245 SELBST-ORGANISATION, KOLLEKTIVE CHRISTINA BARTZ Die Masse und der Automat als Metapher und Modell ............... 261 MIRNA ZEMAN Nation und Serialität .................................................................... 275 SEBASTIAN VEHLKEN Schwarm-Werden. Epistemische Rekursionen selbstorganisierender Kollektive .................................................. 289 Thesenbaukasten zum Verhältnis von Automatismen und Selbst-Technologien, Teil 3 .......................................................... 307 ABBILDUNGSNACHWEISE .............................................................. 317 ÜBER DIE AUTORINNEN UND AUTOREN ........................................ 319 HANNELORE BUBLITZ, IRINA KALDRACK, THEO RÖHLE, MIRNA ZEMAN EINLEITUNG Automatismen gehören zu jenem Bereich weitgehend unbewusster Prozesse, die das ‚von selbst Ablaufende‘ dem Zugriff der bewussten Planung entziehen. Sie verweisen auf ‚Selbst-Technologien‘, die nicht bloß den technischen Ab- läufen des Automaten, aber auch nicht der Handlungsmacht eines selbstrefle- xiven, autonomen Subjekts zuzurechnen sind, sondern beides hinter sich lassen.1 Der vorliegende Band richtet den Blick auf Schnittmengen zwischen Auto- matismen und Selbst-Technologien und fragt, wie sich Formen des ,Selbst‘ und die Prozesse seiner Konstitution im Wechselspiel zwischen Subjekt, Ge- sellschaft und Medientechnologien vollziehen und historisch verändern. Dabei sind Automatismen im Sinne des Graduiertenkollegs, in dessen Kon- text dieser Band entstanden ist, als Abläufe gefasst, die sich einer bewussten Kontrolle weitgehend entziehen und dennoch strukturbildend wirken. Die Psy- chologie verortet Automatismen auf der individuellen Ebene: [A]ls spontanes und unabhängiges Funktionieren motorischer und/oder psychi- scher Systeme eines Lebewesens [...], das außerhalb der Kontrolle des Willens und manchmal des Bewusstseins abläuft und sowohl angeboren (endogener A.) vorhanden sein als auch durch Lernen, Übung, Wiederholen und Gewöhnung er- worben werden kann (sekundärer A.).2 Philosophiehistorisch kann das Konzept des Automatismus als Antwort auf Probleme betrachtet werden, die Descartes Auffassung von Tieren als Maschi- nen ohne Seele aufwarfen.3 Entsprechend bilden Automatismen eine Grenzflä- che zwischen Mensch, Tier und Automat und stellen als (beobachtbare) psy- chophysische Vorgänge ein Problem für das ,Selbst‘ des Rationalismus dar. Pierre Janet hat den Automatismus aus dem Bereich des Mechanischen gelöst und ihn in die Sphäre des psychischen Lebens und eines rudimentären, nicht- intentionalen Bewusstseins eingeführt.4 Janet geht von einer grundlegenden psychophysischen Korrelation aus: Demnach ist jede motorische Bewegung, wie automatisch auch immer, von einem Bewusstseinsphänomen begleitet und 1 Vgl. zum Konzept des Graduiertenkollegs Automatismen auch die Einleitung in: Hannelore Bublitz/Roman Marek/Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen, Mün- chen, 2010, S. 9-16: 11. 2 Joachim Ritter, Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 1, Darmstadt, 1971, Sp. 699. 3 Ebd. 4 Vgl. dazu Janets Doktorarbeit L’automatisme psychologique, Paris, 1889. 10 HANNELORE BUBLITZ, IRINA KALDRACK, THEO RÖHLE, MIRNA ZEMAN umgekehrt, jedes psychologische Phänomen von Bewegung.5 Psychologische Automatismen werden bei Janet zur Grundlage der Ausbildung eines Selbst.6 Als basale Einheiten psychischen Lebens werden sie auf einer niedrigen Ebene des Bewusstseins zu kohärenten psychischen Prozessen verwoben. Da- rauf aufbauend integriert das Bewusstsein basale psychophysische Prozesse in Handlungsketten, Routinen und Meinungen;7 gelingt die Integration der Auto- matismen nicht, können Dissoziationserscheinungen auftreten (und werden dann erst beobachtbar): Je nach ihrem Verhältnis zum Bewusstsein treten automatische Akte in ver- schiedenen Intensitätsgraden auf. Als Gewohnheitsakte stellen sie eine höchst normale Erscheinung dar, während sie unter besonderen Bedingungen wie Er- müdung, Intoxikation und anhaltender psychischer Erschöpfung allmählich pathologische Ausmaße annehmen.8 Als fixe Ideen können sie „ein autonomes Leben und eine selbständige Ent- wicklung haben“9. Darüber hinaus entstehen im Zusammenwirken Vieler Strukturen, die den intentionalen Horizont der einzelnen Akteure überschreiten; auch hier lässt sich von Automatismen sprechen. Und insofern Strukturen immer beobachter- abhängig sind, liegt es im Auge des Betrachters und in seinen Beobachtungs- instrumenten und -medien, welche Automatismen er für die beobachtete Struktur verantwortlich macht. Folgt man dem Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm10, so changiert der Begriff ,Selbst‘ in seinem historischen Gebrauch. Es verweist auf die eige- ne Person oder unterstreicht, etwas ,in persona‘ getan zu haben und wird als Hervorhebung oder Steigerung im Sinne von ,sogar‘ genutzt. Gleichzeitig hat 5 „D’un côté, nous avons montré que tout mouvement des membres chez un être vivant, si sim- ple que soit ce mouvement, était accompagné par un phénomène de conscience. [...] D’un au- tre côté, nous croyons avoir montré que, si l’on fait naître dans l’esprit d’une personne un phénomène psychologique quelconque, une sensation, une hallucination, une croyance, une perception simple ou complexe, on provoque infailliblement un mouvement corporel corre- spondant qui varie en complexité comme le phénomène psychologique lui-même.“ Pierre Janet, L’automatisme psychologique: deuxième partie (1889), S. 178, online unter: http://dx. doi.org/doi:10.1522/cla.jap.aut, zuletzt aufgerufen am 01.10.2012. Vgl. auch Henry F. Ellen- berger, Die Entdeckung des Unbewußten, Bern, Stuttgart, Wien, 1973, S. 487 ff., insbes. S. 492 sowie Jacqueline Carroy/Régine Plas, „How Pierre Janet Used Pathological Psychol- ogy to Save the Philosophical Self“, in: Journal of the History of the Behavioral Sciences 3, 36 (2000), S. 231-240. 6 Carroy/Plas (2000), How Pierre Janet Used Pathological Psychology. 7 Vgl. dazu Hartmut Winkler, „These 1: Automatismen stehen in Spannung zum freien Willen, zu Kontrolle und Selbstkontrolle und zum Bewusstsein“, in: Hannelore Bublitz et al. (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 17-22. 8 Josef Vliegen, „Von Mesmer bis Breuer“, in: Heinrich Balmer (Hg.), Die Psychologie des 20. Jahrhunderts, Bd. I: Die europäische Tradition, Zürich, 1976, S. 687-700: 692. 9 Ellenberger (1973), Die Entdeckung des Unbewußten, S. 492. 10 Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, Bd. 16 = Bd. 10, Abt. 1. Seeleben – Sprechen/Bearbeitet von Moriz Heyne im Vereine mit Dr. R. Meiszner, Dr. H. Seedorf, Dr. H. Meyer und Dr. B. Crome, Nachdruck der Erstausgabe 1905, München, 1984, Sp. 445-457. EINLEITUNG 11 Selbst ,,nahezu denselben sinn wie wesen“11, und wird im Sinne der Selbsttä- tigkeit benutzt: ,,[H]äufig sind derartige bezeichnungen von apparaten, die eine function von selbst, selbstthätig erfüllen“12. Damit bewegt sich selbst/ Selbst auf einer Skala zwischen Identität als Un/unterscheidbarem13, einem Subjekt im Sinne eines rationalen Subjekts und transzendenter Wesenheit. Philosophiegeschichtlich kreist die Auseinandersetzung seit dem 17. Jahrhun- dert darum, wie weit das Selbst mit Selbstbewusstsein gleichzusetzen ist, oder in der Verschränkung von Seele, Geist und Körper zu fassen sei (wobei die Frage nach dem Körper erst im 19. Jahrhundert prominent thematisiert wird). In der ersten Tradition erhält der Begriff des Selbst seine wesentliche Be- stimmtheit durch die Bezugnahme auf ein bewusstes Ich, das Selbst ist ent- sprechend gleichzeitig Subjekt und Objekt seines Bewusstseins. In der zweiten Tradition geht es um die Frage, wie das Selbst als dem Bewusstsein vorausge- hendes, aus der materiell-leiblichen Existenz entstehendes, gedacht werden kann.14 Selbst-Technologien lassen sich auf zweierlei Weise fassen:15 Erstens be- zeichnen sie die Verfahren, die das Selbst formen und mit denen sich das Selbst formt. Foucault nennt die Techniken, mit denen das Individuum auf sich selbst einwirkt, Technologien des Selbst16. Die Perspektive der Automa- tismen weist hier auf weitgehend unbewusst bleibende, auch körperlich-leib- liche und medientechnologische Prozesse hin und auf die Frage, wie diese an der Ausbildung von Selbstverhältnissen beteiligt sind.17 Zweitens lässt sich auch danach fragen, welches ‚Selbst‘ Techniken und Technologien ausbilden. Im Horizont des Begriffs der Automatismen liegt es auf der Hand, zunächst an die Selbsttätigkeit technischer Objekte, an Formen der Selbststeuerung auf der Ebene technischer Apparate und Artefakte zu den- ken. Es fragt sich, welcher Grad an Selbstorganisation technischen Objekten zugeschrieben werden kann und welche Prozesse und Praktiken sich dabei in 11 Ebd., Sp. 452 12 Ebd., Sp. 455 13 Einerseits ist das Selbst mit sich identisch, andererseits unterscheidet es sich von allen ande- ren und ist insofern einzigartig. 14 W. R. Schrader, Art. „Selbst. II. 17. bis 20. Jh.“, in: Historisches Wörterbuch der Philoso- phie, hg. v. Joachim Ritter und Karlfried Gründer, Bd. 9: Se–Sp, Basel, 1995, Sp. 294-305. 15 Der Begriff der Technologie changiert im Deutschen zwischen der Gleichsetzung mit dem Begriff der Technik und der Steuerungstechnologien – also den Verfahren der technischen Herstellung von Etwas – und Technologie als Verfahrenslehre, also dem kanonisierten Wis- sen über die Herstellungsweisen. Siehe S. Meier-Oeser, Art. „Technologie“, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hg. v. Joachim Ritter und Karlfried Gründer, Bd. 10: St–T, Basel, 1998, Sp. 958-961. 16 Vgl. Michel Foucault, „Technologien des Selbst“, in: ders. et al., Technologien des Selbst, Frankfurt/M., 1993, S. 24-62: bes. 27. 17 „Automatismen selbst“, so macht Hartmut Winkler deutlich, „scheinen geeignet, die Grenze zwischen dem Technisch-Maschinenhaften und der Sphäre des Lebendigen, Unbewussten zu irritieren und damit auch die Frage des Selbst in ein ‚Dazwischen‘ zu verorten“; vgl. Winkler (2010), These 1, S. 18. 12 HANNELORE BUBLITZ, IRINA KALDRACK, THEO RÖHLE, MIRNA ZEMAN Anschlag bringen lassen. Wie ist die Instanz des Selbst beschreibbar, die damit aufgerufen wird? Wie bildet sich das Selbst im Wechselspiel mit Tech- nologien, gefasst auch als Medientechnologien, aus? Wenn Technik mehr ist als bloß ein externer Spiegel des Menschen, sondern kontingentes Mittel der Subjektkonstitution, ist zu klären, welche Selbstverhältnisse und entsprechen- den Formen des Selbstbezugs sie generiert, voraussetzt und vorantreibt.18 Wenn technischen Anordnungen Autonomie, ja sogar ein Selbst zugestanden werden muss, welche Konsequenzen hat dies für das Selbstverständnis und das Selbstbild des Menschen? Und wie spitzt sich die Lage zu, wenn die Tech- nologien nicht mehr als solche erkennbar sind, sondern unsere Alltagswelt qua Sensorik und Effektoren gewissermaßen unsichtbar durchziehen?19 Doch das Selbst formiert sich nicht ausschließlich im Raum der technisch modifizierten Selbstverhältnisse, sondern es ist in vielfältige soziale und ge- sellschaftliche Praktiken eingebunden. Selbst-Technologien sind Kulturtechni- ken, die auf ein Subjekt bezogen und an dieses gebunden sind. In diesem Zu- sammenhang geht es um spezielle „Formen und Modalitäten des Verhältnisses zu sich, durch die sich das Individuum als Subjekt konstituiert und erkennt“20. Wenn Technologien Prozesse gewissermaßen selbsttätig steuern, zielen diese Selbst-Technologien ins Zentrum eines Modus der Selbstvergewisserung, der an Praktiken gebunden ist, die vom Subjekt intentional und autonom gesteuert zu sein scheinen. Denn: Gefasst als Abläufe, die sich einer bewussten Kontrol- le und der Steuerung durch ein intentional und willentlich handelndes Subjekt weitgehend entziehen, bilden Selbst-Technologien die Kehrseite eines Selbst, das sich durch Rückbezug auf ein Subjekt konstituiert und an dieses gebunden ist. Eine Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist die nach der Kon- zeption eines sich selbst steuernden Subjekts und entsprechenden Formen der Subjektivierung. Im Fokus des Bandes stehen Selbst-Technologien in einem umfassenden Sinne: Das Spektrum der Selbst-Technologien reicht von der Selbsttätigkeit technischer Objekte über kulturelle Muster der Subjekt- und Selbstkonstitution zu individuellen und kollektiven Formen der Selbstführung, der Selbstorgani- sation und Selbstregulation. Selbsttätigkeit technischer Objekte Auf Seiten der Technik kann das Konzept der Automatismen abgegrenzt wer- den gegenüber Theorien zum Automaten. Dieser produziert berechenbare Re- 18 Vgl. dazu u. a. Annette Keck/Nicolas Pethes (Hg.), Mediale Anatomien. Menschenbilder als Medienprojektionen, Bielefeld, 2001, bes. S. 16 ff. 19 Vgl dazu Erich Hörl (Hg.), Die technologische Bedingung. Beiträge zur Beschreibung der technischen Welt, Berlin, 2011. 20 Michel Foucault, Der Gebrauch der Lüste. Sexualität und Wahrheit Bd. 2, Frankfurt/M., 1989, S. 12. EINLEITUNG 13 sultate nach vorgegebenen Regeln, diese aber führt er ‚selbsttätig‘ aus, und die Resultate können überraschend sein. Die eindrücklichsten Beispiele dieser Selbsttätigkeit haben die Automatenbauer des 18. Jahrhunderts hervorge- bracht. Jacques de Vaucansons Ente, die in der Lage ist, Essen zu verdauen, aber auch die von ihm entwickelten flötenspielenden und trommelnden Andro- iden sowie die drei zeichnenden, schreibenden und musizierenden menschli- chen Figuren von Pierre Jaquet-Droz stellen die Höhepunkte einer Automaten- baukunst dar, die im frühbürgerlichen Kulturbetrieb des 18. Jahrhunderts eine Welle der Faszination auslöste. Die Selbsttätigkeit der Automaten warf Fragen nach dem Verhältnis von Mensch, Tier und Maschine auf, die spätestens mit Beginn der Neuzeit im Zentrum des philosophischen Diskurses standen und inzwischen wieder an Relevanz gewinnen. Vor dem Hintergrund einer derartigen Faszinationsgeschichte stellt sich die Frage, welche Versprechen es sind, die an die Selbsttätigkeit der Automaten geknüpft werden. Betrachtet man die Automaten Vaucansons zunächst ab- gelöst von den zeitgenössischen wissenschaftlichen Debatten, dann fällt ein grundlegender Unterschied zwischen der Nachbildung tierischer und mensch- licher Fähigkeiten auf: Anders als bei der Ente geht es bei den Androiden nicht um die Nachbildung physiologischer Funktionen, sondern um kulturelle Fähigkeiten: Die Androiden sind mechanische Darsteller hochzivilisierter Tätigkeiten. Sie vermögen menschliches Leben nur im engen Bereich von vorbildlich diszipli- nierten Handlungsabläufen zu repräsentieren, von Performationen also, die selbst schon ein quasi-mechanisch sich wiederholendes Einüben zur Voraussetzung haben.21 Die Tatsache, dass sich „hochzivilisierte Tätigkeiten“ wie Schreiben und Flö- tenspielen – also gerade die Distinktionsmerkmale des Bürgertums – beson- ders einfach mechanisch imitieren ließen, könnte, so spekuliert Alex Sutter, dem Publikum der Automatenbauer einen „geheimen Schrecken“ eingejagt haben und damit deren eigentliche Faszinationskraft ausgemacht haben.22 Wie das Beispiel deutlich macht, tritt der Automat – sei es in Form real existierender Apparate, im metaphorischen Gebrauch oder als Modell für ‚natürliche‘ Abläufe – immer auch als Spiegel menschlicher Fähigkeiten auf. Die Bedrohung, die der Automat historisch betrachtet für das menschliche Selbstbild darstellte, beschränkte sich dabei keineswegs auf das Bürgertum. Seine Selbsttätigkeit machte ihn anschlussfähig an Vorstellungen des Leben- digen und bahnte damit einer diskursiven Vereinnahmung für unterschied- lichste Vorstellungen des spezifisch ‚Menschlichen‘ den Weg. Die Frage, wel- che Register des Selbst durch das Ausstellen der Selbsttätigkeit aufgerufen werden, ist jedoch keine rein historische, sondern bleibt bis heute relevant. 21 Alex Sutter, Göttliche Maschinen. Die Automaten für Lebendiges bei Descartes, Leibniz, La Mettrie und Kant, Frankfurt/M., 1988, S. 80. 22 Ebd. 14 HANNELORE BUBLITZ, IRINA KALDRACK, THEO RÖHLE, MIRNA ZEMAN Wenn die Ingenieurwissenschaften in zunehmendem Ausmaß versuchen, Fä- higkeiten der Selbstoptimierung, Selbstadaption oder gar self awareness tech- nisch zu modellieren23, so haftet diesen, eigentlich rein pragmatischen und oft- mals an ökonomischen Effizienzkriterien ausgerichteten, Versuchen immer auch ein phantasmatischer Überschuss an, den es aus der Perspektive des Automatismen-Konzepts auszubuchstabieren gilt. Um diesen Arten von Überschuss näher zu kommen, reicht es nicht aus, sich allein auf die technischen Entwicklungen zu konzentrieren.24 Übertragun- gen und Vermischungen unterschiedlicher Arten von Selbst-Technologien scheinen sich vielmehr insbesondere in den metaphorischen Bezügen auf Automaten und Maschinen zu finden. Aspekte wie Regelmäßigkeit, Gleichför- migkeit und Vorhersehbarkeit, die zur grundlegenden Definition sowohl des Automaten als auch der Maschine gehören, verweisen gleichzeitig auf ein Spannungsfeld, das zwischen Automat und Automatismus existiert. Das „bloße Funktionieren“ der Maschine lässt sich mit Günther Ropohl als Kennzeichen einer „gelungene[n] Weltbemächtigung“25 durch den Menschen anhand der Maschine deuten. Die Installation selbsttätiger „planmäßig beein- flußbare[r] Wirkungen“26 wäre damit Ausdruck einer Machtmotivation, die auf die „Verfügbarkeit der natürlichen und sozialen Umwelt für den zielstrebig handelnden Menschen“27 hinausläuft. Kehrseite dieser Form der Weltaneig- nung ist jedoch das Risiko, die Kontrolle über die Selbsttätigkeit zu verlieren. Wenn es Goethes Zauberlehrling nicht gelingt, den einmal zum Leben erweck- ten Besen wieder in seine Schranken zu verweisen, dann ist damit ein zentra- les Topos dieser Bedrohung aufgerufen.28 Gleichzeitig tritt in diesen Überlie- ferungen ein Zusammenhang zwischen den Begriffen Magie, Macht und Ma- schine hervor, der sich, so Ropohl29, sowohl etymologisch rekonstruieren lässt, als auch seinen Niederschlag in unterschiedlichen metaphorischen Verwen- dungen des Maschinenbegriffs findet. Die Faszinationskraft der Selbsttätigkeit technischer Anordnungen speist sich mithin aus dem Potenzial einer Weltbemächtigung, die gleichzeitig im- mer auch das Risiko birgt, aus dem Ruder zu laufen und sich gegen den Ur- 23 „Selbst-X lautet das mittlerweile einschlägige Schema“, fasst Neubert die Entwicklungen in den Ingenieurwissenschaften zusammen. Vgl. ausführlicher Christoph Neubert, „,The End of the Line‘. Zu Theorie und Geschichte der Selbststeuerung in der modernen Logistik“, in: Hannelore Bublitz et al. (Hg.), Unsichtbare Hände. Automatismen in Medien-, Technik- und Diskursgeschichte, München, 2011, S. 191-214: 206. 24 Zu einer näher an konkreten technischen Entwicklungen orientierten Diskussion von Selbsttä- tigkeit siehe z. B. Thomas Christaller/Josef Wehner (Hg.), Autonome Maschinen, Wiesbaden, 2003. 25 Günther Ropohl, „Die Maschinenmetapher“, in: Technikgeschichte 58, (1991), S. 3-14: 11. 26 Ebd., S. 10. 27 Ebd., S. 11. 28 Weitere Beispiele finden sich bei Otto Mayr, „Automatenlegenden in der Spätrenaissance“, in: Technikgeschichte 41, 1 (1974), S. 20-32. 29 Ropohl (1991), Die Maschinenmetapher. EINLEITUNG 15 heber der Anordnung zu richten. Aus der Perspektive der Automatismen scheint die gelungene Weltaneignung dabei weniger interessant, weil die Selbsttätigkeit der technischen Objekte sich hier auf die geplante Ausführung der einprogrammierten Regeln beschränkt. Sobald sich die Selbsttätigkeit je- doch jenseits geplanter Prozesse bewegt und dennoch in den Kategorien einer Funktion (und sei es einer destruktiven) gedacht werden kann, so stellt sich die Frage, worauf sich dieses ‚Funktionieren‘ jenseits menschlicher Planung grün- det. Während das Konzept der Automatismen einen Versuch darstellt, ein all- gemeines Entwicklungsmodell für derartige selbsttätig ablaufende Prozesse zu formulieren, sind die Erklärungsmodelle, die einem in der historischen Rück- schau begegnen, zumeist explizit oder implizit im Bereich der Metaphysik an- gesiedelt. Für die Frage nach Selbst-Technologien erscheinen metaphorische Bezüge zwischen Mensch und Maschine besonders aufschlussreich. Historisch be- trachtet sind es jedoch zunächst die kosmologischen Maschinenmetaphern, insbesondere die zahlreichen Analogien zur Uhr, die Anfang des 16. Jahrhun- derts im Zuge einer allgemeinen „Mechanisierung des Weltbilds“30 zum Tra- gen kommen, die den nachfolgenden anthropologischen Maschinenmetaphern den Weg bereiten. Der zentrale Aspekt der Uhr, dies gilt schon für die astrono- mischen Uhren der Antike, besonders aber für die im 13. Jahrhundert entwi- ckelte Räderuhr, ist, dass sie ihre Mechanik ausstellt und damit – zumindest tendenziell – in ihrer Funktionsweise sichtbar und begreifbar ist. Als real exis- tierendes Anschauungsobjekt macht die Uhr damit zentrale Denkfiguren des mechanistischen Weltbilds, wie z. B. Messung und Zählbarkeit, überhaupt erst plausibel.31 Die von der Uhr verkörperte Vorstellung von Selbsttätigkeit fördert die Eta- blierung einer mechanistischen Weltanschauung, sie löst jedoch die Vorstel- lung eines Schöpfergottes keineswegs ab.32 Das Bild der Uhr ist vielmehr von einer grundlegenden Ambivalenz gekennzeichnet: Einerseits kann die Selbst- tätigkeit der Uhr auf einen inneren, selbstgenügsamen, quasi autonomen Me- chanismus zurückgeführt werden, wobei die Uhr eine Möglichkeit bietet, die Prinzipien dieses Mechanismus zu entschlüsseln. Andererseits kann die Uhr als Resultat eines handwerklichen Prozesses betrachtet werden; dadurch ist die Selbsttätigkeit der Mechanismen auf die vorausschauende Planung ihres Schöpfers zurückzuführen. Dank dieser Ambivalenz bleibt das Bild der Uhr lange Zeit sowohl anschlussfähig an naturwissenschaftlich-mechanistische wie auch an christlich-theologische Weltbilder.33 30 Eduard J. Dijksterhuis, Die Mechanisierung des Weltbildes, Berlin, Heidelberg, 1956. 31 Martin Burkhardt, „Im Innern der Uhr“, in: Leviathan 18, 2 (1990), S. 293-306: 296. 32 Kurt Mager, „Mensch und Welt im Spiegel der Uhrenmetapher“, in: Perspektiven der Philo- sophie 35, 1 (2009), Sp. 233-266: 263. 33 So dient z. B. bei Nicolaus von Oresme (1377) die Selbsttätigkeit der Uhr gerade nicht als Ar- gument für eine entschlüsselbare Mechanik, sondern für den undurchschaubaren Konstruk- tionsplan des göttlichen Schöpfers: „Wenn bei einer Uhr, die sehr regelmäßig bewegt wird, 16 HANNELORE BUBLITZ, IRINA KALDRACK, THEO RÖHLE, MIRNA ZEMAN Die Frage der Selbsttätigkeit macht den Kern der Ambivalenz der Uhren- metapher aus. In einer rein mechanischen Beschreibung selbsttätiger Abläufe bleibt das Rätsel der Bewegung ungelöst. Gefüllt wird diese Leerstelle ent- weder mit einer göttlichen Intervention, die steuernd in den Ablauf eingreift, oder mit dem göttlichen Konstruktionsplan, der bereits im Vorfeld alle mögli- chen Abläufe berücksichtigt.34 Waren diese Denkfiguren im Fall der Uhr noch weitestgehend auf die Beschaffenheit des Universums bezogen, so findet mit Descartes Vorstellung des Körperautomaten ein Ebenenwechsel hin zur Be- schreibung von Menschen und anderen Lebewesen statt. Der Körperautomat stellt bei Descartes ein hypothetisches Idealmodell dar, das zwischen der Ebene des Leibes (im Sinne lebendiger Körper) und der Ebe- ne der Maschine (im Sinne technischer Automaten und Maschinen) vermittelt. Der Körperautomat ist eine Nachbildung des menschlichen Leibes „im Medi- um der Mechanik“35, eine Nachbildung, die insofern fiktiv bleiben muss, als sie in vollkommener Form nur durch einen göttlichen Schöpfer hervorgebracht werden kann. Das Bild des Körperautomaten dient damit nicht zuletzt zur Plausibilisierung der Trennung zwischen res cogitans und res extensa: Tiere können, wie Automaten, nach Ansicht Descartes’ komplett unter der Katego- rie der res extensa subsumiert werden; ihre Funktionsweise ist anhand geome- trisch-mechanischer Prinzipien vollständig beschreib- und entschlüsselbar. Auch hier stellt sich jedoch wieder die Frage, wie ein solchermaßen in sich ab- geschlossener Mechanismus in Bewegung versetzt werden kann. Findet sich beim Menschen die Erklärung in einer, wenn auch äußerst begrenzten und über mehrere Instanzen vermittelten, Interaktion zwischen res cogitans und res extensa, so kann diese Erklärung beim Automaten nicht überzeugen, ohne die Trennung der Substanzen selbst infrage zu stellen. Als Erklärung für die Selbsttätigkeit tierischer Lebewesen und Automaten ist Descartes damit wieder auf den Konstruktionsplan des Mechanismus verwiesen – auch die ‚Lebendigkeit‘ des Automaten setzt letztlich einen intentionalen Entwurf vor- aus. Das Bild des Automaten repräsentiert damit bei Descartes keineswegs, wie man vermuten könnte, mechanische Klarheit, sondern vielmehr ein Rätsel: niemand sagen würde, daß sie zufällig und ohne vernünftigen Urheber gemacht würde, wie- viel begründeter trifft das für die Bewegungen des Himmels zu, die von einer Vernunft ab- hängen, die viel größer und höher ist als der menschliche Verstand.“, zit. in Wilhelm Schmidt-Biggemann, „Maschine“, in: Joachim Ritter/Karlfried Gründer (Hg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 5: L-Mn, 1980, S. 790-802: 791. 34 Diese Gegenüberstellung wird zu einem späteren Zeitpunkt zentral in der Kontroverse zwi- schen Samuel Clarke und Gottfried Wilhelm Leibniz Anfang des 18. Jahrhunderts. War Clarke als Anhänger Newtons davon überzeugt, dass Gott in einem mechanisch verfassten Universum die Rolle der „inspection and government“ zufällt, dass es also der göttlichen Intervention bedürfe, um Fehler in der Mechanik zu beheben, setzt Leibniz dieser Vorstellung das Bild einer prästabilierten Harmonie entgegen, in der alle Abweichungen und die entspre- chenden Korrekturen bereits im Vorfeld antizipiert sind. 35 Sutter (1988), Göttliche Maschinen, S. 56. Die in diesem Abschnitt referierte Rekonstruktion des Descart’schen Körperautomaten-Modells geht ebenfalls zurück auf ebd., S. 41-80. EINLEITUNG 17 Die Zweckmäßigkeit des Automaten lässt sich nicht anders erklären als durch eine göttliche Instanz, die der Materie eine bestimmte Finalität verliehen hat. Als vollständiger Bruch mit dem Leib-Seele-Dualismus tritt schließlich La Mettries „L’homme machine“36 auf den Plan, dessen Ziel der Kommentator Kondylis als „Ausschaltung der Seele als metaphysisch verwurzelter bzw. un- sterblicher Wesenheit“ zusammenfasst.37 Weder Gott noch Seele stellen den Ursprung von Finalität dar; sowohl das Prinzip der Selbstbewegung wie auch die ‚seelischen‘ Qualitäten selbst sind originär in der Organisation körperli- cher Mechanismen verankert. Die Frage, wie diese Organisation zustande kommt und wie es zu Bewegungen jenseits rein mechanischen Verhaltens kommen kann, erübrigt sich: „Der menschliche Körper ist eine Maschine, die selbst ihre Triebfedern aufzieht – ein lebendes Abbild der ewigen Bewe- gung.“38 Folgt man Sutter, so wäre daher die eigentliche Relevanz des „homme machine“ weniger darin zu sehen, dass La Mettrie sämtliche psychi- schen Prozesse in den Bereich der Mechanik verlagert, sondern darin, dass er sich auf besonders konsequente und, wegen seiner Polemik auf schwer greif- bare Weise, den gängigen zeitgenössischen spiritualistischen Erklärungs- mustern verweigert.39 Schwankte schon die kosmologische Uhrenmetapher zwischen der Vorstel- lung einer transparenten Mechanik und eines undurchschaubaren göttlichen Konstruktionsplans, so scheint sich diese Ambivalenz im Fall der anthropolo- gischen Maschinenmetapher zu verschärfen. Das Modell des Körperautomaten gibt sich zwar als Offenlegung mechanischer Prinzipien des Lebendigen aus, verweist jedoch implizit auf den Bauplan eines allwissenden Schöpfers. Die Selbsttätigkeit der Maschine scheint mit der Selbstgenügsamkeit der Maschine nicht ohne Weiteres in Einklang zu bringen, in die Modelle schleichen sich daher immer wieder Momente einer „Kryptoteleologie“40 ein. Aspekte einer solchen unterschwellig mitlaufenden Teleologie lassen sich, vermittelt und säkularisiert über naturwissenschaftliche Konzepte der Selbstre- gulation und der Homöostase, bis in die kybernetischen Debatten Mitte des 20. Jahrhunderts nachverfolgen.41 Bis in die Beschreibung kybernetischer Regel- kreise bleibt dabei die grundlegende Ambivalenz erhalten, die schon bei der 36 Julien Offray de La Mettrie, L’homme machine/Die Maschine Mensch, Hamburg, 1990 [frz. OA 1747], S. 35. 37 Panajotis Kondylis, Die Aufklärung im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus, Hamburg, 2002 [1981], S. 282. 38 de La Mettrie, L’homme machine/Die Maschine Mensch, S. 35. 39 Sutter (1988), Göttliche Maschinen, S. 144; vgl. dazu auch Jochen Venus, „Vitale Maschinen und programmierte Androiden. Zum Automatendiskurs des 18. Jahrhunderts“, in: Annette Keck/Nicolas Pethes (Hg.), Mediale Anatomien. Menschenbilder als Medienprojektionen, Bielefeld, 2001, S. 253-266: bes. 253: „Der Mensch als Maschine figuriert bei La Mettrie als antiklerikales Emanzipationsversprechen“. 40 Sutter (1988), Göttliche Maschinen, S. 59. 41 Georg Toepfer, Zweckbegriff und Organismus. Über die teleologische Beurteilung biologi- scher Systeme, Würzburg, 2004. 18 HANNELORE BUBLITZ, IRINA KALDRACK, THEO RÖHLE, MIRNA ZEMAN Uhrenmetapher zum Tragen kam: Einerseits geht es, wie schon in den histori- schen Debatten, um die „Nivellierung der Dichotomie von natürlicher und künstlicher Bewegung“42. Legt man beiden Prozessen die gleichen Modelle zugrunde, so wird die natürliche Bewegung entschlüsselbar. Ungelöst bleibt jedoch auch hier das Rätsel der Selbsttätigkeit, insbesondere der Selbststeue- rung. Als Faszinosum bildet die Selbststeuerung gewissermaßen den Horizont, vor dem kybernetische Vorstellungen eines technischen Selbst – ständige Adaption im Hinblick auf Selbsterhaltung oder Zweckerfüllung – entworfen werden. Für die Betrachtung dieser Parallelen bieten sich zwei Blickrichtungen an: Entweder datiert man den Ursprung des Regelkreises historisch immer weiter zurück. So beschreibt Hammacher in seiner Einleitung zu Descartes „Die Lei- denschaften der Seele“ aus dem Jahr 1984 das Descarte’sche Körpermodell, offenbar ohne Bedarf für weitere Explikation der kybernetischen Terminolo- gie zu sehen, als „Regelkreissystem“: „Die passions oder Affekte wirken im Regelkreissystem der Körperfunktionen wie eine additive Führungsgröße.“43 Ein weiteres Beispiel für eine solche Rückdatierung liefert Canguilhem, der die von Leibniz vertretene Denkfigur der prästabilierten Harmonie als Vorläu- fer kybernetischer Selbststeuerungsvorstellungen betrachtet. In beiden Fällen ist Regelmäßigkeit [...] nicht das Ergebnis eines regulierenden Eingriffs, sie wird nicht gegen eine Instabilität gewonnen oder gegen eine Abweichung zurückge- wonnen, sie ist vielmehr eine ursprüngliche Eigenschaft. Die Regel ist und bleibt Regel, wobei ihre Regulationsfunktion mangels Regelverletzung latent bleibt.44 Aus einer anderen Perspektive würden sowohl in den undurchschaubaren Konstruktionsplänen der selbsttätigen Automaten als auch in den Selbstregu- lierungsphantasmen der Kybernetik die gleiche Kryptoteleologie in den Blick geraten, die es zu entzaubern gilt. Mit dem nüchternen Blick des Naturwissen- schaftlers wäre dann zu konstatieren: „Bei Regelkreisen ist immer ein Sollwert vorhanden, dieser wird bei Maschinen vom Menschen eingebaut oder später eingestellt, denn Maschinen werden für einen bestimmten Zweck gebaut.“45 Zwar wäre hierdurch die implizite in eine explizite Teleologie verwandelt, zugleich aber die menschliche Intentionalität wieder an einem Ort installiert, an dem sie aus Sicht der Automatismen nicht hingehört – dem der gelungenen Weltbemächtigung. Die Selbsttätigkeit von Automaten, auf die Mechanik in- 42 Sutter (1988), Göttliche Maschinen, S. 30. 43 Klaus Hammacher „Einleitung“, in: René Descartes, Die Leidenschaften der Seele (hg. v. und übers. v. Klaus Hammacher), Hamburg, 1984, S. XXXV. 44 Georges Canguilhem, Wissenschaftsgeschichte und Epistemologie. Gesammelte Aufsätze, hg. v. Wolf Lepenies, Frankfurt/M., 1979, S. 93; in dieser Reihe wäre sicherlich auch zu nennen Joseph Vogl, „Regierung und Regelkreis. Historisches Vorspiel“, in: Claus Pias (Hg.), Cyber- netics – Kybernetik. The Macy-Conferences 1946-1953, Bd. II, Zürich, Berlin, 2004, S. 67-79. 45 Volker Henn, „Materialien zur Vorgeschichte der Kybernetik“, in: Studium Generale 22, (1969), S. 164-190: 175. EINLEITUNG 19 genieurmäßig geplanter oder undurchschaubarer Konstruktionspläne zurück- führbar, kybernetisch als Selbststeuerung von Regelkreissystemen gefasst, bleibt wie das Selbst, das sich – quasi-automatisch – auf sich selbst zurückzu- wenden scheint und selbstreflexiv Licht ins Dunkel eines letztlich undurch- schaubaren Selbst zu bringen scheint, eher ein Rätsel denn selbsterklärende Kraft. Die Frage ist, wie Transparenz in Bezug auf ein Selbst hergestellt werden soll, dessen Beziehung zu sich ebenso wie zu den – technischen – Objekten einzig durch Reflexion als Fundament von Erkenntnis und Wahrheit herge- stellt wird. Der Begriff der Selbstreflexion geht in Führung, wenn es darum geht, sich aufklärerisch und wissend nicht nur der Welt, sondern – durch (Selbst-)erkenntnis – tätig auch des eigenen Selbst zu bemächtigen. Selbstverhältnisse, Selbstkonstitution, Selbstreflexion Spricht man von einem „Selbst“, so enthält dies ein reflexives Moment: Ein „Selbst“ verweist auf sich selbst oder ist auf sich selbst verwiesen. Dabei sind unterschiedliche Formen und Konzeptionen des Selbstbezugs denkbar: reflex- haft-automatisch, wie im Fall der unbewussten Dispositionen und Körperprak- tiken, in der Wiederholung psychischer Muster oder bewusst-reflektiert in der Selbstbezüglichkeit des reflektierenden Subjekts.46 So ist im cartesianischen Paradigma der Selbsterkenntnis das Subjekt in sich selbst begründet. Das Selbst, das sich hier durch Rückbezug auf ein Sub- jekt konstituiert und an ein Subjekt gebunden ist, eröffnet Zugang zu sich und der Wahrheit einzig in der Selbstreferenz. Es gewährt (Selbst-)transparenz ge- wissermaßen im „Spiel des Subjekts mit seinen eigenen Gedanken“47. Die Kehrseite eines bewusst reflektierten Selbstbezugs und mit ihr eines auf subjektive Intentionen verengten Begriffs von Praktiken und Handlungen ist die Angst vor dem Ungeregelten, Unbekannten (in ihm), aber auch vor Kol- lektiven, vor den Massen, die sich unberechenbar organisieren und unvorher- gesehene Effekte produzieren. Sie sind der Spiegel, der die ‚Schwächen‘ eines selbstbezüglichen Subjekts reflektiert, das sich im Unberechenbaren wie in der Masse zu verlieren scheint. Die Ausgrenzung aller heterogenen Elemente und alles Abweichenden aus dem „sich schrittweise verfestigenden Monolog, den das am Ende zur allge- meinen Menschenvernunft erhobene Subjekt mit sich selber führt“48, bildet die konstitutive Grundlage einer Subjektbildung und Subjektivierung, die an Aus- schließungspraktiken (des Anderen, Chaotischen) gebunden sind. Dem ent- 46 Vgl. dazu auch das Konzept zur Tagung „Automatismen – Selbst-Technologien“ unter http:// www.uni-paderborn.de/institute-einrichtungen/gk-automatismen/tagungen/. 47 Michel Foucault, Hermeneutik des Subjekts, Frankfurt/M., 2004, S. 436. 48 Jürgen Habermas, Der philosophische Diskurs der Moderne: Zwölf Vorlesungen, Frankfurt/ M., 1988, S. 264. 20 HANNELORE BUBLITZ, IRINA KALDRACK, THEO RÖHLE, MIRNA ZEMAN spricht ein Subjektmodell, das, „indem es rings um sich herum alles zum Ob- jekt macht“49, sich seiner selbst vergewissert und an der ständigen Selbstbeob- achtung ausgerichtet ist. Spätestens seit der Freud’schen Psychoanalyse ist jedoch bekannt, dass das Ich nicht Herr im eigenen Haus ist. Der vorliegende Band zeigt, dass es auch nicht Herr in der von ihm gestalteten – technischen und sozialen – Welt ist. Auch hier, nicht nur im Innern des Subjekts, regieren Prozesse, die sich, quasi von ‚unsichtbarer Hand‘ gelenkt, hinter dem Rücken der Subjekte abspielen. Reflexion, die denkende Rückwendung des Subjekts auf sich selbst, auch ver- mittelt über die Metapher des Sich-Spiegelns, schlägt hier um in undurchsich- tige, sich selbst generierende Prozesse der Selbststeuerung. An die Stelle sub- jektiv gewonnener Erkenntnis und planvollen Handelns treten opake, nicht- transparente Vorgänge. Sie sind, folgt man psychoanalytischen Einsichten, konstitutiv für das Bild eines Selbst, das, medial vermittelt, gefangen ist in den (Be-)Spiegelungen des Selbst. Damit sind die Grenzen der Selbsterkenntnis und Selbsttransparenz mar- kiert, die auf die Außerkraftsetzung des souveränen Schöpfersubjekts und sich selbst autonom regierenden Subjekts zugunsten sich selbst generierender Technologien, die den Horizont subjektiver willentlicher Verfügbarkeit über- schreiten, verweisen. Subjektkonstitution und die Reflexion des Selbst erfol- gen in diesem Fall über ein Anderes, ein Außen. Wenn Lacan den Blick auf den Spiegel (die Spiegelprothese) lenkt oder Freud auf Introjektions- und Pro- jektionsvorgänge und Derrida auf die Selbstaffektion abhebt, gilt die Frage den Medien, die das Selbstverhältnis materiell erst ermöglichen.50 Das Selbst konstituiert und reproduziert sich durch den Bezug auf andere(s), es existiert ein Zyklus der Reflexion zwischen Selbst und Umgebung. Das sich über den Spiegel – des Anderen – konstituierende Subjekt sieht sich aber nicht nur einem medialen ‚Dazwischen‘ (zwischen sich und anderen) gegenüber, son- dern es ist mit einer Ordnung des Symbolischen und einem kulturellen Rah- men konfrontiert, die den Möglichkeitsraum, aber auch die Grenzen des Denk- und Sagbaren abstecken. 49 Ebd. 50 Vgl. dazu auch die These von Hartmut Winkler im vorliegenden Band. Freud entwirft den psychischen Apparat analog technischer, optischer Apparaturen. Dabei ist der Begriff des ‚Ap- parats‘ zunächst ein Hilfskonstrukt zur Annäherung an unbekannte Vorgänge, die sich nicht nur dem Bewusstsein des Subjekts, sondern auch der wissenschaftlichen Beobachtung weitgehend entziehen. Auch hier spielen Reflexionsvorgänge eine entscheidende Rolle; sie konstituieren, gemeinsam mit Projektionsvorgängen, die Psyche eines Subjekts, das sich einem Automatismus der Selbstorganisation des ‚psychischen Apparats‘ verdankt; vgl. dazu Sigmund Freud, „Die Traumdeutung“, in: ders., Studienausgabe. Bd. II., Frankfurt/M., 1972; vgl. auch Hannelore Bublitz, In der Zerstreuung organisiert, Bielefeld, 2005, S. 14 ff. Auch bei Lacan erfüllen Re- flexionen des Spiegelstadiums und das vermittelte Spiegelbild als ‚prothetische Apparatur‘ gleichsam eine „orthopädische Funktion“ für die Subjektbildung; vgl. Jacques Lacan, „Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion“, in: ders., Schriften, Bd. I, 4. durchgesehene Aufl., Berlin, 1996, S. 61-70. EINLEITUNG 21 Im Anschluss an sozial- und kulturwissenschaftliche Ansätze kann das So- ziale als ein Geflecht eng miteinander verbundener Handlungspraktiken ver- standen werden, in denen sich Subjekte erst bilden. Das Soziale erschließt sich aus einem Netz von Praktiken, in denen sich sozial geregelte und typisierte Handlungsmuster manifestieren. Im Fokus der Betrachtung stehen daher nicht Subjekte und ihre intentional geleiteten Handlungen, sondern Prozesse der Subjektbildung, die im Vollzug von kulturellen und sozialen Praktiken hervor- gebracht werden. Auch Techniken des Selbst ergeben sich als Ausdruck sozia- ler Praktiken und in sie eingeschriebene kulturelle Rahmungen und Dispositio- nen. Dieses Subjekt, das sich durch Reflektion (Spiegelung), oder durch ‚Anru- fung‘ über ein Außen, ein Anderes konstituiert, ist nicht der souveräne Prota- gonist und Schöpfer der Außen- und Innenwelt. Es ist vielmehr, wie Foucault annimmt, Effekt „stummer Praktiken“. Es geht aus „institutionell verfestigten, oft auch architektonisch verkörperten, rituell verdichteten Regulationen von Handlungsweisen und Gewohnheiten“ hervor.51 Die Genese dieses unterwor- fenen Subjekts verdankt sich Machtwirkungen, die Subjektivierung gewisser- maßen als paradoxen Vorgang der Fremd- und Selbstführung fassen und das Subjekt als ‚unterworfenen Souverän‘ konturieren. Ansatzpunkt für seine Indi- vidualisierung und Konstitution ist die imaginäre Identifikation mit dem – Bild des – Anderen, sind die (Selbst-)Begrenzungen der (Selbst-)Erkenntnis, die durch kulturelle Rahmungen, normative Ideale gegeben sind, aus denen nie ein souveränes Subjekt hervorgeht, sondern eines, das sein Anderes kennt, und es nicht durch vollständige Objektivierung zu elimi- nieren sucht, sondern zur Sprache kommen lässt, ein Subjekt, das um seine nie zu überwindende Unterworfenheit weiß. […] [E]in gedoppeltes Subjekt also, das unterworfen und frei zugleich ist.52 Hier setzen Selbst-Technologien an, die die äußere Einwirkung auf das Sub- jekt im Selbstbezug gleichsam umkehren. Formen der gesellschaftlichen Zu- richtung und asymmetrischen Einflussnahmen auf individuelle Bewegungs- freiheiten werden in der Rückwendung des Subjekts auf sich selbst umge- münzt in Formen der Selbstermächtigung53. Damit werden – heteronome – Konstitutionsfaktoren des Subjekts von diesem in der reflexiven Rückwen- dung auf sich selbst zu Formen des Selbstbezugs. Das heißt dann aber auch: Das Subjekt ist zwar Bedingungen ausgesetzt, die es nicht selbst geschaffen hat; es ist fundamental abhängig von vorgegebenen Normen und empirischen Praktiken, die als ‚normal‘ oder ‚unnormal‘ gelten, aber es ist nicht identisch 51 Habermas (1988), Der philosophische Diskurs der Moderne, S. 284. 52 Matthias Rüb, „Das Subjekt und sein Anderes. Zur Konzeption von Subjektivität beim frühen Foucault“, in: Eva Erdmann/Rainer Forst/Axel Honneth (Hg.), Ethos der Moderne. Foucaults Kritik der Aufklärung, Frankfurt/M., 1990, S. 187-201: 199. 53 Vgl. dazu Judith Butler, Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung, Frankfurt/M., 2005; Hannelore Bublitz, Butler zur Einführung, 3. Aufl., Hamburg, 2010. 22 HANNELORE BUBLITZ, IRINA KALDRACK, THEO RÖHLE, MIRNA ZEMAN mit diesen oder bildet diese einfach als Struktur in sich ab. Es ist ebenso wenig bloßer Effekt diskursiver Regime, Sprechakte und Normen wie seiner sozialen Verortung in Normalisierungsfeldern. Vielmehr sind hier Praktiken der Selbst- konstitution und Selbstformung wirksam, die sich in einem kontingenten Möglichkeitsraum und die Selbstreflexion begrenzenden Feld von Zwängen bewegen.54 Ein Strukturprinzip postmoderner Gesellschaften besteht in der Generie- rung flexibler und selbstregulativer Subjektdynamiken. Das einzelne Individu- um wird ebenso wie die Masse der Bevölkerung Gegenstand des Wissens und eines bevölkerungspolitischen Dispositivs.55 Es entsteht eine Ökonomie, die die buchhalterische, umfassende und permanente Kontrolle des Details mit einer an Gewinn- und Verlustrechnung geschulten Wachsamkeit kombiniert und die Stabilität der Gesellschaft durch einen Prozess der fortlaufenden Selbstüberprüfung und -regulierung der Bevölkerung garantiert. Diese politi- sche Ökonomie und mit ihr das ‚unternehmerische Selbst‘ erwachsen aus ei- nem Ordnungswissen, in dessen Zentrum eine Form von Menschen- und Selbstführung steht, die sich in der Optimierung des sozialen und ökonomi- schen Potenzials der Bevölkerung verschränken. Schließlich verwandelt sich das Subjekt im Kontext bevölkerungspolitischer administrativer Maßnahmen in das Objekt eines buchhalterischen Kalküls, das einer dauerhaften Selbstprü- fung unterzogen wird und im Zuge christlicher Selbsttechniken Gegenstand der Dechiffrierung seines Begehrens ist. Im Rückbezug des Subjekts auf sich selbst sollen Bedingungen geschaffen werden, die geeignet sind, Techniken der Selbstführung an Regierungsziele zu koppeln.56 Dabei verlagert sich soziale Kontrolle über Selbst-Technologien zuneh- mend ins Subjekt. Dieses ist, ausgerichtet an verteilten Strukturen, Ranking- und Profilierungsverfahren, Dauerbeobachter und Kontrollmedium seiner selbst. Im Subjekt verschränken sich Marktlogiken mit Formen der Selbstfüh- rung, Formen systemgesteuerter Anschlussfähigkeit mit Technologien perma- nenter Selbstoptimierung. Die Omnipräsenz des Marktes in allen sozialen Be- reichen umfasst gleichermaßen Sozialtechnologien wie Technologien des Selbst – sie stellt für beide Bereiche analoge Regeln auf; ökonomische Krite- rien gelten als Raster der Bewertung von Praktiken, sie generieren „eine Art 54 Vgl. dazu Judith Butler, Kritik der ethischen Gewalt. Adorno-Vorlesungen 2002, Frankfurt/ M., 2003, S. 28; vgl. auch dies., Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen, Frankfurt/M., 2009. 55 Es geht dabei um eine komplexe Form der Macht, die als Hauptzielscheibe die Bevölkerung, als Hauptwissensform die politische Ökonomie und als wesentliches technisches Instrument die Sicherheitsdispositive hat; vgl. dazu Michel Foucault, „Die ,Gouvernementalität‘“, in: Thomas Lemke/Susanne Krasmann/Ulrich Bröckling (Hg.), Gouvernementalität der Gegen- wart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen, Frankfurt/M., 2000, S.41-67; Michel Fou- cault, Geschichte der Gouvernementalität II: Die Geburt der Biopolitik, Frankfurt/M., 2004. 56 Vgl. dazu Thomas Lemke/Susanne Krasmann/Ulrich Bröckling (Hg.), Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen, Frankfurt/M., 2000. EINLEITUNG 23 permanentes ökonomisches Tribunal“57. Folgt man Analysen postbürokrati- scher Praktiken des ‚unternehmerischen‘ und ‚konsumtorischen Kreativsub- jekts‘58, dann sind gegenwärtig durchaus andere Fähigkeiten verlangt als dies in der „Subjektordnung der Bürgerlichkeit“ der Fall war.59 Mit der neolibera- len Gesellschaft ist die Entwicklung von Technologien verbunden, die sich nicht am Ideal einer disziplinarischen Gesellschaft (Normerfüllung), in der das einzelne Individuum von normativen Mechanismen der Disziplin und Pflicht- erfüllung umschlossen und in sie eingeschlossen ist oder am Projekt eines selbstbezüglichen, selbstreflexiven Subjekts orientieren. „Es ist auch keine Gesellschaft“, so Foucault in seiner Geschichte der Gouvernementalität, in der ein Mechanismus der allgemeinen Normalisierung und des Ausschlusses des Nicht-Normalisierbaren erforderlich wäre. Im Gegenteil haben wir in diesem Horizont das Bild, die Idee oder das programmatische Thema einer Gesellschaft, in der es eine Optimierung der Systeme von Unterschieden gäbe60. Selbst-Technologien sind in diesem Sinne Kulturtechniken, die die individu- ellen Differenzen anschlussfähig halten, an den Markt, an die sozialen Netz- werke und Praktiken. Aktuelle Subjektmodelle und ihnen entsprechende Selbstverhältnisse rekur- rieren weder auf bloß subjektive Akte noch auf heteronome Zwangsmaß- nahmen. Vielmehr haben heterogene, flexible Selbst-Technologien hier ihren Platz: Jeder einzelne orientiert sich an dynamisch-flexiblen Mustern und Stan- dards und gleicht sein Selbstbild mit vielfältigen Rückmeldungen ab; das ei- gene Verhalten wird so ständig neu adjustiert. Dabei erscheinen heteronomer Zwang und Selbstführung als ineinander verschränkte, konstitutive Elemente von Prozessen der Selbststeuerung; Subjektivierung erscheint als Prozess, der sowohl Unterwerfung als auch Selbstentfaltung bedeutet. Praktiken der Selbst- führung sind gekoppelt an die Dynamik von Programmen und Optimierungs- modellen wie auch an Automatismen von Selbststeuerung. Subjekte entwerfen sich also ebenso selbst und bringen sich selbst hervor wie sie hervorgebracht werden. Gouvernementale Regierungstechniken sind nicht identisch mit den Zwangsmechanismen der Disziplin, sondern sie etablieren und sichern indivi- duelle und kollektive Freiheit durch Mechanismen der Sicherheit. Freiheit ist „nicht nur das Recht der Individuen, sich legitimerweise der Macht, den Miss- bräuchen und Übertretungen des Souveräns entgegenzustellen, sondern auch ein unverzichtbares Element der Regierungsrationalität selbst“61. Subjektivie- 57 Michel Foucault 1979: zit. n. Lemke/Krasmann/Bröckling (2000), Gouvernementalität der Gegenwart, S. 17. 58 Vgl. Ulrich Bröckling, Das unternehmerische Selbst, Frankfurt/M., 2007; Andreas Reckwitz, Das hybride Subjekt. Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne, Weilerswist, 2006. 59 Ebd., S. 97 ff. 60 Foucault (2004), Geschichte der Gouvernementalität II, S. 359. 61 Lemke/Krasmann/Bröckling (2000), Gouvernementalität der Gegenwart, S. 14. 24 HANNELORE BUBLITZ, IRINA KALDRACK, THEO RÖHLE, MIRNA ZEMAN rung und Selbstbestimmung bilden nicht den Gegenpol, sondern sie sind kon- stitutives Merkmal von Sicherheitstechnologien. Es handelt sich um eine Form der Menschenführung, die sich der Prozesse bedient, in denen das Individuum auf sich selbst einwirkt und sie in Machttechniken und -technologien inte- griert. „Der Kontaktpunkt, an dem die Form der Lenkung der Individuen durch andere mit der Weise ihrer Selbstführung verknüpft ist“, kann, so Fou- cault, Regierung genannt werden62. Es geht nicht um die Unterdrückung von Subjektivität, sondern im Gegen- teil, um ihre Produktion, um Formen der Menschenführung, die wesentlich in Selbstführung münden und daher Selbst-Technologien fördern, die an Fremd- führung gekoppelt sind. Diese Art der Regierung operiert nicht oder nicht aus- schließlich über Verbote, sondern durch ihre Macht, Menschen zu einem be- stimmten Handeln zu bewegen. Sie unterstellt nicht, dass Individuen, wie von ‚unsichtbarer Hand‘ gelenkt, dem Gemeinwohl dienen, wenn sie wirtschaftlich handeln, wie der klassische Liberalismus annimmt. Vielmehr beruht sie darauf, dass unternehmerische Selbste durch permanentes Regierungshandeln geschaffen und aktiviert werden. Nicht die Freisetzung immer schon vorhandener Kräfte, son- dern deren permanente Förderung und Formung, nicht Laissez faire, sondern be- havioristische Verhaltensmodifikation in allen Lebensbereichen kennzeichnen diese Subjektivierungsfigur.63 Dabei verbinden sich Fremd- und Selbstführung in einem ‚Regime des Selbst‘, das den einzelnen antreibt, „an sich zu ‚arbeiten‘ und Verantwortung für sein Leben zu übernehmen. Es versucht, das Selbst mit einer Reihe von Werkzeugen für die Bewältigung seiner Angelegenheiten auszustatten, so daß es Kontrolle über seine Unternehmungen gewinnen, seine Ziele definieren und die Erreichung seiner Bedürfnisse durch seine eigenen Kräfte planen kann“. Kurzum: Unterneh- merische Selbste fabriziert man nicht mit den Strategien des Überwachens und Strafens, sondern indem man die Selbststeuerungspotenziale aktiviert.64 Im Rahmen neoliberaler Gouvernementalität signalisieren Selbst-Technolo- gien „nicht die Grenze des Regierungshandelns, sondern sie sind selbst ein In- strument und Vehikel, um das Verhältnis der Subjekte zu sich selbst und zu den anderen zu verändern“65. Kriterium dieser nachdisziplinären sozialen Subjektivität ist eine Vergesell- schaftungsform, in der die Orientierung des Selbst an der feedbackgesteuerten, kommunikativen Präsenz des Anderen ausgerichtet ist. Selbstführung und Selbstmanagement sind an Automatismen verteilten Handelns gekoppelt. 62 Ebd., S. 29. 63 Bröckling (2007), Das unternehmerische Selbst, S. 60. 64 Ebd., S. 61. 65 Ebd. S. 30. EINLEITUNG 25 Kollektive Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Automatismen und Mechanismen der Selbstkonstitution stellt sich auch für Kollektive.66 Gruppen, Organisatio- nen, Institutionen und Staaten bilden ‚Identitäten‘ aus; dies wirft zum einen die Frage auf, wie solche Identitäten entstehen und welche Rolle Automatis- men bei ihrer Stabilisierung spielen. Wichtig für die Beleuchtung der Techno- logien des Selbst für kollektive Identitäten sind Modelle des Looping-Effekts und des kollektiv Imaginären, die im Folgenden näher erläutert werden. Zum zweiten sind auch bei der Genese und Strukturierung von Kollektiven Prozes- se und Mechanismen am Werk, die sich den intentionalen Handlungen Einzel- ner entziehen und gleichsam den Horizont willentlicher, bewusster Verfügbar- keit der Gruppe übersteigen. In dieser Hinsicht sind Modelle kollektiver Selbstorganisation und der seriellen Kollektivität von Relevanz. Der Aspekt der Kollektivität ist der Denkfigur ,bürgerliches Subjekt‘ bereits begrifflich eingeschrieben. Als eine Form des gesellschaftlichen Zusammen- halts wird ‚Bürgerlichkeit‘ dadurch garantiert, dass jeder einzelne in seiner Vorstellung darin bestätigt wird, er sei integrierender Teil einer Einheit souve- räner bürgerlicher Subjekte. Die sinnstiftende und gemeinschaftsbildende ‚Kommunion‘ bürgerlicher Subjekte vollzieht sich durch geteilte Praktiken und Bedeutungen, schließlich auch im Lesen und Schreiben, durch Technolo- gien des Selbst der Schriftkultur und der literarischen Semiose.67 Sie geschieht aber auch im Verhältnis zum konstitutiven kollektiven Außen – dem aristokra- tischen Subjekt – das, wie Reckwitz betont „als Negativfolie und implizites Ideal-Ich“68 der Bürgerlichkeit fungiert. Insbesondere der Anspruch des souveränen Subjekts imitiert Elemente des Adelssubjekts, dem besondere Souveränität zugeschrieben wird, sodass der Ab- 66 Aus epistemischer Sicht sind die Probleme des ‚Selbst‘ auf dieser Ebene mit spezifischen Herausforderungen verbunden, die einerseits darin bestehen, dass sich – mit Hartmut Winkler („Spuren, Bahnen… Der heterogene Modelle im Hintergrund der Frage nach den Automatis- men“, in: Hannelore Bublitz et al. (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 39-59: 43) gesagt – alle Probleme und Beobachtungen potenzieren, „sobald man eine größere Anzahl von Ak- tanten im Blick zu bekommen“. Andererseits besteht das Problem darin, dass die Forschung unzählige Spielarten der Kollektive identifiziert i. e. ins Sein, teilweise auch ins ‚Selbst‘ setzt. Die Theorie modelliert ‚serielle Kollektive‘, ‚soziale Aggregate‘, ‚traditionelle/posttraditio- nelle Ligaturen‘, ‚kollektive Identitäten‘, ‚Multitude‘, ‚Masse‘, ‚Menge‘ und ‚Netzwerke‘, ‚Bewegungen‘, ‚Assoziationen‘, ‚Organisationen‘ und eine Vielzahl weiterer kollektiver Konstellationen, die in ihrer Gesamtheit nicht in den Blick zu bekommen sind. 67 Vgl. dazu Andreas Reckwitz, „Die Moderne und das Spiel der Subjekte: Kulturelle Differen- zen und Subjektordnungen in der Kultur der Moderne“, in: Thorsten Bonacker/Andreas Reck- witz (Hg.), Kulturen der Moderne. Soziologische Perspektiven der Gegenwart, Frankfurt/M., 2007, S. 97-119. Zum konstitutiven Verhältnis zwischen Kollektivität und schriftlicher Kon- nektivität für das Gruppenbild der Bürgerlichkeit sowie zur Rolle der Literatur und des Le- sens für die Konstitution bürgerlicher Subjektivität siehe Albrecht Koschorke, Körperströme und Schriftverkehr. Mediologie des 18. Jahrhunderts, 2. Aufl., München, 2003. 68 Reckwitz (2007), Die Moderne und das Spiel, S. 107. 26 HANNELORE BUBLITZ, IRINA KALDRACK, THEO RÖHLE, MIRNA ZEMAN grenzung von der vormodernen Kultur eine kulturelle Aneignung vermeintlich vormoderner Elemente parallel läuft.69 Wie alle anderen Subjektordnungen steht auch die bürgerliche in einem kom- plexen – auf Rationalität und bewusste Wahl Einzelner nicht reduzierbaren – „Verweisungszusammenhang von negativer Abgrenzung und positiver Aneig- nung zu früheren, dominanten oder subdominanten Subjektcodes“.70 Dass die interpretative ‚Arbeit‘ an dem Selbst als Gruppenmitglied immer das Mitimaginieren eines kollektiv Anderen/Fremden und die Orientierung an dessen vorausgesetztem Beobachtungsmodus mit einschließt, dies betonen auch Forschungen aus dem Umkreis der Sozialpsychologie, der Anthropolo- gie, der Cultural und Postcolonial Studies, der sozial-konstruktivistischen Label-Theorie sowie systemtheoretische Arbeiten zum Kollektivphänomen der Mode.71 Bekannt ist auch, dass Gruppen negative Fremdzuschreibungen und Stereotype ihres jeweils kollektiv Anderen in ihre eigenen Selbstbilder – somit in ein gemeinsames Ich – überführen, indem sie etwa Skripts, Stereo- typen und Labels verinnerlichen, die sie von Außen vor- und zugeschrieben bekommen.72 Beispiele für diesen Prozess, „bei dem aus einer externen transi- 69 Ebd., S. 107. [Herv. i. O.]; Reckwitz weist darauf hin, dass das bürgerliche Subjekt zwar ei- nerseits das aristokratische Subjekt, „Repräsentant immobiler Starrheit“ nachahmt und ähn- lich wie dieses, in einer gewissen Erstarrung des ritualisierten ‚An-Sich-Haltens‘ und ‚Sich- Zurückhaltens‘ einer gemäßigten Dynamik und Gleichförmigkeit der Bewegung verharrt, sich aber zugleich als „anti-exzessives“ vom aristokratischen Habitus – ebenso wie vom abhängi- gen (bäuerlichen) Subjekt der Volkskultur absetzt, siehe dazu Andreas Reckwitz, „Die Gleichförmigkeit und die Bewegtheit des Subjekts. Moderne Subjektivität im Konflikt von bürgerlicher und avantgardistischer Codierung“, in: Gabriele Klein (Hg.), Bewegung. Sozial- und kulturwissenschaftliche Konzepte, Bielefeld, 2004, S. 155-184: 166; ders. (2006), Das hybride Subjekt, S. 176. Gleichzeitig wird diese Abgrenzung von einem kulturellen Außen aufgrund der Anforderungen der bürgerlichen Kultur – Aktivität und Mobilität – fragil, weil es konstitutive Momente bürgerlicher Subjektivität sind; siehe dazu auch: Hannelore Bublitz, Im Beichtstuhl der Medien. Die Produktion des Selbst im öffentlichen Bekenntnis, Bielefeld, 2010, S. 45. 70 Reckwitz (2007), Die Moderne und das Spiel, S. 107. Reckwitz spricht diesbezüglich von „gar nicht mehr bewussten Spuren“, von „kulturellen Heimsuchungen“ früherer Subjektord- nungen in den späteren. 71 Vgl. dazu u. a. Carolin Emcke, Kollektive Identitäten. Sozialphilosophische Grundlagen, Frankfurt/M., 2000, S. 97-116; Ian Hacking, „Making up People“, in: Edward Stein (Hg.), Forms of Desire: Sexual Orientation and the Social Constructionist Contorversy, New York, NY, 1992, S. 69-88; Edward W. Said, Orientalism, 3. Aufl., London, 2003; Maria Todorova, Imagining the Balkans, New York, NY, 1997; Gerd Baumann/André Gingrich (Hg.), Gram- mars of Identity/Alterity. A Structural Approach, New York, NY, 2004; Elena Esposito, Die Verbindlichkeit des Vorübergehenden: Paradoxien der Mode, Frankfurt/M., 2004; Stuart Hall, „The Spectacle of the Other“, in: ders. (Hg.), Representation: Cultural Representations and Signifying Practices, London, Thousand Oaks, New Delhi, 1997, S. 223-291. 72 Hall, ebd., S. 262-263, gibt dafür folgendes Beispiel: „During slavery, the white slave master often exercised his authority over the black male slave, by depriving him of all the attributes of responsibility, paternal and familial authority, treating him as a child. This ,infantilization‘ of difference is a common representational strategy for both men and women. […] [A]s Sta- ples, Mercer and Julien remind us, black men sometimes responded to this infantilization by adopting a sort of caricature-in-reverse of the hyper-masculinity and super-sexuality with EINLEITUNG 27 tiven Identifikation eine reflexive Identifikation wird“73 wären etwa die positi- ve Aneignung und identifikatorische ‚Vereinnahmung‘ der ursprünglich be- schämenden Fremd-Labels queer oder niggers durch die betroffenen Gruppen oder die Selbstidentifizierung einiger südosteuropäischer Nationen mit der schmähenden Fremdzuschreibung ‚Balkan-Menschen‘.74 Diese für die Bildung kollektiver Identitäten charakteristische „Rückwirkung der Konstruktion einer Wirklichkeit, die ursprünglich keine Referenz in der realen Welt repräsentiert, nun aber in der Folgewirkung Wirklichkeiten schafft“75 kann man als Automa- tismus, oder – mit Ian Hacking – als „looping effect“ bezeichnen. Man kann diese Befunde aber gleichermaßen als Indiz deuten, dass analog zu den individuellen auch kollektive Selbste in den Prozessen der Vermittlung und (Be-)Spieglung im Beziehungsgeflecht Ego-Alter-Medium gefangen sind. In diese Richtung gehen Slavoj Žižeks Überlegungen zur Nation, die Lacans Theorie der Subjektkonstitution auf Kollektive übertragen.76 Žižek geht von einer in den Postcolonial Studies häufig formulierten Beobachtung aus, dass der Westen fasziniert nach Osten schaut, weil er dort seine eigenen verlorenen Ursprünge zu entdecken wähnt. In Žižeks Exempel wird das postkommunisti- sche Osteuropa im Moment des faszinierten Erblicktwerdens durch den Wes- ten zu dessen Ich-Ideal: Als der Punkt, von dem aus der Westen sich selbst in einer idealisierten Gestalt des „Erfinders der Demokratie“ als liebenswert be- trachtet. „Das wirkliche Objekt der Faszination für den Westen“, so Žižek, „ist […] der Blick, nämlich der scheinbar naive Blick, mit dem Osteuropa auf den Westen schaut, fasziniert von dessen Demokratie.“77 Diese Konstellation der „hybriden Selbstidentifikation über die hypostasier- te Position des Anderen“78 beinhaltet fast vollständig die Elemente, die Lacan in der Modellerzählung des Spiegelstadiums beschreibt: die zirkuläre Bewe- gung des Sich-Spiegelns, das In-Beziehung-Treten zum Gegenüber und das which they had been stereotyped. Treated as ,childish‘, some blacks in reaction adopted a ,macho‘, aggressive-masculine style. But this only served to confirm the fantasy amongst whites of their ungovernable and excessive sexual nature […] Thus ,victims‘ can be trapped by the stereotype, unconsciously confirming it by the very terms in which they try to oppose and resist it. [ …] This logic depends on representation working at two different levels at the same time: a conscious and overt level, and an unconscious or suppressed level.“ 73 Emcke (2000), Kollektive Identitäten, S. 113 74 Zu Queering siehe Judith Butler, Körper von Gewicht, Berlin, 1995; Zur Internalisierung der Balkan-Etiketten siehe Todorova (1997), Imagining the Balkans. 75 Emcke (2000), Kollektive Identitäten, S. 106 76 Vgl. Slavoj Žižek, „Genieße Deine Nation wie Dich selbst! Der Andere und das Böse – Vom Begehren des ethnischen ‚Dings‘, in: Joseph Vogl (Hg.), Gemeinschaften. Positionen zu einer Philosophie des Politischen, Frankfurt/M., 1994, S. 133-164. Siehe auch Katharina Grabbe/ Sigrid G. Köhler/Martina Wagner-Egelhaaf (Hg.), „Das Imaginäre der Nation. Einleitung“, in: dies. (Hg.), Das Imaginäre der Nation. Zur Persistenz einer politischen Kategorie in Lite- ratur und Film, Bielefeld, 2012, S. 7-23. 77 Žižek (1994), Genieße Deine Nation, S. 133. [Herv. i. O.] 78 Martina Wagner-Egelhaaf, „Hermanns Ding“, in: Katharina Grabbe/Sigrid G. Köhler/Martina Wagner-Egelhaaf (Hg.), Das Imaginäre der Nation. Zur Persistenz einer politischen Katego- rie in Literatur und Film, Bielefeld, 2012, S. 51-79: 52. 28 HANNELORE BUBLITZ, IRINA KALDRACK, THEO RÖHLE, MIRNA ZEMAN Moment der Gleichzeitigkeit des Erkennens und Verkennens. Diese Blick- bzw. Spiegelbeziehung, die im Sinne der Dynamik des Imaginären eine Leer- stelle und somit unverfügbar bleibt, modelliert Žižek als ein ‚Ding‘, „das ein gegebenes Gemeinwesen zusammenhält“ und „das nicht auf den Aspekt sym- bolischer Identifizierung reduziert werden kann“79. Er führt weiterhin aus, dass nationale Identifizierung auf „eine Beziehung zur Nation als Ding“80 gründet: auf einem Etwas, „in dem sich das Genießen verkörpert“81. Das nationale ‚Ding‘ verspricht Erfüllung des Begehrens und das Erreichen von Geschlos- senheit – Identität eben, im Sinne einer „Stillegung imaginärer Dynamik“82. Da aber die Selbst(be)gründung ein relationales Anderes/Fremdes benötigt, das responsiv die Reflektion auf uns zurückschickt, ist unser ‚Ding‘ konstitu- tiv durch die Anderen bedroht.83 „Jede Nationalität hat ihre eigene Mythologie errichtet, worin erzählt wird, wie andere Nationen sie des vitalen Teils ihres Genießens berauben, dessen Besitz es ihr ermöglichen würde, in vollen Zügen zu leben“.84 Das Paradox der Nation besteht darin, dass der Andere, dem man den Diebstahl des Genießens unterstellt, zugleich der „Andere in mir ist, eben jener Andere, auf den sich meine Selbstkonstitution gründet“85. ‚Unser Ding‘ selbst bleibt dabei weder benennbar noch bestimmbar, wir können nur „Er- satzbeschreibungen“86 dafür aufbringen: „[A]lles, was wir darüber sagen kön- nen, ist, dass das Ding ‚the real Thing‘ ist“87, dass es „in einer flüchtigen Enti- tät präsent ist, die wir unseren ‚way of life‘ nennen“88. Dabei wissen wir, dass die Aufzählung der Elemente, die diesen ‚way of life‘ ausmachen – etwa die Art und Weise, „wie unser Gemeinwesen seine Feste, seine Paarungsrituale, seine Initiationsriten“, kurz „sein Genießen organisiert“89 – leere Tautologie und nicht das eigentliche ‚Ding‘ sind. Dieser tautologische Charakter des ,Dings‘ ist laut Žižek in der paradoxen reflexiven Struktur des Glaubens im intersubjektiven Raum begründet, die dem ,Ding‘ zugleich Existenz und Gewicht verleiht: Das nationale Ding exis- tiert, weil die Angehörigen des Gemeinwesens daran glauben bzw. glauben, dass andere (Angehörige des Gemeinwesens) ebenfalls an es glauben. „Eine Nation existiert so lange“, so Žižek weiter, „wie ihr spezifisches Genießen in 79 Žižek (1994), Genieße Deine Nation, S. 134. 80 Ebd., S. 135. [Herv. i. O.] 81 Ebd. 82 Grabbe/Köhler/Wagner-Egelhaaf (2012), Einleitung, S. 13. 83 Siehe Žižek (1994), Genieße Deine Nation, S. 135; Wagner-Egelhaaf (2012), Hermanns Ding, S. 53; Reckwitz (2006), Das hybride Subjekt, S. 168, der darauf hinweist, dass das kon- stitutive Andere/Außen die Grenzziehungen ständig zu überschreiten und sie von innen auf- zusprengen droht. 84 Žižek (1994), Genieße Deine Nation, S. 138. 85 Wagner-Egelhaaf (2012), Hermanns Ding, S. 55. 86 Wagner-Egelhaaf (2012), Hermanns Ding, S. 54. 87 Žižek (1994), Genieße Deine Nation, S. 135. [Herv. i. O.] 88 Ebd. 89 Ebd., S. 135. EINLEITUNG 29 einem Set sozialer Praktiken materialisiert und in nationale Mythen übertragen wird, die diese Praktiken strukturieren“90. Die Reduzierung der Nation auf „kontingente diskursive Konstruktion“91, i. e. reinen Effekt textueller Prakti- ken, hält Žižek für irreführend: „Auf diese Weise wird die Rolle des Überrests eines realen, nicht diskursiven Kerns des Genießens übersehen, der da sein muß, damit die Nation qua diskursivem Entitäts-Effekt ihre ontologische Kon- sistenz erhält.“92 Hiermit spricht Žižek ein Problem an, dass sich auch für die Interdiskurs- analyse stellt, eine Forschungsrichtung, die generative Mechanismen der na- tionalen Mythen, Kollektivsymbole, Stereotype und anderer kollektiver Sinn- bilder bemerkenswert präzise erfasst hat.93 Die symbolische Seite der nationa- len Selbstkonstitution hat auch in diesem Modell – bisher allerdings nur pro- grammatisch - einen realen Mitspieler. Das Reale bei Žižek ist (insofern er La- can folgt) jedoch etwas anderes als das Reale der Interdiskursanalyse. Hier wird es nicht als Überrest psychosemiotischer Dynamiken, als der nicht-dis- kursivierbare Kern des Genießens figuriert, sondern als das „Reale“ im Sinne des Tatsächlichen der Praxis, der Institutionen, der Alltagsroutinen, der (öko- nomischen) Reproduktionszyklen. Auch aus interdiskursanalytischer Sicht ist das individuelle Subjekt – wie Link/Gerhard am Beispiel der nationalen Iden- titäten zeigen – weder der autonome Schöpfer seiner kollektiven Zugehörig- keit noch ist seine kollektive Identität allein auf diskursive Effekte reduzier- bar. Vielmehr zeichnet für die Herausbildung kollektiver Identitäten ein für die Beteiligten (und weitgehend auch für Forscher) opak bleibender Regel- kreis zwischen Reproduktionsprozessen alltäglicher Praktiken und stereotyper Zuschreibungen verantwortlich: Gerade auch materialistisch orientierte Kritiker werfen der Diskursanalyse in der Art Foucaults ja häufig vor, dass sie in ‚idealistischer‘ Manier von einer Selbst- bewegung der Diskurse („Wörter“) ausgehe, durch die Gegenstände („Sachen“) allererst konstituiert würden, während es doch in Wahrheit umgekehrt sei. An- ders gefragt: Gibt es nicht doch in der Realität vorgängig so etwas wie „nationale Identitäten“, als deren mehr oder weniger verzerrte und vielleicht auch polemi- sche Widerspiegelungen die Stereotypen aufzufassen wären? Müßte man solche „Identitäten“ nicht als historisch spezifische „Mentalitäten“ anerkennen – etwa die „deutsche Gründlichkeit“ als nationalen Habitus im Sinne Bourdieus? Aus unserer Sicht wäre dazu vorläufig folgendes zu sagen: Nicht zu zweifeln ist an der relativen Eigengesetzlichkeit nichtdiskursiver (z. B. ökonomischer) gegen- über diskursiven Reproduktionszyklen (Beispiel „preußisch-deutscher Militaris- mus“). Allerdings bestehen zwischen den diversen Reproduktionszyklen jeweils 90 Ebd., S. 136 f. [Herv. i. O.] 91 Ebd., S. 137. 92 Ebd. [Herv. i. O.] 93 Siehe u. a. Jürgen Link/Wulf Wülfing (Hg.), Nationale Mythen und Symbole in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Strukturen und Funktionen von Konzepten nationaler Identität, Stuttgart, 1991; dies. (Hg.), Bewegung und Stillstand in Metaphern und Mythen. Fallstudien zum Verhältnis von elementarem Wissen und Literatur im 19. Jahrhundert, Stuttgart, 1984. 30 HANNELORE BUBLITZ, IRINA KALDRACK, THEO RÖHLE, MIRNA ZEMAN historisch spezifische Formen der Kopplung […], die als ‚Widerspiegelung‘ auf- zufassen grundirrig wäre. Es handelt sich vielmehr in jeweils beiden Richtungen um funktionale Beziehungen der Konstitution (generative Mechanismen) bzw. der Wirkung (z. B. Stabilisierung/Destabilisierung des Reproduktionszyklus). „Mentalitäten“ wären dementsprechend als Reproduktionszyklen von eng anein- ander gekoppelten alltäglichen Verhaltensweisen und Subjektformationen aufzu- fassen. […] Die Beziehung zwischen gewissen historisch-empirisch nachweisba- ren nationalen Mentalitäten (die natürlich niemals über längere Zeiten konstant sind und niemals eine ganze Nation charakterisieren) auf der einen und dem hier behandelten interdiskursiven Dispositiv der Nationalstereotypen auf der anderen Seite wären also in der nach beiden Richtungen unter generativen und solchen des Effekts zu analysieren.94 Kollektive, sagt uns also die Theorie, bilden sich aus der Dynamik des Un- bewussten im Verhältnis zum Anderen, aus der Logik des Sich-(Be-)Spiegelns im Gegenüber bzw. aus der Relationalität der Fremd- und Selbstwahrnehmung heraus. Darüber hinaus zeichnen – wie das Link/Gerhard-Modell zeigt – sich gegenseitig stabilisierende Reproduktionszyklen der Praxis und der Semiose, die die willentliche Kontrolle Einzelner übersteigen, für die Herausbildung der kollektiven Identitäten verantwortlich. Eine weitere These besagt, dass Kol- lektive durch Mechanismen/Zwänge der Selbstorganisation entstehen. Diese These plausibilisieren Modelle, die sich mit Phänomenen der Masse, der Netz- werke, der sozialen Bewegungen oder auch mit Tierkollektiven – etwa dem epistemisch und politisch prominenten Schwarm – beschäftigen.95 Das an Au- tomatismen gekoppelte Problem des Selbst tritt im Zusammenhang mit Mo- dellierungen der Masse besonders plastisch in Erscheinung. Die Massenpsy- chologie96 zeichnet in düsteren Zügen das Individuum-in-der-Masse als eine Antifigur des rationalen Subjekts und entwirft mit ihm das Gegenbild ihres ei- genen Ideals (des bürgerlichen Individualismus). Der Massenmensch ist hier eine entindividuierte, des freien Willens und der Reflexionsfähigkeit beraubte Marionette unkontrollierbarer kollektiver Triebkräfte. Durch diese mit seinen Nebenindividuen gleichgeschaltet, wird der Einzelne zum Automaten und 94 Ute Gerhard/Jürgen Link, „Zum Anteil der Kollektivsymbolik an den Nationalstereotypen“, in: Jürgen Link/Wulf Wülfing (Hg.), Nationale Mythen und Symbole in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Strukturen und Funktionen von Konzepten nationaler Identität, Stuttgart, 1991, S. 16-52: 31. 95 Vgl. dazu u. a. Bublitz (2005), In der Zerstreuung organisiert; dies., „Automatismen formie- ren Subjekte“, in: dies. et al. (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 30-35; Eva Horn/Lucas Marco Gisi (Hg.), Schwärme. Kollektive ohne Zentrum. Eine Wissensgeschichte zwischen Le- ben und Information, Bielefeld, 2009: hier vor allem die Beiträge von Gamper, Werber, Gressmann und Vehlken. 96 Gustave Le Bon, Psychologie der Massen, Stuttgart, 1957; Serge Moscovici, Das Zeitalter der Massen. Eine historische Abhandlung über die Massenpsychologie, München, Wien, 1984; David Riesman/Reuel Denney/Nathan Glazer, Die einsame Masse. Eine Untersuchung der Wandlung des amerikanischen Charakters, Hamburg, 1961; vgl. dazu auch den Beitrag von Christina Bartz in diesem Band. EINLEITUNG 31 „verliert den Status als willentlich und vernünftig handelndes Subjekt“97. Gleichzeitig wird im Gegenzug für die Masse ein psychologisches Kollektiv- subjekt postuliert, eine ,Massenseele‘ oder ein ,Massengeist‘, die/der nicht aus Persönlichkeitsstrukturen der Individuen deduziert werden kann, aus denen sie/er sich zusammensetzt.98 Aktuelle Modellierungen der „Kollektive ohne Zentrum“99 bringen zwar an- dere Formen der Automatismen in Anschlag – hier ist etwa von Emergenz, Selbstreferenzialität, Selbststeuerung, Selbstorganisation die Rede – das Krite- rium der epistemischen Grenzziehung, die die ‚Masse‘ von anderen Kollektiv- formen wie etwa der der ‚kollektiven Identitäten‘ freistellt, bleibt aber auch hier das Kriterium der Eigendynamik von Kollektiven. Auf die Eigendynamik der Kollektivbildungen hebt auch das Modell der seriellen Kollektivität ab, das Jean Paul Sartre in den 1960er Jahren in der Kritik der dialektischen Ver- nunft vorlegt hat.100 Auch Sartre macht dem individuell handelnden Subjekt die autonome Autorschaft seiner kollektiven Zugehörigkeit strittig, indem er ihn zum unfreiwilligen Mitglied einer unbewussten, nicht-selbstbewussten Kollektivitätsform macht, die er „Serie“ nennt.101 Serien bilden sich nach Sartre „als Reaktionen auf vorgegebene materiale bzw. materialisierte ge- sellschaftliche Strukturen oder Praktiken, die die Kollektive routinemäßig und unreflektiert reproduzieren.“102 Serien entstehen laut Sartre nicht aufgrund eines gemeinsamen Projektes oder gemeinsamen Interesses der Einzelnen, vielmehr strukturieren sie sich ‚hinter dem Rücken‘ der Beteiligten durch eine von Vielen anonym und ungewollt erzeugte praktisch-materielle Realität (bei- 97 Bublitz (2010), Automatismen formen Subjekte, S. 30.Vgl. dazu auch dies., „Täuschend na- türlich. Zur Dynamik gesellschaftlicher Automatismen, ihrer Ereignishaftigkeit und struktur- bildenden Kraft“, in: dies. et al., Automatismen, München, 2010,S. 153-171: 158, wo sie mit Bezug auf die Sozialtheorie von Pierre Bourdieu deutlich macht, dass, bedingt durch überwie- gend körpergesteuerte soziale Interaktionen, Individuen in Dreiviertel ihrer Handlungen Au- tomaten sind; vgl. dazu auch Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede. Kritik der gesell- schaftlichen Urteilskraft, 3. Aufl., Frankfurt/M., 1984, S. 740. 98 Vgl. dazu auch Peter Sloterdijk, Die Verachtung der Massen. Versuch über Kulturkämpfe in der modernen Gesellschaft, FrankfurtM., 2000; Sloterdijk modifiziert zwar einerseits die massenpsychologischen Befunde, insofern er davon ausgeht, dass die Moderne die Masse – ohne hegelianisch-fortschrittsphilosophische „Verklärungen“ – als Subjekt entfaltet, zugleich aber bedauert er, dass sie, partikularisiert, mit ihrer physischen Präsenz (als Auflauf- und Ver- sammlungsmasse) zugleich ihren Kollektivcharakter und ihre politische Potenz verliert, statt dessen vielmehr Individuen hervorbringt, die „als Individuum Masse“ sind und als solche den „Rohstoff für alle Formen totalitärer und medialer Herrschaft“ (ebd., S. 17) bilden. 99 Siehe Horn/Gisi (2009), Kollektive ohne Zentrum. 100 Siehe Jean Paul Sartre, Kritik der dialektischen Vernunft, Bd. 1.: Theorie der gesellschaft- lichen Praxis, Reinbek bei Hamburg, 1967. 101 Siehe ebd., S. 270-367. Vgl. auch Emcke (2000), Kollektive Identitäten, S. 97-137 sowie Au- dun Øfsti, „Macht – Überlegungen zu Hannah Arendt, Sartre und Habermas, zu Strukturalis- mus und Systemtheorie“, in: Bernd Naumann/Helgard Mahrdt/Martin Frank (Hg.), „The An- gel of History is looking back.“ Hannah Arendts Werk unter politischem, ästhetischem und historischem Aspekt, Würzburg, 2001, S. 195-225. Ausführlicher zur kollektiven Serialität vgl. den Beitrag von Mirna Zeman in diesem Band. 102 Emcke (2000), Kollektive Identitäten, S. 129. [Herv. i. O.] 32 HANNELORE BUBLITZ, IRINA KALDRACK, THEO RÖHLE, MIRNA ZEMAN spielsweise die eines Verkehrsstaus, die der Massenmedien, die des Marktes oder die des Klimawandels), mittels derer die Konsequenzen der Handlungen Einzelner auch die Anderen erreicht.103 Die vereinzelten und einander fremd bleibenden Serien-Mitglieder werden durch das Handeln, „das lediglich auf vorhandene Strukturen im Alltäglichen gleichsam routinemäßig reagiert“104 unwillentlich aneinander gekettet, sie scharen sich ‚automatisch‘ um geteilte und gemeinsam erzeugte Objekte und Praktiken und werden durch diese auf eine nicht intendierte Weise miteinander identisch und wechselseitig für- einander relevant. Von der Folie der Sartre’schen Überlegungen zur seriellen Kollektivität lässt sich der Bogen schlagen zu Theorien und Modellen, die die Logik des Seriellen und des Imaginären als grundlegende Substrate der Kollektivität be- schreiben. In die Nähe des Sartre’schen Konzeptes lassen sich etwa Benedict Andersons Ausführungen zu den „imagined communities“ der Nationen veror- ten.105 Simultane Vergemeinschaftung von Millionen von Menschen in vorge- stellte Gemeinschaften der Nationen wird laut Anderson durch „unbegrenzte Serialität“ (unbound seriality) der Massenmedien sowie durch die „begrenzte Serialität“ (bound seriality) des Zensus und der Statistik ermöglicht.106 Der Zusammenhang zwischen statistischen Dispositiven und dem Imaginären – den massenmedial vermittelten Kollektivsymbolen bzw. intersubjektiv ge- teilten Sinn-Bildern – steht auch in der Theorie des Normalismus, die Jürgen Link vorgelegt hat, im Mittelpunkt.107 Der Kern seiner These ist, dass die Subjekte sich in der Beobachtung des gesellschaftlich ‚Normalen‘, das die Massenmedien qua „elaborierte Kombinationen von statistischen Daten und Kollektivsymbolik“108 an sie herantragen, zunehmend selbst modifizieren und adjustieren. Die Prozesse der Herausbildung der Kollektive durch mehr oder weniger intuitive Angleichung des Einzelnen an den Magnetismus der Standards und der Mitte lassen sich auch bei Moden und Trends ausmachen, einer Sozietäts- 103 Siehe dazu Audun Øfsti, „Wissen – Macht – Freiheit. Zur Ontologie des Sozialen“, online unter: http://www.dgphil2008.de/fileadmin/download/Sektionsbeitraege/23_Ofsti.pdf, S. 3., zuletzt aufgerufen am 12.09.2012; sowie ders. (2001), Macht – Überlegungen, S. 201. 104 Emcke (2000), Kollektive Idenitäten, S. 129. 105 Vgl. Benedict Anderson, Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines erfolgreichen Kon- zeptes, Frankfurt/M., New York, NY, 1988. 106 Benedict Anderson, „Nationalism, Identity, and the World-in-Motion: On the Logics of Seri- ality“, in: Pheng Cheah/Bruce Robbins (Hg.), Cosmopolitics. Thinking and Feeling Beyond the Nation, Minneapolis, MN, 1998, S. 117-134. Die deutsche Übersetzung liegt vor unter dem Titel „Nationalismus, Identität und die Welt im Umbruch. Über die Logik der Serialität“, in: Detlev Claussen/Oskar Negt/Michael Werz (Hg.), Kritik des Ethnonationalismus, Frank- furt/M., 2000, S. 42-65. 107 Vgl. Jürgen Link, Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird, Wies- baden, 1997. 108 Jürgen Link, „Normalisierung zwischen Spontaneität und Adjustierung. Mit einem Blick auf die ‚Demografische Krise‘, in: Tobias Conradi/Gisela Ecker/Norbert Otto Eke/Florian Muhle (Hg.), Schemata und Praktiken, München, 2012, S. 65-83: 67. EINLEITUNG 33 form, in der sich jeder nach dem Anderen richtet und alle gemeinsam eine vor- übergehende Stabilität des Kollektivs hervorbringen.109 Das Moment der Spie- gelung im Beziehungsgeflecht Ego-Alter-Vermittlungsinstanz und die damit zusammenhängende Selbstadjustierung weisen auch in diesem Zusammen- hang auf eine sich der Rationalität des Einzelnen entziehende Zirkularität hin, die bei der Konstitution des Selbst-im-Kollektiv und des Selbst des Kollektivs eine entscheidende Rolle zu spielen scheint. In dem hier skizzierten Feld wird deutlich, dass sich verschiedene Formen des Selbst in historisch je unterschiedlichen Verhältnissen von Praktiken, Technik und Medien sowie durch imaginären Identifikation bzw. Abgrenzung von Anderen ausbildet. Gleichzeitig werden damit unterschiedliche Register des Selbst relevant. Der Automat als Faszinosum und Abgrenzungsfolie lässt sich als ein Ge- genüber des cartesianischen Subjekts fassen, das alles Unberechenbare aus dem Subjektkonzept ausschließt. Dem bürgerlichen Subjekt wird Autonomie, Rationalität und Selbstbezüglichkeit zugeschrieben, gleichzeitig offenbart es seine kollektive Seite darin, dass es sich durch gemeinsame kulturelle Prakti- ken und Abgrenzung konstituiert. Durch den Automaten ist es gleichermaßen bestätigt und bedroht, sind doch seine kulturellen Fähigkeiten zwar rational, aber mechanisierbar. Auch die Masse bildet ein polares Gegenüber des indivi- duellen Selbst: Im Diskurs der Massenpsychologie scheint sie das rationale Subjekt zu bedrohen. Im poststrukturalistischen Diskurs dagegen bildet sie als statistische Menge das Objekt gouvernementaler Regierungstechnologien, die sich auf die Steuerung von Masseneffekten auf der Ebene der Bevölkerung richten. Das statistisch zu beobachtende aggregierte Verhalten von Populatio- nen ‚spiegelt‘ sich in Selbst-Technologien, nämlich in der Ausrichtung des Subjekts an Normalverteilungen Vieler. Dadurch wird deutlich, dass das Subjekt sich nicht durch bewusste Reflexi- on ausbildet, sondern sich im komplexen Zusammenspiel von biologischen, psychologischen und sozialen Aspekten mit statistisch gewonnenem Wissen konstituiert. Das individuelle wie auch das kollektive Selbst entwerfen und ge- nerieren sich in Modi der Selbstorganisation und in Rückkopplungsprozessen; es verortet und bestätigt sich selbst imaginär und medial, sei es als individuel- les, serielles, gruppiertes oder kollektives Selbst. Die Beiträge des Bandes untersuchen die skizzierten unterschiedliche For- men des Selbst und ihre theoretischen Konzeptionen im Spannungsfeld tech- nisch-medialer und unbewusster Vorgänge. Sie sind größtenteils hervorgegan- gen aus der Fachtagung „Automatismen – Selbst-Technologien“, die vom 8. bis 9. April 2011 an der Universität Paderborn stattfand und vom Graduierten- kolleg Automatismen organisiert wurde. Neben den Beiträgen gibt es Thesen- baukästen zum Verhältnis von Automatismen und Selbst-Technologien, die 109 Siehe dazu Esposito (2004), Verbindlichkeit. 34 HANNELORE BUBLITZ, IRINA KALDRACK, THEO RÖHLE, MIRNA ZEMAN aus den Forschungsarbeiten und -diskussionen der Beteiligten des Kollegs her- vorgegangen sind. Jan Müggenburg und Claus Pias diskutieren in ihrem Beitrag ,,Blöde Skla- ven oder lebhafte Artefakte? Eine Debatte der 1960er“, wie die Grenzen zwi- schen Mensch und Automat im Anschluss an die kybernetische Forschung, insbesondere an die Formen regelkreisgesteuerter Automatisierung und deren populärwissenschaftliche Behandlung, neu verhandelt werden. Trivialisierung und Berechenbarkeit stehen als zentrale Unterscheidungskategorien Kreativi- tät und Emergenz gegenüber. Dabei konzipieren die Utopien der Cybernation den ,,selbstlaufenden Maschinenpark“ als Entlastung und Abgrenzungsfolie des kreativen Menschen und diskutieren die ihm angemessenen Gesellschafts- formen. Demgegenüber sind die ,,lebhaften Artefakte“ der Biokybernetik eher ein Spiegel und Gegenüber des kreativen Menschen. Deutlich wird, dass die Mensch-Maschine-Unterscheidung für die Kybernetik und die Diskurse in ih- rem Umfeld zwar zentral ist, aber ganz unterschiedlich verhandelt wird. Christoph Neubert befragt in „Selbstlos. Heterotechnologien im Menschen- und Maschinenpark (Samuel Butler, Gabriel Tarde)“ paradigmatische Vorstel- lungen von Technik und deren Entwicklung. Der Vorstellung eines Selbst stellt Neubert Konzepte heterogener Kollektive gegenüber, wie sie bereits im 19. Jahrhundert in Diskursen über das Zusammenspiel zwischen Mensch und Technik entworfen wurden. Ausgehend von Samuel Butlers Beschreibung evolutionärer Mechanismen, in denen Technologie und Biologie gleichgesetzt werden, rekonstruiert er einen historischen Diskursstrang, der sich über das 1962 von Everett Rogers formulierte Diffusionskonzept, über die Soziologie Gabriel Tardes bis zu den Mikroanalysen der Akteur-Netzwerk-Theorie streckt. Die Analyse der Denktradition von Technologien und den ihnen korre- lierenden Formen des Selbst verweisen nach Neubert ,,auf die doppelte Not- wendigkeit, nicht in Hierarchien, sondern in Netzen zu denken und die Auf- merksamkeit von Strukturen auf Singularitäten zu verlagern“110. Im Beitrag „Zwischen Anonymität und Profiling: Ein technischer Blick auf die Privatsphäre in sozialen Netzwerken“, gehen Irina Taranu, Sebastian La- bitzke und Hannes Hartenstein aus informatischer Sicht der Frage nach, wel- che Auswirkungen der veränderte Umgang mit personenbezogenen Daten in sozialen Netzwerken auf die Privatsphäre der Nutzer hat. Im Fokus stehen die technischen Möglichkeiten, mit denen Dritte Informationen über Nutzer sam- meln und zu Profilen zusammenführen. Die Schnittstellen der sozialen Netz- werke suggerieren einen eigenverantwortlichen Umgang mit persönlichen Da- ten, was die Bereitschaft zur Preisgabe von Informationen erhöht. Dieses ver- meintlich selbstbestimmte Datenmanagement entpuppt sich jedoch als Chimä- re, wenn man die Möglichkeiten der Verknüpfung von Profilen hinter den Ku- lissen betrachtet: Durch die Verknüpfung von Profilen unterschiedlicher Netz- werke werden digitale Identitäten geschaffen, die die Intentionen hinter den 110 Christoph Neubert, S. 64 im vorliegenden Band. EINLEITUNG 35 Selbstdarstellungen gezielt ignorieren. Die Maschinerie der Datenauswertung und -verknüpfung beginnt ein Eigenleben zu führen, das sich der Kontrolle durch die Nutzer zunehmend entzieht. ,,Privacy is Dead – Ein Fünf-Jahres-Selbstversuch der bewussten Ortsbe- stimmung mittels GPS“ von Jens-Martin Loebel diskutiert die Zunahme von Lokalisierungsdiensten und -anwendungen im Spannungsfeld von Datenerhe- bung, Privatsphäre und Selbstreflexion. Er skizziert die technischen Hinter- gründe von GPS und beschreibt, wie er fünf Jahre jeden seiner Schritte im öf- fentlichen Raum per GPS aufzeichnete. Die Auswertung seiner Daten mittels Data Mining machen deutlich, wie wenige Daten erhoben werden müssen, um belastbare Voraussagen über Wege, Aufenthaltsorte und individuelle Gewohn- heiten zu machen. Durch Aufzeichnungen und die angewendeten Analysever- fahren entsteht ein ,Daten-Selbst‘, das Rückschlüsse auf Routinen und (unbe- wusste) Verhaltensweisen zulässt. Damit wird entscheidend, wer Zugriff auf dieses hat: Wertet der Nutzer sein eigenes Profil aus, so können Selbstrefle- xionen angestoßen werden. Ausgehend von den „drei großen Krisenschriften“ des 20. Jahrhunderts – verfasst von Husserl, Horkheimer/Adorno und Lyotard – rekonstruiert Volker Peckhaus in ,,Den Automatismen auf der Spur. Konzepte und Grenzen ratio- naler Zugänge zu Wissen und Wissenschaft“ die zentralen erkenntnistheoreti- schen Annahmen des Rationalismus. Zwar bildet das Subjekt seit Descartes den Ausgangspunkt rationalen Wissens, laut Peckhaus wurde die Begrenztheit menschlicher Erkenntnis dabei jedoch immer schon mit reflektiert und adres- siert. Die Rede von der Krise des Subjekts verfehlt daher, so Peckhaus, ihr Ziel, wenn sie nicht anerkennt, dass es sich dabei um eine permanente Krise handelt. Die von Leibniz vorangetriebene Entwicklung von Universalsprachen und einer universellen Kombinatorik kann aus dieser Sicht als Versuch be- trachtet werden, hinter der Zufälligkeit Ordnungen zu identifizieren und den in transzendenten Vorstellungen vorausgesetzten Automatismen auf die Spur zu kommen. Anil K. Jain widmet sich der „Dialektik des Automatismus“ und beleuchtet die mit ihr zusammenhängenden „Maschinen der Reflexion“ und „Maschinen der Deflexion“. Als Objektivierung von Denkprozessen versprechen „Maschi- nen der Reflexion“ Kontrolle. Andererseits produziert ein vollkommen reflexi- ver Weltbezug – und das hieße nach Jain, die Wirklichkeit als kontingent, re- lativ, dynamisch und komplex zu begreifen – potenziell Verunsicherung und Fragmentierung. „Maschinen der Deflexion“ wirken dem entgegen, indem sie Eindeutigkeit, Fraglosigkeit und Identität herstellen. Dabei bedienen sie sich verschiedenster Ideologien und Praxeologien. Jain denkt Reflexivität und die Deflexivität in einem dialektischen Verhältnis: Genauso wie die Reflexivität, die neben reflexiven Impulsen immer auch deflexive Antworten provoziert, produziert auch die Deflexivität automatisch ihr Anderes (Reflexives) mit. Im abschließenden Teil des Artikels formuliert Jain Regeln, um eine utopische „Maschine der Differenz“ zu etablieren. Diese solle die Reflexion gesell- 36 HANNELORE BUBLITZ, IRINA KALDRACK, THEO RÖHLE, MIRNA ZEMAN schaftlich wirksamer machen und den Kräften der Ablenkung entgegenwirken, welche zunehmend die Oberhand gewinnen. In ihrem Beitrag mit dem Titel ,,Automatismus und Autismus. Zur Subjekt- konstruktion in medizinischen und literarischen Diskursen der Moderne“ un- tersucht Annette Runte ausgehend von dem Phänomen der Wiederholung die Affinität zwischen Autismus und Automatismus. Sie diskutiert das Verhältnis zwischen dem Begehren nach statischer Ordnung und Stereotypien in autisti- schen Ego-Dokumenten der 1990er und 2000er Jahre. Einerseits geht das au- tistische Statik-Begehren, so Runte, mit Wiederholungen einher. Andererseits verdichten sich diese Wiederholungen nicht im Symbolischen, intersubjektiv verständlich Sprachlichen. In der Verbindung von Kristevas Semiologie mit psychoanalytischen Theorien erläutert Runte, dass Autisten Individuen sind, ohne Subjekte zu sein. Ludwig Pongratz diskutiert Selbst-Technologien unter dem Aspekt gouver- nementaler Praktiken im pädagogischen Feld. Er konstatiert einen Wandel, der durch zunehmende Hinwendung von ‚harten‘ Disziplinartechniken zu ‚sanf- ten‘ Praktiken der Selbstführung und eine Abwendung vom klassischen Mo- dell der ‚Pauk- und Drillschule‘ gekennzeichnet ist. Den theoretischen Aus- gangspunkt des Beitrags bilden Foucaults historische Analysen der Disziplin sowie die von Deleuze thematisierte Krise der Einschließungsmilieus. Das Konzept des ,Trainingsraums‘ und die entsprechenden vertraglichen Regelun- gen zwischen Schülern und Lehrenden entsprechen demnach gouvernementa- len Strategien der aktuellen Bildungsreform. Sie zielen darauf, dass die Schü- ler ihre Selbstwahrnehmung und ihre Verhaltensvorstellung dem Reglement der Schule anpassen: Schüler werden zu Selbstunternehmern. Gleichzeitig macht Pongratz innerhalb dieser Kontrollstrategien Bruchstellen aus, da aus den eingeforderten Reflexionsprozessen der Schüler durchaus unerwartete Re- sultate hervorgehen können. Hartmut Winkler versammelt in der Bildstrecke „Me, myself and I“ Logos und Werbungen, die den Konsumenten als Selbst adressieren. Die personali- sierte Produktgestaltung verspricht diesem, im Konsum die eigene Persönlich- keit zu entfalten. Es geht nicht mehr nur um Selbstoptimierung durch Marken- images, sondern mit den Produkten zirkulieren auch Technologien der Selbst- sorge und der Selbstverwirklichung. Dabei verspricht die Vielfalt der Optio- nen als Illusion des Handelnkönnens Selbstermächtigung und die planvolle Aneignung und Gestaltung der Welt. Christina Bartz rekonstruiert in ihrem Aufsatz das kollektive Selbst der Masse aus der Perspektive der Automaten-Metapher. Bartz macht deutlich, dass sowohl das massenpsychologische als auch das soziologische Modell der Masse, wenn auch auf unterschiedliche Weise, vom Register des Automati- schen bestimmt werden. Dabei verweist die Rede vom Automaten, so zeigt Bartz, keineswegs nur auf den Verlust subjektiver Kontroll- und Selbst-Tech- nologien, sondern auf die Emergenz kollektiver Muster sozialer Selbststeue- rung. Während Masse zum einen als sich selbst organisierendes ‚Massenme- EINLEITUNG 37 dium‘ erscheint, das sich durch spezifische Übertragungsqualitäten generiert und jede Form der individuellen Selbstführung durchstreicht, bildet das Sub- jekt im kybernetisch-soziologischen Modell von Riesman et al. gewisserma- ßen eine sich selbst steuernde, informationsverarbeitende Maschine, die in ei- nen Regelkreis feedbackgesteuerter Kommunikation eingebunden ist. Hier verschwindet das Subjekt nicht in der Masse, sondern Masse und Subjekt sind durch Selbst-Technologien aufeinander bezogen. Während die Massenpsychologie das Individuum in der Masse zum Auto- maten macht und es damit als willentlich handelndes Individuum gleichsam ausstreicht, ist die Trennung von Individuum und Masse, Ich und Anderem im Konzept der seriellen Kollektivität, das Mirna Zeman in ihrem Betrag „Nation und Serialität“ vorstellt, aufgehoben. Zeman argumentiert, dass nationale Identität mit ‚dezentralen‘ Kollektivitätsformen eine gemeinsame Tiefenstruk- tur teilt – die Logik der Serialität. Klassischen Modellen nationaler Identität, die dem Subjekt bei der Wahl seiner nationalen Zugehörigkeit eine rational geleitete Intentionalität unterstellen, setzt Zeman Konzepte unbewusster seri- eller Kollektivität entgegen, wie sie von Jean Paul Sartre, Iris Marion Young und Benedict Anderson entwickelt wurden. Mit Blick auf sich gegenläufig zu Globalisierungsprozessen weltweit ausbreitende Formen der Nationalisierung stellt Zeman fest, dass sich die Nation in der Spätmoderne zunehmend qua Se- rialität der Warenwelt und des Konsums fortschreibt und stabilisiert. In ,,Schwarm-Werden. Epistemische Rekursionen selbstorganisierender Kollektive“ untersucht Sebastian Vehlken, wie die Schwarmforschung im 20. Jahrhundert das Phänomen kollektiver Selbstorganisation erklärt. Er identifi- ziert drei Phasen der wissenschaftlichen Schwarmdiskurse: Zunächst stand die Dokumentation und Aufzeichnung von Schwärmen im Vordergrund. Da sich hierbei nicht nachvollziehen ließ, wie die Kommunikation zwischen den Schwarm-Individuen erfolgte, ging man im Folgenden von einem ‚Super- sense‘ aus, der für die Koordination des Schwarms zuständig ist. In einer zweiten Phase rückte man von parapsychologischen Annahmen ab und er- klärte das ‚Selbst‘ des Schwarms als Ergebnis individueller Automatismen, d. h. reflexartiger Reaktionen. Auf diesem Konzept fußen in einer dritten Pha- se Verfahren der Informatik, die in agentenbasierten Simulationen ein ge- wünschtes selbstorganisiertes Verhalten abbilden. Insofern die Biologie diese wiederum als Schreibverfahren zur Erforschung des Schwarmverhaltens nutzt, werden Schwärme, so Vehlken, zu Medien und Zootechnologien. 38 HANNELORE BUBLITZ, IRINA KALDRACK, THEO RÖHLE, MIRNA ZEMAN Literatur Anderson, Benedict, Die Erfindung der Nation. 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[...] Dass die Menschen sich ununterbrochen in den Finger schneiden, sich verletzen und daran verzweifeln, wird dabei [...] zum großen Zivilisationsproblem.“2 Einleitung Technologien der Automation und ihre Auswirkungen auf die Freiheit des Menschen standen im Mittelpunkt zahlreicher Debatten und Utopien der 1960er Jahre. Dabei lassen sich vor allem zwei nebeneinander verlaufende Diskurse im Umfeld der nordamerikanischen Kybernetik ausmachen, die in ihrer Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen Phänomen unterschied- liche Wege einschlagen. Während die einen eine schleichende ‚Trivialisie- rung‘ und drohende Auslöschung der Autonomie des Menschen befürchteten, erschien den anderen die Übernahme trivialer Tätigkeiten durch Maschinen als Chance zur Schaffung eines Neuen Menschen und einer Neuen Welt. So arbeitete man an der Basis biokybernetischer Grundlagenforschung wei- terhin an der Lösung eines Dilemmas, welches die Kybernetik seit den Tagen Norbert Wieners beschäftigte: Während die Erkenntnis wuchs, dass der Mensch nur mehr als funktionales Element innerhalb eines hochkomplexen Netzwerks technischer und natürlicher Kommunikationsprozesse zu denken sei, versuchten Theoretiker wie Heinz von Foerster das autonome menschliche Subjekt in ihre Theorien ‚herüberzuretten‘ und somit jenes liberal-humanis- tische Erbe weiterzuführen, dem sie sich nach wie vor verpflichtet fühlten. Ne- 1 Wolfgang Welsch, „Die Postmoderne in Kunst und Philosophie und ihr Verhältnis zum tech- nologischen Zeitalter“, in: Walter Christoph Zimmerli (Hg.), Technologisches Zeitalter oder Postmoderne, München, 1988, S. 36-72: 49. 2 Heinz von Foerster, in: Albert Müller/Karl Müller (Hg.), Der Anfang von Himmel und Erde hat keinen Namen. Eine Selbsterschaffung in sieben Tagen, Berlin, 2005, S. 50. 46 JAN MÜGGENBURG, CLAUS PIAS ben der theoretischen Arbeit an neuen Grenzen und Kategorien jenseits einfa- cher Mensch/Maschine-Unterscheidungen widmete man sich dabei vor allem der Konstruktion von Maschinenmodellen nach ‚biologischen‘ Prinzipien. Aufgrund ihrer Fähigkeit sich – wie der Mensch – unvorhersagbar und überra- schend zu verhalten, sollten diese lebhaften Artefakte die Freiheit des Men- schen bezeugen und fortschreiben. Auf der anderen Seite erzeugte eben jene kybernetische Forschung außer- halb ihrer akademischen Zirkel einen phantasmatischen Überschuss, der eine durchweg anders gelagerte Debatte auslöste. So formierte sich unter dem Be- griff der ‚Cybernation‘ um 1960 in verschiedenen außerwissenschaftlichen Feldern die Vorstellung, dass zukünftig die gesamte Warenproduktion an einen selbstlaufenden, kybernetischen Maschinenpark delegiert werde könne. Anstatt den Menschen in seiner Autonomie zu gefährden, so zeigten sich Un- ternehmer wie Leon Bagrit und John Diebold überzeugt, werde dieser Prozess der Trivialisierung jedoch ganz im Gegenteil eine Freisetzung des eigentlich Menschlichen zur Folge haben. Inspiriert von der Kybernetik unternimmt die Cybernation-Debatte somit eine anthropologische Neudefinition des Men- schen: als spezifisch menschlich gilt, was als Rest von nicht maschinisierbaren Tätigkeiten übrig bleibt. Die Cybernation tilgt damit jede Form der Ununter- scheidbarkeit, der Unschärfe, der anthropologischen Herausforderung, wie sie zur gleichen Zeit im biokybernetischen Diskurs thematisiert wird. Cybernation Der Ausdruck ,Cybernation‘ ist heute weitgehend vergessen.3 Das utopische Potenzial von Massenarbeitslosigkeit, das er einst bezeichnen sollte, ist mit ihm versunken, und allenfalls vereinzelte Berufsvisionäre appellieren noch hartnäckig daran.4 In den kybernetisch bewegten 1950er und 1960er Jahren jedoch war als Cybernation noch in aller Munde. Man verstand darunter aber etwas, das heute nur mehr als Farce denkbar ist: die Chance zur Schaffung eines Neuen Menschen, einer neuen Gesellschaft, einer neuen Ökonomie durch allgemeine Arbeitslosigkeit. Dabei hatten die kybernetischen Nach- kriegsverhältnisse die industriellen Vorkriegsverhältnisse in gewisser Weise umgedreht, ohne dabei den Schauplatz zu verlassen. Denn im einen Fall wurde der Neue Mensch gerade mit und durch Arbeit entworfen, im anderen Fall da- gegen durch die Befreiung von ihr. Die Arbeitswissenschaft à la Frank Gil- 3 Auf den vorderen Google-Plätzen hat sich lediglich der Eintrag aus dem Merriam-Webster er- halten, und Erkki Huhtamos medienarchäologischer Hinweis hat die Medienwissenschaft nicht erreicht („From Cybernation to Interaction: A Contribution to an Archaelogy of Inter- activity“, in: Peter Lunenfeld (Hg.), The Digital Dialectic: New Essays on New Media, Cam- bridge, MA, 1998, S. 96-110). 4 Jeremy Rifkin, Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft, Frankfurt/M., 1995, erweiterte Neuaus- gabe, ebd., 2004. BLÖDE SKLAVEN ODER LEBHAFTE ARTEFAKTE? 47 breth oder Ernst Jünger, deren Verfahren auf die Gesamtheit aller Lebensbe- reiche durchgreifen sollten, verstand sich nicht bloß als Energie- und Auf- merksamkeitsoptimierung, sondern zugleich auch als Mentalitäts-Design, das über die Formierung von Körperwissen den ,bias‘ ganzer Kulturen zu verän- dern und gezielt zu kontrollieren in Aussicht stellte.5 Der utopische Gestus der Cybernation hingegen gründete auf dem Anspruch der Überwindung einer Anthropologie der Arbeit, in deren Zuge die Differenz von Arbeit und Freizeit selbst gelöscht und die dadurch gewonnene Freiheit sinnhaft gestaltet werden würde.6 Schaut man nun auf die regalfüllende Literatur zur Automatisierung, die nach 1945 im Zuge der Konjunktur der Kybernetik erschien,7 dann erscheint die Verwendung des Begriffs ,automation‘8 paradox. Diese Paradoxie besteht darin, dass ,automation‘ in den 1950ern einen aktuellen Umbruch beschreiben sollte, zugleich aber ein historisch bereits viel zu stark belastetes, ja geradezu verbrauchtes Konzept ist, das allgemein mit Fließbandarbeit und ,Detroit Automation‘ assoziiert wurde. Selbst John Diebold, der die Debatte mit sei- nem 1952 erschienenen Buch Automation: The Advent of the Automatic Fac- tory eröffnet hatte, fühlte sich ein Jahrzehnt später bemüßigt klarzustellen, dass mit ,automation‘ eigentlich die industrielle Revolution für beendet erklärt werden sollte.9 Um solcherlei Verwechslungen auszuschließen, bevorzugen 5 Inge Baxmann (Hg.), Das verborgene Wissen der Kulturgeschichte. Lebensformen, Körper- techniken, Alltagswissen, München, (im Erscheinen). 6 Einen Vergleich der 1930er und 1960er Jahre, nicht zuletzt im Hinblick auf die Technokrati- sche Bewegung, unternimmt Gregory R. Woirol, The Technological Unemployment and Structural Unemployment Debates, Westport, CT, 1996. 7 Z. B. Dennis Gabor, „Technology, Life and Leisure“, in: Nature, 200 (1963), S. 513-518; Herbert A. Simon, The Shape of Automation for Men and Management, New York, NY, 1965; Frederick Pollock, Automation: A Study of Its Economic and Social Consequences, New York, 1957; Morris Philipson, Automation: Implications for the Future, New York, NY, 1962; A. J. Hayes, „Automation: A Real ‚H‘ Bomb“, in: Charles Markham (Hg.), Jobs, Men, and Machines: Problems of Automation, New York, NY, 1964, S. 48-57; Paul Einzig, The Economic Consequences of Automation, London, 1956; Peter Drucker, „The Promise of Automation“, in: Harper’s Magazine, April (1955), o.S.; Almarin Phillips, Automation: Its Impact on Economic Growth and Stability, Washington, D.C., 1957; R. H. 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Hench, „‚Automation‘ Today and in 1662“, in: American Speech 32, 2 (1957), S. 149-151. 9 Charles R. Dechert (Hg.), The Social Impact of Cybernetics, New York, NY, 1967; John Die- bold, Beyond Automation, New York, NY, 1964. 48 JAN MÜGGENBURG, CLAUS PIAS viele Autoren der 1960er (und im Rückgriff auf Norbert Wiener) den Begriff Cybernation, an dem die Bedeutung der Kybernetik als Epochenmarke ables- bar sein soll. Er wurde wahrscheinlich 1962 von Donald N. Pearce vom Peace Research Institute geprägt,10 aber rasch von Marshall McLuhan, Erich Fromm, Leon Bagrit und vielen anderen Autoren aufgenommen. Durch Cybernation sollte vor allem die Rolle von Feedback- und Blackbox-Konzepten zum Aus- druck kommen. In den Vordergrund gesellschaftlicher und technischer Reflexion – welche zu dieser Zeit eben zu großen Teilen in der Industrie statt- fand – drängten sich dabei vor allem die Digitalrechner und ihrer Fähigkeit zu Informationsverarbeitung, -speicherung und -prozessierung: Nicht ohne Grund hieß die erste, ab 1952 regelmäßig erscheinende Computerzeitschrift Computers and Automation. Cybernation wurde dabei als umfassende soziale, politische und ökonomi- sche Herausforderung und Chance verstanden. Diese Auffassung war bereits durch Norbert Wiener vorgezeichnet: Cybernation sei die Befreiung von der „tödlich stumpfsinnigen Natur repetitiver Aufgaben“ und schaffe jene „Frei- zeit, die zur ganzheitlichen Bildung des Menschen erforderlich ist“11. Die neuen kybernetischen Maschinen, die dies erlaubten, seien das Äquivalent von Sklaven, und man müsse damit beginnen, über die volkswirtschaftlichen Be- dingungen moderner Sklavenarbeit nachzudenken, denn diese würde eine „Ar- beitslosigkeitslage herbeiführen, mit der verglichen die augenblicklichen Rückgänge und sogar die Depression der dreißiger Jahre als harmloser Spaß erscheinen werden.“12 Beide Aspekte – Krise und Utopie – sollten in den folgenden Jahren immer wieder aufgenommen und diskutiert werden: Krise im Sinne einer nicht nur ökonomischen, sondern auch einer psychischen, gesellschaftlichen und philo- sophischen Sinnkrise epochalen Ausmaßes, die in einer schier endlosen Zahl von Texten thematisiert wird; Utopie hingegen im Sinne von Vorstellungen einer Neuen Welt und eines Neuen Menschen, die als Option eben dieser Krise imaginiert werden, sowie der notwendigen Schritte und Weichenstellun- gen dorthin, die kontrovers diskutiert werden. Die konkrete Technik interes- siert dabei entweder gar nicht, oder sie kommt im Gewand von (teils düsterer, teils strahlender) Science-Fiction daher, was ebenfalls darauf hinausläuft, dass man sich nicht für sie interessiert. So berichtet etwa Henry Winthrop im Früh- jahr 1966 über die Conference on the Cybercultural Revolution des New Yor- ker Institute for Cybercultural Research, sie sei einfach „result of science fic- 10 Vgl. Donald M. Michael, Cybernation: The Silent Conquest, Santa Barbara, CA, 1962. 11 Norbert Wiener, Mensch und Menschmaschine, Frankfurt/M., 1952, S. 171. Vgl. auch Wieners warnenden Brief über die Konsequenzen einer „factory without employees“ an Walter Reuther, den Vorsitzenden der Automobilgewerkschaft (http://libcom.org/history/father-cybernetics- norbert-wieners-letter-uaw-president-walter-reuther, zuletzt aufgerufen am 22.04.2011). 12 Ebd., S. 172. Vgl. zur Nachhaltigkeit dieser Vorstellung Jeremy Rifkin, „Langfristig wird die Arbeit verschwinden“, in: Süddeutsche Zeitung, 29.04.2005. BLÖDE SKLAVEN ODER LEBHAFTE ARTEFAKTE? 49 tion in technical dress“.13 Ein Schnitt durch das Jahr 1964 mag die damaligen Argumentationslinien verdeutlichen. 1964, die Erste Als erstes Beispiel mag das Buch The Age of Automation des Computerher- stellers und Leiters des Royal Opera House in Covent Garden, Sir Leon Ba- grit, dienen.14 Bereits der Einstieg ist von epochalem Pathos: „[N]ow at last we have it in our power to free mankind once and for all from the fear which is based on want. Now, for the first time, man can reasonably begin to think that life can be something more than grim struggle for survival.“ Man muss es eben nur, wie auf der zweiten Seite etwas vorsichtiger folgt, ordentlich ma- chen, und das heißt umfassend. Cybernation, so Bagrit, sei „communication, computation, and control“15 – eine vertraute Phrase aus dem Militär, wo C3 eben Command, Control & Communication heißt. Die Denkfigur Bagrits ist typisch für die Mitte der 1960er Jahre. Cybernation erscheint hier als Gegen- teil von ,mechanization‘: Die Menschen werden nicht zu Robotern gemacht, sondern Roboter nehmen ihnen die roboterhaften Elemente ihrer Existenz ab; sie subtrahieren gewissermaßen die „tote Arbeit in linearen Ketten“ (Alexan- der Kluge), damit im Ergebnis etwas ‚rein‘ Menschliches übrig bleibe, das sich nun umso besser und reiner entfalten können soll.16 Das wiederholt sich an verschiedenen Systemstellen und auf verschiedenen Hierarchieebenen. Bei- spiel für Bagrit ist nicht nur (wie so oft) die körperlich harte Arbeit in Fabri- ken oder die alltägliche Autofahrt zum Büro, sondern auch die Leitungsebene des Managements. Alles was Routine ist, alles was ,automatisch‘ geschehen kann, weil es so vorgeschrieben (also programmiert) ist, und alles, was nach formalisierbaren Kriterien entscheidbar ist, wird entfernt. Übrig bleiben soll dann zuletzt ein Wesen, das jene Entscheidungen trifft, die nicht automatisier- bar, die nicht programmierbar und nicht formalisierbar sind, d. h. der soge- nannte Mensch. Cybernation beschreibt also in erster Linie die Vorstellung einer Freiset- zung (oder radikaler: die Erfindung) eines spezifischen Humanums, oder mit Bagrit: „I am convinced that automation has only one real purpose, which is to help us to become full human beings.“17 Diese Argumentationsfigur einer Freisetzung des Menschlichen durch Redundanzdelegation durchzieht, wie gleich noch zu zeigen sein wird, zur gleichen Zeit so unterschiedliche Wissensbereiche wie Arbeit, Wirtschaft, Wissenschaft und Ethik. Max Benses oft zitiertes Diktum, dass nur antizipierbare Welten programmierbar seien, und 13 Winthrop (1966), The Sociological and Ideological Assumptions Underlying Cybernation, S. 114. 14 Leon Bagrit, The Age of Automation, London, 1965 (BBC Reith Lecture 1964). 15 Ebd., S. 13. 16 Ebd., S. 16. 17 Ebd., S. 22. 50 JAN MÜGGENBURG, CLAUS PIAS dass nur programmierbare Welten konstruierbar und human bewohnbar seien, ist das deutsche (um wenige Jahre verspätete) Echo darauf.18 Diese kybernetische Doppelbewegung eines (un-)scharf werdenden Men- schen, der einerseits durch funktionsäquivalente Maschinen in seiner Einzig- artigkeit und Eigentümlichkeit diskussionswürdig geworden ist, der aber ande- rerseits gerade durch substitutive Maschinen in seiner Differenz zum Vor- schein kommen und neubestimmt werden soll, ist nicht unproblematisch. Ebenso problematisch vielleicht wie der Glaube, durch forcierte Technisierung zu einem neuen Humanismus zu gelangen, der seine Vorläufer in der amerika- nischen Technokratie-Bewegung der Vorkriegszeit hat,19 und den die Frank- furter Schule schon bald gründlich zerlegen wird. Und zuletzt wird man mit einiger Berechtigung anzweifeln können, dass Wiederholungen und Routinen so leichtfertig als unwesentlich aus dem menschlichen Dasein gestrichen wer- den können. Der Gedanke, dass gerade körperliche und psychische Routinen eine wesentliche Rolle bei der Selbstkonstitution spielen, ist im Rahmen der Cybernation-Debatte jedenfalls nur als negative Formulierung artikulierbar: Automatismen verhindern die ,reine Entfaltung‘ des Menschen und konstituie- ren ein defizitäres ,unfreies‘ Selbst. Dies alles zugestanden bleibt dennoch übrig, dass die Argumentation der 1960er Jahre eben genau so funktionieren konnte, weil ihr ,human being‘ eines war, dem aktuelle (oder auch nur imagi- nierte) Technologien seinen künftigen Platz zuzuweisen schienen und es damit neu zu denken aufgaben. Nicht uninteressant ist dabei, dass diese Argumentation eine gewisse Reser- ve verlangt, die bei Bagrit auch explizit gemacht wird. Zwar sei der Computer das Herzstück der Cybernation, doch vom ,Denken‘ müsse er ausgeschlossen bleiben: „Any idea of ‚thinking machines‘ is nonsense.“20 Offensichtlich ist dies – entgegen dem populären Denkbild des ,electronic brain‘ – nicht mit dem Konzept spezifisch menschlicher Denkfreiheiten vereinbar. Denn wo käme man hin, wenn man einerseits behauptet, der Mensch sei nun endlich frei, um in konkurrenzloser Weise zu denken, und doch zugleich zu konstatie- ren, dass ausgerechnet jene sklavischen Computer, die diese Freiheit erst ge- währen, das auch können? Ausgeblendet wird also genau jene Frage nach dem Denken, die Heidegger zu jener Zeit im Angesicht der Kybernetik stellte,21 und die zu den kybernetischen Kern-Provokationen gehört. Davon wird im Folgenden noch zu sprechen sein. In der Cybernation jedenfalls wird das sys- 18 Zit. n. Mihai Nadin, „Zeitlichkeit und Zukünftigkeit von Programmen“, in: Claus Pias (Hg.), Zukünfte des Computers, Zürich, Berlin, 2004, S. 29-45: 43. 19 Vgl. zeitgenössisch Henry Elsner Jr., The Technocrats: Prophets of Automation, New York, NY, 1967. Manche Kybernetiker (etwa Stafford Beer) sehen sich, sofern sie überhaupt darauf referieren, eher als Überwinder einer schal gewordenen Technokratie. 20 Bagrit (1965), The Age of Automation, S. 25. 21 Erich Hörl, „Parmenideische Variationen: McCullock, Heidegger und das kybernetische Ende der Philosophie“, in: Claus Pias (Hg.), Cybernetics – Kybernetik. Die Macy-Konferenzen 1946-1953, Bd. 2, Zürich, Berlin, 2004, S. 209-224. BLÖDE SKLAVEN ODER LEBHAFTE ARTEFAKTE? 51 tematische Ununterscheidbarwerden von Menschen und Maschinen fallen ge- lassen und durch schlichte Arbeitsteiligkeit ersetzt: Die Gesellschaft des ,Kol- legen Computer‘ erscheint als Partnerschaft, die auf unterschiedlichen Kompe- tenzen beruht. Dies alles vorausgesetzt, liegen alle verbleibenden Probleme für Bagrit nicht mehr im Technischen, sondern im Sozialen. Wenn, Hermann Schmidts protokybernetisches Diktum von 1941 aufnehmend, erst einmal alles geregelt ist, was regelbar gemacht werden kann, steht der Mensch rat- und fassungslos vor seiner Freizeit, für die er währenddessen besser schon einmal erzogen werden sollte. Die ,Herrschaft der Kybernetisierung‘ muss daher für Bagrit beim Bildungssystem anfangen, aus dem ein wissenschaftlicher Humanist her- vorgehen soll, der den Graben zwischen den Two Cultures überwunden haben wird und der seine Zeit sinnvoll ausfüllen kann, wenn erst einmal alles andere zum Selbstläufer geworden ist. Er soll sie als Freiheit erfahren, anstatt sie als Freizeit immer schon von der Arbeit und ihrem Ausbleiben her zu definieren. Die Gefahr, dass diese anerzogene Freiheit nach Aufgabe aller Routinen am Ende nur andere ,Routiniers‘ hervorbringen könnte, scheint Bagrit indes nicht zu beunruhigen: Die Zeit dieses Neuen Menschen würde – so Bagrit – organi- siert und gefüllt sein mit künstlerischen, handwerklichen, wissenschaftlichen oder gemeinnützigen Beschäftigungen (also kurzum jene Selbst-Technologien, die ihm als nicht programmierbare und gerade darum sinnvolle und besonders menschliche erscheinen), und zwar bevorzugt im bukolischen Ambiente von Devonshire, Cumberland oder Cornwall mit Millionen von Frührentnern in gartenstadtähnlichen „retirement resorts“.22 Intermezzo Mit dieser Argumentation ist Bagrit 1964 in guter Gesellschaft, und es seien in gebotener Kürze nur drei weitere zeitgenössische Beispiele erwähnt, die struk- turell ganz ähnlich argumentieren: Erstens mag man an Marshall McLuhan denken, der – etwa in einem Auf- satz zu „Cybernation and Culture“ – solche Fragen im Hinblick auf die Bil- dung im ,electronic age‘ mit einiger Radikalität thematisiert hat. Dabei benutzt McLuhan immer nur den Ausdruck ,Cybernation‘ und gerade nicht ,Cy- bernetics‘, d. h. er bezieht sich recht präzise auf den Kontext der Automati- sierungsdebatten und tritt auch gemeinsam mit deren maßgeblichen Theoreti- kern (wie etwa John Diebold) auf Konferenzen auf.23 In seinem Hauptwerk Understanding Media, das mit Cybernation beginnt und endet, verbindet er in bewährter Weise technischen mit mentalitäts- und sozialgeschichtlichem Wandel: 22 Bagrit (1965), The Age of Automation, Kapitel 6. 23 Marshall McLuhan, „Cybernation and Culture“, in: Charles R. Dechert (Hg.), The Social Im- pact of Cybernetics, Notre Dame, IN, 1966 [1964], S. 95-10. 52 JAN MÜGGENBURG, CLAUS PIAS With automation, it is not only jobs that disappear, [but the] complex roles that reappear. […] The restructuring of human work and association was shaped by the technique of fragmentation that is the essence of machine technology. The essence of automation technology is the opposite. It is integral and decentralist in depth, just as the machine was fragmentary, centralist, and superficial in its pat- terning of human relationships. […] The electric age of servomechanisms sud- denly releases men from the mechanical and specialist servitude of the preceding machine age. As the machine and the motorcar released the horse and projected it onto the plane of entertainment, so does automation with men. We are sud- denly threatened with a liberation that taxes our inner resources of self- employment and imaginative participation in society. This would seem to be a fate that calls men to the role of artist in society.24 Die Cybernation ist nicht nur Teil der von McLuhan prognostizierten „retribalization“, sondern eröffne zugleich auch eine Zukunft des lebenslangen Lernens: „[L]earning itself“, so McLuhan, werde zu „the principal kind of production and consumption“.25 Die Aufregung über Arbeitslosigkeit sei daher sinnlos: „[T]he entire business of man becomes learning and knowing. In terms of what we still consider an ,economy‘ (the Greek word for a house- hold), this means that all forms of employment become ,paid learning‘“.26 Darüber könnten sich nicht zuletzt Akademiker freuen, denn den Unter- nehmern werde das Lachen noch vergehen, wenn die Chefbüros erst von ,Doctores philosophiae‘ übernommen werden.27 Zweitens mag man an das mittlerweile umfänglich rekonstruierte Cybersyn- Projekt des britischen Management-Kybernetikers Stafford Beer denken.28 Ziel des Unterfangens war die Steuerung der chilenischen Wirtschaft durch einen zentralen Großcomputer zur Verwirklichung eines kybernetischen Staates. Was sich dort beobachten lässt, ist Cybernation jenseits der Fabrik, nämlich auf der Managementebene. Die Software soll dabei selbsttätig sämt- liche Entscheidungen übernehmen, die formalisierbar sind und stillschweigend ,optimale‘ Entscheidungen (nach welchen Kriterien auch immer) treffen, so dass zwar nicht auf der Produktions-, wohl aber auf der Verwaltungsebene alles automatisiert wird, was automatisierbar ist. Übrig bleibt ein Think-Tank von sieben denkenden und lenkenden Männern, die all das entscheiden, was nicht automatisierbar ist und mit Aschenbechern und Cocktailhaltern in den 24 Marshall McLuhan, Understanding Media, New York, NY, 1964, Kapitel 1 und 33, hier S. 382, S. 9 f. und S. 395. 25 Ebd., S. 387. 26 Ebd. 27 Ebd., S. 117 („The hilarity, however, will die down as the Executive Suites are taken over by the Ph.D.s.“) 28 Eden Medina, Cybernetic Revolutionaries. Technology and Politics in Allende’s Chile, Cam- bridge, MA, London, 2011; Claus Pias, „Der Auftrag. Kybernetik und Revolution in Chile“, in: D. Gethmann/M. Stauff (Hg.), Politiken der Medien, Zürich, Berlin, 2004, S. 131-153; Se- bastian Vehlken, Environment for Decision. Die Medialität einer Kybernetischen Staatsregie- rung. Das Project Cybersyn in Chile 1971-73 (Magisterarbeit), Bochum, 2004. BLÖDE SKLAVEN ODER LEBHAFTE ARTEFAKTE? 53 Armlehnen ihrer Opsroom-Sessel ein Reservat souveräner Zukunftsoffenheit und spezifisch menschlicher Kreativität bilden. Drittens und zuletzt mag man sich an Joseph Lickliders klassische Texte zur Mensch-Maschine-Symbiose im Bereich militärischer, ingenieurstechni- scher und wirtschaftlicher Entscheidungen erinnern, die ebenfalls in den 60er Jahren entstanden und mit einem klassischen Mensch-Computer-Vergleich einsetzen: [M]en are noisy, narrow-band devices, but their nervous systems have very many parallel and simultaneously active channels. Relative to men, computing machines are very fast and very accurate, but they are constrained to perform only one or a few elementary operations at a time. Men are flexible, capable of ‚programming themselves contingently‘ on the basis of newly received informa- tion. Computing machines are single-minded, constrained by their ‚pre-program- ming‘.29 Diese Diskussion mündet in der Feststellung, dass man daraus arbeitsteilige Konsequenzen ziehen müsse: Denken sei im Alltag (des Ingenieurs, müsste man wohl ergänzen) zu 85 % ,uneigentlich‘, oder mit Licklider: devoted […] to activities that were essentially clerical or mechanical: searching, calculating, plotting, transforming, determining the logical or dynamic conse- quences of a set of assumptions or hypotheses, preparing the way for a decision or an insight. Moreover, my choices of what to attempt and what not to attempt were determined to an embarrassingly great extent by considerations of clerical feasibility, not intellectual capability.30 Was nichts anderes heißen will, als dass in der angestrebten Symbiose von Mensch und Maschine der Computer alle automatisierbaren Tätigkeiten über- nimmt und für den Menschen (durch diese Delegation) eben mehr Zeit zur Entfaltung seines ,kreativen‘ Potenzials (hier: in ingenieurswissenschaftlicher und militärstrategischer Hinsicht) bereitsteht, d. h. zur Entscheidung solcher Fragen, die nur von Menschen entschieden werden können. Und diese Ent- lastung zur Steigerung der Kreativität ist im ,Wettlauf der Systeme‘, um den es in Zeiten des Kalten Kriegs subkutan immer geht, enorm wichtig, wie auch die staatlich (bzw. militärisch-industriell) enorm geförderte Kreativitätsfor- schung zeigt. 29 Joseph C. R. Licklider, „Man – Computer Symbiosis“, in: IRE Transactions on Human Factors in Electronics, HFE-1 (1960), S. 4-11, zit. n. http://groups.csail.mit.edu/medg/peo ple/psz/Licklider.html, zuletzt aufgerufen am 22.04.2011. 30 Ebd. 54 JAN MÜGGENBURG, CLAUS PIAS 1964, die Zweite 1 – Das Anschreiben zu The Triple Revolution (1964) Das zweite Beispiel, diesmal aus den USA und ebenfalls aus dem Jahr 1964 stammend, bildet das an Präsident Johnson gerichtete Manifest The Triple Revolution. Zu den Unterzeichnern gehörten Journalisten, Studenten, Ökono- men, Politikwissenschaftler, aber auch Industrielle, Historiker und Soziologen. Cybernation, so ist gleich auf der ersten Seite zu lesen, erfordere eine funda- mentale Bestandsaufnahme von Werten und Institutionen.31 Sie sei nur eine von drei großen Revolutionen neben der ,Weaponery Revolution‘ (Waffen verhindern Kriege) und der ,Human Rights Revolution‘ (Globalisierung von Menschenrechten). Allerdings sei Cybernation, verstanden als eine ,new era of 31 Ad Hoc Committee, The Triple Revolution, 1964, S. 5. Der Text wurde mehrfach veröffent- licht und wird hier nach dem Typoskript zitiert. Vgl. auch Robert Perrucci/Marc Pilisuk, The Triple Revolution: Social Problems in Depth, Boston, 1968. BLÖDE SKLAVEN ODER LEBHAFTE ARTEFAKTE? 55 production‘ durch Computer und Feedback, die zentrale und bedeutsamste dieser drei Revolutionen. Die Argumentation verläuft ähnlich wie bei Bagrit, wenngleich etwas radi- kaler und mehr auf ökonomische Aspekte bezogen. Bisher herrsche noch eine Konkurrenz zwischen Menschen und Maschinen um die Produktion von Reichtum vor, die jedoch ende, sobald die Maschinen erst die Produktion übernommen hätten. Das industrielle System werde allerdings mit dieser „un- limited capacity of a cybernated productive system“32 nicht umgehen können, weshalb die Autoren ein neues System fordern, dessen Problemstellung nicht mehr ist, wie man die Produktion erhöht , sondern wie man den Überfluss auf- teilt. „The new science of political economy will be built on the encourage- ment and planned expansion of cybernation“, und sie wird die Frage beant- worten müssen: „What is man’s role when he is not dependent upon his own activities for the material basis of life?“33 Kurzum: Cybernation erscheint als utopische Chance auf ein Ende der Lohnarbeit und damit auf ein Ende einer Ökonomie des Mangels und als Beginn einer Ökonomie des Überflusses. Diese „economy of abundance“34 soll zugleich die Basis bilden für „a true de- mocracy of participation, in which men no longer need to feel themselves pris- oners of social forces“.35 Ein solch epochaler Übergang will gut organisiert sein: Er erfordert etwa eine öffentliche Philosophie des Übergangs („public philosophy for the transi- tion“) und einen neuen Sinngebungsprozess, der den modernen, Ende des 18. Jahrhunderts entstandenen Arbeitsbegriff (der an Mangelkonzepte, Geldwirt- schaft und bestimmte Produktionsformen gebunden ist) revidiert und seine historische Kontingenz allgemein zu Bewusstsein bringt. Gekoppelt daran sind aber auch konkrete politische Forderungen wie etwa nach einem staatlichen Bildungsprogramm, nach Grundeinkommen, öffentlichen Wohnungsbaupro- grammen, öffentlichen Verkehrsmitteln, staatlicher Energieversorgung, Steuerreformen usw.36 Auch hier ist wieder erkennbar, dass es nicht um tech- nische Parameter der Automatisierung geht, sondern darum, sie sozial, ökono- misch und intellektuell ertragen zu können und zur umfassenden utopischen Option zu machen. Nun ist es nicht so, dass Themen und Überlegungen wie Genießen ohne Entbehren, Wert ohne Mangel, Systeme die sich nicht durch Knappheit regulieren, usw. wirklich neu wären. Im Rahmen einer historischen „Anthro- pologie der Arbeit“37 haben sie vielmehr eine lange motivische Tradition. In diesem Sinne müsste man den Überfluss eben nicht in der Ökonomie, sondern in der Diskursgeschichte aufsuchen. Die ,Sklaven‘ des humanistisch gebilde- 32 Ad Hoc Committee (1964), The Triple Revolution, S. 6. 33 Ebd., S. 9. 34 Ebd., S. 10. 35 Ebd., S. 13. 36 Ebd., S. 11. 37 Vgl. Ulrich Bröckling/Eva Horn (Hg.), Anthropologie der Arbeit, Tübingen, 2002. 56 JAN MÜGGENBURG, CLAUS PIAS ten Norbert Wiener haben ihre mehr als metaphorische Berechtigung, weil es tatsächlich um eine Art Wiederkehr einer aristotelischen Ökonomie als Vertei- lung produktiver Überschüsse geht. Anders als die Chrematistik, worunter Aristoteles die Bereicherung, die auf ständige Geldvermehrung gerichtete Tä- tigkeit des Wucher- und Handelskapitals versteht, ist seine Ökonomik be- kanntlich eine Haushaltungslehre der Gebrauchswerte, die nur dann in den Austausch geht, wenn die menschliche Vernunft gebietet, andere Gebrauchs- werte durch Handel zu erlangen. Nachdem die modernen Konzepte der Man- gelwirtschaft einen langen Abschied des Aristotelismus organisiert haben, soll dieser nun unter hochtechnischen Bedingungen abrupt zurückkehren. Eine andere Spur wäre sicherlich Marx/Engels utopische Intarsie aus der Kritik des Gothaer Programms (1875), derzufolge man nach dem Ende der Klassen- kämpfe dazu übergehen könne „morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe“. Solcherlei „freie Tätigkeit“, wie sie wohl erst nach der „Aufhe- bung der Arbeit“ möglich ist,38 gleicht auf erstaunliche Weise den Phantasien politisch doch sehr verschiedener Autoren der Cybernation-Debatte.39 Ob und inwiefern diese ‚Ökonomie des Überflusses‘ unter den Bedingungen der Cybernation immer auch eine (ängstliche oder faszinierte) Reaktion auf die UdSSR, ihre Planwirtschaft und ihre Kybernetisierung ist, sei hier dahin- gestellt.40 Festzuhalten ist vorerst nur, dass solche Konzepte im Angesicht (und oft nur im Versprechen) neuer Technologien und neuer Möglichkeiten der Programmierbarkeit überall aufblühen und ein enormes Schrifttum generieren.41 Drei Interventionen Parallel zur Cybernation-Debatte existierte in den 1960ern ein Diskurs, der sein Zentrum in der institutionell etablierten amerikanischen Biokybernetik hatte und der jener öffentlich geführten Diskussion über das Verhältnis von (maschinischer) Trivialität und (menschlicher) Freiheit erst ihre Stichworte und Argumente lieferte. Während aber Unternehmer wie Leon Bagrit oder John Diebold die Impulse aus der kybernetischen Forschung zum Anlass nah- men, um vornehmlich über die sozialen, politischen und ökonomischen Folgen 38 Vgl. Uri Zilbersheid, Die Marxsche Idee der Aufhebung der Arbeit und ihre Rezeption bei Fromm und Marcuse, Frankfurt/M., 1986. 39 Vielleicht könnte auch Guy Debords „Ne travaillez jamais“ in diesem Kontext noch einmal anders gelesen werden. 40 Zumindest aber sei Philip Sarasin für diesen Hinweis gedankt. 41 Selbst Werke wie Leo Marx‘ Klassiker The Machine in the Garden (ebenfalls 1964 veröffent- licht) sind chiffriert noch als Reaktion auf die Utopien der Cybernation lesbar, und zwar wohl gerade, weil dort nicht viel über konkrete Technik zu lesen steht (vgl. auch Jeffrey L. Meikle, „Leo Marx’s The Machine in the Garden“, in: Technology and Culture 44, 1 (2003), S. 147- 159. BLÖDE SKLAVEN ODER LEBHAFTE ARTEFAKTE? 57 des arbeitsteiligen Zusammenlebens von Mensch und Maschine nachzuden- ken, näherte man sich in der zeitgenössischen Biokybernetik selbst der letzt- lich gleichen Fragestellung aus entgegengesetzter Richtung und unter umge- kehrten Vorzeichen. Anhand von drei pointiert formulierten (d. h. durchaus streitbaren) ‚Inter- ventionen‘ soll die augenscheinliche Divergenz zwischen Cybernetics und Cybernation im Folgenden dargestellt werden: Erstens erscheint der Mensch im biokybernetischen Diskurs nicht als unscharfer Rest oder Reservat des Nichtmaschinellen, sondern wird ganz im Gegenteil zum Ausgangspunkt für die Entwicklung gleichartiger Maschinen, welche ihm gerade in seiner Exis- tenz als nicht mechanisierbares, lernfähiges und kreatives Wesen ähnlich sein und ihn darin bestätigen sollen. Statt eine Rhetorik der Freisetzung stand hier vielmehr das Vorhaben der Affirmation des spezifisch Menschlichen im Raum. Von den neuen kybernetischen Maschinen erwarteten sich ihre Kon- strukteure zweitens nicht die zuverlässige Übernahme und Ausführung redun- danter und lästiger Tätigkeiten, sondern man erwartete ganz im Gegenteil: Un- erwartbares. Drittens, und das ist vielleicht der wichtigste Unterschied zur Cybernation-Debatte, bemühte man sich nicht um die Konkretisierung einer Differenz zwischen unfreien Maschinen und durch sie befreiten Menschen, sondern um eine übergeordnete Unterscheidung, welche die Gesamtmenge der Menschen und Maschinen in zwei Lager gegensätzlicher Organisationsformen unterteilte: freie Menschen und freie Maschinen auf der einen, unfreie Men- schen und unfreie Maschinen auf der anderen Seite. Erste Intervention: Ähnlichkeit statt Differenz Im Jahr 1962, also just in jenem Jahr als der Cybernation-Begriff in den USA gerade in den Ring gesellschaftlicher Debatten geworfen wurde, formulierte der britische Kybernetiker Gordon Pask seine eigenen Erwartungen an die Zu- kunft.42 Als Antwort auf Orwells berühmte Dystopie beschrieb Pask ein Sze- nario, welches auf den ersten Blick viele Ähnlichkeiten mit den Cybernation- Utopien von Bagrit und Diebold aufweist: Arbeit für Automaten werde man künftig nur noch an Automaten delegieren und der Mensch könne sich endlich jenen Aktivitäten widmen, die man gemeinhin als kreative und ‚wertvolle‘ Tä- tigkeiten ansehe.43 Im Rahmen dieser neuen Arbeitsteilung, auch hierin deckt sich Pasks Vision zunächst mit den Skizzen der Cybernation, werde die Ge- sellschaft ihr Wertesystem anpassen müssen: It means that we must change our ideas of value, for the most valuable man may never do a stroke of conventional work. It means that the organization must pay 42 Zu Gordon Pask, Ross Ashby und den Besonderheiten der ‚britischen Kybernetik‘, siehe An- drew Pickering, The Cybernetic Brain, Chicago, IL, 2010, S. 91-170 und S. 309-377. 43 Gordon Pask, „My Prediction for 1984“, in: Schweppes (Home) LTD and Hutchinson (Hg.), PROSPECT. The Schweppes Book of the New Generation, London, 1962, S. 207-220. 58 JAN MÜGGENBURG, CLAUS PIAS for creativity or wisdom or humour, or many other nebulous characteristics cur- rently taken on a more or less ‚charitable‘ basis, rather than only tangible suc- cess.44 Wenngleich Pask damit die Utopie der Cybernation bereits zwei Jahre vor Bargit und Diebold vorgenommen zu haben scheint, unterscheidet sich seine Vision aber in einem wesentlich Punkt: Denn das nahtlose Ineinandergreifen von Arbeitslosigkeit und bezahlter Kreativität kann ihm zufolge nur dann in Kraft treten, wenn „the man-made organizations of 1984 will be planned as living organisms“45. Nur für den Fall also, dass zukünftige Maschinen die flexible und relationale Organisationsform lebendiger Organismen hätten, zeichnete sich für Pask am Horizont des kybernetischen Weltbildes eine wür- devolle Koexistenz zwischen Mensch und Maschine ab: „We do not loose our personality in this organization but gain the dignity we rightly claim.“46 Damit aber wies Pask einen gänzlich anderen Weg als die Vertreter der Cybernation: Seine Prognose rechnete nicht mit ‚dummen Sklaven‘, welche dem Menschen die Last maschinenartiger Tätigkeiten abnehmen. Statt einer Abspaltung des Technischen vom Menschlichen, forderte Pask vielmehr die Nachahmung des spezifisch Menschlichen mit technischen Mitteln: „Broadly, the contention is that man, as a self-organizing system, should live in a man-made environment which is also a self-organizing system and which is in this sense part of him.“47 Dass die Konstruktion neuartiger, biologischer Organisationsformen im Maschinenbau keine kühne Behauptung, sondern ganz im Gegenteil bereits Gegenstand zeitgenössischer Forschung war, belegte Pask indes mit einem Verweis auf sein eigenes Fachgebiet. Die Erforschung neuartiger „computing elements, and new methods of measuring and controlling human behavior“ im Rahmen der Kybernetik mache es bereits jetzt möglich, künstliche biologische Organisationsformen zu realisieren.48 Bei dem dort zum Einsatz kommenden Ansatz des ,versatile design‘ gehe es grundsätzlich darum, die starre Fixierung der Organisation gewöhnlicher Maschinen zu umgehen. Anstatt weiterhin Maschinen zu konstruieren, deren „structures [...] exist independently of the transformation they effect“49, gelte es dynamische und flexible Strukturen und Kontrollverfahren einzusetzen. Dieser Trend in Richtung eines versatilen Designs, so Pask, lasse sich dabei im Prinzip mit jeder Art Zukunftstechno- logie für das Jahr 1984 durchspielen: A self-organizing aircraft will change its form like a bird, to suit the air condi- tions. The strength of a self-organizing motor vehicle will not lie in rigid mem- 44 Ebd., S. 207. 45 Ebd. 46 Ebd.. 47 Ebd., S. 218. 48 Ebd., S. 208. 49 Ebd., S. 210. BLÖDE SKLAVEN ODER LEBHAFTE ARTEFAKTE? 59 bers but in relations between fairly delicate parts kept fixed by dynamic control systems [...]. Or, consider a pipeline and pumping station, which is a typical but lamentably inflexible way of moving fluid over long distances. A self-organizing equivalent might be modelled upon the heart and arteries of a mammal.50 Die von Pask gewählten Beispiele machen deutlich, dass es dem Kybernetiker nicht um eine Befreiung des Menschen von Automatismen ging, sondern ganz im Gegenteil um eine Art Spiegelung und Affirmation menschlicher Freiheit in dem ihn umgebenden ,Maschinenpark‘. Oder anders gesagt: Jene Freiheit, welche ihm selbst im Jahr 1962 erlaubte, eine technische Zukunft der Selbst- organisation zu ersinnen, hielt Pask für eine anthropologische Grundkonstante, die es für alle Zukünfte des Technischen zu erhalten gelte. Denn das Allein- stellungsmerkmal des Menschen, so Pask, liege begründet in dessen Fähigkeit seine eigene Umgebung zu gestalten: „[Man’s environment] is a man-made organization imposed upon the world by the activity of his own species and because this is so, because man has insulated himself form the vagaries of na- ture, he can evolve far more rapidly than the beasts“.51 Das Bestreben diesen Gestaltungsraum zu konservieren und den Menschen durch sein eigenes tech- nische Werk als kreatives und handelndes Individuum zu reflektieren, könnte man vielleicht als das epistemologische Rückgrat der Kybernetik bezeichnen. Um 1960 stützte es weniger ein Denken der Differenz von Mensch und Ma- schine, wie es die Cybernation-Debatte wenige Jahre später nahelegen wird, sondern den Willen, Gemeinsamkeiten zu erkennen und Ähnlichkeiten zwi- schen Mensch und Maschine herzustellen. Zweite Intervention: Emergenz statt Wiederholung Gordon Pask schrieb seine Vorhersage für das Jahr 1984 unter dem Eindruck aktueller Entwicklungen innerhalb der amerikanischen Kybernetik, die er im Rahmen einer Gastprofessur an Heinz von Foersters gerade erst gegründetem Biological Computer Laboratory (BCL) in den Jahren 1959 und 1960 aus nächster Nähe kennengelernt hatte.52 Mit seinem neuen Labor an der Univer- sity of Illinois in Urbana-Champaign verfolgte Foerster die Idee, das For- schungsprogramm der Kybernetik weiterzuentwickeln und mit seinen Mitar- beitern Maschinen zu konstruieren, die lebendigen Systemen in ihrer zentralen Eigenschaft als ‚selbstorganisierende Systeme‘ ähnlich waren.53 Folglich ging 50 Ebd. 51 Ebd., S. 208. 52 Monika Bröcker/Heinz von Foerster, Teil der Welt. Fraktale einer Ethik - oder Heinz von Foersters Tanz mit der Welt, Heidelberg, 2007, S. 222-226. 53 Zur Geschichte des BCL siehe: Albert Müller, „Eine kurze Geschichte des BCL. Heinz von Foerster und das Biological Computer Laboratory“, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 11, 1 (2000), S. 9-30; Jan Müggenburg, „Biological Computer Laboratory. Zur Organisation und Selbstorganisation eines Labors“, in: Florian Hoof/Eva- Maria Jung/Ulrich Salaschek (Hg.), Jenseits des Labors, Bielefeld, 2011, S. 23-44. 60 JAN MÜGGENBURG, CLAUS PIAS es in der kybernetischen Forschungspraxis der frühen 1960er nicht um die ver- lässliche Delegation von Redundanzen und Routinen an sklavenhafte Appa- rate, sondern um die Produktion von Emergenzen und Unvorhersagbarkeiten mithilfe einer Maschinengattung, die man als ,lebhafte Artefakte‘ bezeichnen kann.54 Ein kurzer Blick auf zwei Vertreter dieser ‚Neuen Lebhaftigkeit‘ lässt erahnen, warum diese Maschinen mit den Vorstellungen der Cybernation gänzlich kaum vereinbar waren. 2 – Ross Ashby am Biological Computer Laboratory mit seiner ‚Ashby Box‘“ Bei der ersten Maschine handelte es sich um einen unscheinbaren Apparat, mit dem ein anderer Mitarbeiter des BCL regelmäßig die Erstsemesterstudenten seiner Einführungsveranstaltung in die Kybernetik Mitte der sechziger Jahre 54 In Anlehnung an Warren McCulloch zielt der Begriff ‚lebhafte Artefakte‘ auf die doppelte Charakteristik kybernetischer und bionischer Maschinen. Als mimetische Objekte sind sie einerseits Produkte einer Kulturtechnik der Nachahmung, anderseits zeichnen sie sich durch ihre ästhetische und epistemische Eigendynamik aus und sind als ‚visuelle Argumente‘ aktiv an der Diskursbildung beteiligt. Vgl. W. S. McCulloch, „Living Models for Lively Artifacts“, in: David L. Arm (Hg.), Science in the Sixties. The Tenth Anniversary AFOSR Scientific Se- minar, Albuquerque, NM, 1965, S. 73-83. Zum Begriff der ‚lebhaften Artefakte‘ siehe auch: Jan Müggenburg, Lebhafte Artefakte. Die Maschinen des Biological Computer Laboratory, Dissertation, Universität Wien (in Vorbereitung). BLÖDE SKLAVEN ODER LEBHAFTE ARTEFAKTE? 61 konfrontierte. Das kleine quadratische Gerät, welches der Neuropsychiater Ross Ashby extra für den Zweck dieser didaktischen Vorführung konstruiert hatte, verfügte über zwei Schalter mit je zwei Zuständen (Ein/Aus) und zwei Lampen mit ebenfalls zwei Zuständen (Es gab also insgesamt 16 verschiedene Möglichkeiten, wie Schalter und Lampen sich zueinander verhalten können). Ashby trug seinen Studenten auf, die Übertragungsfunktion der Maschine zu analysieren und aufzuschreiben. In welchem Verhältnis stehen Input und Out- put der Maschine zueinander? Wie muss man die zwei Schalter bedienen, damit die linke Lampe, die rechte Lampe oder beide Lampen leuchteten? Die Pointe bestand nun darin, dass diese Aufgabe prinzipiell nicht zu lösen war: Ashbys Box änderte ihren inneren Zustand abhängig von ihrer eigenen Ver- gangenheit nach jedem Schaltvorgang und war dadurch zwar stets vollständig determiniert, faktisch aber nicht analysierbar, ohne dass man das Gerät öffnete und seinen inneren Bauplan untersuchte.55 Aus der Perspektive des nicht ein- geweihten Studenten widersetzte sich das Gerät somit einer intuitiven Be- dienung, es regierte unvorhersehbar und überraschend. Gerade durch diese Eigenschaft aber sollte seine prototypische ,Blackbox‘ die prinzipielle Un- ergründlichkeit selbstorganisatorischer Prozesse in Natur und Technik ver- anschaulichen.56 Dass solch enigmatische Maschinen nicht nur den unerfahrenen Studenten, sondern sogar ihren eigenen Konstrukteur in ihren Bann ziehen konnten, be- wies eine zweite Maschine, mit der Ashby in seiner Freizeit viel Zeit ver- brachte. Die so genannte Grandfather’s Clock bestand aus zwei Einschubge- häusen mit je 5 x 5 Lampen. Vor jeder Lampe waren kleine runde lichtdurch- lässige Scheiben mit je vier verschiedenfarbigen Sektoren angebracht. Jede dieser Scheiben war mit einem kleinen Servomotor ausgestattet und konnte sich in 90° drehen, so dass die darunter liegende Lampe in einer der vier Far- ben aufleuchtete. Wie bei Ashby’s Box war das Verhalten der drehbaren Scheiben erstens abhängig von den anderen Scheiben und der Vergangenheit des Gesamtsystems. So berichtete Heinz von Foerster im Rückblick, dass Ash- by oft stundenlang vor seiner Maschine saß und ihr dabei zusah, wie sie im- mer neue Farbmuster produzierte. Er selbst bezeichnete die selbstorganisieren- de Standuhr als sein persönliches „inspirational device“, denn trotz ihres äu- ßerst einfachen Bauplans zeigte die Maschine ein kompliziertes und unvorher- 55 Glaubt man den Erinnerungen Heinz von Foersters, konnte die Maschine in einen von 2156 inneren Zuständen wechseln. Heinz von Foerster im Interview mit Paul Schroeder: „Two steps, two lamps, two switches. You can’t crack the code of that machine. Not to understand that. There are still people who do ‚psychoanalysis‘, yes? I maintain the psyche is more than two states input and two states output, so forget it“, unveröffentlichtes Interview von Paul Schroeder und Frank Galuszka mit Heinz von Foerster, 1997. 56 Vgl. Philipp von Hilgers, „Ursprünge der Black Box“, in: Ana Ofak/ders. (Hg.), Rekursionen. Von Faltungen des Wissens, München, 2010, S. 135-153. 62 JAN MÜGGENBURG, CLAUS PIAS sehbares Verhalten, mit dem sie sogar ihren eigenen Konstrukteur in den Bann ziehen konnte.57 Mit Blick auf Ashbys Maschinen lässt sich also folgender Einspruch an die Adresse der Cybernation-Autoren formulieren: Die zentrale Zielsetzung der zeitgenössischen Kybernetik bestand in der Konstruktion von Maschinenmo- dellen, die sich aufgrund der rekursiven Bindung ihres Verhaltens an ihre ei- gene Geschichte unvorhersehbar und überraschend verhielten – eine Eigen- schaft, die man beispielsweise von Industrierobotern gerade nicht erwarten würde. Keinesfalls garantieren diese lebhaften Artefakte demnach die ge- räuschlose Übernahme lästiger Tätigkeiten und sie zielen auch nicht – wie sonst für Medien gemeinhin angenommen wird – auf die Unterschlagung ihrer eigenen medialen Funktion.58 Als Repräsentanten einer Anthropologie der ,Rückbezüglichkeit‘, welche rekursive Automatismen als wesentlichen Faktor von Selbstkonstitution begreift,59 sollen sie dem Menschen vielmehr auf Au- genhöhe begegnen und ihn an seine Existenz als freies Individuum erinnern. Dritte Intervention: Freie Menschen und freie Maschinen Im Jahr 1970, als sich das BCL finanziell bereits kaum mehr über Wasser hal- ten konnte und damit das vorläufige Ende der institutionalisierten Kybernetik in den USA kurz bevorstand,60 hat Heinz von Foerster diese an seinem Labor praktizierte kybernetische Anthropologie noch einmal mit eigenen Worten ausformuliert. Seine später so einflussreiche Theorie ,nichttrivialer Maschi- nen‘ wiederholte dabei zunächst die kybernetische Kritik am Menschenbild des Behaviorismus.61 ‚Nichttrivial‘ verhielt sich eine Maschine für Foerster dann, wenn ihr Output sowohl durch den aktuellen Input, als auch durch ihren aktuellen inneren Zustand determiniert ist. Dieser aktuelle innere Zustand wie- 57 Ebd. Zu Ashbys Begriff der ‚Selbstorganisation‘ siehe Ross Ashby, „Principles of the Self- Organizing System“, in: Heinz von Foerster (Hg.), Cybernetics of Cybernetics, Urbana, IL, 1995 [1974], S. 232-244. Zum Verhältnis von ,Störung‘ und ,Inspiration‘ siehe Peter Matus- sek, „,Stolpern fördert‘. Störfälle als Inspirationsquelle“, in: ZfK - Zeitschrift für Kulturwis- senschaften, 2 (2011), S. 63-72. 58 „Medien machen lesbar, hörbar, sichtbar, wahrnehmbar, all das aber mit der Tendenz, sich selbst und ihre konstitutive Beteiligung an diesen Sinnlichkeiten zu löschen und also gleich- sam unwahrnehmbar, anästhetisch zu werden“. Claus Pias et al., Kursbuch Medienkultur: die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard, Stuttgart, 2000, S. 10. 59 Stefan Rieger, Kybernetische Anthropologie: eine Geschichte der Virtualität, Frankfurt/M., 2003, S. 17. 60 Albert Müller, „The End of the Biological Computer Laboratory“, in: ders./Karl Müller (Hg.), An Unfinished Revolution? Heinz von Foerster and the Biological Computer Laboratory BCL 1958-1976, Wien, 2007, S. 303-321. 61 Heinz von Foerster, „Molecular Ethology. An Immodest Proposal for Semantic Clarifica- tion“, in: G. Ungar (Hg.), Molecular Mechanisms in Memory and Learning, New York, NY, 1970, S. 213-248. (Zit. n. der dt. Übersetzung Heinz von Foerster, „Molekular-Ethologie: ein unbescheidener Versuch semantischer Klärung“, in: Siegfried J. Schmidt (Hg.), Heinz Foerster. Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke, Frankfurt/M., 1993, S. 149-193.) BLÖDE SKLAVEN ODER LEBHAFTE ARTEFAKTE? 63 derum ist abhängig von den vorausgegangenen Arbeitsgängen der Maschine und für den aktuellen Benutzer der Maschine nicht unmittelbar einsehbar. Sprich: Nichttriviale Maschinen haben eine Geschichte (genauer gesagt ist ihr aktueller innerer Zustand Ausdruck ihrer Geschichte), welche die Art und Weise ihrer Reaktion auf einen bestimmten Eingangsreiz mitbestimmt. Für den außenstehenden Beobachter bleibt der innere Zustand verborgen, und er hat keine Kenntnis von den Regeln, nach denen die Maschine bei einem be- stimmten Input ihren inneren Zustand (und damit ihr zukünftiges Output-Ver- halten) ändert. Aus seiner Position ist das Verhalten der Maschine – wie Ash- by es mit seinem kleinen Gerät eindrucksvoll demonstrierte – prinzipiell nicht vorhersagbar oder analysierbar. 3 – Nichttriviale und triviale Maschine im Vergleich, Zeichnung von Heinz von Foerster, 1970 Foersters entscheidender Zusatz lautete nun, dass eine nichttriviale Maschine auf eine triviale Maschine reduziert werden kann, nämlich dann „wenn sie auf Veränderungen der internen Zustände nicht reagiert oder wenn die internen Zustände sich nicht ändern“.62 Wenn also der innere Zustand einer Maschine ‚neutralisiert‘ oder festgestellt wird, lässt sich die Maschine als eindeutige Funktion beschreiben, die einem bestimmten Eingangssignal genau einen Aus- gangszustand zuordnet. Eine solche Reduktion von unvorhersehbarem auf vor- hersehbares Verhalten bezeichnete von Foerster als einen Prozess der ,Trivia- lisierung‘.63 62 von Foerster (1993), Molekular-Ethologie, S. 158. 63 Im Englischen verwendet von Foerster den Begriff ,trivialization‘, welcher in der Literatur zumeist mit ,Trivialisierung‘, manchmal aber auch mit ,Trivialisation‘ übersetzt wird. Vgl. Heinz von Foerster, „Perception of the Future and the Future of Perception“, in: Instructional Science 1, 1 (1972), S. 31-43: 40. (Zit. n. der dt. Übersetzung: Heinz von Foerster, „Zukunft der Wahrnehmung: Wahrnehmung der Zukunft“, in: Siegfried J. Schmidt (Hg.), Heinz Foers- ter. Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke, Frankfurt/M., 1993, S. 194-210: 206.) 64 JAN MÜGGENBURG, CLAUS PIAS Lebendige Systeme wie Tiere oder Menschen sind laut von Foerster von ih- rer Natur her grundsätzliche nichttriviale Maschinen, und sein Vorwurf an die Neobehavioristen um B. F. Skinner lautete, dass diese in ihren experimentel- len Versuchsanordnungen nichttriviale Systeme trivialen Umwelten aussetz- ten. Ratten, die sich einer unterkomplexen Umwelt von Reaktionshebeln und Futterspendern gegenübersehen (einer sogenannten Skinner-Box), würden auf diese Weise „aus nicht-trivialen (probabilistischen) Maschinen in triviale (de- terministische) Maschinen verwandelt“ und erst als solche zugerichtete Ob- jekte für die Verhaltenswissenschaften.64 Foersters Missbilligung der behavioristischen Methode erfüllte indes vor allem den Zweck, im Rahmen einer allgemeinen Modernitätskritik auf den größeren Zusammenhang einer gesellschaftlichen Trivialisierung des Men- schen hinzuweisen: Ähnlich wie der Behaviorist, so Foerster, neige der mo- derne Mensch dazu, alle nichttrivialen Maschinen, denen er begegnet, in tri- viale Maschinen zu verwandeln.65 Was im Bereich der Maschinen, „die wir selbst konstruieren oder kaufen“, durchaus wünschenswert sein kann,66 wird aller dings dann „nutzlos und zerstörerisch“, wenn wir es auf uns selbst anwen- den: So kritisierte von Foerster zum Beispiel das amerikanische Bildungssys- tem der sechziger Jahre wiederholt als „Trivialisationsanstalt“, in der Kinder und Studenten von „Trivialisateuren“ wie Autos von Automechanikern in tri- viale Maschinen umgewandelt würden.67 Es bietet sich an, Foersters Unterscheidung als komplementären Entwurf zum Cybernation-Szenario zu lesen: Anstatt sich vornehmlich den Tätigkeiten und Verhaltensweisen des Menschen zu widmen, die sich trivialisieren und auslagern lassen, sollen Menschen sich selbst als autonome und nichttriviale Wesen erkennen und Ernst nehmen. Ähnlich wie Pask fordert Foerster daher eine technische Umgebung, die das nichttriviale Wesen des Menschen nicht bedroht, sondern es durch ihm analoge Formen bestätigt und fördert: „Wenn wir selbst nicht handeln“, so Heinz von Foersters im Jahr 1972, „wird mit uns gehandelt werden“.68 Und ähnlich wie Ashby richtet Foerster den Blick nicht auf externalisierbare Fertigkeiten des Menschen, sondern auf dessen innere Selbst-Technologien: 64 von Foerster (1993), Molekular-Ethologie, S. 175. 65 von Foerster (1993), Zukunft der Wahrnehmung, S. 207. 66 „Ein Toaster soll toasten, eine Waschmaschine waschen, ein Auto soll in vorhersagbarer Weise auf die Handlungen seines Fahrers reagieren. [...] Zugegeben, in manchen Fällen ge- lingt uns die Herstellung idealer trivialer Maschinen nicht ganz. Eines Morgens etwa drehen wir den Zündschlüssel unseres Autos, und das Miststück startet nicht. [...] Es hat so für einen Augenblick sein wahres Wesen als nicht-triviale Maschine enthüllt“, Ebd. An dieser Stelle wird das kybernetische Erbe neuerer Blackbox-Konzepte, etwa bei Bruno Latour und der Ak- teur-Netzwerk-Theorie, besonders deutlich. 67 Zum Beispiel in Heinz von Foerster, „Wissenschaft des Unwissbaren“, in: Peter Gente/Heidi Paris/Martin Weinmann (Hg.), Heinz von Foerster: Short Cuts, Frankfurt/M., 2001, S. 139- 181: 166. 68 von Foerster (1993), Zukunft der Wahrnehmung, S. 194. BLÖDE SKLAVEN ODER LEBHAFTE ARTEFAKTE? 65 Statt in der Umwelt nach Mechanismen zu suchen, die Organismen in triviale Maschinen verwandeln, müssen wir die Mechanismen innerhalb der Organismen feststellen, die diese in den Stand versetzen, ihre Umwelt zu einer trivialen Maschine zu machen.69 Zusammengefügt laufen diese beiden Argumente aber auf eine Löschung der Differenz zwischen Mensch und Maschine hinaus und es wird eine neue De- markationslinie zwischen unfreien Menschen und Maschinen auf der einen und freien Menschen und freien Maschinen auf der anderen Seite gezogen.70 Ausblick Es mag zunächst verblüffen, dass sich die unter dem Begriff der Cybernation versammelten Positionen auf die Leistungen und Erzeugnisse der zeitgenössi- schen Kybernetik berufen, ohne einige ihrer zentralen Motive zur Kenntnis zu nehmen. Die ,blöden Sklaven‘, denen man so gerne alle einfachen und daher lästigen Tätigkeiten überantworten würde, werden hier für das Produkt einer Wissenschaft gehalten, die sich viel lieber von ,lebhaften Artefakten‘ faszinie- ren ließ. An der Basis der biokybernetischen Forschung jedenfalls, interessier- te man sich offenbar weniger für die Konstruktion ‚dummer Diener‘ als für die technische Simulation von ,Selbstorganisation‘ – jenem ‚Fundmentalprinzip‘ also, mit welchem Kybernetiker wie Heinz von Foerster in den 1960ern nahe- zu alle exklusiven Phänomene des Lebendigen (und damit: des Menschlichen) vermuteten. Bei vielen der tatsächlich im Namen der Kybernetik konstruierte Prototypen, handelte es sich also um jene Art sinn-voller Maschinen, die von außerwissenschaftlichen Apologeten einer ‚Kybernetisierung‘ wie Leo Bagrit als kompletter Nonsens verworfen wurden. Eine mögliche Auflösung dieses Creative Misreading der Kybernetik könn- te indes ganz einfach in der Vermutung liegen, dass es für die Utopien der Cy- bernation überhaupt keinen Unterschied macht, ob der Mensch seine maschi- nellen Zukunftsgenossen für geist- und seelenlose Apparate halten, oder sich selbst und seine eigene biologische Organisationsform in ihnen wiederkennen wird. Vor dem Hintergrund der ökonomischen und gesellschaftlichen Konse- 69 Ebd. 70 In ihrem Buch How We Became Posthuman hat Katherine Hayles eine konstante Problemfi- gur innerhalb der ‚ersten und zweiten Welle kybernetischer Forschung‘ herausgearbeitet, auf welche diese Grenzverschiebung eine Antwort darstellt. Ihr zufolge befinden sich Kyberneti- ker von Norbert Wiener bis Humberto Maturana in einem fortwährenden Dilemma: Einerseits wuchs in ihnen die Erkenntnis, dass der Mensch nur mehr als Teil eines hochkomplexen Netzwerks technischer und natürlicher Interaktionen zu denken war und seine Grenzen zu- nehmend unscharf wurden. Andererseits versuchten sie vehement den Menschen als autono- mes Subjekt in ihre Theorien herüberzuretten und somit das liberal-humanistische Erbe wei- terzuführen, dem sie sich nach wie vor verpflichtet fühlten. Katherine Hayles, How We Be- came Posthuman: Virtual Bodies in Cybernetics, Literature, and Informatics, Chicago, IL, 1999, S. 84-112 und S. 131-159. 66 JAN MÜGGENBURG, CLAUS PIAS quenzen, die im Horizont neuer Technologien zwangsläufig gezogen werden müssen, scheinen die humanistischen Gestaltungsbemühungen und resistenten Strömungen der eigentlichen Kybernetik jedenfalls zu verblassen: Sei es das Ende des Kampfes ums Überleben oder die Bildung eines neuen Menschenge- schlechts, sei es das Ende einer Ökonomie des Mangels und der Beginn einer Ökonomie des Überflusses, oder sei es die Gründung eines ästhetischen Welt- staates. Sobald es (zumindest theoretisch) möglich schien, die gesamte Güter- produktion in Form eines selbstlaufenden, kybernetischen Maschinenparks zu organisieren, entsteht gewissermaßen ein Unterdruck des Humanen, der durch keine Anthropologie der Arbeit mehr zu füllen ist und einer neuen „Men- schenfassung“ (Walter Seitter) bedarf. Das was eingangs als „phantasmati- scher Überschuss“ neuer Technologien bezeichnet wurde, wäre dann in jedem Fall ernst zu nehmen, denn er eröffnet eine umfassende Diskussion, die um das Zentrum eines paradoxen Verhältnisses von moderner Technik und ver- blassendem Humanismus kreist. Trotzdem sollte eine Konsequenz aus der geschilderten Differenz zwischen Kybernetik und Kybernetisierungs-Debatte darin liegen, künftig genauer hin- zuschauen und vorschnelle Vereinheitlichungen und Instrumentalisierungen der Kybernetik für epistemische Brüche und zeithistorische Umwälzungen zu vermeiden. Jüngere wissenschaftshistorische Arbeiten zur Geschichte der nordamerikanischen Geschichte der Kybernetik haben unlängst gezeigt, dass es sich bei ihr mitnichten um eine einheitlich argumentierende oder gar zielbe- wusst vorgehende Bewegung gehandelt hat. Vor diesem Hintergrund wäre die aufgezeigte Debatte ein zusätzliches Indiz, dass die kybernetische Forschung und der sie umspülende öffentliche Diskurs von tiefen inneren Paradoxien, Widersprüchen und Ambivalenzen geprägt gewesen ist. So war kybernetische Forschung in den 1960ern vielmehr ein äußerst heterogenes und frag- mentarisches akademisches Gebilde, das verschiedene Denkstile und For- schungsansätze zusammenfasste und sich gerade deshalb immer wieder neu erfinden und die eigene Identität als (Nicht-)Disziplin hinterfragen musste.71 Die wissenschaftsgeschichtliche Herausforderung läge aber dann in einer komparatistischen Perspektive innerhalb der Geschichte der Kybernetik. Diese bezog erhebliche Faszinationskraft gerade aus einer spezifischen Dekonstruk- tion der Mensch-Maschine-Verhältnisse. Neben der Cybernation, die in dieser Hinsicht auf säuberliche Trennungen zurückfällt, indem sie die Technik als Variable und ,den Menschen‘ als Wesenheit zu begreifen vorschlägt, gälte es andere Fluchtlinien der Kybernetik hervorzuheben, die auch und gerade den Menschen als veränderbaren denken. 71 Ronald Kline, „Where are the Cyborgs in Cybernetics?“, in: Social Studies of Science 39, 3 (2009), S. 331-362. BLÖDE SKLAVEN ODER LEBHAFTE ARTEFAKTE? 67 Literatur Ad Hoc Committee, The Triple Revolution, 1964. Ashby, Ross, „Principles of the Self-Organizing System“, in: Heinz von Foerster (Hg.), Cybernetics of Cybernetics, Urbana, IL, 1995 [1974], S. 232-244. Bagrit, Leon, The Age of Automation, London, 1965 (BBC Reith Lecture 1964). Baxmann, Inge (Hg.), Das verborgene Wissen der Kulturgeschichte. Lebensformen, Körpertechniken, Alltagswissen, München, 2011. Bröcker, Monika/von Foerster, Heinz, Teil der Welt. 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HETEROTECHNOLOGIEN IM MENSCHEN- UND MASCHINENPARK (SAMUEL BUTLER, GABRIEL TARDE) Kurz, wenn man technische Fertigkeit als Maßstab der Intelligenz nimmt, war der Mensch, verglichen mit vielen anderen Spezies, lange Zeit ein Nachzügler.1 Im Horizont des Begriffs der ‚Automatismen‘ nach Selbst-Technologien zu fragen, legt es nahe, sich der Selbst-Tätigkeit technischer Objekte zuzuwen- den: Welcher Grad an Autonomie kann bzw. muss technischen Ensembles zu- geschrieben werden, welche Begriffe von ‚Selbst‘ und ‚Handlung‘ lassen sich dabei in Anschlag bringen? Während eine kybernetisch inspirierte Lesart des antiken automaton-Konzepts suggeriert, dass sich technische Artefakte prinzi- piell jenseits bewusster Planung konstituieren, stabilisieren und verhalten kön- nen, arbeiten die von Foucault beschriebenen Selbst-Technologien bei der Er- zeugung humaner Subjekte der Logik des Automatismus entgegen, insofern sie einen auf Dauer gestellten, jederzeit bewussten und mühevoll prozessierten Selbstbezug vorsehen.2 Obwohl beide Alternativen von Ontologien absehen und auf operative Vollzüge setzen, sind sie auf den Begriff des ‚Selbst‘ fixiert, der als blinder Fleck im Zentrum sozialer Subjektivierung wie technischer Objektivierung vorausgesetzt wird. Die folgenden Überlegungen versuchen, der modernen Faszination für das ,Selbst‘ und seine Regulierungstechniken eine Perspektive entgegenzusetzen, die auf den prinzipiell verteilten, dyna- mischen und unkontrollierbaren Charakter von Reflexionsmöglichkeiten und Handlungsinitiativen abstellt, wie er etwa von der Akteur-Netzwerk-Theorie postuliert wird. Aus einer solchen Sicht wäre die Existenz von Selbsttechno- logien in hohem Maße unwahrscheinlich, ebenso unwahrscheinlich und fragil wie die Existenz eines technischen ‚Objekts‘. Anstatt auf das technische Objekt zielen die folgenden Überlegungen deshalb zunächst auf jene Faktoren, welche die Geschichten bzw. Geschicke von Technik im Sinne von ‚Hetero- technologien‘ organisieren. Es wird dabei um Technik nicht in der individu- 1 Lewis Mumford, Mythos der Maschine. Kultur, Technik und Macht, Frankfurt/M., 1977 [engl. OA 1964/1966], S. 15. 2 Vgl. etwa Michel Foucault, „Technologien des Selbst“, in: ders., Ästhetik der Existenz. Schriften zur Lebenskunst, Frankfurt/M., 2007, S. 287-317. 72 CHRISTOPH NEUBERT ellen Gestalt der Apparatur, sondern gewissermaßen als Gattungs-Subjekt zwi- schen Natur und Gesellschaft gehen. Im Zentrum wird die spezifische Konzeption von Technologien als Lebens- formen stehen, wie sie sich im 19. Jahrhundert im Kontext der Evolutionstheo- rie herausbildet. Nach einer historischen Einordnung dieser Konzeption und ihrer Transformationen innerhalb der Kybernetik des 20. Jahrhunderts (1.) soll ein näherer Blick auf die Technikphilosophie des viktorianischen Autors Sa- muel Butler geworfen werden (2.), der ein elaboriertes Evolutionsmodell tech- nischer Entwicklung in der Auseinandersetzung mit Darwins Thesen entfaltet. Hierbei sind insbesondere die Fragen der Reproduktion von Mensch und Ma- schine von Interesse (3.), die durch eine Theorie der Technik als anthropologi- scher Extension ergänzt wird (4.). Als Gegenmodell zur quasi-natürlichen Evolution soll in einem nächsten Schritt die Beschreibung der Technikent- wicklung als sozial determinierte Diffusion von Innovationen skizziert werden (5.). Diese beiden komplementären Stränge werden dann im Blick auf die Soziologie Gabriel Tardes und zentrale Prämissen der Akteur-Netzwerk-Theo- rie zusammengeführt (6.), um abschließend eine mögliche Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis von Selbst- und Heterotechnologien zu geben (7.). 1. Technologie als Lebensform: Turing- und Ententest Die Faszination an der Schaffung künstlichen Lebens findet ihren prägnanten Ausdruck in den neuzeitlichen Automaten, besonders in den diffizilen Kunst- werken des 18. Jahrhunderts, minutiös ausgeführten Nachbildungen tierischer oder menschlicher Körper, die mit komplizierten Bewegungsapparaten aus- gestattet sind. Nicht zufällig sind die berühmtesten Exemplare, etwa der Flö- tenspieler Vaucansons, die drei spektakulären Figuren aus der Werkstatt der Jaquet-Droz’, aber auch der Schachspieler von Kempelens,3 anthropomorphe, nach dem Bild des Menschen geformte Maschinen. Und ebenso wenig zufällig fasziniert die kunstvolle Motorik dieser Selbst-Beweger insofern, als sie je- weils Ausdruck einer geistigen Betätigung ist: Schreiben, zeichnen und musi- zieren sind symbolische Operationen, in deren Vollzug die Androiden mentale Fähigkeiten simulieren. Die automatische Ausübung von Kulturtechniken wie der des Schreibens bis hin zur Beherrschung der intellektuellen Königsdiszi- plin des Schachspiels steht in Kontinuität zu dem, was man im 20. Jahrhundert als ‚künstliche Intelligenz‘ bezeichnen wird. Demgegenüber gehört die berühmte mechanische Ente Vaucansons einer ganz anderen Ordnung von Automaten an. Gegenstand der Simulation ist nicht 3 Vgl. Bianca Westermann, „Vom Flötenspieler zum Hochleistungssprinter – Kulturelle Aus- tauschprozesse zwischen Körper- und Maschinenphantasien“, in: Maik Bierwirth/Oliver Leis- tert/Renate Wieser (Hg.), Ungeplante Strukturen. Tausch und Zirkulation, München, 2010, S. 111-133. Zum Schachspieler-Automat vgl. auch den Beitrag von Anil K. Jain in diesem Band. SELBSTLOS 73 die menschliche Perfektibilität sondern animalische Natur, und d. h. insbeson- dere die Vorgänge des Stoffwechsels: Neben den lebensechten Bewegungen und Lauten bestand die besondere Attraktion darin, dass das Tier ‚Nahrung‘ aufnahm und anschließend entsprechende Ausscheidungen produzierte.4 Hier geht es nicht länger um den Geist in der Maschine, noch um die wechselsei- tige – narzisstische – Spiegelung, die das Verhältnis von Subjekt und Android bis ins 18. Jahrhundert kennzeichnet. Bei diesem Automaten steht nicht die Fingerfertigkeit im Vordergrund, sondern die Peristaltik, und die relevanten Spuren, welche er hinterlässt, sind entsprechend nicht Schriftzeichen, sondern Fäkalien. Vaucanson legt ferner Wert darauf, den Blick auf das Körperinnere seiner Ente freizugeben5 und fordert den Betrachter somit zu einer Autopsie der Blackbox auf. Leitendes Prinzip ist nicht die verborgene Machination, sondern die Exposition der Organe, deren Nachbildung biologische Formen und Funktionen in Rechnung stellt. Vaucansons Anordnung inszeniert einen physiologischen Blick, der den Stoffwechsel der Ente im Vollzug studieren kann, einen Blick also, der auf das Innen-Leben des Körpers zielt. Von den kunstvollen Androiden der Zeit ist Vaucansons Ente durch einen epistemischen Bruch getrennt, der zwischen der Anthropologie des 17. und 18. Jahrhunderts auf der einen und den entstehenden Lebenswissenschaften des 19. Jahrhunderts auf der anderen Seite verläuft und der das Verhältnis zwi- schen Mechanismus und Vitalismus neu formiert. Im Vordergrund der biolo- gisch inspirierten Technikphilosophie stehen jetzt einerseits Stoffwechselpro- zesse und Energiebilanzen, andererseits – im Anschluss an Darwins Evolu- tionstheorie – Fragen der Reproduktion. Im 20. Jahrhundert teilt sich die Fas- zinationsgeschichte des Automaten in zwei Stränge: Das alte Interesse am Verhältnis zwischen Geist und Körper-Maschine transformiert sich, etwa bei Alan Turing, in das operative Paradigma der künstlichen Intelligenz,6 während sich das jüngere Interesse am künstlichen Leben etwa in John von Neumanns Theorien selbst-replizierender Maschinen und Automaten niederschlägt.7 In- telligenz fällt fortan unter den Turingtest, Leben unter den Ententest.8 Im Rahmen einer Synthese aus Evolutionstheorie und Kybernetik finden beide Stränge dort zusammen, wo Intelligenz mit Lernfähigkeit identifiziert und somit als Anpassungsleistung interpretierbar wird. Norbert Wiener hat diese Überlegung im zweiten, 1961 hinzugefügten Teil von „Cybernetics“ 4 Vgl. Jessica Riskin, „The Defecating Duck, or, The Ambiguous Origins of Artificial Life”, in: Critical Inquiry 29, 4 (2003), S. 599-633. 5 Vgl. ebd., S. 606 ff. sowie Westermann (2010), Vom Flötenspieler zum Hochleistungs- sprinter, S. 119 f. 6 Vgl. etwa Alan M. Turing, „Computing Machinery and Intelligence“, in: Mind, 59 (1950), S. 433-460. 7 Vgl. John von Neumann, Theory of Self-Reproducing Automata, hg. v. Arthur W. Burks, Ur- bana, London, 1966; ferner L. S. Penrose, „Self-Reproducing Machines“, in: Scientific Ameri- can, 200 (1959), S. 105-114. 8 Vgl. Bernd Gräfrath, „Samuel Butler – Der Darwin der Maschinenkultur“, in: Samuel Butler, Erewhon oder Jenseits der Berge, Frankfurt/M., 1994, S. 367-386: 378 f. 74 CHRISTOPH NEUBERT unter dem Titel „On Learning and Self-Reproducing Machines“ systematisch entfaltet.9 Für Wiener gibt es zwei Charakteristika nicht trivialer Maschinen, die zugleich Parallelen technischer und lebender Systeme begründen: Lernfä- higkeit und Reproduktionsfähigkeit. Obwohl auf den ersten Blick sehr ver- schieden, hängen diese beiden Fähigkeiten, so Wiener, aufs Engste zusammen. Lernen lässt sich als Prozess der Anpassung des individuellen Tiers an seine Umgebung begreifen: „An animal that learns is one which is capable of being transformed by its past environment into a different being and is therefore ad- justable to its environment within its individual lifetime.“10 Andererseits er- möglicht die Fortpflanzung unter den Bedingungen der Variation und natür- lichen Auslese eine Adaptation der Arten an ihre Umgebung: An animal that multiplies is able to create other animals in its own likeness at least approximately, although not so completely in its own likeness that they cannot vary in the course of time. If this variation is itself inheritable, we have the raw material on which natural selection can work.11 Damit ist die Idee einer doppelten Anpassungsleistung aus ontogenetischem und phylogenetischem ‚Lernen‘ formuliert: „Both ontogenetic and phyloge- netic learning are modes by which the animal can adjust itself to its environ- ment.“12 Und beide Funktionen sind, so Wiener, auf Maschinen zu übertragen. Beispiel für lernende Exemplare auf der Ebene individueller Systeme sind spielende Maschinen, die ihre Taktik und Strategie auf der Basis von Erfah- rung justieren und verbessern. Was Wiener dabei im Auge hat, ist bekannt, und so sind die gepflegten Szenarien der Schachpartie bald durch blutige An- tagonismen ersetzt, die von der automatischen Flugabwehr über das Gefecht zwischen Mungo und Kobra, den Stierkampf bis zu den war games des Kalten Krieges reichen.13 Nimmt man die Anthropologien Schillers und Kleists als historische Referenz, lässt sich Wieners ‚Lernen‘ als Recodierung der ästheti- schen Erziehung im Medium einer militärischen Ballistik bzw. Kinematik lesen, die auf dem Prinzip der Antizipation der Bewegung des Feindes be- ruht.14 Das pädagogische Modell des Tanzes und die verbundenen Ideen von Anmut und Würde kommen in der überlegenen Motorik fechtender Bären und tanzender Marionetten zu sich selbst. Die Maschine ist dort ganz Maschine, wo sie spielt. Was die Reproduktionsfähigkeit von Maschinen betrifft, verweist Wiener auf Schaltungen gekoppelter nicht linearer Transduktoren, die als geeignete Kombination aus Black- und Whiteboxen gestatten, die DNA-Replikation zu 9 Norbert Wiener, Cybernectics or Control and Communication in the Animal and the Machine [1948], 2. Aufl., Cambridge, MA, 1961, S. 169-180. 10 Ebd., S. 169. 11 Ebd. 12 Ebd. 13 Vgl. ebd., S. 170 ff. 14 Vgl. zu diesen Zusammenhängen Stefan Rieger, Kybernetische Anthropologie. Eine Ge- schichte der Virtualität, Frankfurt/M., 2003, S. 450-465. SELBSTLOS 75 simulieren.15 Obwohl damit bereits das Feld moderner Biotechnologie betreten ist, verbleibt das Argument auf der Ebene einer Analogie: Die elektrische Schaltung verhalte sich vielleicht nicht genauso, aber zumindest „philoso- phisch sehr ähnlich“ wie die genetisch programmierte Molekülsynthese.16 Wieners Text positioniert sich damit auf der Schwelle sowohl zum Computer- zeitalter als auch zur Ära der Molekularbiologie. Mit der Umstellung von der Kraft- auf die Informationsmaschine und der gleichzeitigen Umstellung des evolutionären Dualismus von Individuum und Spezies auf das Genom wird sich anschließend das Paradigma einer Biokybernetik formieren, in dem Leben und Technologie, Intelligenz und Reproduktion in Gestalt der Informa- tionsverarbeitung konvergieren.17 Um sich der Frage nach den Technologien des Selbst und dem Selbst der Technologie zu nähern, scheint es angesichts dieses kurzen Abrisses geboten, noch einmal hinter die aktuelle biokybernetische Schließung zurückzugehen. Denn wenn sie der Parallelisierung und gegenwärtigen Durchdringung von Technik und Biologie konzeptuell wie praktisch den Boden bereitet hat, beerbt die Kybernetik ihrerseits historische Diskurse des 19. Jahrhunderts, die bereits im unmittelbaren Anschluss an Darwins Evolutionstheorie nicht nur die Ana- logie, sondern die Identität des Technischen und des Lebendigen nahelegen.18 Zwischen den humanoiden Automaten des 18. Jahrhunderts und den Compu- tern des 20. Jahrhunderts fordern die Technologien der Industrialisierung eine theoretische Reflexion heraus, die weder auf Mimesis noch auf Manipulation setzen kann. Webstuhl, Dampfmaschine und Eisenbahn sperren sich gegen vorschnelle Anthropomorphisierungen des Technischen ebenso wie gegen vorschnelle Technomorphisierungen des Humanen und bringen genau deshalb sehr weitreichende systemische Überlegungen zur Beschaffenheit bio- und soziotechnischer Verflechtungen hervor. 2. Evolution: Darwin unter Maschinen In der Tradition eines solchen Denkens, zu der auf deutscher Seite die Tech- nikphilosophien etwa Karl Marx’19 oder Ernst Kapps zu zählen sind, steht 15 Vgl. Wiener (1961), Cybernetics, S. 178-180. 16 Ebd., S. 180. 17 Vgl. Eugene Thacker, Biomedia, Minneapolis, London, 2004; ders., The Global Genome. Biotechnology, Politics, and Culture, Cambridge, London, 2005. 18 Von hier ergeben sich natürlich zahlreiche Anschlüsse an die Technikphilosophie Gilbert Si- mondons, vgl. ders., Du mode d’existence des objets techniques, Paris, 2005. [Frz. OA 1958.] Dazu grundlegend Erich Hörl, „Die technologische Bedingung. Zur Einführung“, in: ders. (Hg.), Die technologische Bedingung. Beiträge zur Beschreibung der technischen Welt, Frankfurt/M., 2011, S. 7-53. 19 Vgl. Jens Schröter, „Das automatische Subjekt. Überlegungen zu einem Begriff von Karl Marx“, in: Hannelore Bublitz/Irina Kaldrack/Theo Röhle/Hartmut Winkler (Hg.), Unsicht- 76 CHRISTOPH NEUBERT auch der englische Autor Samuel Butler, dessen 1872 veröffentlichter Roman „Erewhon“ inspirierend auf eine ganze Reihe von Intellektuellen des 20. Jahr- hunderts gewirkt hat – von Alan Turing über Gilles Deleuze und Félix Guattari bis hin zu Bruno Latour.20 Butlers Roman ist eine viktorianische Ge- sellschaftssatire – der Titel ist ein Anagramm von „nowhere“ bzw. „now here“21 – und enthält eine ebenso provokante wie avancierte Theorie der Technik, die in den Kapiteln 23 bis 25 entfaltet wird.22 Dieser Teil, der zu- sammengenommen als das „Buch der Maschinen“ firmiert, geht auf einen Essay zurück, den Butler bereits 1863 unter dem Pseudonym „Cellarius“ in einer neuseeländischen Zeitschrift veröffentlicht hat und der den Titel „Darwin Among the Machines“ trägt.23 Beide Texte verbinden eine Reflexion über die gesellschaftlichen Folgen der Industrialisierung mit der Evolutionstheorie, wobei die soziale Proble- matik des Klassenkampfes mit dem Szenario einer bevorstehenden Herrschaft der Maschine über den Menschen enggeführt wird. In eine Art von Herr- Knecht-Dialektik verstrickt, so die Grundthese, werde der Mensch in dem Maße zum Diener der Technik, wie er diese als kontrollierbares Werkzeug missversteht („this is the art of the machines – they serve that they may rule“24). Die Abhängigkeit von der Maschine werde schließlich zur Verskla- vung des Menschen führen, die entweder mit seiner vollständigen Verelen- dung oder mit einer Art Domestizierung durch die Maschinen endet.25 Um die- ses Schicksal abzuwenden, so der ludditische Schluss beider Texte, müssten alle Maschinen vernichtet werden – was dann von den Bewohnern Erewhons auch in die Tat umgesetzt wird. Abgesehen von allen Ambivalenzen, die But- lers Texte kennzeichnen – sie können als Satire auf Darwins Theorie, auf Ma- bare Hände. Automatismen in Medien-, Technik- und Diskursgeschichte, München, 2011, S. 215-256. 20 Samuel Butler, Erewhon, ed. with an introduction by Peter Mudford, London, 1985. [Engl. OA 1872 und 1901.] Um Missverständnissen vorzubeugen sei angemerkt, dass es im Folgen- den nicht um eine Rekonstruktion der spezifischen Einfluss- oder Wirkungsgeschichte Samu- el Butlers, sondern um eine exemplarisch verfahrende Sondierung des zeitgenössischen Tech- nikverständnisses geht. Dabei wird ferner bewusst auf die Unterscheidung zwischen theoreti- schen und fiktionalen Texten verzichtet, an deren Stelle die Annahme einer produktiven Zir- kulationen von Diskursen zwischen Wissenschaft, Technik und Literatur tritt; vgl. zu einem solchen methodischen Rahmen etwa Joseph Vogl (Hg.), Poetologien des Wissens, München, 1999. 21 Vgl. dazu Gilles Deleuze, Differenz und Wiederholung, aus dem Frz. v. Joseph Vogl, 3. Aufl., München, 2007 [frz. OA 1968], S. 13 und S. 355. 22 Zur Einordnung vgl. etwa George B. Dyson, Darwin Among the Machines. The Evolution of Global Intelligence, New York, 1998, S. 15-34. 23 Samuel Butler, „Darwin Among the Machines“ [Letter signed ‚Cellarius‘], in: Press, Christ- church, New Zealand, 13.06.1863, zit. n.: ders.: Note-Books of Samuel Butler, London, o.J., S. 62-66. 24 Butler (1985), Erewhon, S. 207; vgl. ebd., S. 206-208, S. 220-224. 25 Ebd., S. 221. SELBSTLOS 77 schinenstürmerei oder auf beides gelesen werden26 –, besteht ihre anhaltende Faszinationskraft darin, dass der Antagonismus zwischen Mensch und Ma- schine konsequent als biologischer Wettlauf entfaltet wird. Wie zu zeigen sein wird, betreibt Butler dabei nicht lediglich eine Naturalisierung sozialer Kon- flikte, sondern entwickelt eine weitreichende Analyse, die bereits über das Technikverständnis der Moderne hinaus verweist und sich den aktuellen Inter- essen an der Vernetzung natürlicher, technischer und humaner Akteure nähert. Ausgangspunkt ist zunächst das naturphilosophische Konzept der Seinsket- te, der ‚great chain of being‘. Der Hierarchie bzw. Stufenfolge des minerali- schen, des vegetabilen und des animalischen Reichs fügt Butler als viertes Glied das „mechanical kingdom“ hinzu, das allerdings gerade erst anbreche und an dessen ‚vorsintflutlichem‘ Beginn man sich befinde.27 In der weiteren Betrachtung wird die statische Seinskette dann umgehend durch ein evolutio- näres Schema ersetzt. Um die existierenden Maschinen auf der Grundlage ihrer Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Familien, Gattungen, Arten, Vari- anten und Sub-Varianten einzuteilen, müsse man rezente und bereits nicht mehr existierende Verbindungen aufweisen, ausgestorbene Zweige rekonstru- ieren, auch etwaige Rückbildungen oder rudimentäre Organe in Rechnung stellen.28 Nach dem Vorbild der entstehenden Biologie werden morphologi- sche Betrachtungen dabei auf funktionale Gesichtspunkte bezogen und die Er- klärung von Ähnlichkeiten und Differenzen über genealogische Abfolgen plausibel gemacht. Als eindrückliches Beispiel für die Parallele von Technik- geschichte und biologischer Evolution wird die Tendenz zur Miniaturisierung genannt. Wie bei den Wirbeltieren führe etwa die Entwicklung der Uhren zu einer Verkleinerung bis zur Taschenuhr, während frühe bzw. niedere Stufen wie die Turmuhr den Dinosauriern des Tierreichs entsprechen29 – auf eben die- ser Logik basiert noch heute das Moore’sche Gesetz.30 Historischer Ausgangspunkt des konkreten Vergleichs von Mechanismen mit lebenden Organismen ist dabei zunächst der Begriff der Arbeit als Verbin- dungsglied zwischen ökonomischen und physikalischen Zusammenhängen. Dies ist insofern kein Zufall, als die Antagonismen und Konkurrenzen zwi- schen Mensch und Technik, welche die Industrialisierung des 19. – und in ab- gewandelter Form die Automatisierung des 20. Jahrhunderts – hervorbringen, auf der Ersetzung menschlicher durch maschinelle Arbeit beruhen. Innerhalb 26 Vgl. Hans-Peter Breuer, „Samuel Butler’s The Book of the Machines and the Argument from Design“, in: Modern Philology 72, 4 (1975), S. 365-383; Philip J. Pauly, „Samuel Butler and His Darwinian Critics“, in: Victorian Studies 25, 2 (1982), S. 161-180. 27 Butler (o.J.), „Darwin Among the Machines“, S. 62 f. 28 Butler (1985), Erewhon, S. 214 f. 29 Butler (o.J.), „Darwin Among the Machines“, S. 63; ders. (1985), Erewhon, S. 202 f. 30 Gordon E. Moores in den 1960er Jahren formulierte historische Projektion einer exponentiel- len Erhöhung der Integrationsdichte elektronischer Schaltungen wurde in der Folge zu einer quasi natürlichen Gesetzmäßigkeit technologischen Fortschritts umgedeutet, vgl. ders., „Cramming More Components onto Integrated Circuits“, in: Electronics 38, 8 (1965), S. 114- 117. 78 CHRISTOPH NEUBERT der zeitgenössischen Technikphilosophie führt diese ökonomische Substitu- tion auf physikalische Betrachtungen, die den Stoffwechsel lebender Körper mit dem Energieumsatz von Kraft- und Arbeitsmaschinen engführen. In bei- den Fällen wird gebundene Energie in Wärme bzw. Bewegung umgesetzt, und entsprechend lässt sich die Zuführung dieser Energie, ob in Form von Kohle für die Dampfmaschine, als Futter für Tiere oder Essen für menschliche Ar- beiter, als ‚Ernährung‘ bezeichnen.31 Wissenshistorischer Hintergrund dieses Transfers sind Theorien zur mechanischen Arbeit und zur Energieerhaltung etwa bei Sadi Carnot, Julius Robert Mayer oder Hermann von Helmholtz.32 Im Zentrum der zeitgenössischen Biopolitik vermittelt der Begriff der Arbeit somit nicht nur zwischen physikalischen und sozialen Verhältnissen – Natur und Gesellschaft –, sondern zugleich zwischen mechanischen und biologi- schen Verhältnissen – Technologie und Leben. Auch in Butlers Roman finden sich umfangreiche Erörterungen zu den Stoffwechsel- und Energiekreisläufen innerhalb und zwischen Pflanzen, Tie- ren, Menschen und Maschinen.33 Im Rahmen dieser systemischen, proto-öko- logischen Überlegungen entwickelt der Verfasser der erewhonischen Kampf- schrift gegen die Maschinen ferner eine avancierte Theorie des Bewusst- seins.34 Mentale Fähigkeiten werden als emergente Anpassungsleistungen cha- rakterisiert, die nicht auf Menschen und höhere Tiere beschränkt sind, sondern auch bei Pflanzen und Maschinen anzutreffen seien. Als Evidenz wird das zielgerichtete Verhalten fleischfressender Pflanzen oder treibender Kartoffeln angeführt.35 Die evolutionäre Perspektive erlaubt es, die traditionelle, kate- 31 „Wie ist es nun mit den Bewegungen und der Arbeit der organischen Wesen? Jenen Erbauern der Automaten des vorigen Jahrhunderts erschienen Menschen und Thiere als Uhrwerke, wel- che nie aufgezogen würden, und sich ihre Triebkraft aus nichts schafften; sie wussten die auf- genommene Nahrung noch nicht in Verbindung zu setzen mit der Krafterzeugung. Seitdem wir aber an der Dampfmaschine diesen Ursprung von Arbeitskraft kennen gelernt haben, müssen wir fragen: Verhält es sich beim Menschen ähnlich? In der That ist die Fortdauer des Lebens an die fortdauernde Aufnahme von Nahrungsmitteln gebunden, diese sind verbrenn- liche Substanzen, welche denn auch wirklich, nachdem sie nach vollendeter Verdauung in die Blutmasse übergegangen sind, in den Lungen einer langsamen Verbrennung unterworfen werden, und schließlich fast ganz in dieselben Verbindungen mit dem Sauerstoffe der Luft übergehen, welche bei einer Verbrennung in offenem Feuer entstehen würden.“ (Hermann [von] Helmholtz, Ueber die Wechselwirkung der Naturkräfte und die darauf bezüglichen neu- esten Ermittelungen der Physik, Königsberg, 1854, S. 33.) Vgl. im Anschluss an Helmholtz und andere Ernst Kapp, Grundlinien einer Philosophie der Technik. Zur Entstehungsge- schichte der Cultur aus neuen Gesichtspunkten, Braunschweig, 1877, S. 126-138. 32 Vgl. Julius Robert Mayer, Die organische Bewegung in ihrem Zusammenhange mit dem Stoffwechsel. Ein Beitrag zur Naturkunde, Heilbronn, 1845; Helmholtz (1854), Ueber die Wechselwirkung der Naturkräfte, S. 18 ff. 33 Vgl. Butler (1985), Erewhon, S. 208-210. 34 Vgl. ebd., S. 198-204. 35 Als satirischer Seitenhieb auf sozialdarwinistische Implikationen dient in diesem Zusammen- hang der innere Monolog einer Kartoffel: „I will have a tuber here and a tuber there, and I will suck whatsoever advantage I can from all my surroundings. This neighbour I will over- shadow, and that I will undermine; and what I can do shall be the limit of what I will do. He SELBSTLOS 79 goriale Unterscheidung von Geist und Physis durch einen flexiblen Begriff von Bewusstsein zu ersetzen, dessen Spuren sich dann auch bei Maschinen vermuten lassen: „But who can say that the vapour engine has not a kind of consciousness? Where does consciousness begin, and where end? Who can draw the line?“36 In einer Verallgemeinerung dieser Überlegungen werden den Maschinen neben dem Bewusstsein ferner die kritischen Fähigkeiten der Wahrnehmung, der Kommunikation und des Lernens zugesprochen.37 Auch hierbei handelt es sich nicht um präformierte Eigenschaften, sondern um relative Muster, die einer Dynamik der Adaptation folgen. Analog zu ein- fachen und komplexeren Lebensformen steigern die Maschinen, so die An- nahme, ihren Organisationsgrad im Austausch mit ihrer Umwelt: For how many emergencies is an oyster adapted? For as many as are likely to happen to it, and no more. So are the machines; and so is man himself. The list of casualties that daily occur to man through his want of adaptability is probably as great as that occurring to the machines; and every day gives them some greater provision for the unforeseen.38 Die aus dem Anpassungsdruck bzw. -wunsch resultierende Eigenkomplexität ist eine Funktion der Umweltkomplexität (‚emergencies‘, ‚casualties‘), die wiederum keine Konstante darstellt, sondern ihrerseits der Beschaffenheit des Organismus/Mechanismus entspricht. Die Symmetrisierung von Auster, Mensch und Maschine nimmt somit den später von Jakob Johann von Uexküll eingeführten Begriff der ‚Umwelt‘ vorweg, die im Unterschied zur ‚Um- gebung‘ das Korrelat der internen Organisation einer Lebensform darstellt.39 Und was der erewhonische Technikphilosoph anschließend zum Eigenleben der Dampfmaschine vorbringt, ist nichts anderes als eine kybernetische Argu- mentation, die bei der Beschreibung von Anpassungsleistungen auf zirkuläre Kausalität und Feedback-Prozesse abstellt: Let any one examine the wonderful self-regulating and self-adjusting contriv- ances which are now incorporated with the vapour-engine, let him watch the way in which it supplies itself with oil; in which it indicates its wants to those who tend it; in which, by the governor, it regulates its application of its own strength; let him look at that store-house of inertia and momentum [of] the fly-wheel, or at the buffers on a railway carriage; let him see how those improvements are being selected for perpetuity which contain provision against the emergencies that may arise to harass the machines, and then let him think of hundred thousand years, and the accumulated progress which they will bring [...].40 that is stronger and better placed than I shall overcome me, and him that is weaker I will over- come.“ (Ebd., S. 201.) 36 Ebd., S. 199. 37 Ebd., S. 203. 38 Ebd., S. 219 f. 39 Vgl. Jakob Johann von Uexküll, Umwelt und Innenwelt der Tiere, Berlin, 1909, S. 1-10, S. 191-196, S. 248-253. 40 Butler (1985), Erewhon, S. 219 f. 80 CHRISTOPH NEUBERT Die evolutionäre Auslese operiert somit nicht auf einfachen Werkzeugen, son- dern auf Systemen, die ihre Umweltbeziehung wesentlich über Mechanismen der Selbstreferenz (‚self-regulating and self-adjusting contrivances‘) herstel- len. Von hier ist es nur ein kleiner Schritt zur konstruktivistischen Perspektive, in der Leben als Selbstorganisation nach dem Prinzip order from noise (Heinz von Foerster), also als Informationsgewinn erscheint.41 Jedenfalls markieren bereits Butlers Überlegungen in dieser Hinsicht einen scharfen Bruch mit der Tradition, in der der Mensch zugleich als Ursache und als Zweck der Technik erscheint. 3. Reproduktion: Hummeln, Menschen, Blattläuse Die Idee eines kontinuierlichen Evolutionsprozesses setzt indessen die Weiter- gabe individueller Anpassungsleistungen voraus. Neben Qualitäten wie Be- wusstsein und Lernfähigkeit aufseiten des Individuums ist damit Wieners zweites Kriterium für Lebensformen berührt, nämlich die Fähigkeit zur Fort- pflanzung; denn das Ineinandergreifen von ontogenetischer und phylogeneti- scher Anpassung ist von der Reproduktion der Spezies abhängig. Dass es auch in diesem Zusammenhang nicht lediglich um eine Analogie zwischen techni- schen und biologischen Wesen geht, wird in Butlers Buch der Maschinen aus- führlich erörtert.42 Einige seien der Auffassung, heißt es dort, that the machines can never be developed into animate or quasi-animate exis- tences, inasmuch as they have no reproductive system, nor seem ever likely to possess one. If this be taken to mean that they cannot marry, and that we are never likely to see a fertile union between two vapour-engines with the young ones playing about the door of the shed, however greatly we might desire to do so, I will readily grant it. But the objection is not a very profound one. No one expects that all the features of the now existing organisations will be absolutely repeated in an entirely new class of life. The reproductive system of animals dif- fers widely from that of plants, but both are reproductive systems.43 Hintergrund dieser Argumentation ist zunächst das klare Bewusstsein, dass die Maschine mit der Ära der Industrialisierung im Zeitalter ihrer technischen Re- produzierbarkeit angelangt ist. Prozesse der Standardisierung und Mechanisie- rung innerhalb der Produktion betreffen nicht nur Güter, sondern die Fertigung der Produktionsmittel selbst. Dieser Sachverhalt rückt die Maschine des 19. Jahrhunderts in den Kontext einer Technik zweiter Ordnung44 und damit in 41 Vgl. Heinz von Foerster, „Über selbstorganisierende Systeme und ihre Umwelten“ [1960], in: ders., Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke, hg. von Siegrid J. Schmidt, Frankfurt/M., 1993, S. 211-232. 42 Butler (1985), Erewhon, S. 210-213. 43 Ebd., S. 210. 44 „Die Dampfmaschine, als Maschine im eminenten Sinne, ist in der Rotunde der Grossindus- trie die Maschine der Maschinen, ähnlich wie wir im Bereich der mechanischen Einzelgestal- SELBSTLOS 81 Opposition zu all jenen kunstvollen Automaten, die bis dato als Unikate von Menschenhand gefertigt wurden und somit in allererster Linie Zeugen einer überlegenen humanen Kreativität waren. Der Einwand, dass die Vermehrung der Maschinen nicht dem Vorbild des Lebens entspricht, in dem Organismen andere Organismen nach ihrem Bilde erzeugen – auf dieser theologischen For- mulierung insistiert noch Wiener –, lässt Butlers Philosoph nicht gelten. Die- ser Einwand enthält drei Gegenargumente, die systematisch entkräftet werden. Selbst wenn man, so das erste Argument, die Reproduktionsfähigkeit der Ma- schinen grundsätzlich einräume, so verdanke sie sich letztlich immer noch der Initiative und der Kontrolle des Menschen. Die Entgegnung bemüht Evidenz aus dem Tier- und Pflanzenreich, wo ein entsprechender Zusammenschluss heterogener, biologisch entfernt stehender Lebensformen keine Seltenheit ist: [B]ut is it not insects that make many of the plants reproductive, and would not whole families of plants die out if their fertilisation was not effected by a class of agents utterly foreign to themselves? Does any one say that the red clover has no reproductive system because the humble bee (and the humble bee only) must aid and abet it before it can reproduce? No one. The humble bee is a part of the re- productive system of the clover. Each one of ourselves has sprung from minute animalcules whose entity was entirely distinct from our own, and which acted af- ter their kind with no thought or heed of what we might think about it. These lit- tle creatures are part of our own reproductive system; then why not we part of that of the machines?45 Das zweite Argument gegen die Reproduktionsfähigkeit der Maschine stützt sich auf deren selektiven bzw. vikariierenden Charakter, auf den Umstand also, dass manche Maschinen komplett unfruchtbar seien. Butlers Philosoph verweist auch hier auf Vorbilder unter den Insekten; bei Ameisen und Bienen existiert eine Arbeitsteilung zwischen den Individuen bezüglich der Reproduk- tion der Spezies und etwa der Futtersuche. Den dritten Einwand, dass sich Ma- schinen nur in Teilen und praktisch niemals, wie bei lebenden Organismen, im Ganzen fortpflanzen, lässt Butlers Philosoph ebenfalls nicht gelten: We are misled by considering any complicated machine as a single thing; in truth it is a city or society, each member of which was bred truly after its kind. We see a machine as a whole, we call it by a name and individualise it; we look at our own limbs, and know that the combination forms an individual which springs from a single centre of reproductive action; we therefore assume that there can be no reproductive action which does not arise from a single centre; but this assumption is unscientific […]. The truth is that each part of every va- pour-engine is bred by its own special breeders, whose function it is to breed that part, and that only, while the combination of the parts into a whole forms another tungen das Handwerkzeug als Werkzeug zu allem anderen Werkzeug kennen gelernt haben.“ Kapp (1867), Grundlinien einer Philosophie der Technik, S. 126 f., [Herv. i. O.] 45 Butler (1985), Erewhon, S. 210 f. 82 CHRISTOPH NEUBERT department of the mechanical reproductive system, which is at present exceed- ingly complex and difficult to see in its entirety.46 Ausgehend von der partiellen Reproduktion und der genealogischen Folge münden diese Überlegungen zur Beziehung zwischen Teil und Ganzem somit in eine generelle Theorie der Identität von Organismen bzw. Mechanismen: Bei näherer Betrachtung löst sich die Maschine in ein Kollektiv heterogener Bestandteile auf, das hier als Stadt oder Gesellschaft figuriert wird. Ganz ana- log erscheint nun an anderer Stelle auch der menschliche Körper auf der Ebene seiner Mikrostruktur als Ensemble einer Vielzahl nicht humaner Akteu- re. Zur Veranschaulichung ihres Zusammenspiels innerhalb des Stoffwechsels bezieht sich Butler ebenfalls auf ein urbanes Szenario, wobei die Aufmerk- samkeit auf Verkehrs-, Material- und Nachrichtenflüsse gerichtet wird: It is said by some that our blood is composed of infinite living agents which go up and down the highways and byways of our bodies as people in the streets of a city. When we look down from a high place upon crowded thoroughfares, is it possible not to think of corpuscles of blood travelling through veins and nourish- ing the heart of the town? No mention shall be made of sewers, or of the hidden nerves which serve to communicate sensations from one part of the town’s body to another; nor of the yawning jaws of the railway stations, whereby the circula- tion is carried directly into the heart , – which receive the venous lines, and dis- gorge the arterial, with an eternal pulse of people. And the sleep of the town, how life like! with its change in the circulation.47 Ein derartiger Vergleich zwischen Körper und Stadt, der im Anschluss an Wil- liam Harveys Beschreibung des Blutkreislaufs im 17. Jahrhundert möglich und topisch wird, zielt auf eine spezifische Analogie biologischer und sozialer Organisation.48 Anders als bei Hobbes’ Leviathan geht es hierbei nicht um das spekulative Verhältnis einer wechselseitigen Repräsentation von Individuum und Gemeinwesen, sondern um ein funktionales Verhältnis der Zirkulation. Nicht die Einrichtung des Staates und die Stabilisierung politischer Souveräni- tät, sondern die Verfassung der Stadt als dynamisches, logistisches Netzwerk bildet das tertium comparationis zum biologischen Metabolismus. Noch Ernst Kapp, der eine Identifizierung von Tier (oder gar Mensch) und Maschine strikt ablehnte,49 hatte die technikhistorische Überwindung des mechanistischen zu- 46 Ebd., S. 212. Eine entsprechende Arbeitsteilung bei Pflanzen und Insekten wird von Darwin als mögliche evolutionäre Grundlage der Entstehung der Geschlechter erörtert, vgl. Charles R. Darwin, On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life, London, 1859, S. 93 f. 47 Butler (1985), Erewhon, S. 206. 48 Vgl. dazu Richard Sennet, Fleisch und Stein. Der Körper und die Stadt in der westlichen Zivi- lisation, Frankfurt/M., 1997 [engl. OA 1994], S. 319-336. Auch die Idee des Staats als kyber- netischer Organismus hat ihre Wurzeln bereits im 17. Jahrhundert, vgl. Wiener (1961), Cy- bernetics, S. 155 ff. und Joseph Vogl, „Regierung und Regelkreis. Historisches Vorspiel“, in: Claus Pias (Hg.), Cybernetics – Kybernetik. The Macy-Conferences 1946-1953, Bd. II: Es- says & Documents / Essays & Dokumente, Zürich, Berlin, 2004, S. 67-79. 49 Vgl. Kapp (1867), Grundlinien einer Philosophie der Technik, S. 130 ff. SELBSTLOS 83 gunsten eines ‚organischen‘ Paradigmas im Anschluss an Hegel an das Telos des Staates gebunden.50 Bei Butlers Rekurs auf den Stadt-Körper stehen ganz andere Einsätze auf dem Spiel. Hier geht es nicht um geschichtstheologische Abschlussfiguren, sondern darum, die Identitäten mechanischer wie organi- scher Körper aufzulösen, um das Verhältnis sozialer, biologischer und techni- scher Formationen als Geflecht heteronomer Beziehungen neu zu bestimmen. Der Mensch, heißt es bei Butler, sei „such a hive and swarm of parasites that it is doubtful whether his body is not more theirs than his, and whether he is anything but another kind of ant-heap after all. May not man himself become a sort of parasite upon the machines? An affectionate machine-tickling aphid?“51 Der Rekurs auf die Insekten ironisiert hier den klassischen sozialphilosophi- schen Topos der Staatenbildung, der mit Begriffen wie ‚Stock‘, ‚Schwarm‘ und ‚Haufen‘ evoziert ist; an Stelle der Binnensozialität der Insekten sind viel- mehr ihre symbiotischen bzw. parasitären Beziehungen zu anderen Spezies von Interesse, die für die ontologische Durchlässigkeit der Grenzen zwischen Mensch, Tier und Maschine einstehen. Besonders durchlässig sind diese Grenzen natürlich dort, wo es um Fragen der Reproduktion geht. Nicht zufällig hatte Darwin selbst die Beziehung zwi- schen Pflanzen und bestäubenden Insekten, insbesondere das oben zitierte Beispiel der Ko-Evolution von Hummel und rotem Klee, auf das sich Butler stützt, zur Erläuterung des Prinzips der natürlichen Auslese herangezogen.52 Nach der Veröffentlichung der „Origin of Species“ intensivierte Darwin seine Untersuchungen zur Rolle und zu den evolutionären Vorteilen der Fremdbe- stäubung bei der Reproduktion von Pflanzen; nur die gegenseitige Befruch- tung verschiedener Individuen einer Spezies, so die Annahme, sichere jene Variation, auf der die natürliche Selektion operieren könne.53 Sein nächstes Buch, On the Various Contrivances by which British and Foreign Orchids are Fertilised by Insects, and on the Good Effects of Intercrossing54, erscheint ein Jahr vor Butlers Essay „Darwin Among the Machines“ und beschäftigt sich mit den variationsreichen, hoch spezialisierten Mechanismen, mit denen Or- chideenblüten die Pollenübertragung durch Insekten wie etwa Motten sicher- stellen. Zum historisch wirkmächtigen Beispiel wurden in diesem Zusammen- hang die Ragwurze, Orchideen der Gattung Ophrys: Die einzelnen Spezies produzieren keinen Nektar, vielmehr hat das Labellum ihrer Blüten jeweils die Gestalt und Farbe spezifischer weiblicher Wespen, Bienen oder Fliegen ausge- bildet und verströmt darüber hinaus entsprechende Pheromone. Auf dem We- 50 Das wäre eine wohlwollende philosophiegeschichtliche Einordnung des ideologiegesättigten Schlusskapitels, in dem Kapp seine Techniktheorie in nationalistischen und militaristischen Betrachtungen untergehen lässt.Vgl. ebd., S. 307-351. 51 Butler (1965), Erewhon, S. 205 f. 52 Vgl. Darwin (1859), Origin of Species, S. 73 f., S. 91 ff. und S. 94 ff. 53 Zum „Intercrossing“ vgl. ebd., S. 96 ff. 54 Charles R. Darwin, On the Various Contrivances by which British and Foreign Orchids are Fertilised by Insects, and on the Good Effects of Intercrossing, London, 1862. 84 CHRISTOPH NEUBERT ge dieser optischen und chemischen Sexualtäuschung werden die entsprechen- den männlichen Insekten angelockt und zur Kopulation mit der Blüte verleitet, wobei sie den Pollen der Pflanze angeklebt bekommen, um ihn in analoger Weise auf andere Blüten zu übertragen (vgl. Abb. 1). 1 – Ko-Evolution von Biene und Orchidee (Still aus dem Film Adaptation, USA 2002, Regie: Spike Jonze, TC 00:25:08) Darwin selbst ist dieser evolutionäre Trick der Ophrys-Arten bemerkenswer- terweise entgangen: Trotz seiner Fixierung auf die Doktrin der „cross-fertilisa- tion“ und trotz seiner umfangreichen Orchideen-Beobachtungen hielt er aus- gerechnet die Bienen-Ophrys für einen Selbstbestäuber,55 weshalb ihm diese Pflanze sein Leben lang suspekt blieb.56 Vielleicht ist Darwins Blindheit für die Sexualtäuschung kein Zufall, denn was das Insekt angeht, so wird es in der betreffenden Ökonomie lediglich mit einer ‚unproduktiven‘ Erregung belohnt. Wichtig wird diese Paradoxie dann bei Gilles Deleuze und Félix Guattari, die eine entsprechende Beziehung zwischen Orchidee und Wespe exemplarisch im Sinne einer Durchbrechung des evolutionären Schemas interpretieren: Beim „Wespe-Werden“ der Orchidee und dem „Orchidee-Werden“ der Wespe gehe es nicht um Kalküle der Ähnlichkeit, um Strategien der Imitation oder der Mimikry, heißt es in den „Milles Plateaux“, sondern vielmehr um eine Be- ziehung heterogener Serien.57 Auf dem Spiel steht hier die Ersetzung des Stammbaums als zentraler Figur des evolutionistischen Denkens, das zugleich genealogische Folgen und hierarchischen Strukturen projiziert, gegen die ‚fla- 55 Vgl. Darwin (1862), On the Various Contrivances by which British and Foreign Orchids are Fertilised by Insects, S. 54-73, bes. S. 62 ff.; so auch noch in der zweiten, revidierten Auflage des Buchs, die zuletzt 1882 erscheint. 56 Darwin soll den Wunsch geäußert haben, einige tausend Jahre alt werden zu dürfen, nur um das Aussterben der Bienenorchidee zu erleben, das nach seiner Theorie notwendig aus der fortgesetzten Selbstbefruchtung dieser Pflanze folgen musste, vgl. Charles R. Darwin, The Life and Letters of Charles Darwin, Including an Autobiographical Chapter, hg. v. Francis Darwin, Bd. 3, London, 1887, S. 276. 57 Vgl. Gilles Deleuze/Félix Guattari, Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie [II], übers. v. Gabriele Ricke u. Ronald Voullié, hg. v. Günther Rösch, Berlin, 1997 [frz. OA 1980], S. 20 ff. SELBSTLOS 85 chen‘ und netzwerkartigen Beziehungen des Rhizoms. Die biologisch-maschi- nelle Reproduktion entfernt sich damit vom familialen Schema – das bereits Butler mit dem Bild der verheirateten Dampfmaschinen und ihrer auf der Schwelle der Hütte spielenden Kinder ironisiert hatte –, zugunsten einer Kon- stellation, in der die Identität und Stabilität molarer Einheiten wie Gattung, Spezies oder Subjekt zugunsten molekularer Mannigfaltigkeiten aufgelöst wird. Am Horizont erscheint eine andere Re-Produktionslogik, in deren Kon- text der Mensch, wie bei Butler, als „machine-tickling aphid“ erscheinen kann.58 4. Extension: Viktorianische Prothesen Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass das grundlegende Schema eines evolutionären Antagonismus zwischen Mensch und Maschine bereits inner- halb des Darwin’schen Bezugssystems nicht haltbar ist. So ist es folgerichtig, dass Butlers Erzähler am Ende in Erewhon auf eine anti-ludditische Schrift stößt, in der die genealogische Trennung zwischen humanen und technischen Lebensformen selbst aufgehoben wird; der Verfasser dieser Schrift führt eine elaborierte Theorie der Technik als anthropologischer Extension ins Feld: Its author said that machines were to be regarded as a part of man’s own physical nature, being really nothing but extra-corporeal limbs. Man, he said, was a machinate mammal. The lower animals keep all their limbs at home in their own bodies, but many of man’s are loose, and lie about detached, now here and now there, in various parts of the world – some being kept always handy for contin- gent use, and others being occasionally hundreds of miles away. A machine is merely a supplementary limb; this is the be all and end all of machinery. We do not use our own limbs other than as machines; and a leg is only a much better wooden leg than any one can manufacture.59 Überlegungen dieser Art, die im zeitgenössischen Denken virulent sind und auf die wenig später von Ernst Kapp formulierte Theorie der „Organprojek- tion“60 vorausweisen, werden in ähnlich gelagerten Technik- und Medienan- thropologien von John D. Bernal über Georges Canguilhem bis zu Marshall McLuhan dominant bleiben. Als Beispiele technischer Körpererweiterungen dienen Butler der Spaten als Verlängerung des Arms, der Schirm als Schutz gegen die Witterung, der Webstuhl als Implementierung handwerklicher Aus- dauer und Präzision. Neben diesen Werkzeugen, Apparaten und Maschinen, welche die menschliche Motorik erweitern, werden auch Medien genannt, die 58 Im Anschluss an Deleuze und Guattari haben Michael Hardt und Antonio Negri das Beispiel von Wespe und Orchidee jüngst erneut aufgegriffen, um ihre Idee einer postkapitalistischen, ‚biopolitischen‘ Ökonomie zu erläutern, vgl. Michael Hardt/Antonio Negri, Common Wealth. Das Ende des Eigentums, Frankfurt/M., 2010 [engl. OA 2009], S. 199-201. 59 Butler (1965), Erewhon, S. 223. 60 Vgl. Kapp (1867), Grundlinien einer Philosophie der Technik, S. 27-39 et pass. 86 CHRISTOPH NEUBERT der Verstärkung sensorischer und intellektueller Fähigkeiten dienen: Fernrohr und Mikroskop dehnen den Wahrnehmungsbereich des Auges aus, Rechenma- schinen überbieten die mathematischen Leistungen des Gehirns, das Gedächt- nis wird durch schriftliche Aufzeichnung ersetzt.61 Ganz konkret statte sich der individuelle Körper je nach Bedürfnis und Möglichkeit mit Prothesen aus, so dass der Mensch bereits bei Butler als variables biologisch-technisches Hy- brid, als Cyborg avant la lettre erscheint: We vary our physique with the seasons, with age, with advancing or decreasing wealth. [...] Man has now many extra-corporeal members, which are of more im- portance to him than a good deal of his hair [...]. He becomes more and more complex as he grows older; he will then be seen with see-engines, or perhaps with artificial teeth and hair.62 Höher organisierte (das heißt wohlhabendere) Exemplare der Gattung könnten ihre Körper ferner an Verkehrs- und Nachrichtentechniken anschließen und so Raum und Zeit, schließlich alle Bürden der materiellen Existenz überwinden – „to the rich, matter is immaterial; the elaborate organisation of his extra-cor- poreal system has freed his soul“63. Die hier aufblitzende Utopie, die an aktuelle Phantasien digitalen Existie- rens gemahnt,64 wird natürlich umgehend auf ihre Kehrseite verwiesen. Die technische Vervollkommnung könnte nämlich umgekehrt zu einer organischen Verkümmerung des Menschen führen, in deren Verlauf „the whole body might become purely rudimentary, the man himself being nothing but soul and mechanism, an intelligent but passionless prinicple of mechanical action“65. Das im Umweg über die Evolutionstheorie der Maschine gewonnene Men- schenbild würde sich damit am Ende wieder jenen barocken Konzeptionen an- nähern, von denen es im Rahmen der philosophischen Anthropologie ausge- gangen war. Insofern Extensions- bzw. Prothesentheorien letztlich Körper- und Bewusstseinsgrenzen verhandeln, werden die entsprechenden technik- und medienhistorischen Entwürfe notwendig von Szenarien der Behinderung und Verstümmelung, damit zusammenhängend der Anästhesie und Narkose (als Kehrseiten des anthropologischen Narzissmus) heimgesucht; moderne Medientheoretiker wie McLuhan und Virilio haben diese Dialektik erörtert.66 Bei Butler eröffnet die Annahme einer unauflöslichen Verschränkung huma- ner und technischer Evolution eine Perspektive, in der der ‚Mensch‘ auf der Ebene der Zivilisation wie auf der Ebene des Körpers das Produkt von Kultur- Techniken ist: 61 Butler (1965), Erewhon, S. 205. 62 Ebd., S. 224. 63 Ebd., S. 225. 64 Vgl. Nicholas Negroponte, Being Digital, New York, 1995. 65 Butler (1965), Erewhon, S. 224. 66 Vgl. Marshall McLuhan, Die magischen Kanäle – Understanding Media, 2. erw. Aufl., Dres- den, Basel, 1995 [engl. OA 1964], S. 73-83; Paul Virilio, „Die Perspektive der Echtzeit“, in: ders., Fluchtgeschwindigkeit. Essay, Frankfurt/M., 1999, S. 52 f. SELBSTLOS 87 [C]ivilization and mechanical progress advanced hand in hand, each developing and being developed by the other [...]. In fact, machines are to be regarded as the mode of development by which human organism is now especially advancing, every past invention being an addition to the resources of the human body.67 Die Analyse des Menschen als ‚machinate mammal‘ bildet das Gegenstück zur Idee des Menschen als parasitärem Anhängsel der Maschine. Hatte Butler im Kontext der Reproduktion eine vitalistische Techniktheorie entfaltet, so entwirft er im Rahmen der Extensionstheorie umgekehrt eine mechanistische Auffassung des menschlichen Körpers, womit die Alternative zwischen Vita- lismus und Mechanismus selbst an ihre Grenze geführt wird.68 5. Diffusion: Verbreitung von Innovationen Der Durchgang durch die Technikphilosophie Butlers hat somit eine ganze Reihe von Argumenten freigelegt, die für die weitere Diskussion wichtig sind. Erstens: Nicht die Technowissenschaften des 20. und 21. Jahrhunderts, son- dern die Evolutionstheorien des 19. Jahrhunderts nivellieren den Unterschied zwischen Technologie und Biologie; die Reflexion, die die Entwicklung der Energiemaschinen der industriellen Revolution begleitet, rückt diese unmittel- bar in den Kontext der Lebenswissenschaften. Dabei geht es zweitens nicht vorrangig um mentale Kategorien wie Bewusstsein oder Intelligenz, noch um die Frontstellung von Vitalismus und Mechanismus im Sinn der philosophi- schen Anthropologie des 17. und 18. Jahrhunderts, d. h. um Spiegelungen von Mensch und Maschine, Fragen von Freiheit und Notwendigkeit oder mind- body-Probleme. Drittens werden biologische und technische Wesen nicht als Subjekte bzw. Objekte gesehen, sondern als komplexe, heterogene, verteilte Systeme ohne Zentrum; bei Butler zeichnet sich ab, dass das Ganze nicht mehr ist als die Summe seiner Teile. Mit der Auflösung von Identitäten zugunsten von Differenzen geht viertens eine nicht lediglich metaphorische Hybridisie- rung einher: Mensch, Tier und Maschine sind im Blick auf ihre Reproduk- tionsmechanismen real untereinander vernetzt. Das biotechnologische, quasi transhumanistische Szenario mündet bei Butler aber keineswegs in einen posi- tiv besetzten Entdifferenzierungsmythos, sondern vielmehr, wie bei Wiener, in eine potenziell tödliche Bedrohung. Butlers „Darwin Among the Machines“ schließt auf überraschende Weise mit einer schroffen Kriegserklärung an die 67 Butler (1965), Erewhon, S. 223 f. 68 Vgl. dazu Gilles Deleuze/Félix Guattari, Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I, übers. v. Bernd Schwibs, 3. Aufl., Frankfurt/M., 1981 [frz. OA 1972], S. 365 ff.; zur Diskus- sion von Vitalismus und Mechanismus innerhalb der Technikphilosophie vgl. Otto Bütschli, Mechanismus und Vitalismus, Leipzig, 1901; ferner grundlegend David F. Channell, The Vital Machine. A Study of Technology and Organic Life, New York, Oxford, 1991. Zu But- lers Positionierung in diesem Kontext vgl. Dyson (1998), Darwin Among the Machines, S. 15-34. 88 CHRISTOPH NEUBERT Maschinen: „war to the death should be instantly proclaimed against them“69, um die Unterdrückung und Auslöschung der menschlichen Rasse zu verhin- dern. Die Naturalisierung technischer Entwicklung treibt eine Eigendynamik hervor, die gegenüber der menschlichen Gesellschaft letztlich als transzendent und destruktiv erscheint. Man mag vermuten, dass Butler mit diesem paradoxen Schluss gegen eine Epistemologie und Ontologie anschreibt, in deren Kontext sich das Evolu- tionsmodell im Ausgang von Darwin und Spencer anschickt, zur universalen Theorie einer Programmierung biologischer, technischer und kultureller Ab- läufe zu werden, die umso schicksalhafter erscheint, als sie scheinbar ohne Te- leologien, Zwecke oder Intentionen auskommt. Dass die Attraktivität des Evo- lutionsschemas als Metaerklärung aktuell ungebrochen ist, bezeugt die Verall- gemeinerung des Darwinismus zur „Evolutionary Epistemology“,70 zu einer „Universal Selection Theory“71 oder einem „Universal Darwinism“, in dessen Rahmen sich molekulare und mentale Einheiten, Gene und ‚Meme‘, in densel- ben Überlebenskampf verstrickt sehen.72 Aber auch was die Medien- und Technikgeschichte betrifft, hält sich seit viktorianischer Zeit die Annahme, dass technologischer Fortschritt auf einem Wechselspiel von Variation bzw. Innovation und quasi-natürlicher Auslese basiert, das zu einer ständigen Optimierung und Leistungssteigerung führt.73 Abbildung 2 zeigt ein Werbeplakat der Pariser Verwaltung für den öffentli- chen Nahverkehr, RATP, zur Einführung eines neuen Busses, die sich in die- sem Sinn explizit auf Darwin beruft. Im Text heißt es: Darwin was right! RATP means the evolution and adaptation of buses in an ur- ban environment. In 1859 Darwin proposed his theory of evolution, maintaining that the struggle for life and natural selection should be seen as the basic mecha- nisms of evolution. The latest product of this evolution is the R-312 bus [...]. For 69 Butler (o.J.), „Darwin Among the Machines“, S. 66. 70 Donald T. Campbell, „Evolutionary Epistemology“, in: Paul Arthur Schilpp (Hg.), The Phi- losophy of Karl Popper, Bd. 1, La Salle, IL, 1974, S. 413-463. 71 Gary Cziko, Without Miracles. Universal Selection Theory and the Second Darwinian Revo- lution, Cambridge, MA, 1995; Mark H. Bickhard/Donald T. Campbell, „Variations in Varia- tion and Selection. The Ubiquity of the Variation-and-Selective-Retention-Ratchet in Emer- gent Organizational Complexity“, in: Foundations of Science, 8 (2003), S. 215-282. 72 Richard Dawkins, The Selfish Gene, New York, 1976; zur weiteren Ausformulierung der Mem-Theorie vgl. Susan Blackmore, The Meme Machine, Oxford, New York, 1999; zur Kritik vgl. z. B. Gustav Jahoda, „The Ghosts in the Meme Machine“, in: History of the Hu- man Sciences 15, 2 (2002), S. 55-68. 73 Man denke hier erneut an das ‚Moore’sche Gesetz‘, das fast den Status eines Naturgesetzes angenommen hat, s. o., Anm. 30. Als (wenig überzeugendes) Beispiel einer vom Evolutions- gedanken inspirierten Mediengeschichte vgl. Paul Levinson, The Soft Edge. A Natural His- tory and Future of the Information Revolution, London, New York, 1997; wesentlich reflek- tierter und kritisch dagegen W. J. T. Mitchell, What Do Pictures Want? The Lives and Loves of Images, Chicago, IL, London, 2005. SELBSTLOS 89 the occasion, today’s buses and their predecessors will join in a big parade in honor of the R-312.74 2 – Technikdarwinismus im 20. Jahrhundert Mit diesem Plakat lässt Latour seine Studie „Aramis, ou l’amour des techni- ques“ beginnen, die das Scheitern eines innovativen Verkehrssystems in Paris untersucht, eines Projekts, das mit hohem finanziellem, technischem, perso- nellem und politischem Aufwand über zwölf Jahre verfolgt wurde, bis es schließlich 1987 buchstäblich sang- und klanglos eingestellt wurde. Latours Kritik an diesem Modell beinhaltet im Wesentlichen zwei Punkte: Zum einen unterstellt es eine technische Autonomie, die soziale Aspekte außer Acht lässt bzw. zu Faktoren eines nicht näher bestimmten gesellschaftlichen ‚Kontextes‘ macht; zum anderen unterschlägt es die Tatsache, dass sich technische Inno- vationen in aller Regel auch dann nicht durchsetzen, wenn sie unter Optimie- rungsgesichtspunkten als die bestangepasste Lösung erscheinen. Beiden Kri- tikpunkten am Evolutionsmodell kann mit dem Symmetrieprinzip der Wissen- schaftssoziologie der Edinburgh School begegnet werden, das verlangt, Erfolg 74 Bruno Latour, Aramis, or The Love of Technology, Cambridge, MA, London, 1996 [frz. OA 1993], S. 1. 90 CHRISTOPH NEUBERT und Scheitern wissenschaftlicher oder technischer Neuerungen mittels dersel- ben, d. h. sozialer Kategorien zu erklären.75 Als ein Gegenmodell zur technischen Evolution bietet sich aus der Perspek- tive des Sozialkonstruktivismus die Innovationssoziologie an, die sich am Konzept der Diffusion orientiert. Der Begriff der Diffusion bezeichnet die Weitergabe und Verbreitung von Ideen, Praxen oder Objekten innerhalb und zwischen Kulturen bzw. Gesellschaften. Die Diffusionsforschung ist also keine Schule, sondern disziplinär und entstehungsgeschichtlich breit gefächert zwischen Kulturanthropologie, Ethnologie, Soziologie, medizinischer Epide- miologie und Ökonomie. Everett M. Rogers, der diese Strömungen seit den 1960er Jahren gebündelt und systematisiert hat,76 definiert den Gegenstand folgendermaßen: „Diffusion is the process by which (1) an innovation (2) is communicated through certain channels (3) over time (4) among the members of a social system.“77 Hauptelemente der Diffusion sind also erstens die Neuerung selbst, zweitens Kommunikationskanäle, drittens Zeitverläufe, viertens das Sozialsystem. Stellt man den Grad der Annahme einer Innovation als Funktion der Zeit dar, ergibt sich typischerweise kein linearer, sondern ein s-förmiger Verlauf, der auf ein unterschiedliches Akzeptanzverhalten zurück- geführt wird (vgl. Abb. 3). 3 – Diffusionsprozess nach Rogers Dabei werden fünf Gruppen unterschieden: Den führenden Innovatoren folgt eine relativ kleinen Anzahl sogenannter „Early Adopters“, ihnen folgt die „Early Majority“ gezielter Übernehmer, gefolgt von der „Late Majority“ der 75 Zum Symmetrieprinzip im Rahmen der Wissenschaftssoziologie und der Akteur-Netzwerk- Theorie vgl. Michel Callon, „Einige Elemente einer Soziologie der Übersetzung: Die Domestikation der Kammmuscheln und der Fischer der St. Brieuc-Bucht“, in: Andréa Belliger/David J. Krieger (Hg.), ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur- Netzwerk-Theorie, Bielefeld, 2006, S. 135-174. 76 Sein Standardwerk Diffusion of Innovations erschien 1962, in der 5. Aufl. zuletzt 2003. 77 Ebd., S. 11. SELBSTLOS 91 Skeptiker, gefolgt schließlich von einer wiederum kleinen Anzahl sogenannter „Laggards“, konservativer Nachzügler. Neben den Elementen und Gruppen geht die Diffusionstheorie von fünf Phasen der Übernahme aus: Zunächst erf- olgt die Information über die Innovation (knowledge), danach der Überzeu- gungsprozess (persuasion), drittens die Entscheidung (decision) über Annah- me oder Ablehnung, viertens die Implementierung und fünftens die Phase der Bestätigung.78 Diese Skizzierung einiger Basics des Modells lässt bereits erah- nen, dass hier ein komplexes Erklärungsraster gegeben ist, das gemäß dem ge- nannten Symmetrieprinzip eben nicht nur den Erfolg, sondern gerade auch die Schwierigkeiten oder das Scheitern von Innovationen sozial erklärt. Einschlä- gige Beispiele für die Verlustseite des Fortschritts sind der verzögerte Einsatz von Gemüse und Obst gegen Skorbut in der britischen Marine,79 das Schatten- dasein des Dvorak-Keyboards,80 die versäumte Vermarktung des Personal Computer samt Drucker und Maus bei Xerox,81 der Tod des lautlosen Kühl- schranks82 und unzählige andere verpasste technische und wissenschaftliche Errungenschaften. Im gegebenen Zusammenhang sind nun am Diffusionsmodell zwei Punkte hervorzuheben: Zum einen liegt sämtliche Erklärungskraft und Initiative im Sozialbereich, Handlungsträger und Entscheider sind ausnahmslos Menschen. Neben der ontologischen Beschaffenheit der Akteure, die in die Rollen von „Opinion Leaders“, „Change Agents“ und „Gate Keepers“ schlüpfen dürfen, ist zweitens die Dominanz von mentalistischen Erklärungskategorien augen- fällig: Bewusstsein, Wille, Beeinflussung, Überzeugung, ggf. auch emotionale Qualitäten, bestimmen den Diffusionsprozess. Die postulierten Gesetzmäßig- keiten erscheinen aus der Perspektive der Technologie bzw. Natur irreduzibel und transzendent. Der Sozialkonstruktivismus tendiert dazu, in einen Sozial- determinismus überzugehen. Dieser verfährt nicht naturalistisch und teleolo- gisch, wie das Evolutionsmodell, reserviert aber sämtliche Handlungs- und Entscheidungsinitiativen für humane Akteure, während Technologien als pas- sive Artefakte, als stumme Dinge erscheinen, die dem Schicksal ihrer Annah- me oder Ablehnung harren. 6. Mikroanalyse: Tardes Monadologie des Sozialen Das erweitertes Symmetrieprinzip, auf das sich die Akteur-Netzwerk-Theorie im Wesentlichen gründet, verlangt dagegen eine strikte handlungsbezogene Gleichstellung aller am Innovationsprozess beteiligten Elemente.83 Das 78 Vgl. ebd., S. 168-218. 79 Vgl. ebd., S. 7 f. 80 Vgl. ebd., S. 8-11. 81 Vgl. ebd., S. 153-155. 82 Vgl. ebd., S. 147. 83 Vgl. oben, Anm. 75. 92 CHRISTOPH NEUBERT ‚Soziale‘ als Explanans etwa der Diffusionsforschung müsste also selbst zum Explanandum gemacht werden. Auf der Suche nach einer Theorie, die Tech- nologie weder auf quasi-natürliche Evolution noch auf quasi-soziale Diffusion reduziert, besinnt man sich seit einigen Jahren auf die Soziologie Gabriel Tar- des zurück.84 Tarde, gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine der einflussreichen Gründerfiguren der Soziologie, wurde im Lauf der wissenschaftlichen Institu- tionalisierung des Fachs durch die Schule Émile Durkheims verdrängt und ge- riet in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmend in Vergessenheit. Derzeit erlebt der Kriminologe, Psychologe, Philosoph, Literat, aber auch Sta- tistiker eine Renaissance, die in vielerlei Hinsicht überrascht. Irritierend ist be- reits die Grundannahme Tardes, Gesellschaft basiere auf nichts anderem als auf Nachahmung: „Das ständige Merkmal einer sozialen Tatsache also, wel- cher Art sie nun sein mag, ist, daß sie nachahmend ist. Und dieses Merkmal ist ausschließlich den sozialen Tatsachen eigen.“85 Imitation ist Tarde zufolge also zugleich notwendige und hinreichende Bedingung der Formierung von Gesellschaft. In Sprache, Mode, Religion, Wissen oder Technik geht es dabei nun nicht um die ewige Wiederkehr des Immergleichen. Paradoxerweise ist Tarde zugleich mit der Maxime „Existieren heißt differieren“86 bekannt ge- worden, und damit ist jenes Verhältnis von Differenz und Wiederholung be- rührt, dass u. a. Deleuze an Tarde interessiert.87 Bei Tarde kommt das Moment der Verschiebung, der Abweichung in der Wiederholung, im Gegenbegriff zur Imitation zur Geltung, im Begriff nämlich der Invention, also der Erfindung.88 84 Zur Einordnung, Wirkung und Aktualität Tardes vgl. Arno Bammé, „Nicht Durkheim, son- dern Tarde. Grundzüge einer anderen Soziologie“, in: Gabriel Tarde, Die sozialen Gesetze. Skizze einer Soziologie, dt. Übers. v. Hans Hammer (1908), hg. u. mit einem Nachwort verse- hen v. Arno Bammé, Marburg, 2009 [frz. OA 1898], S. 109-153; Michael Schillmeier, „Jen- seits der Kritik des Sozialen – Gabriel Tardes Neo-Monadologie“, in: Gabriel Tarde, Mona- dologie und Soziologie, aus dem Frz. v. Juliane Sarnes u. Michael Schillmeier, mit einem Vorw. v. Bruno Latour u. einem Nachwort v. Michael Schillmeier, Frankfurt/M., 2009 [frz. OA 1893], S. 109-153; Christian Borch/Urs Stäheli, „Einleitung. Tardes Soziologie der Nach- ahmung und des Begehrens“, in: dies. (Hg.), Soziologie der Nachahmung und des Begehrens. Materialien zu Gabriel Tarde, Frankfurt/M., 2009, S. 7-38. Zur Rezeption in Europa und den USA vgl. im zuletzt genannten Band Éric Alliez, „Die Differenz und Wiederholung von Ga- briel Tarde“, ebd., S. 125-134, sowie Ruth Leys, „Meads Stimmen: Nachahmung als Grund- lage oder Der Kampf gegen die Mimesis“, ebd., S. 62-106. 85 Tarde (2009), Die sozialen Gesetze, S. 21. 86 Tarde (2009), Monadologie und Soziologie, S. 71. 87 Vgl. Gilles Deleuze, Differenz und Wiederholung, aus dem Frz. v. Joseph Vogl, 3. Aufl., München, 2007 [frz. OA 1968], S. 44 f. und S. 106-108. Zur Tarde-Rezeption bei Deleuze und Guattari vgl. Éric Alliez, „Die Differenz und Wiederholung von Gabriel Tarde“, in: Christian Borch/Urs Stäheli (Hg.), Soziologie der Nachahmung und des Begehrens. Materia- lien zu Gabriel Tarde, Frankfurt/M., 2009, S. 125-134 sowie Friedrich Balke, „Eine frühe So- ziologie der Differenz: Gabriel Tarde“, in: Christian Borch/Urs Stäheli (Hg.), Soziologie der Nachahmung und des Begehrens. Materialien zu Gabriel Tarde, Frankfurt/M., 2009, S. 135- 163. 88 Zum Verhältnis von Erfindung und Nachahmung bei Tarde vgl. ebd., S. 146; ferner Borch/ Stäheli (2009), Einleitung. Tardes Soziologie der Nachahmung und des Begehrens, S. 9-18; Stephan Moebius, „Imitation, differentielle Wiederholung und Iterabilität. Über einige Affini- SELBSTLOS 93 Invention und Imitation, Erfindung und Nachahmung sind die beiden Momen- te, die Tarde für die Diffusionsforschung interessant machen, denn sie lassen sich unschwer auf die dort zentralen Konzepte der Innovation und der Adop- tion abbilden.89 Pointiert formuliert könnte man sagen, dass Tarde Gesellschaft als nichts anderes denn als Diffusionsphänomen beschreibt.90 Auf den ersten Blick handelt es sich also um einen Sozialkonstruktivismus reinsten Wassers, der zudem auf einer recht naiven Reduktion zu insistieren scheint: Für Tarde ist die Agentur der Erfindung das Individuum, und wenn dieses innovativ ist, dann in der Rolle des ‚Genies‘. Diese Konzentration auf das Individuum hat zu der notorischen Kritik Anlass gegeben, Tardes Soziolo- gie basiere im Grunde auf Psychologismen. Doch Tarde ist nicht nur Krimina- list, sondern auch Statistiker, und so stehen für ihn qualitative und quantitative Momente zu keiner Zeit im Widerspruch. Dass die objektive und universale Soziologie zugleich Psychologie und Mathematik sein kann und muss, steht für ihn außer Frage. Ferner gilt es, Tardes Begriff der Erfindung zu präzisie- ren: Erstens ist das Individuum in seinen Erfindungen nicht wirklich originell, vielmehr ein Katalysator, der die ‚Wellen‘ bzw. ‚Strahlen‘ der Nachahmung, die es durchziehen, auf glückliche Weise zu rekombinieren vermag. Zweitens ist dieser Prozess nicht notwendig bewusst, Erfindungen können – ebenso wie die Nachahmung – auch unbewusst entstehen.91 Drittens ist der Erfinder für Tarde bei näherem Hinsehen gar keine Person, Schauplatz der Invention ist vielmehr sein Gehirn, bzw. gar dessen Nervenzellen. Aus der vermeintlichen Individualpsychologie wird somit eine Inter-Psychologie,92 deren Hang zum täten zwischen Poststrukturalistischen Sozialwissenschaften und den ‚sozialen Gesetzen‘ von Gabriel Tarde“, in: Christian Borch/Urs Stäheli (Hg.), Soziologie der Nachahmung und des Begehrens. Materialien zu Gabriel Tarde, Frankfurt/M., 2009, S. 255-279. Unter ökonomi- schem Aspekt vgl. ferner Bruno Latour/Vincent Lépinay, Die Ökonomie als Wissenschaft der leidenschaftlichen Interessen. Eine Einführung in die ökonomische Anthropologie Gabriel Tardes, aus dem Frz. v. Gustav Roßler, Frankfurt/M., 2010 [frz. OA 2008], S. 49-62. 89 Wobei die später von Joseph Schumpeter eingeführte Differenzierung zwischen Invention und Innovation zu berücksichtigen wäre; vgl. A. C. Taymans, „Tarde and Schumpeter: A Si- milar Vision“, in: The Quarterly Journal of Economics 64, 4 (1950), S. 611-622. 90 Tatsächlich gilt Tarde als einer der maßgeblichen Gründer der Diffusionsforschung, vgl. Ro- gers (2003), Diffusion of Innovations, S. 41 f.; ferner Jussi Kinnunen, „Gabriel Tarde as a Founding Father of Innovation Diffusion Research“, in: Acta Sociologica 39, (1996), S. 431- 442; Elihu Katz, „Theorizing Diffusion: Tarde and Sorokin Revisited“, in: The ANNALS of the American Academy of Political and Social Science, 566 (1999), S. 144-155. 91 Die Annahme der unbewussten Nachahmung führt zu den Mechanismen der Hypnose, der Suggestion und des Somnambulismus, die für die Massentheorie relevant sind, vgl. dazu Urs Stäheli, „Übersteigerte Nachahmung – Tardes Massentheorie“, in: Christian Borch/Urs Stähe- li (Hg.), Soziologie der Nachahmung und des Begehrens. Materialien zu Gabriel Tarde, Frankfurt/M., 2009, S. 397-416; Christian Borch „Urbane Nachahmung. Neue Perspektiven auf Tardes Soziologie“, in: ders./Urs Stäheli (Hg.), Soziologie der Nachahmung und des Be- gehrens. Materialien zu Gabriel Tarde, Frankfurt/M., 2009, S. 342-371; Leys (2009), Meads Stimmen: Nachahmung als Grundlage oder Der Kampf gegen die Mimesis. 92 Zum Vorwurf des Psychologismus sowie zur Rolle des Individuums und des Genies bei Tar- de vgl. Bruno Latour, „Eine andere Wissenschaft des Sozialen? Vorwort zur deutsche Ausga- be von Gabriel Tardes Monadologie und Soziologie“, in: Gabriel Tarde, Monadologie und So- 94 CHRISTOPH NEUBERT Materialismus bzw. Biologismus unübersehbar ist: Tarde vergleicht die sozia- len Mechanismen der Nachahmung und der Erfindung explizit mit den evolu- tionären Mechanismen der Replikation und der Variation, was ihn in die Nähe zur Dawkin’schen Theorie der Meme rückt.93 In „Die sozialen Gesetze“ von 1898 erweitert Tarde den Begriff der Nach- ahmung entsprechend zu dem weiteren Begriff der Wiederholung, der er Ge- gensatz und Anpassung als Leitprinzipien an die Seite stellt. Unter dem Me- chanismus der Wiederholung subsumiert Tarde neben dem sozialen Begriff der Nachahmung nun die psychologische Kategorie der Gewohnheit, die bio- logische Kategorie der Vererbung, schließlich den physikalischen Begriff der periodischen Schwingung,94 auf dem die Metaphorik der Nachahmungswellen bzw. -strahlen beruht. Was die beiden anderen übergeordneten Prinzipien be- trifft, ist die Trias von Wiederholung, Gegensatz und Anpassung alles andere als dialektisch zu verstehen, d. h. bei Gegensatz und Anpassung handelt es sich nicht um Antithese und Synthese. Anders als Marx etwa geht Tarde nicht von großen Antagonismen oder Revolutionen aus. Gegenüber den primären Prinzipien der Wiederholung und der Anpassung wird dem Gegensatz ledig- lich eine untergeordnete Rolle zugewiesen. Der Gegensatz ist dort produktiv, wo er marginal und minimal ist – und er ist in jedem Fall, das ist Tardes Pointe, nichts anderes als eine Form der Wiederholung: Selbst der diametrale Widerspruch lässt sich als – negative – Nachahmung der abgelehnten Idee ver- stehen.95 Was nun den im Technikzusammenhang wichtigen Begriff der Erfindung betrifft, handelt es sich, wie gesagt, um ein passives, unbewusstes, nicht origi- nelles, sondern rekombinatives Verfahren, einen eher unpersönlichen und im ganzen kontingenten Vorgang. Wenn Tarde zugleich vom Erfinder als genia- lem Individuum spricht, so zielt diese Emphase also weniger auf dessen schöpferische Potenz, als vielmehr auf die Tatsache, dass es sich um den Ein- zelnen handelt. Denn nur das Einzelne ist das geeignete Relais zwischen Dif- ferenz und Wiederholung. Hiermit ist der Punkt berührt, der für Tardes Sozio- logie wesentlich ist, nämlich die Programmatik der Mikro-Analyse. Statt auf große Gegensätze und Strukturen zu achten, müsse die Untersuchung zum ziologie, aus dem Frz. v. Juliane Sarnes u. Michael Schillmeier, mit einem Vorw. v. Bruno Latour u. einem Nachwort v. Michael Schillmeier, Frankfurt/M., 2009 [frz. OA 1893], S. 7- 15: 8 f.; Balke (2009), Eine frühe Soziologie der Differenz: Gabriel Tarde, S. 150 f.; Borch/ Stäheli (2009), Einleitung. Tardes Soziologie der Nachahmung und des Begehrens, S. 15 ff. und S. 18 ff. 93 Vgl. hierzu Latour, „Gabriel Tarde und das Ende des Sozialen“, in: Christian Borch/Urs Stä- heli (Hg.), Soziologie der Nachahmung und des Begehrens. Materialien zu Gabriel Tarde, Frankfurt/M., 2009, S. 42 und S. 54; darin ebenfalls: Hans Bernhard Schmid, „Evolution durch Imitation. Gabriel Tarde und das Ende der Memetik“, S. 280-310 sowie Bammé (2009), Nicht Durkheim, sondern Tarde. Grundzüge einer anderen Soziologie, S. 115f . 94 Vgl. Schmid (2009), „Evolution durch Imitation, S. 299. 95 Vgl. dazu im einzelnen Balke (2009), Eine frühe Soziologie der Differenz: Gabriel Tarde so- wie Moebius (2009), Imitation, differentielle Wiederholung und Iterabilität, S. 258-274. SELBSTLOS 95 Partikularen und Ereignishaften vordringen. In Monadologie und Soziologie entwickelt Tarde diese Überlegungen im Kontext der entstehenden Naturwis- senschaften des 19. Jahrhunderts: Es ist unmöglich stehenzubleiben, auf diesem Abhang, der bis in Unendliche führt und [...] zum Schlüssel der ganzen Welt wird. Daher vielleicht die wach- sende Bedeutung der Infinitesimalrechnung; und wohl auch der augenblicklich durchschlagende Erfolg der Evolutionstheorie. Nach deren Überzeugung ist ein spezifischer Typ, sagen, wir: ein Schlehenspanner, das Integral zahlloser Diffe- renzierungen oder individueller Variationen. Diese sind ihrerseits der Variation von Zellen geschuldet, in deren Innerem Myriaden elementarer Veränderungen vorgehen. Die Quelle des Geordneten, der Grund des Seins und des Endlichen, liegt im Unendlichen, im nicht mehr wahrnehmbar Kleinen: das ist die tiefe Überzeugung, die sowohl Leibniz als auch [...] die Anhänger der Evolutionsthe- orie, inspiriert hat.96 Für die Soziologie hat die Mikroanalyse zwei epistemologische bzw. ontologi- sche Konsequenzen. Erstens führt sie dazu, dass die Betrachtung die Ebene des Individuums zwangsläufig durchdringt: von der Person zum Gehirn, vom Gehirn zur Nervenzelle, von der Zelle zum Molekül, von dort zum Atom und so weiter. Diese Perspektive legt es nahe, dass „jedes Ding“, wie Tarde schreibt, „eine Gesellschaft ist und dass alle Phänomene soziale Tatsachen sind“97 Die Monadologie führt daher nicht nur zur Pulverisierung, sondern auch zur Hybridisierung einer Welt voller Übersetzungsketten zwischen sozia- len, kulturellen, biologischen, chemischen und physikalischen Zusammenhän- gen. Zweitens geht die Mikroanalyse bei Tarde mit einer kategorischen Leug- nung des Erklärungswerts sozialer Makrophänomene einher, was der notori- sche Streitpunkt in der Kontroverse mit Durkheim ist.98 Dessen Auffassung sozialer Tatsachen als Strukturen, die sich hinter dem Rücken bzw. über den Köpfen der Individuen bilden und diesen als objektiver Zwang entgegentreten, hält Tarde schlicht für eine Fiktion bzw. für die Rationalisierung einer theore- tische Bequemlichkeit, die der realen Komplexität des Sozialen ausweicht:99 Doch ganz gleich wie innig, wie tief und harmonisch eine gesellschaftliche Gruppierung auch sein mag, niemals können wir beobachten, dass ex abrupto aus der Menge der überraschten Mitglieder ein kollektives Ich entspringt, ein wirkliches, nicht bloß metaphorisches, gleichsam als wunderbares Resultat, des- 96 Tarde (2009), Monadologie und Soziologie, S. 23. 97 Ebd., S. 51 [Herv. i. O.]; ganz analog hatte Butler Maschinen und Körper als Gesellschaften beschrieben, s. o. 98 Zur Debatte zwischen Tarde und Durkheim vgl. Latour (2009), „Eine andere Wissenschaft des Sozialen?; Borch/Stäheli (2009), Einleitung. Tardes Soziologie der Nachahmung und des Begehrens, S. 18 ff. 99 Zu Tardes Ablehnung sozialer ‚Strukturen‘ oder ‚Tatsachen‘ vgl. Susanne Lüdemann, „Die imaginäre Gesellschaft. Gabriel Tardes anti-naturalistische Soziologie der Nachahmung“, in: Christian Borch/Urs Stäheli (Hg.), Soziologie der Nachahmung und des Begehrens. Materia- lien zu Gabriel Tarde, Frankfurt/M., 2009, S. 107-124; Bammé (2009), Nicht Durkheim, son- dern Tarde. Grundzüge einer anderen Soziologie, S. 139 ff. 96 CHRISTOPH NEUBERT sen Bedingungen die einzelnen Mitglieder wären. Zweifellos gibt es immer ein Mitglied, das die ganze Gruppe repräsentiert oder eine kleine Anzahl von Mit- gliedern (wie die Minister eines Staates), welche sie, jeder auf seine besondere Weise, nicht weniger vollständig verkörpert. Aber dieses Oberhaupt oder diese Oberhäupter sind immer auch Mitglieder der Gruppe, die durch einen Vater und eine Mutter in die Welt gesetzt wurden und nicht auf kollektivem Wege durch ihre Untertanen oder Bürger.100 Der Reduktionismus Tardes, der hier zum Ausdruck kommt, führt zu einer Generalabsage an die Erklärungsfigur der Emergenz: Wenn einerseits die Ver- kleinerung der Beobachtung ins Unendliche geht, die soziale Skala anderer- seits an ihrem oberen Ende nicht durch Letztstrukturen abgeschlossen ist, wird die Unterscheidung zwischen Makro- und Mikroebene bedeutungslos. Teil und Ganzes, Einfaches und Komplexes enthalten sich gegenseitig, wie bei der Monade. Das Soziale ist fraktal – nach Latour: ‚flach‘ – organisiert; an die Stelle des soziologischen Panoptikons tritt das „Oligoptikon“101 Es ist genau dieser zutiefst anti-moderne Perspektivenwechsel, der noch einmal zu Butlers Technikphilosophie zurückführt. Und es sind wiederum De- leuze und Guattari, die Butlers Dekonstruktion der Unterscheidungen zwi- schen Mensch und Maschine, der Kluft zwischen vitalistischen und mechanis- tischen Positionen, in einer virtuosen Lektüre auf die Alternative zwischen Makro- und Mikroerklärungen zugespitzt haben: [D]ie wirkliche Differenz liegt nicht zwischen der Maschine und dem Lebendi- gen, zwischen Vitalismus und Mechanismus, sondern zwischen zwei Zuständen der Maschine, die gleichermaßen zwei Zustände des Lebendigen sind. Die als strukturale Einheit begriffene Maschine und das als spezifische oder selbst per- sonale Einheit erfaßte Lebendige sind beide Massenphänomene oder molare Ein- heiten; derart verweisen sie äußerlich aufeinander. Selbst wenn sie sich unter- scheiden oder voneinander abheben, so doch nur als zwei Seiten einer gleichen statistischen Dimension. In der anderen, tieferen oder intrinsischen Dimension der Vielheiten aber besteht gegenseitige Durchdringung, direkte Kommunikation zwischen den molekularen Phänomenen und den Singularitäten des Lebendigen, das heißt zwischen den in der ganzen Maschine verstreuten kleinen Maschinen und den über den ganzen Organismus ausgeschwärmten kleinen Formationen: Indifferenzbereich des Mikrophysischen und des Biologischen, der bewirkt, daß ebenso viele lebendige Formen in der Maschine wie Maschinen im Lebendigen vorkommen. [...] Die wirkliche Differenz besteht folglich zwischen den molaren Maschinen einerseits, mögen es gesellschaftliche, technische oder organische sein, und den Wunschmaschinen andererseits, die der molekularen Ordnung an- gehören.102 100 Tarde (2009), Monadologie und Soziologie, S. 64. [Herv. i. O.] 101 Vgl. Latour (2009), Gabriel Tarde und das Ende des Sozialen, S. 47-53; ders. (2009), Eine an- dere Wissenschaft des Sozialen? Auch bezogen auf das Feld der Ökonomie bedeutet diese Perspektive einen Verzicht auf Emergenzkonzepte, also auf Ideen der Selbstregulierung, der Akkumulation oder der unsichtbaren Hand, vgl. Latour/Lépinay (2010), Die Ökonomie als Wissenschaft der leidenschaftlichen Interessen, S. 95-120. 102 Deleuze/Guattari (1981), Anti-Ödipus, S. 368 f. SELBSTLOS 97 Analog zu den Prämissen Tardes geht es bei der Logik der Wunschmaschine also nicht um molare Strukturen, sondern um molekulare Agenturen, nicht um die Masse, sondern um Singularitäten, nicht um Organprojektionen, sondern vielmehr um den „organlosen Körper“. Folgt man Deleuze und Guattari, tref- fen sich Butlers Technikanalyse und Tardes Gesellschaftsanalyse also in we- sentlichen Punkten. Umso begreiflicher erscheint es, warum Tarde insbeson- dere für die Akteur-Netzwerk-Theorie von solcher Bedeutung ist, dass Latour ihn gar als den verlorenen Großvater der ANT identifiziert.103 Wichtige Paral- lelen sind hier die Überzeugung, dass große Wirkungen (Entdeckungen, Inno- vationen, Paradigmen) ausschließlich durch kleine Ursachen zu erklären sind;104 die Prämisse, dass sich Gesellschaft nicht aus der Distanz, sondern nur aus der Nähe beschreiben lässt; die Annahme, dass die soziologische Analyse sich nicht auf abstrakte Superstrukturen, sondern auf konkrete, partikulare und zeitlich begrenzte Assoziationen einzustellen hat;105 schließlich die Einsicht, dass die Trennungen zwischen Natur und Gesellschaft, zwischen humanen und nicht humanen Akteuren, zwischen Subjekten und Objekten, sinnlos ist: Ganz wie Butler, Deleuze und Guattari geht es auch Tarde nicht darum, die Gesellschaft als Organismus zu figurieren, wie es die Tradition von der Antike über Hobbes bis zu Herbert Spencer vorsieht, sondern umgekehrt darum, Or- ganismen (und Mechanismen) aller Art als Gesellschaften zu begreifen, d. h. als Assoziationen oder Kollektive.106 Und die Organisationsform dieser Kol- lektive ist nicht die Hierarchie, die einem Wechselspiel zwischen bottom up und top down Raum gibt, sondern die Heterarchie, das Netzwerk. Ganz wie das Soziale, wären in diesem Szenario auch technische Objekt bzw. Technolo- gien fraktal aufgebaut: beliebig komplex, aber durch die Verfahren der Modu- larisierung, d. h. des Blackboxing, in übergangsweise stabile Identitäten ge- bannt – die, besonders im Fall der Störung, jederzeit aufbrechen und unüber- schaubare Problemlagen generieren können. In der Zeitdimension erweisen sich technische Objekte entsprechend immer als Projekte, an die Stelle stabiler Entitäten treten auch hier wesentlich unkontrollierbare Prozesse.107 103 Vgl. Latour (2009), Gabriel Tarde und das Ende des Sozialen; ders. (2009), Eine andere Wis- senschaft des Sozialen? 104 Vgl. Bruno Latour, „Drawing Things Together. Die Macht der unveränderlichen mobilen Ele- mente“, in: Andréa Belliger/David J. Krieger (Hg.), ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie, Bielefeld, 2006, S. 259-307. 105 Im Einzelnen hebt Latour die Verschiebung der Aufmerksamkeit vom Beständigen zum Ver- änderlichen, von der Struktur zum Element, vom Gesetz zum Phänomen, vom Großen zum Kleinen, von der Gleichheit zum Unterschied hervor, vgl. Latour (2009), Eine andere Wissen- schaft des Sozialen?, S. 12 f. 106 Zum Verhältnis von Organismus und Gesellschaft, das oben bereits im Zusammenhang mit But- ler berührt wurde, vgl. Latour (2009), Gabriel Tarde und das Ende des Sozialen, S. 51; Bammé (2009), Nicht Durkheim, sondern Tarde. Grundzüge einer anderen Soziologie, S. 142 ff.; Lüde- mann (2009), Die imaginäre Gesellschaft. Gabriel Tardes anti-naturalistische Soziologie der Nachahmung, S. 108 f. 107 Vgl. dazu ausführlich Latour (1996), Aramis. 98 CHRISTOPH NEUBERT 7. Selbst- und Heterotechnologien Tardes Denken liegt am Ursprung der Soziologie und der Diffusionsfor- schung, neuerdings auch am Ursprung der ANT, er ist Zeitgenosse Butlers und wie dieser stark von der Evolutionstheorie beeinflusst, seine Monadologie er- teilt Absagen an Sozial- ebenso wie an Technikdeterminismen. Alle Kreise scheinen sich damit zu schließen. Was die Ausgangsfrage nach den Automa- tismen und den Selbst-Technologien, also nach den Bedingungen und Mecha- nismen der Konstitution eines (technischen, biologischen, sozialen) ‚Selbst‘ betrifft, verweisen die skizzierten Positionen Butlers und Tardes auf die dop- pelte Notwendigkeit, nicht in Hierarchien, sondern in Netzen zu denken und die Aufmerksamkeit von Strukturen auf Singularitäten zu verlagern. Ein sol- cher Perspektivenwechsel, der hier unter dem Begriff der Mikroanalyse erör- tert wurde, stellt grundsätzlich die Erklärungsfigur der Emergenz infrage,108 die in der einen oder anderen Form in nahezu allen modernen Theorien wirk- sam ist, sei es in der Evolutionstheorie Darwins, in der Soziologie Durkheims, in der Kybernetik, in der Systemtheorie oder in der aktuellen Faszination an ‚kollektiver Intelligenz‘ und verteilten, agentenbasierten Szenarien. Bezüglich der Skepsis gegenüber dem, was man die moderne Episteme der Emergenz nennen könnte, lassen sich zwei Varianten unterscheiden: Zunächst eine schwache Version, bei der es lediglich um einen Richtungswechsel zwischen Top-down- und Bottom-up-Erklärungen geht. Eine solche Position ließe die Realität der Mikro- wie der Makroebene intakt, der Streit wäre lediglich da- rum zu führen, was als Explanans und was als Explanandum zu gelten hätte – im Fall von Tarde und Durkheim also beispielsweise die Frage, ob individuel- les Verhalten durch soziale Gesetze zu erklären sei oder umgekehrt. Während die schwache Version der Mikroanalyse zwischen Epistemologie und Ontolo- gie trennt, würde eine starke Version dagegen nicht nur den Erklärungswert, sondern die Realität emergenter Strukturen leugnen, so dass die Unterschei- dung zwischen Mikro- und Makroebene selbst hinfällig würde. Aus dieser Perspektive, die zweifellos die eigentliche Herausforderung darstellt, würden sich Figuren wie die der ‚natürlichen Selektion‘, der ‚Auto-Poiesis‘, der ‚kol- lektiven Intelligenz‘ oder der ‚unsichtbaren Hand‘ als Gespenster erweisen. Auf jeden Fall spricht alles dafür, dass Technologien nicht autonom gedacht werden können, besonders dann nicht, wenn es sich um Selbst-Technologien handelt. An ihrem Grund liegt eine unüberschaubare Vielzahl heterarchischer Mechanismen, deren Wirksamkeit die Genealogie eines jeweiligen Selbst auf- zuweisen hätte. Was bleibt, sind ‚Heterotechnologien‘, mühsame Kleinarbeit 108 Vgl. zum Problem der Emergenz die differenzierte Darstellung bei Bettina Heintz, „Emer- genz und Reduktion. Neue Perspektiven auf das Mikro-Makro-Problem“, in: Kölner Zeit- schrift für Soziologie und Sozialpsychologie 56, 1 (2004), S. 1-31; ferner Jens Grewe/Annette Schnabel (Hg.), Emergenz. Zur Analyse und Erklärung komplexer Strukturen, Frankfurt/M., 2011. SELBSTLOS 99 im Zeichen von – um ein letztes Mal Tarde zu bemühen – Überzeugung und Begehren. Literatur Alliez, Éric, „Die Differenz und Wiederholung von Gabriel Tarde“, in: Christian Borch/Urs Stäheli (Hg.), Soziologie der Nachahmung und des Begehrens. 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OSNs bieten den Nutzern diverse Dienste zur Kommunikation mit anderen Mitgliedern des Netzwerks (E-Mail, Chat, Pinnwände etc.) sowie eine Plattform zur in Nutzerkreisen gern gesehe- nen Möglichkeit der Selbstdarstellung (persönliche Informationsseiten, Foto- und Videoalben etc.). Auch die Aggregation von Neuigkeiten und Informatio- nen zu Themen, die durch den Nutzer nach individuellem Interesse ausgewählt werden können, sowie unterhaltungsmediale Angebote in Form von Spielen und Anwendungen (engl. Applications, Apps) werden durch OSNs geboten. In den vergangenen Jahren hat insbesondere das OSN Facebook1 auch in Deutschland eine Vormachtstellung erlangt. Für die Nutzer wird die Teilnahme an sozialen Netzwerken als eine Berei- cherung des alltäglichen Lebens wahrgenommen, auf die viele Menschen mitt- lerweile nicht mehr verzichten möchten. Die Teilnahme am OSN und damit das Teilen von Informationen, Fotos, Videos und letztendlich auch oft sensib- len, personenbezogenen Daten führen oft zu Selbstbestätigungen. Das persön- liche Online-Netzwerk „belohnt“ durch Bestätigungen und Kommentare die durch den Nutzer getätigten Veröffentlichungen von Informationen. Dieses Belohnungsmuster kann aus technischer sowie psychologischer Sicht disku- tiert werden.2 Dabei muss hinterfragt werden, ob dem Drang zur Veröffentli- chung von Informationen die Perzeption des Risikos gegenübergestellt werden kann.3 1 https://www.facebook.com/. 2 Vgl. auch Oliver Günther/Alexander Kovrigin/Aneta Nowobilska/Hanna Krasnova/Thomas Hildebrand, „Why Participate in an Online Social Network: An Empirical Analysis“, in: 16th European Conference on Information Systems, ECIS ’08, Galway, 2008. 3 Sebastian Labitzke/Jochen Dinger/Hannes Hartenstein, „How I and Others Can Link My Various Social Network Profiles as a Basis to Reveal My Virtual Appearance“, in: Lecture Notes in Informatics (LNI - Proceedings, GI-Edition), 4. DFN Forum Kommunikationstech- nologien, Bonn, 2011, S. 123-131. 106 IRINA TARANU, SEBASTIAN LABITZKE, HANNES HARTENSTEIN Gegenüber dem Gewinn für den Nutzer stehen demnach die Gefahren, die eine Teilnahme und insbesondere ein allzu freigiebiger Umgang mit sensiblen Informationen in OSNs mit sich bringen. Vor dem Hintergrund, dass die Pri- vatsphäre im Netz vielfach schlicht aufgegeben wird, hat Daniel J. Solove un- tersucht, welche Fehlannahmen hinter der oft gehörten „Ich habe nichts zu verbergen“-Einstellung der OSN-Nutzer stecken. Ergebnis der Studie ist, dass letztendlich auch die Veröffentlichung von zunächst wenig prekär scheinen- den Informationen zu Nachteilen für den Nutzer führen kann.4 Generell gilt, je mehr Informationen Dritten über einen Nutzer bekannt sind, desto eher kön- nen daraus nachteilige Auswirkungen für die betreffende Person resultieren. Werden Nutzerprofile mit Daten zusammengeführt, die verraten, wie Nutzer das Internet verwenden, welche Inhalte sie abrufen und welche Dienste sie nutzen, verrät das aggregierte Profil Dritten eine weitere Fülle von Informatio- nen. Letztendlich gelangen immer mehr persönliche Details der Nutzer ins In- ternet bzw. in die Hände Dritter – eine Entwicklung, die nicht zuletzt durch das Nutzungsverhalten und durch die Möglichkeiten, Daten der Nutzer in Be- ziehung zu setzen, vorangetrieben wird. Durch die wachsende Integration der Web-2.0-Anwendungen und der zu- nehmenden Personalisierung von im Internet angebotenen Diensten ergibt sich eine Vielzahl von Herausforderungen. Dabei unterscheidet sich das Verhalten der Nutzer im Internet maßgeblich vom Verhalten in der alltäglichen Face-to- face-Interaktion. Ein durchschnittlicher Nutzer ist im Internet weitaus offener und gibt eine große Menge personenbezogener Daten von sich preis.5 Informa- tionen, mit denen der Nutzer im realen Leben unter Umständen sehr restriktiv umgeht und nur ausgewählten Personen offenbart, gibt er im Internet zum Teil freiwillig bekannt, ohne sich dem Ausmaß vollständig bewusst zu sein. Durch diesen offenen Umgang der Nutzer mit personenbezogenen Daten entwickeln sich potenzielle Risiken, denen der Nutzer ausgesetzt ist. Klassische Beispiele sind Spamming, Phishing, Identitätsdiebstahl und vieles mehr.6 Folgen der Preisgabe persönlicher Informationen im Internet sind die personalisierte Schaltung von Werbung durch zum Beispiel Werbebanner, angezeigt beim Besuchen verschiedener Webseiten, das Senden von Newslettern oder die Hervorhebung von Produkten, die für den Nutzer von Interesse sein könnten. Die Daten der Nutzer können selbst von Dienstanbietern, bei denen der Nutzer die Daten hinterlegt, für verschiedene Marketingzwecke genutzt oder aber an Dritte verkauft werden. Ein in diesem Kontext oft unterschätztes, zusätzliches 4 Daniel J. Solove, „,I’ve Got Nothing to Hide‘ and Other Misunderstandings of Privacy, in: San Diego Law Review, 44 (2007). (GWU Law School Public Law Research Paper No. 289.) 5 Sebastian Labitzke/Jochen Dinger/Hannes Hartenstein, „What Your Friends Tell Others about You: Low Cost Linkability of Online Social Network Profiles“, in: 5th International ACM Workshop on Social Network Mining and Analysis, San Diego, CA, 2011. 6 Giles Hogben, ENISA Security Issues and Recommendations for Online Social Networks, ENISA Position Paper for W3C Workshop on the Future of Social Networking, 2007, online unter: http://www.w3.org/2008/09/msnws/papers/Future_of_SN_Giles_Hogben_ENISA.pdf. ZWISCHEN ANONYMITÄT UND PROFILING 107 potenzielles Risiko, welches sich nicht nur auf Informationen des Nutzers bei einem Anbieter beschränkt, sondern Informationen über den Nutzer aus meh- reren Quellen einbezieht, ist das Profiling. Dabei werden umfassende digitale Profile von Nutzern mit den verfügbaren und aggregierbaren Daten aus dem Internet erstellt. Informationen über einen Nutzer werden dabei aus mehreren Quellen gesammelt und miteinander verknüpft, so dass aus mehreren Teilpro- filen eines Nutzers ein Gesamtprofil beziehungsweise ein umfassendes digita- les Abbild dieser Person ermittelt werden kann. Hier offenbart sich ein erstes widersprüchliches Moment der Profilbildung im Netz: Einerseits werden die Nutzer durch das mediale Setting dazu gedrängt, möglichst viel über sich preiszugeben und sich damit ihrer Umgebung möglichst ‚authentisch‘ zu prä- sentieren. Andererseits können die preisgegebenen Daten durch die techni- schen Möglichkeiten Dritter aggregiert und zu umfassenden Profilen verrech- net werden, über welche die Nutzer keine Kontrolle mehr haben. Das digitale Abbild basiert also nur zum Teil auf bewusster Selbstdarstellung; ein Großteil des Profilings erfolgt hinter dem Rücken der Nutzer und trägt damit Züge un- geplanter Strukturentstehung im Sinne der Automatismen.7 In diesem Beitrag steht die technische Betrachtung der Profiling-Möglich- keiten im Vordergrund. Es werden ausgewählte technische Arbeiten von Au- toren vorgestellt, die sich mit der Privatsphäre im Internet und insbesondere in sozialen Netzwerken beschäftigt haben. Ferner werden eigene Untersuchun- gen vorgestellt, die spezifische, die Privatsphäre bedrohende Risiken aufde- cken und aufzeigen, inwiefern diese durch entsprechende Gegenmaßnahmen durch die Nutzer verhindert werden könnten. Abschließend werden reale Sze- narien des Nutzer-Profilings großer Dienstanbieter aufgezeigt, dessen Zweck unter anderem die Ermittlung von Informationen über Nutzer und das Auf- zeichnen und Analysieren von deren Verhalten im Internet ist. 2. Profiling im Internet 2.1 Profiling und Arten personenbezogener Daten Profiling beschreibt die Erstellung eines möglichst umfassenden virtuellen Abbilds eines Nutzers auf Basis verfügbarer Daten, die aus Internetdiensten wie etwa OSNs extrahiert und aggregiert werden können. Diese Nutzerdaten werden als personenbezogene Daten der Nutzer definiert und laut dem Bun- desdatenschutzgesetz (BDSG) in Angaben zu persönlichen Verhältnissen und Angaben zu sachlichen Verhältnissen der Nutzer kategorisiert.8 Im Folgenden werden verschiedene Arten personenbezogener Daten vorgestellt. Dabei soll 7 Vgl. auch den Beitrag von Andreas Weich in diesem Band. 8 „Personenbezogene Daten sind Einzelangaben über persönliche oder sachliche Verhältnisse einer bestimmten oder bestimmbaren natürlichen Person (Betroffener).“ (BDSG §3, Absatz 1). 108 IRINA TARANU, SEBASTIAN LABITZKE, HANNES HARTENSTEIN die Vielzahl und die Sensibilität der Daten verdeutlicht werden, die Nutzer im Internet über sich preisgeben. Direkte Angaben, durch welche Nutzer eindeutig identifiziert werden kön- nen, sind zum Beispiel Name, Adresse oder Telefonnummer. Pseudonymisier- te Daten (BDSG §3, Absatz 6a), wie zum Beispiel E-Mail-Adressen, IP-Ad- ressen oder Kundennummern, sind ebenfalls Daten, die einem Nutzer eindeu- tig zuordenbar sind. Allein durch deren Kenntnis, ohne das Wissen anderer Attribute, lässt sich die Identität des Nutzers jedoch nur dann ableiten, wenn beispielsweise der Name eines Nutzers in einem dieser Attribute kodiert ist. Neben diesen Attributen gibt es „hochsensible Daten“ über den Nutzer, die prinzipiell nichts oder wenig über die Identität des Nutzers verraten, jedoch in Kombination mit einem anderen personenbezogenen Datum schützenswerte Attribute darstellen. Dies sind zum Beispiel Informationen über die „rassische und ethnische Herkunft, politische Meinungen, religiöse oder philosophische Überzeugungen, Gewerkschaftszugehörigkeit, Gesundheit oder das Sexual- leben“ (BDSG §3, Absatz 9). Vorlieben und Interessen der Nutzer runden das persönliche Profil ab. Diese Informationen spiegeln die Gedanken und Wün- sche der Nutzer wider und geben gegebenenfalls einen Einblick in deren Per- sönlichkeit. Die initiale Veröffentlichung der Angaben zu diesen Daten liegt zumeist in der Hand der Nutzer selbst. Sie geben ihre Daten beispielsweise in OSNs, bei Registrierungsprozessen verschiedener Internetportale oder auch bei der An- meldung zu Veranstaltungen selbsttätig an und tragen so maßgeblich zu deren Verbreitung und öffentlichen Verfügbarkeit bei. Informationen, die Nutzer im Internet bei verschiedenen Dienstanbietern direkt preisgeben, übergeben sie nur mit der obligatorischen Zustimmung, dass der Anbieter das Recht hat, die- se Daten für bestimmte Zwecke zu nutzen. Was der Anbieter mit den Daten der Nutzer machen darf, entscheiden lediglich die Datenschutzbestimmungen, die der Anbieter aufsetzt beziehungsweise die Datenschutzgesetze erlauben. In einer Umfrage im Auftrag der Europäischen Kommission wird gezeigt, dass mindestens 42 % der Europäer angeben, Datenschutzbestimmungen im Nor- malfall nicht durchzulesen.9 Zusätzlich können viele Informationen über den Nutzer auf indirektem Weg aus dem Kontext von dessen Angaben interpretiert werden. Beispielsweise könnten sich Dritte aus Meinungsäußerungen in Foren oder Blogs, aus Kom- mentaren und Statusmeldungen in den OSNs, aus Bewegungsmustern im In- ternet, durch Einsicht in Buchungen von Reisen oder Events, durch das Lesen von verfassten Artikeln und vielem mehr Informationen erschließen. Darüber hinaus geben Nutzer zudem häufig Informationen über andere Personen preis. Ein klassisches Beispiel hierfür ist die Freigabe des Adressbuchs für einen 9 Europäische Kommission, Special Eurobarometer 359: Attitudes on Data Protection and Elec- tronic Identity in the European Union. Report, Wave 74.3 – TNS Opinion & Social, 2011, on- line unter: http://ec.europa.eu/public_opinion/archives/ebs/ebs_359_en.pdf. ZWISCHEN ANONYMITÄT UND PROFILING 109 OSN-Betreiber, das Kontaktdaten enthält, so dass letztendlich dem OSN-An- bieter Informationen über andere Personen, gegebenenfalls sogar über Nicht- mitglieder, zur Verfügung gestellt werden. Solche Freigaben erfolgen oft im- plizit durch die Verwendung von Anwendungen insbesondere auf Smart- phones. Als Ergänzung zu den oben vorgestellten Arten von Daten können zum Beispiel Verkehrsdaten sowie Angaben zu genutzter Hard- und Software der Nutzer erhoben werden. Unter den Begriff der Verkehrsdaten fallen physische Bewegungsdaten wie Informationen über den aktuellen Aufenthaltsort des Nutzers, die beispielsweise auf Smartphones mittels GPS, WLAN oder den verbundenen Basisstationen der Mobilfunkanbieter ermittelt werden können.10 Andererseits werden darunter auch virtuelle Bewegungsdaten verstanden, die das Bewegungsmuster eines Nutzers im Internet preisgeben. Darin sind oft Protokolldaten wie Zeitpunkt und Dauer des Besuchs diverser Internetseiten, genutzter Dienste oder die Historie der Internetaktivitäten enthalten. Außer- dem können Informationen über den Datenverkehr gesammelt werden, die Auskunft über die Inhalte geben, die der Nutzer im Internet hoch- beziehungs- weise herunterlädt sowie Inhalte, die bei verschiedenen Cloud-Providern ge- speichert und verarbeitet werden. Weitere Verkehrsdaten sind Kommunika- tionsdaten, die durch Senden und Empfangen von E-Mails, Benutzen von Chats und Telefongesprächen über das Internet oder die Telefonnetze entste- hen. Damit wird nicht nur das Kommunikationsverhalten des Nutzers aufge- zeichnet, sondern es werden auch sämtliche Kommunikationspartner protokol- liert. Dass diese Daten selbst nach gängiger Anonymisierung noch Rück- schlüsse auf natürliche Personen erlauben, zeigen etwa Zang und Bolot in ihrer Analyse von Kommunikationsdatensätzen.11 Angaben über die vom Nutzer verwendeten Geräte, Systeme und Anwen- dungen stellen eine weitere Art personenbezogener Daten dar. Anbieter kön- nen im Hintergrund Daten über die genutzte Hard- und Software der Nutzer sammeln, um statistische Aussagen über die verwendeten Technologien zu machen. Des Weiteren können diese Daten das Wiedererkennen der Nutzer er- möglichen, beispielsweise sobald sich diese mit dem gleichen Gerät erneut auf einem oder bei verschiedenen zuvor bereits genutzten Internetdiensten anmel- den. Auf diese Weise können Informationen über Browsereinstellungen, Be- triebs- und Hardwaresysteme sowie Gerätekennungen, Telefonnummern und genutzte Anwendungen (wie zum Beispiel Apps) gesammelt werden. Auf- grund der eindeutigen Kennzeichnung und oft auch eindeutig zuordenbaren Charakteristik eines jeden Geräts und Systems sowie einer jeden Applikation ist es oft leicht Nutzer zu identifizieren. 10 Vgl. auch den Beitrag von Jens-Martin Loebel in diesem Band. 11 Hui Zang/Jean Bolot, „Anonymization of Location Data Does Not Work: A Large-Scale Measurement Study“, in: Proceedings of the 17th Annual International Conference on Mobile Computing and Networking, MobiCom ’11, Las Vegas, NV, 2011. 110 IRINA TARANU, SEBASTIAN LABITZKE, HANNES HARTENSTEIN 2.2 Datensammlungen im Internet Es gibt verschiedene Arten, wie Daten der Nutzer im Internet gesammelt wer- den können. Allgemein werden reaktive und nicht-reaktive Datenerhebungen unterschieden.12 Bei der reaktiven Datenerhebung ist dem Nutzer bewusst, dass Daten über ihn gesammelt werden, die dieser in den meisten Fällen frei- willig oder auf Nachfrage angibt. Bei der nicht-reaktiven Datenerhebung ist dem Nutzer nicht bewusst, dass Daten über ihn gesammelt werden, seien es Daten über sein Verhalten, seine Vorlieben oder Aktivitäten. Der Nutzer kennt die an Dritte weitergeleiteten Daten nicht, somit könnten dies auch potenziell Daten sein, mit deren Preisgabe der Nutzer nicht einverstanden gewesen wäre. 1 – Überblick über das Zusammenspiel zwischen Nutzern, Anbietern und Dritten im Internet Im Folgenden werden die verschiedenen Möglichkeiten nicht-reaktiver Daten- erhebung skizziert, um einen Einblick in das Spektrum dafür zum Einsatz kommender Techniken zu geben. Abbildung 1 gibt in diesem Zusammenhang einen Überblick über das Zusammenspiel zwischen Nutzern, Anbietern und Dritten im Internet. Nutzer bewegen sich auf verschiedenen Internetdiensten, die sie auf unterschiedliche Art und Weise verwenden. Auf der einen Seite gibt es die OSN-Dienste, wie zum Beispiel Facebook und StudiVZ13, in denen der Umgang mit personenbezogenen Daten oft freizügiger ist als in einem an- deren Umfeld. Grund dafür ist, dass Nutzer selbst Profile von sich erstellen und dadurch aktiv zur Vervollständigung dieser durch personenbezogene Da- ten beitragen. Somit lassen sich aus OSNs bereits umfangreiche Daten zu einem Nutzer und oft auch eindeutige Identifikatoren der betreffenden Person sammeln (vgl. Abschnitt 3). Wenn Nutzer in verschiedenen OSNs Mitglied 12 Holger Buxel, „Customer Profiling im Internet: Den Kunden im Visier“, in: Science Factory, 1 (2002), S. 1-6. 13 http://studivz.net/. ZWISCHEN ANONYMITÄT UND PROFILING 111 sind, könnten zudem deren diverse Profile miteinander verknüpft und so zu- sätzliche Informationen gewonnen werden. Auf der anderen Seite gibt es In- ternetseiten wie Einkaufs-, Nachrichten- und Suchportale oder Blogs. Ein Be- such darauf hinterlässt Spuren in Form von Daten, die ebenfalls miteinander verknüpft und potenziell einer natürlichen Person eindeutig zugeordnet werden können. Die Aktivitäten der Nutzer können nachverfolgt werden und so kann eine Sammlung der Kundenprofile und eine Erfassung von Bewe- gungsmustern stattfinden. Das Sammeln und Verknüpfen von Daten aus OSNs und den restlichen Internetseiten kann Dritten dazu dienen, Informationen über die Nutzer zu gewinnen, um Angebote individuell zuschneiden zu können. Die Daten der Nutzer, egal ob reaktiv oder nicht-reaktiv erhoben, werden sowohl von Anbietern der Internetportale, die Nutzer besuchen, als auch von Drittanbietern14 gesammelt. Im Folgenden werden einige der gängigsten tech- nischen Möglichkeiten vorgestellt, durch welche Nutzerdaten aggregiert wer- den können. Mechanismen zur Nutzerverfolgung (Tracking) sind technische Implemen- tierungen auf Internetseiten, die das Verhalten der Nutzer im Hintergrund auf- zeichnen, um möglicherweise Interessen der Nutzer ableiten zu können. Ein Beispiel solcher Informationsgewinne ist die Ermittlung des Musikge- schmacks und des Alters eines Nutzers, die beispielsweise durch die Analyse aufgerufener Musikvideos im Internet erschlossen werden könnten. Im Hinter- grund vieler aufgerufener Webseiten werden Aktionen, Klicks und Verhalten der Nutzer dokumentiert, durch welche Rückschlüsse auf zusätzliche Informa- tionen über den Nutzer gezogen werden können. Hierfür eingesetzte techni- sche Mechanismen sind zum Beispiel Cookies und Web Bugs, auf die im Fol- genden eingegangen wird. Ein Cookie ist eine Profildatei, die einem Webserver erlaubt, auf dem Rechner des Anwenders Informationen zu hinterlegen. Jedes Cookie hat eine ID, mit der ein Nutzer identifiziert werden kann. Besucht ein Nutzer eine Seite erneut, können die in Cookies enthaltenen Informationen genutzt werden, um diesen zu (re-)identifizieren. Somit kann protokolliert werden, welche Inter- netseiten wie oft besucht wurden. Sofern nicht ausdrücklich in den Browsereinstellungen verboten, werden beim Aufruf einer Webseite auf der Festplatte des Nutzers Cookies gesetzt, die in First-Party-Cookies und Third-Party-Cookies unterschieden werden. First-Party-Cookies werden von der Domain gesetzt, auf dessen Seiten der Nutzer sich gerade befindet. Third-Party-Cookies werden von anderen Do- mains und damit Drittanbietern gesetzt, die auf der entsprechenden Webseite zum Beispiel in Form von Werbung präsent sind. Dies dient beispielsweise dazu, Statistiken über die Nutzung der Webseite zu erheben oder um diverse 14 Drittanbieter sind auf Internetseiten anderer Anbieter zum Beispiel in Form von Werbung präsent und sammeln und/oder analysieren dort Daten und Verhalten der Nutzer, welche die Internetseiten besuchen. 112 IRINA TARANU, SEBASTIAN LABITZKE, HANNES HARTENSTEIN Analysen durchzuführen. Beim Aufruf einer Webseite (durch http(s)-Auf- rufe15) werden die Inhalte aller Objekte, die sich auf dieser Webseite befinden, von den entsprechenden Servern heruntergeladen. Dadurch werden sowohl First-Party- als auch Third-Party-Cookies gesetzt. Bei erneutem Aufruf der In- ternetseite werden die Cookies mit zusätzlichen Informationen (zum Beispiel eindeutige Identifikatoren und beim Aufruf der Seite durch einen Link oft auch sogenannte Referrer16) zurück an die verschiedenen Server des Anbieters und der Drittanbieter gesendet. Somit wird Dritten unter Umständen mitge- teilt, welche Internetseite der Nutzer gerade besucht und, dank Referrer, zu- sätzlich, auf welcher Internetseite der Nutzer einem Link zur gerade besuchten Seite gefolgt ist. Besucht ein Nutzer eine Webseite eines Anbieters können Third-Party- Cookies von Drittanbietern geladen werden. Dabei wird auf den Servern des jeweiligen Drittanbieters eine ID gesetzt, die einen Nutzer eindeutig kenn- zeichnet. Falls der Nutzer anschließend eine weitere Webseite besucht, auf welcher der gleiche Drittanbieter präsent ist, kann der Nutzer anhand der ID des Cookies auch durch den Drittanbieter (re-)identifiziert werden. Der vorhe- rige Zugriff kann mit dem Zugriff auf die aufgerufene Webseite verknüpft werden. Auf diese Weise können Verhaltensprofile von Nutzern im Internet erstellt werden, die beispielsweise aufzeigen, was für Produkte sich ein Nutzer anschaut, welche Artikel ihn interessieren und vieles mehr. Sobald der gleiche Drittanbieter auf mehreren populären Webseiten präsent ist, könnte dieser ein umfangreiches Profil eines Nutzers erstellen.17 Durch die Analyse der erstell- ten Profile können Informationen gewonnen werden, die zum Beispiel für per- sonalisierte Werbung oder Marktforschungszwecke und damit zur gezielten Ausrichtung der Strategie von Unternehmen bezüglich ihrer Produktherstel- lung verwendet werden könnten. Web Bugs (auch Pixel Tags genannt) sind Elemente, die, meistens unsicht- bar für den Nutzer, auf Internetseiten platziert sind und die protokollieren, welche Aktionen der Nutzer durchführt. Aus technischer Sicht sind Web Bugs Objekte (zum Beispiel kleine Bilder), die nicht unbedingt von der Seite des Anbieters des Seiteninhalts heruntergeladen werden, sondern von dem Server desjenigen, der das Nutzerverhalten analysiert. Um ein Objekt herunterzula- den, wird eine Anfrage an den entsprechenden Server gestellt. In dieser Anfra- ge befindet sich auch ein Hinweis auf den Teil der Internetseite, auf dem sich der Nutzer derzeit befindet. Ist weiterhin ein Cookie des Web-Bug-Eigners vorhanden, kann dieser die durch die Objektanfrage erhaltenen Informationen mit der Identität des Nutzers verknüpfen. Durch diesen Vorgang hat der Eig- ner des Web Bugs die Möglichkeit, Informationen zum Verhalten der Nutzer 15 Vgl. RfC 2616 (http://www.ietf.org/rfc/rfc2616.txt), RfC 2818 (http://www.ietf.org/rfc/rfc2818.txt). 16 Referrer ist die Adresse der Internetseite, die der Nutzer vor dem Öffnen der aktuellen Inter- netseite besucht hat. 17 Bewegungsprofile sind vergleichbar mit Bewegungsprofilen des realen Lebens, welche zum Beispiel durch GPS-Daten bestimmt werden können. ZWISCHEN ANONYMITÄT UND PROFILING 113 zu erhalten, zum Beispiel, welche Teile der Internetseite diese öfters benutzen oder welche Inhalte sie besonders interessieren. Eine weitere technische Maßnahme, um an die Daten der Nutzer aus ver- schiedenen Internetportalen zu gelangen, ist das sogenannte Crawling. Ein Verfahren, mit dessen Hilfe alle verfügbaren Inhalte von Internetseiten gesam- melt werden. Beispiele berühmter Web-Crawler sind die Googlebots18, die Crawler von Google, mit welchen die Internetseiten gesammelt und zur Ana- lyse bereitgestellt werden. Im Gegensatz zu Crawlern werden durch sogenannte Scraper gezielt Infor- mationen aus Internetseiten extrahiert. Derartige Software befähigt Dritte zum Beispiel Profilinformationen aus OSNs zu sammeln und zu analysieren. Für Dritte stellen OSNs potenziell ein besonders lohnenswertes Angriffsziel im Kontext des Scrapings dar. Hier ist das Datenaufkommen besonders groß und die personenbezogenen Daten der Nutzer stets in geordneter und (technisch gesehen) immer gleicher Form abrufbar. Um den Informationsgewinn zu maximieren, werden Nutzerdaten mittels Dienstverknüpfungen auch zwischen verschiedenen Internetseiten ausge- tauscht. Ein Beispiel dafür ist die „Connect with Facebook“-Schaltfläche19 oder der „I Like“-Button20. Diese werden in immer mehr Internetseiten inte- griert und erlauben eine Verknüpfung des Facebook-Kontos von Nutzern mit den verschiedenen Internetportalen. Exemplarisches Beispiel einer solchen Verknüpfung und Datenaggregation findet zwischen Amazon21 und Facebook statt.22 Amazon-Kunden, die ihr Facebook-Konto mittels der „Connect with Facebook“-Schaltfläche mit Amazon verknüpfen, geben alle ihre Daten und gegebenenfalls auch Daten der eigenen Freunde Amazon preis. Somit hat Amazon Zugriff auf die Vorlieben und Interessen der Nutzer, die diese in ihren Profilen eingetragen haben und die auf der Pinnwand gepostet sind sowie auf deren diverse Facebook-Aktivitäten, wie zum Beispiel der Nutzung des „I Like“-Buttons. 2.3 Ausgewählte Arbeiten zum Profiling im Internet Krishnamurthy und Wills haben 2008 gezeigt, dass auf populären Internet- seiten oft die gleichen Datenaggregatoren beziehungsweise Drittanbieter vor- handen sind.23 Die Top Ten solcher Drittanbieter sind in über 70 % der popu- lärsten Internetseiten präsent (Stand 2008), wobei Dienste von Google24 allein 18 http://support.google.com/webmasters/bin/answer.py?hl=de&answer=1061943. 19 http://developers.facebook.com/docs/guides/web/. 20 http://developers.facebook.com/docs/reference/plugins/like/. 21 http://www.amazon.com. 22 https://www.amazon.com/gp/facebook/. 23 Balachander Krishnamurthy/Craig E. Wills, „Privacy Diffusion on the Web: A Longitudinal Perspective“, in: InternationalWorld Wide Web Conference, Madrid, 2009, S. 541-550. 24 http://www.google.com. 114 IRINA TARANU, SEBASTIAN LABITZKE, HANNES HARTENSTEIN auf fast 60 % der Internetseiten existieren. Das bedeutet, dass Googles Track- ing- und Analysesysteme (zum Beispiel Google AdSense25 zum Anzeigen von Werbung und Google Analytics26 zur Erstellung von Statistiken und Analysen) auf mehr als der Hälfte aller Internetseiten zu finden sind, dort den Nutzern Cookies setzen und so Daten (insbesondere Verkehrsdaten) sammeln. Somit gelangt eine große Datenmenge, samt Bewegungsprofilen und Vorlieben der Nutzer, in die Hände von Dritten. Das Firefox Add-on Collusion27 visualisiert das diskutierte Tracking von Drittanbietern eindrucksvoll. Auf potenzielle Ge- fahren im Zusammenhang mit Profiling durch Tracking, wird im Abschnitt 4 detaillierter eingegangen. Im Jahr 2011 wurde durch eine Studie28, in der eine Reihe von Internetsei- ten untersucht wurde (keine OSNs), herausgefunden, dass über die Hälfte der analysierten Internetseiten personenbezogene Informationen über Nutzer an Dritte weitergeben. 56 % der 120 einbezogenen Internetseiten gaben persön- liche Informationen der Nutzer an Dritte weiter. Wenn die Weitergabe soge- nannter Account-IDs der Nutzer einbezogen wird, erhöht sich dieser Anteil um weitere 19 % auf 75 %. Daher wurde in der Arbeit gezeigt, dass die Daten der Nutzer auch bei vertrauenswürdigen Diensten vor Zugriffen Dritter nicht geschützt sind. Die Untersuchung basierte auf dem jeweiligen Nachweis oben genannter Aggregatoren auf unterschiedlichen Internetseiten. Sie können mit- tels Cookies einen Nutzer über mehrere Internetseiten verfolgen und so ein anonymes Profil der Nutzer erstellen. Werden zusätzlich Informationen mit der ID der Cookies verknüpft, kann zur Identität des Nutzers auch dokumen- tiertes Surfverhalten zugeordnet werden. Die Untersuchung der Autoren wurde auf populären Internetseiten wie be- kannten Online-Einkaufsportalen, Seiten von Online-Reiseveranstaltern, Ge- sundheitsportalen usw. durchgeführt. Es wurde gezeigt, dass sowohl Teile per- sönlicher Informationen als auch Account-IDs weitergegeben werden. Die of- fenbarten persönlichen Informationen waren zum Beispiel E-Mail-Adressen, das Geschlecht, die Postleitzahl und/oder Musikinteressen der Nutzer bei ver- schiedenen Aktivitäten im Internet, zum Beispiel bei Registrierungs- und An- meldeprozessen sowie dem Anhören von Musik. Zusätzlich offenbarten einige analysierte Seiten Suchanfragen von Nutzern. Dabei wurden auch verschie- dene durch Nutzer gesuchte Begriffe, wie zum Beispiel zu Krankheiten, an Dritte weitergegeben. Ferner wurden Informationen über Flugrouten und ent- sprechende Zeitangaben sowie Reiseziele offenbart. Aufgrund der Weitergabe der Account-IDs durch diese Internetseiten (Ac- count-ID in Verbindung mit der Internetseite stellen eine eindeutige Kennung 25 http// www.google.de/adsense. 26 http://www.google.com/intl/de/analytics/. 27 https://secure.toolness.com/xpi/collusion.html. 28 Balachander Krishnamurthy/Konstantin Naryshkin/Craig E.Wills, „Privacy Leakage vs. Pro- tection Measures: The Growing Disconnect“, in: Proceedings of the Web 2.0 Security and Privacy Workshop, Oakland, CA, 2011, S. 1-10. ZWISCHEN ANONYMITÄT UND PROFILING 115 des Nutzers dar), können Cookies der Nutzer von unterschiedlichen Arbeits- rechnern (zum Beispiel Arbeitsrechner zu Hause und bei der Arbeit) verknüpft werden. Durch die Verlinkung der Cookie-IDs zwischen den verschiedenen Rechnern und durch die Verknüpfung der Cookies mit der ID der Nutzer aus OSNs sowie mit der ID von verschiedenen Accounts aus anderen Nicht-OSN- Internetseiten, kann ein Nutzer theoretisch durch das ganze Web verfolgt werden. In einer Arbeit aus dem Jahr 200929 wurde gezeigt, dass Informationen über die Identität der Nutzer auf dem gleichen Weg wie Cookies an Drittanbieter gesendet werden, so dass diese die empfangenen Informationen mit den Cookies und den IDs der Nutzer verknüpfen können und somit eine Zuord- nung der Identität der Nutzer an den mittels Tracking-Mechanismen erstellten Profilen möglich ist. Dabei wurde herausgefunden, dass externen Applikatio- nen und Drittanbietern der Zugriff auf Daten der Nutzer aus OSNs (zum Teil durch technische Mängel) ermöglicht wird. Die gewonnenen Erkenntnisse er- möglichen Rückschlüsse auf die Identität der Nutzer. Somit ist es Dritten möglich, Identitätsdaten mit Cookies der Nutzer zu verknüpfen. Aufgrund die- ser Verknüpfung können Aktivitäten der Nutzer sowohl innerhalb als auch au- ßerhalb der OSNs miteinander in Verbindung gebracht und somit ein Profil des Nutzers erstellt werden. 2010 wurde diese Studie auf mobile OSNs erweitert30, um weitere Erkennt- nisse bezüglich der Weitergabe von Nutzerdaten an Dritte zu gewinnen. Zu- sätzlich zu personenbezogenen Informationen ist es Dritten hier zum Beispiel möglich, die geografische Position des Nutzers herauszufinden. Diese Infor- mation kann potenziell noch mit der Uhrzeit von veröffentlichten Informatio- nen angereichert und so eine Route ermittelt werden, auf der sich ein Nutzer befand bevor, während und nachdem dieser zum Beispiel eine Statusmeldung, Fotos oder Videos veröffentlicht hat. Profiling in OSNs ist Dritten möglich, da Nutzer veröffentlichte Daten nicht immer mithilfe der Privatsphäre-Einstellungen vor Zugriffen Dritter schützen. Im Folgenden werden Arbeiten vorgestellt, welche die Verfügbarkeit der Nut- zerdaten in OSNs in den letzten Jahren untersucht haben. Im Jahr 2005 wurde von Gross und Acquisti eine empirische Untersuchung mit mehr als 4.000 Profilen von Studenten der Carnegie Mellon Universität durchgeführt.31 Dabei haben 88 % der Nutzer ihr Geburtsdatum und Ge- 29 Balachander Krishnamurthy/Craig E. Wills, „On the Leakage of Personally Identifiable Infor- mation Via Online Social Networks“, in: Proceedings of the 2nd ACM Workshop on Online So- cial Networks, New York, NY, 2009, S. 7-12. 30 Balachander Krishnamurthy/Craig E. Wills, „Privacy Leakage in Mobile Online Social Net- works“, in: WOSN ’10 Proceedings of the 3rd Conference on Online Social Networks, Berkeley, CA, 2010. 31 Ralph Gross/Alessandro Acquisti, „Information Revelation and Privacy in Online Social Net- works (The Facebook Case)“, in: ACM Workshop on Privacy in the Electronic Society, WPES ’05, Alexandria, VA, 2005. 116 IRINA TARANU, SEBASTIAN LABITZKE, HANNES HARTENSTEIN schlecht, 77 % ihren Instant Messaging Account, zwischen 40 % und 50 % ihre Adresse, Postleitzahl oder Telefonnummer und über 60 % diverse Interes- sen angegeben. Lampe et al. haben im Jahr 2007 mehr als 38.000 Facebook-Nutzerprofile untersucht und festgestellt, wie freizügig Nutzer mit ihren Daten gegenüber unbekannten Dritten umgehen.32 Im Vergleich zur zuvor genannten Studie, in der nur 0,06 % der Nutzer ihre Daten vor Zugriffen durch Dritte gesperrt hat- ten, waren in dieser Untersuchung 19 % der analysierten Profile gesperrt. Die Anschrift des Nutzers war lediglich in 13,5 % der untersuchten Nutzerprofile zu finden, wohingegen die restlichen Attribute eine viel höhere Verfügbarkeit aufwiesen: 83,8 % der Nutzer veröffentlichten ihr Geburtsdatum, 92,3 % die E-Mail Adresse, 67,8 % ihren Instant Messaging Account, zwischen 60 % und 80 % verschiedene Interessen. 2008 hat eine Untersuchung von Brown et al. gezeigt, dass aus den 7.919 für diese Studie gesammelten Facebook-Profilen der Universität Michigan nur 68 % offen zugänglich und der Rest für Dritte gesperrt waren.33 Dennoch ga- ben über 80 % der Nutzer ihren Geburtstag oder ihre Freundesliste preis. Wir haben im Jahr 2011 durch eine weitere empirische Untersuchung in vier verschiedenen OSNs und auf Basis von über 180.000 analysierten Nutzer- profilen gezeigt, dass das Bewusstsein der Nutzer bezüglich ihrer eigenen Pri- vatsphäre im Laufe der Zeit gestiegen ist.34 In den untersuchten OSN-Profilen wurden weitaus mehr Informationen vor dem Zugriff durch Dritte verschlos- sen und somit restriktiver mit personenbezogenen Daten umgegangen. Es wur- de ermittelt, dass in Facebook die Freundesliste das am häufigsten öffentlich verfügbare Attribut war, gefolgt von der Angabe des Geschlechts. Da das Ge- schlecht oft auch aus dem Namen erkennbar ist, kann unter Umständen aus der Angabe dieses Attributs keine zusätzliche Information gewonnen werden. Alle restlichen Attribute eines Nutzers waren in weniger als 20 % der Fälle für den öffentlichen Zugriff freigegeben, wie in Abbildung 2 verdeutlicht wird. Im Gegensatz dazu sperren jedoch nur lediglich 21,53 % der Nutzer den Zugriff auf sämtliche Informationen ihres OSN-Profils (bis auf den Namen, der nicht verborgen werden kann). Somit zeigt diese Studie, dass immerhin noch eine große Anzahl an Profilen Angaben offenbaren, deren Verfügbarkeit ein Infor- mationsgewinn für Dritte bedeuten kann. In StudiVZ war die Preisgabe der Informationen der Nutzer viel höher als in Facebook. Nur 7 % der Nutzer hatten ihr Profil vollständig für Fremde ge- sperrt. Über 64 % der Nutzer gaben ihr Geburtstag und mehr als 50 % ihre 32 Cliff Lampe/Nicole Ellison/Charles Steinfield, „A Familiar Face(book): Profile Elements as Signals in an Online Social Network“, in: CHI ’07 Proceedings of the SIGCHI conference on Human Factors in Computing Systems, New York, NY, 2007; S. 435-444. 33 Garrett Brown/Travis Howe/Micheal Ihbe/Atul Prakash/Kevin Borders, „Social Network and Context-Aware Spam“, in: CSCW, 2008. 34 Labitzke/Taranu/Hartenstein (2011), What Your Friends Tell Others about You. ZWISCHEN ANONYMITÄT UND PROFILING 117 Hochschule an. Die Freundesliste war ebenfalls ein Attribut, das von fast 50 % der Nutzer freigegeben wurde, wie in Abbildung 3 erkennbar ist. 2 – Öffentliche Verfügbarkeit einzelner Attribute bei 110.000 analysierten Facebook-Profilen mit deutschen Vor- und Nachnamen 3 – Öffentliche Verfügbarkeit einzelner Attribute bei 43.000 analysierten StudiVZ-Profilen mit deutschen Vor- und Nachnamen 118 IRINA TARANU, SEBASTIAN LABITZKE, HANNES HARTENSTEIN Nutzer geben demnach oft personenbezogene Daten über sich in OSNs für alle Mitglieder preis. Dies führt zu Möglichkeiten Profilverlinkungen in OSNs durchzuführen, um verteilt vorliegende Daten der Nutzer zu aggregieren. Im Folgenden werden Arbeiten vorgestellt, die sich mit der Verlinkung von Profi- len beschäftigt haben. 2007 fand eine compete.com-Studie heraus, in welchem Umfang Nutzer Profile in verschiedenen OSNs erstellen.35 Haben Dritte die Möglichkeit, diese Profile miteinander zu verknüpfen, können umfassende Profile von Nutzern erstellt werden. Von einer solchen Verknüpfung wären die Nutzer am meisten betroffen, die in einem OSN anonym sind, jedoch in einem anderen OSN mit ihren Daten freizügig umgehen. Durch eine erfolgreiche Verlinkung der Pro- file wäre die vermeintliche Anonymität des Nutzers nicht mehr gewährleistet. In einer Untersuchung im Jahr 2009 wurde gezeigt, dass mehr als die Hälfte der Nutzer, die Mitglieder in verschiedenen OSNs sind, auch unterschiedliche Privatsphäre-Einstellungen haben und somit in einem OSN mal mehr und mal weniger Daten freigeben.36 Außerdem gibt es OSNs, in denen Nutzer in der Vergangenheit Profile erstellt haben, in denen sie aber nicht mehr aktiv sind. Ihre Profile sind zum Großteil jedoch nach wie vor verfügbar und wurden nicht gelöscht. Dadurch haben Dritte potenziell die Möglichkeit, auf diese Da- ten zuzugreifen und restriktive Profile mit nicht-restriktiven Profilen zu ver- knüpfen und so ein Gesamtprofil des Nutzers zu erstellen. Außerdem wurde in oben genannter Arbeit ein Konzept entwickelt, um Profile aus verschiedenen OSNs zu identifizieren, die zu einer Person gehören und diese miteinander in Verbindung zu setzen. Dabei wurde versucht, Kriterien zu identifizieren, nach denen ein Nutzer in einem OSNs gesucht und mit einem Profil aus einem an- deren OSN verknüpft werden kann. 3. Datenverknüpfung von Angaben aus Profilen mehrerer OSNs OSNs gewinnen immer mehr an Popularität und die Nutzerzahlen sowie die Nutzungsdauer erhöhen sich jedes Jahr. Die Nutzerzahlen von Facebook sind 2010 weltweit um 69 % gestiegen und die Nutzungsdauer hat sich im Ver- gleich zu 2009 verdoppelt und erreicht nun im Durchschnitt sechs Stunden pro Monat und Nutzer.37 Die Nutzerzahlen der deutschen Nutzer haben sich eben- 35 http://blog.compete.com/2007/11/12/connecting-the-social-graph-member-overlap-at-open social-and-facebook/. 36 Marti Motoyama/George Varghese, „I Seek You: Searching and Matching Individuals in So- cial Networks“, in: Proceeding of the 11th International Workshop on Web Information and Data Management, WIDM ’09, New York, NY, 2009, S. 67-75. 37 Nielsen Pressemeldung, „Starke Nutzerzuwächse für Facebook und Twitter im Vorjahresver- gleich“, online unter: http://www.de.nielsen.com/news/NielsenPressemeldung05.05.2010-So- cialNetworks.shtml. ZWISCHEN ANONYMITÄT UND PROFILING 119 falls verändert. Im Jahr 201138 wurde gezeigt, dass sich diese im Vergleich zum Vorjahr39 fast verdoppelt haben, so dass im März 2011 über 22 Millionen Deutsche Facebook bereits einmal oder mehrfach besucht hatten. Die Hälfte aller in Deutschland lebenden Personen und somit 76 % der gesamten deut- schen Internetnutzer sind Mitglieder in mindestens einem OSN.40 Es wurde ferner ermittelt, dass Nutzer gewöhnlich an zwei bis drei verschiedenen OSNs teilnehmen und die Hälfte der Nutzer ihre Profile offen zugänglich belassen, wie es die Standard-Privatsphäre-Einstellungen der OSNs oft vorsehen, und somit in Kauf nehmen, dass Dritte Zugriff auf ihre Daten erhalten. Durch die Nutzung der OSNs setzen sich die Nutzer Risiken aus. Die OSNs sind zentrale Systeme, die ein beliebtes Angriffsziel darstellen. Nutzer müssen demnach einem OSN-Anbieter in Bezug auf die Sicherheit vertrauen. Die Tat- sache, dass der Anbieter selbst Zugriff auf die gesamten eingestellten Daten der Nutzer hat sowie die Rechte auf veröffentlichte Inhalte hält, kann ein Nut- zer nicht umgehen. OSNs suggerieren dem Nutzer ferner das Gefühl einer ge- schlossenen Gemeinschaft. An die Preisgabe von Daten in einem sozialen Kontext knüpfen sich bestimmte Erwartungen an die Konsequenzen, die in diesem spezifischen Kontext entstehen.41 Die Schnittstellen der OSNs vermit- teln das Gefühl, dass Daten nur innerhalb der geschlossenen Gemeinschaft zu- gänglich sind und daher nicht zusätzlich geschützt werden müssten. Dies könnte ein Grund dafür sein, dass viele Nutzer ihre Privatsphäre-Einstellungen unverändert belassen und damit einen Großteil ihrer in OSNs geteilten Daten frei zugänglich machen. Die Nutzer tragen – im selbsttechnologischen Sinne – die Verantwortung für das eigene Datenmanagement, die durch die Einstel- lungsmöglichkeiten entstehenden Erwartungen an die Anbieter werden jedoch von diesen nicht eingelöst. Das Aggregieren der Daten im Backend entzieht sich dem Management der Nutzer, zusätzlich bieten OSNs eine Basis für die klassischen Gefahren des Internets, wie zum Beispiel Spamming, Phishing oder Identitätsdiebstahl.42 In unserer Arbeit aus dem Jahr 2011 wurde gezeigt, dass Nutzer in ver- schiedenen OSNs (hier: StudiVZ, Facebook, XING und MySpace) unter- schiedliche Daten freigeben und für Zugriffe Dritter zugänglich machen.43 Für 38 Nielsen Pressemeldung, „Deutsche Top-Marken im Internet und Onlinenutzerprofil: März 2011“, online unter: http://www.de.nielsen.com/news/NielsenPressemeldung-OnlineMarz2011. shtml. 39 Nielsen Pressemeldung, „Deutsche Top-Marken im Internet und Onlinenutzerprofil: März 2010“, online unter: http://www.de.nielsen.com/news/NielsenPressemeldung19.04.2010-Online Marz.shtml. 40 BITKOM Presseinformation, „Halb Deutschland ist Mitglied in sozialen Netzwerken“, April 2011, online unter: http://www.bitkom.org/de/presse/70864_67667.aspx. 41 Helen Nissenbaum entwickelt unter dem Stichwort „Contextual Integrity“ Modelle, um solche Erwartungen in rechtlicher und informatischer Hinsicht zu formalisieren; vgl. dies., Privacy in Context: Technology, Policy, and the Integrity of Social Life, Palo Alto, CA, 2012. 42 Hogben (2007), ENISA Security Issues and Recommendations for Online Social Networks. 43 Labitzke/Taranu/Hartenstein (2011), What Your Friends Tell Others about You. 120 IRINA TARANU, SEBASTIAN LABITZKE, HANNES HARTENSTEIN die Untersuchung wurden öffentlich einsehbare Daten aus diesen OSNs analy- siert. Die Daten der Nutzer aus den OSNs wurden datenschutzkonform verar- beitet, das gesetzeskonforme Konzept dieser Studie wurde in einer vorange- gangenen Publikation vorgestellt.44 Das Konzept erzwingt, dass in keinem Schritt der Untersuchung Rückschlüsse auf die Identität der Nutzer gezogen werden können und die Auswertung damit anonym durchgeführt werden konnte. Neben der Ermittlung des Umfangs der Selbstoffenbarung der Nutzer in OSNs wurden mögliche Angriffsszenarien erarbeitet und offengelegt, wie Pro- file der Nutzer aus verschiedenen OSNs miteinander verknüpft werden könn- ten. Es wurde gezeigt, dass eine mögliche Profil-Verknüpfung anhand der Na- men der Nutzer und deren Freundeslisten durchgeführt werden kann. Wenn Nutzer ihre Profile in unterschiedlichen OSNs auch mit dem gleichen Namen registriert haben, reicht eine Überlappung von mehr als drei Namen aus zwei Freundeslisten, um mit einer hohen Fehlerfreiheit eine korrekte Verknüpfung herzustellen. Dies ist besonders prekär, da gezeigt werden konnte, dass die Freundeslisten je nach OSN in 40 % bis 67 % der Fälle frei verfügbar sind. Das bedeutet, dass, falls Nutzer in verschiedenen OSNs Profile mit gleichem Namen registriert haben und mehr als drei Namen in beiden Freundeslisten zu finden sind, diese Profile mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit dem glei- chen Nutzer gehören. Der Vergleich der Freunde wurde folgendermaßen durchgeführt: In allen untersuchten OSNs wurde nach Nutzern gesucht, die den gleichen Namen an- gegeben haben, und deren Freundeslisten wurde betrachtet. Die Freundesliste eines Nutzers aus einem OSN wurde mit allen Freundeslisten der Nutzer aus einem anderen OSN verglichen, die den gleichen Namen haben, und die An- zahl der Überlappungen untersucht. Abbildung 4 zeigt Ergebnisse von insge- samt 7 Millionen einzelner Profilvergleiche, genauer die Überlappung von miteinander verglichenen Freundeslisten der betreffenden Profile. Die Menge von Vergleichen lässt sich in Untermengen unterteilen, die stets Vergleiche eines Profils aus dem OSN StudiVZ mit den Profilen aus Facebook repräsen- tieren, die potenziell den gleichen Besitzer haben (hier: Profile, die mit dem- selben Namen registriert sind). Aus diesen Untermengen wurden Histogram- me erstellt, auf deren x-Achse die Überlappung zweier verglichener Freundes- listen und auf der y-Achse die Häufigkeit des Auftretens spezifischer Überlap- pungen aufgetragen sind. Abbildung 4 zeigt nun eine Aggregation dieser His- togramme. Dafür wurde stets das Maximum der einzelnen y-Werte bezogen auf jeweils einen x-Wert aus allen Histogrammen in dieses Diagramm übertra- gen. Es ist ersichtlich, dass ab einem x-Wert von 4 der y-Wert den Wert 1 nicht überschreitet. Das bedeutet, dass in keiner der Untermengen von Ver- gleichen mehr als ein Vergleich zu einer gleich hohen Überlappung geführt 44 Labitzke/Dinger/Hartenstein (2011), How I and Others Can Link My Various Social Network Profiles as a Basis to Reveal My Virtual Appearance. ZWISCHEN ANONYMITÄT UND PROFILING 121 hat. Ferner ist in diesem Diagramm die sogenannte diskriminative Distanz auf- getragen. Dieser Wert gibt an, welchen durchschnittlichen Abstand eine maxi- male Überlappung zur nächst kleiner detektierten Überlappung innerhalb einer Untermenge von Vergleichen aufwies. Hieran wird deutlich, dass, wenn eine hohe Überlappung bei einem einzelnen Vergleich ermittelt wurde, diese Über- lappung auch mit einem deutlichen Abstand zu sonstigen Überlappungen in- nerhalb einer Untermenge von Vergleichen lag. Die Ausprägung dieses Ergeb- nisses deutet darauf hin, dass eine große Überlappung stets als eindeutiger Ausreißer in Vergleichsdaten auftaucht und damit als Merkmal genutzt wer- den könnte, um Profile einer einzelnen natürlichen Person zu verknüpfen. Da- bei kann die Wahrscheinlichkeit als gering angenommen werden, dass zwei Profile, die mit gleichem Namen in einem OSN registriert sind, eine ähnlich große Überlappung mit einem verglichenen Profil aus einem anderen OSN aufweisen. 4 – Freundeslistenvergleiche zwischen Facebook und StudiVZ Damit und auf Basis des Ergebnisses, dass viele und je nach OSN verschie- denartige Informationen öffentlich zur Verfügung gestellt werden, wurde fest- gestellt, dass das Potenzial von Verlinkungen innerhalb verschiedener OSNs sehr groß ist. Durch die Verknüpfung der Profile können zusätzliche Informa- tionen über Nutzer gewonnen werden. Im Folgenden wird ein Beispiel zweier Profile gezeigt, die zufällig aus der Menge an Profilen entnommen wurden, die einem einzelnen Nutzer zugeord- net und damit verknüpft werden konnten. Im Beispiel wird ein Profil aus Face- book mit einem Profil aus StudiVZ verglichen. Beide Profile haben den glei- chen Namen und 69 Freunde, die in beiden Freundeslisten vertreten sind. Dies entspricht 16,2 % der Facebook-Freundesliste und 22,6 % der StudiVZ-Freun- desliste. Anhand des Namens und der Überlappung von 69 gemeinsamen 122 IRINA TARANU, SEBASTIAN LABITZKE, HANNES HARTENSTEIN Freunden wurde die Verknüpfung der Profile durchgeführt. Zusätzlich enthal- ten beide Profile noch die Attribute Geschlecht, Hochschule, Schule und Be- ziehungsstatus. Beide Profile stellen jedoch auch Attribute zur Verfügung, die im jeweils anderen Profil nicht auffindbar sind. Das Facebook-Profil enthält zusätzlich noch Angaben zu Lieblingsbüchern, Lieblingsmusik, Lieblingsfil- men, Lieblings-TV-Sendungen, Interessen, Lieblingszitaten, Aktivitäten und die Handynummer des Nutzers. Das StudiVZ-Profil verrät zusätzlich zur Hochschule des Nutzers noch dessen Studiengang, Heimatort, Heimatland, Geburtstag und Spitznamen (siehe Abbildung 5). Durch die erfolgreiche Ver- knüpfung dieser beiden Profile kann ein umfassendes Profil des Nutzers mit viel mehr Informationen als aus nur einem OSN-Profil erstellt werden. Dieses Beispiel verdeutlicht das Potenzial eines Angriffs auf die Privatsphäre eines Nutzers auf Basis von Profilverknüpfung. 5 – Beispiel einer Profil-Verknüpfung zwischen Facebook und StudiVZ 4. Dienstübergreifende Verknüpfung von Nutzerdaten In den vorherigen Abschnitten wurden insbesondere potenzielle Möglichkeiten zum Profiling im Internet betrachtet. Mit der in Abschnitt 3 vorgestellten Stu- die wurde beispielsweise ein zunächst hypothetisches Risiko für Nutzer skiz- ziert, das durch die technische Möglichkeit zur Profil-Verknüpfung in OSNs gegeben ist. Im Folgenden soll nun auf konkrete, offensichtlich im Einsatz be- findliche Maßnahmen zum dienstübergreifenden Profiling eingegangen wer- den. Die Frage, ob diese Arten von Profiling ausschließlich ein Risiko für Nut- ZWISCHEN ANONYMITÄT UND PROFILING 123 zer darstellen oder im Gegenteil eventuell sogar positive Effekte für die Nut- zer haben können, soll im Rahmen dieses Beitrags explizit nicht beantwortet werden. In vielen OSNs ist es möglich, nicht nur die Dienste des eigentlichen OSN- Betreibers zu nutzen, sondern auch sogenannte Apps zu verwenden, die nicht zwingend durch den OSN-Betreiber bereitgestellt werden. Dritte können diese Apps durch definierte Schnittstellen (engl. Application Programming Inter- face, API) innerhalb der OSNs bereitstellen. Google bietet eine API an, die von einigen OSNs adaptiert wurde und zur Integration von Drittanbieter-Apps genutzt werden kann45, wie zum Beispiel in StudiVZ und Xing. Facebook bie- tet eine eigene API (OpenGraph46) zur Integration von Apps an. Über diese API wurden laut Facebook bereits mehr als 550.000 Apps integriert. Den Programmierern einer App wird die Möglichkeit gegeben, Zugriff auf alle oder Teile von Informationen zu erhalten, die innerhalb eines Nutzerpro- fils zur Verfügung stehen. Dies ist teilweise notwendig, um Funktionen von Apps realisieren zu können. Als Beispiel sei eine App gegeben, die einem Nutzer dessen tägliches Horoskop anzeigt. Diese App wird eine Information über das Geburtsdatum des Nutzers benötigen, um den Horoskop-Dienst zu er- bringen. Des Weiteren können zur Verwendung einer App diverse Rechte er- beten werden, die es einer App erlauben bestimmte Aktionen innerhalb des OSNs (teilweise im Namen des Nutzers) durchzuführen. Hierzu zählen bei- spielsweise das Zugriffsrecht auf private E-Mail-Nachrichten oder auch das Recht, dass eine App im Namen des Nutzers an dessen Facebook-Pinnwand47 schreiben darf. Wird einem Drittanbieter durch die Nutzung einer App Zugriff auf Profilin- formationen gewährt oder werden diesem Rechte im Sinne der oben genann- ten Beispiele eingeräumt, bekommen die Nutzer vor der ersten Verwendung dieser App eine Übersicht über die Informationen und Rechte angezeigt, die eine App anfragt. Das Herauslesen der Implikationen, welche die Weitergabe spezifischer Informationen oder diverse Rechte mit sich bringen, obliegt dem Nutzer. Dieser muss vor der ersten Verwendung der App zustimmen, dass die aufgelisteten Daten dem Anbieter der App zur Verfügung gestellt werden. Eine kürzlich abgeschlossene studentische Arbeit48 untersuchte, ob die In- formationen auf den oben erwähnten Übersichtsseiten mit den Daten und Rechten übereinstimmen, die einer App tatsächlich übermittelt beziehungs- weise eingeräumt werden. Ein Ergebnis war, dass zumindest alle Daten und Rechte (in aggregierter Form) aufgelistet werden und vom Nutzer eine ent- sprechende Zustimmung verlangt wird. Seitens der OSNs wird jedoch nicht geprüft, ob die App tatsächlich alle angeforderten Informationen und Rechte 45 OpenSocial: http://code.google.com/intl/de-DE/apis/opensocial/. 46 Vgl.: https://developers.facebook.com/. 47 Einträge auf der Facebook-Pinnwand sind je nach Privatsphäre-Einstellung für einen be- stimmten Nutzerkreis oder aber auch für alle Facebook-Nutzer zugänglich. 48 Heike Hennig, Analyse von APIs sozialer Netzwerke, Studienarbeit am KIT, 2011. 124 IRINA TARANU, SEBASTIAN LABITZKE, HANNES HARTENSTEIN benötigt, um den eigentlichen Dienst zu erbringen. Anderseits ist es für den Nutzer nicht möglich die App zu nutzen, ohne der Gesamtheit an weiterzuge- benden Informationen und zu erteilenden Rechten zuzustimmen. Eine Aus- wahl der Informationen und Rechte, mit deren Weitergabe beziehungsweise Einräumung der Nutzer einverstanden wäre, ist nicht möglich. Ein weiteres Ergebnis der Studie zeigt, dass zum Teil auch Daten von OSN- Freunden eines Nutzers übermittelt werden, wenn dieser eine App benutzt, ohne dass die Freunde dieser Weitergabe explizit zustimmen müssen. Abbil- dung 6 zeigt einen Screenshot eines Bereichs der Facebook-Privatsphäre-Ein- stellungen. Innerhalb des gezeigten Dialogfensters können Nutzer konfigu- rieren, welche ihrer Daten Drittanbietern von Facebook-Anwendungen (Apps) zur Verfügung gestellt werden, wenn Personen diese Anwendungen nutzen, deren Profile mit den Profilen der Nutzer verknüpft sind (OSN-Freunde). Die Voreinstellungen dieser Konfigurationsmöglichkeit erlauben, dass eine Viel- zahl von Daten eines Nutzers an App-Anbieter gesendet wird, wenn einer von dessen Facebook-Freunden eine App mit entsprechenden Zugriffsrechten nutzt. 6 – Voreinstellung der Privatsphäre-Einstellungen bezüglich der Weitergabe der eigenen Daten an Betreiber von Anwendungen, welche die eigenen Facebook-Freunde nutzen. Allgemein kann geschlussfolgert werden, dass OSNs wie Facebook Daten von App-Nutzern an die Anbieter von Apps weitergeben und Zugriffsrechte ein- ZWISCHEN ANONYMITÄT UND PROFILING 125 räumen, wenn die Nutzer dieser Apps diesen explizit zustimmen. Ferner wer- den Daten von Personen weitergegeben, die einerseits mit einem App-Nutzer befreundet sind, jedoch anderseits der Weitergabe lediglich implizit und ohne die zum Beispiel vom deutschen Datenschutz geforderte Zweckbindung zuge- stimmt haben. Grund hierfür sind entsprechende Privatsphäre-Einstellungen, die gegebenenfalls nicht verändert und vom Nutzer in der Voreinstellung be- lassen wurden. Vor dem Hintergrund des Profiling zeigt der skizzierte Umgang mit Apps in OSNs, dass Dritten ausreichend Möglichkeiten gegeben werden, um Daten von Nutzern zu sammeln und zu analysieren. Es ist offensichtlich, dass sich potenziell umfassende Profile von Nutzern und deren OSN-Freunden gewin- nen lassen, wenn diese Datensammlungen über längere Zeit und mit entspre- chender Tiefe durchgeführt werden. Nicht immer besteht jedoch lediglich die Möglichkeit, dass Dritten die Gelegenheit eingeräumt wird Profiling zu betrei- ben. Große Unternehmen, insbesondere diejenigen, die selbst ein breites Spek- trum an Internetdiensten anbieten, haben selbst die Möglichkeit über Informa- tionen, die sich über die Dienste hinweg von Nutzern sammeln lassen, umfas- sende Datenprofile der Nutzer anzulegen. Das Unternehmen Google hat als Anbieter zahlreicherer Dienste (wie zum Beispiel Google Mail, YouTube, Picasa, Google Suche und viele mehr) Zu- griff auf alle preisgegebenen personenbezogenen Informationen der Nutzer in den jeweiligen Diensten. Im März 2012 hat google offiziell eingeräumt, dass Informationen von Nutzern dienstübergreifend ausgewertet werden und damit Informationen aus verschiedenen Diensten miteinander verknüpft werden. Das Ziel ist, dass der Nutzer über alle Dienste hinweg als ein einziger, eigenstän- diger Nutzer behandelt wird. Informationen, die Google aus einem Dienst ge- wonnen hat, werden genutzt, um das Angebot eines anderen internen Dienstes zu verbessern und auf den Nutzer personalisierter einzugehen. Es gibt verschiedene Quellen, durch welche Google Zugang zu Informatio- nen über Nutzer erhalten kann. Google ist es beispielsweise möglich, ein inter- nes Profil über den Nutzer zu erstellen, indem die Daten des Nutzers aus den verschiedenen Google-Diensten miteinander verknüpft werden. Durch einen Google-Account (z. B. bei Google Mail oder dem OSN Google+49) erstellt der Nutzer selbst ein Profil von sich. Durch die Nutzung weiterer Dienste können weitere Informationen mit dem Profil des Nutzers verknüpft werden. Zum Beispiel werden durch die Nutzung der Google Suchmaschine Suchanfragen samt IP-Adressen und Cookies gespeichert. Durch die Nutzung des OSN Google+ erhält Google Zugriff auf Freundeslisten, Fotos und Neuigkeiten der Nutzer. Durch das Einstellen, Anschauen und Kommentieren von YouTube- Videos können weitere Informationen hinzugefügt werden. Auch durch Infor- mationen aus dem Dienst Google Maps kann ein Profil einer Person mit Infor- mationen angereichert werden, die hier preisgeben, an welchem physischen 49 https://plus.google.com. 126 IRINA TARANU, SEBASTIAN LABITZKE, HANNES HARTENSTEIN Ort dieser sich befindet oder wohin er sich bewegen möchte. Mit Informatio- nen über genutzte Hard- und Software der Nutzer ergibt sich ein sehr umfang- reiches Profil des Nutzers. Zusätzlich dazu kann Google Informationen über einen Nutzer aus weiteren Quellen beziehen. Durch die große Präsenz von Google auf vielen Internetsei- ten und durch das Setzen von Cookies ist Google in der Lage umfassende Pro- file der Nutzer zu erstellen beziehungsweise diese zu erweitern. In oben vor- gestellten Arbeiten wurde gezeigt, dass mittels Cookies auch personenbezo- gene Informationen übertragen werden. Dadurch und durch die anderweitig gesammelten Informationen könnte Google zum Beispiel die Identität eines Nutzers in Erfahrung bringen. 5. Fazit Zusammenfassend zeigt sich, dass personenbezogene Daten ein schützenswer- tes Gut sind, auch wenn ungeklärt bleibt, ob Profiling tatsächlich nur negative oder auch positive Konsequenzen für Nutzer nach sich ziehen kann. Die Risi- ken lassen sich mit Blick auf die umfangreichen Möglichkeiten zum Profiling leicht herausstellen. Gehen Nutzer nicht bedacht mit der Preisgabe ihrer Daten um, besteht die Möglichkeit, dass diese für weitere Zwecke Verwendung fin- den. Anbieter von Internetdiensten sowie Dritte können (gewollt oder unge- wollt) Zugriff auf die Daten erlangen. Andererseits zeigt eine Befragung50, dass 74 % der Europäer der Meinung sind, dass die Informationspreisgabe ein Teil des modernen Lebens ist und sie damit einverstanden sind, dass Daten wie Namen, Fotos, Adressen oder Telefonnummern in verschiedenen Diensten anzugeben sind, um diese Dienste in Anspruch nehmen zu können. Jedoch ha- ben die Nutzer auch Misstrauen gegenüber den Anbietern geäußert. Lediglich 22 % der Nutzer vertrauen Diensten wie OSNs, Suchmaschinen oder E-Mail- Dienstleistern. Viele haben den Eindruck, dass die Daten, die Anbieter über sie sammeln, nicht nur für die angegeben Zwecke genutzt werden. Allgemein wurde gezeigt, dass, wenn Nutzer einen Internetdienst nutzen, oft ein Stück der Privatsphäre mit Dritten geteilt wird. Dieser Beitrag zeigt an- hand der vorgestellten technischen Möglichkeiten zum Profiling, dass es sinn- voll ist, ein Bewusstsein der Nutzer für das Thema Profiling zu etablieren, in- dem demonstriert wird, wie protokollierbar Aktivitäten im Internet tatsächlich sind und wie umfassend Profiling durch Dritte möglich ist. Ferner sollte Nut- zern bewusst werden, dass sie im virtuellen Leben die gleiche Identität anneh- men, wie im realen Leben und dass ein Verstecken hinter Teilidentitäten im Internet oft nicht (mehr) möglich ist. Auch wenn es nicht sinnvoll erscheint, Nutzer in ihrem Handeln im Internet einzuschränken, hat dieser Beitrag deut- lich gemacht, dass eine unbedachte Datenpreisgabe und gegebenenfalls an- 50 Europäische Kommission (2011), Special Eurobarometer 359. ZWISCHEN ANONYMITÄT UND PROFILING 127 gewandtes Profiling umfangreiche Konsequenzen für Nutzer nach sich ziehen kann. Die Bewertung, ob diese Konsequenzen positiver oder negativer Natur sind, obliegt weiterhin dem Nutzer selbst. Allerdings ist auch deutlich geworden, dass die Entwicklungen der techni- schen Infrastruktur der OSNs einen selbstbestimmten Umgang mit der digita- len Identität zunehmend erschweren. Aus Nutzersicht scheint der Reiz der OSNs gerade darin zu liegen, dass die Preisgabe von Informationen nicht bis ins letzte Detail gesteuert wird, denn erst so können unerwartete Verbindun- gen zu anderen Nutzern und damit ungeplante Strukturen auf der kommunika- tiven Ebene entstehen. Diese Dynamik wird durch die Nutzer-Schnittstellen der OSNs aktiv vorangetrieben, sie fordern das Ausfüllen der Formularfelder im Hinblick auf eine möglichst umfassende Selbstdarstellung geradezu ein. Man könnte also einerseits von Selbst-Technologien im Sinne eines bewusst gesteuerten Selbstmanagements sprechen: Das eigene Profil als Lebenslauf, der für unterschiedliche Netzwerke und Kontexte präzise zugeschnitten und angepasst wird. Genau dieses aktive Spiel mit unterschiedlichen digitalen Teilidentitäten wird jedoch durch die technischen Möglichkeiten der Profilbil- dung unterlaufen. Damit erhält der Begriff Selbst-Technologien eine zweite Bedeutung: Es geht um Technologien zur Herstellung einer digitalen Identität bzw. eines digitalen Abbilds jenseits der Kontrolle durch die Nutzer. Auf wel- che Quellen diese Technologien zugreifen, welche Gewichtungen sie vorneh- men, wie der Prozess der Aggregation verläuft und wie die entstehenden Pro- file wiederum in die Inhalte zurückgespeist werden, entzieht sich der Kenntnis der Nutzer. Selbst-Technologien auf der Ebene der Nutzer und Selbst-Techno- logien im technischen Sinn verflechten sich damit auf eine immer diffusere Weise, kausale Zuordnungen zwischen Handlungen an einer Stelle und Kon- sequenzen an anderer Stelle sind vor dem Hintergrund des Profiling kaum noch möglich. Literatur BITKOM Presseinformation, „Halb Deutschland ist Mitglied in sozialen Netzwerken“, April 2011, online unter: http://www.bitkom.org/de/presse/70864_67667.aspx. Brown, Garrett/Howe, Travis/Ihbe, Micheal/Prakash, Atul/Borders, Kevin, „Social Network and Context-Aware Spam“, in: CSCW, 2008. Buxel, Holger, „Customer Profiling im Internet: Den Kunden im Visier“, in: Science Factory, 1 (2002), S. 1-6. 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Ein gutes Beispiel für diesen Vorgang liefern mobile Medien, die sich durch einen engen Körperbezug auszeichnen. Louis Althusser hat betont, dass das Angerufenwerden auf der Straße – bei- spielsweise von einem Polizisten – das (bürgerliche) Subjekt erst als solches konstituiert.1 Der öffentliche Appell teilt dem derart adressierten Selbst eine Position zu, die es zugleich ermächtigt (als Subjekt seiner Handlungen und Gedanken) und einer bestehenden Ordnung unterwirft. Die Überlegung kann ergänzt werden durch die Rolle, die Medien in diesem Prozess spielen. Führe ich beispielsweise ein Mobiltelefon mit mir, bin ich jederzeit von jedem belie- bigen anderen Ort aus und von jeder Person, die meine Nummer kennt, adres- sierbar, nicht nur von räumlich kopräsenten Mitmenschen. Ein Smartphone (also ein portabler, vernetzter Computer) verändert die Situation erneut: Das Selbst, das über ein Smartphone in ein soziotechnisches Netz2 eingebunden ist, nimmt unweigerlich und automatisch die Position eines Knotens in diesem Netz ein. Diese medientechnische Konstellation hat gravierende Konsequenzen für ein solcherart vernetztes Selbst. Verschiedene Autoren haben auf die verän- derten Selbstverhältnisse hingewiesen, die mit der tendenziell permanenten Vernetzung einhergehen. Kenneth J. Gergen spricht angesichts der Prolifera- tion des Mobiltelefons von einer Entwicklung der Selbsterfahrung hin zu ei- nem „relational being“3, die sich in der Unterminierung eines autonomen und individuellen Ich (wie es die Subjektphilosophie Descartes, Lockes und Kants 1 Vgl. Louis Althusser, „Ideologie und ideologische Staatsapparate. Anmerkungen für eine Un- tersuchung“, in: Ideologie und ideologische Staatsapparate. Aufsätze zur marxistischen Theo- rie, Berlin, Hamburg, 1977 [frz. OA 1970], S. 108-153: 140-142. 2 Das zunehmend mobile Internet umfasst sowohl menschliche (andere User) als auch nicht- menschliche Elemente (Websites, Online-Spiele, mit RFID-Chips versehene physische Din- ge). Grundlegend ist, dass jedem vernetzten Objekt eine IP-Adresse zugewiesen wird, unge- achtet seiner sonstigen Qualitäten. Daher handelt es sich um ein hybrides Netz, das verschie- denste Entitäten umfasst, die auf der technischen Ebene alle gleich behandelt werden. 3 Kenneth J. Gergen, „Self and Community in the New Floating Worlds“, in: Kristóf Nyíri (Hg.), Mobile Democracy. Essays on Society, Self and Politics, Wien, 2003, S. 103-122: 110. 132 TIMO KAERLEIN, JULIUS OTHMER beschrieben hatte) zugunsten eines „self-within-relationship“4 ausdrückt. In dieser Verschiebung kommt dem technischen Artefakt des Mobiltelefons eine besondere Funktion zu: „As a material object, the mobile phone functions as an icon of relationship, of techno-umbilical connection. The Enlightenment paean to individualism, ,I think therefore I am‘ is replaced with ,I am linked therefore I am‘.“5 Während Gergen noch vergleichsweise optimistisch die Potenziale eines erhöhten Bewusstseins für allseitige Verbundenheit hervorhebt, wird von an- deren Autoren der darin bereits enthaltene Gedanke eines Imperativs der Ver- netzung (das Moment der technischen Nabelschnur) betont. Sherry Turkle evoziert die Vorstellung eines „tethered self“, eines Selbst also, das nicht mehr getrennt von seinen kommunikationstechnischen Extensionen zu denken sei und einen Großteil seiner Gratifikationen aus Interaktionen mit diesen Geräten bzw. den durch sie vertretenen symbolischen Welten beziehe.6 Weit davon entfernt, das „Versprechen mobiler Freiheit“7 einzulösen, avancieren die „al- ways-on/always-on-you devices“ zum integralen Bestandteil eines Selbstver- hältnisses, das neue Verbindlichkeiten mit sich bringt. Die Indizien häufen sich, dass die Taktung des eigenen Lebens zunehmend von jener eines medi- entechnischen Dispositivs überschrieben wird. „We try to keep up with our lives as they are presented to us by a new disciplining technology. We try, in sum, to have a self that keeps up with our email.“8 Längere Abstinenz von den diversen Geräten, die Zugang zum Netz ermöglichen, führt zu Unsicherheits- gefühlen (anxiety), der Erfahrung eines fragilen Selbstbewusstseins und unter- schwelliger Nervosität. Das Selbstwertgefühl eines menschlichen Knotens orientiert sich laut Turkle zunehmend an der Anzahl der ein- und ausgehenden Verbindungen, also an Kriterien, die in der infrastrukturellen Logik der Netz- architektur begründet liegen. William J. Mitchell zufolge impliziert die funda- mentale Verschiebung in Richtung einer „nodular subjectivity“ darüber hinaus eine korrelierende Verschiebung von Architekturen mit festinstallierten Ein- 4 Ebd., S. 112. 5 Ebd., S. 111. 6 Vgl. Sherry Turkle, „Always-on/Always-on-you. The Tethered Self“, in: James E. Katz (Hg.), Handbook of Mobile Communication Studies, Cambridge, MA, 2008, S. 121-137. Dabei modifiziert sie explizit ihre frühere Überlegung, den Computer als „second self“ aufzu- fassen. Vielmehr regt sie die neue Intimität mit personal communications devices dazu an, nach einem „new state of the self, itself“ (ebd., S. 122) zu fragen. Vgl. auch Sherry Turkle, The Second Self. Computers and the Human Spirit, Cambridge, MA, 2005 [OA 1984]. In ei- nem anderen Zusammenhang hatte schon Gregory Bateson anhand des Beispiels des Blinden mit seinem Stock darüber spekuliert, ob es überhaupt Sinn macht, die Grenzen mentaler Sys- teme gleichsam arbiträr mit der epidermalen Oberfläche des biologischen Körpers in eins zu setzen. Vgl. Gregory Bateson, Steps to an Ecology of Mind, Chicago, ILL, 2000 [OA 1972], S. 465. 7 Vgl. Heike Weber, Das Versprechen mobiler Freiheit. Zur Kultur- und Technikgeschichte von Kofferradio, Walkman und Handy, Bielefeld, 2008. 8 Turkle (2008), Always-on/Always-on-you, S. 130. THESENBAUKASTEN SELBST-TECHNOLOGIEN 1 133 richtungen hin zu mobilen und flexiblen Strukturen („walking architecture“9), die den menschlichen Körper zum Mittelpunkt nehmen.10 Die referierten Beobachtungen und Analysen mögen wichtige Aspekte tref- fen oder nicht, entscheidend ist aus Sicht der Automatismenforschung aller- dings die Frage nach der konkreten Genese solcher Selbstverhältnisse. Die Annahme eines einfachen Technikdeterminismus wäre verkürzt und kann nicht pauschal unterstellt werden. Vielmehr sind Praxen und die Materialitäten von Körpern und Dingen ausschlaggebend dafür, dass sich bestimmte Selbst- verhältnisse im alltäglichen Umgang mit bestimmten Medien ausbilden. „The sophisticated consumer of tethering devices finds ways to integrate always- on/always-on-you technology into the everyday gestures of the body.“11 Was hier nach einer bewusst angeeigneten Körpertechnik klingt, ist treffender als Habitualisierungsprozess beschreibbar, in dem sich Automatismen realisieren. Beispielsweise ist das weitverbreitete Phänomen der checking habits – „brief, repetitive inspection of dynamic content quickly accessible on the device“12 – eine solche Geste, die neben einer aufmerksamkeitsökonomischen Funktion auch eine des Verlegenheitsmanagements beinhaltet. Was aber noch wichtiger ist: Als Resultat einer Praxis, die unter Umgehung bewusster Reflexion wie- derholt ausgeführt wird, wird eine kontinuierliche körperliche und affektive Bindung an das verwendete Gerät etabliert. Es ist ebendiese unterschwellige Bindung, die den Keim eines veränderten Selbstverhältnisses birgt. Bewusst erfahrbar wird dies am ehesten im Falle von Störungen, z. B. bei längerer räumlicher Trennung von internetfähigen Geräten (s. o.) oder auch in dem häufig berichteten Fall von taktilen Halluzinationen bei Nutzern von Pagern und Mobiltelefonen, die von einer amerikanischen Forschergruppe Ende 2010 unter dem Namen phantom vibration syndrome empirisch belegt wurden.13 Die wiederholte Wahrnehmung von vermeintlichen Akten der Adressierung (eingebildetes Vibrieren) ist ein weiteres Indiz für die faktische Verbundenheit eines Selbst mit einem räumlich und zeitlich ausgedehnten Netzwerk und für die damit einhergehende Stabilisierung einer Subjektposition permanenter 9 William J. Mitchell, Me++. The Cyborg Self and the Networked City, Cambridge, MA, 2003, S. 82. 10 Vgl. ebd., S. 61-62: 78-82. Mitchell ergänzt diese Einschätzung durch den Zusatz: „And, since the body itself produces low-powered electromagnetic radiation, it may function as a naked network node – enabling, for example, remote wireless monitoring of heartbeats. The ancient, mystical idea of the body’s ineffable aura takes on, in this context, precise engineer- ing meaning“ (ebd., S. 80). 11 Ebd., S. 129. 12 Antti Oulasvirta/Tye Rattenbury/Lingyi Ma/Eeva Raita, „Habits make smartphone use more pervasive“, in: Personal and Ubiquitous Computing 16, 1 (2012), S. 105-114: 105. 13 Vgl. Michael B. Rothberg/Ashish Arora/Jodie Hermann/Peter St. Marie/Paul Visintainer, „Phantom Vibration Syndrome among Medical Staff: A Cross Sectional Survey“, in: BMJ (2010); 341:c6914. Die Autoren der Studie merken zu dem aus der Presse übernommenen Begriff kritisch an: „Just as the Holy Roman Empire was not holy, Roman, or an empire, phantom vibration syndrome does not involve a phantom, nor is it technically a syndrome“ (ebd., S. 3). 134 TIMO KAERLEIN, JULIUS OTHMER Konnektivität. Für eine adäquate Beschreibung der Genese von Selbstverhält- nissen, wie sie im ersten Teil dieses Beitrags skizziert wurden, ist also ein pra- xeologischer Ansatz ratsam, der danach fragt, wie „Praxis mittels Diskursivie- rung, Habitualisierung und Technisierung (selbst wieder spezifisch stabilisier- te Praxisformen) so gestützt wird, dass sich im Gefüge der verschiedenen Pro- jekte temporär stabilisierte Konfigurationen herausbilden.“14 Unwillkürlich wiederholte Gesten und haptische Eindrücke können mögli- cherweise Ansatzpunkte zum Verständnis gegenwärtiger Ausprägungen von Subjektivität und Selbstverhältnissen im Zusammenhang mit mobilen Medien liefern. Es ist anzunehmen, dass die Konstitution eines Selbst, das nur noch analytisch von seinen Gadgets zu trennen ist und als eindeutig identifizierbarer Knoten in einem soziotechnischen Netz aufgefasst werden kann, mit Verhal- tensautomatismen auf einer körperlich-unbewussten Ebene verschränkt ist. Solche Verhaltensautomatismen können als Symptome einer Strukturentste- hung interpretiert werden, die als Nebenprodukt alltäglicher Medienpraxen an- fällt. Sie sind auf eine spezifische Weise unsichtbar, insofern sie zugunsten der Interaktion mit Medien und ihren Inhalten aus dem Blick geraten und dem Bewusstsein nur mit besonderem Aufwand zugänglich gemacht werden kön- nen (z. B. durch systematisches Aufschreiben). Dennoch – vielleicht gerade aufgrund ihrer Latenz – sind Verhaltensautomatismen ein außerordentlich wirksamer Bestandteil medientechnischer Dispositive. Sie sind maßgeblich beteiligt an der Einbettung von Medientechnologien in den Alltag der Anwen- der, insofern sie zunächst begründungsbedürftige Nutzungsweisen (z. B. das massenhafte Herunterladen und Installieren von Apps) mit Selbstverständlich- keit versehen. Timo Kaerlein These 2: Durch mediale Repräsentation wird ein kollektiver Automatismus auch für die an ihm beteiligten Individuen beobachtbar. Auf dieser Beob- achtungsoption setzen Selbsttechnologien auf, welche ungeplante Struktur- entstehungen beeinflussen. Eine der Grundvermutungen der Automatismenforschung lautet, dass Auto- matismen „im Rücken der Beteiligten“ ablaufen und sich somit der Beobach- tung für die am Automatismus beteiligten Individuen im Prozessieren entzie- hen. Die Folge wäre eine strikte Trennung zwischen Beobachter und Beobach- tetem. Oliver Leistert hat darauf hingewiesen, dass die Automatismenfor- 14 Jan-Hendrik Passoth, „Fragmentierung, Multiplizität und Symmetrie. Praxistheorien in post- pluraler Attitüde“, in: Tobias Conradi/Heike Derwanz/Florian Muhle (Hg.), Strukturentste- hung durch Verflechtung. Akteur-Netzwerk-Theorie(n) und Automatismen, München, 2011, S. 259-278: 272. THESENBAUKASTEN SELBST-TECHNOLOGIEN 1 135 schung über die Beobachtung der als ungeplant charakterisierten Strukturen und deren medialer Darstellungen Rückschlüsse über einen als Automatismus verstandenen Prozess zu gewinnen versucht. Die Darstellung einer solchen Struktur und die damit verbundenen Beschreibungspraktiken in Schrift, Zahl und Bild fungieren als Repräsentation eines Automatismus, sind aber nicht sein Spiegel oder Abbild, sondern Ergebnis einer wissenschaftlichen Beobach- tungs- und Benennungspraxis sowie ihrer medialen Übersetzung und Vermitt- lung.15 Diese reduzieren einerseits Komplexität und abstrahieren andererseits von der Einzelperspektive der am Automatismus Beteiligten. Am Beispiel des Graduiertenkolleg-Logos plausibilisiert Leistert diese Thesen: Erstens bleibt nur eine schwarz-weiße Binarität zwischen Spur und Nicht-Spur sichtbar; Spurtiefe, zeitliche Abfolge der Tritte im Schnee und damit der Prozess der Strukturentstehung aber sind abgeschlossen und entgehen der bildlichen Re- präsentation. Zweitens fallen in dieser Beobachtungsperspektive Produktion und Rezeption zwangsweise auseinander. „Klar ist zunächst, dass das Bild nur von oben – in der Draufsicht – entsteht. Und damit in der Perspektive, die kei- nes der beteiligten Schafe aus eigener Kraft einnehmen kann.“16 In der Konsequenz bedeutet dies: Die einzelnen Teilnehmenden am kollek- tiven Automatismus können nur relational Teile sowohl des Prozesses als auch der entstehenden Struktur wahrnehmen, der Zugang zum Gesamtbild bleibt aber verwehrt. Damit wären auch Rückwirkungen der Repräsentation des Automatismus auf ihn nicht möglich. Bei kollektiven Automatismen, die Men- schen betreffen, scheint dagegen zu gelten, dass diese durch Verfahren der Darstellung und Repräsentation, mithin der Reflexion, potenziell durchaus be- fähigt werden/sind, sich ein „Bild von ihrer Lage“ zu machen. Im Anschluss an Jürgen Link wäre von einem „inneren Bildschirm“ zu sprechen.17 Die Entstehung von gesellschaftlicher Normalität, wie sie Jürgen Link in seiner Theorie des Normalismus aufarbeitet18, ist genau durch die Verflech- tung von Bottom-up-Prozessen, Vermessung, deren medialer Repräsentation und daran anschließenden Selbsttechnologien charakterisiert. Laut Link ba- siert Normalität seit dem späten 20. Jahrhundert, knapp gefasst, nicht mehr auf einem vorgängigen determinierenden und normierenden Wertesystem, wel- ches von außen gesetzt auf das Individuum einwirkt, sondern konstituiert sich als ein Geflecht, welches auf Beobachtungen und Vermessungen teils auf Au- tomatismen beruhender sozialen Praxen basiert.19 Wie Link weiter zeigt, findet gerade für die so erkannten Strukturen des ‚Normalen‘ eine massenmediale 15 Oliver Leistert, „These 5: Automatismen werfen das Problem der Beobachterin auf. Hiermit sind weit reichende epistemologische Fragen verbunden“, in: Hannelore Bublitz/Roman Ma- rek/Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 99- 102. 16 Ebd., S. 100 [Herv. i. O.] 17 Vgl. Jürgen Link, Versuch über den Normalismus, 2. Aufl., Wiesbaden, 1997, S. 346. 18 Ebd. 19 Vgl. ebd., S. 341. 136 TIMO KAERLEIN, JULIUS OTHMER Aufbereitung im Hinblick auf Selbst- und Fremdbeobachtung statt, die jeweils spezifische Übersetzungsverschiebungen, Vereinfachungen und Auslassungen mit sich führt.20 Link verdeutlicht, wie die komplexen Felder des Normalen auf einer symbolischen Ebene nach der Überführung in eindimensionale Ska- len und Gaußkurven für die rückwirkende Vermittlung anschlussfähig werden. Das Feld der Süchte wird, wie Link exemplarisch ausführt, mit Kurven der „Auffälligkeit im Alltag“, der „Arbeitsfähigkeit“ oder der „Abweichung von einer Normalbiographie“ vermittel- und vergleichbar.21 Zitat Link: „Eine sol- che symbolische Normalskala erfüllt dann an der ‚Oberfläche‘ die für den Normalismus ungemein wichtige Funktion der „Signalisierung“ der (unsicht- baren) Normalitätsgrades in der ‚Tiefe‘ der black box eines Systems [...].“22 Die Signalebene des Normalismus als medial vermittelte Bündelung ver- schiedener Normalitätsskalen und -kurven (wichtig: auch hier handelt es sich um Repräsentationen, etwa statistische in den Massenmedien) zeigt Verbin- dungen zu den wissenschaftlichen Repräsentationen eines Automatismus: Beide stellen meistens selektiv und detailblind Resultate in Form von Struk- turen dar, die Prozesse ihrer Entstehung jedoch bleiben ausgeklammert. Wei- terhin nimmt die Repräsentation des Normalismus teils direkten Bezug auf Er- gebnisse wissenschaftlicher Darstellungspraxen, wie Link exemplarisch am Beispiel von Statistiken zeigt.23 Genau diese Signalebene bildet und speist laut Link den eingangs erwähnten „inneren Bildschirm normalistischer Subjekte [...] mit dessen Hilfe sie sich orientieren und selbständig adjustieren (normali- sieren) können.“24 Die Signalebene fungiert somit gleichzeitig auch als Kon- troll- und Orientierungsebene und eröffnet damit mögliche Rückkopplungen der Repräsentation auf den stetig fortlaufenden Prozess der Entstehung von Normalität.25 Erst durch diese Rückkopplungen sind Wiederholbarkeit einer- seits und für das einzelne Individuum eine zusätzliche Vergewisserung und (Neu-)Positionierung des Selbst sowohl individuell als auch als Teil eines durch die Repräsentation konstituierten und vermittelten Kollektivs möglich. An diese Rückkopplung sind weiterhin verschiedenste Techniken der Selbst- normalisierung und damit der Selbststeuerung und Selbstregulierung an- 20 Komplexitätsreduzierung in der Beschreibung meint hier nicht nur den veränderten Detail- grad, sondern auch bewusste Auslassungen. In der Theorie des Normalismus verweist Jürgen Link auf die Tatsache der „Ausblendung“ bei der Herstellung von Normalfeldern (vgl. ebd., S. 344). 21 Vgl. ebd., S. 75 ff. 22 Ebd., S. 76. 23 Ebd., S. 165 ff. 24 Ebd., S. 346. 25 Ebd. THESENBAUKASTEN SELBST-TECHNOLOGIEN 1 137 schlussfähig26, die in der Folge auch die entstehende Struktur und deren Re- präsentationen beeinflussen.27 Bedingung für eine solche Rückwirkung wäre aber nicht nur eine Form von Signalisierung, sondern auch von Sichtbarkeit und die damit verbundene Op- tion der Beobachtbarkeit für die an normalitätsproduzierenden Automatismen beteiligten Individuen. Wie ist es um die Sichtbarkeit des ‚Normalen‘ für die betreffenden Individuen bestellt? Obwohl auf einer Signalebene liegend, scheint sie sich dennoch dem direktem Zugriff, der direkten Beobachtbarkeit zu entziehen. Hartmut Winkler schreibt in seiner Auseinandersetzung mit Links Normalismustheorie aus einer spezifisch medienwissenschaftlichen Per- spektive, „dass nämlich, was normal wird, normalerweise aus dem Blick ver- schwindet.“28 Und führt weiter aus: „Diese Blindheit beinhaltet das Paradox, dass gerade das, was diskursiv besonders präsent, dominant und häufig ist, und damit, wie man denken sollte, besonders sichtbar, unter die Schwelle der Wahrnehmung gerät.“29 Das ‚Normale‘ ist folglich so präsent, dass es sich der Sichtbarkeit entzieht. An dieser Stelle stellt sich die Frage, wie die Signalebene als Kontroll- und Orientierungsebene Wirkung zeigt. Anders als es die Begriffe des Signals, der Kontrolle und der Orientierung vielleicht vermuten lassen, findet das von Winkler beschriebene Paradox dieser Anordnung seine Wirkmächtigkeit gerade nicht in bewusster Reflexion und Entautomatisierung, sondern als An- eignungspraxis „[...] über Habitualisierungsprozesse, in denen sich bewusste und unbewusste Prozesse mischen.“30 Die Rückwirkung der Repräsentationen des Normalen über die Signalebene hat somit Wirkungen auf das Individuum im Moment des Prozessierens, entzieht sich aber trotz dessen Sichtbarkeit teil- weise der bewussten Zugänglichkeit. Die Ebenen der Fremd- und Selbstbeob- achtung stehen somit in einem beidseitigem, sich zyklisch aufeinander bezie- henden reflexiven Spannungs- und Wechselverhältnis. Zusammenfassend lässt sich festhalten: Das Bild eines Automatismus er- wächst als Repräsentation aus wissenschaftlicher Beobachtungspraxis. Im Fall sozialer Automatismen stellt die wissenschaftliche Praxis keinen Endpunkt dar, sondern die Beobachtung wird, wie am Fall des Normalismus exempla- risch verdeutlich, selbst durch weitere Transformationsprozesse Teil einer me- 26 Diese unterliegen aber immer den Bedingungen der Repräsentationsgenese und richten sich damit an einem ebenfalls nur fragmentarischem Bild aus bzw. stehen in einem Spannungsver- hältnis mit Selbigem. 27 Die Beeinflussung kann sowohl verschiebend als auch stabilisierend sein. Link abschließend dazu: „Offenbar bestände eine Art prästabilierter Normalitäts-Harmonie darin, daß die indivi- duelle Orientierung aller Normalsubjekte an symbolischen Gaußoiden die Reproduktion von Gaußoiden auf gesamtgesellschaftlicher Ebene garantieren müßte.“ Link (1997), Versuch über den Normalismus, S. 409. 28 Hartmut Winkler, Diskursökonomie. Versuch über die innere Ökonomie der Medien, Frank- furt/M., 2004, S. 191. 29 Ebd., S. 192. 30 Ebd. 138 TIMO KAERLEIN, JULIUS OTHMER dial vermittelten Signalebene. Auf dieser Signalebene ist die Metaperspektive eines teils aus Automatismen entstandenen Strukturbildes anzusiedeln, die für Individuen die Option zusätzlicher Selbstpositionierung und anschließender Selbsttechnologien eröffnet. Diese Einordnung negiert insofern nicht die An- nahme des ,im Rücken Laufens‘, da Selbsttechnologien (verstanden als Resul- tat der Selbstbeobachtung durch die am Automatismus beteiligten Individuen) automatisch ablaufen können, ohne dass Subjekte sie bewusst reflektieren und damit „entautomatisieren“. Der Zugang zu dieser Ebene ist folglich kein voll- ständig bewusster und reflexiver. Dennoch verfügen die am Automatismus be- teiligten Individuen über ein implizites ‚Wissen‘ um ihre Situation und Posi- tion, welches dem kollektiven Automatismus weder abträglich ist noch zu sei- ner Entautomatisierung führen muss. Dieses Wissen und die anhängigen Prak- tiken der Selbstadjustierung fließen in den kollektiven Automatismus und die daraus resultierende Struktur ein; gleichzeitig sind es Automatismen, die das implizite Wissen und die Praktiken der Selbstadjustierung wesentlich mitbe- stimmen. Julius Othmer Literatur Althusser, Louis, „Ideologie und ideologische Staatsapparate. Anmerkungen für eine Untersuchung“, in: Ideologie und ideologische Staatsapparate. Aufsätze zur marxis- tischen Theorie, Berlin, Hamburg, 1977 [frz. OA 1970], S. 108-153. Bateson, Gregory, Steps to an Ecology of Mind, Chicago, ILL, 2000. [OA 1972.] Gergen, Kenneth J., „Self and Community in the New Floating Worlds“, in: Kristóf Nyíri (Hg.), Mobile Democracy. 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THESENBAUKASTEN SELBST-TECHNOLOGIEN 1 139 Rothberg Michael B./Arora, Ashish/Jodie, Hermann/Marie, Peter St./Visintainer, Paul, „Phantom Vibration Syndrome among Medical Staff: A Cross Sectional Survey“, in: BMJ (2010); 341:c6914. Turkle, Sherry, The Second Self. Computers and the Human Spirit, Cambridge, MA, 2005. [OA 1984.] Dies., „Always-on/Always-on-you. The Tethered Self“, in: James E. Katz (Hg.), Handbook of Mobile Communication Studies, Cambridge, MA, 2008, S. 121-137. Weber, Heike, Das Versprechen mobiler Freiheit. Zur Kultur- und Technikgeschichte von Kofferradio, Walkman und Handy, Bielefeld, 2008. Winkler, Hartmut, Diskursökonomie. Versuch über die innere Ökonomie der Medien, Frankfurt/M., 2004. SELBST-VERHÄLTNISSE, SELBST-KONSTITUTION, SELBST-REFLEXION JENS-MARTIN LOEBEL PRIVACY IS DEAD – EIN FÜNF-JAHRES-SELBSTVERSUCH DER BEWUSSTEN ORTSBESTIMMUNG MITTELS GPS Einleitung Die ubiquitäre Verfügbarkeit von energieautarken persönlichen Ortungsgerä- ten in Form von Mobiltelefonen oder Navigationssystemen erlaubt eine Viel- zahl von neuen Lokalisierungsdiensten und -anwendungen, welche sich großer Beliebtheit erfreuen. Das Anwendungsspektrum reicht dabei von der elektro- nischen Routenführung im Auto, der Trainingsmotivation und -analyse beim Laufsport, der virtuellen Schnitzeljagd (genannt Geocaching) bis hin zur An- reicherung von Urlaubsfotos um den genauen Aufnahmeort oder die Verabre- dung mit Freunden über lokationsbasierte soziale Netzwerke. Durch die in die Geräte integrierte Satelliten-Empfangseinheit ist es jederzeit möglich, den ge- nauen Standort des Gerätes – und damit den Aufenthaltsort des Nutzers – ge- nau zu bestimmen. Heutige mobile Geolokationsanwendungen basieren alle auf dem gleichen Prinzip und nutzen das satellitengestützte US-amerikanische NAVSTAR1 Glo- bal Positioning System (GPS) als technische Basis.2 Daneben kommen ver- schiedene Hilfssysteme zum Einsatz, die einerseits die Genauigkeit der be- stimmten Position verbessern und/oder andererseits die Zeit bis zur erfolgrei- chen Positionsbestimmung verkürzen. GPS-basierte Systeme haben die Gesellschaft durchdrungen, denn obwohl das Verfahren komplexe Berechnungen und eine mehrstufige Signalverarbei- tung beinhaltet, ist die Nutzung des Systems denkbar einfach. Die Signalverar- beitungskette wird von einem dedizierten Hardwarechip übernommen, der die geforderten Millionen von Rechenoperationen pro Sekunde in Echtzeit durch- führt. Durch Massenproduktion und damit sinkende Preise haben diese Chips Einzug in viele elektronische Geräte gehalten, wie beispielsweise mobile Na- vigationssysteme, Mobiltelefone sowie Fotoapparate und Kameras. Darüber hinaus sind GPS-Systeme ein wichtiger Bestandteil von Industrie und For- schung mit breit gefächertem Einsatzspektrum, wie beispielsweise in sicher- heitstechnischen Anwendungen, als elektronische Fahrtenbücher, bei der See- 1 NAVSTAR ist ein Akronym für Navigation Satellite Timing And Ranging Global Positioning System. 2 Das europäische System Galileo ist derzeit im Aufbau sowie das russisches Pendant GLONASS. Ihre Funktionsweise ist analog zu GPS. Zudem werden die Systeme technisch zu GPS kompatibel sein. Die GPS-Empfänger von führenden Herstellern sind bereits für Galileo gerüstet. 144 JENS-MARTIN LOEBEL notrettung und -navigation oder der Überwachung von landwirtschaftlichen Geräten. Mit den ständig steigenden Nutzerzahlen geht jedoch auch ein erhöhtes Missbrauchspotenzial einher. So ist es prinzipiell möglich, mit den anfallen- den Lokationsdaten Bewegungsprofile zu erstellen, die detaillierte Rück- schlüsse über Tagesabläufe, Lebensgewohnheiten und soziale Kontakte eines Nutzers erlauben. Um dieses Missbrauchspotenzial ins Bewusstsein zu rücken, habe ich in ei- nem langfristig ausgelegten Versuch mithilfe mehrerer GPS-Empfänger jeden meiner Schritte im öffentlichen Raum über einen Zeitraum von fünf Jahren aufgezeichnet. Mit den so gesammelten Daten konnte ich ein eigenes umfas- sendes Bewegungsprofil erstellen und auswerten. Meine Fragestellungen wa- ren dabei, welche Rückschlüsse sich aus diesen Daten auf meine Kontakte und persönliche Lebensführung ziehen lassen, wie viele Datensätze und welcher Aufzeichnungszeitraum für Vorhersagen meiner künftiger Bewegungen not- wendig sind und inwieweit die bewusste Aufzeichnung meinen Lebensalltag verändert. Um das Selbstexperiment besser zu verstehen, ist es notwendig, die techni- schen Hintergründe des GPS-Systems und die Problematik der verdeckten Da- tenübermittlung kurz zu beleuchten. Technische Hintergründe und die Problematik der verdeckten Datenübermittlung Das GPS-System besteht aus insgesamt 24 aktiven Satelliten, welche die Erde auf unterschiedlichen Bahnen in einer Höhe von 20.183 km zweimal innerhalb eines Sterntages (etwa 23 Stunden und 56 Minuten) umkreisen. Das System wurde 1973 vom US-Verteidigungsministerium zur Steuerung von Kriegsgerät entwickelt und ist seit 1994 voll funktionsfähig. Die ur- sprüngliche Konzeption für militärische Anwendungen bedingte technische Entscheidungen, die sich in systeminhärenten Eigenschaften wie möglichst hoher Genauigkeit bei der Positionsbestimmung oder der Resistenz gegen Stö- rungen äußern. Wichtigstes Merkmal ist jedoch die rein passive Positionsbestimmung. So können GPS-Empfänger ihre Position allein durch die empfangenen Satelli- tensignale errechnen, ohne selbst Signale auszusenden. Für meinen Selbstver- such war dies von entscheidender Bedeutung. Die Positionsdaten werden au- tark im Empfänger berechnet und können von mir daher jederzeit und ständig mitgeschnitten werden. Das Hauptprinzip der Positionsbestimmung bildet die indirekte Messung der Entfernung zwischen den gleichzeitig beobachteten GPS-Satelliten und der Antenne des Empfängers. Mithilfe einer eingebauten Atomuhr berechnet PRIVACY IS DEAD 145 jeder Satellit ständig seine orbitale Position voraus und sendet diese Daten als Ephemeriden (von griechisch „ephēmeris“: „für/an dem Tag“; sinngemäß Ta- gebuch bzw. Journal) zusammen mit der aktuellen Uhrzeit im GPS-Signal per Funk aus.3 Das GPS-Gerät auf der Erde, welches ebenfalls über eine Uhr ver- fügt, empfängt nun gleichzeitig die Daten der über dem Horizont sichtbaren Satelliten. Zur Distanzberechnung werden die Differenzen aus der empfange- nen und der aktuellen Uhrzeit gebildet. Zusammen mit den Bahnpositionen aus den Ephemeriden ließe sich so theoretisch die Entfernungen zu den jewei- ligen Satelliten errechnen. Allerdings wird das Satellitensignal auf dem Weg durch die Schichten der Erdatmosphäre gestört, verlangsamt und abgelenkt, seine Laufzeit also verän- dert. Die errechnete Distanz entspricht somit nicht der tatsächlichen geometri- schen Entfernung, sondern stellt lediglich eine Pseudoentfernung (engl. pseu- dorange) dar.4 Da gewisse Codes zur Entschlüsselung des Signals geheim sind, können zi- vile GPS-Empfänger die Störungen insbesondere der Ionosphäre nicht heraus- rechnen, was die Genauigkeit der errechneten Position deutlich senkt. Sie be- nötigen hierfür Korrekturdaten aus anderen Systemen. Das Funksignal selbst wird so übertragen, dass es äußerst resistent gegen ungewollte oder beabsichtige elektromagnetische Interferenzen, z. B. durch feindliche Störsender (genannt Jammer) ist.5 Die errechneten Pseudoentfernungen spannen eine Kugelfläche um jeden Satelliten und das Empfangsgerät auf. Rechnerisch bildet die Schnittmenge zweier dieser Kugeln einen Kreis, bei drei Kugeln erhält man zwei Schnitt- punkte, wovon einer die Position des Empfängers darstellt. Der andere Schnittpunkt befindet sich in oder über der Plasmasphäre und kann daher ver- worfen werden. In der Praxis ist jedoch mindestens die Position einer vierten Kugel vonnöten, da die Berechnung der Pseudoentfernungen durch Laufzeit- messung eine exakte Synchronisation der Uhren von Satellit und Empfänger erfordert. Während im Satelliten eine Atomuhr arbeitet, ist die Uhr des Emp- fängers in der Regel deutlich ungenauer. Durch den Empfang des vierten Sa- telliten kann die Abweichung der Uhren genau ermittelt werden und in die Laufzeitmessung einfließen. Zur Positionsbestimmung werden daher immer 3 Die verschickten Tabellen enthalten alle Angaben, um die exakte Bahnposition des Satelliten an einem beliebigen Zeitpunkt des Sterntages berechnen zu können. Notwendig dazu sind u. a. die Referenzepoche mit polynominellen Koeffizienten, die numerische Exzentrizität der Ellipse des Gangfehlers der Satellitenuhr, die Quadratwurzel der großen Halbachse der orbi- talen Ellipse, die Nummer des Satelliten sowie diverse Korrekturkoeffizienten. 4 Der betragsmäßig größte Messfehler ergibt sich durch dispersive komplexe physikalische Wechselwirkungen der Funkwellen mit der Ionosphäre (ionosphärischer Effekt). Es kommt zur Streuung und Verzerrung der Signale. Der troposophische Effekt und relativistische Ef- fekte bilden weitere Störquellen. Vgl. Guochang Xu, GPS – Theory, Algorithms and Applica- tions, 2. Aufl., Berlin, 2007, S. 2, S. 32, S. 37 f uns S. 43-67. 5 Hierzu kommt das CDMA/Spread-Spectrum-Verfahren (Code Division Multiple Access, ein Codemultiplexverfahren mit Frequenzspreizung um eine Trägerfrequenz) zum Einsatz. 146 JENS-MARTIN LOEBEL mindestens vier gleichzeitig empfangene GPS-Satelliten benötigt. Jeder wei- tere Satellit erhöht die Genauigkeit des Schnittpunktes und damit der ermittel- ten Position. Seit der Abschaltung der zusätzlichen künstlichen Signalverschlechterung (Selective Availability) durch Präsident Clinton im Jahre 2000, ist die aus den offenen L1-Daten errechenbare Position auf etwa 20 bis 50 Meter genau. Dies machte das GPS-System für eine Vielzahl ziviler Anwendungen interessant. Um die Abweichung auf ein Maß von unter 10 Metern zu senken, kommen heutzutage eine Kombination von Satelliten-, Funkzellen- und internetgestütz- ten Erweiterungssystemen zum Einsatz, welche zusätzliche Korrekturinforma- tionen liefern. Für die satellitengestützten Systeme kommen feste, geografisch weiträumig verteilte Referenzstationen mit GPS-Empfänger zum Einsatz, wel- che ständig ihre errechnete Position mit der eigenen, bekannten Position ver- gleichen. Das Netz von Stationen beschreibt damit eine grobe Karte der iono- sphärischen Störungen. Diese Informationen werden anschließend über geo- stationäre Satelliten in Form von Korrekturdaten ausgesendet und können von entsprechend ausgerüsteten GPS-Empfängern interpretiert werden. Dieses Dif- ferential-GPS (DGPS) genannte Verfahren wird in verschiedenen geografi- schen Regionen in zueinander kompatiblen Systemen betrieben.6 Für mobile Empfangsgeräte mit Internetzugang (z. B. Smartphones) finden zusätzlich Verfahren Anwendung, mit denen sich die Zeit bis zur ersten stabilen Posi- tionsermittlung deutlich verkürzen lässt. Eine Startverzögerung bei der ersten Positionsbestimmung ergibt sich aus der Tatsache, dass zur Berechnung und Synchronisation die vollständigen Daten der aktuellen Ephemeriden benötigt werden, welche im Regelfall erst vom jeweiligen Satelliten bezogen werden müssen. Alternativ können diese Daten aber auch von Datenbanken aus dem Internet bezogen werden. Beim sogenannten Assisted-GPS (AGPS)7 werden vom Empfangsgerät Zu- satzinformationen, wie beispielsweise GSM-Funkzellen, mit denen ein Mobil- telefon verbunden ist oder die Hardwarekennung (MAC-Adresse) von in der Nähe befindlichen WLAN-Netzen erfasst.8 Diese Daten werden nun über eine bestehende Internetverbindung an entsprechende Auskunftsdienste gesendet. Die abgefragten Datenbanken enthalten geografische Koordinaten aller Mobil- funk-Sendemasten sowie kommerzieller und privater WLAN-Netze (soweit erfasst). Durch die Verwendung von externen kommerziellen Diensten entsteht ein Machtgeflecht zwischen Nutzer und Firma sowie ein Spannungsfeld zwischen 6 Bereits aktiv sind das Wide Area Augmentation System (WAAS) in Nordamerika, der Euro- pean Geostationary Navigation Overlay Service (EGNOS) in Europa sowie das Multi-Func- tional Satellite Augmentation System (MSAS) in Japan. 7 AGPS ist seit einigen Jahren Standard im Mobilfunkbereich und in Europa und den USA flä- 8 chendeckend möglich. Vgl. Dodel/Häupler (2010), Satellitennavigation, S. 238-242. PRIVACY IS DEAD 147 Selbst- und Fremdaufzeichnung, welches ich mit meinem Selbstversuch zu entwirren versuche. Die zur Positionsbestimmung notwendigen Millionen von Rechenoperatio- nen pro Sekunde werden üblicherweise von einem dedizierten Hardwarechip im Hintergrund ausgeführt. Komplexität von Empfang, Berechnung und De- codierung des Verfahrens bleiben dem Anwender somit verborgen. Gleichzei- tig führte die kostengünstige Verfügbarkeit dieser Chips zu einem hohen Ver- breitungsgrad bei mobilen Endgeräten und ermöglicht so eine Vielzahl neuer nützlicher Geolokationsanwendungen und -dienste. Kartendatum und Adressauflösung Am Ende der Verarbeitungskette steht die ermittelte Position, bestehend aus einem Kartendatum mit Längen- und Breitengrad und Höhe über dem Meeres- spiegel. Dabei gehört zu einem Kartendatum systembedingt immer auch ein aktueller Zeitstempel. Eine GPS-Positionsangabe ist also vierdimensional.9 Um für den Nutzer verwendbar zu sein, muss dem Kartendatum (z. B. „52° 30.87533‘ N, 13° 21.0063‘ E“) in der Regel eine sinnvolle semantische Kon- notation (hier „Siegessäule, Großer Stern, Berlin, Deutschland“) zugewiesen werden. Dies geschieht über die Abfrage von Ortsdatenbanken. In jedem Fall aber wird eine digitale Karte benötigt, um die Position im geografischen Kon- text anzuzeigen. Die Verwendung von Assistenzsystemen sowie die Übertra- gung von Lokationsdaten zum Abgleich mit Ortsdatenbanken oder Karten – zumeist über die Internetverbindung des Mobiltelefons – fügen dem rein pas- siven GPS-Empfang einen aktiven Rückkanal hinzu. Verdeckte Datenübermittlung Die abgefragten Ortsdatenbanken sind dabei größtenteils kommerziellen Ur- sprungs und eine Aggregation von Standortinformationen dementsprechend wertvoll. Neben kostenpflichtigen Angeboten wie z. B. der Firmen Navteq oder Tele-Atlas, bietet Google als einer der größten Anbieter sein Kartenmate- rial und seine Ortsdatenbank gratis als Service im Internet an. Durch den Ein- satz führt jede Ortsbestimmung oder Routenberechnung auf mobilen Geräten mit dem Google-Betriebssystem (Android), aber auch auf dem iOS-Geräten von Apple zwangsweise zu einer Übertragung der aktuellen Position an Goo- gle. Wird AGPS verwendet, wird die Position zusätzlich an den Mobilfunkbe- 9 Die Angaben erfolgen oft in Grad und Bogenminuten nach dem World Geodetic System von 1984 (WGS-84). Dieses geodätische Referenzsystem definiert einen (in Längen- und Breiten- grade eingeteilten) sogenannten Referenzellipsoid um die Erde und ihre Atmosphäre, der als einheitliche Grundlage für Positionsangaben auf der Erde und im erdnahen Weltraum dient. 148 JENS-MARTIN LOEBEL treiber oder – bei WLAN-Ortung – an weitere Firmen mit Standortdatenban- ken gesendet. Neben Google und Apple sei hier die Firma Skyhook Wireless (http://www.skyhookwireless.com/) als einer der größten Anbieter von WLAN-Standortinformationen erwähnt. Darüber hinaus betreiben Google und Apple als Anbieter von Betriebssystemen für mobile internetfähige Endgeräte aktiv den Aufbau und die Pflege eigener WLAN-Standortdatenbanken. Dazu werden über Telefone und andere mobile Geräte mit Google- oder Apple-Be- triebssystem permanent die Gerätekennungen empfangener WLAN-Netze ge- sammelt und diese Informationen zusammen mit der per GPS ermittelten Posi- tion des Gerätes (anonymisiert) im Hintergrund an Google bzw. Apple über- tragen.10 So räumen beispielsweise die allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) von Apple, die der Nutzer – will er die GPS-Funktionen (von Apple ,Location Services‘ genannt) seines Gerätes benutzen – zwangsweise akzeptie- ren muss, Apple selbst, seinen Werbepartnern und allen Anbietern von Pro- grammen aus dem App-Store das Recht zur Sammlung, Speicherung und Ver- arbeitung der GPS-Position ein: Um standortbezogene Dienste auf Apple Produkten anzubieten, können Apple und unsere Partner und Lizenznehmer präzise Standortdaten erheben, nutzen und weitergeben, einschließlich des geografischen Standorts deines Apple Compu- ters oder Geräts in Echtzeit.11 Obwohl in den AGB eindeutig beschrieben, führt die Sorge um potenzielle Missbrauchsmöglichkeiten dieser Praxis seit 2010 zu Empörung und heftiger Kritik in der amerikanischen Fach- und Tagespresse12 und bei diversen Online-Publikationen.13 Aber auch der deutsche Bundesbeauftragte für den Datenschutz Peter Schaar sowie Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aig- 10 Google sammelt zudem Standortinformationen und WLAN-Gerätekennungen im Rahmen seines Streetview-Programms durch den Einsatz spezieller WLAN-Empfänger und Software in den Kamerafahrzeugen, die systematisch alle Straßen einer Stadt abfahren. Der Sicher- heitsexperte Samy Kamkar stellt unter http://samy.pl/androidmap/ einen Webdienst zur Ver- fügung, mithilfe dessen man überprüfen kann, ob das eigene (private) WLAN von Google er- fasst wurde. Laut Kamkar hat Google in der Vergangenheit mehrfach versucht, den Web- dienst zu blockieren. 11 Apple Inc. (Hg.), „Apple Datenschutzrichtlinie“, Teil der allgemeinen Geschäftsbedingungen, Stand vom 21. Mai 2012, auf: Apple, online unter: http://www.apple.com/de/privacy/, zuletzt aufgerufen am 25.06.2012. 12 Vgl. u. a. David Sarno, „Apple Collecting, Sharing iPhone Users’ Precise Locations“, Artikel vom 21.06.2010, auf: Los Angeles Times (Onlineversion), online unter: http://latimesblogs. latimes.com/technology/2010/06/apple-location-privacy-iphone-ipad.html und Alasdair Allan/ Pete Warden, „Got an iPhone or 3G iPad? Apple is Recording Your Moves“, auf: O‘Reilly radar, 20.04.2010, online unter: http://radar.oreilly.com/2011/04/apple-location-tracking.html, beide zuletzt aufgerufen am 01.09.2011. 13 Vgl. Bobbie Johnson, „Researcher: ,iPhone Location Data Already Used By Cops‘“, auf: GigaOM Blog, 21.04.2011, online unter: http://gigaom.com/2011/04/21/researcher-iphone- location-data-already-used-by-cops/, zuletzt aufgerufen am 01.09.2011. PRIVACY IS DEAD 149 ner verurteilten die verdeckte Übertragung von Standortinformationen in Mo- biltelefonen bei der Nutzung von Geolokationsanwendungen.14 Dies verdeutlicht die heikle Verquickung von Identität, Person und Mobiltele- fon, welches als ,persönlicher Begleiter‘ immer dabei ist. Der Standort des Te- lefons deckt sich in vielen Fällen mit dem des Nutzers und wird intern als ei- gener Standort empfunden. Es entsteht eine Repräsentation des Selbst als Kar- tendatum. Diese ,digitale Verdopplung‘ nimmt der Nutzer durch die Visuali- sierung der GPS-Position auf der digitalen Karte des Telefons oder Naviga- tionsgerätes wahr. So verwenden fast alle Geräte einen Avatar (einen grafi- schen Stellvertreter), um die Position des Nutzers auf der Karte anzuzeigen. Apple beispielsweise blendet eine pulsierende Kugel ein, Garmin-Geräte zei- gen u. a. ein (konfigurierbares) Miniaturauto, oder -boot. Ein anderes Beispiel sind Online-Navigationssysteme für Autos, die wäh- rend der Autofahrt ständig die genaue Position, Geschwindigkeit und Rich- tung des Fahrzeugs an den Hersteller der Navigationslösung übertragen. Diese Systeme, welche seit einigen Jahren im Gebrauch sind, gibt es entweder als dediziertes Navigationsgerät mit Anbindung an ein Mobilfunknetz oder als Software auf dem internetfähigen Mobiltelefon (Smartphone) des Nutzers. Die gesammelten Bewegungsdaten werden beim Hersteller ausgewertet, um da- raus für alle Nutzer Verkehrsprofile mit entsprechenden Staugebieten für die gefahrenen Straßen zu errechnen. Die errechneten Informationen werden zu- rück an die Geräte gesendet und ermöglichen deutlich aktuellere und genauere Warnmeldungen zu Staus als beispielsweise Verkehrsinformationen durch den Hörfunk.15 Auch hier stimmt der Nutzer vorher der Datenübermittlung per AGB zu. Der eigentliche Übertragungsvorgang passiert anschließend verdeckt im Hintergrund. Im Gegenzug für die aktuellen Staumeldungen erhält der Her- steller ein komplettes Bewegungsprofil des jeweiligen Nutzers.16 Dabei be- steht ein deutliches Missverhältnis zwischen dem wirtschaftlichen Wert eines kompletten Bewegungsprofils und dem Mehrwert einer akkurateren Stauum- fahrung. Der technisch einfache und oft verdeckte Zugriff auf diese Standortdaten weckt Begehrlichkeiten in der Privatwirtschaft. Insbesondere die Nutzung von Positionsdaten oder ganzer Bewegungsprofile für individualisierte und stand- ortbezogene Werbung, genannt ,Mobile Ad Targeting‘, steht hier im Vorder- 14 Vgl. Carsten Meyer, „Datenschutzbeauftragter warnt vor Missbrauch bei Handy-Ortung“, Arti- kel vom 30.05.2010, auf: Heise-Newsticker, online unter: http://heise.de/-1010712, zuletzt auf- gerufen am 01.09.2011. 15 Die Hersteller TomTom und Garmin vermarkten diese Funktion unter dem Namen „HD Traffic“ (TomTom) bzw. „nüLink!-Online-Services“ (Garmin). Vgl. http://www.tomtom.com/de_de/ services/live/hd-traffic/ und http://www.garmin.com/de/products/strassennavigation/nulink/, zu- letzt aufgerufen am 15.10.2011. 16 Vgl. Kate Greene, „Staumeldung gegen Bewegungsprofil“, Artikel vom 25.11.2008. auf: Tech- nology Review (Online Version), online unter: http://www.heise.de/tr/artikel/Staumeldung-ge gen-Bewegungsprofil-275834.html, zuletzt aufgerufen am 01.09.2011. 150 JENS-MARTIN LOEBEL grund.17 Für Privatunternehmen bringt eine solche Überwachung der Kunden viele Vorteile. Das Missbrauchspotenzial ist dementsprechend hoch. So be- richtete auf Zeit Online ein Beta-Tester des geplanten elektronischen Ticket- system Touch&Travel der Deutschen Bahn von seinen Erfahrungen mit dem System. Dieses basiert auf einer Applikation für internetfähige Mobiltelefone, mit deren Hilfe Nutzer elektronische Bahntickets direkt auf dem Handy erwer- ben können. Dazu ist nur die An- und Abmeldung unter Eingabe von Start- und Zielbahnhof erforderlich. Als er vergaß sich abzumelden, bekam er jedoch eine Mail der Deutschen Bahn, die seinen aktuellen Standort enthielt. Die Ap- plikation nutzte anscheinend die GPS-Funktion seines Mobiltelefons: Offensichtlich wusste Touch&Travel, wo ich mich befand, als ich mich nach- träglich ausloggte. Die App hatte die Position meines Handys an die Bahn über- mittelt und den automatisch bestimmten Aufenthaltsort (Bielefeld) mit meiner manuellen Angabe (Berliner Hauptbahnhof) abgeglichen.18 Die AGB erlauben der Deutschen Bahn sogar die Erstellung eines Profils, auch wenn die Anwendung nicht aktiv ist: Das System verfolgt, mit welchen Funkzellen des Handynetzes sich mein Smart- phone verbindet. Und das auch, wenn die Touch&Travel-App gar nicht aktiv ist. Die Bahn speichert also ganze Bewegungsprofile, während ich unterwegs bin.19 Welchen Stellenwert Lokationsdaten haben, zeigt exemplarisch der 2010 durch die Firma Symantec entdeckte Trojaner ,AndroidOS.Tapsnake‘ für das Android-Betriebssystem. Dieser tarnt sich als Handyspiel und überträgt ver- deckt die Positionsdaten des Telefons. Der Empfänger kann dabei vom An- greifer frei konfiguriert werden.20 Aber auch für den Staat sind die Bewe- gungsdaten seiner Bürger von Interesse, wie sich am Beispiel der jüngst ge- stellten Forderung nach einer GPS-gestützten PKW-Maut zeigt.21 Paradoxerweise erlangt hauptsächlich der Dienstanbieter – nicht der Nutzer selbst – durch die Aggregation der im Gerät anfallenden Daten Wissen über den Nutzer. Während die Auswertung der Daten – und damit Rückschlüsse auf das eigene Verhalten zur Ermöglichung einer Selbstreflexion – auf den Endgeräten nur sehr begrenzt möglich ist, verfügt der Dienstanbieter über um- 17 Apple bietet Nutzern die Möglichkeit der Verwendung ihrer Daten für standortbezogene Wer- bung zu widersprechen (Opt-Out). Dazu muss einmalig vom jeweiligen iOS-Gerät die Adres- se http://oo.apple.com aufgerufen werden. 18 Sebastian Horn, „Handy-Fahrschein: Von der Deutschen Bahn verfolgt“, 27.09.2011, auf: Zeit Online, online unter: http://www.zeit.de/digital/2011-09/bahn-fahrschein-berlin, zuletzt aufgerufen am 01.10.2011. 19 Ebd. 20 Vgl. Sophie Curtis, „GPS Tracking Trojan Hidden In Android App“, 17.08.2010, auf: eWeek Europe, online unter: http://www.eweekeurope.co.uk/news/gps-tracking-trojan-hidden-in- android-app-9048, zuletzt aufgerufen am 15.10.2011. 21 Vgl. Achim Barczok, „Kretschmann will satellitengestützte PKW-Maut“, Artikel vom 16.10.2011, auf: Heise-Newsticker, online unter: http://heise.de/-1361871, zuletzt aufgerufen am 15.10.2011. PRIVACY IS DEAD 151 fangreiche Werkzeuge zur Speicherung und Auswertung der aggregierten Pro- fildaten. Es offenbart sich ein deutliches Ungleichgewicht. So erlauben bei- spielsweise Navigationsgeräte im Auto in der Regel lediglich, die zuletzt an- gefahren Orte, die Durchschnittsgeschwindigkeit und zurückgelegte Kilometer (bei neueren Geräten auch den CO2-Verbrauch) anzuzeigen. Demgegenüber entstehen beim Anbieter digitale Repräsentationen in Form der aufgezeichne- ten Bewegungsprofile, welche einen Ausschnitt des Lebensalltags des Nutzers abbilden. Diese Profile zeichnen ein Bild des Selbst, das der Nutzer gar nicht erhält. Durch die Verknüpfungsmöglichkeiten mit anderen Datenbanken kann ein noch viel detaillierteres Abbild des Nutzers erstellt werden. Um dieses Abbild selbst auswerten und beurteilen zu können, war es not- wendig diese Daten im Selbstversuch bewusst zu erheben. Denn nur durch das Wissen über die Daten können reflexive Prozesse einsetzen und eine kritische Auseinandersetzung mit der Repräsentation erfolgen. Lokationsdienste und Location-based Social Networks Nicht immer jedoch geschieht die Datenübermittlung ungewollt oder verdeckt. In der Mehrzahl der Fälle stimmen die Nutzer der Übertragung bewusst zu oder initiieren diese, um einen Mehrwert zu erhalten. 1 – Anonymisierte Darstellung der ,Meine Freunde suchen‘-Funktion auf Apple Mobiltelefonen mit eigenen Daten So baut u. a. die von Apple in iOS Version 5 eingebaute Funktion „Meine Freunde suchen“ (http://www.apple.com/de/icloud/features/find-my.html) auf diesem Konzept auf. Mit dieser Funktion können Nutzer es Freunden erlau- ben, den eigenen Standort zu ermitteln, um sich zu beispielsweise zu verabre- den oder sich auf öffentlichen Plätzen schnell zu finden. Mit ,Meine Freunde 152 JENS-MARTIN LOEBEL suchen‘ können Nutzer den Aufenthaltsort ihrer Freunde – solange diese die Übertragung nicht wieder sperren – permanent überwachen. Technisch wird die Position des Gerätes dazu periodisch und bei Anforderung durch einen ,Freund‘ an Apple übertragen und weitergeleitet. Apple erhält somit ein Bewe- gungsprofil aller Teilnehmer. Abbildung 1 zeigt exemplarisch die Darstellung von Freunden und Karteninformationen auf meinem iPhone. Damit eng ver- zahnt ist die Funktion ,Mein iPhone suchen‘, mit dessen Hilfe Nutzer ein ab- handen gekommenes Mobiltelefon orten und notfalls aus der Ferne sogar sper- ren und die enthaltenen Daten löschen können. Zudem ermöglichen internetfähige Mobiltelefone mit GPS-Funktion die Teilnahme an sogenannten Location-based Social Networks. Diese Netzwerke erlauben es dem Nutzer (wie auch bei ,Meine Freunde suchen‘), seinen aktuel- len Standort in Echtzeit mit Freunden zu teilen und bieten darüber hinaus wei- tere Interaktionsmöglichkeiten, wie beispielsweise die Möglichkeit ,digitale Abzeichen‘ oder Gutscheine durch das Aufsuchen eines Restaurants, Hotels, Clubs etc. zu erstehen. Bekannte Vertreter sind die Netzwerke Foursquare (https://foursquare.com/), Gowalla (http://gowalla.com/) oder Google Latitude (http://www.google.de/latitude), welche sich derzeit steigender Popularität er- freuen. Den Reiz, die virtuelle Welt des Internets mit der realen Welt durch Standortdaten zu vermischen, haben auch die ,klassischen‘ Social Networks wie Facebook oder der Kurznachrichtendienst Twitter erkannt. Beide bieten seit einiger Zeit ebenfalls Funktionen, um Nutzerbeiträge mit Ortsdaten zu versehen. Die Nutzungsszenarien dieser neuen Netzwerke sind vielfältig und liegen vorwiegend bei der Kontaktaufnahme (gezielt oder zufällig) zu in der Nähe befindlichen Personen oder Freunden, lokationsbasierten Spielen mit virtuellen oder realen Preisen sowie der Aufzeichnung des eigenen Tagesab- laufs in einem automatischen virtuellen Tagebuch.22 Weitere beliebte Lokationsanwendungen sind das Verknüpfen von digitalen Fotos mit den Koordinaten des Aufnahmeortes (genannt ,Geotagging‘) oder das ,Geocaching‘ als eine Form der (elektronischen) Schnitzeljagd nach ,Schätzen‘ oder Orten in unbekanntem Gelände. Allen Diensten gemein ist die Verknüpfung von Positionsangaben mit persönlichen Informationen oder Be- richten, welche im Internet bzw. in Social Networks dabei zu einer ,Währung‘ werden. Wie in jedem ökonomischen System steigt mit der Verfügbarkeit die- ser Daten neben den Vorteilen auch die reale Gefahr ihrer nachteiligen kom- merziellen Verwertung bis hin zu Missbrauchsszenarien wie Identitätsdieb- stahl.23 So ist es den Unternehmen als Betreiber der Plattformen möglich, aus 22 Vgl. Marshall Kirkpatrick, „Why We Check In. The Reasons People Use Location-Based So- cial Networks“, Artikel vom 28.06.2010, auf: ReadWriteWeb, online unter: http://www.read writeweb.com/archives/why_use_location_checkin_apps.php, zuletzt aufgerufen am 01.09.2011. 23 Vgl. Steffan Heuer, „Sag mir, wo Du bist! – Geodaten werden zur neuen Währung im Web – mit zwiespältigen Folgen für Anbieter und Nutzer“, in: Technology Review, 7 (2010), S. 44- 49. PRIVACY IS DEAD 153 den übertragenen Daten ein detailliertes Bewegungsprofil zu generieren, wel- ches Rückschlüsse auf Tagesabläufe, Lebensgewohnheiten und soziale Kon- takte zulässt. Die resultierenden weitreichenden Implikationen für die Privat- sphäre der Nutzer stehen im direkten Gegensatz zur Erwartungshaltung bei der Teilnahme an sozialen Netzwerken. So geht der Nutzer nicht davon aus, dass alle seine Schritte ungewollt auf unbestimmte Zeit gespeichert, systematisch durch leistungsstarke Data-Mining-Algorithmen ausgewertet und zeitversetzt zweckentfremdet verwendet werden können. Das bestehende Gefahrenpoten- zial verdeutlicht prägnant die Website bzw. das Projekt ,Please Rob Me‘. Der Algorithmus der Seite durchsuchte dabei 2010 permanent soziale Netzwerke nach persönlichen Informationen wie Privatadresse, Name und dem aktuellen Aufenthaltsort eines Nutzers. War dabei die geografische Distanz zwischen Wohnadresse und Standort über mehrere Tage genügend groß, wurden die Da- ten (Adresse und weitere gesammelte persönliche Informationen) auf der Seite als sogenannte ,Opportunities‘ (Gelegenheiten zum Diebstahl) für jeden ein- sehbar veröffentlicht. Die Autoren wollen mit ihrem Projekt auf die Gefahren der Weitergabe von Standortinformationen an Social Networks hinweisen.24 Derzeit können interessierte Nutzer durch Eingabe ihres Twitter-Benutzerna- mens erfahren, welche Lokationsdaten sie im Netz preisgeben. Die Electronic Frontier Foundation (EFF), eine Bürgerrechtsorganisation in den USA, hat die Problematik unter dem Namen „locational privacy“ zusam- mengefasst: „Locational privacy [...] is the ability of an individual to move in public space with the expectation that under normal circumstances their loca- tion will not be systematically and secretly recorded for later use.“25 Das Paper definiert den Begriff als schützenswertes Gut, das nicht wieder- erlangt werden kann, sobald die Daten einmal veröffentlicht wurden. Allen lokationsbasierten sozialen Diensten gemein ist, dass sie Positionsan- gaben mit weiteren persönlichen Informationen der Nutzer verknüpfen. Wäh- rend diese sich davon einen Mehrwert versprechen und erhalten, so werden doch im Gegenzug die Auswertungsmöglichkeiten für die Dienstanbieter dras- tisch erhöht. Sie erhalten frei Haus korrekte und detaillierte Informationen über den Lebensalltag ihrer Nutzer. Selbstversuch Das Spannungsfeld zwischen Daten, Privatheit (Privatsphäre) und Selbst- reflexion stand im Mittelpunkt eines Selbstversuchs: Fünf Jahre habe ich jeden 24 Vgl. Barry Borsboom/Boy van Amstel/Frank Groeneveld, „Please Rob Me – Raising Aware- ness about Over-Sharing“. auf: Please Rob Me, online unter: http://pleaserobme.com/, zuletzt aufgerufen am 01.09.2011. 25 Vgl. EFF – Electronic Frontier Foundation (Hg.), „On Locational Privacy, and How to Avoid Losing it Forever“, Whitepaper (2009) , San Francisco, CA, auf: Electronic Frontier Foundation, online unter: http://www.eff.org/wp/locational-privacy, zuletzt aufgerufen am 01.09.2011. 154 JENS-MARTIN LOEBEL meiner Wege im öffentlichen Raum aufgezeichnet. Ich wollte wissen, welche Rückschlüsse sich aus diesen Daten auf meine Kontakte und persönliche Le- bensführung ziehen lassen, wie viele Datensätze und welcher Aufzeichnungs- zeitraum für Vorhersagen meiner künftiger Bewegungen notwendig sind und inwieweit die bewusste Aufzeichnung meinen Lebensalltag verändert. Zur Ak- kumulierung eines großen Datenbestandes und um alle Fortbewegungsarten möglichst lückenlos zu erfassen, habe ich unter anderem GPS-Empfänger als Navigationsgeräte im Auto, Mobiltelefone, Marine-Plotter sowie mobile All- zweck-GPS-Empfänger eingesetzt. Am Ende eines jeden Tages wurden die gesammelten Daten aus den einzel- nen Geräten exportiert und zu einer gemeinsamen Aufzeichnung zusammen- geführt. Meine GPS-Empfänger26 zeichneten die Positionsdaten intern in Form von Wegpunkten (engl. waypoints, ein einzelnes Kartendatum aus Längen-, Breitengrad, Höhe und Zeitstempel) auf, die logisch zu Tracks (Aufzählung von einander chronologisch folgenden Wegpunkten) gruppiert wurden. Dabei legten die Geräte bei jedem Neustart und beim Verlust des Satellitenempfangs für mehr als 30 Sekunden einen neuen Track an. Eine Positionsmessung er- folgte jede Sekunde, jedoch fand eine Aufzeichnung als Wegpunkt erst bei ei- nem Mindestabstand von zwei Metern zum letzten Punkt mindestens aber alle fünf Sekunden statt. Ich habe versucht, diese Aufzeichnungsparameter – so- weit möglich – auf allen Geräten einzustellen. Für die Zusammenführung der unterschiedlichen GPS-Datenformate wurde das kostenlose Programm GPSBabel (http://www.gpsbabel.org/) verwendet. Die so gewonnenen Tracks wurden anschließend zur besseren Auswertung in eine relationale Datenbank übertragen. Diese Art der Speicherung ermöglichte detaillierte Analyseverfahren und eine zeitnahe Auswertung und damit einhergehende Reflexion des eigenen Verhaltens. Das Verhältnis von Aufzeichnung, Repräsentation und Reflexion war dabei keineswegs gleich. So nahm die bewusste Aufzeichnung einen gro- ßen Teil des Prozesses ein und war bestimmten Schranken unterworfen. Technische, rechtliche und soziale Grenzen Bei meinem Experiment zeigten sich u. a. pragmatische und technische Gren- zen, die eine vollständige Erfassung in bestimmten Situationen verhinderten. So war es nicht immer möglich, die nach jedem Einschalten erforderliche Syn- chronisation des Empfängers mit den GPS-Satelliten abzuwarten. Nicht alle Empfänger verfügten über AGPS und benötigten in einigen Fällen mehrere Minuten bis zur ersten Positionsbestimmung. Oft erforderten Termindruck oder soziale Konventionen ein vorzeitiges Verlassen des Startpunktes, wo- 26 Verwendete Geräte waren Garmin eTrex Vista C, Garmin 60CSX, Garmin Oregon 300, Gar- min nüvi 765 und Apple iPhone 3GS mit selbstentwickelter Applikation zur Aufzeichnung. PRIVACY IS DEAD 155 durch die ersten 10 bis 500 Meter einer Wegstrecke nicht aufgezeichnet wer- den konnten. In diesen Fällen wurde die bewusste Aufzeichnung als eine zu- sätzliche Belastung empfunden. Zusätzlich können die Funkwellen der Satelliten aufgrund ihrer Wellenlän- ge und geringen Sendestärke solide Objekte wie Wände nicht durchdringen. Daher war die Aufzeichnung innerhalb von Gebäuden nur in der unmittelba- ren Nähe eines Fensters möglich, jedoch beeinflussten die Reflexionen der Wellen an den Gebäudewänden die Genauigkeit der ermittelten Position mas- siv. Eine genaue Bestimmung der Position innerhalb eines Gebäudes war in der Regel ausgeschlossen. In fast allen Fällen kam es daher im Gebäude zu mindestens einem Verbindungsabbruch. Der Empfangsverlust hatte den prak- tischen Vorteil, dass bei der Wiedererlangung des Satellitensignals durch Ver- lassen des Gebäudes ein neuer Track angelegt wurde. Somit wurden die ein- zelnen Reiseabschnitte automatisch logisch getrennt. Eine weitere Grenze bil- den Gewässer, welche die Funkwellen nur bis zu einer Tiefe von ca. 2 Metern durchdringen können. Meine Position unter Wasser konnte bei absolvierten Tauchgängen daher nicht aufgezeichnet werden. Zudem waren die verwende- ten Geräte nicht ausreichend wasserdicht. Bei Flugreisen konnten Start und Landung aufgrund geltender Bestimmungen, nach denen elektronische Geräte bei Start und Landung ausgeschaltet sein müssen, nicht aufzeichnet werden. Daneben verlangten des Öfteren Flugbegleiter das Ausschalten des Empfän- gers. Ein Empfang war auch hier in der Regel nur auf einem Fensterplatz möglich, die ermittelte Position war auf ca. 25 Meter genau. Letztlich sorgte die Verwendung des Mobiltelefons zur Daueraufzeichnung für einen hohen Batterieverbrauch. Der Akku musste dadurch schon innerhalb eines Tages auf- geladen werden. In der Regel wurden daher dedizierte GPS-Empfänger ver- wendet. Trotz dieser Einschränkungen entstand ein umfangreiches, nahezu lücken- loses persönliches Bewegungsprofil, welches im nächsten Schritt durch Anfra- gen an die erstellte Datenbank systematisch ausgewertet wurde. Datenanalyse & -auswertung Um über Standort hinausgehende Informationen zu inferieren, reichen bereits zwei aufeinanderfolgende Punkte. Diese ergeben einen Vektor, aus dem man die Bewegungsrichtung und – über die Differenz der beiden Zeitangaben – die Fortbewegungsgeschwindigkeit errechnen kann. Aus Geschwindigkeit gepaart mit Informationen aus digitalen Geländekar- ten lässt sich zuverlässig ableiten, ob ich zu Fuß, auf dem Fahrrad, im Auto, auf einem Boot oder im Flugzeug unterwegs war (vgl. Abbildung 2). Ebenso zeigen die Häufung mehrerer aufeinander folgender Punkte oder eine Ge- schwindigkeit von null das Verweilen an einem Ort an. Aus dem ersten und letzten Punkt einer solchen Kette kann die Verweildauer an einem Ort abgele- 156 JENS-MARTIN LOEBEL 2 – Grafische Darstellung der ermittelten Fortbewegungsarten Bahn, Bus, Schiff und zu Fuß am Kartenausschnitt San Francisco sen werden. Ist diese größer als 15 Minuten27, ist von einem signifikanten Aufenthaltsort, wie z. B. der Wohnung, dem Arbeitsplatz, einer Arztpraxis, einem Hotel- oder Restaurantbesuch auszugehen. Zur Identifikation solcher Orte in der Datenbasis habe ich die Clusteranalyse verwendet. Bei diesem Verfahren wird der Datenbestand als gerichteter Graph mit Knoten (Weg- punkt) und Kanten (Vektor zweier Wegpunkte) interpretiert. Als Cluster (Haufen) bezeichnet man in diesem Fall eine Menge von Wegpunkten von zeit- und räumlicher Nähe. Zur Identifikation dieser Cluster in einem Graph stehen in der Informatik mehrere effiziente und leistungsstarke Algorithmen zur Verfügung, welche zusätzlich semantische Verknüpfungen zwischen Clustern herstellen und eine Rangordnung erstellen können.28 Für meine Datenbasis habe ich im ersten Schritt einen zeitbasierten Clustering- Algorithmus verwendet. Hierbei werden Cluster sukzessive durch Hinzu- nahme des nächsten Wegpunktes erweitert. Der Mittelwert der Schnittpunkte aller Wegpunkte eines Clusters bildet dabei seinen Mittelpunkt (Ort). Die Trennung von Clustern erfolgt, wenn benachbarte Wegpunkte eine zu große zeitliche oder räumliche Distanz aufweisen. Cluster mit einer geringen Anzahl von definierbaren n Wegpunkten werden im Anschluss verworfen. Durch die Mittelung von Wegpunkten ist es auch möglich, einzelne, durch schlechten GPS-Empfang stark abweichende, Fehlmessungen zu erkennen und zu ent- 27 Dieser empirisch bestimmte Wert bildete bei meinen Profildaten einen guten Kompromiss zwischen niedriger Falscherkennungsrate auf der einen und hoher Wahrscheinlichkeit der Er- fassung von signifikanten Orten auf der anderen Seite. Bis auf wenige Ausnahmen (beispiels- weise eine Zeitung am Kiosk kaufen) lag die Verweildauer an Orten, an denen eine Interak- tion stattfand, bei mindestens 15 Minuten. 28 Vgl. Xin Cao et al., „Mining Significant Semantic Locations From GPS Data“, in: Proceed- ings of the VLDB Endowment 3, 1 (2010), S. 1009-1020. PRIVACY IS DEAD 157 fernen.29 Die so gebildeten Cluster stellen signifikante Orte für den Nutzer dar. Im nächsten Schritt wurde diesen Orten eine semantische Bedeutung (z. B. ,Institut für Informatik, HU-Berlin, Rudower Chaussee 25‘) zugewiesen. Dies geschah mittels Anfragen an die Google- und die OpenStreetMap- Ortsdatenbank. Der semantische Kontext wurde im Anschluss für jeden Ort in der Datenbank gespeichert. Die Zeitinformationen zu jedem Cluster machen es zudem möglich, chronologisch geordnete Übergänge zwischen zwei Orten zu erstellen. Trägt man diese Daten in einen neuen Graph – bestehend aus Knoten von Clustern und Kanten aus chronologischen Übergängen – ein, so erhält man ein Bewegungsprofil. Durch Untersuchung u. a. der Häufigkeit von Übergängen lassen sich Wahrscheinlichkeitsmodelle anfertigen mit denen es möglich wird, Vorhersagen über meine zukünftigen Bewegungen zu treffen.30 Mittels des aus der Datenbasis errechneten Wahrscheinlichkeitsmodells konnte ich meine Bewegungen zu über 95 Prozent vorauszusagen. Daraus lie- ßen sich weitere Gewohnheiten und Trends ableiten. Als letztes habe ich die verfügbare Datenmenge künstlich verringert. Damit konnte ich prüfen, wie viele Daten zur Vorhersage von Lebensgewohnheiten und künftigen Bewe- gungen notwendig sind. Bei einer angenommenen Treffsicherheit von 90 Pro- zent reichten bei meinen Bewegungsdaten Zeiträume von (im günstigsten Fall) drei bis vier Wochen aus. Im ungünstigsten Fall wurden die Daten von maxi- mal drei Monaten benötigt. Bei Reduzierung der gewünschten Treffsicherheit lässt sich der Aufzeichnungszeitraum noch einmal deutlich verringern. Selbstreflexion durch Selbstversuch Die Auswertung meines Bewegungsprofils erlaubte es mir, abstrakte Gefähr- dungspotenziale praxisnah nachzuvollziehen und Gefahren bei der Nutzung von Lokationsdiensten zu benennen. Es war mir problemlos möglich, durch Anfragen an die Datenbasis meinen Tagesablauf komplett zu rekonstruieren und detaillierte Aussagen über Lebensgewohnheiten und soziale Kontakte zu treffen. Anfragen wie „Wann war ich das letzte Mal beim Arzt?“, „Wie oft esse ich außer Haus?“ konnten zuverlässig beantwortet werden. Eine Anfrage nach Orten mit einer Verweildauer zwischen 22 und 6 Uhr lieferte alle Orte, an denen ich übernachtet habe. Der Übernachtungsort mit der größten Häufig- keit war meine Wohnadresse. Anfragen nach Orten mit einer Verweildauer 29 Für eine genaue informatische Beschreibung des Algorithmus vgl. Jong Hee Kang et al., „Ex- tracting Places from Traces of Locations“, in: Mobile Computing and Communications Re- view 9, 3 (2005), S. 58-68. 30 Vgl. Alexander Gutjahr, „Bewegungsprofile und -vorhersage“. Paper im Rahmen des inter- disziplinären Forschungsseminars LBS/Location Awareness – Technische Hintergründe und juristische Implikationen (06.02.2009), Universität Freiburg, online unter: http://www.ks.uni- freiburg.de/download/papers/interdiszWS08/Alexander_Gutjahr.pdf, zuletzt aufgerufen am 01.09.2011. 158 JENS-MARTIN LOEBEL von mindestens einer Woche außerhalb meines Wohnortes Berlin lieferten alle Orte von Urlaubs- oder Dienstreisen. Neben den genauen Zeiten konnte auch leicht der Standort des gebuchten Hotels, besuchte Sehenswürdigkeiten etc. er- mittelt werden. 3 – Visualisierung der GPS-Rohdaten 2005-2011 im Programm Google Earth im Kartenausschnitt Berlin/Brandenburg Mir war es sogar möglich, durch die Anfrage wie viel Fastfood ich konsumie- re (definiert als das Aufsuchen eines Fastfood-Restaurants oder eines Imbiss- stands), meiner Ernährungsgewohnheiten gewahr zu werden und Veränderun- gen über den Erfassungszeitraum von fünf Jahren zu erkennen. Die Akkumu- lation der Daten erlaubte dabei immer detaillierte Anfragen zu stellen. Diese einfachen Anfragen zeigen das hohe Missbrauchspotenzial und die datenschutzrechtliche Bedenklichkeit der Aggregation von Lokationsdaten. Die bewusste Erfassung und regelmäßige Analyse bedingte auch eine Selbstreflexion mit bewussten (z. B. Einschränkung des Fastfood-Konsums), aber auch unbewussten Änderungen meines Verhaltens.31 So irritierte die bewusste Erfassung einspielte Tagesabläufe und führte zu Verzögerungen. Das Verlassen von Gebäuden wurde beispielsweise aufgrund der Wartezeit bis zur GPS-Signalakquise bewusster erlebt. Einerseits war die aktuelle Uhrzeit durch einen Blick auf den Bildschirm des Empfängers immer präsent. Andererseits wurde die unmittelbare Umgebung des Ortes durch die Zwangspause genauer beobachtet. Die Datenanalyse erlaubte es, viele unbewusste Alltagsprozesse zu quantifi- zieren. Neben dem erwähnten Fastfood-Konsum konnte ich auch genau bezif- fern, wie viel Zeit ich im Monat im Auto, in der S-Bahn oder mit Spazierenge- hen verbringe. Dabei war es teilweise frustrierend zu sehen, wie viel Lebens- 31 Vgl. Jens-Martin Loebel, „Aus dem Tagebuch eines Selbstaufzeichners. Laborgespräch mit Ute Holl und Claus Pias“, in: Zeitschrift für Medienwissenschaft, Heft 4 – Menschen & Ande- re, I (2011), S. 115-125. PRIVACY IS DEAD 159 zeit ich in Berlin im Stau verbringe. Durch die Datenbasis wurden diese Vor- gänge überhaupt erst ,greifbar‘. Hat man einmal den Zugriff auf seine eigenen Daten erlangt, so können die- se ein mächtiges Werkzeug zur Selbsterkenntnis darstellen. Dabei geht es we- niger um den Prozess der Aufzeichnung selbst, als um die Auswertungsmög- lichkeiten und die bewusstere Verortung des Selbst in der Umwelt. Interessant ist hier die Verflechtung von Automatisierung, Automatismen der Aufzeich- nung und der bewussten Reflexion: Die automatische Aufzeichnung erzeugt ein ,Daten-Selbst‘, das Gewohnheiten und Routinen des Selbst sichtbar macht, die vom Subjekt nicht bewusst gesteuert werden. Der Prozess der Aufzeich- nung ermöglicht, neben dieser Sichtbarmachung von Automatismen, die Re- flexion des eigenen Verhaltens; sie kann in der Bewusstmachung zu einer Ent- automatisierung führen. In diesem Zusammenhang erwähnenswert ist die 2007 von Wolf und Kelly angestoßene ,Quantified Self-Bewegung‘.32 Diese Gruppe von ,Selbstaufzeich- nern‘ benutzt die Technik der Datenaufzeichnung und -analyse als Spiegel zur Selbsterkenntnis und um effizienter in der Welt agieren zu können. Zum Ein- satz kommen u. a. eine Vielzahl von (vorrangig biometrischen) Sensoren. Da- bei können Puls, Blutdruck, Temperatur genau so erfasst werden, wie der Schlafrhythmus33, der monatliche Zyklus der Frau, alle finanziellen Transak- tionen oder die in regelmäßigen Abständen vermerkte eigene Stimmung.34 Ziel ist immer, etwas über sich selbst und einen Aspekt seines Lebens zu erfahren. Dabei generieren erst die Analyseverfahren und die Verknüpfung eine Bedeu- tung aus dem Berg an quantifizierten Daten. Die einzelnen Datenpunkte für sich selbst sind nichtssagend. Hierin liegt, wie bei den GPS-Daten, die Mäch- tigkeit eines solchen Datenprofils begründet. Ebenso wie bei GPS-Daten gibt es auch hier kritische Stimmen und Be- fürchtungen um Missbrauchsmöglichkeiten von online geteilten Datenprofi- len. Neben der Privatsphäre und dem Datenschutz besteht zudem die Gefahr eines blinden Vertrauens in die aufgezeichneten Daten mit einem einhergehen- den Verlust der gesunden Selbstwahrnehmung.35 32 Vgl. http://www.webcitation.org/66TEY49wv, älteste Einträge des quantifiedself.com Blogs von Gary Wolf und Kevin Kelly, zuletzt aufgerufen am 25.06.2012. 33 So gibt es beispielsweise für das iPhone ein Programm, das die Beschleunigungssensoren des Telefons benutzt, um Schlafphasen festzustellen. Dazu wird das iPhone mit ins Bett gelegt. Fortan wird jede Bewegung des Schlafenden (als Erschütterung) registriert und aufgezeich- net. 34 Vgl. M. Hesse, „Bytes of Life. For Every Move, Mood and Bodily Function, There’s a Web Site to Help You Keep Track“, auf: Washington Post Blog, 09.09.2008,online unter: http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2008/09/08/AR2008090802681_pf. html; //www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2008/09/08/AR2008090802681_pf. html, zuletzt aufgerufen am 25.06.2012. 35 Dieser Aspekt wurde treffend von Randall Munroe in xkcd karikiert. Vgl. „Decline“, 2009, online unter: http://xkcd.com/523/, zuletzt gerufen am 25.06.2012. 160 JENS-MARTIN LOEBEL Auf das ,Daten-Selbst‘ haben also die Analyseverfahren sowie die Semanti- ken der Datenbanken einen entscheidenden Einfluss. So ist es wichtig, kritisch zu reflektieren, welche Daten überhaupt erfasst wurden und welche Aussa- gekraft sie tatsächlich besitzen. Hinzu kommt die Frage der Repräsentation. Wenn etwas nicht repräsentiert ist oder nicht werden kann, so existiert es in der Symbolwelt nicht – mit Implikationen für die reale Welt. Welche Restau- rants und Tankstellen z. B. in meinem Auto-Navigationsgerät vom Hersteller einprogrammiert wurden, entscheidet maßgeblich, ob ich diese in einer frem- den Stadt (z. B. im Urlaub) besuche. Ist ein Restaurant nicht im Gerät ver- zeichnet, so existiert es für die digitale Karte nicht. Eine Anfrage nach Restau- rants in meiner Nähe würde diese Lokale dementsprechend nicht auflisten. Die Definitionsmacht liegt hier beim Hersteller des Geräts bzw. beim Anbieter der digitalen Karten. Es ist die systematische, quantifizierte Aufzeichnung, welche umfangreiche Einblicke in meinen Lebensalltag ermöglicht. Das Wissen um diesen Vorgang aus meinem Selbstversuch hat mein Verhalten geprägt und zur Datensparsam- keit gegenüber Dritten ermahnt. Denn nach wie vor überwiegt die fremdbe- stimmte Auswertung des eigenen Profils. Zudem benötigt man unglaublich wenige Daten um Vorhersagen über Wege zu machen oder Rückschlüsse über die Tagesabläufe und Lebensgewohnheiten eines Menschen zu ziehen. Vom Gefühl einer ständigen Beobachtung zu unterliegen geht die reale Ge- fahr aus, dass Menschen – z. B. aus Angst vor Sanktionen – ihr Verhalten än- dern und zustehende Rechte nicht mehr wahrnehmen. Diese Gefahr hat auch die Rechtsprechung erkannt, wie 1983 im Volkszählungsurteil des Bundesver- fassungsgerichts deutlich hervorgehoben.36 Diese Rechtsauffassung wurde zu- letzt 2010 bekräftigt, als das Gesetz zur sogenannten Vorratsdatenspeicherung für verfassungswidrig und nichtig erklärt wurde.37 Durch dieses Gesetz sollten die Verbindungsdaten aller Bundesbürger für sechs Monate erfasst und gespei- chert werden. Durch die Speicherung der aktuellen Funkzelle bei Mobiltelefo- nen wurde indirekt auch der Standort des Mobiltelefons erfasst. Der Zeitraum von sechs Monaten liegt dabei deutlich über dem von mir zur Erstellung eines kompletten Bewegungsprofils ermittelten Zeitraums von drei Monaten. Zu- sätzlich wäre es durch die Korrelation der Daten aller Bundesbürger möglich, eine Karte aller sozialen Kontakte zu erstellen. Fazit Tragbare GPS-Empfänger in Form von Mobiltelefonen oder Navigationsgerä- ten haben unseren Alltag durchdrungen und ermöglichen eine Vielzahl neuar- tiger Anwendungsszenarien. Eine ungewollte laufende Übertragung von 36 Vgl. BVerfG, 1 BvR 209/83 vom 15.12.1983. 37 Vgl. BVerfG, 1 BvR 256/08 vom 02.03.2010. PRIVACY IS DEAD 161 Standortdaten über einen Rückkanal sowie die Anreicherung von persönlichen Informationen um Standortdaten in digitalen sozialen Netzwerken bilden jedoch ein hohes Missbrauchspotenzial, mit konkreten Auswirkungen auf Pri- vatsphäre und Datenschutz. In meinem Experiment konnte ich zeigen, wie leicht GPS-Daten zu erheben und systematisch zu verarbeiten sind. Oft ist den Nutzern das Ausmaß der Übertragung nicht bewusst, wodurch eine Kluft zwi- schen der technischen Realität der Auswertungsmöglichkeiten und der Bewer- tung der Daten durch den Nutzer entsteht. So ermöglicht die Clusteranalyse die Ermittlung von signifikanten Orten und die Erstellung von detaillierten Bewegungsprofilen inklusive Voraussage künftiger Bewegungen. Die Fülle der ableitbaren privaten Informationen und Lebensgewohnheiten ist dabei er- staunlich. Die bewusste Auseinandersetzung mit den Datenspuren sowie der Aufzeichnungsprozess selbst führten zu Verhaltensänderungen. Wie von der EFF beschrieben, muss eine Aufklärung der Nutzer erfolgen und – wenn notwendig – zur Datensparsamkeit ermahnt oder zum kritischen Umgang mit den neuen Diensten angeregt werden. So lassen sich bereits heute bei vielen Diensten Einstellungen zur Privatsphäre vornehmen. Bei Telefonen mit dem Google- oder Apple-Betriebssystem kann der Zugriff auf GPS-Daten pro Applikation vom Nutzer eingestellt werden. Zusätzlich obliegt es dem Ge- setzgeber das bestehende Datenschutzrecht an die neuen Anwendungsszenari- en anzupassen und den Firmen – aber auch dem Staat selbst – gegebenenfalls Schranken bei der Erhebung und Auswertung von Lokationsdaten zu setzen. Die Konsequenz des Versuchs soll dabei nicht der Verzicht auf Lokations- dienste und -anwendungen sein, da diese ebenfalls sehr viele Vorteile bieten. Dem Nutzer sollten Möglichkeiten geschaffen werden, sein eigenes Profil aus- zuwerten. Durch die Richtung des Blicks ,nach innen‘ werden Reflexionspro- zesse und eine bewusstere Verortung des Selbst möglich. Insbesondere die Diskrepanz zwischen der eigenen Selbstwahrnehmung und dem aus den aus- gewerteten Daten erstellten Profil ist dabei von herausragender Bedeutung, stößt die Kluft zwischen ,Daten-Selbst‘ und Selbstwahrnehmung doch einen Prozess der Selbsterkenntnis an. Erst durch die kritische Betrachtung der Se- mantik des Profils und der digitalen Repräsentation können wir neben der ei- genen Selbstreflexion auch den Aufzeichnungsprozess und damit die Techno- logie an sich genauer verstehen. Literatur Allan, Alasdair/Warden, Pete, „Got an iPhone or 3G iPad? Apple is recording your moves“, auf: O‘Reilly radar, 20.4.2010, online unter: http://radar.oreilly.com/ 2011/04/apple-location-tracking.html, zuletzt aufgerufen am 01.09.2011. 162 JENS-MARTIN LOEBEL Apple Inc. (Hg.), „Apple Datenschutzrichtlinie“, Teil der allgemeinen Geschäfts- bedingungen, Stand vom 12. Oktober 2011, auf: Apple, online unter: http://www. apple.com/de/privacy/, zuletzt aufgerufen am 15.11.2011. Barczok, Achim, „Kretschmann will satellitengestützte PKW-Maut“, Artikel vom 16.10.2011, auf: Heise-Newsticker, online unter: http://heise.de/-1361871, zuletzt aufgerufen am 15.10.2011. Borsboom, Barry/van Amstel, Boy/Groeneveld, Frank, „Please Rob Me – Raising Awareness about Over-Sharing“, auf: Please Rob Me, online unter: http://pleaserob me.com/, zuletzt aufgerufen am 01.09.2011. Cao, Xin et al., „Mining Significant Semantic Locations From GPS Data“, in: Pro- ceedings of the VLDB Endowment 3, 1 (2010), S. 1009-1020. Curtis, Sophie, „GPS Tracking Trojan Hidden In Android App“, 17.08.2010, auf: eWeek Europe, online unter: http://www.eweekeurope.co.uk/news/gps-tracking-tro jan-hidden-in-android-app-9048, zuletzt aufgerufen am 15.10.2011. Dodel, Hans/Häupler, Dieter, Satellitennavigation, 2. korrigierte und erweiterte Aufl., Berlin, 2010. EFF – Electronic Frontier Foundation (Hg.), „On Locational Privacy, and How to Avoid Losing it Forever“, Whitepaper (2009), San Francisco, CA, auf: Electronic Frontier Foundation, online unter: http://www.eff.org/wp/locational-privacy, zuletzt aufgerufen am 01.09.2011. Greene, Kate, „Staumeldung gegen Bewegungsprofil“, Artikel vom 25.11.2008. auf: Technology Review (Online Version), online unter: http://www.heise.de/tr/artikel/Stau meldung-gegen-Bewegungsprofil-275834.html, zuletzt aufgerufen am 01.09.2011. Gutjahr, Alexander, „Bewegungsprofile und -vorhersage“. Paper im Rahmen des interdisziplinären Forschungsseminars LBS/Location Awareness – Technische Hintergründe und juristische Implikationen (06.02.2009), Universität Freiburg, on- line unter: http://www.ks.uni-freiburg.de/download/papers/interdiszWS08/Alexan der_Gutjahr.pdf, zuletzt aufgerufen am 01.09.2011. 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Aufl., Berlin, 2007. VOLKER PECKHAUS DEN AUTOMATISMEN AUF DER SPUR. KONZEPTE UND GRENZEN RATIONALER ZUGÄNGE ZU WISSEN UND WISSENSCHAFT 1. Einleitung Klassische Positionen der Erkenntnistheorie der Moderne streben durch Besin- nung des erkennenden Subjekts auf die eigenen Fähigkeiten seine Emanzipa- tion von Autoritäten und transzendenten Instanzen an. Jeder einzelne Mensch soll als vernunftbegabtes Lebewesen methodisch organisiert seine Position in der Welt, insbesondere sein Verhältnis zu der ihn umgebenden physischen Umwelt bestimmen. Eine solche das Selberdenken propagierende Philosophie sucht nahezu zwangsläufig ihren methodischen Ausgang beim Subjekt und seinen kognitiven Fähigkeiten, denn für deren Apologeten steht nichts völlig in unserer Macht außer unseren Gedanken (Descartes).1 Das Selbstbewusst- sein wird zum absolut gesetzten Ausgangspunkt der Unterscheidung vom Anderen und der Beherrschung der Welt durch Wissen über die Welt (Bacon).2 Die metaphysische Annahme der Gleichförmigkeit der Natur (z. B. Humes Principle of Uniformity)3 lässt einen etwaigen Automatismus der außermenschlichen Natur zu einem regelhaften, im Prinzip rational erfass- baren Prozess werden. Der rationalistischen Vorstellung von der vollständigen Erfassbarkeit des Wissbaren mittels universaler mathematischer Modellierung, steht die Einsicht in den Utopismus dieser Vorstellung gegenüber. Dieser Einsicht gesellte sich im 20. Jahrhundert durch die Unvollständigkeitssätze Kurt Gödels auch noch ein mit mathematischer Beweiskraft gestützter Skeptizismus bezüglich der Reichweite der Modellierungsmittel bei. Dies konnte als Krise des Subjekts in seinem Verständnis der Natur und seinen Eingriffsmöglichkeiten auf Naturab- 1 René Descartes, Discours de la Méthode, übers. und hg. v. Christian Wohlers, Hamburg, 2011, S. 45 (Moral auf Zeit, dritter Grundsatz). 2 Francis Bacon, Neues Organon, hg. und mit einer Einleitung versehen v. Wolfgang Krohn, Darmstadt, 1990. [1620] 3 David Hume, Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand, übers. v. Raoul Richter, mit einer Einleitung hg. v. Jens Kulenkampff, 12. Aufl., Hamburg, 1993 [1748], S. 49: „Denn alle Ableitung aus der Erfahrung setzt als ihre Grundlage voraus, daß die Zukunft der Vergan- genheit ähnlich sein wird, und daß gleichartige Kräfte mit gleichartigen sinnlichen Eigen- schaften zusammenhängen werden.“ 166 VOLKER PECKHAUS läufe verstanden werden. Zugleich geriet die rationalistische Methode in den Focus der Kritik. Ausdruck sind die Forderung nach radikaler Pluralität (Welsch)4, die Kampfansage an den Logozentrismus und den „Imperialismus des Logos“ (Derrida)5, die Propagierung der Paralogie und der antimethodi- schen, dissensorientierten, mit kleinen Erzählungen operierenden postmoder- nen Wissenschaft (Lyotard)6, die dann auch der Dialektik einer dem Totalita- rismus verfallenden Aufklärung (Horkheimer/Adorno)7 zu entgehen vermag. Der vorliegende Beitrag wird sich im Spannungsfeld zwischen menschliche Omnipotenz suggerierender „Mathematisierung dessen, was mathematisierbar ist“, und der Einsicht in die Grenzen eines solchen Programms bewegen. Es wird dabei rücklaufend vorgegangen. Ausgangspunkt werden die drei großen Krisenschriften des 20. Jahrhunderts sein, Husserls Krisis der europäischen Wissenschaften (1936)8, Horkheimer und Adornos Dialektik der Aufklärung (1947) und Lyotards La condition postmoderne (1982). Ich werde dann exem- plarisch zeigen, dass, wenn diese Kritiken als Ausdruck einer Krise von Selbstkonstruktionen aufgefasst werden, diese Krise auch schon zu Zeiten des Rationalismus geherrscht haben musste. Die dem Rationalismus der Frühen Neuzeit inhärente Einsicht in die prinzipielle Begrenztheit des Menschen zwang zur Unterscheidung zwischen metaphysischen Überzeugungen, also dem, was dem Menschen widerspruchsfrei denkbar zugänglich sein könnte, und dem, was er aktual zu erreichen vermochte. Die Unterscheidung zwischen Denkmöglichem und praktisch Erreichbarem entspricht der zwischen Theorie und Praxis. 2. Krisendiagnosen Im großen Klassiker der Krisenschriften, der Krisis der europäischen Wissen- schaften, beklagt Edmund Husserl den Verlust der Lebensbedeutsamkeit der neuzeitlichen „allbefassenden Wissenschaft, der Wissenschaft von der Totali- tät des Seienden“.9 Damit wird deutlich, dass Husserl dem rationalistischen Programm aufgeschlossen gegenüberstand und für dessen Erneuerung eintrat. Die beiden anderen hier zu behandelnden Krisenschriften kommen zu einem abweichenden Ergebnis. Sie sehen das im Rationalismus anzutreffende Stre- 4 Wolfgang Welsch, Unsere postmoderne Moderne, 5. Aufl., Berlin, 1997. 5 Jacques Derrida, Grammatologie, übers. v. Hans-Jörg Rheinberger und Hanns Zischler, 6. Aufl., Frankfurt/M., 1996 [1974], S. 11-12. 6 Jean-François Lyotard, Das postmoderne Wissen. Ein Bericht, hg. v. Peter Engelmann, 4. Aufl., Wien, 1999; [Frz. OA La condition postmoderne 1982.] 7 Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, „Begriff der Aufklärung“, in: dies., Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt/M., 2002 [1947], 9-49. 8 Edmund Husserl, Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phä- nomenologie, Hamburg, 1977. [1936] 9 Ebd., S. 7. DEN AUTOMATISMEN AUF DER SPUR 167 ben nach einer Einheit der Erkenntnis als nicht mehr zeitgemäß an und lehnen es daher ab. Die wohl nachhaltigste Kritik am aufgeklärten Rationalismus in der Philo- sophie, vor allem aber in Kultur- und Gesellschaftswissenschaften kommt aus der Postmoderne, mit Wolfgang Welsch verstanden als radikale Pluralität10, und den ihr artverwandten Richtungen, etwa dem Poststrukturalismus oder Vorläuferphilosophemen wie der Lebensphilosophie und der philosophischen Hermeneutik. Postmoderner Pluralität fehlt es an dem einen und einzigen Punkt der totalen Allumfassendheit, den der aufgeklärte Rationalismus anzielt, obwohl auch dieser die Tatsache der praktischen Unerreichbarkeit dieses Punktes nicht bestreitet. Postmoderne Pluralität setzt an dessen Stelle eine Multiplizität der Horizonte, die mit der Multiplizität der Aspekte korreliert ist, mit denen an Kultur und Naturwirklichkeit herangegangen werden kann. Die postmoderne Forderung nach radikaler Pluralität hat sich nach eigenem Selbstverständnis aus der Krise der Moderne heraus entwickelt, einer Krise, die bemerkenswerterweise meist erkenntnistheoretisch gedeutet wird, als Kri- se des Wissens und der Wissenschaft, einer Krise, die letztlich gerade durch die Erfolge, die die Wissenschaft im 19. und 20. Jahrhundert gefeiert hat, in- duziert wurde. Diese erkenntnistheoretische Deutung ist gemeinsames Kenn- zeichen der Schriften von Husserl, Horkheimer und Adorno und Lyotard. Als Zeitdiagnosen hatten diese Werke eine wichtige Funktion bei der Bewusstma- chung und kritischen Reflexion der kulturellen Entwicklung des 20. Jahrhun- derts. Zumindest die beiden jüngeren dieser Schriften gehen in ihren normati- ven Gehalten aber weit über die kritisch begleitende Haltung hinaus, indem sie Aufklärung, Rationalität und wissenschaftlich-technisches Paradigma verban- nen und an die Stelle einer gesunden Skepsis gegenüber allzu emphatischer Wissenschaftsgläubigkeit rundweg die Ablehnung methodischen Denkens set- zen. Zunächst sollen die Argumente der Krisenschriften rekonstruiert werden. 2.1 Lyotard (1982) Lyotard sieht in seinem Bericht über das Das postmoderne Wissen (1982) die Moderne in einer mehrfachen Krise. Es ist die Krise der großen Erzählungen, mit denen das Wissen und seine Institutionen legitimiert worden waren. Für uns von besonderem Interesse ist das Problem, das sich für Lyotard im Be- reich wissenschaftlicher Sprache und deren Einsatz für Forschung und Beweis aufgetan hat. Wissenschaftliche Sprache wird nicht willkürlich verwendet. Sie ist der pragmatischen Bedingung unterworfen, ihre eigenen Regeln zu formu- lieren und vom Empfänger zu verlangen, diese Regeln zu akzeptieren. „Indem man dieser Bedingung nachkommt“, schreibt Lyotard, 10 Welsch (1997), Unsere postmoderne Moderne, S. 4. 168 VOLKER PECKHAUS definiert man eine Axiomatik, die die Definition der Symbole einschließt, die in der vorgeschlagenen Sprache verwendet werden, ferner die Form, die die Aus- drücke dieser Sprache zu respektieren haben, um angenommen werden zu kön- nen [...], endlich die Operationen, die an diesen Ausdrücken erlaubt sein werden und die die eigentlichen Axiome definieren.11 Wenn Lyotard hier von Axiomen spricht, bezieht er sich nicht etwa auf die klassische Euklidische Axiomatik, das Muster wissenschaftlicher Sicherheit seit alters her, sondern auf die moderne Axiomatik David Hilberts, die dieser 1899 in den „Grundlagen der Geometrie“ präsentierte12 und mit der die letzt- lich auf Anschaulichkeit rekurrierende Dogmatik der Euklidischen Axiomatik durch ein metaaxiomatisch gerechtfertigtes formales System ersetzt wurde. Hilbert spricht hier nicht mehr von Axiomen als keines Beweises fähigen, aber auch keines Beweises bedürftigen Sätzen. Das axiomatische System nach Hil- bert’schen Vorgaben muss vielmehr widerspruchsfrei sein, wobei es nicht bei der evidenten Forderung der Konsistenz bleibt. Widerspruchsfreiheit muss be- wiesen werden, und das ist, wie sich zeigen sollte, keine triviale Aufgabe. Das axiomatische System muss weiterhin vollständig sein, es muss also sicher- gestellt sein, dass alle Sätze des zu axiomatisierenden Gebiets auch tatsächlich aus den Axiomen folgen. Schließlich muss noch gezeigt werden, dass die Axi- ome voneinander unabhängig sind. Es muss also sichergestellt sein, dass kein Axiom aus einem anderen deduziert werden kann. Diese drei Bedingungen hat Hilbert selbst aufgelistet. Lyotard fügt mit der Entscheidbarkeit eine weitere Bedingung hinzu13, die als Entscheidungsproblem in den 20er Jahren des letz- ten Jahrhunderts diskutiert wurde. Ein Satzsystem ist dann entscheidbar, wenn es ein Verfahren gibt, mit dessen Hilfe mit Sicherheit festgestellt werden kann, ob eine beliebig vorgelegte Aussage dem System angehört oder nicht. Die moderne Axiomatik hat sich als Strukturierungswerkzeug wissenschaft- licher Sprache durchgesetzt. Hätten alle genannten Bedingungen eingelöst werden können, so stände uns ein universelles Strukturierungswerkzeug und Beweismittel zur Verfügung, das die Einheit der Wissenschaften in strukturel- ler Hinsicht sicherstellte, denn alle (Natur-)Wissenschaften setzen in ihren theoretischen Teilen mathematische Modellbildung voraus. Das Leibniz’sche universalwissenschaftliche Programm einer umfassenden begrifflichen Struk- turierung wäre verwirklicht. Der umfassende Hilbert’sche Anspruch wurde aber spätestens mit Kurt Gödels 1931 veröffentlichtem Aufsatz „Über formal unentscheidbare Sätze der Principia Mathematica und verwandter Systeme I“14, in seine Grenzen verwiesen, ein Aufsatz, der Gödel den Ruf einbrachte, 11 Lyotard (1999), Das postmoderne Wissen, S. 124. 12 David Hilbert, „Grundlagen der Geometrie“, in: Fest-Comitee (Hg.), Festschrift zur Feier der Enthüllung des Gauss-Weber-Denkmals in Göttingen, Leipzig, 1899, 14. Aufl., Stuttgart und Leipzig, 1999. 13 Lyotard (1999), Das postmoderne Wissen, S. 125. 14 Kurt Gödel, „Über formal unentscheidbare Sätze der Principia Mathematica und verwandter Systeme I“, in: Monatshefte für Mathematik und Physik 38, (1931), S. 173-198. DEN AUTOMATISMEN AUF DER SPUR 169 der größte Logiker nach Aristoteles zu sein. Gödel konnte zeigen, dass solche, für die Darstellung der elementaren Zahlentheorie ausreichenden und zugleich widerspruchsfreien Satzsysteme, unvollständig sind, da es Sätze des Systems gibt, die im System nicht ableitbar sind. Zu diesen Sätzen gehört insbesondere der Satz, der die Widerspruchsfreiheit des Systems behauptet. Gödel konnte weiterhin zeigen, dass die Widerspruchsfreiheit eines Satzsystems nicht mit den in diesem Satzsystem formalisierbaren Beweismitteln bewiesen werden kann. Ein solcher Beweis benötigt stets stärkere Beweismittel. Die Gö- del‘schen Ergebnisse sind so wichtig, weil sie der Macht der Kalküle prinzi- pielle Grenzen zogen, damit aber auch dem rationalistischen Traum, eine voll- ständige Erklärung der Welt more geometrico tatsächlich geben zu können, beendeten. Für Lyotard ergibt sich nun als Konsequenz, dass die Logik als universelle Metasprache der Wissenschaft15 ausgedient hat, die rationalistische Vorstellung einer universellen Metasprache vielmehr durch eine Pluralität for- maler und axiomatischer Systeme ersetzt werden muss, die geeignet sind, Aussagen zu beweisen.16 Metasprache ist nun die „natürliche“ oder „Alltags- sprache“. Diese Metasprache ist zwar auch universell, weil ihre Ausformun- gen wechselseitig ineinander übersetzbar sind. Sie ist aber nicht konsistent, was aber nicht schadet, wie Lyotard meint: „Was im Wissen der klassischen und modernen Wissenschaft als ein Paradox oder sogar als Paralogismus galt, kann in einem dieser Systeme eine neue Überzeugungskraft und die Zustim- mung der Expertengemeinschaft finden“17, eine Beurteilung, die kritisiert wer- den muss, weil doch in jedem Kommunikationsprozess gelingende Kommuni- kation angestrebt werden sollte, die nur dann gegeben ist, wenn Widersprüche vermieden werden. Lyotard jedenfalls misst der Widersprüchlichkeit eine zen- trale Bedeutung bei, sieht er doch die Legitimierung postmodernen Wissens gerade in der Paralogie, also im Vernunftwidrigen.18 Kennzeichen postmoder- ner Wissenschaft seien u. a. „kleine Erzählung“19, Antimethode20 sowie Dis- sens statt Konsens.21 Das Streben nach Universalisierung durch Vereinheitli- chung soll also aufgegeben werden. Der Mensch muss sich seinen Weg durch eine durch kleine Erzählungen notdürftig geordnete Unübersichtlichkeit bah- nen. Er muss sich in seinem Verhältnis zur Welt, damit auch in seinem Selbst- konzept bescheiden. 15 Lyotard (1999), Das postmoderne Wissen, S. 124. 16 Ebd., S. 128. 17 Ebd. 18 Ebd., Kapitel 14. 19 Lyotard (1999), Das postmoderne Wissen, S. 175. 20 Ebd., Fn. 211. 21 Ebd., S. 176. 170 VOLKER PECKHAUS 2.2 Horkheimer/Adorno (1947) Anlass des Lyotard’schen Berichts war der Auftrag des Universitätsrates der Regierung von Québec, das Wissen in den höchstentwickelten Gesellschaften zu untersuchen, für die Lyotard das Prädikat „postmodern“ übernahm. Dies sind – auch schon 1979 – postindustrielle, informatisierte Gesellschaften unter der Bedingung ökonomischer Globalisierung. Eine ähnliche Zielsetzung als Zeit- und Gesellschaftsdiagnose findet sich auch in dem Werk Dialektik der Aufklärung (1947) von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, geschrie- ben im Exil in der Endphase des Zweiten Weltkriegs und 1947 erstmals veröf- fentlicht. Diese Diagnose wird in dem einleitenden Essay „Begriff der Aufklä- rung“ vor der Folie einer Analyse von Wissen und Wissenschaft vorbereitet. Schon der erste Satz impliziert ein Programm: „Seit je hat Aufklärung im um- fassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Men- schen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“22 Ziel der Aufklärung ist die Entzauberung der Welt,23 Mittel die Mathematik, und alles, „was dem Maß von Berechenbarkeit und Nützlichkeit sich nicht fü- gen will, gilt der Aufklärung für verdächtig“.24 Als Sein und Geschehen werde durch die Aufklärung nur das anerkannt, was sich durch Einheit erfassen lässt: „Ihr Ideal ist das System, aus dem alles und jedes folgt“.25 Hier seien sich, so Horkheimer und Adorno, die rationalistischen und empiristischen Versionen der Aufklärung einig: „Mochten die einzelnen Schulen die Axiome verschie- den interpretieren, die Struktur der Einheitswissenschaft war stets dieselbe“.26 Die formale Logik war die Schule der Vereinheitlichung, sie gab das Schema der Berechenbarkeit der Welt, die Zahl wurde zum Kanon der Aufklärung. In- dem aber die Zahl gegen den Mythos antritt, verstrickt sie sich mit jedem ihrer Schritte tiefer in den Mythos: „Das Prinzip der Immanenz, der Erklärung jeden Geschehens als Wiederholung, das die Aufklärung wider die mythische Einbildungskraft vertritt, ist das des Mythos selber“.27 Wie dem auch sei, Horkheimer und Adorno sehen im mathematischen Para- digma der Aufklärung deren Rückfall in den Mythos begründet. Aufklärung „ist Totalität wie nur irgendein System“. Sie glaubt vor dem Rückfall ins My- thische sicher zu sein durch die vorwegnehmende Identifikation der zu Ende gedachten mathematischen Werte mit der Wahrheit. Sie setzt Denken und Ma- thematik in eins, macht letztere damit zur absoluten Instanz. Das Denken ver- dinglicht sich zu einem selbsttätig ablaufenden automatischen Prozess, ent- fremdet sich also von sich selbst. Damit wird die klassische Forderung der 22 Horkheimer/Adorno (2002), Begriff der Aufklärung, S. 9. 23 Ebd. und S. 11. 24 Ebd., S. 12. 25 Ebd., S. 13. 26 Ebd. 27 Ebd., S. 18. DEN AUTOMATISMEN AUF DER SPUR 171 Aufklärung, das Denken zu denken (Schopenhauer), ad absurdum geführt.28 Aufklärung heißt für Horkheimer und Adorno also vor allem Ausblendung dessen, was sich nicht aufklären lässt. Aufgeklärt werden kann nur das, was sich der mathematischen Modellbildung nicht versperrt: „Der Aufklärung wird zum Schein, was in Zahlen, zuletzt in der Eins, nicht aufgeht; der moderne Po- sitivismus verweist es in die Dichtung. Einheit bleibt die Losung von Parmeni- des bis auf Russell. Beharrt wird auf der Zerstörung von Göttern und Qualitä- ten“.29 Dem rationalistischen Selbstkonzept wird letztlich vorgeworfen, sich dem Primat der Berechenbarkeit unterworfen, damit aber auch ausgeliefert zu haben. 2.3 Husserl (1936) Abschließend sei auf die dritte der großen Krisenschriften eingegangen, Ed- mund Husserls Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzen- dentale Phänomenologie (1936), das letzte der großen Werke Husserls, das auf zwei Vorträge zurückgeht, die der 77-Jährige im Mai 1935 auf Einladung des Wiener Kulturbundes gehalten hatte. In Opposition vor allem zum Neopo- sitivismus seiner Zeit, wie er vom Wiener Kreis repräsentiert wurde, sieht Husserl die Krise der europäischen Wissenschaften nicht etwa in fehlender Leistungsfähigkeit von Mathematik und Naturwissenschaften, was angesichts der wissenschaftlich-technischen Umwälzungen der Zeit (und auch heute noch) absurd wäre. Er sieht die Krise der Wissenschaft im Verlust ihrer Le- bensbedeutsamkeit begründet, die sich in der positivistischen Reduktion der Idee der Wissenschaft auf bloße Tatsachenwissenschaften manifestiert. „Bloße Tatsachenwissenschaften machen bloße Tatsachenmenschen,“ sagt Husserl. Angesichts der Nöte der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg sei es zur Umwen- dung der öffentlichen Bewertung gekommen. Angesichts der herrschenden Lebensnot, so hieß es damals, hätte die Wissenschaft den Menschen nichts mehr zu sagen.30 Husserl sieht daher auch hinter der Krise der Wissenschaft eine Krise des europäischen Menschentums. Dieses europäische Menschen- tum ist für Husserl in der aus der Renaissance stammenden neuen Konzeption der Idee der Philosophie begründet.31 Im Vordergrund dieser neuen Konzeption stand eine Wiederaufnahme der theoretischen Philosophie nach antiken Vorbildern, die aber nicht blind Tradi- tionalismen folgte, sondern sich in selbsteigener Forschung und Kritik erneu- ern sollte. In den ersten Jahren der Neuzeit behält sie generell den Sinn einer „allbefassenden Wissenschaft, der Wissenschaft von der Totalität des Seien- den. Wissenschaften im Plural, alle je zu begründenden und alle schon in Ar- 28 Ebd., S. 31. 29 Ebd., S. 13 f. 30 Husserl (1977), Krisis, § 2, S. 4. 31 Ebd., § 3. 172 VOLKER PECKHAUS beit stehenden sind nur unselbständige Zweige der einen Philosophie“.32 In- dem der Positivismus alle Fragen fallen lässt, die einem engeren oder breiteren Begriff von Metaphysik zugeordnet werden können, ist der positivistische Be- griff von Wissenschaft in historischer Perspektive ein Restbegriff. Indem „höchste und letzte Fragen“, auch Sinnfragen ausgeklammert werden, ergibt sich für Husserl die Konsequenz: „Der Positivismus enthauptet sozusagen die Philosophie“.33 Husserl propagierte also das Renaissance-Ideal einer wissenschaftlichen Er- fassung aller Phänomene, ohne dabei solche Bereiche als für die Erkenntnisge- winnung irrelevant von einer wissenschaftlichen Behandlung auszuschließen, die sich nicht mit dem positivistischen Methodenideal bearbeiten ließen oder die dem positivistischen Sinnkriterium widersprachen. Husserls Kritik an der Wissenschaft, insbesondere der Wissenschaftsphilosophie seiner Zeit ist also insofern restaurativ, als er das umfassende rationalistische Selbstkonzept wie- der eingesetzt wissen wollte. 2.4 Kulturkritik und Rationalismus Allen drei Kritiken ist gemeinsam, dass sie den aufgeklärten Rationalismus mit dem Streben nach Einheitlichkeit und Universalität in Verbindung brin- gen. Dieses Streben sollte zu einer Einheitswissenschaft führen, die allerdings in ihrer Universalität durchaus eingeschränkt war, nämlich auf Gebiete, die dem neopositivistischen Physikalismus oder der mathematischen Modellbil- dung zugänglich waren. Husserl sah in dieser Beschränkung ein Übel, viel ra- dikaler waren Horkheimer und Adorno und auch Lyotard. Sie kritisieren die mathematische Modellbildung selbst und damit das einheitsstiftende Moment. Die Kritik an der Mathematisierung wird bei Horkheimer und Adorno nur an- gedeutet, sie führt bei Lyotard ganz deutlich zu einem Antirationalismus, der bis zur Ablehnung einer jeden Methode gesteigert werden kann. Zunächst ist festzuhalten, dass eine solche Radikalität sich kaum rechtfertigen lässt, schon aufgrund des schlichten Umstands, dass die Forderung, methodisches Vor- gehen einzustellen, selbst eine methodische Vorgabe ist, Antimethodik sich also in einem unausweichlichen Zirkel befindet. Dieser Antirationalismus drückt sich in einem pessimistischen Selbstkonzept aus. Das Subjekt soll sich bescheiden und sein Unvermögen, Heterogenität und Diversität unter eine Einheit zu bringen, akzeptieren und gar nicht erst nach einer solchen Einheit streben. Ganz anders denkt Husserl, der gerade in der Allbefasstheit des ratio- nalistischen Zugangs dessen Lebensbedeutsamkeit sieht. Sein Selbstkonzept bleibt optimistisch, weil er trotz der Einsicht in methodische Grenzen das Stre- ben nach Universalität und Einheitlichkeit nicht aufgibt. 32 Ebd., S. 7. 33 Ebd., S. 8. DEN AUTOMATISMEN AUF DER SPUR 173 3. Rationalistische Selbstkonzepte Wie sahen nun rationalistische Selbstkonzepte angesichts des Strebens nach Einheit und Universalität im Kontext der Begrenztheit menschlichen Fähigkei- ten und menschlichen Daseins aus? Dies soll am Beispiel Descartes veran- schaulicht werden.34 Descartes’ Ausgangspunkt ist das Subjekt, genauer sein eigenes Subjekt. Die Objektivierung erfolgt über den Zwang des Arguments, die Evidenz der Ergebnisse, mit der intersubjektive Geltung garantiert werden soll. Descartes Ziel ist sicheres, d. h. über jeden Zweifel erhabenes Wissen. Die Methode ist der radikale Skeptizismus, der zur Streichung (genauer: Ein- klammerung) aller Kandidaten für sicheres Wissen führt, die sich als zweifels- anfällig erwiesen haben. Dies sind im Einzelnen alle Erkenntnisse, die auf Wahrnehmungen zurückgehen, also auch etwa Traumvorstellungen, die ihren Ursprung in Sinneswahrnehmungen haben. Irrtumsanfällig sind aber auch ma- thematische Sätze, die ganz unabhängig von unseren Erfahrungen, und ganz unabhängig von der Fiktion, dass wir immer träumen, Geltung beanspruchen können. Sie könnten falsch sein, weil sich denken lässt, dass sie von einem bö- sen Geist induziert sein könnten, der immer dann, wenn wir etwas klar und deutlich zu wissen meinen, uns dies nur vorgaukelt. Das einzige, woran kein Zweifel möglich ist, ist die Tatsache, dass ich zweifle und damit einen kogniti- ven Akt vollziehe, also denke. Jeder Zweifel daran, dass ich denke, wäre wie- der ein kognitiver Akt und damit Denken. Nicht bezweifelbar ist auch, dass das, was da zweifelt, existieren muss, um zweifeln zu können: cogito ergo sum. Damit ist der archimedische Punkt gefunden, von dem aus Wissen und Wissenschaft methodisch kontrolliert wieder aufgebaut werden können, wobei die Arithmetisierung ein ganz wesentliches Hilfsmittel ist. Zuvor muss aber noch ein Zug im methodischen Spiel beendet werden, denn die Sicherheit des cogito haben wir, obwohl wir uns immer noch in der Fiktion befinden, dass wir immer getäuscht werden. Der böse Geist muss eliminiert werden. Dies will Descartes mit seinem Gottesbeweis leisten, der die Existenz des in jeder Hinsicht vollkommenen, vor allem aber auch allgütigen und damit nicht täu- schenden Gottes garantiert. Die Existenz Gottes ermöglicht es uns, sicheres Wissen zu erlangen. Man beachte die modale Ausdruckweise. Die Möglich- keit, sicheres Wissen zu erlangen, schließt den Irrtum nicht aus. Aber diese Irrtümer sind menschliche Irrtümer, die aus der Defizienz und Unvollkom- menheit menschlicher Eigenschaften folgen, diese Irrtümer werden nicht von außen über den Menschen gebracht. 34 René Descartes, Meditationes de prima philosophia. Meditationen über die Grundlagen der Philosophie. Auf Grund der Ausgaben von Artur Buchenau neu hg. v. Lüder Gäbe. Durchge- sehen v. Hans Günter Zekl. Mit einem neuen Register versehen v. George Heffernan. Latei- nisch – deutsch, Hamburg, 1992 [1641], Meditationen I–III. 174 VOLKER PECKHAUS Wie wird nun im Rationalismus mit dieser Einsicht in die Begrenztheit des Menschen, damit aber auch in die Utopie universalistischer Vorstellungen um- gegangen? Zwei Beispiele sollen mögliche Ansätze illustrieren. Im Jahre 1629 berichtete Pater Marin Mersenne dem René Descartes über das Projekt einer „nouvelle langue“ eines gewissen Vallée, der eine „langue matrice“ gefunden haben wollte, die es ihm angeblich erlaubte, alle Sprachen zu verstehen.35 In seinem berühmten Antwortschreiben vom 20. November 1629 brachte Descartes zunächst bekannte Argumente vor zu den Möglichkei- ten und Problemen von Pasigrafien (Allgemeinschriften), Polygrafien (Schrif- ten für mehrere Sprachen) und Steganografien (Geheimschriften). Die Gram- matik solcher Universalsprachen, so meinte Descartes, müsse einfach und re- gelmäßig sein, darüber hinaus müsse ein vollständiges System der elementa- ren Begriffe aufgestellt werden. Jeder Begriff könne dann mit einer Nummer versehen werden, die als Schlüssel für die Zuweisung von Synonymen anderer Sprachen dienen könne. Ein solches Vorgehen funktioniere selbstverständlich nur in der schriftlichen Kommunikation. Wenn einer die fremde Sprache auch sprechen wolle, müsse er zusätzlich den gesamten Wortschatz dieser Sprache erlernen. Descartes führte diese Überlegungen aber noch fort. Um die Elementarbe- griffe nicht nur erlernen, sondern auch behalten zu können, müssten sie wie die Ideen und Gedanken geordnet werden. Diese Ordnung müsse der Ordnung der Zahlen entsprechen, denn letztere bräuchten ja nicht einzeln erlernt, son- dern könnten durch Reihung erzeugt werden. Die Schaffung einer universellen Sprache hänge also von der Schaffung einer wahren Philosophie ab, in der alle einfachen Ideen benannt und bezeichnet und in der dann durch Rechnung alle denkbaren komplexen klaren und deutlichen Ideen erzeugt werden könnten. Dies ist für Descartes der bestmögliche Kunstgriff, um eine gute Wissenschaft zu erhalten.36 Descartes blieb allerdings skeptisch hinsichtlich der Durchführ- barkeit eines solchen Programms. Er schloss den Brief mit folgendem Aus- blick: Nun glaube ich zwar, daß solch eine Sprache möglich ist und daß man die Wis- senschaft finden kann, von der sie abhängt und mittels derer die Bauern dann besser werden über die Wahrheit urteilen können, als es heutzutage die Philoso- phen tun. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie sie jemals in Gebrauch kom- men soll: Sie setzt große Veränderungen in der Ordnung der Dinge voraus, und 35 Zum vieldiskutierten Briefwechsel zwischen Descartes und Mersenne vgl. u. a. Umberto Eco, Die Suche nach der vollkommenen Sprache. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, München, 1997 [Ital. OA La ricerca della lingua perfetta nella cultura europea 1993], S. 224-226. Die Darstellung folgt Eco. Der Brief ist in der Descartes-Ausgabe von Adam und Tannery gedruckt: René Descartes, Œuvres de Descartes. Correspondance I. Avril 1622 – Février 1638, hg. v. Charles Adam und Adam Tannery, nouvelle presentation, Paris, 1987, S. 76-82. 36 Ebd., S. 81: „[Q]ui est à mon aduis le plus grand secret qu’on puisse auoir pour acquerir la bonne science“. DEN AUTOMATISMEN AUF DER SPUR 175 es müßte erst die ganze Welt ein irdisches Paradies werden, was man nur im Land der Romane erwarten kann.37 Descartes formulierte in seinem Brief an Mersenne den Gedanken einer philo- sophischen oder rationalen Sprache, die als Ideografie das System der mensch- lichen Gedanken vollständig abbildet, indem sie die Behauptung der Möglich- keit, eine vollständige Liste der elementaren Ideen und der damit korrespon- dierenden elementaren Begriffe anzugeben, mit einer mathesis universalis ver- bindet, mit deren Hilfe alles Denkbare rechnerisch konstruierbar wäre. Die oben zitierte Stelle zeigt aber auch an, dass Descartes selbst offenbar nicht ge- willt war, die Probleme bei der Formulierung einer solchen Sprache „frontal anzupacken“, wie es Umberto Eco in seinem Buch Die Suche nach der voll- kommenen Sprache formulierte.38 Descartes scheint sich im Bereich des Mög- lichen auf das Machbare beschränken zu wollen. Ganz anders ging Leibniz vor, der die wissenschaftlichen Universalspra- chen als Hilfsmittel für die kontrollierte Erweiterung des Wissens eingesetzt sehen wollte. Denn er operationalisierte den von Descartes selbst als utopisch eingeschätzten Gedanken einer philosophischen oder rationalen Sprache, in- dem er ihm eine pragmatische Dimension gab. Im Leibniz’schen Nachlass fin- det sich eine auszugsweise Abschrift des Briefes von Descartes an Mersenne in Kanzleihandschrift, versehen mit einem Kommentar von Leibniz’ Hand. Selbst wenn die von Descartes angedachte Sprache von einer wahren Philoso- phie abhinge, so schreibt Leibniz dort, so impliziere dies jedoch nicht auch die Notwendigkeit von deren Perfektion. Man könne diese Sprache einrichten, auch wenn die Philosophie noch nicht perfekt sei. In dem Maße, in dem sich die Wissenschaft des Menschen weiterentwickle, würde sich auch die Sprache weiterentwickeln.39 Mit der Ordnung des Wissens sollte nach Leibniz’ Auffassung also begon- nen werden, auch wenn das Ordnungsmittel noch nicht vollständig vorliegt. Letzteres wäre im Rahmen Leibniz’scher Metaphysik ohnehin nicht zu erwar- ten. Im unendlich komplexen System der prästabilierten Harmonie ist es dem Menschen nicht möglich, den vollen Zugriff auf die im Schöpfungsakt kreier- ten Wahrheiten zu erlangen. Gleichwohl gilt es, methodische Hilfsmittel zu schaffen, mit denen die Reichweite des Menschen beim Zugriff auf diese Wahrheiten sukzessive erweitert werden kann. Im Leibnizprogramm waren diese Aufgaben im Rahmen einer ars inveniendi vor allem deduktiven Metho- den wie Kombinatorik, Syllogistik und logischem Kalkül zugedacht. 37 Zit. n. Eco (1997), Die Suche, S. 226 (Descartes (1987), Œuvres, S. 81 f.). 38 Eco (1997), Die Suche, S. 226. 39 Gottfried Wilhelm Leibniz, Opuscules et fragments inédits de Leibniz. Extraits des manus- crits de la Bibliothèque royale de Hanovre, hg. v. L[ouis] Couturat, Paris, 1903, S. 28 : „[À] mesure que la science des hommes croistra, cette langue croistra aussi.“ 176 VOLKER PECKHAUS Leibniz stellte das Motto „Theoria cum praxi“ über sein Werk.40 In seinem Brief an den Mathematiker und Naturwissenschaftler Gabriel Wagner erläuter- te er dieses Motto wie folgt: „Die Kunst der Practick steckt darinn daß man die zufälle selbst unter das joch der wißenschafft so viel thunlich bringe. Je mehr man dieß thut, ie bequemer ist die theorie zur Practick.“41 Leibniz schlägt hier die theoretische Durchdringung der Praxis vor, zumin- dest soweit dies tunlich ist, also durch praktische Bedürfnisse gerechtfertigt ist. Theorie und Praxis sind aufeinander angewiesen, ohne dass beide zusam- menfallen würden oder die Praxis erst nach formulierter Theorie beginnen könnte. Der Leibniz’sche Praktiker ist also ein Macher, der sich während sei- nes Tuns um die Grundlagen seines Tuns kümmert. Es liegt nahe, unter „Praxis“ das ingenieurmäßige Erfinden und Konstruie- ren, aber auch politisches und ökonomisches Handeln zu verstehen, alles Künste, in denen sich Leibniz selbst mit wechselndem Erfolg versucht hat. Seine Ausführungen gelten aber auch für wissenschaftliches Handeln im All- gemeinen, z. B. für das Gebiet der Sprachkonstruktion und damit eng zusam- menhängend für Logik und Mathematik. Leibniz ließ es also zu, die Sprach- konstruktion, d. h. die Formulierung von Syntax (Grammatik) und Semantik anzugehen, auch ohne dass die vollständige Klassifikation der einfachen Ideen bereits erreicht oder auch nur erreichbar wäre. Aber auch in diesem Zusammenhang wird Leibniz’ an anderen Stellen be- tonte Präferenz für synthetische Verfahren deutlich, denn, so sagt er, viel wichtiger als Beweise für Wahrheiten zu finden, die ein anderer entdeckt hat, sei es doch, selbstWahrheiten zu finden; und noch schwieriger, die Mittel zu finden, um das, was man sucht, gerade dann zu finden, wenn man es sucht.42 Eine dieserart organisierte Praxis muss, zumindest solange nicht ein System unumstößlicher Wahrheiten gefunden ist, die Konkurrenz und die Varianz zu- lassen. Wahrheitsfindung wird zum Prozess, der allerdings einen Zielpunkt hat, nämlich das vollständige System von Wahrheiten. Dieser Prozess ist ein Optimierungsprozess, der das Optimum zwar anstreben wird, aufgrund der menschlichen Begrenztheit aber nie erreichen kann. 40 Vgl. Reinhard Finster/Gerd van den Heuvel, Gottfried Wilhelm Leibniz mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt, 3. Aufl., Reinbek bei Hamburg, 1997, S. 117-120. 41 Gottfried Wilhelm Leibniz, Die philosophischen Schriften von Gottfried Wilhelm Leibniz, hg. v. C[arl] I[mmanuel] Gerhardt, Bd. 7, Berlin, 1890, S. 514-527: 525. 42 Gottfried Wilhelm Leibniz, „Nouveaux Essais sur l’entendement humain“, in: ders., Œuvres philosophiques latines et françaises de feu Mr de Leibnitz, Amsterdam, Leipzig, 1765, Nr. III. Zitierte Ausgabe: Gottfried Wilhelm Leibniz, Nouveaux Essais sur L’Entendement Humain. Livre III–IV. Neue Abhandlung über den menschlichen Verstand. Buch III–IV, Darmstadt, 1985 (Philosophische Schriften, Bd. III.2), S. 257. DEN AUTOMATISMEN AUF DER SPUR 177 4. Schluss Zum Abschluss sei ein Bezug zu den metaphysischen Implikationen von „Selbsttechnologien“ hergestellt. Es ist essenziell, zwischen einer substantivi- schen Verwendung von „Selbst“ und der attributiven Verwendung von „selbst“ in Komposita zu unterscheiden, will man nicht der Sprache auf den Leim gehen. Philosophiehistorisch gesehen ist die substantivische Verwen- dung von „Selbst“ erst im 18. Jahrhundert aufgekommen, während die Ver- wendung in Komposita sehr viel älter ist. In der substantivischen Verwendung wird dieser Term oft synonym mit „Subjekt“, „Person“ oder „Ich“ verwendet. Immer muss das Selbst durch Rückbezug konstituiert werden.43 Ein solcher Rückbezug bedarf aber eines Akteurs und zwar eines Akteurs, der kognitive Kräfte hat, also über sich selbst nachdenken kann. Somit bleibt das Substantiv „Selbst“ an ein Subjekt gebunden. Es ist auch keine Veranlassung gegeben, durch analoge Erweiterung der Bedeutung des Terms diese Begriffsbestim- mung ohne Not aufzugeben. Angewendet auf die Apologeten rationalistisch-universeller Weltbemächti- gungskonzepte ist festzuhalten, dass sich Descartes und Leibniz im Rahmen ihrer Selbstkonzepte durchaus der Grenzen ihrer Methodologien bewusst wa- ren. Bei aller Universalität ihrer logischen Spekulationen, gehörte zu ihren Selbstkonzepten die Einsicht in die prinzipielle Begrenztheit menschlicher Kräfte, wobei die Methoden, ihre Algorithmen und Kalküle vor allem dazu dienten, diese Grenzen hinauszuschieben. Man wird kaum behaupten können, dass dieses Programm gescheitert ist. Der diesem Paradigma folgende wissen- schaftlich-technische Umbau der Gesellschaften wird auch dann als unum- kehrbar anerkannt werden müssen, wenn man evidentermaßen der Auffassung ist, dass menschliche Kulturtätigkeit nicht auf Wissenschaft und Technik ein- geschränkt werden kann. Descartes und Leibniz waren durchaus der Auffas- sung, dass es möglich ist, den Bauplan der Natur mit mechanischen und ma- thematischen Mitteln zu entschlüsseln. Diese Überzeugungen ruhten aber auf starken metaphysischen Voraussetzungen, – sei es in der rationalen Theologie eines Descartes die Existenz des all- gütigen Schöpfers, der sogar korrigierend in den Weltlauf eingreift, wenn dieser aus den Fugen zu geraten scheint, – sei es in der Leibniz’schen Variante die Annahme eines Schöpfers, der die Welt in einem vorher perfekt aufeinander abgestimmten Verhältnis der Elemente zueinander erschuf, in einer prästabilierten Harmonie also, die es der unendlichen Intelligenz erlaubt, im Akt der Schöpfung bereits alle zukünftigen Zustände zu kennen, den begrenzten Geistern aber ein hohes Maß an Initiative und Kreativität abverlangt, 43 W. R. Schrader, Art. „Selbst. II. 17. bis 20. Jh.“, in: Historisches Wörterbuch der Philo- sophie, hg. v. Joachim Ritter und Karlfried Gründer, Bd. 9: Se–Sp, Basel, 1995, Sp. 294–305. 178 VOLKER PECKHAUS – sei es in der säkularen Variante das Hume’sche Prinzip der Gleichför- migkeit der Natur, das uns erlaubt anzunehmen, dass heute in Form von Naturgesetzen festgestellte Regelmäßigkeiten auch in der Vergangenheit bestanden haben und auch in Zukunft feststellbar sein werden. Die transzendenten Auffassungen implizieren die Annahme von Automatis- men, die die Welt beherrschen, und die Methoden der Rationalisten sollen da- zu dienen, diesen Automatismen auf die Spur zu kommen. Dieses Streben nach Automatismen hat Arnold Gehlen noch als anthropologischen Grundzug ausgezeichnet, war doch mit einem Automatismus die höchste Form der Ord- nung in einer dynamischen Welt gegeben.44 Die Rationalisten gingen von der prinzipiellen Erfassbarkeit solcher Auto- matismen aus, aber Vorsicht: die modale Ausdrucksweise besagt ja nur, dass die Annahme, eine solche Erfassung sei möglich, nicht auf einen logischen Widerspruch führt. Aktual waren diesem Programm durchaus Grenzen, etwa biologische oder physikalische Grenzen gesetzt. Ein solches universalistisches Programm hat demnach eigentlich nicht mehr als eine heuristische Funktion. Es bot den Zielpunkt wissenschaftlicher Betätigung, durchaus eingedenk (und durch Kants kritische Philosophie bestärkt) der Grenzen der Vernunfttätigkeit. Es ist also, anders als die Krisendiagnostiker des 20. Jahrhunderts meinen, kei- ne neue Krise des Subjekts zu entdecken, es ist eher eine permanente Krise des Subjekts, die man, wenig hilfreich, bejammern kann, die man aber auch offensiv als Ansporn ansehen kann. Die universalistischen Vorstellungen set- zen heuristische Zielpunkte, die der Erkenntnisbemühung eine Richtung ge- ben. Die Akteure haben die Möglichkeit, sich im Patchwork, in der Differenz oder der Unübersichtlichkeit zu verlieren, sie haben aber auch die Möglich- keit, wenigstens zu versuchen, Ordnung in die nur scheinbar amorphe Masse zu bringen. Sich für den zweiten Weg zu entscheiden, ist durchaus sinnvoll. Kurt Gödel würde eine solche Entscheidung unterstützen, obwohl er ja von den Krisendiagnostikern gerne als ein ihre Thesen unterstützendes Beispiel ge- nommen wird, weil er die Grenzen der mathematischen Modellbildung aufge- zeigt hat. Er war nicht der Ansicht, dem erfolgsversprechenden Ansatz der for- malen Mathematik ein für allemal den Garaus bereitet zu haben. Gödel selbst hat Zeit seines Lebens nach dem Axiom Ausschau gehalten, das den Wider- spruchsfreiheitsbeweis für die Arithmetik geliefert hätte.45 44 Vgl. das Kapitel „Automatismen“ in Arnold Gehlen, Die Seele im technischen Zeitalter. So- zialpsychologische Probleme in der industriellen Gesellschaft, Hamburg, 1957, S. 104-118, Neuausgabe Frankfurt/M., 2007, S. 116-127. 45 Vgl. Hao Wang, Reflections on Gödel, Cambridge, MA, London, 1987, S. 299-301; Peter Koellner, „On the Question of Absolute Undecidability“, in: Kurt Gödel. Essays for His Cen- tennial, hg. v. Solomon Feferman, Charles Parsons und Steven G. Simpson, Cambridge (u. a.), 2010, S. 189-225. DEN AUTOMATISMEN AUF DER SPUR 179 Literatur Bacon, Francis, Neues Organon, hg. und mit einer Einleitung versehen v. Wolfgang Krohn, Darmstadt, 1990. [1620] Derrida, Jacques, Grammatologie, übers. v. Hans-Jörg Rheinberger und Hanns Zisch- ler, 6. Aufl., Frankfurt/M., 1996. [1974] Descartes, René, Œuvres de Descartes. Correspondance I. Avril 1622 – Février 1638, hg. v. Charles Adam und Adam Tannery, nouvelle presentation, Paris, 1987. Ders., Meditationes de prima philosophia. Meditationen über die Grundlagen der Phi- losophie. Auf Grund der Ausgaben von Artur Buchenau neu hg. v. Lüder Gäbe. Durchgesehen v. Hans Günter Zekl. Mit einem neuen Register versehen v. George Heffernan. Lateinisch – deutsch, Hamburg, 1992. [1641] Ders., Discours de la Méthode, übers. und hg. v. Christian Wohlers, Hamburg, 2011. [1637] Eco, Umberto, Die Suche nach der vollkommenen Sprache. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, München, 1997 [Ital. OA La ricerca della lingua perfetta nella cultura europea 1993.] Finster, Reinhard/van den Heuvel, Gerd, Gottfried Wilhelm Leibniz mit Selbstzeugnis- sen und Bilddokumenten dargestellt, 3. Aufl., Reinbek bei Hamburg, 1997. Gehlen, Arnold, Die Seele im technischen Zeitalter. Sozialpsychologische Probleme in der industriellen Gesellschaft, Hamburg, 1957, Neuausgabe Frankfurt/M., 2007. Gödel, Kurt, „Über formal unentscheidbare Sätze der Principia Mathematica und ver- wandter Systeme I“, in: Monatshefte für Mathematik und Physik, 38 (1931), S. 173- 198. Hilbert, David, „Grundlagen der Geometrie“, in: Fest-Comitee (Hg.), Festschrift zur Feier der Enthüllung des Gauss-Weber-Denkmals in Göttingen, Leipzig, 1899, 14. Aufl., Stuttgart und Leipzig, 1999. Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W., „Begriff der Aufklärung“, in: dies., Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt/M., 2002. [1947] Hume, David, Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand, übers. v. Raoul Richter, mit einer Einleitung hg. v. Jens Kulenkampff, 12. Aufl., Hamburg, 1993. [1748] Edmund Husserl, Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie, Hamburg, 1977. [1936]. Koellner, Peter, „On the Question of Absolute Undecidability“, in: Kurt Gödel. Essays for His Centennial, hg. v. Solomon Feferman, Charles Parsons und Steven G. Simp- son, Cambridge (u. a.), 2010. Leibniz, Gottfried Wilhelm, „Nouveaux Essais sur l’entendement humain“, in: ders., Œuvres philosophiques latines et françaises de feu Mr de Leibnitz, Amsterdam, Leipzig, 1765, Nr. III. Ders., Die philosophischen Schriften von Gottfried Wilhelm Leibniz, hg. v. C[arl] I[m- manuel] Gerhardt, Bd. 7, Berlin, 1890. Ders., Opuscules et fragments inédits de Leibniz. Extraits des manuscrits de la Biblio- thèque royale de Hanovre, hg. v. L[ouis] Couturat, Paris, 1903. Ders., Nouveaux Essais sur L’Entendement Humain. Livre III–IV. Neue Abhandlung über den menschlichen Verstand. Buch III–IV, Darmstadt, 1985 (Philosophische Schriften, Bd. III.2). 180 VOLKER PECKHAUS Lyotard, Jean-François, Das postmoderne Wissen. Ein Bericht, hg. v. Peter Engel- mann, 4. Aufl., Wien, 1999. Schrader, W. R., Art. „Selbst. II. 17. bis 20. Jh.“, in: Historisches Wörterbuch der Phi- losophie, hg. v. Joachim Ritter und Karlfried Gründer, Bd. 9: Se–Sp, Basel, 1995, Sp. 294-305. Wang, Hao, Reflections on Gödel, Cambridge, MA, London, 1987. Welsch, Wolfgang, Unsere postmoderne Moderne, 5. Aufl., Berlin,1997. ANIL K. JAIN DIE DIALEKTIK DES AUTOMATISMUS – DEFLEXION ODER DAS ANDERE DER REFLEXION Vorrede: Ich hätte mir gewünscht, dass es einen Automaten gibt, der für mich diesen Aufsatz verfasst. Einen Automaten, der „geistreich“ und originell, möglicherweise gefüttert von mir durch ein paar wenige Stichworte und theo- retische Bezugspunkte, einen ebenso brillanten wie präzisen Text produziert. Natürlich dürfte nur ich im Besitz eines solchen Automaten sein, denn sonst hätte ja irgendwer diesen Text verfassen können (oder man hätte sich gleich mit einem Automaten begnügt). Außerdem dürfte ein solcher Automat wiede- rum auch nicht zu originell und kreativ sein. Das wäre nicht nur für mich und meinen Intellekt beleidigend. Ich wollte mich im „automatischen“ Text-Out- put – mit meinem Präferenzen und Stilvorlieben – zudem auch gerne wieder- erkennen können. Der Automat müsste also viel über meine Art zu schreiben und meine theoretischen Vorlieben wissen: ein wenig Psychoanalyse und kri- tische Theorie gewürzt mit Hermeneutik und Poststrukturalismus. Schließen wir uns allerdings gerade poststrukturalistischen Philosophen wie Foucault, Deleuze oder Derrida an, so ist das eine absurde Vorstellung. Denn schließlich ist dieses „Ich“ gemäß der poststrukturalistischen Theorie nichts weiter als ei- ne „Falte im Außen“1 und seine/meine angeblichen Vorlieben sind das Resul- tat der wissenschaftlichen „Disziplin“ und des (dominanten) Diskurses. Aller- dings ist, wenn man es recht bedenkt, der Diskurs damit in der Tat eine Art solcher Automat oder besser Meta-Automat. Denn immerhin soll der Diskurs ja fähig sein, Subjekte hervorzubringen, die dann wiederum – mitunter – in der Lage sind, einen geistreichen und originellen Text zu verfassen. 1. Fehlschläge: Maschinen der Reflexion Dem Automatismus wohnt eine Dialektik inne. Er ist die „Heimat“ eines (un- auflösbaren?) Widerstreits zweier Begehren: dem Begehren nach Kontrolle und dem Begehren nach der Aufgabe der Kontrolle. Im Verhältnis dieser bei- den Begehren hat es meines Erachtens bedeutsame historische Verschiebun- gen gegeben. Immer mehr wurden und werden Automaten – und das heißt nichts anderes als: materielle Arrangements von Automatismen – als Instru- mente begriffen und erschaffen, um das Begehren nach Kontrolle (des Selbst 1 Gilles Deleuze, Foucault, Frankfurt/M., 1992 [1986], S. 131 ff. 182 ANIL K. JAIN und der Umwelt) zu verwirklichen. In ihrer (technischen wie symbolischen) Konstruktion wird das Begehren nach der Aufgabe der Kontrolle dabei jedoch zunehmend negiert, d. h. es wird die Illusion erschaffen, dass der Mensch die Technik „beherrschen“ kann, ohne dass die Technik auch den Menschen „be- herrscht“. Und das, obwohl der Kern des Begriffs eher auf die andere Seite der Dialektik hindeutet: Die Selbsttätigkeit des Automatismus, die in der Vorsilbe „auto“ zum Ausdruck gebracht wird, verweist auf das Fehlen von Kontroll- möglichkeiten. Der Automatismus ist der (nachträglichen) Steuerung weitge- hend entzogen. Bei biologischen Systemen – ein altmodisches Synonym für diesen Begriff lautet: „Lebewesen“ – entspricht das instinktgesteuerte Handeln einem sol- chen Automatismus. Instinkt-Verhalten, das nach einem Reiz-Reaktions- schema („automatisch“) abläuft, erlaubt z. B. die schnelle Reaktion auf be- drohliche Situationen und entlastet bei (über-)komplexen Entscheidungssitua- tionen. Es ist in vielen Fällen – im Hinblick auf das Überleben – einem refle- xiven Handlungsmodus also weit überlegen, indem es „unmittelbaren“ Zugriff auf evolutionär in den biologischen Strukturen verdichtete Erfahrung erlaubt. Allerdings: Die Menschen der Neuzeit wollten sich vom Automatismus des Instinkts so weit wie möglich emanzipieren, bedeutet er doch zugleich Ohn- macht und fehlende Entscheidungsfreiheit. Kants Diktum vom „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“2 bringt es auf den Punkt: Das Projekt des neuzeitlichen Subjekts war Autonomie – und, soweit es um sein „Selbst“ geht, eben nicht der Rückgriff auf den Automatismus. Die Psychoanalyse stellt sozusagen den Höhepunkt in dieser Bewegung dar, die nach Emanzipation und Selbst-Bestimmung strebt, verspricht sie doch Selbstperfektionierung und Befreiung auch von inneren Zwängen in der (therapeutischen) Reflexion. Sie ist Ausdruck des Begehrens nach Kontrolle über das eigene Ich. Diese Kontrolle muss jedoch hart erarbeitet werden. Dazu ist es auch erforderlich, die – durch das Über-Ich – unterdrückten und ver- drängten Regungen des „Es“ ans Licht zu zerren und sich mit ihnen auseinan- derzusetzen. Die (oft enttäuschte) Hoffnung: Befreiung durch (Selbst-)Reflexion, durch Spiegelung der „dunklen“ Seiten nach Außen. Doch gleichzeitig mit ihrem latenten Versprechen nach einer Selbst-Steigerung be- deutet die Psychoanalyse damit auch eine tiefe Kränkung des Ich, indem sie klarmacht, „daß das Ich nicht Herr […] in seinem eigenen Haus“3 ist, sondern dass dieses nur eine vermittelnde Instanz zwischen den Impulsen des Es und den Anforderungen des Über-Ich darstellt. Umso wichtiger ist die Technik, die laut Marx die „zweite Natur“4 des Menschen darstellt, als Vehikel seiner Befreiung durch die Ausübung von 2 Immanuel Kant, „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“, in: ders., Ausgewählte klei- ne Schriften, Hamburg, 1969 [1784], S. 1-9: 1. 3 Sigmund Freud, „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“, in: Imago, 5 (1917), S. 1-7: 7. 4 Karl Marx, Das Kapital, in: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hg.), Karl Marx, Friedrich Engels: Werke [MEW], Band 23-25, Berlin, 1956ff. [1894], S. 866. DIE DIALEKTIK DES AUTOMATISMUS 183 (konstruierender) Kontrolle. Die Maschinen und Automaten nehmen uns immer mehr (lästige) Arbeit ab und ermöglichen es so, uns bestimmten Zwängen zu entziehen.5 Zugleich stellen Sie Instrumente zur (sublimierenden) Befriedigung unserer Begehren bereit.6 Paradoxerweise versucht der Mensch jedoch, auch das im Medium der Technik zu automatisieren, was ihn nach eigenem Verständnis primär ausmacht: seine Fähigkeit zur Reflexion. Ein frühes Beispiel für eine solche „Maschine der Reflexion“ ist der sogenannte „Schachtürke“: eine Schach spielende Maschine in der Form einer orientalisch gekleideten Puppe hinter einem holzverkleideten Schachtisch, die im 18. und 19. Jahrhundert für Furore sorgte (siehe Abb. 1). „Erfinder“ der Schach- maschine, die unter anderem auch Partien gegen Friedrich den Großen und Napoléon Bonaparte gewann, war Wolfgang von Kempelen, ein österrei- chisch-ungarischer Universalgelehrter, der mit seinem Apparat mehrere Jahre durch ganz Europa tourte – freilich ohne das Funktionsprinzip zu verraten. 1 – Kupferstich in Karl Gottlieb Windisch (1783): Briefe über den Schachspieler des Hrn. von Kempelen Nach Kempelens Tod gelangte der „Schachtürke“ in den Besitz von Johann Nepomuk Mälzel, der den Apparat bis in die USA brachte, wo er allerdings 1854 bei einem Brand vernichtet wurde. Zu diesem Zeitpunkt war das „Wun- der“ des Schachautomaten jedoch längst aufgedeckt: In dem Essay „Maelzel’s Chess-Player“ aus dem Jahr 1836 legte kein geringerer als Edgar Allen Poe dar, dass – während der Partien – in dem Apparat eine Person versteckt sein musste, welche die Züge des „Schachtürken“ über eine Steuerungsmechanik 5 Vgl. hierzu den Beitrag von Jan Müggenburg und Claus Pias im vorliegenden Band. 6 Vgl. auch Herbert Marcuse, One-Dimensional Man, Boston, MA, 1964. 184 ANIL K. JAIN ausführte (siehe auch Abb. 2). Allerdings hatte es schon früher auch andere, ähnlich argumentierende Veröffentlichungen zum Geheimnis des Schachtür- ken gegeben. Vor allem jedoch war bereits zehn Jahre zuvor ein Beitrag in der Baltimore Gazette erschienen, der darüber berichtete, dass William Schlum- berger, ein Schachgroßmeister, dabei beobachtet worden war, wie er aus dem Apparat kletterte.7 2 – Illustration in Joseph Racknitz (1789): Über den Schachspieler des Herrn von Kempelen und dessen Nachbildung Warum hatte es so lange gedauert, bis dieses nahe liegende „Geheimnis“ ans Licht der Öffentlichkeit trat und sich verbreitete? – Ich vermute den Grund für diese lange Latenz in einem „Willen zum Wunder“ (der Technik). Denn es handelte sich damals um einen historischen Kontext, in dem der Fortschritts- glaube, vor allem bei den gebildeten Kreisen, tief eingebettet war. Elemente, die diesen Glauben in Frage stellten, wurden, so darf man annehmen, bereit- willig ignoriert, verdrängt und ausgeblendet. Aber warum war für die Gestalt des „Automaten“ ausgerechnet eine Figur in orientalischer Anmutung gewählt worden? – Auch hier kann man nur Vermutungen anstellen: Zum einen war der orientalische Stil eine Mode der Zeit; und zum anderen war der so zum Ausdruck gebrachte Orientalismus8 – also die exotistische Faszination für das Andere, das der Orient symbolisiert – eine geeignet Pro- jektionsfläche für das Geheimnisvolle und Mysteriöse, das der Apparat auf der Ebene der Technik für die Menschen darstellte. Und weshalb habe ich in die- 7 Gerald M. Levitt, The Turk – Chess Automaton, Jefferson, 2000. 8 Edward W. Said, Orientalism, London, 1978. DIE DIALEKTIK DES AUTOMATISMUS 185 sem Kontext auf das Beispiel des ‚Schachtürken‘ zurückgegriffen? – Ich möchte den Schachapparat Kempelens als eine vielsagende Metapher für das grundsätzliche Problem von derartigen „Maschinen der Reflexion“ begreifen. Denn im „Schachtürken“ kommt (sinn-)bildlich zum Ausdruck, was selbst noch für die Techniken der modernen „Künstlichen Intelligenz“ gilt. Auch in ihnen steckt nämlich zumeist eine Art verborgener „Schachspieler“: in der Form eingebetteter humaner Intelligenz, ohne welche ihre Routinen ins Leere laufen würden. Man kann dies am Beispiel des reflexiven Lernens verdeutlichen, bei dem versucht wird, den Lernerfolg der lernenden Maschine durch eine reflexive (Bewertungs-)Routine zu verbessern. Allerdings steht man dabei vor dem Pro- blem, dass ein solches automatisches Lernen relativ aufwendig sein kann – und so wird denn auch auf der Website des „Artificial Intelligence Lab“ (1994) der „University of Michigan“ entsprechend gewarnt: [T]he agent [in a reflexive learning system] does not consider the possible costs of learning a particular piece of knowledge. These costs hinge on the usefulness of knowledge: reflexive systems learn everything, even knowledge that does not promise to enhance the agent’s behavior.9 Das hier angesprochene Problem kann nur umgangen werden, indem eine Stoppregel zur Anwendung kommt, die die (rekursive) Reflexion begrenzt. Eine solche Stoppregel kann das System jedoch nicht „automatisch“, aus sich selbst heraus, generieren, sondern sie muss von außen, durch die Programmie- rer des Lern-Algorithmus, gesetzt werden.10 Dies verweist uns auf ein allgemeines Dilemma im Kontext der Maschinen der Reflexion: Der Kern der Reflexion lässt sich nur schwer automatisieren (sofern unter Reflexion nicht nur lediglich die Anwendung eines rekursiven Verfahrens verstanden wird). Wenn es aber gelingt, Reflexion (verstanden als selbsttätiges Denken) tatsächlich technisch zu automatisieren, so wird der Mensch, dem die Maschinen der Reflexion ja dienen sollen, tendenziell über- flüssig. Und zudem gilt nicht nur für die Maschinen der Reflexion: je autono- mer die Maschinen werden – und sie müssen mit der steigenden Komplexität der Anforderungen zwangsläufig immer selbsttätiger werden –, desto weniger kann das ursprüngliche Begehren nach Kontrolle von und mit ihnen erfüllt werden. 2. „Verfahren“: Maschinen der Deflexion Mit der steigenden Komplexität der Maschinen (und der übergreifenden technologischen Netzwerke) findet also – gewissermaßen automatisch – auch 9 http://ai.eecs.umich.edu/cogarch0/common/prop/reflexlearn.html. 10 Vgl. dazu auch Gunter Grieser, Selbsteinschätzende Lernverfahren, Berlin, 2001. 186 ANIL K. JAIN eine zunehmende Entäußerung an die Technik statt: Sie entzieht sich immer mehr unserer Kontrolle. Handelt es sich hierbei um eine unbewusste Befriedi- gung des Begehrens nach der Aufgabe von Kontrolle? Oder kommt hier viel- leicht sogar ein latenter Todeswunsch zum Ausdruck? – Die Abgründe des sich abzeichnenden Klimawandels und die sich immer wieder ereignenden technischen Großkatastrophen scheinen dies zu belegen. Tatsächlich verhält es sich meines Erachtens jedoch anders herum: Genau unser (fehlgeleitetes) Kon- trollstreben führt in die Katastrophe, weil so eine reflexiv-deflexive Risikospi- rale in Gang gesetzt wird, d. h. sobald Risiken reflexiv ins Bewusstsein ge- rückt werden, erfolgt eine deflexive Abwehrreaktion (in der Form symboli- scher Handlungen, die Sicherheit lediglich suggerieren, oder Detailkorrektu- ren, die die grundsätzlichen Probleme nicht lösen, etc.), was das Risikoniveau, auf dem die nächste Katastrophe stattfindet, noch einmal nach oben schraubt.11 Ich möchte in diesem Zusammenhang auch auf eine ganz andere Art von „Maschinen“ eingehen: gesellschaftliche Automatismen, die als „Maschinen der Deflexion“ bzw. Ablenkung dazu führen, dass (subjektive wie systemi- sche) Reflexivität nicht zum Tragen kommt und die versuchen, eine Illusion von Kontrolle herzustellen, indem sie auf Statik und Identität beharren (und so zugleich Möglichkeitsräume abschließen). Um jedoch die Funktionsweise der „Maschinen der Deflexion“ verstehen zu können, müssen wir zunächst noch einmal einen Schritt zurück treten, um dem landläufigen Verständnis von Re- flexion und Reflexivität12 ein neues, vielsagenderes Bild entgegenstellen zu können – wobei ich allerdings genau beim immanenten „Ursprungsbild“ der Spiegelung ansetzen möchte: In der (optischen) Spiegelung wird ein Objekt visuell repräsentiert, indem Lichtstrahlen von einer Oberfläche zurückgeworfen werden. Trifft das reflek- 11 Anil K. Jain, Politik in der (Post-)Moderne – Reflexiv-deflexive Modernisierung und die Dif- fusion des Politischen, München, 2000, Abschnitt 3.3. 12 Im Vorgriff auf das Kommende: Reflexion und Reflexivität sind zwar verwandte Begriffe, aber doch zu unterscheiden. Streng genommen unterscheide ich (vgl. Jain 2011) sogar zwi- schen Reflexion (Bewusstseinsebene), Reflaktion (Handlungsebene) und Reflexivität (Struk- turebene). Dabei bedeutet (kritische) Reflexion, Differenzen zu spiegeln und nicht Identität zu repräsentieren. Sie fordert die Anerkennung des Kontingenzcharakters des Seins, was gleich- zeitig zur Orientierung am Möglichen und nicht am Faktischen „verpflichtet“. Sie spiegelt die „Unbestimmtheit“ und die Diversität der Positionen im sozialen Raum ebenso, wie sie sich die Unbeständigkeit und die Dynamik des Seins – für die Chance der Veränderung – verge- genwärtigt. Die (reflexive) Spiegelung des Wirklichen ist zugleich die Spiegelung komplexer Zusammenhänge, sie schafft – im Bewusstsein der Differenz und der Interdependenz – Ver- bindungen, anstatt Trennungen herbeizuführen und fragt auch nach den Nebenfolgen des Handelns. Voll zur Geltung gebracht könnte Reflexion damit sogar weit mehr bedeuten: näm- lich die Wertschätzung und aktive Hervorbringung jener Differenzen, die Kontingenz, Unbe- stimmtheit, Dynamik und Komplexität zugrunde liegen. Dieser praktische Aspekt könnte „re- flexives Handeln“ bzw. „reflexive Aktion“ oder kurz: „Reflaktion“ genannt werden. Beide, Reflexion und Reflaktion, können schließlich in reflexiven Strukturen kristallisieren und ge- nau diese (strukturell-institutionelle) Gerinnung reflexiver Elemente wäre entsprechend „Re- flexivität“ zu nennen. Reflexivität, so verstanden, wirkt ermöglichend und fördert reflexives Bewusstsein wie reflexives Handeln. DIE DIALEKTIK DES AUTOMATISMUS 187 tierte Licht auf das Auge eines Betrachters, so entsteht eine Projektion des Ob- jekts. Und man kann diese Projektion eben nicht nur im optischen und physio- logischen, sondern durchaus auch im psychoanalytischen Sinn verstehen. Denn mit der Projektion wird das Objekt zu „unserem“ Objekt, es existiert nicht länger getrennt von unserem Wahrnehmungsapparat und unseren inneren Prozessen, unseren Erfahrungen und unseren Begierden. Das projizierte Ob- jekt ist ein transformiertes Objekt, es ist gleichermaßen die Repräsentation ei- ner externen Entität wie von subjektiven Strukturen. Insofern läuft, wenn man diesem Bild der Spiegelung folgt, die im aktuellen Diskurs so häufig geäußer- te Kritik am „Objektivismus“ der reflektierenden Repräsentation in der Tat ins Leere. Sie tut dies umso mehr, wenn man zudem nicht von einem statischen und eindeutigen Bild der (reflexiv gespiegelten) Wirklichkeit ausgeht, sondern die- se – ganz in Einklang mit den aktuellen wissenschaftlichen Paradigmen – als kontingent, relativ, dynamisch und komplex begreift. Eine kontingente, relati- ve, dynamische und komplexe Wirklichkeit wäre zudem eine Wirklichkeit der Differenz. Denn Kontingenz bedeutet nichts anderes als eine Differenz zwi- schen Aktualität und Potenzialität, Relativität verweist auf einen interpretati- ven Raum und eine tatsächliche Differenz zwischen den verschiedenen sozial- räumlichen Positionen, Dynamik ist der Ausdruck einer (bedeutsamen) Diffe- renz zwischen verschiedenen Zeitzuständen und Komplexität schließlich im- pliziert eine Differenz zwischen lokalen und globalen, intendierten und nicht intendierten Folgen. Ein vollständig reflexiver Weltbezug sowie durchgängig reflexive Struktu- ren sind allerdings keineswegs unproblematisch und provozieren geradezu „defensive“ Reaktionen. Deren Ursache liegt also genau in den Herausforde- rungen durch die reflexiven Impulse, denn wirk-liche Reflexion produziert, aufgrund ihrer Ausrichtung, potenziell Verunsicherung, Auflösung und Frag- mentierung. Und die Möglichkeit des radikalen Wandels, die Reflexivität ge- mäß dem oben (siehe Fußnote 11) dargelegten Verständnis beinhaltet, ist gleichbedeutend mit der Möglichkeit von Fehlschlägen und dem Verlust der Kontrolle. So gesehen sind Reflexion und Reflexivität der Auflösung, die der Tod darstellt, wesentlich näher als die „Maschinen der Deflexion“. Wie be- merkte nicht zuletzt schon Montaigne in Anlehnung Cicero: „Philosophieren heißt sterben lernen“13. Die gesellschaftlichen „Maschinen der Deflexion“ sind folglich diesem re- flexiven Mut zum „Ende“, der dem Begehren nach der Aufgabe der Kontrolle entspringt, entgegen gerichtet: Sie zielen auf Konservation und Identität. Und wenn Reflexion als Spiegelung (der Wirklichkeit des Seins) vorgestellt wird, so sind die „Maschinen der Deflexion“ entsprechend als Verspiegelungen der Wirklichkeit vorzustellen. Sie produzieren Eindeutigkeit und Fraglosigkeit. 13 Michel de Montaigne, „Daß Philosophieren sterben lernen heisse“, in: ders., Essais, Bd 1, Zü- rich, 1992 [1575], S. 103-135. 188 ANIL K. JAIN Dazu bedienen sie sich verschiedenster Ideologien und „Praxologien“.14 Öko- nomische Deflexionsmaschinen etwa beruhen auf der praktisch wirksamen in- tegrativen Macht des Konsums. Zum anderen fußen sie auf der liberalistischen Ideologie der freien Marktwirtschaft und der aus ihr abgeleiteten These vom Zwang zur Anpassung an die Marktgesetze der Konkurrenz. Im Kontext der rechtlichen Deflexionsmaschinen wird primär auf die zentrale Praxologie des (Rechts-)Verfahrens zurückgegriffen, die es ermöglicht, beliebige (Streit-)Fragen in entschärfende juristische Diskurse zu überführen. Damit korrespondiert die Ideologie des gewaltenteiligen Verfassungsstaats und der unabhängigen Justiz. Die ideologische Grundlage der wissenschaftlichen De- flexion besteht analog in der Annahme wissenschaftlicher Unabhängigkeit und Objektivität. Sie wird in der Praxologie wissenschaftlicher Expertisen deflexiv genutzt. Im Rahmen der dramaturgischen Deflexion versuchen politische Ritu- ale (wie z. B. Vereidigungszeremonien) Vertrauen herzustellen. Abgestützt wird diese integrative Erzeugung von „Handlungsschein“15 durch die Ideo- logie der objektiven und neutralen (Medien-)Berichterstattung. Symbolische Deflexion, die eng mit der dramaturgischen Deflexion verknüpft ist, erfolgt primär mit dem Mittel der (historischen) Erzählung und der Herrschaft über die Sprache sowie die kulturellen Symbolwelten. Ihr liegt u. a. die Ideologie der nationalen Einheit und der sozial-kulturellen Wertegemeinschaft zu- grunde. Die wirkungsmächtigste „Maschine der Deflexion“ ist jedoch die Übersetzung. Mit dem Mittel der Übersetzung wird auf die funktionalistische Ideologie der Trennung der Subsysteme zurückgegriffen, um gleichzeitig eine deflektorische Verbindung zwischen den einzelnen Systemen zu schaffen. Dabei werden reflexiv erzeugte „Spannungen“, die in der Diskursart des einen (Teil-) Systems nicht befriedigend „gelöst“ werden können, durch die Übertragung in eine „fremde“ Diskursart entschärft. Der (semantische) Übersetzungsverlust, der hierdurch zwangsläufig entsteht, wird ausgeglichen durch deflektorische Gewinne (wie etwa die Absorption von politischem Protest).16 Diese Sicht auf die Maschinen der Deflexion wirkt – ganz zu Recht – primär kritisch. Allerdings: So wie Reflexivität eine Dialektik birgt (die neben reflexi- ven Impulsen immer auch deflexive Antworten provoziert),17 so ist auch Defle- xivität ihrerseits in eine reflexiv-deflexive Dialektik verwoben. Die Stärke der Deflexion ist Schwäche der Reflexion – und umgekehrt. Ganz ähnlich, wie die Verdrängung auf der psychologischen Ebene auch eine protektive Funktion hat, stellt Deflexivität einen effizienten Schutz gegen die überbordenden Ansprüche 14 Unter einer Praxologie verstehe ich in Parallele zum Ideologiebegriff (und im expliziten Un- terschied zum Begriff der Praxeologie) eine verschleiernde, die sozialen Machtverhältnisse abstützende „deflektorische“ Praxis, die über die Institutionalisierung und Verinnerlichung von Handlungsmustern reflexive Widerstandspotenziale ablenkt (deflektiert). 15 Thomas Meyer, Die Inszenierung des Scheins, Frankfurt/M., 1992. 16 Vgl. auch Jain (2000), Politik, Abschnitt 5.3.2. 17 Vgl. ebd., Abschnitt 5.4. DIE DIALEKTIK DES AUTOMATISMUS 189 der Reflexivität dar: dem fordernden Chor der Stimmen des Anderen, der Unsi- cherheit des Wandels, den Herausforderungen der Möglichkeit, der Zumutung der Komplexität. Und während Reflexion die permanente (Selbst-)Hinterfra- gung anfacht und nie zu einem Ende gelangt, erlaubt Deflexion pragmatisches, auf Erhaltung gerichtetes Handeln. Zudem ruft die Dialektik der Deflexion bzw. der Deflexivität ihrerseits neue reflexive Widerstände und Impulse hervor – und produziert somit gewissermaßen „automatisch“ immer auch ihr Anderes mit.18 Die Maschinen der Deflexion sind jedoch sowohl auf der sozialen wie der sub- jektiven Ebene (durch Internalisierung) überaus wirksam, und nur in wenigen Ausnahmesituationen (der Krise oder der Revolution) gelingt es den Kräften der Reflexion, die Oberhand zu gewinnen. Wie könnte es gelingen, reflexive Mo- mente ebenso fest zu verankern, wie es die Kräfte der Ablenkung bereits sind? 3. Maschinen der Differenz? Im Vorangegangenen habe ich den Begriff der Maschine in unterschiedlicher Weise verwendet. In Bezug auf die Maschinen der Reflexion waren Maschi- nen im eigentlichen Sinn gemeint, d. h. Apparate und technische Systeme. Im Kontext der Maschinen der Deflexion bezog ich mich eher auf soziale Struktu- ren, Vorstellungen und Verfahren, die der Ablenkung von Reflexionen und Reflexivität dienen. Diese Art der Verwendung ist offensichtlich eher ange- lehnt an den psycho-sozialen Maschinenbegriff von Deleuze und Guattari, denn diese bemerken zu ihrem Konzept der Wunschmaschinen im Anti-Ödi- pus: „Die Wunschmaschinen, stecken nicht in unserem Kopf, sind keine Pro- dukte der Einbildung, sondern existieren in den technischen und gesellschaftli- chen Maschinen selbst“19. Und weiter heißt es: Zum ersten sind die Wunschmaschinen wohl den technischen und gesellschaftli- chen Maschinen gleich, bilden aber gewissermaßen deren Unbewußtes: sie ma- nifestieren und mobilisieren die libidinösen Besetzungen (Wunschbesetzungen), die den bewußten und vorbewußten Besetzungen (Interessenbesetzungen) eines bestimmten gesellschaftlichen Feldes in Ökonomie, Politik und Technik ‚ent- sprechen‘.20 Auch die (utopischen) Maschinen der Differenz, die ich im Folgenden kurz skizzieren möchte, kommen eher Wunschmaschinen als technischen Appara- ten gleich, aber anders als letztere dienen sie nicht primär dazu, das Begehren zu formen und zu produzieren, sondern sie erzeugen Differenz und Abwei- chung, bringen das „Andere“ hervor. Nur durch solche Maschinen der Diffe- renz kann es meines Erachtens gelingen, die Momente der Reflexivität zu ver- 18 Siehe hierzu auch den Beitrag von Ludwig A. Pongratz im vorliegenden Band. 19 Gilles Deleuze/Félix Guattari, Anti-Ödipus – Kapitalismus und Schizophrenie I, Frankfurt/M., 1974 [1972], S. 512. [Herv. i. O.] 20 Ebd. S. 517. 190 ANIL K. JAIN ankern und den Maschinen der Deflexion, die Identität fabrizieren, einen wirk- sames Moment entgegenzustellen. Ihre Aufgabe ist eine Unmöglichkeit. Sie widersprechen sich selbst. Sie beruhen auf Regeln, die die Regel brechen sol- len. Wie könnten solche Regeln beschaffen sein, die die Unregelhaftigkeit ent- falten? Ich wage einen Formulierungsversuch: 1. Ausrichtung auf die (Un-)Möglichkeit und Abwendung vom Bestehen- den, denn die Utopie muss gegen den Realismus und die „normative Kraft des Faktischen“ (Jellinek) zum Zug kommen können. 2. Schaffung von Heterotopien: anderen Räumen, ohne Kontrolle und Zwang, denn sonst besitzt die Abweichung keinen Raum zur Entfaltung. 3. Veränderung jetzt herbeiführen und Stabilität bewusst ins Wanken brin- gen, denn nur so kann eine andere Wirklichkeit geschaffen werden. 4. Verbindungen herstellen, denn nur wo Komplexität sich gegen die Ein- fachheit durchsetzt, kann die Trennung (und damit auch die Ausgren- zung des Anderen) überwunden werden. 5. Formulierung und Entfaltung des Widerspruchs, denn nur wo Wider- spruch herrscht, kann die Macht des Anderen sich konstituieren. 6. Die Niederlage und das Scheitern rehabilitieren, denn die Fixierung auf den Erfolg spielt dem Konformismus in die Hände. 7. Furchtlosigkeit produzieren durch Ermutigung, denn nur wo die (soziali- satorischen und medialen) Angstmaschinen abgeschaltet werden, kann das Andere gewagt werden. 8. Verweigerung der Nützlichkeit, denn die Orientierung am Nützlichen dient tendenziell immer etablierten Zwecken. Diese „Konstruktionsprinzipien“ für Maschinen der Differenz sind keinesfalls als ausschließlich oder abschließend anzusehen. Das würde ihrem Sinn und Zweck widersprechen: der Entfaltung des Widerspruch und der Differenz. Aber sie können grobe Ausgangs- und Orientierungspunkte bieten, wie die Maschinen der Differenz in „Wirklichkeit“ zu übersetzen wären. Literatur Artificial Intelligence Lab/University of Michigan, Reflexive Learning, 1994, online unter: http://ai.eecs.umich.edu/cogarch0/common/prop/reflexlearn.html, zuletzt auf- gerufen am 15.10.2011. Cicero, Gespräche in Tusculum, Ditzingen, 1997. [45 v. u. Z.] Deleuze, Gilles, Foucault, Frankfurt/M., 1992. [1986] Ders./Guattari, Félix, Anti-Ödipus – Kapitalismus und Schizophrenie I, Frankfurt/M., 1974. [1972] Freud, Sigmund, „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“, in: Imago, 5 (1917), S. 1-7. Grieser, Gunter, Selbsteinschätzende Lernverfahren, Berlin, 2001. DIE DIALEKTIK DES AUTOMATISMUS 191 Jain, Anil K., Politik in der (Post-)Moderne – Reflexiv-deflexive Modernisierung und die Diffusion des Politischen, München, 2000. Ders., Spiegelungen der Reflexivität – Deflexive Gegenpole und die reflexive Methode der Organalyse, 2011, online unter: http://www.power-xs.net/jain/pub/spiegelun gen.pdf, zuletzt aufgerufen am 29.08.2012. Kant, Immanuel, „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ in: ders. Ausgewähl- te kleine Schriften, Hamburg, 1969 [1784], S. 1-9. Levitt, Gerald M., The Turk – Chess Automaton, Jefferson, 2000. Marcuse, Herbert, One-Dimensional Man, Boston, MA, 1964. Meyer, Thomas, Die Inszenierung des Scheins, Frankfurt/M., 1992. Montaigne, Michel de, „Daß Philosophieren sterben lernen heisse“, in: ders., Essais, Bd. 1, Zürich, 1992 [1575], S. 103-135. Marx, Karl, Das Kapital, in: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hg.), Karl Marx, Friedrich Engels: Werke [MEW], Bd. 23-25. Berlin, 1956 ff. [1894] Poe, Edgar Allen, „Maelzel’s Chess Player“, in: Southern Literary Messenger, 2 (1836), S. 318-326. Said, Edward W., Orientalism, London, 1978. ANNETTE RUNTE AUTOMATISMUS UND AUTISMUS. ZUR SUBJEKTKONSTRUKTION IN MEDIZINISCHEN UND LITERARISCHEN DISKURSEN DER MODERNE „Ich sehnte mich nach meiner Ordnung zurück, die ich nur zu Hause finden konnte.“1 1. Autismus als Automatismus Spätestens seit dem Film Rain Man2 und seiner Inszenierung eines von Dustin Hoffman verkörperten Autisten3 mit sensationellem Zahlengedächtnis, ist das in den 1930er Jahren entdeckte Phänomen des Autismus, markiert durch einen Rückzug von der Welt, Sprachhemmungen und bizarre Privatrituale, ins Licht der Öffentlichkeit gerückt.4 Mit der Intensivierung elektronischer Kommuni- kation, die den Verzicht auf die Präsenz des Anderen, etwa im Gespräch, er- möglicht, soll sich die klinisch konstituierte Entwicklungs- bzw. Verhaltens- störung geradezu epidemisch verbreitet haben5, wie nicht zuletzt das Klischee vom autistischen ‚Computerfreak‘ suggeriert.6 Nachdem der Schweizer Sozio- 1 Nicole Schuster, Ein guter Tag ist ein Tag mit Wirsing. (M)ein Leben in Extremen: Das As- perger-Syndrom aus der Sicht einer Betroffenen, Berlin, 2007, S. 256. 2 Rain Man, USA 1988, Regie: Barry Levinson, Buch: Barry Morrow, Darsteller: Dustin Hoff- man (Raymond Babbitt), Tom Cruise (Charlie Babbitt), Valeria Golino (Susanna), Jerry Mo- len (Dr. Brunner), Jack Murdock (John Mooney), Michael D. Roberts (Vern), Ralph Seymour (Lenny), Lucinda Jenney (Iris), Bonnie Hunt (Sally Dibbs), Kim Robbillard (Small Town Doctor). 3 Er geht auf das reale Vorbild des Amerikaners Kim Peek zurück, eines ‚idiot savant‘ (wörtl.: gelehrter Idiot), d. h. einer ‚Inselbegabung‘. Inzwischen gibt es ca. 60 Filme zum Thema und ebenso viele Autobiografien aus dem Bereich der westlichen Kultur. 4 Vgl. Jörgen Lang, „Wenn das Denken einsam macht“, in: Die Zeit, 86 (2004), S. 30. 5 C. E. Kumbier/G. Domes/B. Herpertz-Dahlmann/S. C. Herpertz, „Autismus und autistische Störungen. Historische Entwicklung und aktuelle Aspekte“, in: Nervenarzt, (2009), S. 1- 11: 5 f.; Sven Bölte, „Epidemiologie“, in: ders. (Hg.), Autismus. Spektrum, Ursachen, Diag- nostik, Intervention, Perspektiven, Bern, 2009, S. 65-75: 69 f. 6 Im Internet finden sich zahlreiche Belege für deren Stigmatisierung, neuerdings aber auch Aufwertung: so berichtet Friederike Ott in einer Glosse („Erfolgreich mit Autisten“) über das dänische IT-Unternehmen Specialsterne, das Autisten als Experten einstelle (www.tokol.de/ forum/index.php?topic=14035.0;wap2, zuletzt aufgerufen am 28.05.2012). Dem Facebook- Gründer Marc Zuckerberg schrieb die Presse kürzlich ‚latenten Autismus‘ zu. Vgl. Mirco 194 ANNETTE RUNTE loge Hans-Joachim Hoffmann-Nowottny bereits Anfang der 1980er Jahre die Herausbildung einer ‚autistischen Gesellschaft‘ prognostiziert hatte, die er durch die Zunahme ‚selbstbezogenen‘ Denkens und Handelns gegeben sah7, ersetzte Ulrich Beck die metaphorische Pathologisierung moderner Individua- lismusschübe durch die sozialhistorische Diagnose vom Trend zur ‚Single-Ge- sellschaft‘8. Inzwischen fordert eine militante Minderheit ‚posthumaner‘ Ein- zelgänger sogar das Recht auf einen autistischen Lebensstil, den etwa ‚einge- fleischte Junggesellen‘9 ebenso für sich in Anspruch nehmen wie radikale Netzkünstler10. So wird das Stereotyp des seltsamen, kontaktschwachen, ge- mütskalten und mehr oder weniger sprachbehinderten ‚Sonderlings‘ zu einem Paradebeispiel ‚normalistischer Exklusionsidentität‘. Das heißt, in dem Maße, wie das Individuum in der funktional ausdifferenzierten (‚bürgerlichen‘) Ge- sellschaft an mehreren sozialen Subsystemen partizipiert, wird der Verlust der gemeinschaftsbezogenen ‚Inklusionsidentität‘ vormoderner Sozialstrukturen tendenziell durch die ‚flexibel normalistische‘ Individualisierung einer nur mehr negativ definierbaren ‚Exklusionsidentität‘11 kompensiert. Unter ‚flexi- blem Normalismus‘ versteht Jürgen Link den Übergang von einer Ökonomie des Ausschlusses nicht normativer Abweichungen hin zu deren „mobile[m], flexible[m], differenzierbare[m]“12 Einschluss, der die Substitution diskreter (exklusiver) Binäroppositionen durch quantifizierbare Kontinuum-Modelle er- möglicht. Inwiefern aber hängt ‚Autismus‘ mit ‚Automatismus‘ zusammen? Der 1911 von Eugen Bleuler, Chef der psychiatrischen Anstalt Burghölzli, geprägte Neologismus, der zunächst bloß das schizophrene Desinteresse an der Außen- welt bezeichnete und eigentlich „Ipsismus“ (von ipse, lat. selbst) heißen sollte, umfasst nosologisch die bei Autisten beobachteten „repetitiven Verhaltenswei- Plüss, „Führt Liebe zwischen Geeks zu Autismus?“, in: Zürcher Tages-Anzeiger vom 22.11.2011. 7 Hans Joachim Hoffmann-Nowottny, „Auf dem Wege zur autistischen Gesellschaft?“, in: S. Rupp/K. Schwarz/M. Wingen (Hg.), Eheschließung und Familienbildung heute, Wiesbaden, 1980, S. 161-186. 8 Vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M., 1986. 9 Vgl. Annette Runte, „,Singles‘ oder ‚cinglés‘? Anstelle einer Einleitung“, in: dies. (Hg.), Lite- rarische ‚Junggesellen-Maschinen‘ und die Ästhetik der Neutralisierung / Machine littéraire, machine célibataire et ‚genre neutre‘, Würzburg, 2011, S. 7-25. 10 Als beliebiges Beispiel aus dem Internet: „Wird das Recht auf Autismus in Zukunft strafbar sein und nur, wer interagiert, den rechten Weg des ‚Ich-darf-kommunizieren-deswegen-bin- ich‘ beschreitet“, als ‚normal‘ durchgehen? So in: „Brainwash (01.2000)“, online unter: http://www.hrom.de/brain.php, zuletzt aufgerufen am 28.05.2012. 11 Vgl. Niklas Luhmann, „Individuum, Individualität, Individualismus“, in: ders., Gesellschafts- struktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft, Frank- furt/M., 1989, S. 149-259. 12 Jürgen Link, Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird, Opladen, 1998, S. 146. AUTOMATISMUS UND AUTISMUS 195 sen und Aktivitäten“13, deren stereotype Abläufe sich gleichsam bewusstlos und selbst gesteuert, also automatenhaft, vollziehen und einen der Forschungs- pioniere, den Pädagogen Hans Asperger, durch ihre „unheimliche“ „Leere“14 beeindruckten. In Bruno Bettelheims Standardwerk Die leere Festung (1967) ergibt sich eine Parallele zwischen Handeln und Sprechen. „Spielzeuge in ewig dieselbe Anordnung zu bringen, Sätze stets auf genau dieselbe Weise zu wiederholen“15, entspräche dem autistischen Telos, „Dinge zu ordnen und Re- geln aufzustellen“.16 Spätere Studien betonen die Komplexität der originellen Rituale und ihre monomanische Fixierung auf ebenso läppische wie kuriose Gegenstände17, wie z. B. alte Schuhbänder oder aber ‚Biegungen‘18. Diese Verschiebungen in der Bewertung zwischen den 1960er und den 1990er Jahren ändern nichts daran, dass derlei idiosynkratische Routinen – von motorischen Eigentümlichkeiten, etwa dem unablässigen Hin- und Her- schaukeln, wie beim Talmudstudium, über taxonomische Vorlieben bis hin zu Sprachticks – als eines der zentralen Symptome des autistischen Syndroms gelten.19 Um die für Prozesse der ‚Versubjektivierung‘ aufschlussreichen Korrelatio- nen zwischen Autismus im engeren Sinne und Automatismen im weiteren Sin- ne20 zu erhellen, möchte ich im Folgenden zunächst das mythopoetische Re- servoir der ‚Diskurse des Autismus‘ kurz umreißen und dann einen Blick auf die Medikalisierung der autistischen Problematik seit dem frühen 20. Jahrhun- dert werfen, um an der Technik der computergestützten Kommunikation (Fa- cilitated Communication), einer ‚allmählichen Verfertigung der Rede aus der 13 Hans Asperger, zit. in: E. Kumbier/K. Haack/S. C. Herpetz, „Betrachtungen zum Autismus. Ein historischer Streifzug durch psychiatrisch-psychologische Konzepte“, in: Fortschritte der Neurologie - Psychiatrie, 76 (2008), S. 484-490: 489. 14 Hans Asperger, Heilpädagogik. Einführung in die Psychopathologie des Kindes für Ärzte, Lehrer, Psychologen, Richter und Fürsorgerinnen, 3., neubearbeitete und erweiterte Aufl., Wien, 1961, S. 182. 15 Bruno Bettelheim, Die Geburt des Selbst. The Empty Fortress. Erfolgreiche Therapie autisti- scher Kinder, Neuaufl., Frankfurt/M., 1989, S. 110. 16 Ebd., S. 109. 17 M. Rutter, „Charakteristische Verhaltensweisen und kognitive Funktionen autistischer Kin- der“, in: J. K. Wing (Hg.), Frühkindlicher Autismus. Klinische, pädagogische und soziale As- pekte, 4., unveränderte Neuausgabe, Weinheim, Basel, 1992, S. 76-105: 86-88. 18 Gunilla Gerland, Ein richtiger Mensch sein. Autismus – Das Leben von der anderen Seite, Stuttgart, 1996, S. 11 f.: „Eine gebogene Sache hatte etwas Beruhigendes an sich, das war ein ganz selbstverständliches Gefühl. [...] Biegungen, die ich brauchte. Aber niemand in meiner Umgebung ahnte, dass ausgerechnet die Biegung der gemeinsame Nenner der vielen Sachen war, die ich anfassen musste [...] es war lebensnotwendig.“ 19 Dass diese moderne Symptomatik auch unter den Bedingungen des ‚real existierenden‘ So- zialismus auftrat, zeigt eine medizinische Langzeitstudie aus der Ex-DDR: Johannes Eich- horn/Rosemarie Goetze/Michael Klein, Zu Problemen der Diagnostik, Erziehung und Bildung bei Kindern mit autistischem Syndrom, Berlin (DDR), 1982. 20 Im Sinne eines ebenso transdisziplinären wie interkulturellen Konzepts; vgl. dazu die Einlei- tung der Herausgeber von Hannelore Bublitz/Roman Marek/Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 9-17. Hier stehen allerdings themengemäß die Aspekte der „Selbstkonstitution“ und des „Selbstmanagements“ (ebd., S. 11) im Zentrum. 196 ANNETTE RUNTE Schrift‘, wie man – frei nach Kleist – sagen könnte, das Dilemma einer unhin- tergehbar verdoppelten Autorschaft zu streifen. Nach dieser genealogischen Skizze zum autistischen Phänomen bietet sich eine ‚symptomatische Lektüre‘ der inzwischen boomenden Ego Dokumente vermeintlicher AutistInnen an, d. h. publizierter (auto-)biografischer Aufzeichnungen mit selbstanalytischem oder literarischem Anspruch. Fokussiert werden dabei die selbstreflexive Dar- stellung des autismustypischen Nexus von Automatismus und Veränderungs- angst sowie deren signifikante Spuren im Text. Auf der Folie der durch den Grundbegriff der Wiederholung geprägten psychoanalytischen Subjekttheorie Jacques Lacans lassen sich sodann die Grenzen und Inkonsistenzen des wis- senschaftlichen Konstrukts ‚Autismus‘ konturieren. Schließlich stellt sich die Frage, inwieweit der affektiv besetzte Vorrang synästhetischer Sinneswahr- nehmung mit Julia Kristevas zeichentheoretischem Konzept des präsymboli- schen ‚Semiotischen‘ zu erfassen wäre. Last but not least verlangt der Ge- schlechterproporz nach einer Deutung, erkranken doch viermal so viel Jungen wie Mädchen an Autismus. 2. Mythen und Medien Die von Rousseaus Figur des ‚guten Wilden‘ und den erzieherischen Experi- menten Friedrich des Großen inspirierte Vorstellung der ohne Sprache und Gesellschaft jenseits der Zivilisation aufwachsenden ‚Wolfskinder‘ bildet den romantischen Gründungsmythos des Autismus. Dieser kulminiert um 1800 in der dann literarisch vielfach verarbeiteten Kaspar Hauser-Legende21 und nimmt mit den Befunden der Sprachlosigkeit, Menschenscheu und Unange- passtheit bereits wichtige Momente des modernen Autismus vorweg. Dessen philosophisch wie psychologisch problematisierbare anthropologische Sonder- stellung wird mit expressionistischem Pathos ästhetisch verklärt22 oder aber in dadaistischer Provokation zur burlesken Allegorie vom Unsinn der Kunst ni- velliert, so etwa bei Hans Arp: weh unser guter kaspar ist tot wer trägt nun die brennende fahne im zopf wer dreht die kaffeemühle wer lockt das idyllische reh auf dem meer verwirrte er schiffe mit dem wörtchen parapluie und die winde nannte er bienenvater [...] wer erklärt uns die monogramme in den sternen seine büste wird die kamine aller 21 Vgl. Ulrich Struve (Hg.), Der Findling. Kaspar Hauser in der Literatur, Stuttgart, 1992. Pro- minente Beispiele wären etwa Jakob Wassermanns Roman Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens (1907/1908) oder Peter Handkes Sprechstück Kaspar (1967/1968), das den his- torischen Stoff nur anzitiert, um ihn zum Aufhänger eines dramaturgischen Experiments zu machen, das die Dekonstruktion von Sprechgewohnheiten mit Gesellschaftskritik verbindet; dazu etwa Mechthild Blanke, „Zu Handkes ‚Kaspar’“, in: Michael Scharang (Hg.), Über Pe- ter Handke, 4. Aufl., Frankfurt/M., 1979, S. 256-294. 22 Vgl. Klabunds Gedicht „Der arme Kaspar“ (1922), in dem es heißt: „Ich geh – wohin? / Ich kam – woher? / Bin außen und inn’, / Bin voll und leer, [...] Ich steh und fall, / Ich werde sein. / Ich bin ein All / Und bin allein“, in: Struve (1992), Der Findling, S. 184. AUTOMATISMUS UND AUTISMUS 197 wahrhaft edlen menschen zieren doch das ist kein trost und schnupftabak für einen totenkopf.23 In Hans Aspergers physiognomistischer Lesart der „charaktervolle[n] Häss- lichkeit“ autistischer Kinder als Index ihrer Unbeholfenheit drückt sich eine teratologisch24 formulierte Ambivalenz aus, die Behinderte zu sympathischen ‚Monstern‘ macht25, „mit absonderlich geformten Nasen“, einem „Pferdege- biss“ oder „Behaarungsanomalien“26, während ihnen Kliniker rund vier Jahr- zehnte später, nämlich in den permissiven 70er Jahren, eine ebenso legendäre körperliche Attraktivität nachsagen. Wenn der österreichische Heilpädagoge Autisten zugleich den Status origineller „Intelligenzautomaten“27 zubilligt, wirkt auch darin zweifellos der romantische Mythos vom schmalen Grat zwi- schen ‚Genie und Wahnsinn‘28 nach, der von der Psychiatrie des frühen 20. Jahrhunderts begierig aufgegriffen wurde. Noch die heute überwiegend gene- tisch orientierte Autismusforschung projiziert die offenbar in hohem Maße phantasmatisch besetzte Pathologie eines kreativen Außenseitertums auf be- rühmte Vertreter von Kultur und Wissenschaft zurück, etwa auf „Inselbega- bungen“ wie Albert Einstein oder Ludwig Wittgenstein. Müsste die sattsam bekannte Exzentrik moderner Künstler oder Intellektuellen, die mit Einsam- keit, Verschrobenheit, Weltferne oder gar Misanthropie zu kokettieren bzw. zu brüskieren pflegen, also dem Krankheitsverdacht anheimfallen?29 Die unter- schwellige Gewaltsamkeit ebenso imaginärer wie normativer Identifizierun- gen wird hier dermaßen deutlich, dass sie eigentlich kaum eines Kommentars bedürfte. Doch in den offiziellen Klassifikationen der Weltgesundheitsorgani- sation (WHO), wo ‚schizotype Persönlichkeiten‘ nach wie vor „als Sonderlin- ge“ erscheinen, spiegelt sich wider, in welchem Maße aktuelle szientistische Diskurse von literarischer Narration und Fiktion inspiriert sind, wie einst zur 23 Hans Arp: „kaspar ist tot“ (1919), in: ebd., S. 170 f. 24 ‚Teratologie‘ bedeutet wörtlich ‚Monsterkunde‘; dieser Begriff bezieht sich wissenschafts- historisch vor allem auf die frühneuzeitliche Medizin (um 1600), die ‚Ungeheuer‘, wie etwa anatomische Missbildungen (z. B. siamesische Zwillinge, Zwitter), zugleich als ‚Wunder‘, d. h. als ambivalente Signaturen göttlichen Zorns wie göttlichen Ruhms, begriff. Vgl. Am- broise Paré, Des Monstres et Prodiges [1573 ff.], hg. von Jean Céard, Genf, 1971 [nach der 4. Aufl. von 1585]. 25 Asperger versuchte, die ‚autistischen Psychopathen‘ vor der Euthanasie durch die Nazis zu schützen, indem er auf ihre Gemütswerte verwies. Vgl. Brita Schirmer, „Autismus und NS- Rassengesetze in Österreich 1938: Hans Aspergers Verteidigung der ‚autistischen Psychopa- then‘ gegen die NS-Eugenik“, in: Die neue Sonderschule 47, 6 (2002), S. 460-464. 26 Asperger (1961), Heilpädagogik, S. 178. 27 Ebd., S. 195. 28 Vgl. die spätromantischen Künstlerfiguren, z. B. den Musikus Kreisler bei E.T.A. Hoffmann, und für die psychiatrische Rezeption etwa die These vom Nexus zwischen ‚Genie‘ und ‚Wahnsinn‘ bei Cesare Lombroso, gegen die sich dann der deutsche Psychiater Wilhelm Lange-Eichbaum (Genie – Irrsinn und Ruhm, 1928) entschieden wandte. 29 So Kant, Schopenhauer, Nietzsche, Kleist, Hölderlin, Grillparzer, Flaubert, Henry James, Kafka, Proust, Cioran, Thomas Bernhard, und auf weiblicher Seite Karoline von Günderrode, Annette von Droste-Hülshoff, Else Lasker-Schüler, Elfriede Jelinek u.v.a. 198 ANNETTE RUNTE Hochzeit des Positivismus. Denn im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-IV) werden Autisten den ‚Käuzen‘ des ‚poetischen Realismus‘ nachempfunden, verlautet dort doch, dass sie „oft eigenartig“ wirkten, „sozial ängstlich“ seien und „häufig isoliert“ lebten, wobei sie, absor- biert durch zu viel „Phantasie und Introspektion“, „eine übermäßige Vorliebe für einzelgängerische Beschäftigungen“30 hegten. Der Januskopf des ‚autistischen Syndroms‘ entspricht dessen zweifacher Entdeckung: Zeitgleich zu Hans Asperger (1906-1980), aber unabhängig von ihm, hat der in die USA exilierte Psychiater Leo Kanner (1896-1981) eine ähnliche Symptomatik an sprachbehinderten Kindern beschrieben, die aller- dings im Vergleich zu den Aspies, wie sie sich inzwischen gern nennen, einen viel niedrigeren Intelligenzquotienten aufwiesen. Kanner begreift das quasi- psychotische „In-sich-gekehrt-Sein“ der „autistic aloneness“ als Form einer Abwehr. Doch im Gegensatz zu Schizophrenen zögen sich Autisten „nicht aus einer Welt zurück, deren Teil sie [vorher] waren“, sondern versuchten, sich „in eine Welt vorzutasten, in der sie von Beginn an völlig Fremde gewesen“31 seien. Der zumindest gewagt anmutende Vergleich autistischer Kinder mit KZ- Häftlingen, insbesondere vom Typus der resignierten, katatonisch erstarrten ‚Muselmänner‘32, die fatalistisch ihren Tod erwarteten, ist bei Bruno Bettel- heim, dessen Familie selbst ein Opfer der Shoah wurde, anamnestisch moti- viert, soll dieses Bild doch auf die unbewussten Vernichtungswünsche egoisti- scher ‚Kühlschrank-Eltern‘ gegenüber ihrem dadurch traumatisierten Nach- wuchs verweisen sowie darauf, dass die Kommunikationsverweigerung der autistischen Psyche insofern allein dem Schutz des ‚nackten Lebens‘ diene. Daher betrachtet Bettelheim die Ritualisierungsmanie dieser „Fremdlinge“33 als ihren Schutzschild. Eine ebenfalls als Abwehrstrategie gefasste mother blame-Theorie vertritt Anfang der 50er Jahre die Psychoanalytikerin Margaret S. Mahler, wenn sie davon ausgeht, dass die für die Individuation notwendige Abtrennung des Selbst von der Mutter, als eine Art ‚zweiter Geburt‘, seitens autistischer Kinder wie eine extrem frustrierende Katastrophe erlebt worden sei. Diesen Thesen von der Defensivfunktion des Autismus setzte die mit der Ichpsychologie konkurrierende objekttheoretische Schule Melanie Kleins des- sen Stellenwert als kreativer Plombe entgegen. Wird das ‚schwarze Loch‘ der ‚verlorenen Brust‘ durch autistische Dingfixierungen gestopft oder durch Ste- reotypik verdrängt, lässt sich Autosensualität leichter als Vorstadium des ‚Au- toerotismus‘ (nach Freud)34 begreifen. Da Autismus zunehmend als ‚Wahrneh- 30 Kumbier et al. (2009), Autismus und autistische Störungen, S. 7. 31 Zit. in ebd., S. 5. 32 Vgl. dazu Giorgio Agamben, Was von Auschwitz bleibt. Das Archiv und der Zeuge, Frank- furt/M., 2003. 33 Bettelheim (1989), Die Geburt des Selbst, S. 64. 34 Denys Ribas, Autismus. Ein Blick über die Mauer aus Schweigen, München, 1995, S. 63-72. AUTOMATISMUS UND AUTISMUS 199 mungsstörung‘ verstanden wurde, die sich in dissoziierten Perzeptionen, d. h. misslingender Synthese (Apperzeption) äußere, postuliert Donald Meltzer im Anschluss an René Spitz, dass sich das ‚desintegrierte Selbst‘ in seiner Unge- borgenheit an den als heimatliches Haus erlebten mütterlichen Leib wie an eine ‚Ausweitung des Ich‘ klammere35, daher auch das Übergewicht räumli- chen Erlebens. Der kleinste gemeinsame Nenner der ‚Diskurse des Autismus‘, die kollek- tivsymbolische Schnittmenge von populären (interdiskursiven) und wissen- schaftlichen (spezialdiskursiven) Mythologemen, ist die traditionsreiche Figur des ‚Sonderlingtums‘36, die auf eine lange literarische Reihe verweist, deren Evolution idealtypisch vom antiken Menschenfeind und vormodernen Narren über empfindsame Käuze und biedermeierliche Hagestolze bis hin zu postmo- dernen Zynikern vom Schlage eines Michel Houllebecq reicht.37 Bei Jean Paul satirische Chiffre für die Aporien idealistischer Subjektspekulation und Inkar- nation des von Hegel verurteilten ‚zerrissenen Bewusstseins‘ der Spätroman- tik, wird der Sonderling, als Emblem moderner Individualisierungsschübe, zu einem zentralen Narrativ des europäischen Realismus (Balzac, Flaubert, Kel- ler, Stifter, Raabe). Im Zuge einer fortschreitenden Erosion der klassisch-ro- mantischen Genie-Ästhetik und einer allmählichen Selbstabschaffung des epi- gonalen Autorsubjekts, etwa auf der Linie des ‚Bartleby-Phänomens‘38, insze- niert der französische Avantgardekünstler Marcel Duchamp die Selbstgeburt einer männlichen ‚Junggesellen-Maschine‘, deren narzisstische Autopoïese in den affirmativen Serialisierungsverfahren postmoderner Pop Art, etwa bei An- dy Warhol, ironisch neutralisiert werden wird. Die doppelte Ökonomie neuerer Autismus-Konzeptionen schreibt sich ein in die normalistische Auflösung normativer Antinomien, deren logischer Sta- tus einer ‚diskreten‘, d. h. exklusiven Binäropposition dem neuen quantifizier- baren Stufenmodell infinitesimaler Übergänge zwischen zwei entgegengesetz- ten Polen weicht und damit auch der Möglichkeit, Merkmale sich einst aus- schließender Gegensätze miteinander zu kombinieren. Besteht das gemeinsa- me Kriterium für die beiden Varianten des low functioning autism und seines Widerparts, des high functioning autism, aus der „qualitative[n] Beeinträchti- gung der sozialen Interaktion und Kommunikation“39, stellen frühkindlicher Autismus als Schwerstbehinderung (nach Kanner) und sein Gegenstück, das häufig mit hoher Sonderbegabung einhergehende und oft überhaupt erst im 35 Donald Meltzer/J. Bremner/S. Hoxter/D. Weddell/I. Wittenberg, Explorations dans le monde de l’autisme, Paris, 1980, S. 41 und S. 212. 36 Vgl. Hermann Meyer, Der Sonderling in der deutschen Dichtung, Frankfurt/M., 1990. 37 Vgl. Runte (2011), Literarische ‚Junggesellen-Maschinen‘. 38 Das auf die Erzählung Bartleby, the Scrivener von Herman Melville zurückgeht, deren (Anti-)Held sich den Anforderungen der Welt mit der stereotypen Formel ‚I would rather not‘ entzieht. Von ihm inspiriert sind Figuren und Konfigurationen bei Gustave Flaubert (Bouvard et Pécuchet), Franz Kafka oder Robert Walser, der die Infragestellung der Autorschaft als solcher am weitesten treibt. 39 Kumbier et al. (2008), Betrachtungen zum Autismus, S. 489. 200 ANNETTE RUNTE Erwachsenenalter auftretende Asperger-Syndrom mithin lediglich idealtypi- sche „,Eckpunkte‘“40 eines Kontinuums von Gradstufen dar. Dementsprechend führt die für 2013 zu erwartende „Neufassung des amerikanischen Klassifika- tionssystems Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, kurz DSM, [...] die Diagnose Autismus nur noch als Spektrum“.41 Wo aber läge die Grenze zwischen Normalem und Krankhaftem, lifestyle und Morbidität? Räumt Sven Bölte, Vorsitzender der „Wissenschaftliche[n] Gesellschaft Autismus-Spektrum“ (WGAS), ein, dass die „kategoriale Diag- nostik mit Problemen behaftet“ bleibt, weil sich Dysfunktionen nicht klar genug von „Normvarianten“42 abhöben, wäre dies wohl nicht allein durch die Differenzierung zwischen „Kernkriterien und begleitende[n] Störungen“43 be- hebbar. Denn Erklärungsnöte gibt es vor allem für jene „zwanghaften Erschei- nungen“44, die zwar oft mit „Sprachabnormitäten“ einhergehen, aber nicht aus ihnen ableitbar sind.45 Ein weiteres Dilemma präsentiert sich mit der in den 1970er Jahren von der Australierin Rosemary Crossley entwickelten Hilfsmethode der facilitated communication (FC). Unterstützt dabei ein Helfer, der sogenannte Stützer, die beeinträchtigte Person, den Nutzer, beim Schreiben, vornehmlich am Compu- ter, indem er ihm durch Berührung des Arms oder der Hand das Tippen auf der Tastatur erleichtert, geht es nicht nur um die Kompensation motorischer Defizite. Dadurch dass der ‚Stützer‘ den ‚Schreiber‘ meist auch emotional va- lidiert, indem er ihn ermutigt oder aufwertet, nährte diese duale Konstellation Zweifel an der Echtheit und Ursprünglichkeit autistischer Autorschaft. Inzwi- schen haben zahlreiche ‚Doppelblind‘-Studien den Verdacht einer möglichen Manipulation des gestützten Schreibakts erhärtet, dadurch dass sie ‚Schrei- bern‘ und ‚Stützern‘ die wechselseitige Kenntnisnahme der ihnen im Test ge- stellten Aufgaben durch visuelle, auditive, örtliche oder zeitliche Barrieren un- möglich machen, um Verzerrungen zu vermeiden46. Weiterhin bleibt prinzi- piell problematisch, dass Autisten am Rechner plötzlich „kognitive Fähigkei- ten“ sowie „Lese- und Schreibkompetenzen“ offenbaren, „für die es sonst kei- 40 Kumbier et al. (2009), Autismus und autistische Störungen, S. 8. 41 Christina Hucklenbroich, „Die Realität nach ‚Rain Man‘“, online unter: http://www.faz.net/ artikel/C30565/autismus-die-realitaet-nach-rain-man-30331112.htlm, zuletzt aufgerufen am 18.09.2011. 42 Sven Bölte, „Symptomatik und Klassifikation“, in: ders. (Hg.), Autismus. Spektrum, Ursa- chen, Diagnostik, Intervention, Perspektiven, Bern, 2009, S. 31-46: 35. 43 Hucklenbroich, „Die Realität“. 44 Rutter (1992), Charakteristische Verhaltensweisen, S. 104. 45 Ebd., S. 293. 46 „,Doppelblindstudien‘, bei denen es FC-Schreibern nur selten gelang, Bilder zu benennen, die ihre Stützer nicht sehen konnten, und in denen in manchen Fällen der unbewusste Einfluss des Stützers auf das im Text geschriebene Wort nachgewiesen werden konnte“ (Rosemary Crossley, Gestützte Kommunikation. Ein Trainingsprogramm, Weinheim, 1997), wurden al- lerdings methodisch wieder infrage gestellt (vgl. Elisabeth Eichel, Gestützte Kommunikation bei Menschen mit autistischer Störung, Dortmund, 1996). AUTOMATISMUS UND AUTISMUS 201 ne Anhaltspunkte gibt“, so dass eine „große Diskrepanz“47 zwischen ihrem mündlichen Redevermögen und ihren schriftlichen Äußerungen, d. h. zwi- schen mangelhafter Ausbildung und performativer Brillanz, besteht. Den Er- klärungen Betroffener, sich selbst alphabetisiert und die Fülle des Wissens dank eines ‚fotografischen Gedächtnisses‘48 durch heimliche Lektüre erlangt zu haben, widersprechen sämtliche Erkenntnisse über den geläufigen „Er- werb“ von „Kulturtechniken“. In der Polemik um die technologisch offenbarte Aufzeichnungskompetenz wird von offizieller Seite geltend gemacht, dass „eine wissenschaftlich fundierte Erklärung der Funktionszusammenhänge“49 noch fehle. Im Falle des damals zwanzigjährigen Birger Sellin, der 1993 durch das Nachrichtenmagazin Der Spiegel zum ‚Autisten-Dichter‘ gekürt und auf eine Stufe mit Hölderlin und Artaud, Ingeborg Bachmann und Werner Schwab gestellt wurde, gelang das Experiment anscheinend auf Anhieb: Was er tippte, verriet sofort, daß er in seinen stummen Jahren auf unerfindliche Weise lesen und schreiben gelernt haben musste: Es waren die Buchstaben des Alphabets in der richtigen Reihenfolge. Kurze Zeit später gab er schon Wörter ein, die assoziativ verbunden waren. Dann brach ein Strom von Gedanken und Gefühlen aus ihm heraus, ,als hätte man eine Quelle angestochen‘. Der „undressierte affenmensch“ und „terrorautist“, wie er sich selbst gern nennt, verfasse „bestürzende Texte in einer ungemein kompakten Sprache, die seine Notschreie in den Rang des Literarischen erhebt. Die deutsche Gegen- wartslyrik kennt nichts dergleichen.“50 Nachdem eine mit Birger Sellin ver- traute Ex-Betreuerin ihm seine Urheberschaft wieder streitig gemacht hatte, weil er nichts anderes als der „verlängerte Arm“ seiner ehrgeizigen und phan- tasievollen Erzeugerin sei51, durfte ein Spiegel-Journalist die Szene des Schrei- bens vor Ort inspizieren, wodurch er zum Eindruck einer harmonischen Team- work zwischen Mutter und Sohn gelangte, wie beim „Tanz eines Paares, dem nicht anzusehen ist, wer [wen] ‚führt‘.“52 47 Susanne Nußbeck, „Umstrittene und alternative Therapien“, in: Sven Bölte (Hg.), Autismus. Spektrum, Ursachen, Diagnostik, Intervention, Perspektiven, Bern, 2009, S. 444-465: 447. 48 So insbesondere Birger Sellin und Dietmar Zöller. Eine eidetische Vorstellungskraft besitzt angeblich Temple Grandin (and Margaret M. Scariano), Emergence. Labeled Autistic. A True Story, New York, Boston, 1996. Vgl. ihr Porträt durch den schriftstellernden Neurologen Oli- ver Sachs, „Eine Anthropologin auf dem Mars“, in: ders., Eine Anthropologin auf dem Mars. Sieben paradoxe Geschichten, 8. Aufl., Reinbek bei Hamburg. 2008, S. 338-408. 49 Nußbeck (2009), Umstrittene und alternative Therapien, S. 447. 50 Zit. in: „Ein steinernes Wesen hält mich gefangen“, in: Der Spiegel, 35 (1993), S. 122- 131: 122. 51 Jürgen Neffe, „Ohne Zusatz Sprache“, in: Der Spiegel, 7 (1994), S. 190-193: 190. 52 Ebd., S. 193. 202 ANNETTE RUNTE 3. Ego Dokumente: Automatismus in ‚Sandwich‘-(Auto-)Biografien Für die Ego Dokumente autistischer Personen darf man von einer weiteren gängigeren Form doppelter Autorschaft ausgehen, da sich in den journalistisch überarbeiteten Selbstzeugnissen populärer Devianz-(Auto-)Biografik, z. B. se- xueller Minderheiten53, zwei subjektive Reden unentwirrbar verquicken, was für die diskursanalytische Untersuchung allerdings kaum ins Gewicht fällt. Denn als subjektübergreifende Aussagesysteme, die spezifische Gegenstands- felder und Vertextungs-Strategien sowie besondere Äußerungspositionen aus- bilden, sind Diskurse – nach Michel Foucault – nicht allein subjektkonstituie- rend, sondern „wirken [...] selbst als Automatismen“54, deren „struktur- bildende Kraft“55 die metaphysische Opposition zwischen autobiografischem Subjekt und autobiografischem Objekt ko(n)textuell unterläuft. Unter diesen Voraussetzungen bezieht sich die hier anvisierte ‚symptomatische Lektüre‘ autistischer Vertextung(en) nicht auf die Rede des Subjekts, wie sie sich etwa im Rahmen der analytischen Kur entfaltet, sondern auf ‚Spuren‘56 interdis- kursiver Redundanzen, Interferenzen, Kollisionen oder Zusammenbrüche. Die seit den 90er Jahren in der westlichen Welt verbreiteten Selbstzeugnis- se von AutistInnen (ca. 60 Publikationen), die stark von den jeweiligen Theo- riemoden beeinflusst sind, variieren formal je nach Literarisierungsgrad, Gat- tungsschema, narrativen und rhetorischen Verfahren, Tonfall und Stil. Einen weiteren Unterschied bildet die Normalisierung der autistischen Privatsprache, die in den Texten Sellins oder der eineiigen Zwillinge Konstantin und Konrad Keulen erhalten bleibt, während sie bei Dietmar Zöller oder Nicole Schuster verschwindet, von Axel Brauns aber ironisch zitiert wird. Ich möchte die (auto-)biografischen Materialien, die übrigens kaum fiktionalisiert werden, vor allem im Hinblick auf den dort präsentierten bzw. inszenierten Zusammen- hang von Stereotypik und Statikbegehren untersuchen. Es lassen sich drei Kategorien von Texten unterscheiden: Während die am Vorbild klassischer Bekenntnisse (Williams, Brauns) ausgerichtete chronolo- gisch aufgebaute ‚Selb[st]erlebenserzählung‘ (Jean Paul) wichtige persön- liche Entwicklungsstationen szenisch-anekdotisch aus der kaum als unzuver- lässig geltenden Erinnerung vergegenwärtigt und gegebenenfalls kritisch kom- mentiert, laufen etliche selbstanalytische Berichte auf einen bloßen Thesenro- man hinaus, in dem theoretisch vorgestellte Facetten des autistischen Syn- 53 Vgl. Annette Runte, Biographische Operationen. Diskurse der Transsexualität, München, 1996. 54 Hannelore Bublitz, „Täuschend natürlich. Zur Dynamik gesellschaftlicher Automatismen, ih- rer Ereignishaftigkeit und strukturbildenden Kraft“, in: dies. et al. (Hg.), Automatismen, Mün- chen, 2010, S. 153-173: 163. 55 Ebd., S. 164. 56 Vgl. zum komplexen epistemologischen Rahmen der ‚Spur‘-Metapher Hartmut Winkler, „Spuren, Bahnen. Drei heterogene Modelle im Hintergrund der Frage nach den Automatis- men“, in Hannelore bublitz et al. (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 39-61. AUTOMATISMUS UND AUTISMUS 203 droms am eigenen Beispiel belegt werden (Grandin, Schuster). Beim dritten Texttyp handelt es sich um autobiografisch motivierte literarische Projekte in Gestalt von Gedichten, lyrischer Prosa oder Kurzessays (Sellin, Zöller, Keu- len). Die Australierin Donna Williams, deren Erinnerungen an eine autistische Kindheit (1991)57 ihr Leiden als Auswirkung mütterlicher Hassliebe versteht, was bei ihr bis zur ‚multiplen Persönlichkeit‘58 geführt hätte, begründet ihr Schreibvermögen mit ihrem Ordnungswahn, der das innere „Chaos“ (S. 67) durch äußere „Garantien“ (S. 121) in Schach halte. Weil sie auch die Ordnung des Alphabets liebte, lernte sie Buchstaben „schnell“ (S. 67), um danach mit Vorliebe Stadtpläne und Telefonbücher zu lesen. Die zehn Jahre später erschienene Autobiografie von Axel Brauns (2002) unter dem Titel Buntschatten und Fledermäuse. Leben in einer anderen Welt59 beginnt mit dem Datum seiner Geburt, das aber nicht – wie in Goethes Dich- tung und Wahrheit – eine günstige astrologische Konstellation symbolisiert, sondern einen esoterisch interpretierten Zufall. Brauns ist nicht nur genau in der Mitte des Jahres geboren, sondern zwischen dem Geburtstag seiner Mutter und seines Bruders.60 Wie Sellin wurde er hypnotisiert durch „einförmige[s] Spielen“61 mit bunten Glaskugeln: „Der beruhigende Klang der Murmeln legte ein Muster in“ seinen „Geist“ (S. 151), aber auch visuelle Ornamente leisten dies: „Ich fing an, das Flechtwerk des Teppichs nachzuzeichnen [...], bis sich ein Muster bildete, das Belohnung in sich selbst fand“ (S. 19). 57 Donna Williams, Ich könnte verschwinden, wenn du mich berührst. Erinnerungen an eine au- tistische Kindheit, Hamburg, 1992. Die Seitenzahlen der Zitate aus dieser Ausgabe sind im Fließtext in Klammern angefügt. 58 Vgl. das u. a. von Hugo von Hofmannsthal für seinen geplanten Andreas-Roman konsultierte psychiatrische Gründungsdokument von Morton Prince, The Dissociation of a Personality. A Biographical Study in Abnormal Psychology, New York, London, Bombay, 1906; zur Dis- kursgeschichte dieser ko-morbiden Pathologie vgl. Ian Hacking, Multiple Persönlichkeit. Zur Geschichte der Seele in der Moderne, München, 1996. Dazu aus kulturwissenschaftlicher Sicht Ursula Link-Heer, „Pastiches und multiple Persönlichkeiten als Kulturmodell an zwei Jahrhundertwenden“, in: Vittoria Borsò/Björn Goldammer (Hg.), Die Moderne(n) der Jahr- hundertwenden, Baden-Baden, 2000, S. 245-259. 59 Axel Brauns, Buntschatten und Fledermäuse. Leben in einer anderen Welt, Hamburg, 2002. Die Seitenzahlen der Zitate sind im Fließtext in Klammern angefügt. 60 Zur Bedeutung der Zahlensymbolik bei Schizophrenie vgl. den auf Französisch schreibenden Amerikaner Louis Wolfson, Le Schizo et les langues, Paris, 1970. In dem Zusammenhang ist es nicht uninteressant, dass der Titel eines autobiografischen Buchs dieses mit seiner Mutter zusammen lebenden Autors ein hochsymbolisch wirkendes Spiel mit Alliterationen um den Signifikanten „mère“ (Mutter) präsentiert, vgl. Louis Wolfson, Ma mère, musicienne, est morte de maladie maligne mardi à minuit au milieu du mois de mai mille977 au mouroir Me- morial à Manhattan, Paris, 1984. 61 Asperger (1961), Heilpädagogik, S. 182. Nach Bölte reift das explorative Spielverhalten nicht zu funktional-symbolischem heran. Vgl. Sven Bölte, „Entwicklung, Verlauf und Prognose“, in: ders. (Hg.), Autismus. Spektrum, Ursachen, Diagnostik, Intervention, Perspektiven, Bern, 2009, S. 75-85: 80. 204 ANNETTE RUNTE Die Stimmen verdunsteten. [...] In mir kehrte Stille ein. Ich verlor den Drang, meine Welt mit anderen zu teilen. Wenn ich etwas sagte, schleppten sich kranke Wörter über meine Zunge. Meine Sätze [...] verkürzten sich. Die Silben ver- dorrten, wurden zu Staub. Meine Sprache verarmte. [...] Ich war mir selbst genug (S. 15 f.). Der Knabe, für den Worte nur „Lippenlärm“ (S. 37), „aber keine Bedeutung“ (S. 27) erzeugten, genoss hingegen sinnlose außermenschliche Geräusche, etwa wenn der „Stahlgriff“ der Kellertür „klackend auf die Zange“ „schnapp- te“ (S. 37). Fühlte er beim plötzlichen Tod seines Vaters keinerlei „Trauer“ (S. 232), begründet er seine Liebesunfähigkeit tautologisch mit seinem „Her- z[en] aus Marmelstein“ (S. 371), dessen lautliche Nähe zur ‚Murmel‘ aufhor- chen lässt. Vermenschlichte Dinge sind vor allem deshalb wichtig, weil sie, wie das Lacan’sche Reale, an ihrem Platz bleiben: Zuhause hatte sich „nichts verändert. Glücklich lächelten mich die vertrauten Wände an“ (S. 51). Hat der Knabe „Mitleid“ mit toten Sachen62, etwa mit einem „schmalen Geräteschup- pen“, der abgerissen wird (S. 54), erträgt er keinerlei Ortsveränderung, z. B. einen Umzug, ähnlich wie der sensible Jüngling in Friedrich Huchs impressio- nistischem Roman Mao (1907), der einer von seinen Eltern aufgegebenen Gründerzeitvilla nachtrauert. „Abermals hieß es, mich von Räumen, die ich lieb gewonnen hatte, zu verabschieden“ (S. 89). „Wehmütig besuchte ich die Ecken und Winkel, die Gänge und [Flure], denen ich in den letzten Jahren mein Herz geliehen hatte. Ich sammelte ein, was ich an Blicken und Bewegun- gen dort gelassen hatte“ (S. 160 f.). Donna Williams verfremdet diese Fixie- rung, indem sie die Wirklichkeit nach Maßgabe der Erinnerung verkennt: „Es war, als wäre das alte Haus jetzt eine Anzahl von Räumen, die ich in dem neu- en Haus nicht mehr finden konnte. Das verwirrte mich“ (S. 26 f.). Nicole Schusters autobiografischer Abriss Ein guter Tag ist ein Tag mit Wirsing. (M)ein Leben in Extremen. Das Asperger-Syndrom aus der Sicht ei- ner Betroffenen (2007) nimmt sich als Sachbuch aus, das stellenweise an Rat- geberliteratur gemahnt, und folgt im Aufbau den wichtigsten „Domänen der beim Autismus vorliegenden Störungsfelder“.63 Die Selbstbeobachtung der Bonner Pharmaziestudentin erfolgt daher bereits aus Expertenperspektive. Un- ter diesen Vorzeichen werden ritualisierte Handlungen für „Abwehrstrategien gegen die ständige Reizüberflutung“ (S. 20) erachtet und z. T. humorvoll aus dem Wunsch nach musealer Unveränderlichkeit abgeleitet: Es war für mich [...] ein Gräuel, etwas an meinen aufgebauten Häusern, Autos oder Schiffen verändern zu müssen, was beim Spielen zwangsläufig passiert wäre. Mein Ordnungsdrang ging so weit, dass meine Eltern auf Zehenspitzen durchs Wohnzimmer staken konnten, um die auf dem Boden aufgereihten Kunst- werke nicht zu zerstören (S. 87). 62 So fragte ein Junge im Sample Leo Kanners, ob es dem Toastbrot weh tue, wenn es geröstet werde. 63 So Kai Vogeley im Vorwort von Schuster (2007), Ein guter Tag, S. 11. Die Seitenzahlen der Zitate sind im Fließtext in Klammern angefügt. AUTOMATISMUS UND AUTISMUS 205 Das „repetitive, stereotype Tun, das auf kein Ziel gerichtet ist“ und keine ab- wechslungsreichen, sondern immer dieselben Abfolgen bilde (S. 253), banne die Furcht vor „Veränderungen“, weil „Gleichförmigkeit“ (S. 250) Halt gebe in einer immer unübersichtlicheren Welt. Birger Sellins Bestseller ich will kein inmich mehr sein. Botschaften aus einem autistischen kerker (1993)64 beruht sozusagen auf einem ‚biographi- schen Pakt‘, den der Herausgeber des Buches, der Journalist Michael Klo- novsky, im Vorwort stellvertretend für den „debile[n] Junge[n]“ schließt, in- dem er den „mit seinen Murmeln rieselnde[n] Verrückte[n]“ zum wahnsinni- gen Dichter nobilitiert. „Das waren aus großer Not geborene Texte [...]. Vieles darin erinnerte mich an Nietzsche, Hölderlin, Artaud oder altnordische Vers- epen. Unmöglich, daß so etwas ein Verrückter geschrieben haben sollte“.65 Erste Gewährsprobe für die literarische Qualität seines ungewöhnlichen Schreibens ist das indes eher expressionistisch anmutende autistenlied in frei- en Rhythmen, in dem ein Militanter den Kampf um soziale Anerkennung psal- modierend aufnimmt: ich dichte erst jetzt ein lied über die freude am sprechen ein lied für stumme autisten zu singen in anstalten und / irrenhäusern nägel in astgabeln sind die instrumente ich singe das lied aus der tiefe der hölle und rufe alle stummen dieser welt [...] taut die eisigen mauern auf / und wehrt euch ausgestoßen zu werden [...] uns soll man hören und einen platz geben wo wir unter euch allen wohnen dürfen / in einem Leben dieser Gesellschaft (S. 7). Ähnlichem Pathos frönt Klaus Manns Bittgesang „Kaspar Hauser singt“ (1925): „Betet – betet für mich, / Für meine arme Seele, / Ihr alten Frauen betet für mich, / [...] / Ihr lieben Knaben, betet für mich, / Für meine trunkene Seele“.66 Den „verirrten Sohn[e]“ als autistischen Waisen präsentieren indes- sen erst die topisch eindeutigeren „Kaspar-Hauser-Legenden“ (1925) eines im Schatten seines Vaters stehenden Schriftstellers: Tiere traten aus Verstecken, Da ich saß so sehr alleine, [...] Hatten Augen, ohne Tiefe, Ohne Grund und still und klar – Und mir war, als wenn mich riefe Meine Mutter, die nur schliefe, Die nur lang verborgen war. – 64 Birger Sellin, ich will kein inmich mehr sein. Botschaften aus einem autistischen kerker, hg. v. Michael Klonovsky, Köln, 1993. Die Seitenzahlen der Zitate sind im Fließtext in Klam- mern angefügt. 65 Michael Klonovsky, „Anstelle einer Einleitung“, in: ebd., S. 9-17: 12 f. 66 Klaus Mann, „Kaspar Hauser singt“, in: Ulrich Struve (Hg.), Der Findling. Kaspar Hauser in der Literatur, Stuttgart, 1992, S. 200. 206 ANNETTE RUNTE Wo die liebe Mutter wohne, Sagt’ mir niemand, den ich frug [...].67 Liegt das „Sensationelle“ an Sellins Texten seinem Herausgeber zufolge darin, dass nicht etwa ein „‚geheilter‘ Autist Rückschau hält, sondern ein nach wie vor im Teufelskreis“ der „Behinderung steckender Mensch“ sich an die Nor- malen richte, entstammten seine „Botschaften“68 dennoch einer ‚fremden‘, wie durch ein ‚Wunder‘ übermittelten Welt. Doch das autistische Universum ver- mittelt sich zunächst über einen äußerst geläufigen Weg, die Teilnahme an in- tertextuellen Prozessen, die die autistische Rede geradezu normalisieren: „mit uns wird eine neue autistengeneration erstehen / wir werden aus den sümpfen des schweigens schreiend wieder zurückkehren“ (S. 193). „Authentizität“69 suggeriert allenfalls der Gebrauch einer ‚Privatsprache‘, die gar nicht so privat erscheint. Neben den für Autisten typischen Merkmalen der Echolalie, Inver- sion, Homonym-Inflation und des Nominalstils zeigt sich bei Sellin ein ausge- prägter Hang zu agrammatikalischen Wortkontaminationen, z. B. „kastenmen- schen“ (S. 173) oder „inwertesystem“ (S. 140), und Neologismen, die durch versubstantivierte Legierungen heterogener sprachlicher Funktionselemente entstehen, wie z. B. „ohnesichwesen“ (S. 209), „keinniemand“ (S. 112), „rest- außermir“ (S. 134), und meist negativistische Züge tragen. Automatismen werden weniger inhaltlich thematisiert denn performativ inszeniert, besonders durch Sprach-Tics, etwa salopp formulierte Wertungen, wie z. B. „eiserner Rilke“ (S. 104), die oftmals, wie in diesem Fall, von Floskeln und Sprüchen des jeweiligen ‚Jugendjargons‘ zehren. In Sellins Textcollagen formiert sich zwar ein relativ homogenes Arsenal identitätsstiftender Kollektivsymbole70 (‚Kerker‘, ‚Insel‘, ‚Rasse‘ usw.), aber es kommt dennoch zu Irritationen zwi- schen Diskursmatrizen, sozusagen hinter dem Rücken des selbst ernannten „beobachter[s] der inneren erlebnisstrukturen“ (S. 180), etwa wie im folgen- den manierierten Nietzsche-Pastiche aus zusammenhanglosen philosophischen Quasi-Zitaten, verkittet durch bürokratische Versatzstücken. werke von nietzsche sind eindrucksvoll / aber auch persönlichkeitserarbeitend / ich meine damit / auch wird seine seinanwendung einfach gegeben / eine entlar- vende analyse unserer essentiellen existenz / unter dem gesichtspunkt einer athe- istischen erkenntnistheorie (S. 18). Sellins zweites Buch, ich deserteur einer artigen autistenrasse. neue botschaf- ten an das volk der oberwelt (1995)71, das ebenfalls aus Gedichten, Tagebuch- 67 Klaus Mann, „Kaspar-Hauser-Legenden“, in: ebd., S. 199 f.: 199. 68 Klonovsky (1993), Anstelle einer Einleitung, S. 16. 69 Ebd., S. 16. 70 Im Sinne von Jürgen Link, Elementare Literatur und generative Diskursanalyse, München, 1983. 71 Birger Sellin, ich deserteur einer artigen autistenrasse. neue botschaften an das volk der oberwelt, hg. v. Michael Klonovsky, Köln, 1995. Die Seitenzahlen der Zitate sind im Fließ- text in Klammern angefügt. AUTOMATISMUS UND AUTISMUS 207 einträgen, Briefen und kurzen Prosastücken besteht, kreist wieder um die au- tistische Problematik eines „weg[s] aus der sprachlosigkeit“ (S. 26) und der damit verbundenen Angst: „uferlos ist unsere welt des wahnsinns / eisig sind die ohnemichwissenden winde / und ein ausweg ist unbekannt“ (07.02.93). Die manieristische Gedankenflucht unterbricht ein selbstreflexiver Gestus, der sich mit poetischen Bildern schmückt. meine gedanken fliegen wie seltsame kraehen durch / mein gehirn / ich kann sie nicht kontrollieren [...] ich spuere wie alle durchlebten autismusphasen wiedererstehen (S. 55) [...] nichts verbindet diese welten miteinander / nur das schreiben (S. 63). Dass autistische (Selbst-)Bildung zuweilen scheitert, spricht sich von selbst aus: „zu kafka sage ich bald was / aber ich denke noch nach“ (S. 131). Vier Tage später heißt es: „kafka ist ass will asopaetrer ijch will raus und komme richtig zurueck“ (S. 132). Zusammenfassend ließe sich sagen, dass Sellins Texte einen Mangel an syntaktischer Komplexität, semantischer Kohärenz und argumentativer Präg- nanz offenbaren, der durch autistische Stereotypien, die den signifikanten Pro- zess zu homogenisieren trachten, nicht wettgemacht zu werden vermag. Die lyrischen Essays der eineiigen Zwillingsbrüder Konstantin und Korne- lius Keulen (Zu Niemandem ein Wort, 2003)72 weisen in eine ähnliche Rich- tung. Konventionelle Verse, wie im Widmungsgedicht in memoriam novalis (KON, S. 252), wo es verlautet: „ich gehe unter den bäumen im park des no- valis / und sehe seine welt [...] und die tiefste innere wahrheit / der einheit von poesie und liebe“ (KOR, S. 241 f.), wechseln ab mit dadaistischen Wortspie- len: „ulkig illert idamarie [...] olga ikkert im graben [...] idamarie ollert kon- kret“ (S. 102). Mithilfe der korrekten Beugung erfundener Verben und mini- maler Lautvarianz (illert-ikkert; illert-ollert) stellt dieser ‚Möchtegern-Lime- rick‘ die Echolalie73 in actu vor. 72 Konstantin und Kornelius Keulen/Simone Kosog, Zu niemandem ein Wort. In der Welt der autistischen Zwillinge Konstantin und Kornelius, München, Zürich, 2003. Die Seitenzahlen der Zitate sind im Fließtext in Klammern angefügt und dem Vornamenskürzel des Autors in Großbuchstaben (KONstantin oder KORnelius) nachgestellt. 73 Die lautliche Echolalie entspräche der bei autistischen Kindern beobachteten Tendenz zur gestisch-mimischen Nachahmung, beides verklammert im Prinzip der Wiederholung. Daher versuchte ein unkonventioneller amerikanischer Psychiater, die Verstummten als Clown, der ihnen einen närrischen Spiegel vorhält, durch Mimikry ihrer sonderbaren Verhaltensweisen aus ihrer Erstarrung zu befreien. Zum Sprechen brachte er sie dadurch allerdings nicht. Vgl. Andreas Lebert, „Howard Buten: Ohne Worte die richtige Sprache finden“, in: Süddeutsche Zeitung. Magazin, 05.07.1991, S. 11-14; Brigitte Jakobeit, „Zu 85 Prozent komisch“, in: Die Zeit, 19.05.1995. 208 ANNETTE RUNTE 4. Wiederholung des ‚Un-Schnitts‘ diesseits des Spiegels Für den Systemtheoretiker Peter Fuchs demonstrieren die autistischen Be- wusstseinsmonaden die „Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation“74, an deren Grundfesten diese „Störung der Zwischenmenschlichlichkeit“75 ja rüt- telt, schon wegen der verunsicherten kommunikativen Erwartungen. Denn Au- tisten wird bekanntlich fehlendes Einfühlungsvermögen samt der Unfähigkeit zum rollentheoretisch fundamentalen imaginären Mechanismus des ‚taking the role of the other‘ (George Herbert Mead) nachgesagt. Dass die „Sonderkom- plexität“76 dieser „tautologische[n] Selbstreferenz“77, als die man Autismus – Niklas Luhmann gemäß – definieren könnte, dysfunktional zu werden droht, weil sie Relevantes nicht von Irrelevantem zu unterscheiden vermag, führt Fuchs mit Jean Piaget darauf zurück, dass die „Zeichen [...] in frühen Phasen der Sprachentwicklung auf einen“ nicht generalisierten „Referenten einge- stellt“78 wurden, was Witz, Anspielung oder Ambiguität von vorneherein aus- schalte. Aber der kognitionspsychologische Ansatz vermag nicht zu erklären, warum sich schreibende Autisten der Metaphorik und z. T. sogar der Ironie bedienen, wenn sie derartige rhetorische Verfahren doch angeblich nicht ver- stehen können. Dieses Paradox soll zum Anlass genommen werden, um die im Rahmen systemtheoretischer Sprach- und Kommunikationskonzeptionen kaum aufzu- lösende Aporie auf der Folie psychoanalytischen Denkens zu beleuchten. Es unterscheidet sich vom ebenfalls differenztheoretisch angelegten Ansatz Luh- manns fundamental dadurch, dass es das (Epi-)Phänomen des Bewusstseins keineswegs als virtuell sprachfreie black box79 betrachtet, sondern als Auswir- kung unbewusster Prozesse, die gemäß Jacques Lacan ‚wie eine Sprache strukturiert‘ sind. Doch Lacans Sprachkonzeption trennt sich entschieden sowohl von den kognitivistischen als auch empiristischen Versionen der Psy- cholinguistik. Ferdinand de Saussures zeichentheoretischen Ansatz radikali- sierend, leitet Lacan Sinneffekte aus dem grundlegend differenziellen Charak- ter des Bedeutungsprozesses ab. Darüber hinaus postuliert er eine Homologie zwischen Sigmund Freuds metapsychologischen Begriffe der ‚Verschiebung‘ und ‚Verdichtung‘ und den rhetorischen Grundfiguren der ‚Metonymie‘ und der ‚Metapher‘, um seine Pointe auf die ‚ent-stellende‘ Funktion der Rede zu legen, die sich symptomatischer Weise stets zugleich maskiert und dadurch 74 Peter Fuchs, Die Umschrift. Zwei kommunikationstheoretische Studien: „japanische Kommu- nikation“ und „Autismus“, Frankfurt/M., 1995, S. 121. 75 Ebd., S. 155. 76 Ebd., S. 156. 77 Ebd., S. 174. 78 Ebd., S. 186. 79 An dieser Stelle kann leider nicht näher auf systemtheoretische Grundbegriffe oder die Theo- rie der ‚doppelten Kontingenz‘ eingegangen werden. AUTOMATISMUS UND AUTISMUS 209 enthüllt80. Obwohl man ‚Subjektivität‘, unter der Voraussetzung eines Bruchs mit metaphysischen bzw. bewusstseinsphilosophischen Prämissen, in kon- struktivistischer wie in dekonstruktiver Hinsicht als Effekt einer signifikanten Praxis zu verstehen vermag,81 macht Lacans Subjekttheorie das ‚sprechende Subjekt‘ zu einem immer schon in der Sprache gespaltenen, trifft er doch die topologisch fundierte Unterscheidung zwischen dem imaginären ‚Ich‘ („moi“) spiegelbildlichen ‚Wieder(v)erkennens‘ und dem symbolischen ‚Subjekt‘ („je“) des Unbewussten. Im Rahmen der Lacan’schen Topologie ist die inso- fern stets durch sprachliche Sinnbildung ‚überdeterminierte‘ Realität alleiniger Effekt differenzieller symbolischer Prozesse, die die konstitutiv imaginäre Realitätswahrnehmung, z. B. phantasmatisch, prägen, während das ‚Reale‘ als Unsagbares (der Körperlichkeit, Sexualität oder Gewalt) deren Grenze bzw. Bedingungsmöglichkeit bildet. Dies führt uns zum gleichfalls ‚transzendenta- len‘ Status von Lacans Konzept der Wiederholung82, das er weder als Kopie noch als Erinnerung oder Übertragung verstanden wissen will, vielmehr – un- ter Bezugnahme auf den Freud’schen Begriff des ‚Wiederholungszwangs‘83 – als Bewegung einer ‚traumatischen Verfehlung‘. Insofern stellt ‚Wiederho- lung‘ für Lacan nicht nur ein psychoanalytisches Grundkonzept84 dar, sondern auch das Apriori einer Ethik des Begehrens85. Im Unterschied zum affirma- tionsphilosophischen Stellenwert des vitalistisch motivierten Wiederholungs- begriffs bei Gilles Deleuze86 wird ‚Wiederholung‘ bei Lacan also eher zum ge- heimen Zentrum einer ‚negativen Anthropologie‘. 80 Vgl. dazu Samuel M. Weber, Rückkehr zu Freud. Jacques Lacans Ent-stellung der Psycho- analyse, Frankfurt/M., Berlin, Wien, 1978. 81 Für den radikalen Konstruktivismus im erkenntnistheoretischen Sinn ließe sich Judith Butler (1990) anführen, die ihn allerdings mit Jacques Derridas Konzept subjektloser ‚Iteration‘ ver- bindet, für die semiologische Variante der Dekonstruktion Julia Kristeva (1974); vgl. Annette Runte, Rhetorik der Geschlechterdifferenz. Von Beauvoir bis Butler. Vorlesungen, Frankfurt/ M. (u. a.), 2010, S. 155-199. 82 Vgl. dazu den äußerst instruktiven und die verschiedenen Konzeptstationen rekonstruierenden Aufsatz von Mladen Dolar, „Automatismen der Wiederholung: Aristoteles, Kierkegaard und Lacan“, in: Bublitz et al. (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 129-153. 83 Sigmund Freud, „Jenseits des Lustprinzips“ [1920], in: Gesammelte Werke, chronologisch geordnet, XIII. Bd., Frankfurt/M., 1999, S. 1-69. 84 Jacques Lacan, Das Seminar. Buch XI. 1964 . Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse, 2. Aufl., Olten, Freiburg i. Br., 1980. 85 Vgl. Elisabeth Strowick, Passagen der Wiederholung. Kierkegaard – Lacan – Freud, Stutt- gart, Weimar, 1999. 86 Vgl. Gilles Deleuze, Differenz und Wiederholung, München, 1989, 6. Aufl., S. 43 und S. 155; von der ‚Differenz an sich selbst‘ ausgehend, postuliert Deleuze, im Anschluss an Nietzsches ‚ewige Wiederkehr‘ (S. 66 und S. 81), dass die ‚Macht zur Bejahung‘ alles bejaht, ausgenom- men das Selbe. Seine Konzeption eines ‚seriellen Unbewussten‘ (S. 142) ergibt sich aus der post-heideggerianischen Grundprämisse, dass das ‚Ereignis‘ vor der Sprache existiere (S. 214). 210 ANNETTE RUNTE Obwohl der frühe Lacan eine Analogie zwischen Sprache, Unbewusstem und Maschine zog87, kritisierte er den funktionalistischen Kommunikationsbe- griff, denn Sprechen sei stets ein ‚Sprechen zum Anderen‘88. Dieser Begriff des ‚Anderen‘ ist ebenso gespalten wie jener des Subjekts, denn Lacan unter- scheidet zwischen dem imaginären ‚anderen‘ (Kleinschreibung) als einer Pro- jektion des Ich, die auf Identifikation bzw. Gegenidentifikation beruht, und dem symbolischen ‚Anderen‘ (Großschreibung) als Inbegriff radikaler Alteri- tät und damit (des ‚väterlichen Gesetzes‘) der Sprache. Wenn sich ‚das‘ Unbe- wusste – Lacan zufolge – auf den Diskurs des Anderen bezieht, läge die Gren- ze der kybernetischen Metaphorik nicht zuletzt darin, dass Maschinen weder ein Imaginäres haben noch dem Prinzip der Zeitlichkeit als Endlichkeit unter- stehen. Insofern kommt das „Primat der Zukunft“, Lacans Heidegger-Tribut gemäß, nur „menschliche[r] Subjektivität“89 zu. Die damit angesprochene Di- mension einer dank des Symbolischen reversiblen ‚logischen Zeit‘, die darauf beruht, „dass ein völlig kontingentes Ereignis zum Gründungsmoment einer Struktur wird, die selbst Züge des Notwendigen“90 annimmt, markiert den „Weg der Subjekte aus der hypnotischen“, d. h. imaginären „Fixierung aufein- ander“91, nach dem Muster von Liebe und Kampf, Opposition oder Ähnlich- keit, ins Labyrinth des Symbolischen. Die gegen den Konstruktivismus gerich- tete ‚Kehre‘ des späten Lacan versteht das Trauma als zufällige Begegnung mit dem Realen, ein Ereignis (tychè), das schon deswegen unglücklich sei, weil es nicht im Symbolischen stattfindet, und das sich nur nachträglich im automaton92, der symbolischen Wiederholung als (unmöglicher) Reparatur, manifestiere.93 Denn die „Unsagbarkeit des Realen“, des Genießens wie des Todes, erweist sich als Bedingung „genuiner Subjektivität“.94 „Jenseits des Automatischen“95 unterhält die Wiederholung, wie Elisabeth Strowick unter Rekurs auf Kierkegaard zeigte, einen Bezug zum Verlust. Wieder geholt wer- den soll ein ‚verlorenes Objekt‘, das das Objekt als solches allererst konstitu- iert, und zwar als Verfehlen. Insofern stellt Wiederholung keine Wiederher- stellung dar, denn das Trauma, das sie fundiert, ist weder reproduzierbar noch repräsentierbar.96 Als „singuläres Ereignis“ bewirkt es eine „regelhafte Struk- 87 Nicolas Langlitz, Die Zeit der Psychoanalyse. Lacan und das Problem der Sitzungsdauer, Frankfurt/M., 2005, S. 161. 88 Ebd., S. 179. 89 Ebd., S. 14. 90 Ebd., S. 51. 91 Ebd., S. 76. 92 Als ‚symbolische‘ ist die Iterativität ein „wesentlicher Bestandteil“ des Zeichenprozesses (Dolar (2010), Automatismen, S. 142), was für Jacques Derrida auf die Selbstdekonstruktion des Sprachlichen hinausläuft. 93 Langlitz (2005), Die Zeit der Psychoanalyse, S. 247f. 94 Ebd., S. 259. 95 Strowick (1999), Passagen der Wiederholung, S. 37. 96 Ebd., S. 261. AUTOMATISMUS UND AUTISMUS 211 tur“.97 So erweist sich der „Wiederholungsautomatismus“ als eine „dem Sym- bolischen inhärente Bewegung der Entwendung.“98 Was bedeuten dann autistische Automatismen hinsichtlich der mit ihnen verbundenen Sprachstörungen, gehen sie doch mit einem Verlangen nach Sta- tik und dem Vorrang des ‚gelebten Raums‘ (Otto Friedrich Bollnow) vor der ‚gelebten Zeit‘ einher? Richard Abibon umschreibt die tautologische Selbstre- ferenz des Autismus, wie es Peter Fuchs systemtheoretisch formulierte, als eine Bewegung, die nicht aufhört, sich nicht zu schreiben, keinen anderen Ge- genstand schaffend als sich selbst.99 Das Objekt sei ‚König‘, aber nur auf Kos- ten des Subjekts. Da es beim Autismus nicht wie in der Psychose um die Ver- werfung des väterlichen Signifikanten, sondern um jene des Spiegels (forclu- sion du miroir) gehe,100 so Abibons These, komme es weder zur imaginären Dialektik der Anerkennung in der Dynamik von Selbst- und Fremdbildern noch zur narzisstischen Besetzung des eigenen Körperbildes.101 Abibon spricht von einer acoupure, einem dysfunktionellen ‚Un-Schnitt‘102 im Realen, der eben keine symbolische Trennung bewirke und deshalb einen troumatisme103, d. h. einen Traumatismus, hervorrufe, dem – in wortspielerischer Anspielung auf ein ‚Loch‘ (trou) – die der tabuisierten Mutter entsprechende Leere des er- habenen Dings korrespondiert. Daher versagt die Sprache, und der Autist kennt, wie ich daraus folgere, weder einen imaginären noch einen symboli- schen Anderen. Daher wird auch die Mutter nicht zum ‚ersten Anderen‘, in- dem sie die Identifikation des Kindes mit dem Spiegelbild symbolisch beglau- bigt und ihm dadurch dazu verhilft, sein Ichideal zu errichten. In seinem Semi- nar über die Angst (1962/1963) betonte Lacan, dass es nicht die Absenz der Mutter, wie die Ichpsychologie glaubt, sondern deren ununterbrochene Prä- senz sei104, die den Angst auslösenden ‚Mangel des Mangels‘ bewirke.105 Daher wäre die autoerotische Fusion mit dem mütterlichen Körper, die eben keine Skansion eines die Zeichengebung anregenden ‚Fort/da‘106 erlaubt, als 97 Hannelore Bublitz, „Einleitung“, in: dies. et al. (Hg.), Das Wuchern der Diskurse. Perspekti- ven der Diskursanalyse Foucaults, Frankfurt/M., New York, 1999, S. 18. 98 Strowick (1999), Passagen der Wiederholung, S. 387. 99 Richard Abibon, De l‘autisme. Topologie du transfert dans l’exercice de la psychanalyse, 2 Bde., Paris, 1999, Bd. I, S. 11. [Übers. von Annette Runte wie alle folgenden Zitate aus die- sem Werk.] 100 Ebd., Bd. I, S. 13. 101 Ebd., Bd. I, S. 124. 102 Ebd., Bd. I, S. 95. 103 Ebd., Bd. I., S. 27. 104 Jacques Lacan, Le Séminaire. Livre X. L’Angoisse. 1962-1963. Texte établi par Jacques-Alain Miller, Paris, 2004, S. 67: „La possibilité de l’absence, c’est ça, la sécurité de la présence. Ce qu’il y a de plus angoissant pour l’enfant, c’est […] quand il n’y a plus de possibilité de man- que, quand la mère est tout le temps sur son dos [...] . Il ne s’agit pas de la perte de l’objet, mais de la présence de ceci, que les objets, ça ne manque pas.“ 105 Ebd., S. 67. 106 Freud beobachtete bekanntlich bei seinem kleinen Enkel, dass er die zeitweilige Abwesenheit seiner Mutter durch ein von ihm erfundenes Spiel mit einer Garnspule kompensierte, die er 212 ANNETTE RUNTE pathogenes Agens zu begreifen, das in den Ego Dokumenten unter den Vor- zeichen einer absoluten inzestuösen Liebe erscheint. So sagt Donna Williams, die sich im Spiegel nicht wiedererkennt und stets das fremde Mädchen hinter dem Rahmen sucht (S. 38), also das Bild mit dem Referenten verwechselt, dass sie „die Gewalttätigkeit“ ihrer Mutter „immer akzeptiert“ (S. 57) habe. Autistische Jungen betreiben einen regelrechten Mutterkult, in dem der lächer- lich gemachte Erzeuger nur am Rande auftritt, z. B. in Sellins ‚dunkler Rede‘: „[...] eine richtige irredaseindauerfreude wenn eiserne aus-geflippte mutter wieder da ist“ (1995, S. 146). Demgegenüber wird Vater Dankward als „alles- wissender außergewöhnlicher richter“ (1992, S. 140) ironisch abgewertet, weil seine Erwerbstätigkeit zu den „irreste[n] oberberufe[n]“ der „gesellschaft“ (1992, S. 125) zähle. Schärfstes Indiz für die Spannung dem Dritten gegen- über aber ist die Tatsache, dass der einzige Satz, den der verstummte Junge während vieler Jahre sprach, sich an den Vater, von Beruf Richter, richtete. „Dankward hatte ihm im Scherz“ eine Murmel „weggenommen, woraufhin ihn“ Birger „klar und deutlich aufforderte: ‚Gib mir die Kugel wieder!‘ Dankward Sellin blieb wie vom Donner gerührt [...]. Tagelang bestürmten die Eltern ihren Sohn, er möge noch einmal irgend etwas sagen. Vergebens“.107 Es geht eben nicht um ‚irgend etwas‘. Dietmar Zöllers Bücher werden als ‚Liebeserklärung‘ an seine Mutter be- worben, die ihn nicht nur aufopfernd betreute, sondern ihm heilsame Affekte induziert habe: „Ich war ohne Gefühl, ich spürte keine Liebe [...]. Als ich mei- ne Mutter kannte, wurde vieles besser.“108 Gegen sie, gesteht er sich ein, verlor er den Kampf, denn er vermochte sich ihr „nicht mehr [zu] entziehen“. „Da- mals hatte sie mich so weit aus meinem Käfig gelockt, dass ich nicht mehr zu- rück konnte“ (S. 13). Hält er mit ihr den von Autisten meist gemiedenen „Blickkontakt“ (S. 14), träumt er sogar davon, „Mama geheiratet“ (S. 21) zu haben. Denn sein Vater, dieser „Opa mit der Pfeife“ (S. 69), könne „nicht hel- fen“ (S. 42). „Am liebsten will“ (S. 43) „Mamas Liebling“, der immer ein „Baby“ (S. 87) bleiben möchte, sie für sich „allein haben“ (S. 43). Die in sym- biotischen Bildern ertränkten inzestuösen Wünsche, von denen man sich fra- gen kann, wer es ist, der sie (sich) vorstellt, sprechen gegen die These des au- tistischen Verharrens im Realen. Hier wird die Mutterfigur zum ‚Stützphantas- ma‘, weil sie den Anspruch auf Geliebtwerden erfüllt: „Ich weiß, dass ich ge- liebt werde, auch wenn Mama weit weg ist“ (S. 147). „Ich muß leben, weil ich mal verschwinden, mal auftauchen ließ, was der Säugling mit den differenzbildenden Lauten ‚oh‘ (für ‚fort’) und ‚ah‘ (für ‚da’) begleitete. Nach Hegel ist das ‚Zeichen‘ ja der ‚Tod der Sache‘. 107 Michael Klonovsky, „Birger. Das Verstummen“, in: Birger Sellin, ich will kein inmich mehr sein. Botschaften aus einem autistischen Kerker, hg. v. Michael Klonovsky, Köln, 1993, S. 19-24: 24. 108 Dietmar Zöller, Wenn ich mit euch reden könnte ... Ein autistischer Junge beschreibt sein Le- ben, München, 1992, S. 11. Die Seitenzahlen der Zitate sind im Fließtext in Klammern ange- fügt. AUTOMATISMUS UND AUTISMUS 213 aus Liebe gerettet wurde“ (S. 165). Wähnt der depressive Jüngling, der sich darauf einen Reim macht („Groß ist die Liebe / der Mutter gewesen / Wenn sie mir bliebe, / könnt ich genesen,“ S. 34), dass der Entzug des mütterlichen ‚(Partial-)Objekts‘ bei ihm eine bedrohliche Krise auslösen würde („Wenn ich Mama aufgeben muß, ist alles aus“, S. 51), wünscht er sich, möglichst vor ihr zu sterben (S. 115). Schließlich bemerkt auch er den fatalen Überschuss an mütterlicher „Liebe“: „Ich bekam so viel davon, dass ich etwas abgeben könnte“ (S. 97). Die autistischen Zwillingsbrüder Konrad und Kornelius Keulen verharren noch im Abiturientenalter in einer Mutter-Symbiose, ohne zu Spiegel-Rivalen zu werden. Sie „greifen [...] immer wieder nach“ ihrer Hand und „reiben die Köpfe an ihrer Schulter“ (S. 17). Vom Vater, dem geschiedenen Dritten, leh- nen sie hingegen (Schreib-)Hilfe ab, der Mutter, die bei Klassenarbeiten neben ihnen sitzen muss, um beide nacheinander zu stützen, gestehen sie ihre Pas- sion, so Konrad: „ich liebe dich verhalten mit großer innigkeit“ (S. 27), und Kornelius in sachlicherem Tonfall: „ich liebe die anwesenheit meiner mutter beim schreiben“ (S. 76). Hält Zöller seine Mutter für eine ‚symbolische‘ Stütze109, weil sie lediglich die Funktion einer Prothese habe (S. 82), gibt er zu, dass alle seine Texte – auf imaginärer Ebene – an sie adressiert seien (S. 90). Als Interferenz zweier Reden, die zwischen präödipalen und ödipalen Modi changieren, verweist der (auto-)biografische Diskurs auf die hypnotisierende Macht einer mütterlichen Instanz, die weniger durch Stimme und Blick als durch Berührung operiert. Aufgrund der Identifikation mit dem ‚Un-Schnitt‘, gefangen im leiblichen Genießen der mütterlichen Nichtabsenz, verstummen Autisten und vermeiden den Blickkontakt, immobil oder aber den unmög- lichen Einschnitt endlos wiederholend.110 5. Affekthö(h)l(l)e zwischen Poesie und Wahn In ihrer Proust-Studie von 1994 geht Julia Kristeva beiläufig auf das autisti- sche Phänomen ein, das sich dadurch auszeichne, dem Subjekt keinen Zugang zur Sprache zu ermöglichen, es aber deswegen schutzlos einer Überfülle von Sinneswahrnehmungen auszuliefern.111 Im Rahmen der in Kristevas früher Zeichentheorie112 entwickelten asymmetrischen Wechselbeziehung zwischen dem vorsymbolischen Semiotischen, einer von Materialität und Sensualität be- 109 Dietmar Zöller, Ich gebe nicht auf. Aufzeichnungen und Briefe eines autistischen jungen Mannes, der versucht, sich die Welt zu öffnen, mit 4 farbigen Zeichnungen des Autors, Mün- chen, 2002, S. 39. Die Seitenzahlen der Zitate sind im Fließtext in Klammern angefügt. 110 Abibon (2000), De l’autisme, Bd. II, S. 55 und S. 61. 111 Julia Kristeva, Le temps sensible. Proust et l’expérience littéraire, Paris, 1994, S. 289: „l’autisme [...] consiste en une inaccession du sujet au langage, alors qu’une vie sensorielle souvent complexe demeure sous-jacente à ce mutisme“. 112 Vgl. Julia Kristeva, Die Revolution der poetischen Sprache [1974], Frankfurt/M., 1978. 214 ANNETTE RUNTE stimmten semiologischen Modalität, und dem Symbolischen, der Sphäre der thetischen Prädikats- und Urteilsfunktionen, in die das Archaische jedoch stets wieder einbricht, etwa in literarischen Prozessen113, wären autistische Kinder sozusagen in einem sensoriellen Gehäuse gefangen, in dem es noch keine Symbole gibt.114 Um jene Legierung von Sprache und Sinnlichkeit zu erfassen, die Kristeva bei Marcel Proust oder Colette am Werk sieht, greift sie auf Freuds Unterscheidung zwischen Sach- und Wortvorstellungen zurück und de- konstruiert die ‚Urszene‘ des platonischen Idealismus semiologisch. In der au- tistischen Grotte, wo es keine Ideen-(Ab)Bildung gebe, könne sich das noch nicht als kognitive Erfahrung (expérience cognitive) aufbereitete sinnliche Er- lebnis (expérience sensorielle) zwar synästhetisch materialisieren, sei jedoch kaum in Worte übertragbar.115 Was für Künstler demnach eine sinnliche ‚Höh- le‘ darstellt, von der ihre Kreativität profitiert, ist für Autisten eine ungenieß- bare chaotische ‚Hölle‘, in der sie vor Schrecken erstarren.116 Wenn Autisten das Identitätsbildung und Interaktion miteinander verknüp- fende ,Spiegelstadium‘ gar nicht durchschreiten117, so meine These, dann fehlt ihnen, wofür mangelnde Empathie, Täuschbarkeit (Naivität) und sensorielle Dissoziation („dismantling“) sprächen, nämlich das den ‚zerstückelten Kör- per‘ vereinheitlichende imaginäre Register der Illusion, ein Eindruck, den viel- leicht auch Kafkas Schreiben erweckt. Aufgrund einer verpassten ‚primären Identifikation‘118 vermögen Autisten meines Erachtens nicht einmal in den Ge- nuss der Autoerotik zu gelangen119, woraus sich ihre relative emotionale Indif- ferenz ableitet, mit einer Ausnahme-Phobie, der Furcht vor der Stimme. Räumt Lacan dem Affekt120 im Allgemeinen bloß einen Signalstatus ein, der auf Signifikantes lediglich im indexikalischen Zeigegestus verweise, stellt sich die medientheoretisch interessante Frage, warum Autisten die mündliche Arti- kulation so sehr scheuen und Stimmen, selbst die eigene, verabscheuen. Wenn sich das Subjekt des Unbewussten durch eine Anrufung konstituiert, die nicht imaginär ist, wie bei Louis Althusser, dann vom „Begehren des Anderen her“, zu dessen Objekt es dadurch wird.121 Dieser Andere, dessen Urbild die Mutter- instanz ist, „bringt [...] die symbolische Ordnung erst zum Sprechen [und] ver- 113 Vgl. Runte (2010), Rhetorik und Geschlechterdifferenz, S. 155-177. 114 Kristeva (1994), Le temps sensible, S. 289. 115 Ebd., S. 289. 116 Ebd., S. 290. 117 Dies scheint Dichtung zu erahnen, etwa in Peter Härtlings „Nachricht von Kasper“ (1961): „nur spiegel scheut der kasper sehr, / dort sieht er einen kasper mehr“, in: Struve (1992), Der Findling, S. 252. 118 Worunter Julia Kristeva (Histoires d’amour, Paris, 1983) die Identifikation mit dem (idealen) ‚Vater der Vorzeit‘ bzw. des ‚vereinigten Elternobjekts‘ (nach Heinz Kohut) als Quelle der Ichidealbildung und Sublimation versteht. 119 Lacan (2004), L’Angoisse, S. 57. 120 Marie-Luise Angerer, Vom Begehren nach dem Affekt, Zürich, Berlin, 2007, S. 17, S. 63 und S. 76. 121 Reinhart Meyer-Kalkus, Stimme und Sprechkünste im 20. Jahrhundert, Berlin, 2001, S. 407. AUTOMATISMUS UND AUTISMUS 215 knüpft das Subjekt mit dem Unbewussten.“122 In Peter Härtlings Gedicht „Kas- par Hauser“ heißt es: „Eine Liebste / möchte er, / die seinen Mund / bewohnt / [...] Sprich, bittet er, sprich mich“.123 Lacan zufolge besteht die Leistung des imaginären Ich (moi), welches Autisten meiner Ansicht nach fehlt, darin, „das Bewusstsein vor diesem unaufhörlichen Diskurs des Anderen zu schützen“, d. h. „ihn zum Schweigen zu bringen.“124 Entsprechend tobt der paranoide ‚Präsident Schreber‘125 gegen die akustischen ‚Einsager‘, die Peter Handkes ‚Sprechstück‘ Kaspar 1968 ideologiekritisch als soziale Kontrollinstanzen in- szeniert, mit einem ‚Brüllwunder‘ an, das einen Birger Sellin auch beim Tip- pen stets wieder machtvoll ergreift.126 Geht man mit Kristeva davon aus, dass Autisten weder das ‚Spiegelsta- dium‘ durchlaufen hätten, d. h. die imaginäre Identifikation mit dem Bild des anderen, noch in die sprachliche Ordnung eingetreten wären, könnte man die autistischen, über dingliche Dispositive geschalteten und penibel geregelten Rituale127 als einen Ersatz des Symbolischen ansehen, gleichsam als dessen im Realen verzeichnetes Supplement. Die Verschriftlichung einer papageienhaf- ten Rede, die zwar idiosynkratische Bedeutungen, aber keinen kommunizier- baren Sinn produziert, erfolgt dementsprechend mittels eines mechanischen Mediums, denn Autisten nutzen auch den Rechner als eine ihren Drang nach Automatismen zusätzlich befriedigende Schreibmaschine. Die Rückseite des ‚automatistischen‘ Begehrens, das emphatische Verlangen nach Statik, das auf Lacans Reales verweist als dasjenige, das ‚immer an seinem Platz bleibt‘, ent- spräche der autistischen Sprachlosigkeit. Denn Sprechen findet zwangsläufig in zeitlichen Dimensionen statt.128 Verschiebungs- und Verdichtungstendenzen der autistischen Schrift künden indes von einer Iterativität, die Autismus para- doxerweise als Entfaltung jener Vorvergangenheit menschlicher Subjektivität erscheinen lässt, an deren Gedächtnis er (noch) nicht teilgehabt werden wird. Für autistische Poesie aber könnte gelten, was Kristeva als Differenzqualität zwischen Kunst und Wahn postuliert: Ästhetische Schöpfung setzt voraus, dass man eine affirmierbare oder subvertierbare Position im Symbolischen innehatte, die der Wahn indes nie erreicht. Davon zeugen autistische Texte, weil ihnen jede Auseinandersetzung mit ästhetischen Traditionen fehlt, sei es als Spiel, als Bruch oder gar als Innovation. Insofern ist es sinnlos, Sellin mit dem späten Hölderlin zu vergleichen. Der Anbiederung seines Schreibens an die Nachkriegszeit-Lyrik kommt deren sich hermetisch gerierendes Verdrän- 122 Ebd., S. 413. 123 Härtling (1961), Nachricht von Kasper, S. 252 f. 124 Meyer-Kalkus (2001), Stimme und Sprechkünste, S. 404. 125 Daniel Paul Schreber, Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken, hg. und eingeleitet v. Samuel M. Weber, Frankfurt/M., Berlin, Wien, 1973. 126 Vgl. den Dokumentarfilm (NDR) von Felix Kuballa über Birger Sellin, ausgestrahlt am 03.02.1994. 127 Vgl. auch Tennessee Williams, Die Glasmenagerie, uraufgeführt 1944. 128 Vgl. etwa Paul Ricoeur, Martin Heidegger und Jacques Derrida, dazu Kai van Eikels, Zeitlek- türen. Ansätze zu einer Kybernetik der Erzählung, Würzburg, 2002. 216 ANNETTE RUNTE gen entgegen, insbesondere in den existenzialistisch angehauchten Kaspar Hauser-Gedichten, unter ihnen Walter Höllerers „Gaspard“ (1955): „Chimère o chimère / Wo Land aufglimmt / In den Blaufeldern fliegen / Rispen o Licht / In die Quarzaugen sticht / Die Siege besingen? / [...] Herab vom Turm / [...] Ohnesieg ohnehaß ohneleid / Ohne Zeit.“129 Von Popliteratur und Blogger- Szene aber trennt autistisches Schreiben deren wohl kalkulierte Spontaneität. Der autistische Weg zum Symbolischen, so meine zentrale These, verläuft über das maschinelle Reale unter Umgehung des Imaginären. Ein eindrückli- ches Beispiel dafür wäre auch die autistische Unfähigkeit, das menschliche Gesicht, für Emmanuel Levinas bekanntlich Sitz unhintergehbarer Alterität, wiederzuerkennen. Bei Brauns erscheint ausgerechnet das mütterliche Antlitz wie ein vager Nebel130: „Zwei Augenpfützen glänzten. Über dem Kinn waber- ten Schwaden, von Lippen verwirbelt. Hin und wieder schimmerten im Dunst weiß die Zähne und rot die Zunge“ (S. 104). Wenn Autisten im Unterschied zu Nicht-Autisten eher die Mund- als die Augenpartie ihrer Kommunikations- partner fokussieren, wie empirische Studien belegen, könnte dieser Befund auf ihren permanenten Kampf um mündliche Rede hindeuten. Falls Mädchen ihn leichter gewinnen sollten als Jungen131, wie allenthalben anklingt, ließe sich angesichts dieser Asymmetrie die Hypothese aufstellen, dass sich geschlecht- liche Differenz bereits in der ‚semiotischen‘ Mutter-Kind-Dyade abzeichnet, nämlich als eine andere Form von ‚Zwischenleiblichkeit‘ (Maurice Merleau- Ponty), die, aufgrund einer phänomenologisch plausibilisierbaren Erfahrbar- keit des leiblich Gleichen132, den Zugang zur ‚Muttersprache‘ auf sensualisti- schem Wege beförderte. Autisten, so möchte ich abschließend in gewagter Kürze resümieren, sind ‚Individuen‘, ohne ‚Subjekte‘ zu sein, oder besser: sein zu müssen, was keineswegs hieße, ihnen ihre ‚Menschlichkeit‘ auf ir- gendeine Weise absprechen zu wollen. 129 Walter Höllerer, „Gaspard“, in: Struve (1992), Der Findling, S. 147-149: 147. 130 Vgl. Gilles Deleuze/Félix Guattari, Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II, Berlin, 1992. 131 Dass das autistische Syndrom bei Jungen weitaus häufiger vorkommt als bei Mädchen, wird inzwischen gern biologisch begründet, etwa genetisch oder durch ein pränatal ‚vermännlich- tes‘ Gehirn aufgrund einer hohen Konzentration von fötalem Testosteron, so eine These von Simon Baron-Cohen, dem Leiter des Autismus-Forschungszentrums an der Universität Cam- bridge. Daher rühre etwa die Unfähigkeit zur kognitiven Empathie. Sie ist aber gepaart mit der ausgeprägten Fähigkeit zu emotionaler Einfühlung, was doch eher ‚weiblichen Gehirnen‘ zugeschrieben wird. 132 Vgl. dazu die an den späten Merleau-Ponty sowie Jacques Derrida anschließende Philosophin Luce Irigaray (z. B. Éthique de la différence sexuelle, Paris, 1984), deren gesamtes Werk die abendländische Symmetrisierung der Geschlechter dekonstruiert und für ein Alteritätsdenken plädiert. Eventuell ließen sich damit empirische Befunde der Sozialisationsforschung und Kognitionswissenschaft in Einklang bringen (z. B. Carol Gilligan), insbesondere unter den Vorzeichen einer früher eintretenden und größeren Sprachkompetenz der Mädchen. Diesen weitreichenden Hinweis verdanke ich Hannelore Bublitz. AUTOMATISMUS UND AUTISMUS 217 Literatur Abibon, Richard, De l’autisme. Topologie du transfert dans l’exercice de la Psychana- lyse, 2 Bde., Paris, 1999. Agamben, Giorgio, Was von Auschwitz bleibt. Das Archiv und der Zeuge, Frankfurt/ M., 2003. [Ital. OA 1998.] Angerer, Marie-Luise, Vom Begehren nach dem Affekt, Zürich, Berlin, 2007. Asperger, Hans, Heilpädagogik. Einführung in die Psychopathologie des Kindes für Ärzte, Lehrer, Psychologen, Richter und Fürsorgerinnen, 3., neubearbeitete Aufl., Wien, 1961. Beck, Ulrich, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M., 1986. Bettelheim, Bruno, Die Geburt des Selbst. The Empty Fortress. 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Dazu nimmt er Bezug auf die ‚klassische‘ Reformpädagogik, also auf die Epochenschwelle im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert. Der zweite Schritt thematisiert den Wandel dieser Disziplinartechniken im Kontext der Krise der sogenannten ‚Einschließungsmilieus‘. Dabei spielen vor allem Über- legungen von Deleuze zur Entstehung moderner ‚Kontrollgesellschaften‘ eine Rolle. Der dritte Schritt rückt die spezifische Form der ‚Regierung des Sozia- len‘ in den Blick, die Foucault mit dem Begriff der ‚Gouvernementalität‘ um- reißt. Er macht deutlich, dass die aktuelle Bildungsreform als ‚gouvernementa- le Strategie‘’ gelesen werden kann. Der vierte Schritt rückt eine spezifische pädagogische Kontrollpraxis in den Blick, die im Zuge der Bildungsreform auf wachsende Zustimmung stößt: den ‚Trainingsraum‘. An ihm lässt sich nachvollziehen, wie bestimmte Selbst-Technologien in pädagogischen Feldern zum Zug kommen. Der fünfte Schritt thematisiert schließlich die Inkonsistenz bzw. ‚innere Brüchigkeit‘ gouvernementaler Praktiken. Er geht der Vermu- tung nach, dass solche Praktiken beiläufig oder wider Willen befördern, was ihnen widerstreitet: die Bereitschaft und Fähigkeit zum kritischen Einspruch. 1. Um die aktuellen Umbrüche im Bildungssektor zu erfassen, scheint zunächst ein kurzer Rückblick auf die alten Tage der Reformpädagogik angeraten, jene Zeit also, in der Pädagoginnen und Pädagogen sich anschickten, den rigiden Disziplinarformen des 19. Jahrhunderts den Kampf anzusagen. Wie heute auch, wurde diese Reform unter dem Banner von Freiheit und Fortschritt, Er- neuerung und Lebensnähe angekündigt. Der reformpädagogische Wechsel von der alten Pauk- und Drillschule zu dynamischeren, innengeleiteten Lernfor- men zielte darauf ab, möglichst früh Fremd- in Selbstregulierung zu überfüh- 222 LUDWIG A. PONGRATZ ren: Unterricht wurde zum ,Gemeinschaftsunterricht‘ und die Klasse wurde eine ,Lebens- und Arbeitsgemeinschaft‘ . Zweifellos wurden die Schüler dabei in ihrer Eigenständigkeit mehr als früher ernst genommen – aber nicht zuletzt deshalb, um sie in den institutionell vorgegebenen Rahmen der Schule mit ge- ringeren Reibungsverlusten einbinden zu können. Diesen Wandel von der Drill- zur Reformpädagogik hat Kost einmal bei- spielhaft am Verhältnis des Pädagogen zur Hosentasche des Schülers illus- triert: Kontrollierte die ,alte‘ Pädagogik die Hosentaschen der Schüler darauf hin, ob sie ein sauberes Taschentuch aufwiesen, so lässt die ,neue‘ Pädagogik gerade umgekehrt das darin befindliche Sammelsurium auf den Tisch kehren, um Einblicke ins Schülerleben zu gewinnen und sich die jugendliche Sammel- leidenschaft pädagogisch nutzbar zu machen.1 Mit Michel Foucault lässt sich der Kern der neuen, sanften Disziplinarfor- men knapp zusammenfassen: Stets geht es darum, Sichtbarkeiten und Sagbar- keiten herzustellen. Das subjektive Interesse am Schüler wird unmerklich ver- koppelt mit dem objektiven Interesse des Schulsystems an individueller Kraft- entfaltung und ihrer Reintegration in einen Gesamtzusammenhang, dessen Funktionsprinzipien den Einzelnen verborgen bleiben – gerade weil alles scheinbar offen zutage liegt. Die Lern- und Arbeitssituationen werden reorga- nisiert nach den Prinzipien des ‚Panoptismus‘, wobei das disziplinierende Netzwerk nun nicht mehr über administrative Verfügungen (wie im 19. Jahr- hundert) geknüpft wird, sondern über flexibel gehandhabte Steuerungsmecha- nismen des ‚Schullebens‘. Auf diese Weise gewinnt die sanfte Kontrolle die Gestalt einer – wie Foucault sagt – allgemeinen „politischen Technologie“.2 An der Ringmauer bzw. dem Turm des Bentham’schen ‚Panopticons‘ – also an einer Gefängnisarchitektur – demonstriert Foucault anschaulich die institutionellen Voraussetzungen, unter denen die neuen Disziplinartechniken ihre Wirkung entfalten. Er hätte dazu ebenso gut auf Schulmodelle der Re- formpädagogik zurückgreifen können. Denn auch in ihnen hängen die diszipli- nierenden Effekte des ,Schullebens‘ von einem spezifischen ‚Einschließungs- milieu‘ ab: Von überschaubaren ,Gemeinschaften‘, in denen jeder jederzeit ge- sehen werden kann bzw. jeder sich zeigen und beweisen muss. Der Panoptis- mus braucht einen ‚Rahmen‘, einen ‚Lebenskreis‘ (wie es etwa beim Reform- pädagogen Gaudig heißt), ein spezifisches Milieu: sei es das Mikro-Milieu eines gruppendynamischen Settings, sei es das Milieu einer Familie, einer pä- dagogischen Einrichtung oder eines sozialen Lernfelds. In gewissem Sinn kann man sagen: Im Kreis konzentriert sich faktisch wie symbolisch die sanfte Disziplinartechnik – vom Stuhlkreis bis zum 360-Grad-Feedback, von der 1 Vgl. Franz Kost, Volksschule und Disziplin, Zürich, 1985, S. 109 f. 2 Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt/M., 1976, S. 264. SELBST-TECHNOLOGIEN UND KONTROLLGESELLSCHAFT 223 Morgenrunde bis zum Qualitätszirkel, vom Teamgespräch bis zum runden Tisch.3 2. Was aber geschieht, wenn soziale Milieus in eine Krise geraten, wenn sie sich aufzulösen beginnen? Dass sie nämlich (seit dem letzten Drittel des 20. Jahr- hunderts) in einer Krise sind, pfeifen inzwischen die Spatzen von den Dä- chern. „Wir befinden uns“, schreibt Deleuze, in einer allgemeinen Krise aller Einschließungsmilieus. Eine Reform nach der anderen wird von den zuständigen Ministern für notwendig erklärt: Schulreform, Industriereform, Krankenhausreform, Armeereform, Gefängnisreform. Aber je- der weiß, daß diese Institutionen über kurz oder lang am Ende sind. Es handelt sich nur noch darum, ihre Agonie zu verwalten und die Leute zu beschäftigen, bis die neuen Kräfte, die schon an die Tür klopfen, ihren Platz eingenommen haben. Die Kontrollgesellschaften sind dabei, die Disziplinargesellschaften abzu- lösen.4 Diese Sätze stammen aus dem Jahr 1990. Sie finden sich in einem kurzen, in- zwischen viel zitierten Text von Gilles Deleuze mit dem lapidaren Titel „Post- skriptum über die Kontrollgesellschaften“. In diesem beeindruckenden Text skizziert Deleuze den vor sich gehenden gesellschaftlichen Wandel. Einige seiner Überlegungen seien kurz rekapituliert: Fand die Disziplinargesellschaft (des 19., aber auch des 20. Jahrhunderts) ihren genuinen Ausdruck in Akten der Disziplinierung, Normierung und Normalisierung, so entwickeln die im Entstehen begriffenen Kontrollgesellschaften demgegenüber ein neues Reper- toire von Führungstechniken: ‚Disziplin‘ und ‚Norm‘ garantieren heute längst keine Produktivität mehr; an ihre Stelle treten ‚Flexibilität‘, ‚Motivation‘, ‚Zielvereinbarung‘ oder ‚Selbststeuerung‘. Deleuze thematisiert diesen Wan- del als Übergang von der ‚Fabrik‘ zum ‚Unternehmen‘: „Die Fabrik“, schreibt er, setzte die Individuen zu einem Körper zusammen. [...] Das Unternehmen jedoch verbreitet ständig eine unhintergehbare Rivalität als heilsamen Wetteifer und ausgezeichnete Motivation, die die Individuen zueinander in Gegensatz bringt, jedes von ihnen durchläuft und in sich selbst spaltet.5 In seiner eigenen, prägnanten Bildsprache tastet sich Deleuze an den Unter- schied, um den es ihm geht, heran: „Die Einschließungen sind unterschied- 3 Vgl. Ulrich Bröckling, „Über Feedback. Anatomie einer kommunikativen Schlüsseltechno- logie“, in: Michael Hagner/Erich Hörl (Hg.), Die Transformation des Humanen. Beiträge zur Kulturgeschichte der Kybernetik, Frankfurt/M., 2008, S. 326-347. 4 Gilles Deleuze, „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“, in: ders., Unterhandlungen 1972-1990, Frankfurt/M., 1993, S. 254-262: 255. 5 Ebd., S. 257. 224 LUDWIG A. PONGRATZ liche Formen, Gussformen“, schreibt er, „Kontrollen jedoch sind eine Modula- tion, sie gleichen einer sich selbst verformenden Gussform, die sich von einem Moment zum anderen verändert [...].“6 Das ‚Unternehmen‘ löst jedoch nicht nur die ‚Fabrik‘ ab; es wird zum ver- allgemeinerbaren Modell der neuen Kontrollformen überhaupt. Sie verbinden Freiheit und Herrschaft in der paradoxen Figur „freiwilliger Selbstkontrolle“7. „Familie, Schule, Armee, Fabrik“, schreibt Deleuze, „sind keine unterschiedli- chen analogen Milieus mehr, die auf einen Eigentümer konvergieren, Staat oder private Macht, sondern sind chiffrierte, deformierbare und transformier- bare Figuren ein und desselben Unternehmens, das nur noch Geschäftsführer kennt.“8 Hätte Deleuze den Terminus der ‚Ich-AG‘ bereits gekannt, an diesem Punkt seiner Überlegungen hätte er fallen müssen. Die Grundfiguren des Transfor- mationsprozesses jedenfalls sind weit vorausgesehen – Deleuze formuliert den vorweg genommenen Kommentar zur aktuellen Bildungsreform: Wie „das Unternehmen die Fabrik ablöst, löst die permanente Weiterbildung ten- denziell die Schule ab und die kontinuierliche Kontrolle das Examen. Das ist der sicherste Weg, die Schule dem Unternehmen auszuliefern. In der Diszipli- nargesellschaft hörte man nie auf anzufangen (von der Schule in die Kaserne, von der Kaserne in die Fabrik), während man in den Kontrollgesellschaften nie mit irgendetwas fertig wird.“9 Das ganze Leben wird zur Vorbereitung aufs Leben. Oder anders: Das ganze Leben erscheint als eine einzige, schwankende Modulation. 3. In dieser Perspektive wird verständlich, warum der aktuelle pädagogische Mainstream ein neues Regime propagiert: das Regime des lebenslangen Ler- nens.10 Verständlich wird auch, warum Pädagogik nun zu einer Lebenslauf- wissenschaft11 transformiert werden soll. Das Transformationsprogramm der Pädagogik antwortet in gewissem Sinn auf das, was Deleuze und Foucault als ‚Krise der Einschließungsmilieus‘ diagnostizieren bzw. was – unter sozialpoli- tischem Vorzeichen – derzeit als ‚Krise des Sozialstaats‘ thematisiert wird. Fast haben wir uns schon an die Problematisierung wohlfahrtsstaatlicher Ga- 6 Ebd., S. 256. 7 Vgl. Ludwig A. Pongratz, „Freiwillige Selbstkontrolle“, in: Norbert Ricken/Markus Rieger- Ladich (Hg.), Michel Foucault: Pädagogische Lektüren, Wiesbaden, 2004, S. 243-260. 8 Deleuze (1993), Postskriptum über die Kontrollgesellschaften, S. 260. 9 Ebd., S. 257. 10 Vgl. Ludwig A. Pongratz, „Lebenslanges Lernen“, in: Alfred Schirlbaue/Agnieszka Dzierzbi- cka (Hg.), Pädagogisches Glossar der Gegenwart, Wien, 2006, S. 162-171. 11 Vgl. Dieter Lenzen, „Professionelle Lebensbegleitung. Erziehungswissenschaft auf dem We- ge zur Wissenschaft des Lebenslaufs und der Humanontogenese“, in: Erziehungswissen- schaft, 15 (1997), S. 5-22. SELBST-TECHNOLOGIEN UND KONTROLLGESELLSCHAFT 225 rantien und sozialer Sicherungssysteme gewöhnt; ihre Entwertung gehört in- zwischen zum politischen Alltagsgeschäft. Sie soll die neue Form der ‚Regie- rung des Sozialen‘ plausibler erscheinen lassen, die auf die ‚Krise der Ein- schließungsmilieus‘ zu antworten versucht. „Was macht diese neue Regierungsform aus? Im Zentrum des neuen Regie- rungsmodus“, schreibt Lessenich, steht der tendenzielle Übergang von der öffentlichen zur privaten Sicherheit, vom gesellschaftlichen zum individuellen Risikomanagement, von der Sozial- versicherung zur Eigenverantwortung, von der Staatsversorgung zur Selbstsorge. Ziel dieser veränderten Programmatik ist die sozialpolitische Konstruktion ver- antwortungsbewusster, und das bedeutet: sich selbst wie auch der Gesellschaft gegenüber verantwortlicher, zugleich ‚ökonomischer‘ und ‚moralischer‘ Sub- jekte.12 Kennzeichen des aktuellen Umbruchs sind also nicht nur ökonomische oder soziale Deregulierungsprozesse; Kennzeichen ist auch eine parallel laufende ‚moralische Aufrüstung‘. Denn gefordert wird nicht nur ein ökonomisch kal- kulierendes Selbstverhältnis, sondern der beständige Ausweis von Eigenver- antwortlichkeit, privater Vorsorge und selbsttätiger Prävention. „Untersoziali- sierte, will sagen: arbeitsunwillige, präventionsverweigernde, aktivierungsre- sistente Subjekte verkörpern in diesem Kontext Bedrohungen des Sozialen – ökonomisch, als Investitionsruinen, und moralisch, als Solidaritätsgewinner.“13 Entsprechend wird den Menschen nahegelegt, beständig auf sich selbst zu schauen, zum eigenen Spiegel (oder auch: ‚Beichtspiegel‘) zu werden. Der vervielfachte, permanente, panoptische Blick der anderen wandert gewisser- maßen nach innen. Das neue moralische Subjekt wird zu seinem eigenen Be- obachter, Kontrolleur, Investor. Mit der Verlagerung von Führungskapazitäten von zentralisierenden Instan- zen hin zu ‚selbst-verantwortlichen‘ und ‚selbst-organisierenden‘ Einzelnen kündigt sich ein grundlegender Umbruch der Regierungsformen an: ein Wech- sel von (harten oder sanften) Disziplinarformen zu neuen Formen der ‚Gou- vernementalität‘. Die Überlegungen, mit denen sich der ‚späte‘ Foucault unter diesem Stichwort auseinander setzt, kreisen um ‚Subjektivierungspraktiken‘ der Gegenwartsgesellschaft, Praktiken also, die sich der Individuen bemächti- gen, indem sie sie zu permanenter Selbstprüfung, Selbstartikulation, Selbstde- chiffrierung und Selbstoptimierung anstacheln.14 Sie gehen der Frage nach, wie sich politische Regierungsformen mit spezifischen (Selbst-)Führungstech- niken verbinden; oder anders: wie ‚Regierungslogiken‘ und ‚Subjektivierungs- praktiken‘ miteinander verknüpft sind. Foucault zeigt nun, wie die Restruktu- 12 Stephan Lessenich, „Soziale Subjektivität. Die neue Regierung der Gesellschaft“, in: Mittel- weg 36, 4 (2003), S. 80-93: 86. 13 Ebd., S. 89. 14 Vgl. Ludwig A. Pongratz, „Subjektivität und Gouvernementalität“, in: Benno Hafeneger (Hg.), Subjektdiagnosen, Schwalbach/Ts., 2005, S. 25-38: 28 ff. 226 LUDWIG A. PONGRATZ rierung von Staat und Gesellschaft mehr denn je darauf abzielt, Selbst-Tech- nologien zu erfinden und zu fördern, die an Regierungsziele angekoppelt wer- den können. Im Rahmen neoliberaler Gouvernementalität signalisieren Selbst- bestimmung, Verantwortung und Wahlfreiheit daher „nicht die Grenze des Regierungshandelns, sondern sie sind selbst ein Instrument und Vehikel, um das Verhältnis der Subjekte zu sich selbst und zu den anderen zu verändern.“15 Im Zuge dieser Gewichtsverlagerung gewinnt Pädagogik eine wachsende Bedeutung: Schule und Weiterbildung, Erziehungseinrichtungen und Sozialar- beit werden eingebunden in einen strategischen Komplex, der darauf ab- zweckt, die gesellschaftlichen Verhältnisse auf der Grundlage einer neuen To- pografie des Sozialen zu recodieren. Die Bildungsreform erweist sich in dieser Perspektive als gouvernementale Strategie par excellence.16 So wie aus Lohn- empfängern ‚Arbeitskraftunternehmer‘17 werden sollen, so werden Teilnehmer von Bildungsprozessen umdefiniert zu ‚Selbstmanagern des Wissens‘, zu autopoietischen ‚lernenden Systemen‘, denen vor allem dann Erfolg in Aus- sicht gestellt wird, wenn sie moderne Managementqualitäten an sich selbst entwickeln, also: sich die Produktionsmittel zur Wissensproduktion aneignen (Stichwort: ‚Lernen des Lernens‘ bzw. ‚selbst gesteuertes Lernen‘), sich unter den Zwang zu permanenter Selbststeigerung setzen (‚Selbstoptimierung‘), sich gleichermaßen als Kunde wie als Privatanbieter auf dem Bildungsmarkt be- greifen lernen (‚Selbstmanagement‘), sich permanenten Kontrollen, Prüfver- fahren und Zertifizierungen aussetzen (‚Selbstevaluation‘), mit einem Wort: sich erfolgreich managen lernen. Um dieses Selbstverhältnis erzeugen und systematisch variieren zu können, braucht man ein eigens darauf abgestimm- tes Instrumentarium. Die ‚Trainingsraum-Methode‘ liefert dazu das passende Setting. 4. Selbstverständlich versteht sich die „Trainingsraum-Methode“18 nicht im tradi- tionellen Sinn als ‚Strafform‘. Denn es geht um eine ausgeklügelte Kontroll- technik, die Unterrichtstörungen ausschließen soll. Der ‚Trainingsraum‘ wird vorgestellt als eine Art Laboratorium der Selbst-Transformation oder Selbst- Regierung. Bründel/Simon haben in einer fiktiven Rede eines Schulleiters, der 15 Vgl. Thomas Lemke/Susanne Krasmann/Ulrich Bröckling, „Gouvernementalität, Neolibera- lismus und Selbsttechnologien. Eine Einleitung“, in: Ulrich Bröckling/Susanne Krasmann/ Thomas Lemke (Hg.), Gouvernementalität der Gegenwart, Frankfurt/M., 2000, S. 7-40: 30. 16 Vgl. Pongratz (2004), Freiweillige Selbstkontrolle, S. 253 ff. 17 Vgl. G. Günter Voß/ Hans J. Pongratz, „Der Arbeitskraftunternehmer. Eine neue Grundform der Ware Arbeitskraft?“, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 50, (1998), S. 131-158. 18 Vgl. Heidrun Bründel/Erika Simon, Die Trainingsraum-Methode, Weinheim, Basel, 2003. SELBST-TECHNOLOGIEN UND KONTROLLGESELLSCHAFT 227 die Eltern seiner Schüler über die Einführung des Konzepts informiert, die praktische Umsetzung der Trainingsraum-Methode folgendermaßen erläutert: Regeln sind sehr wichtig für das Zusammenleben, das wissen Sie, liebe Eltern, sehr genau. […] Die Grundregeln unserer Schule lauten: 1. Jeder Schüler, jede Schülerin hat das Recht auf einen guten Unterricht und die Pflicht, diesen störungsfrei zu ermöglichen. 2. Jeder Lehrer, jede Lehrerin hat das Recht auf einen störungsfreien Unterricht und die Pflicht, diesen gut zu gestalten. 3. Rechte und Pflichten von Lehrern und Schülern müssen gewahrt, respektiert und erfüllt werden. […] Kinder müssen, um sich wohl fühlen zu können, das Gefühl haben, dass wir Lehrer uns um sie kümmern und ihnen helfen, die Regeln einzuhalten. Im Klassenraum sieht das so aus: Der Lehrer stellt dem störenden Schüler maximal fünf Fragen. Ganz wichtig bei diesem Vorgehen ist, dass der Schüler die Wahl hat, sich zu entscheiden. Er kann sein Störverhalten ändern, und erst wenn er dies nicht will und/oder nicht tut, dann kommt sein Verhalten der Entscheidung gleich, den Klassenraum zu verlassen.19 Schülerinnen und Schüler, die den Klassenraum verlassen müssen, gehen in einen anderen Raum, wo sie mit Hilfe eines dafür ausgebildeten Lehrers oder einer Lehrerin über ihr Ver- halten nachdenken und einen Plan [‚Rückkehr-Plan‘ genannt; L. P.] erstellen können, wie sie es schaffen, nicht mehr zu stören. Dieser Raum wird Trainings- raum genannt. Es kann vorkommen, dass Kinder sich weigern, in den Trainingsraum zu gehen. In diesem Fall schicken wir das Kind nach Hause und bitten Sie, unmittelbar am nächsten Tag mit Ihrem Kind zu einem Gespräch in die Schule zu kommen. Ihr Kind darf so lange nicht am Schulunterricht teilnehmen, bis wir das Gespräch mit Ihnen geführt haben.“20 Soweit die Erläuterungen für betroffene Eltern. Was aber geschieht nun im Trainingsraum? Die Methode sieht dafür einen minutiösen Ablauf in vierzehn Schritten vor: 01. Anklopfen und Eintreten 02. Begrüßung 03. Übergabe des ‚Laufzettels‘ [den der Lehrer dem aus der Klasse gewiesenen Schüler mit Informationen zu seinem Fehlverhalten mit auf den Weg ge- geben hat; L. P.] 04. Schüler/in setzt sich auf einen freien Platz (je nach Situation) 05. Schüler/in signalisiert Gesprächsbereitschaft 06. Schüler/in schildert seine/ihre Sicht der Störung (erste Störung, zweite Störung) 07. Absichten/Hintergründe erforschen 08. Absicht vom Verhalten trennen 19 Ebd., S. 114 ff. 20 Ebd. 228 LUDWIG A. PONGRATZ 09. Regelverstoß benennen 10. Ideen für das zukünftige Verhalten sammeln lassen 11. Plan schreiben lassen 12. Absprachen treffen über das Einholen der Hausaufgaben und Nacharbeiten des Versäumten 13. Plan kopieren 14. Verabschiedung21 Besonders wichtig sind in diesem Ablauf die Schritte 7 bis 10, vor allem das Trennen von Absicht und Verhalten. Denn sanktioniert wird in erster Linie das Fehlverhalten, nicht die Absicht. „Sehr oft“, schreiben die Verfechter des Konzepts, „ist die Absicht der störenden Schüler im Unterricht nämlich durch- aus honorig, nur das Verhalten, mit dem Schüler versuchen, ihre Absicht in die Tat umzusetzen, ist häufig unangebracht und störend“.22 Das lösungsorien- tierte Vorgehen konzentriert sich daher darauf, eine Selbstmodifikation durch die Entwicklung einer alternativen Verhaltensvorstellung zu erreichen. Im Ge- gensatz zum bloß körperorientierten Drill wird hier die (Selbst-) Wahrnehmung der Schüler angesprochen. Die Verhaltenssteuerung erfolgt also über die Kontrolle der (Selbst-)Wahrnehmung der Schüler bzw. der ge- wünschten zukünftigen Wahrnehmungen. Hinter diesen Überlegungen stecken einige basale Annahmen, etwa: dass unser Handeln immer Wunscherfüllung sei (also dann in Gang gesetzt wird, wenn sich eine Diskrepanz zwischen dem, was wir wahrnehmen, und dem, was wir wahrnehmen möchten, auftut) oder dass unser Verhalten in erster Li- nie von unserer subjektiven Wahrnehmung abhängig sei (und die Kontrolle und Steuerung der Wahrnehmung daher umgekehrt eine individuelle Verhal- tenssteuerung ermögliche). In gewisser Weise transportiert die Trainingsraum- Methode Psychotechniken in den Bereich der Schule, die sich auch im Feld der Unternehmensführung etabliert haben. Diese Anleihen geschehen nicht ohne Grund. Denn die – zumeist indirekt thematisierte – Zielperspektive des gesamten Transformationsprozesses läuft darauf hinaus, den Schüler als eine Art ‚Selbst-Unternehmer‘ zu begreifen (zumindest ihn in dieser Form anzu- sprechen, damit er auf lange Sicht sich selbst so begreifen lernt). Hinter dem Trainingsraum-Konzept taucht also ein spezifisches Sozialverhältnis auf, das gouvernementale Kontroll- und Führungsformen in den Raum der Schule hin- ein projiziert. Um dies zu zeigen, muss man die Vertreter des Konzepts beim Wort und ihr Selbstverständnis unter Kritik nehmen. Ohne Zweifel meinen sie es – wie alle pädagogischen Reformer – gut mit den Menschen. In Frage steht aber, welche unausgesprochenen Prämissen das Programm mittransportiert. Dem eigenen Verständnis nach geht es um Eigen- verantwortung, Respekt, klare Regeln und klare Konsequenzen. Dahinter aber taucht ein Marktmodell des Unterrichtsprozesses auf: Lehrer erscheinen als 21 Ebd., S. 61. 22 Ebd., S. 67. SELBST-TECHNOLOGIEN UND KONTROLLGESELLSCHAFT 229 ‚Anbieter‘ von Lerngelegenheiten; Schüler werden entsprechend als ‚Kunden‘ begriffen, die diese Angebote annehmen oder ablehnen können. Getreu der konstruktivistischen Prämisse, jeder entwerfe nur seine eigene Welt (O-Ton Bründel/Simon: „Realität ist ein subjektives Konstrukt“23), kann kein Lehrer dafür verantwortlich gemacht werden, wenn Schülerinnen oder Schüler sein Lernangebot ablehnen. Dies kann man durchaus als Entlastungsstrategie lesen: „Lehrerinnen und Lehrer“, schreiben Bründel/Simon, “können […] nur ihre eigenen Ziele erreichen. Ob die Schüler und Schülerinnen ihren Wünschen entsprechen, was sie vom Lehrerangebot annehmen oder ablehnen, liegt einzig in deren Verantwortung.“24 Diesem Entlastungsangebot lässt sich ein ‚Belas- tungsgebot‘ zur Seite stellen: Die Verantwortung für das eigene Tun liegt beim Schüler selbst.“ (Ebd., S. 45) Das gilt auch dann, wenn der Unterricht langweilig und frustrierend ist, denn auch dann stünden den Schülern immer noch andere Handlungsmöglichkeiten offen. „Sie müssen nicht zwingend stören.25 Damit ist klar, wo der Hebel anzusetzen ist: bei den Schülern selbst. Sie sollen die Spielregeln eines ‚marktkonformen‘ Verhaltens lernen. Störungen aber bringen die Austauschprozesse im Unterricht durcheinander. Um sie in Ord- nung zu bringen, müssen Schüler vor eine Wahl gestellt werden: ob sie den Regeln folgen wollen oder nicht. Der Entscheidungsprozess verläuft mit apodiktischer Strenge an Hand von fünf Fragen, die jede Lehrerin und jeder Lehrer im Fall von Unterrichtsstörun- gen in ritualisierter Form immer wieder durchgeht: 1. „Was machst du?“ 2. „Wie lautet die Regel?“ 3. „Was geschieht, wenn du gegen die Regel verstößt?“ 4. „Wofür entscheidest du dich?“ 5. „Wenn du wieder störst, was passiert dann?“26 Mit diesem Frage-Ritual wird das den eigenen Nutzen kalkulierende, rational entscheidende Subjekt angerufen. Wer der ersten Anrufung nicht folgt, ist beim zweiten Mal draußen. Der Ausschluss aus dem Marktgeschehen von Lernangeboten und -nachfragen erfolgt ohne Schimpf und Schande, eher sach- lich und cool. Der Störer hat eine Entscheidung gefällt und diese Entscheidung ist zu respektieren. Sie lautet: ‚Ich bin draußen!‘ Er hat sich selbst ausge- schlossen. So jedenfalls lautet die perfide Logik des Programms. Sie folgt dem gleichen Muster individueller Risikoverantwortung, wie wir sie auch aus an- deren Bereichen kennen. „Es herrscht das Universalprinzip ‚selbst schuld‘!: Wer krank wird, hat sich nicht genug um seine Gesundheit gesorgt; wer Opfer 23 Ebd., S. 21. 24 Ebd., S. 41. 25 Ebd., S. 47. 26 Ebd., S. 51. 230 LUDWIG A. PONGRATZ eines Unfalls oder Verbrechens wird, hätte sich mehr um seine Sicherheit kümmern sollen.“27 Diese Logik unterstellt, jeder einzelne müsse und könne sein Leben selbstständig und autonom gestalten. Unterschlagen wird dabei, dass gravierende soziale Probleme, die Schülerinnen und Schüler in den Un- terricht mitbringen, strukturell verursacht sind. Stattdessen trägt die individu- elle Zuschreibung von ‚Verantwortung‘ dazu bei, strukturelle Probleme „zu einem Teil der Selbstzuschreibung des Subjekts“28 zu machen. Jeder Gang in den Trainingsraum wiederholt dieses Muster. Der Trainingsraum selbst wird als ein ‚Reflexionsort‘ konzipiert, in dem die Störer Kosten und Nutzen ihrer Störung gegeneinander stellen können. Es ist in erster Linie kein moralisches, sondern ein ökonomisches Kalkül, das der Eigenverantwortung die Richtung weist: „Schülerinnen und Schüler werden ihr störendes Verhalten erst dann aufgeben“, sagt eine der Grundannahmen des Programms, „wenn sie spüren, dass sie langfristig keinen Gewinn aus ihrem Verhalten erzielen.“29 Man kann den Trainingsraum auch als eine Vorwarnung begreifen. Er si- muliert unter abgestuftem Risiko, was die Störer und Lernverweigerer später erwartet: soziale Exklusion. Dies ist die angeblich freie Wahl, die angeboten wird: drin zu bleiben und sich den Regeln zu fügen – oder ausgeschlossen zu werden und unterzugehen. Es liegt auf der Hand: Diese Alternative ist keine Alternative und die unterstellte Autonomie ist Schein. Die Anonymität sanfter Disziplinierung von ehedem verwandelt sich in die Zumutung rationaler Selbst-Kontrolle, deren Erfolg oder Misserfolg ungeniert offengelegt wird. Die Sanktionsandrohung aber, die stets noch alle pädagogischen Strafen be- gleitete, bleibt erhalten. Sie wird lediglich als ein Mechanismus des Selbst- Ausschlusses inszeniert, der quasi automatisch abläuft und entsprechend ein- geübt wird. Wo der stumme Zwang der Verhältnisse seine Wirkung tut, können sich Pä- dagogen ganz auf die Rolle des Helfers zurückziehen. Sie brauchen, ja sie dür- fen keine Härte oder Gewalt an den Tag legen (denn das besorgt bereits die ‚invisible hand‘ des Marktes). Ihr Handeln soll ruhig, entspannt und vorwurfs- frei30 bleiben. Psychoanalytiker könnten dies womöglich als Rationalisierung des Drohpotenzials verstehen, das im gesamten Verfahren zum Ausdruck kommt. Doch bleibt die unbewusste Dynamik, die dem Trainingsraum-Kon- zept unterliegt, ohne Resonanz. Der heraufziehenden Kontrollgesellschaft kor- respondieren ganz andere theoretische Bezüge: Dass die Trainingsraum-Me- thode auf Wahrnehmungskontrolltheorien Bezug nimmt, ist kein Zufall. In den Blick tritt dabei stets der vereinzelte Einzelne; er gewinnt Kontur durch die Wahlen, die er trifft. Jede dieser Wahlen ist von einem Investitionskalkül be- 27 Ulrich Bröckling, Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt/M., 2007, S. 93 f. 28 Thomas Höhne, „Evaluation als Medium der Exklusion“, in: Susanne Weber/Susanne Maurer (Hg.), Gouvernementalität und Erziehungswissenschaft, Wiesbaden, 2006, S. 197-218: 209. 29 Bründel/Simon (2003), Die Trainingsraum-Methode, S. 35. 30 Vgl. ebd., S. 58. SELBST-TECHNOLOGIEN UND KONTROLLGESELLSCHAFT 231 stimmt; es soll ein Höchstmaß an Zufriedenheit und Nutzen dabei heraus- springen. Es ist der Geist der Humankapital-Theorie, der den Trainingsraum beseelt. „Der Mensch der Humankapitaltheorie ist vor allem ein Mensch, der sich unentwegt entscheidet.“31 Entsprechend stellt die Trainingsraum-Methode die Schüler permanent vor Entscheidungssituationen: in der Klasse bleiben oder aus ihr verwiesen werden, einen Rückkehrplan entwerfen oder die Schule verlassen; mit dem Lehrer über die Rückkehr verhandeln oder draußen bleiben. Die explizite Form sozialer Bezugnahme ist im Rahmen dieses Arrange- ments der Kontrakt. Alle schließen mit allen Vereinbarungen: Schulleitungen mit Eltern, Lehrer mit Schülern, Eltern mit Kindern und Lehrer mit Schullei- tungen. Handeln bedeutet in dieser Perspektive vor allem: aushandeln. Der Kontraktualismus32, das Regime des Vertrags, bildet ein Kernstück der Trai- ningsraum-Methode. Mündigkeit ist definiert als Vertragsfähigkeit. Die hegemoniale Macht des neuen Kontraktualismus zeigt sich nicht zuletzt daran, dass die Kompetenz, Vereinbarungen zu treffen und sie vor allem einzu- halten, in nahezu allen Lehrplänen als Erziehungsziel verankert und das pädago- gische Personal geschult ist, entsprechende Lerngelegenheiten zu schaffen.33 Über die Einhaltung der Verträge wacht der Lehrer. Ihm wird als Einzigem eine Doppelfunktion zugestanden: Er ist nicht nur Anbieter auf dem Markt von Lerngelegenheiten, sondern hat zugleich die Funktion der ‚Regulierungs- behörde‘. Er achtet darauf, dass die neuen sozialen Verkehrsregeln auch ein- gehalten werden. In dieser Funktion ist er unangreifbar. Es obliegt seiner Ent- scheidung, einen Schüler aus der Klasse zu schicken oder ihn zurückkehren zu lassen – auch wenn das theoretische Modell ständig suggeriert, dies liege allein im Ermessen des betroffenen Schülers. Es gibt auch keine Möglichkeit, das gesamte Arrangement in Frage zu stellen. Verfechter des Programms er- klären definitiv: Über die (drei) Grundregeln des Konzepts „kann nicht abge- stimmt werden, da es keine Alternative dazu gibt.“34 An dieser dogmatischen Setzung wird die Kehrseite des Kontraktualismus erkennbar. Der Form nach handelt es sich bei dem Vertrag, den Lehrer und Schüler bei der Rückkehr aus dem Trainingsraum aushandeln, um gleiche Vertragspartner. Faktisch aber ist der Lehrer mit einer ungleich größeren Macht ausgestattet, über die es nichts zu verhandeln gibt. (Der Fall, dass Schü- ler einen Lehrer in den Trainingsraum schicken, ist schlicht nicht vorgesehen und würde das Konzept aus den Angeln heben.) Die formale Gleichheit der Kontraktparteien dient dem gegenteiligen Zweck: Sie „verfestigt und legiti- 31 Bröckling (2007), Das unternehmerische Selbst, S. 88. 32 Vgl. Agnieszka Dzierzbicka, Vereinbaren statt anordnen. Neoliberale Gouvernementalität macht Schule, Wien, 2005. 33 Bröckling (2007), Das unternehmerische Selbst, S. 145. 34 Stefan Balke/André Hogenkamp, „Drei Regeln reichen aus. Soziales Verhalten kann trainiert werden“, in: Friedrich Jahresheft, (2000), S. 82-85: 82. 232 LUDWIG A. PONGRATZ miert ihre soziale Ungleichheit.“35 Hinter der Fassade autonomer Selbst-Regu- lierung dauert die Fremdbestimmung fort.36 5. Gleichwohl schützt nichts davor, dass dies gespürt und schließlich zu Be- wusstsein gebracht werden kann. Zwar richtete sich der Fokus der bisherigen Überlegungen auf die disziplinierenden Effekte aktueller Kontrollstrategien. Doch kann man andererseits vermuten, dass pädagogische Selbst-Technolo- gien (für die der ‚Trainingsraum‘ nur ein Beispiel darstellt) beiläufig oder wider Willen befördern, was der Kontrollabsicht widerstreitet: nämlich die Bereitschaft und Fähigkeit zum kritischen Einspruch. Denn gouvernementale Strategien sind stets darauf angewiesen, neue Spielräume der Selbstsetzung, neue Subjektivierungspraktiken nicht nur zuzulassen, sondern geradezu einzu- fordern. Sie setzen auf die aktive, selbst gewählte und gewollte Integration der Individuen in strategische organisierte Kontexte. Daher müssen sie permanent Reflexionsprozesse in Gang setzen – und insofern Freiheitsspielräume eröff- nen und dazu auffordern, sich ihrer zu bedienen. In gewisser Weise enthalten also alle gouvernementalen Strategien eine ‚Sollbruchstelle‘, ein notwendiges Moment von Differenz, an dem sich die Kritik entzünden kann.37 Ein kurzer Seitenblick auf innovative Produktionssektoren der Industrie, vor allem auf das Feld der informatisierten Erwerbsarbeit, unterstreicht diese 35 Bröckling (2007), Das unternehmerische Selbst, S. 148. 36 Vgl Kerstin Rabenstein/Sabine Reh, „Die pädagogische Normalisierung der ‚selbstständigen Schülerin‘ und die Pathologisierung der ‚Unaufmerksamen‘. Eine diskursanalytische Skizze“, in: Johannes Bilstein/Jutta Ecarius (Hg.), Standardisierung – Kanonisierung. Erziehungswis- senschaftlicher Reflexionen, Wiesbaden, 2008, S. 159-180. Rabenstein und Reh zeigen im Rahmen einer diskurstheoretischen Analyse, wie die Anrufung des ‚selbst-unternehmerischen Schülers‘ zugleich den Blick der Lehrenden codiert: Während früher der ‚aggressive Schü- ler‘, der die Ordnung im Schulraum störte, im Mittelpunkt stand, ist es heute der ‚unaufmerk- same Schüler‘, derjenige also, dem die Voraussetzungen für eine ‚selbst-sorgende‘, ‚selbst- unternehmerische‘ Haltung fehlen. Von daher lässt sich die Hausse des ADS/ADHS-Diskur- ses verstehen. 37 Das ‚Moment von Differenz‘ verweist auf eine ‚Abgründigkeit‘, einen ‚Riss‘ im Subjekt, den das ‚unternehmerische Selbst‘ nur überspielen, nicht aber schließen kann (vgl. hierzu Alfred Schäfer, Das Pädagogische und die Pädagogik. Annäherungen an eine Differenz, Paderborn, 2012, S. 69 ff.). Mit der Figur des ‚unternehmerischen Selbst‘ wird stets ein imaginäres Ich aufgerufen: eine soziale Identität, die ihre Einheit durch die Identifikation mit einem imaginä- ren Bild findet. Hinter dieser Identifikation aber bleibt die Zerrissenheit des Subjekts wirk- sam, die sich nur in der (sozial erwarteten und akzeptierten) Verkennung als Einheit vorstel- len kann. Es ist diese Zerrissenheit des Subjekts, die die Pädagogik permanent aufstört und daran hindert, im beanspruchten Ideal des souveränen Selbst-Unternehmers zur Ruhe zu kom- men. Stattdessen erweist sich das ‚unternehmerische Selbst‘ als Fiktion, die einen unmögli- chen Anspruch mittransportiert: Erst diese „Verkennung erlaubt die normative Erwartung ei- ner Selbstführung, die gerade dadurch ruinös werden kann, dass (das Individuum) zum legiti- men Adressaten ‚unmöglicher‘ Erwartungen wird.“ Ebd., S. 97. SELBST-TECHNOLOGIEN UND KONTROLLGESELLSCHAFT 233 Vermutung.38 Wenn dort von ‚managementality‘, ‚employability‘ oder ‚entre- preneurship‘ die Rede ist, dann finden sich unter diesen Schlagwörtern beson- dere Subjektivierungspraktiken gebündelt, ohne die die neuen Produktionsan- forderungen ins Leere liefen. Denn für die neuen, ‚subjektivierten Arbeitsfor- men‘ erweist sich (im Gegensatz zu früheren Produktionskonzepten) Subjekti- vierung nicht als Hindernis einer reibungslosen Produktion, sondern als Pro- duktionsbedingung. Informationstechnisch gesteuerte Produktionsketten er- zeugen einen prinzipiellen Subjektivitätsbedarf. Sie erzwingen eine subjektive Verständigung über die Sinnstrukturen des Produktionsprozesses. Wer es an Reflexivität, an „Initiative, Anpassungsfähigkeit, Dynamik, Mobilität und Fle- xibilität fehlen lässt, zeigt objektiv seine […] Unfähigkeit, ein freies […] Sub- jekt zu sein.“39 Entsprechend haben Unternehmensleitungen ein verständliches Interesse daran, die geforderte Reflexivität sowohl einzufordern, wie auch auf betriebliche Rationalisierungsziele einzuschränken. Doch lässt sich diese Selbstbegrenzung nicht mehr einfach dekretieren. Daher arbeiten moderne Unternehmen mit ‚weichen‘ Führungsformen, mit Animation oder Suggestion, kurz: mit einer „eingeflüsterten Emanzipation“40. Sie rücken den Individuen so weit auf den Leib, bis sich das Netzwerk von Ein- und Ansprüchen verdun- kelt. Ihr Ziel aber lässt sich klar dechiffrieren: nämlich Fremd- in Selbststeue- rung zu überführen, die Menschen dazu anzuhalten, ihre ‚inneren Betriebsab- läufe‘ zu optimieren, ihr eigener Qualitätsmanager zu werden – also nicht nur ‚Entrepreneur‘ sondern ‚Intrapreneur‘. Doch lässt sich das reflexive Moment des Arbeitsprozesses nicht wie ein Geist in der Flasche unter Verschluss halten. Die neue Unternehmensführung bringt ihre eigenen Diskontinuitäten immer wieder selbst hervor: die Möglich- keit zur kritischen Bezugnahme auf die eigenen Voraussetzungen und Haltun- gen, die Möglichkeit zur Selbstdistanzierung, zur Selbstsetzung. In der Weise, wie die technologische Gesellschaft selbstreflexiv werden muss, bringt sie auch das Mittel hervor, um zum Gesamtzusammenhang auf Distanz zu gehen.41 So jedenfalls lautet die Quintessenz des Bildungstheoretikers Hey- dorn: Die ‚Gefahr‘ wächst objektiv, dass – wie er schreibt – das Subjekt „aus der Summe seiner Funktionen hervortritt und sie auf sich selber bezieht.“42 Diese Möglichkeit irritiert nicht nur innovative Produktionssektoren. Sie bestimmt nicht minder ein Berufsfeld, in dem Subjektivierungspraktiken – also: Fragen der Selbst- und Fremdführung, der Selbstartikulation und –steige- 38 Vgl. Jörg Schroeder, Emanzipation durch informatisierte Erwerbsarbeit? Magisterarbeit TU Darmstadt, Institut für Allgemeine Pädagogik u. Berufspädagogik, Darmstadt, 2002. 39 Lemke/Krasmann/Bröckling (2000), Gouvernementalität, S. 30. 40 Wolfgang Fach, „Staatskörperkultur. Ein Traktat über den ‚schlanken Staat‘“’, in: Ulrich Bröckling/Susanne Krasmann/Thomas Lemke (Hg.), Gouvernementalität der Gegenwart, Frankfurt/M., 2000, S. 110-130: 121. 41 Vgl. Ludwig A. Pongratz, Zeitgeistsurfer. Beiträge zur Kritik der Erwachsenenbildung, Weinheim, 2003, S. 23. 42 Heinz-Joachim Heydorn, „Überleben durch Bildung. Umriss einer Aussicht“, in: ders., Bil- dungstheoretische Schriften, Bd. 3, Frankfurt/M., 1980, S. 282-301: 290. 234 LUDWIG A. PONGRATZ rung, kurz: der Bildung – den Kern des beruflichen Selbstverständnisses und Alltagshandelns ausmachen. Es kann so gesehen nicht verwundern, dass die Etablierung gouvernementaler Strategien vor allem über das Bildungssystem bewerkstelligt werden soll. Noch weniger aber kann verwundern, dass die Wi- dersprüche dieses Implementationsprozesses im Bildungssystem deutlich zu Buche schlagen. Wir werden uns daher auch in Zukunft auf anhaltende Beun- ruhigungen einstellen müssen. Literatur Balke, Stefan/Hogenkamp, André, „Drei Regeln reichen aus. Soziales Verhalten kann trainiert werden“, in: Friedrich Jahresheft, (2000), S. 82-85. Bröckling, Ulrich, Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungs- form, Frankfurt/M., 2007. Ders., „Über Feedback. Anatomie einer kommunikativen Schlüsseltechnologie“, in: Michael Hagner/Erich Hörl (Hg.), Die Transformation des Humanen. Beiträge zur Kulturgeschichte der Kybernetik, Frankfurt/M., 2008, S. 326-347. Bründel, Heidrun/Simon, Erika, Die Trainingsraum-Methode, Weinheim, Basel, 2003. Deleuze, Gilles, „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“, in: ders., Unter- handlungen 1972-1990, Frankfurt/M., 1993, S. 254-262. Dzierzbicka, Agnieszka, Vereinbaren statt anordnen. Neoliberale Gouvernementalität macht Schule, Wien, 2005. Fach, Wolfgang, „Staatskörperkultur. Ein Traktat über den ‚schlanken Staat‘“’, in: Ulrich Bröckling/Susanne Krasmann/Thomas Lemke (Hg.), Gouvernementalität der Gegenwart, Frankfurt/M., 2000, S. 110-130. Foucault, Michel, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt/M., 1976. Heydorn, Heinz-Joachim, „Überleben durch Bildung. Umriss einer Aussicht“, in: ders., Bildungstheoretische Schriften, Bd. 3, Frankfurt/M., 1980, S. 282-301. Höhne, Thomas, „Evaluation als Medium der Exklusion“, in: Susanne Weber/Susanne Maurer (Hg.), Gouvernementalität und Erziehungswissenschaft, Wiesbaden, 2006, S. 197-218. Kost, Franz, Volksschule und Disziplin, Zürich, 1985. Lemke, Thomas/Krasmann, Susanne/Bröckling, Ulrich, „Gouvernementalität, Neo- liberalismus und Selbsttechnologien. Eine Einleitung“, in: Ulrich Bröckling/Susanne Krasmann/Thomas Lemke (Hg.), Gouvernementalität der Gegenwart, Frankfurt/M., 2000, S. 7-40. Lenzen, Dieter, „Professionelle Lebensbegleitung. Erziehungswissenschaft auf dem Wege zur Wissenschaft des Lebenslaufs und der Humanontogenese“, in: Er- ziehungswissenschaft, 15 (1997), S. 5-22. Lessenich, Stephan, „Soziale Subjektivität. Die neue Regierung der Gesellschaft“, in: Mittelweg 36, 4 (2003), S. 80-93. Pongratz, Ludwig A., Zeitgeistsurfer. Beiträge zur Kritik der Erwachsenenbildung, Weinheim, 2003. SELBST-TECHNOLOGIEN UND KONTROLLGESELLSCHAFT 235 Ders., „Freiwillige Selbstkontrolle“, in: Norbert Ricken/Markus Rieger-Ladich (Hg.), Michel Foucault: Pädagogische Lektüren, Wiesbaden, 2004, S. 243-260. Ders., „Subjektivität und Gouvernementalität“, in: Benno Hafeneger (Hg.), Subjekt- diagnosen, Schwalbach/Ts., 2005, S. 25-38. Ders., „Lebenslanges Lernen“, in: Alfred Schirlbaue/Agnieszka Dzierzbicka (Hg.), Pä- dagogisches Glossar der Gegenwart, Wien, 2006, S. 162-171. Rabenstein, Kerstin/Reh, Sabine, „Die pädagogische Normalisierung der ‚selbstständi- gen Schülerin‘ und die Pathologisierung der ‚Unaufmerksamen‘. Eine diskursanaly- tische Skizze“, in: Johannes Bilstein/Jutta Ecarius (Hg.), Standardisierung – Kano- nisierung. Erziehungswissenschaftlicher Reflexionen, Wiesbaden, 2008, S. 159-180. Schäfer, Alfred, Das Pädagogische und die Pädagogik. Annäherungen an eine Diffe- renz, Paderborn, 2012. Schroeder, Jörg, Emanzipation durch informatisierte Erwerbsarbeit? Magisterarbeit TU Darmstadt, Institut für Allgemeine Pädagogik u. Berufspädagogik, Darmstadt, 2002. Voß, G. Günter/Pongratz, Hans J., „Der Arbeitskraftunternehmer. Eine neue Grund- form der Ware Arbeitskraft?“, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsy- chologie 50, (1998), S. 131-158. HARTMUT WINKLER ME, MYSELF AND I. BILDSTRECKE ZUM NIEDERGEHENDEN BÜRGERLICHEN INDIVIDUALISMUS 238 HARTMUT WINKLER BILDSTRECKE „ME, MYSELF AND I“ 239 240 HARTMUT WINKLER BILDSTRECKE „ME, MYSELF AND I“ 241 242 HARTMUT WINKLER BILDSTRECKE „ME, MYSELF AND I“ 243 244 HARTMUT WINKLER THESENBAUKASTEN ZUM VERHÄLTNIS VON AUTOMATISMEN UND SELBST-TECHNOLOGIEN TEIL 2 These 3: Das bürgerliche Subjekt konstituiert sich über die Reflexion. Die- se ist eine Selbst-Technologie und funktioniert als eine Art Automatismus. Fragt man nach Selbst-Technologien als den Automatismen, die Subjekte her- vorbringen, stößt man zwangsläufig auf die Philosophie der Aufklärung, die das Subjekt auf eine historisch neue Weise fasst und das idealisierte Selbstbild bürgerlicher Subjektivität ausformuliert. Dem bürgerlichen Subjekt geht ein historisch älteres Subjektkonzept voran, das nach zwei Seiten changiert: Steht für den einen Pol das grammatikalische Subjekt, das mächtig ist, insofern es handelt und die im Satz versammelten Objekte ‚regiert‘;1 so meint der Begriff gleichzeitig – abgeleitet vom lateini- schen subicere (unterwerfen) – den Untertan;2 diese zweite Bedeutung klingt nach, wenn man Personen abwertend als ‚Subjekte‘ bezeichnet.3 Descartes [1596–1650], so könnte man rekonstruieren, schließt an das erste Konzept an; er nimmt das Handlungskonzept auf, das die Grammatik der Satz- bildung zugrunde legt, und er radikalisiert die Spaltung zwischen Subjekt und Objekt, indem er das Subjekt auf eine ‚res cogitans‘ zusammenzieht und den ‚rebus extensae‘, als einer Welt toter und passiver Objekte, gegenüberstellt. Schon in dieser Fassung, als res cogitans, ist das Subjekt über das Bewusstsein bestimmt. Das Bewusstsein wiederum bestimmt sich als Selbstbewusstsein, als Reflexion: Im ‚cogito ergo sum‘ erscheint allein das eigene Denken ge- wiss. Der Zugang zur Welt, zum eigenen Sein („ergo sum“) und dem Sein der Dinge, wird vom Denken abhängig gemacht; und abhängig davon, dass dem denkenden Subjekt das eigene Denken transparent und zweifelsfrei zugänglich ist.4 1 „[Man kann] in der antiken und mittelalterlichen Tradition im wesentlichen drei Bedeutungs- richtungen von Subjekt unterscheiden: 1) ontologisch das S. als Träger von Akzidenzien, Eigen- schaften, Handlungen oder Habitus (vgl. Art. ‚Substanz‘), 2) logisch das S., von dem das Prä- dikat ausgesagt wird, den Satzgegenstand (vgl. Art. ‚Subjekt/ Prädikat‘), und 3) den Gegenstand einer Wissenschaft oder allgemein einer Beschäftigung (im Englischen: subject/matter).“ ([Sub- jekt], in: Joachim Ritter (Hg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 10, Darmstadt, 1992, S. 373-400: 373. [Herv.. H. W.] 2 Der kleine Stowasser. Lateinisch-deutsches Schulwörterbuch, München, 1966, S. 470. 3 Duden. Das Herkunftswörterbuch, Mannheim, 1963, S. 693. 4 Vor allem die Psychoanalyse wird diese Sicht dementieren. Vgl. den Beitrag von Anil K. Jain im vorliegenden Band, S. 148, der zwei Seiten der Psychoanalyse beschreibt: Einerseits die Kränkung des Ichs, andererseits die Psychoanalyse als „den Höhepunkt [im Streben] nach 246 HARTMUT WINKLER, HANNELORE BUBLITZ, KRISTIN WENZEL Was aber ist Reflexion? Reflexion, sagt Ritters Historisches Wörterbuch der Philosophie, (von lat. reflectere, zurückbeugen […]) ist ein Terminus aus der Optik, der erst spät in den philosophischen Sprachgebrauch eingeht als Grundbegriff einer Hauptrichtung der neuzeitlichen Philosophie, die nur im kritischen Rückgang auf die menschliche Geistestätigkeit eine gesicherte Erkenntnis gewährleistet sieht. Durch seine Herkunft bleibt der Begriff später auch häufig mit der Metapher des Spiegels und des Sich-Spiegelns verbunden.5 Die Vorgeschichte des philosophischen Begriffs reicht bis in die Antike zurück, wo sich bei Platon und Aristoteles mit der Rede vom ‚Wissen des Wissens‘, in welchem wir ‚unser Wahrnehmen wahrnehmen und unser Denken denken‘, R. als denkende Zurückwendung auf die geistigen Akte selbst anbahnt. […] Die eigentliche Geschichte des R.-Begriffs beginnt aber erst in der Neuzeit im Zuge der zweifelnden Selbstvergewisserung des Subjekts als einer von der Außenwelt klar unterschiedenen Substanz, wie sie R. Descartes einleitet.6 Wichtig hierbei ist, wie Ritter sagt, „der die Geistesgeschichte durchziehende Gedanke, daß Reflexion eine Preisgabe der Unmittelbarkeit mit sich bringt“;7 dieser „wird zuerst von Félenon geäußert und später bei J.-J. Rousseau zur Auffassung vom Verlust der Unschuld des natürlichen Zustands radikalisiert: ‚l’état de réflexion est contre nature‘.“8 Der Verlust an Unmittelbarkeit verweist auf das Vermittelnde, die Medien. Diese schalten sich in die Reflexion ein und machen der Unmittelbarkeit ein Ende. J. G. Herder [1744-1803] gibt der geschichtsphilosophischen Deutung der Refle- xion durch den Rekurs auf die Sprache größere Bestimmtheit. Diese ist insofern Bedingung der R., als aus dem ‚Ocean von Empfindungen‘ durch ein ‚Merk- wort‘ ein Moment fixiert werden muß, damit der Verstand sich an ihm als einer dem flüchtigen Augenblick überhobenen Abstraktion reflektieren kann. Da die Menschen diesen ‚sprachmässigen‘ Akt der R. nicht je für sich vollziehen, son- dern mit den Worten schon die früher fixierten ‚Zustände der Besonnenheit‘ übernommen werden, erscheint die Geschichte als eine ‚Kette von Gedanken‘, in der ‚jeder Zustand, der durch die R. so verkettet ist, besser denken, mithin auch besser sprechen muss‘. Die Geistesgeschichte stellt sich von hier aus als ein überindividueller Reflexions-Zusammenhang dar.9 Inwiefern aber ist Reflexion ein Automatismus? Ist Reflexion – als Bewusst- sein bzw. bewusste Rückwendung des Denkens auf sich selbst – nicht gerade Emanzipation und Selbstbestimmung [...][;] verspricht sie doch Selbstperfektionierung und Befreiung auch von inneren Zwängen in der (therapeutischen) Reflexion.“ [Erg. H. W.] 5 [Reflexion], in: Joachim Ritter (Hg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 8, Darm- stadt, 1998, S. 396-405: 396. [Herv. H. W.] 6 Ebd. 7 Ebd., S. 396 f. (Reflexion im Original abgekürzt, [Herv.. H. W.]) 8 Ebd., S. 397. 9 Ebd. (Reflexion im Original abgekürzt, [Herv.. H. W.]) THESENBAUKASTEN SELBST-TECHNOLOGIEN 2 247 das Gegenteil? Auffällig ist zunächst, dass Reflexion einen Zirkel, eine Kreis- bewegung beschreibt, die beim Subjekt beginnt und beim Subjekt endet. Der- rida nun hat gezeigt, dass dieser Zirkel keineswegs nur luzide, „zweifelnde Selbstvergewisserung des Subjekts“10 ist, sondern ganz im Gegenteil mit einer spezifischen Verkennung, einer Illusionsbildung verbunden. In dieser Verken- nung, nicht in der zweifelnden Selbstvergewisserung, sieht Derrida den Kern der bürgerlichen Subjektkonstitution, so dass das Beharren auf Luzidität und Zweifel Teil der Illusionsbildung, also eine Deckfigur im psychoanalytischen Sinne wäre, und das Beharren auf Ratio eine Rationalisierung. Derrida zeigt dies am Phonozentrismus, der, wie er sagt, die Geschichte der westlichen Philosophie als ein konstantes Motiv begleitet.11 ‚Phonozentrismus‘ meint, dass die mündliche Sprache als ‚primär‘, und alle anderen Medien als davon abgeleitet, als sekundär und letztlich négligeable angesehen werden. Die Stimme wird favorisiert, weil sie die Illusion einer Unmittelbarkeit, einer Präsenz und Selbstpräsenz des Subjekts im Moment der Äußerung erlaubt. Das Subjekt kann sich als Ursprung, als Quelle der Äußerung halluzinieren; als mächtig gerade dort, wo die Sprache – „da die Menschen diesen ‚sprach- mässigen‘ Akt der Reflexion nicht je für sich vollziehen“12 – als eine gesell- schaftliche Maschinerie und ein notwendig materielles Medium jede individu- elle Macht dementiert. Wo das Subjekt Selbstgewissheit halluziniert, gibt es tatsächlich nur eine materielle Selbstaffektion. Das Subjekt affiziert sich selbst, insofern es sich sprechen hört, ohne dass die Differenz, die Kluft zwischen Innen und Außen ihm schmerzhaft bewusst würde. Auf dem Weg vom Mund zum eigenen Ohr aber – das ist die Pointe bei Derrida – muss die Stimme notwendig den Um- weg durch den Außenraum nehmen; und damit durch die Sphäre des Materiel- len, die die Sphäre der Medien und der Vermittlung ist. Schrift gesteht diese mediale Materialität von vornherein ein, Mündlichkeit kann sie, weil man schwingende Luft nicht sehen kann, leugnen. In ähnlicher Weise argumentiert auch Lacan, wenn er im jubilatorischen Er- lebnis des Kleinkinds vor dem Spiegel die Urszene der Subjektkonstitution sieht.13 Auch hier geht es um Selbstaffektion, insofern der Blick auf den eige- nen Körper fällt; wieder ist die Bewegung zirkulär, insofern sie beim Subjekt beginnt und beim Subjekt endet; wieder geht es um Unmittelbarkeit oder eine Verleugnung der Vermittlung, insofern der Spiegel das ‚unsichtbarste‘ aller Medien ist. Und wieder geht es um eine Verkennung, insofern das Kleinkind jubelt, weil es – folgt man Lacan – sich als vollständiger, ‚mächtiger‘ und sub- jekthafter wahrnimmt, als es die Innenwahrnehmung und seine tatsächliche Körperbeherrschung erlauben. 10 Die Stelle wurde oben zitiert. 11 Jacques Derrida, Die Stimme und das Phänomen, Frankfurt/M., 1979 [Frz. OA 1967.] 12 Auch diese Stelle wurde oben zitiert. 13 Jacques Lacan, „Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktionen“, in: ders., Schriften, Bd. I, 4. durchgesehene Aufl., Berlin, 1996 [frz. OA 1949], S. 61-70. 248 HARTMUT WINKLER, HANNELORE BUBLITZ, KRISTIN WENZEL Derrida und Lacan stehen für den poststrukturalistischen Zweifel, um nicht zu sagen für die Demontage des bürgerlichen Konzepts des Subjekts. Es ist kein Zufall, dass sie die ‚Reflexion‘ in den Mittelpunkt stellen; und gleichzei- tig werten sie sie vollständig um: Nicht Transparenz und Luzidität, sondern die Opazität des Materiellen, nicht zweifelnde Selbstvergewisserung, sondern Illusionsbildung, nicht Ratio, sondern Verkennung. Diese Schemata der Ver- kennung und der Illusionsbildung sind konstitutiv. Das Subjekt, das Ausgangs- und Ankerpunkt war, wird zum Effekt einer Hervorbringung; die zirkuläre Bewegung bekommt etwas Opak-Maschinelles. Am Ende steht das Bild eines Subjekts, das sich in unendlichen Zyklen selbst produziert und sich dabei notwendig verfehlt. Zyklen wie Verkennung schlagen die Brücke zu den Automatismen. Hartmut Winkler These 4: Selbst-Technologien sind Kulturtechniken, mit deren Hilfe das Subjekt auf sich einwirkt. Im Begriff der Reflexion wird die Beziehung des Subjekts zu sich selber zum Fundament gesicherter Erkenntnis. Begründet im Reflexiv Uneinholbaren und Unkontrollierbaren – verselbstständigten Prozessen und Technologien sowie unbewussten Vorgängen der Projek- tion, Übertragung und Wiederholung – erweist sich das Subjekt selbst als der blinde Fleck dieser Reflexion. In seinen Vorlesungen zum „philosophische(n) Diskurs der Moderne“ setzt sich Jürgen Habermas mit den Aporien, den unlösbaren Widersprüchen einer selbstbezüglichen Subjektivität auseinander. Seine Ausführungen, die im Kon- text seiner Kritik der Machttheorie Foucaults stehen, verweisen darauf, dass der Rationalismus des 17. Jahrhunderts eine „ganz andere Ordnung in die Din- ge bringt“14 als das kosmologische Weltbild. Das Fundament dieser neuen Ordnung der Dinge bildet, so Habermas im Anschluss an Foucault, nicht die Mathematisierung der Natur, sondern das System geordneter Zeichen, das nicht mehr in einer vorgängigen Ordnung der Dinge begründet ist, sondern auf dem Weg der Repräsentation eine taxonomische Ordnung erst herstellt. Durch diese Neuordnung kann die Vorstellung des Subjekts mit dem Vorgestellten verknüpft werden: 14 Jürgen Habermas, Der philosophische Diskurs der Moderne. Zwölf Vorlesungen, 3. Aufl., Frankfurt/M., 1986, S. 303. THESENBAUKASTEN SELBST-TECHNOLOGIEN 2 249 Dank seiner Autonomie dient das Zeichen selbstlos der Repräsentation der Din- ge: in ihm treffen sich die Vorstellung des Subjekts mit dem vorgestellten Objekt und bilden, in der Kette der Repräsentation, eine Ordnung.15 Das heißt: Die Ordnung der Dinge wird mit der des vorstellenden und erken- nenden Subjekts koordiniert. Dabei repräsentiert die Sprache sowohl die ‚Na- tur‘ der vorstellenden Subjekte wie die der vorgestellten Dinge; „innere wie äußere Natur werden auf die gleiche Weise klassifiziert, analysiert, kombi- niert“, allerdings, „ohne den Vorgang der Repräsentation selber, die syntheti- sierende Leistung des vorstellenden Subjekts als solche, einbeziehen zu kön- nen“16. Darin liegt die Begrenztheit dieser ‚klassischen‘ Wissensform, wie Foucault verdeutlicht.17 Ein erkenntnistheoretisches Selbstbewusstsein entsteht erst mit der Denk- figur eines zur Selbstpräsentation fähigen Subjekts der Moderne, das sich gleichzeitig als Subjekt und Objekt denken kann. „Mit Kant geht der Begriff der Selbstreflexion in Führung“, und „die Beziehung des vorstellenden Sub- jekts zu sich selber wird zum einzigen Fundament letzter Gewißheiten“18. Da- bei gerät das erkennende Subjekt in einen unlösbaren Widerspruch zwischen empirischer Existenz und transzendentalem Bewusstsein: Der sich im Selbstbewußtsein präsent gewordene Mensch muß die übermensch- liche Aufgabe, eine Ordnung der Dinge herzustellen, in dem Augenblick über- nehmen, als er sich seiner als einer zugleich autonomen und endlichen Existenz bewußt wird.19 Kants Denkfigur des erkennenden Subjekts, ausgestattet mit den transzenden- talen Bedingungen möglicher Erkenntnis, ist konfrontiert mit dem Bewusst- sein seiner eigenen Begrenztheit und damit auch mit der Beschränkung des subjektiven Erkenntnisvermögens. Diese selbstwidersprüchliche Wissensform eines strukturell überforderten Subjekts begründet, so Habermas, „die Fassade eines allgemeingültigen Wissens, hinter der sich die Faktizität des schieren Willens wissender Selbstbemächtigung verbirgt – eines Willens zur bodenlos produktiven Wissenssteigerung, in deren Sog sich Subjektivität und Selbstbe- wußtsein erst bilden“.20 Habermas spricht in diesem Zusammenhang von einer „aporetischen Verdoppelung des selbstbezüglichen Subjekts“, das sich einem Bildungsprozess durch Selbsterkenntnis und Bewusstwerdung unterwirft, dabei aber in seiner „Utopie vollständiger Selbsterkenntnis“21 seine End- lichkeit – und damit seinen Status als Objekt unter anderem – ebenso ‚ver- gisst‘ wie das dem Subjekt Vorgängige, reflexiv Uneinholbare und größten- 15 Ebd., S. 304. [Herv. i. O.] 16 Ebd., S. 304 f. 17 Vgl. Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge, Frankfurt/M., 1971. 18 Habermas (1986), Der philosophische Diskurs der Moderne, S. 306. 19 Ebd., S. 306. 20 Ebd., S. 307. 21 Ebd., S. 309. 250 HARTMUT WINKLER, HANNELORE BUBLITZ, KRISTIN WENZEL teils Unkontrollierbare: Diskurse, Technologien, unbewusste Vorgänge der Schemabildung und Wiederholung, unbewusste Projektions-, Speicherungs- und Übertragungsprozesse. Denn: Selbst-Technologien beziehen sich nicht – nur – auf die Selbstreferenz eines amedial und immateriell gedachten Geistes, auf Vorgänge der Reflexion, sondern auf die Gesamtheit der Kulturtechniken, mit deren Hilfe das Subjekt auf sich einwirkt. Aus dieser Perspektive bildet das Subjekt nicht nur oder dies vielleicht am wenigsten, das Fundament der (Selbst-)Vergewisserung. Vielmehr befindet es sich in fundamentaler Abhän- gigkeit von Normen und Konventionen, von strukturbildenden Automatismen kollektiver Dispositionen und Techniken und Netzwerken verteilter Hand- lungsmacht, deren Element es ist. Darüber hinaus ist es abhängig von unbe- wussten psychischen Prozessen, die, dem Subjekt kaum bewusst zugänglich, auf es einwirken und sein Handeln steuern. In seinem Verhältnis zu den ihm vorgängigen Mächten konstituiert das Subjekt sich selbst als Unterworfenes und zugleich als Handlungsmächtiges. Und auch die Selbstreflexion bewegt sich, als Rückwendung des Subjekts auf sich selbst, im Kontext dieser vorgän- gigen Mächte: der Normen, Diskurse und Technologien, „die regeln, wie man zu erscheinen hat und erscheinen kann und welches Verhältnis man zu sich selbst an den Tag legen sollte“22. Dieser Gestus der Rückwendung, von Butler in Zusammenhang mit Althussers Begriff der ‚Anrufung‘ gebracht, konstitu- iert nach Butler erst das Subjekt.23 Die Beziehung des Subjekts zu sich aber wird, als zyklisch wiederkehrende (Rück-)Wendung des Subjekts auf sich selbst, unbewusst auch von kollektiven Automatismen mit bestimmt, die So- zialität allererst ermöglichen und von Kulturtechniken, die das Subjekt in sei- nem Selbstverhältnis steuern. Schließlich bildet ein Bereich des Selbstbezugs das psychische Geschehen. Freud denkt dessen Funktionsweise als Automatis- mus. Den ‚Schaltplan‘ psychischer Vorgänge bilden medientechnische, opti- sche Apparaturen, die psychoanalytisch quasi als ‚psychischer Apparat‘ ‚abge- bildet‘ werden.24 Dem Modell des ‚psychischen Apparats‘ folgend, bilden fotografische Projektionen und Reflexionen (Spiegelungen) dann einen wich- tigen Anhaltspunkt für die automatische Funktionsweise des Unbewussten. Diese Anordnung demonstriert den blinden Fleck, den das Subjekt für sich selbst darstellt. Er entspricht den Gegebenheiten der Selbstreflexion: Das Sub- jekt kann sich selbst als Objekt nur wahrnehmen, wenn es als Objekt repräsen- tiert und ‚reflektiert‘, das heißt hier: ‚gespiegelt‘ wird. Es ist sich selbst nur 22 Judith Butler, Kritik der ethischen Gewalt, Frankfurt/M., 2003, S. 121; vgl. dazu auch Hanne- lore Bublitz, Diskurs, Bielefeld, 2003, S. 96 und dies., Judith Butler zur Einführung, 3. Aufl., Hamburg, 2010, S. 79 ff. 23 Vgl. Louis Althusser, Ideologische Staatsapparate, Frankfurt/M., 1976; vgl. dazu auch Bub- litz (2010), Judith Butler zur Einführung, S. 84 ff.; vgl. auch Judith Butler, Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung. Frankfurt/M., 2001, S. 11 f; Butler hebt darauf ab, dass die re- flexiven Instanzen des Subjekts, die Althusser bei der Anrufung und der Reaktion des Sub- jekts voraussetzt, ohne näher auf sie einzugehen, eine Wirkung der performativen Kraft der Sprache sind, durch die das Subjekt sich erst bildet. 24 Sigmund Freud, „Die Traumdeutung“, in: ders., Studienausgabe, Bd. II, Frankfurt/M., 1972. THESENBAUKASTEN SELBST-TECHNOLOGIEN 2 251 durch Spiegelung zugänglich. Freuds Konzeption des Unbewussten als inner- psychisch ‚abgebildeter‘ Apparatur kehrt bei Lacan im Modell der ‚Spiegel- prothese‘ und dem in imaginären, reflexionsartigen Anordnungen ‚gefange- nen‘ Subjekt wieder.25 Er geht von der orthopädischen Funktion des Spiegels für die Subjektbildung aus; auch hier ist Reflexion nicht eine amediale Spiege- lung des Bewusstseins, sondern ein Element von Subjektivierung, das immer auf die Materialität von Artefakten und Kulturtechniken angewiesen ist, die ein spezifisches Selbstverhältnis konstituieren. Fassen wir zusammen: Reflexion ist im doppelten Sinne, als Erkenntnisvor- gang und als Spiegelung, eine Selbst-Technologie. Selbst-Ttechnologien sind Kulturtechniken, mit deren Hilfe das Subjekt auf sich einwirkt. Es handelt sich um kollektive Kulturtechniken, Denk- und Wahrnehmungsschemata, um ein System dauerhafter Dispositionen, die, größtenteils jenseits von Bewusstseins- prozessen angesiedelt, gewissermaßen vor Reflexion geschützt sind. Sie funk- tionieren im Sinne von Automatismen, die sich im Wechselspiel zwischen Subjekt, Gesellschaft und Medientechnologien vollziehen. Hier erweitert sich die Reflexion des Subjekts zur ‚Reflexion‘ eines ganzen Netzwerks multivari- anter Beziehungen zwischen Affekten und Artefakten, unvorhergesehenen Ef- fekten und kontingenten Aspekten unterschiedlicher Akteure. Subjektbildend sind also Automatismen der Wiederholung, Schemabildung und Projektion, der kollektiven Einübung von Dispositionen ebenso wie solche der Reflexion, die das Subjekt in der Rückwendung auf sich selbst als eines hervorbringen, das nicht souverän, sondern fragil und fehlbar ist. Da es nur über die Reflexion (Spiegelung) Zugang zu sich (seinem Selbst) findet, täuscht es sich immer über sich selbst. Es bildet den blinden Fleck einer Reflexion, die nicht Selbst- transparenz, sondern Selbsttäuschung, nicht Souveränität, sondern Spiegelbil- der einer Zeichenordnung zeigen. Hannelore Bublitz These 5: Leiblichkeit ist ein Automatismus der Selbstkonstitution. Kann Leiblichkeit als Automatismus26 gedacht werden? Oder sind Auto- matismen und Leiblichkeit nicht vielmehr als unvereinbare Komplexe zu ver- stehen? Intuitiv würde die Antwort sicherlich für eine solche Unvereinbarkeit ausfallen, zumal Automatismen nicht selten in einen technischen Zusammen- 25 Vgl. Lacan (1996), Das Spiegelstadium; vgl. dazu auch Hannelore Bublitz, In der Zer- streuung organisiert. Paradoxien und Phantasmen der Massenkultur, Bielefeld, 2005, S. 16 f und S. 119 ff. 26 An dieser Stelle soll der Aspekt einer sich selbst generierenden Leiblichkeit, verstanden als passive Syntheseleistung, die sich unabhängig von einem bewusst handelnden Subjekt voll- zieht, hervorgehoben werden. Bewusste Konstitutionsprozesse werden dabei vernachlässigt. 252 HARTMUT WINKLER, HANNELORE BUBLITZ, KRISTIN WENZEL hang27 gebracht werden, wohingegen Leiblichkeit etwas genuin an den Menschen Gebundenes ist. Gerade aus dieser Anlage heraus scheint eine Aus- einandersetzung im Spannungsfeld von Leiblichkeit und Automatismen als fruchtbar. Mit einem kanalisierten Blick auf Automatismen soll in den folgenden, skizzenhaften Überlegungen die Phänomenologie als Philosophie der Leiblichkeit, Lebensweltlichkeit28 ebenso wie der Erfahrung mit der Frage verbunden werden, inwieweit sich gerade mit dem Konzept der Leiblichkeit eine mögliche Antwort auf die Frage nach der Konstitution des Selbst formulieren lässt. Leiblichkeit steht dabei als eine unhintergehbare Eigen- dynamik der Strukturbildung im Zentrum der Diskussion. Der französische Phänomenologe Maurice Merleau-Ponty (1908-1961) for- muliert mit seinem Primat einer fungierenden Leiblichkeit – einer Priorisie- rung leiblichen Zur-Welt-Seins – die Ablösung vom transzendentalen Sub- jekt29, wie Edmund Husserl, Begründer der Phänomenologie, es noch in seinen Schriften verteidigte30. Mit einer solchen Loslösung von einer bewusstseinsim- manenten Konstitutionslogik lassen sich zahlreiche Parallelen auch zur Auto- matismenforschung31 ziehen. Die in diesem Kontext wohl offenkundigste ist 27 Automatismen beschreiben „körperliche und psychische Haltungen, die zwar automatisch – unbewusst – funktionieren und von daher als gleichsam technisch zu beschreiben sind, gleich- zeitig aber rein technische Abläufe überschreiten.“ Hannelore Bublitz/Roman Marek/Chris- tina L. Steinmann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 12. 28 Bei der Lebenswelt handele es sich, so Friedrich Balke, „nicht um in reflexiver Einstellung notwendig gewonnene, spontan emergierende, ‚reine‘ Gegebenheiten, sondern um das Ergeb- nis eines historisch spezifischen Selbstverhältnisses, indem sich ein bestimmter Gegenstands- bezug (die erkenntnisförmige Selbstzuwendung) und eine bestimmte Machtbeziehung (die Erfahrung des ‚Seelischen‘ als einer erlebniserregenden Innerlichkeit) miteinander verschrän- ken.“ Friedrich Balke: „Die phänomenologische Erfahrung der Lebenswelt und ihre Verflech- tung mit der modernen Macht“, in: Matthias Fischer/Hans-Dieter Gondek/Burkhard Liebsch (Hg.), Vernunft im Zeichen des Fremden. Zur Philosophie von Bernhard Waldenfels, Frank- furt/M., 2001, S. 345-371: 361. 29 Kerstin Andermann entwickelt in ihrer Schrift Spielräume der Erfahrung eine sehr gute Aus- einandersetzung mit der Phänomenologie nach Husserl. Zentral ist die Umstellung „von der Konstitutionsleistung eines transzendentalen Subjekts auf ein autonomes und zeitlich vermit- teltes Differenzgeschehen“. Und weiter heißt es bei Andermann: „Es geht also darum die Er- fahrung und das sinnliche Leben nicht aus der Ursprungsform eines transzendentalen Sub- jekts abzuleiten, sondern sie unabhängig von dessen Konstitutionsleistung als einen sich selbst organisierenden und sich selbst generierenden Mechanismus zu verstehen, der im Mo- ment seines Vorkommens, im Moment seines Ereignisses in Erscheinung tritt.“ Kerstin An- dermann, Spielräume der Erfahrung. Kritik der transzendentalen Konstitution bei Merleau- Ponty, Deleuze und Schmitz, München, 2007, S. 20. 30 Obschon Husserl den Leib als den Nullpunkt aller Erfahrungen beschreibt, ist der Leib bei Husserl noch immer als das „Instrument des geistigen Subjekts“ angelegt. Felix Hammer, Leib und Geschlecht. Philosophische Perspektiven von Nietzsche bis Merleau-Ponty und phä- nomenologisch-systematischer Aufriss, Bonn, 1974, S. 105. 31 Ein weiterer wesentlicher Punkt, der an dieser Stelle aber nicht ausgearbeitet wird, sind leibli- che Erfahrungen, die als Bottom-up-Prozesse zu denken sind. THESENBAUKASTEN SELBST-TECHNOLOGIEN 2 253 die Infragestellung eines autonomen, planvoll handelnden Subjekts32 zuguns- ten selbstgenerativer Automatismen als (wenn auch nicht als ausschließliche) Konstitutionsgrundlage leiblichen Zur-Welt-Seins33. Betrachtet man die Phänomenologie Merleau-Pontys, zentriert sich die For- schung des Franzosen um eine Auseinandersetzung mit der leiblichen Veran- kerung eines Wahrnehmenden in einer, wie er schreibt, wahrnehmbaren Welt und nicht mehr gemäß der cartesianischen Trennung von Körper und Geist. Durch die „Ineinanderführung der Pole [von Selbst und Welt; K. W.] und die Begründung ihrer Gleichursprünglichkeit“34 will Merleau-Ponty den cartesia- nischen Dualismus überwinden. Den Leib beschreibt er als Mittler zwischen Körper und Geist, ebenso wie zwischen Selbst und Welt, ohne dass der Leib in dieser Anlage als aktives Element hervortritt. Leiblichkeit ist vielmehr eine sich performativ vollziehende Syntheseleistung, die nicht von einem körper- lich losgelösten Bewusstsein gesteuert wird, sondern sich aus einer wechsel- seitigen Durchdringung von Selbst und Welt selbstgenerativ konstituiert. Aus- gangspunkt der Frage nach dem Leib aus der Perspektive der Automatismen ist somit ein körperlich-physisches Funktionieren – sie geht jedoch darüber hinaus, insofern der Leib stets durchzogen ist von einer unhintergehbaren und unkontrollierbaren Eigendynamik. Und gerade für Merleau-Ponty ist der Leib oberste Bedingung der Möglichkeit der Erfahrung. Im Modell der Reversibilität35 und der Begriffsfigur des Fleisches (chair) ruft Merleau-Ponty den bereits angesprochenen Aspekt einer selbstgenerativen Konstitutionslogik verstärkt auf. In der Anlage des Fleisches löst er sehr viel konsequenter noch als im Konzept der Leiblichkeit den Aspekt einer subjekt- zentrierten Konstitutionslogik zugunsten einer chiastischen Verflechtung auf. Geht die Konzeption der Leiblichkeit in Anlehnung an Husserl noch vom co- gito36 aus, werden mit dem Fleisch sämtliche Dualismen (Selbst/Welt, Innen/ Außen) aufgelöst. In einer solchen Verflechtung bedarf es nicht länger der Vermittlung beider Sphären, im Sinne von bspw. (subjektiver) Repräsentation und/oder Konstruktion. Welt und Selbst durchdringen sich vielmehr auto- matisch, ohne dass retrospektiv eine Ursprünglichkeit ausgemacht werden könnte. Nun stellt sich auf dieser Basis die Frage, in welchem Verhältnis Selbst, Leib und Fleisch stehen. Lässt sich das Selbst überhaupt verorten, wenn Mer- leau-Ponty mit dem Fleisch doch eine untrennbare Verschmelzung von Selbst 32 Gerade in Bezug auf eine subjektkritische Position ließe sich an dieser Stelle Merleau-Pontys cartesianische Kritik anführen. Jedoch soll auch diese in diesem Kontext vernachlässigt wer- den. 33 Philipp Thomas spricht von „selbsttätigen intentionalen Charakter des Leibes“. Philipp Tho- mas, Selbst-Natur-sein: Leibphänomenologie als Naturphilosophie, Berlin, 1996, S. 156. 34 Andermann (2007), Spielräume der Erfahrung, S. 24. 35 Während das Modell der Intentionalität auf Koinzidenz basiert, basiert die Weiterentwicklung hin zum Modell der Reversibilität auf Verschiebung. 36 Vgl. Edmund Husserl, Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologishen Philo- sophie, Hamburg, 2009 [1913]. 254 HARTMUT WINKLER, HANNELORE BUBLITZ, KRISTIN WENZEL (bzw. Leib) und Welt beschreibt? Leib und Fleisch sind geeint in ihrem unauf- lösbaren Bezug zur Welt. Es ist der phänomenologische Leib, der zum Subjekt der Wahrnehmung avanciert. Er ist die Bedingung aller Weltvollzüge. Die „Existenz als Subjektivität [ist] eins [...] mit meiner Existenz als Leib“37, heißt es bei Merleau-Ponty. Mit dem Fleisch sind schließlich jegliche Dualismen zugunsten einer Gleichrangigkeit, einer Hierarchielosigkeit aufgelöst. Mer- leau-Pontys Weiterentwicklung vom Leib zum Fleisch in seinem unabge- schlossenen Spätwerk Das Sichtbare und das Unsichtbare38, liegt damit in der radikalisierten Weiterentwicklung des Leibes in eine unauflösbare Textur. [D]ie gesehene Welt ist nicht ‚in‘ meinem Leib, und mein Leib ist letztlich nicht ‚in‘ der sichtbaren Welt: als Fleisch, das es mit einem Fleisch zu tun hat, umgibt ihn weder die Welt, noch ist sie von ihm umgeben. [...] Es gibt ein wechselseiti- ges Eingelassensein und Verflochtensein des einen ins andere.39 Leib und Welt bilden keinen Gegensatz mehr. Das Fleisch ist weder Welt noch Leib, ist nicht bloße Materialität, sondern, so Merleau-Ponty, die „Gene- ralität des Empfindbaren an sich“40. Die Philosophin Kerstin Andermann widmet sich in ihrer Untersuchung Spielräume der Erfahrung der Erfahrung im Kontext eines autonomen Diffe- renzgeschehens41. In Bezug auf die Konzeption des Fleisches bei Merleau- Ponty heißt es bei ihr: „Das Fleisch spielt [...] die Rolle eines ‚Milieus‘, das ei- nerseits gerade die Entsprechung zwischen dem Subjekt und der Welt ermög- licht und andererseits die von dieser Entsprechung im Wahrnehmungsakt ab- weichenden Differenzen in sich führt.“42 In den Worten Merleau-Pontys ist es das Paradoxon einer „Differenz ohne Widerspruch“43, auf dessen Basis er eine gleichursprüngliche Stofflichkeit zu fassen sucht. Wahrnehmender und Wahr- genommener, Berührender und Berührter gehen ineinander über, ohne je zu einer in sich geschlossenen Einheit zu verschmelzen. Berühren wir unsere Hand, sind wir zugleich von außen Berührender, wie wir aus einem Innen her- aus die Berührung spüren – jedoch ohne, dass die eine Wahrnehmung voll- ständig in der anderen aufzugehen vermag. Der Bruch eröffnet dabei vielmehr „den Bezug zwischen den Seinssphären. In diesem Sinne ist sie [die Diffe- renz] der Operationsmodus der reversiblen Verflechtungen.“44 Die Bedeutung der Differenz manifestiert sich in der „Vermittlung der Seinssphären durch ein 37 Maurice Merleau-Ponty, Das Sichtbare und das Unsichtbare, München, 1986 [frz. OA Le Visible et l’invisible 1964], S. 464, zit. n. Stephan Gunzel/Christof Windgätter, „Leib/Raum: Das Unbewusste bei Maurice Merleau-Ponty“, in: Michael B. Buchholz/Günter Gödde (Hg.), Das Unbewusste in aktuellen Diskursen. Anschlüsse, Bd. II., Gießen, 2005, S. 585-616: 589. 38 Vgl. Ebd. 39 Ebd., S. 182. 40 Ebd., S. 183. 41 Andermann (2007), Spielräume der Erfahrung. 42 Ebd., S. 157. 43 Merleau-Ponty (1986), Das Sichtbare und das Unsichtbare, S. 179. 44 Andermann (2007), Spielräume der Erfahrung, S. 31. THESENBAUKASTEN SELBST-TECHNOLOGIEN 2 255 Differenzgeschehen [...], das sich selbst generieren kann, ohne auf eine Instanz der transzendentalen Konstitution angewiesen zu sein.“45 Jene Differenz, die ebenso gut auch als Wahrnehmungsüberschuss gefasst werden kann, führt zu einer evolutionären Verschiebung in der Anlage des leiblichen Selbst. Anders formuliert: Als Grundlage für die Entstehung neuer (leiblicher) Strukturen46 fungiert die Differenz, die nicht von einer planenden Instanz ausgeht oder vor- ab definierten Mustern folgt. In der Begegnung mit dem Anderen vermengen sich Eigenes und Fremdes, Altes und Neues, Anwesendes und Abwesendes usf. ständig neu und generieren aus dem Überschuss (der Unvereinbarkeit) das Neue. Reversibilität bedeutet damit „daß das Selbe das Andere gegenüber dem Anderen ist, daß die Identität Differenz der Differenz ist.“47 Zieht man nun den Bogen zu der Frage nach dem Selbst, verstanden als Verwobenheit eines Außen mit einem Innen, als Prozess der Selbstkonstitu- tion im dauerhaften Spannungsfeld von Selbst- und Fremdkonstellationen, er- weist sich das Modell der Reversibilität als vielversprechend. Das Merleau- Ponty’sche Modell der Reversibilität beschreibt eine dauerhafte Transforma- tionsleistung als Effekt des Zur-Welt-Seins. Mit jedem Blick werden wir ein Anderer.48 Mit jeder Berührung manifestiert sich ein unauflösbarer Bruch, der grundlegend ist in der Konstitution des Selbst, der aber unbewusst, ohne jede Kontrolle – im Rücken des Akteurs – stattfindet. Diese wechselseitige Verwo- benheit, deren Kennzeichen die Differenz ist, ist demgemäß als ein möglicher Ausgangspunkt für die Entstehung neuer Strukturen zu denken. Ein so konsta- tierter Bruch „ist keine ontologische Leere und kein Nicht-Sein: er ist um- spannt von der Gesamtheit meines Leibes und von der Gesamtheit der Welt, er ist der Drucknullpunkt zwischen zwei festen Körpern, der bewirkt, daß sie wechselseitig aneinander haften.“49 In der Differenz, als Operationsmodus neuer Strukturen, generiert sich Leiblichkeit demnach im ständigen Werden. Leiblichkeit in dieser Konzeption entspringt einer sich selbstgenerierenden differenten Verflechtung von Welt und Selbst und offenbart das Neue, das 45 Ebd., S. 32. 46 Der Strukturbegriff ist an dieser Stelle vieldeutig. So ließen sich Erfahrungen ebenso als eine Möglichkeit neuer Strukturen verstehen. 47 Merleau-Ponty (1986), Das Sichtbare und das Unsichtbare, S. 332. 48 Auch bei Jean-Paul Sartre heißt es diesbezüglich: „Der Blick des Anderen formt meinen Leib in seiner Nacktheit, läßt ihn entstehen, modelliert ihn, bringt ihn hervor, wie er ist, sieht ihn, wie ich ihn nie sehen werde.“ Jean-Paul Sartre, Das Sein und das Nichts, Hamburg, 1993 [1943], S. 467. Im Gegensatz zu Merleau-Ponty folgt Sartre jedoch einer Unterteilung eines „An-Sich-Seins“ und eines „Für-Sich-Seins“. Diese, bei Sartre, unvereinbare Unterteilung eines Innenblicks (Für-Sich-Sein) und des Blicks des Anderen (An-Sich-Sein) kritisiert Mer- leau-Ponty vehement. 49 Merleau-Ponty (1986), Das Sichtbare und das Unsichtbare, S. 194 f. 256 HARTMUT WINKLER, HANNELORE BUBLITZ, KRISTIN WENZEL Werden, in den Worten Mladen Dolars, immer als „ein unvorhergesehenes Stückchen des Realen“50. Kristin Wenzel Literatur Althusser, Louis, Ideologische Staatsapparate, Frankfurt/M., 1976. Andermann, Kerstin, Spielräume der Erfahrung. Kritik der transzendentalen Konstitu- tion bei Merleau-Ponty, Deleuze und Schmitz, München, 2007. Balke, Friedrich, „Die phänomenologische Erfahrung der Lebenswelt und ihre Ver- flechtung mit der modernen Macht“, in: Matthias Fischer/Hans-Dieter Gondek/ Burkhard Liebsch, Vernunft im Zeichen des Fremden. Zur Philosophie von Bern- hard Waldenfels, Frankfurt/M., 2001, S. 345-371. Bublitz, Hannelore, Diskurs, Bielefeld, 2003. Dies., In der Zerstreuung organisiert. Paradoxien und Phantasmen der Massenkultur, Bielefeld, 2005. Dies., Judith Butler zur Einführung, 3. Aufl., Hamburg, 2010. Dies./Marek, Roman/Steinmann, Christina L./Winkler, Hartmut (Hg.), Automatismen, München, 2010. Butler, Judith, Kritik der ethischen Gewalt, Frankfurt/M., 2003. Dies., Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung, Frankfurt/M., 2001. 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Habermas, Jürgen, Der philosophische Diskurs der Moderne. Zwölf Vorlesungen, 3. Aufl., Frankfurt/M., 1986. Hammer, Felix, Leib und Geschlecht. Philosophische Perspektiven von Nietzsche bis Merleau-Ponty und phänomenologisch-systematischer Aufriss, Bonn, 1974. 50 Mladen Dolar, „Automatismen der Wiederholung. Aristoteles, Kierkegaard und Lacan“, in: Bublitz et al., Automatismen, München, 2010, S. 129-152: 145. THESENBAUKASTEN SELBST-TECHNOLOGIEN 2 257 Husserl, Edmund, Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologishen Philosophie, Hamburg, 2009. [1913] Lacan, Jacques, „Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktionen“, in: ders., Schrif- ten, Bd. I, 4. durchgesehene Aufl., Berlin, 1996, S. 61-70. [Frz. OA 1949.] Merleau-Ponty, Maurice, , Das Sichtbare und das Unsichtbare, München, 1986. [Frz. OA Le Visible et l’invisible 1964.] Ritter, Joachim (Hg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 10, Darmstadt, 1992. Sartre, Jean-Paul, Das Sein und das Nichts, Hamburg, 1993. [Frz. 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Und es ist offensichtlich: Le Bon findet eine unendliche Fülle an Metaphern und Analogien für die Be- schreibung der Masse, die sich alle gleichermaßen durch Anschaulichkeit und durch Unbestimmtheit auszeichnen. Er macht dem Leser eine solche Vielzahl an Offerten, dass sich jeder, der gewillt ist, eine für ihn plausible und schlüssi- ge aussuchen kann. Hinzu kommt, dass seine Beschreibungen zugleich jeg- liche Genauigkeit vermissen lassen, weshalb es dem Leser frei gestellt ist, was er damit verbindet. „Um ein breites Publikum zu fesseln, muß man das Pro- blem in zwei Worten formulieren, in zwei Worten diskutieren und in zwei Worten lösen können“3 – so noch einmal Moscovici mit Bezug auf Le Bon. Mit diesen Methoden verliert die Psychologie der Massen zwar jegliche argu- mentative Tiefe, sichert sich aber die dauerhafte Deutungshoheit über die Masse. Le Bons Beschreibungen werden immer wieder aufgegriffen4 und dies 1 Gustave Le Bon, Psychologie der Massen , Stuttgart, 1957 [frz. OA 1895], S. 19. 2 Serge Moscovici, Das Zeitalter der Massen. Eine historische Abhandlung über die Massen- psychologie, München, Wien 1984, S. 94. 3 Ebd. 4 Vgl. zu einem besonders frühen Beispiel Robert E. Park, Masse und Publikum. Eine methodo- logische und soziologische Untersuchung, Bern, 1904, S. 13. Besonders prominent, wenn auch nicht durchgehend affirmiert ist Le Bon in der Soziologie der 1920/30er Jahre. Vgl. z. B. Theodor Geiger, Die Masse und ihre Aktion. Ein Beitrag zur Soziologie der Revolution, Darmstadt, 1967 [1927], S. 5 f., S. 15 und S. 18; Wilhelm Vleugels, Die Masse. Ein Beitrag zur Lehre von den sozialen Gebilden, München, Leipzig, 1930, S. 2; Leopold von Wiese, Sys- tem der Allgemeinen Soziologie als Lehre von den sozialen Prozessen und den sozialen Ge- bilden der Menschen (Beziehungslehre), Berlin, 1955 [1933], S. 412. Später, d. h. in den 1950er Jahren wird er dann im Kontext einer kulturkritischen Analyse der Industriegesell- schaft aufgegriffen. Vgl. bspw. Hendrik de Man, Vermassung und Kulturverfall. Eine Diag- nose unserer Zeit, München, 1951, S. 45; Clemens Münster, Mengen, Massen, Kollektive, München, 1952, S. 62; E. Kurt Fischer, „Vom Massengeschmack“, in: Rufer und Hörer 7, (1952/1953), S. 509-512: 509; Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Bd. 1. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München, 1994 [1956], S. 104; 262 CHRISTINA BARTZ gilt auch für die Metapher des Automaten, zu dem der Einzelne gemäß Le Bon im Kontext der Masse wird. Auch wenn die Metapher des Automaten nur eine unter vielen Beschreibun- gen ist, die für den Einzelnen in der Masse gefunden wird, soll sie im Folgen- den als Ausgangspunkt dienen, um einen kleinen Ausschnitt des im 20. Jahr- hundert so virulenten Massendiskurses zu rekonstruieren und zu betrachten. Der Diskursausschnitt, um den es im Folgenden gehen wird, verhandelt die Frage nach der Organisation und Kommunikation der Massen, wie sie von der Rede vom Automaten ausgesteuert wird. Le Bon dient dabei wegen der ein- gangs genannten Prominenz als Beispiel für einen Massendiskurs psychologi- scher Prägung, auch wenn mit Rekurs auf Moscovici kaum davon ausgegan- gen werden kann, dass Le Bon ein konzises Konzept der Organisationsform Masse vorlegt oder der massenpsychologische Diskurs insgesamt einheitlich, d. h. weitgehend widerspruchsfrei ist. Entscheidend ist dessen ungeachtet, dass mit der Rede vom Automaten die Massenpsychologie zunächst ihren eigenen Gegenstand, nämlich die Psyche bzw. Seele, verabschiedet. Der Automat stellt die Philosophie seit Descartes vor das Problem der Erklärung psychophysischer Prozesse ohne die Beteili- gung bewusster oder willentlicher Elemente.5 Der Automat agiert zwar selbst- tätig, aber willen- und damit seelenlos bzw. die Seele wird darin auf das Mo- ment einer Triebfeder für die Körperbewegungen reduziert.6 In einem Kollek- tiv der Automaten fehlt damit eine willentliche Entscheidung als Ursache für dessen Aktionen; die Handlungen der Masse werden im Register des Automa- tischen zu einer Art gleichförmigen, aber unmotivierten Bewegungsablauf. Wie die Organisation eines solchen Kollektivs seelenloser Automaten zu den- ken ist, will die Massenpsychologie Le Bon’scher Prägung beantworten. Le Bons massenpsychologischem Konzept wird mit der Studie Die einsame Masse von David Riesman, Reuel Denney und Nathan Glazer eine soziologi- sche Herangehensweise gegenübergestellt, die ebenfalls ein Modell des ,Auto- matischen‘7 heranzieht, um das Massenverhalten zu erläutern. Diese unter- Alexander Mitscherlich, „Meditationen zu einer Lebenslehre der modernen Massen“, in: Mer- kur XI, 3 (1957), S. 201-213: 204. 5 Vgl. H. E. Kehrer, „Automatismus“, in: Joachim Ritter (Hg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 1, Darmstadt, 1971, Sp. 699 f. 6 Vgl. Julien Offray de La Mettrie, „Der Mensch eine Maschine“, in: Klaus Völker (Hg.), Künstliche Menschen, 1994, S. 78-102; Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Ge- burt des Gefängnisses, Frankfurt/M., 1994 [frz. OA 1975], S. 174 f. 7 David Riesman/Reuel Denney/Nathan Glazer, Die einsame Masse. Eine Untersuchung der Wandlungen des amerikanischen Charakters, Hamburg, 1961 [OA USA 1950], S. 85. Im Folgenden wird der Titel englischsprachigen Ursprungs genauso wie Le Bons französisch- sprachige Studie Psychologie der Massen in der deutschen Übersetzung zitiert, um eine Ver- gleichbarkeit beider zu schaffen. D. h. beide werden als Bestandteil eines deutschsprachigen Diskurses betrachtet, der durch fremdsprachige Texte inspiriert ist. Schließlich sind beide Texte für die deutschsprachige Auseinandersetzung mit der Masse von zentraler Bedeutung. (So erscheint die Studie Die einsame Masse in rowohlts deutsche enzyklopädie, die den An- spruch hat, Wissenschaft und ihre ,angesehensten Vertreter‘ zu popularisieren.) Ein andersar- DIE MASSE UND DER AUTOMAT 263 scheidet sich aber – wie zu zeigen sein wird – maßgeblich von der Massenpsy- chologie in der Tradition von Le Bon. Basiert diese auf der Idee des willenlo- sen Automaten, haucht die Soziologie dem Massenmenschen mittels des Re- gisters des Automatischen im Sinne einer Selbststeuerung gleichsam wieder eine – wenn auch kybernetische – Seele ein. Riesman/Denney/Glazer entwi- ckeln ein Konzept des Massenmenschen, das mit kybernetischen Modellen ar- beitet und im Sinne einer ,Kybernetischen Anthropologie‘, wie sie Stefan Rie- ger detailliert erläutert, zu verstehen ist.8 Welche Form des Automatischen sich daraus ergibt und wie sie sich von Le Bons Massenmenschen unterschei- det, wird im Folgenden Thema sein. Im Mittelpunkt der Gegenüberstellung der Psychologie der Massen gemäß Le Bon und der soziologischen Herange- hensweise in Die einsame Masse steht vor allem ein Aspekt: Die Formen und Möglichkeiten des Selbstmanagements, die damit verbunden sind. Im Hin- blick auf die Formen des Selbstmanagements – so die Ausgangsüberlegung – gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den beiden Untersuchungen und dies, obwohl sie sich in ihren Beschreibungen weitgehend zu ähneln scheinen. Der Massenmensch als seelenloser Automat Ausgangspunkt der psychologisch inspirierten Massentheorie ist die Feststel- lung einer vollkommenen Entindividualisierung des Einzelnen in der Masse, also dass der Einzelne in der Masse seinen ,Willen‘, sein ,Bewusstsein‘, seine ,Persönlichkeit‘, sein ,Unterscheidungsvermögen‘, seinen ,Verstand‘ bzw. sei- ne Individualität verliere, was sich im Besonderen in der Rede vom Automa- ten manifestiert. Der Automat bewegt sich zwar entsprechend eines inneren Programms und in Abhängigkeit einer inneren Triebfeder, diese entspricht aber nicht dem individuellen Willen und ist damit auch nicht durch den Auto- maten selbst steuerbar. Folgt man Foucault, so ist die Denkfigur des Automa- ten eingebunden in eine allgemeine Theorie der Zurichtung und Dressur, die von einem analysier- und manipulierbaren Körper ausgeht und diesen einer Kontrolle unter dem Aspekt der Effizienz zu unterziehen versucht.9 Innerhalb der Massenpsychologie jedoch geht das Moment der Kontrolle verloren und der Automat steht gerade unter dem Verdacht des Kontrollverlusts. Dieser tiges Vorgehen ist vor die Herausforderung gestellt, dass die verschiedensprachigen Begriffe ,Masse‘, ,crowd‘ und ,foule‘ jeweils unterschiedlich konnotiert sein können. 8 Vgl. Stefan Rieger, Kybernetische Anthropologie. Eine Geschichte der Virtualität, Frankfurt/ M., 2003. 9 Vgl. Foucault (1994), Überwachen und Strafen, S. 173 f.; vgl. dazu Hannelore Bublitz, „Auto- matismen formieren Subjekte“, in: dies./Roman Marek/Christina L. Steinmann/Hartmut Wink- ler (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 30. Bublitz macht hier auf den Widerspruch auf- merksam, dass der Einzelne massenpsychologisch betrachtet in der Masse als willenloser und unkontrolliert agierender Automat erscheint, während die „Automatik der Gewohnheiten“ im Kontext von Disziplinierungs- und Kontrollstrategien bei Foucault geradezu das konstitutive Moment disziplinärer Subjektivierung ist, die das soziale Subjekt auszeichnet. 264 CHRISTINA BARTZ Kontrollverlust betrifft sowohl die äußeren Instanzen der Macht als auch Selbsttechnologien im Sinne selbstregulierender Praktiken, mittels derer das Subjekt auf sich selbst einwirkt.10 Solche Technologien fallen aus, denn – so Hannelore Bublitz mit Rekurs auf massenpsychologische Diskurse – die Mas- se markiert gerade das Oppositionsfeld zum sich ,autonom entfaltenden Sub- jekt‘ der Moderne.11 Diese massenpsychologische Abkehr vom Subjekt, für das sich Formen der eigenen Verhaltenssteuerung herausgebildet haben, findet in der Rede vom Automaten seinen Niederschlag, insofern damit eben das Ausführen einer Tätigkeit ohne Beteiligung des eigenen Willens gemeint ist. Die Technologien, die sowohl der Reflexion als auch der Disziplinierung des Selbst dienen, setzen hier aus, denn gemäß Le Bon lässt sich in der Masse be- obachten, dass die „bewußte Persönlichkeit schwindet“; stattdessen sind „die Gefühle und Gedanken aller einzelnen [...] nach derselben Richtung orien- tiert“12 – so Le Bon. Mit dem Zusammenschluss der Vielen gehe also nicht nur ein Verlust der individuellen Eigenschaften des Einzelnen einher, sondern auch die Entste- hung eines neuartigen homogenen Kollektivs mit einem gemeinsamen und einheitlichen Willen. An die Stelle der Seele des Einzelnen trete eine „Ge- meinschaftsseele“13, die ihren Ausdruck in einem gleichgerichteten Handeln finde. Entindividualisierung bei gleichzeitiger Emergenz14 einer neuen einheit- lich agierenden Entität ist die Basalannahme der Massenpsychologie seit dem 19. Jahrhundert und seither regelmäßig der Ausgangspunkt entsprechender Theorieangebote. Dies bedeutet – wie Urs Stähelis Rekonstruktion des Mas- sendiskurses des ausgehenden 19. Jahrhunderts zeigt –, dass mit dem Aufkom- men der Massenpsychologie auch die Entdeckung einer neuen Organisations- form verbunden ist, die mit bestehenden Ordnungsmodellen, die das Subjekt bzw. Individuum als Zentralinstanz jeglichen Sozialverbandes ansehen, nicht zu erfassen ist. Die Masse stellt für die Psychologie der Jahrhundertwende ei- nen neuartigen Gegenstand dar, der sich dadurch auszeichnet, dass ihm die Grundkategorie herkömmlicher sozialer Zusammenschlüsse – das Individuum als Ausgangspunkt von Handlungen und damit auch als Adresse von Kontroll- und Disziplinierungstechniken – fehlt. Das Individuum und sein Wille als Ur- heber von Handlungen fallen aus; die Aktionen der Masse sind nicht einem In- 10 Vgl. Hannelore Bublitz, „Subjekt“, in: Clemens Kammler et al. (Hg.), Foucault Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart, Weimar, 2008, S. 293-296: 294. 11 Vgl. Hannelore Bublitz, In der Zerstreuung organisiert. Paradoxien und Phantasmen der Massenkultur, Bielefeld, 2005, S. 34 sowie auch S. 38 f. 12 Le Bon (1957), Psychologie der Massen, S. 10. 13 Ebd. 14 Der Begriff der Emergenz im Zusammenhang mit der Massentheorie geht auf Urs Stäheli zu- rück. Er beschreibt die Massenpsychologie des 19. Jahrhunderts im Sinne einer Emergenzthe- orie. Vgl. Urs Stäheli, „Emergenz und Kontrolle in der Massenpsychologie“, in: Eva Horn/ Lucas Marco Gisi (Hg.), Schwärme. Kollektive ohne Zentrum. Eine Wissensgeschichte zwi- schen Leben und Information, Bielefeld, 2009, S. 85-99. DIE MASSE UND DER AUTOMAT 265 dividuum zuzurechnen.15 Damit werden, so Stäheli, durch „die Masse [...] eta- blierte Kriterien sozialer [...] Kausalität suspendiert.“16 Die aus der Masse her- vorgehenden Handlungen sind demnach unvorhersagbar, da Ursache und Wir- kung in keinem Verhältnis zu stehen scheinen.17 Aufgrund dessen entwickelt die Massenpsychologie zum einen ein Modell zur Funktionsweise des neuen Kollektivs. Zum anderen ist es ihr erklärtes Ziel, daraus eine soziale Kontrolltechnik abzuleiten, bei der nicht mehr das einzelne Individuum, „sondern die entindividuierten Kommunikations- und Affektströme der neuen sozialen Einheit Masse zum Gegenstand dieser Tech- niken“18 werden. Die Massenpsychologie verabschiedet also das Subjekt als Gegenstand von Disziplinierungsmaßnahmen und wendet sich der Einheit Masse mit ihren eigenen Funktionsgesetzen jenseits von herkömmlichen Kau- salitäten, die ein Verhältnis von individuellem Willen und Handlung setzen, zu. Anstatt eines solchen Verhältnisses stellt die Massenpsychologie ein Über- tragungsmodell, in dem Reize ungehindert zwischen den entindividualisierten Massenpartikeln weitergeleitet werden. Das Muster für dieses Modell findet die Massentheorie in der Tierpsychologie und vor allem in den Arbeiten Al- fred Espinas, wie Paul Reiwald in seinem Handbuch der Massenpsychologie bereits frühzeitig und detailliert herausarbeitet. Die Tierkollektive wie Amei- sen und Wespen geben nicht nur ein Vorbild für „ein echtes Kollektivbewußt- sein“19, das ohne Individuen zu denken ist, sondern geben auch einen Hinweis darauf, wie eine solche Form der Gemeinschaft organisiert ist. Das Organisa- tionsprinzip der genannten Tiere ist die Ansteckung von Emotionen und Be- wegungen. Diese teilen sich innerhalb des Insektenverbands mit, so dass die Erregung der einen Wespe zu einem Erregungszustand der anderen führt und ebenso die Bewegung des Schwarms sich innerhalb desselben fortsetzt. Mit- tels dieser resonanzförmigen Affekt- und Bewegungsweitergabe werden ge- mäß der Tierpsychologie und dann auch der Massentheorie Informationen 15 Vgl. Christina Bartz, MassenMedium Fernsehen. Die Semantik der Masse in der Medienbe- schreibung, Bielefeld, 2007, S. 87. 16 Stäheli (2009), Emergenz und Kontrolle in der Massenpsychologie, S. 88. 17 Vgl. Le Bon (1957), Psychologie der Massen, S. 22 und S. 26. 18 Stäheli (2009), Emergenz und Kontrolle in der Massenpsychologie, S. 93. Siehe in diesem Sinne Le Bon: „Die Kenntnis der Psychologie der Masse ist heute das letzte Hilfsmittel für den Staatsmann, der diese nicht etwas beherrschen – das ist schwierig geworden –, aber we- nigsten nicht allzu sehr von ihr beherrscht werden will.“ Le Bon (1957), Psychologie der Massen, S. 7. Stäheli folgert daraus, dass die Massenpsychologie sich auf der Basis dieser Überlegung von jeder „sozialreformerischen Illusion“ (Stäheli (2009), Emergenz und Kon- trolle in der Massenpsychologie, S. 93) verabschiedet, während Hannelore Bublitz davon aus- geht, dass die Massenpsychologie gerade auf die Überwindung dieses Zustandes der Vermas- sung und Entindividualisierung zielt. Vgl. Bublitz (2005), In der Zerstreuung organisiert, 19 S. 39. Paul Reiwald, Vom Geist der Massen. Handbuch der Massenpsychologie, Zürich, 1948, S. 50. Vgl. auch Eva Johach, „Andere Kanäle. Insektengesellschaften und die Suche nach den Medien des Sozialen“, in: Zeitschrift für Medienwissenschaft, 4 (2011), S. 71-82. 266 CHRISTINA BARTZ übermittelt und ein einheitliches Gebilde zum Vorschein gebracht. So formu- liert Le Bon: „Die erste klar zum Ausdruck gebrachte Beeinflussung teilt sich durch Übertragung augenblicklich allen Gehirnen mit und gibt sogleich die Gefühlsrichtung an.“20 Augenblicklich meint dabei vor allem zeitgleich und ungehindert. Ein intervenierendes Moment, wie es der Verstand oder der Wil- le darstellen könnte, fällt aus. Der Prozess wird rein vegetativ gedacht, denn die Verbindung besteht zwischen den Gehirnen oder – wie es an anderer Stelle heißt – dem ,Rückenmark‘, dessen Herrschaft den Einzelnen zum ,Spielball empfangener Anregungen‘ macht.21 Auf diese Weise wird eine reibungslose Übertragung angenommen, die als Signalübertragung jenseits jeglicher Ver- stehensprozesse oder Selbstkontrolle eines denkenden Subjekts operiert. Auf der Basis der Konzeption von ungehinderten Affektströmen und Bewegungs- fortpflanzung wird eine im eigentlichen Sinne optimale, weil ungehinderte Kommunikation angenommen.22 Das intervenierende Moment der Individualität wird dabei durch die Masse selbst ausgeschaltet. D. h. es ist die Masse, die ein Schwinden der Persönlich- keit und der bewussten Entscheidungsfähigkeit herbeiführt: Die Gegenwart der vielen Anderen sowie die Wahrnehmung ihrer Bewegung und Emotionen provoziere den Verlust des Urteilsvermögens und der Persönlichkeit. Die Masse bringt sich somit gleichsam selbst hervor; sie wird als ein sich selbst generierendes und organisierendes Prinzip gedacht, dessen Dynamiken jeweils Effekte selbsttätiger Prozesse im Kollektiv sind. Daran ändert auch die Figur des Führers, die in der Massenpsychologie immer wieder Thema ist, nichts. Der Führer wird lediglich als ein vorübergehendes Zentrum der Masse entwor- fen, das sich nur kurzzeitig als solches herstellt und in der Regel selbst ein Massepartikel ist.23 D. h. dieses passagere Zentrum geht selbst aus der Masse hervor und ist ihrer Dynamik unterworfen. Damit entwirft die Massenpsycho- logie ein Kollektiv, das jeglichen Kontrollmechanismen entzogen ist, denn es ist weder als Einheit noch als Zusammenschluss von Individuen adressierbar; es bildet eine in sich geschlossene und damit autonome Entität. Eine auf diese Art konzipierte Masse hat mediale Qualitäten, insofern sie Ausgangspunkt der Bewegungs- und Affektübertragung ist. Es geht dabei um ein Medienverständnis, demnach Medien ihre eigenen Bedingungen bestim- men und prägen.24 Dementsprechend sind Übertragung und Masse wechselsei- tig aufeinander bezogen: Die Masse geht aus dem resonanzförmigen Übertra- 20 Le Bon (1957), Psychologie der Massen, S. 25. 21 Vgl. ebd., S. 21. 22 Vgl. mit Bezug auf Tarde Stäheli (2009), Emergenz und Kontrolle in der Massenpsychologie, S. 90 f. 23 Le Bon (1957), Psychologie der Massen, S. 97-103. 24 Vgl. Lorenz Engell/Joseph Vogl, „Vorwort“, in: dies. et al. (Hg.), Kursbuch Medienkultur. Die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard, Stuttgart, 1999, S. 9. Vgl. im Hin- blick auf die Überlegung der Masse als Medium Vicente L. Rafael, „The Cell Phone and the Crowd: Messianic Politics in the Contemporary Philippines“, in: Public Culture, 15 (2003), S. 399-425: 415. DIE MASSE UND DER AUTOMAT 267 gungsvorgang hervor und transformiert die Einzelnen in ein einheitliches Kol- lektiv genauso wie die Funktionalität des Übertragungsvorgangs durch die Ge- meinschaftsseele garantiert wird. Die Masse insgesamt gleicht einem Träger und ist als solcher die Basis für den funktionierenden Übermittlungsvorgang (der vor allem darauf zielt die Masse hervorzubringen bzw. zu erhalten): Erst in der Gemeinschaft der Entindividualisierten findet die ungehinderte Übertra- gung statt. Die Masse selbst erscheint somit als Mittler der Weitergabe der Emotionen und Aktionen, die dann Grundlage der Masse sind. Dieses ,Massenmedium‘ im Sinne einer mediatisierenden Masse interferiert mit weiteren die Übertragungsvorgänge unterstützenden Momente, wovon ei- nes „bedeutender als alle übrigen“25 ist: Das ist der Komplex der Rasse, dem Le Bon eine eigene Studie widmet, deren Ergebnisse für seine Massenkonzep- tion von entscheidender Bedeutung sind. Die Rasse wird im Kontext der Mas- sentheorie zum Argument, insofern sie eine zusätzliche Konnektivität schaffen und so die innerhalb der Masse stattfindenden Prozesse der Weitergabe von Emotionen stabilisieren soll. Diese Funktion und Bedeutsamkeit kommt der Rasse bei Le Bon zu, indem sie analog zur Masse konzipiert wird und es eine eigene „Rassenseele“26 gibt, die entsprechend der Massenseele vereinheitli- chend und so kollektivierend wirkt. Die Rasse markiert in Le Bons Ausführungen einen entscheidenden argu- mentativen Schritt dahingehend, die Massenphänomene nicht auf die Präsenz- masse zu beschränken. Le Bon geht es schließlich nicht allein um die Be- schreibung eines Massenauflaufes, auch wenn ihm die Auflaufmasse als Be- obachtungsgrundlage dient. Tatsächlich zielt auch er auf eine Gesellschaftsbe- schreibung, denn – so Le Bon – das Schwinden der bewußten Persönlichkeit und die Orientierung der Gefühle und Gedanken nach einer bestimmten Richtung [...], erfordern nicht immer die gleichzeitige Anwesenheit mehrerer einzelner an einem einzigen Ort. Tausende von getrennten einzelnen können im gegebenen Augenblick unter dem Einfluß gewisser heftiger Gemütsbewegungen, etwa eines großen nationalen Ereignisses, die Kennzeichen einer psychologischen Masse annehmen.27 Die Erklärung der Funktionsweise solcher Fernübertragung von Gemütsbewe- gungen bleibt er jedoch entweder weitgehend schuldig oder er argumentiert auf der Grundlage seiner Rassen- und Vererbungslehre, die in der Folge aber meist übergangen wird. Die Rezeption von Le Bons Massentheorie streicht dieses problematische Element und schafft damit eine Lücke im Text. Dieser erscheint infolgedessen entweder ausschließlich als Beschreibung von akuten Massenansammlungen oder als eine inkonsistente Gesellschaftsanalyse, deren Mangel sich daraus ergeben soll, dass eine Massengesellschaft nur mittels Me- 25 Le Bon (1957), Psychologie der Massen, S. 62 und vgl. auch S. 135. 26 Gustave Le Bon, Psychologische Grundgesetze in der Völkerentwicklung, Leipzig, 1922 [frz. OA 1894], S. 10. 27 Le Bon (1957), Psychologie der Massen, S. 11 und vgl. auch S. 106. 268 CHRISTINA BARTZ dien, die Fernübertragung organisieren, erklärbar ist. Anders gesagt: Die Exis- tenz von Techniken, denen das Potenzial synchroner gesellschaftsweiter Ad- ressierung zugesprochen wird, macht die Idee raum-zeitlich verstreuter Mas- sen ohne solche Mittel uneinsichtig. Medien der synchronen Fernübertragung können die durch die Streichung der Rassenlehre in der Rezeption entstandene Lücke schließen. Medien, genauer Massenmedien dienen dann der Plausibili- sierung von Le Bons Psychologie der Massen vom Ende des 19. Jahrhunderts (und Massenmedien werden mit Bezug auf Le Bon erläutert).28 Mit Massen- medien und im Besonderen dem Rundfunk steht eine Erklärung für die Über- tragung zwischen den verstreuten Einzelnen zur Verfügung, so dass sich nachvollziehbar formulieren lässt, dass sich die Einheit ,Massenseele‘ auch über die Distanz herstellen kann. Mit dem Aufkommen des Hörfunks und spä- ter des Fernsehens wird zunehmend ein Zusammenhang aus Massenmedien und Massengesellschaft im Sinne einer Massendaseins, das nicht auf die Prä- senz anderer angewiesen ist, formuliert. Dies gilt auch für die Studie Die einsame Masse, die in den 1950er Jahren entsteht und u. a. auf das Verhältnis von Masse bzw. Gesellschaft und ,Mas- senkommunikationsmittel‘ eingeht.29 Medien, auch jenseits der genannten Verbreitungsmedien, spielen darin eine prominente Rolle. Sie haben dabei aber weniger die Funktion eines Mittlers, der die Übertragung zwischen den Massepartikeln organisiert. Vielmehr ist der Mensch selbst in einem spezifi- schen Sinne medial verfasst, insofern er gleich einer Empfangsapparatur für Signale funktioniert. Der Massenmensch als informationsverarbeitende Maschine Die Massenpsychologie um Le Bon sieht in der Masse eine selbstorganisieren- de und damit Kontrolltechniken wenig zugängliche Einheit, die aus entindivi- dualisierten Einzelnen besteht. Jegliche Form der Selbstführung und –diszipli- nierung des Masseeinzelnen wird ebenfalls ausgeschlossen, und zwar u. a. über die Metapher des Automaten. Dem gegenüber verstehen Riesman/Den- ney/Glazer die Masse und ihre Organisationsprinzipien als Mechanismen so- wohl der Selbst- wie auch Fremdsteuerung: Sie entwerfen die Massengesell- schaft gerade im Hinblick auf ein Steuerungswissen. Hintergrund ist auch bei ihnen die Automatengleichheit des Massenmenschen, die sich jedoch nicht wie bei Le Bon in einer wenig präzisen Metapher erschöpft. Vielmehr bietet der Automat, genauer drei verschiedene seiner Bauprinzipien, die mit his- torisch unterschiedlichen Produktionssystemen korrespondieren, ein Modell zur Beschreibung von drei verschiedenen Charaktertypen, die jeweils in ver- 28 Vgl. Bartz: (2007), MassenMedium Fernsehen, S. 63-69 29 Vgl. Riesman/Reuel/Glazer (1961), Die einsame Masse, S. 211-213. Irritierender Weise fin- det sich der Begriff der Masse äußerst selten in der Studie. DIE MASSE UND DER AUTOMAT 269 schiedenen historischen Perioden dominieren: Der Traditionsgeleitete stellt die älteste Form dar, die in der Feudalgesellschaft vorherrschend war. Mit der In- dustrialisierung kommt der innengeleitete Mensch auf, der im post-industriel- len Zeitalter zunehmend an Bedeutung verliert, weil nun der Typus des Au- ßengeleiteten dominiert.30 Die Korrespondenz zwischen Produktionsprozess und Charaktertypus formulieren sie dabei äußerst konsequent aus, indem sie nicht allein deren kausalen Zusammenhang offenlegen31, sondern die automa- tisierten Produktionsprozesse als Vorbild für die Beschreibung der Typologien benutzen. Die Organisationsform der Produktionsstätten wird im Zuge dessen zur Organisationsform des Menschen der modernen Gesellschaft. Dieser wird – wie bei Le Bon – zum Automaten, doch der Automat ist ein anderer, inso- fern es sich beim Außengeleiteten, wie die US-amerikanischen Soziologen ihn entwerfen, um ein informationsverarbeitendes und auf Empfang gestelltes System handelt. Das Modell dieses Systems finden Riesman/Denney/Glazer vor allem in den Telefonfabriken, denn dort wird „die ,Seele des modernen Arbeiters wie- derentdeckt‘.“32 Der Außengeleitete bildet sich in der automatisierten und in- formationstechnologisch dominierten Produktion, also dort, wo das „Tele- phon, automatische Steuerungsanlagen, die Hollerithmaschine, die elektroni- sche Kalkulationsmaschine und neue statistische Methoden für Qualitätsunter- suchungen [...] ihren Einzug“33 halten. Die Telefonfabrik, die Riesman/Den- ney/Glazer exemplarisch als Modellgeber für den modernen Menschen nen- nen, besteht aus einem ganzen Konglomerat aus Maschinen und Verfahren der Produktionssteuerung und Betriebsführung, in der verschiedene Ebenen inein- andergreifen, indem nicht nur Aspekte der Produktionsorganisation, sondern auch der innerbetrieblichen, d. h. die zwischenmenschliche, Kommunikation relevant sind. Und nicht zuletzt sind die Telefonfabriken der Ort, an dem Fra- gen der Informations(fern)übertragung bearbeitet werden – ein Moment, das sich in der Beschreibung des Außengesteuerten niederschlägt: So verfügt er über eine „Radar-Anlage“ bzw. „empfindliche[.] Radarausrüstung“34, mit der er permanent „Signale von nah und fern [...] empfangen“35 und die „Schwin- gungen“36 bzw. „Handlungsimpulse“37 aus der Umwelt aufnehmen kann, die er zur Informationsgewinnung nutzt. In der Umwelt findet ein ununterbrochener 30 Im Folgenden wird aus textökonomischen Gründen ausschließlich der außengeleitete Typus thematisiert. 31 Hier wurde den Autoren auch Ungenauigkeit vorgeworfen, denn laut der Rezension von Erich Franzen haben Riesman/Denney/Glazer aufgrund ihrer anti-materialistischen Haltung die Produktionsverhältnisse übersehen. Vgl. Erich Franzen, „Soziologie des Konsumenten“, in: Merkur, 2 (1958), S. 183-186. 32 Riesman/Reuel/Glazer (1961), Die einsame Masse, S. 139. 33 Ebd. 34 Ebd. Vgl. zum Terminus „Radar“ auch ebd., S. 41, S. 49, S. 69 und S. 311. 35 Ebd., S. 41. 36 Ebd., S. 197. 37 Ebd., S. 193. 270 CHRISTINA BARTZ „Signalwechsel“38 statt, der je nach Häufigkeit zur Überlastung führt, was den Effekt hat, dass der Außengeleitete seinen Empfang einstellt, sich also ,ab- schaltet‘.39 Das System überprüft aber durch Feedback autonom, „ob seine Ra- darausrüstung auch noch richtig funktioniert.“40 So entwerfen Riesman/Den- ney/Glazer den Menschen als eine Maschine, die sich durch einen spezifischen Rezeptor auszeichnet und Informationen in Form von Signalen aufnimmt und verarbeitet. Der Verarbeitungsprozess funktioniert zwar gleichsam „automa- tisch“41, damit aber nicht unkontrolliert, insofern er eben zum einen durch Feedback abgesichert wird und zudem als komplexes Programm der Sinnge- bung der Signale beschrieben wird. Zur Formulierung dieses Menschentypus scheinen sie auf ein Steuerungs- wissen zu rekurrieren, wie es seit den 1940/50er Jahre unter dem Namen Ky- bernetik firmiert und u. a. im Kontext neuer technologischer Entwicklungen der Zeit steht. Ausgehend vom Computer will die Kybernetik ein universelles Modell der informationsverarbeitenden Systeme vorlegen, in der „der Mensch nur ein besonderer Fall der Informationsmaschine [ist] und die Informations- maschine zum Oberbegriff aller ,Kommunikation‘ [wird]. Das menschliche Selbst erscheint ,computationally constituted‘ [...].“42 Unterschiede zwischen Maschine und Mensch sind damit hinfällig. Stattdessen stellt die Informations- verarbeitung ein Modell dar, dessen Gültigkeit universell sein soll – gleich ob es sich um ,lebende Zellen‘, ,Kollektive‘ oder ,Relais‘ handelt. Sie funktionie- ren gemäß der Kybernetik analog. In Entsprechung dazu konzipieren Ries- man/Denney/Glazer den Außengelenkten. Dabei stellt die Rechenmaschine nicht nur das Modell für diesen Typus, sondern auch den Ausgangspunkt sei- ner Entstehung, insofern er in die neuartigen Produktionsprozesse eingebun- den ist und sich in den Telekommunikationsunternehmen findet. In den Tele- fonfabriken wird die Informationstheorie43 zu den neuen Maschinen entwickelt wird, und so gleicht er auch deren Apparaturen. Sie bieten das Modell zu sei- ner Beschreibung und dies in mehrfacher Hinsicht: Erstens folgen wie gesagt Maschine und Mensch ganz im Sinne der Kybernetik der gleichen Funktions- logik eines informationsverarbeitenden Systems. Damit verbunden ist zwei- tens, dass sich eine entsprechende Begrifflichkeit herausbildet, mit der der Ty- pus erfasst werden kann. Darüber hinaus bildet sich der Typus drittens genau an diesen Maschinen heraus, insofern er Bestandteil eines umfassenden ,Re- gelbetriebes‘44 ist, dessen Effektivität von der Funktionstüchtigkeit der einzel- 38 Ebd., S. 50. 39 Vgl. ebd., S. 119. 40 Ebd., S. 87. 41 Ebd., S. 119. 42 Claus Pias, „Zeit der Kybernetik – Eine Einstimmung“, in: ders. (Hg.), Cybernetics – Kyber- netik. The Macy-Conferences 1946-1953, Zürich, Berlin, 2004, S. 9-41: 14. 43 Axel Roch, Claude E. Shannon: Spielzeug, Leben und die geheime Geschichte seiner Theorie der Information, Berlin, 2010. 44 Ebd., S. 254. DIE MASSE UND DER AUTOMAT 271 nen Subsysteme abhängt. Der Mensch nach dem Modell der Kybernetik er- scheint eingebunden in eine analog organisierte Produktion und Gesellschaft. Entsprechend des Universalitätsanspruchs funktionieren Produktion und die Gesellschaft als Ganzes nach dem Modell der Informationsverarbeitung, in das der Mensch eingebunden ist. Die außengeleitete Charakterstruktur ist somit Bestandteil einer technologi- schen Revolution, die nicht nur neue Apparaturen produziert, sondern auch entsprechende Menschen hervorbringt. Diese funktionieren gleich den Ma- schinen anders als die der vorhergehenden Phase.45 Die technologische Revo- lution wird so auch zu einer Revolution der Persönlichkeitsstruktur und das mit weitreichenden Konsequenzen, denn mit der geänderten und kybernetisch erklärten Persönlichkeitsstruktur hält ein umfassendes Steuerungswissen Ein- zug, das nicht nur der Kontrolle der Maschinen dient, sondern auch selbsttech- nologisch wirksam ist. Eine auf den Menschen bezogene Kybernetik stellt den Einzelnen in den Kontext eines auf sich selbst bezogenen Lenkungswissens, mittels dessen Hilfe Selbstadjustierungen möglich sein sollen. Die Kybernetische Anthropologie, wie Stefan Rieger sie aufarbeitet, schreibt „dem Menschen als ihren Gegenstand Mechanismen der Rückbezüg- lichkeit, der Selbstverwaltung und der Selbstregulation zu bzw. ein.“46 Model- le des Feedbacks und der Kopplung an die Umwelt, wie sie die Kybernetik formuliert, liefert ein Wissen im Sinne einer „Selbstverwaltungslehre“.47 Als kybernetisch erklärbarer Mechanismus ist der Mensch einem Selbstoptimie- rungsparadigma unterworfen, dem er durch Anpassungsleistung an die Um- welt nachkommt, zu deren Input er sich dem entsprechend permanent zu ver- halten hat. Seine Selbstadjustierung ist damit eine, die sich in Abhängigkeit von empfangenen Umweltdaten vollzieht, was jedoch nicht zwingend bedeu- tet, dass er sich diesen Einflüssen wahllos aussetzt.48 Vielmehr besteht die ge- lungene Selbstführung in einer Art Ausrichtung zum sozialen Umfeld, das sich durch hohe Komplexität auszeichnet – eine Komplexität, die u. a. auf Tele- Medien zurückzuführen ist. Diese steigern die Menge und die Varietät der empfangbaren ,Signale‘, wie Riesmann/Denney/Glazer u. a. anhand des Ko- chens und Essens sowie der damit einhergehenden Kochbuch-Kultur exempli- fizieren: An die Stelle eines herkömmlichen Mahls bestehend aus Fleisch und 45 Der innengeleitete Mensch soll eine Entsprechung der Maschinen der Industrialisierungsperi- ode darstellen. Er enthält einen „Kreiselkompaß“, der die innere „Drehzahl“ festlegt, nach der ,gearbeitet‘ wird. Riesman/Reuel/Glazer (1961), Die einsame Masse, S. 59. 46 Stefan Rieger, Kybernetische Anthropologie. Eine Geschichte der Virtualität, Frankfurt/M., 2003, S. 17. 47 Ebd., S. 20. 48 Der Innengeleitete unterscheidet sich dementsprechend vom Außengeleiteten durch eine an- dersartige Selbsttechnologie: „Das Tagebuch ist ein wesentlicher Ausdruck dieses neuen Cha- raktertypus und kann als eine Art ,Zeit- und Bewegungsstudie‘ angesehen werden, mit der das Individuum Tag für Tag seine Leistungen aufzeichnet und wertet – ein Beweis für die Tren- nung zwischen handelndem und sich kontrollierendem Selbst.“ Riesman/Reuel/Glazer (1961), Die einsame Masse, S. 58. 272 CHRISTINA BARTZ Kartoffeln propagierten die neuen Kochbücher Rezepte einer fremdländischen Küche verschiedener Herkunft. Die Küche des außengeleiteten Typus zeichne sich demzufolge durch hohe Varietät aus, während der innengeleitete sich mit nichts weiter als bekannter Hausmannskost begnüge. Die breiten kulinarischen Kenntnisse der außengeleiteten Charakterstruktur gingen jedoch auch mit der Notwendigkeit einher, einen persönlichen Geschmack herauszubilden.49 Das einfache Beispiel verdeutlicht nicht nur die Komplexität der Umwelt des Au- ßengeleiteten, die aus einer uneinheitlichen Signalgemengelage besteht, auf die er sich gemäß Riesmann/Denney/Glazer ,einzustellen‘ hat, sondern stellt auch die Schwierigkeit der gelungenen Selbstadjustierung dar, insofern (im Rahmen des Beispiels der vielen nationalen Küchen) die Herausbildung eines persönlichen Geschmacks gefordert ist. Dies – also die Gewinnung eines indi- viduellen kulinarischen Geschmacks aus den Nachrichten der Signalgeber Kochbücher – hat nichts zu tun mit dem ,Spielball empfangener Reize‘, der der Massenmensch in der Massenpsychologie Le Bonscher Prägung ist. Der außengesteuerte Typus ist kein Spielball, sondern ein selbstregulierender Me- chanismus, der sich auf seine Umwelt einstellt und ggf. auch den Empfang der Umweltdaten abstellt. Selbstmanagement und seine Funktionsweise werden somit zum zentralen Gesichtspunkt der soziologischen Analyse der außenge- führten Charakterstruktur – ein Moment, das in der massenpsychologischen Betrachtung mit ihren biologistischen Anleihen vollkommen ausfällt, weil der Einzelne als Bestandteil der Massenseele seinen Subjektstatus verliert. Mit der Rede von der Massenseele wird jegliche Form der Kontrolle verabschiedet, weil der Einzelne nicht mehr adressierbar ist. Zusammenfassend lässt sich formulieren, dass Riesman/Denney/Glazer die Konzepte der Psychologie durch die Informationstheorie ersetzen und infolge- dessen auch den Vergleich von Mensch und Maschine unterschiedlich ausle- gen. Der Mensch als Automat ist bei Riesman/Denney/Glazer im Sinne einer Maschine, die ihr Programm ausführt, indem sie Informationen aufnimmt und verarbeitet, zu verstehen und bildet keine (unpräzise) Metapher einer psycho- logischen Beschreibung, die versucht ohne den Einzelnen als intentional han- delndes Subjekt auszukommen, und zwar mit der Begründung, dass sich das Subjekt in der Masse verliert wird. Das Subjekt sowie seine kybernetische Funktionsweise spielen dagegen bei Riesman/Denney/Glazer eine zentrale Rolle. ,Die einsame Masse‘ versucht gerade mittels der Anleihen bei der Ky- bernetik eine Analyse des Subjekts und seiner Subjektivierung in der Massen- gesellschaft (auch wenn sie selbst den Begriff nicht verwenden). Subjektivie- rung wird dabei als ein Prozess der Selbststeuerung durch Informationsaufnah- me und -verarbeitung verstanden und mittels der angesprochenen Informa- tionsaufnahme ist das Subjekt an seine soziale Umwelt, die als Signalgeber 49 Vgl. Riesman/Reuel/Glazer (1961), Die einsame Masse, S. 154-157. DIE MASSE UND DER AUTOMAT 273 fungiert, gekoppelt. Anders gesagt: Subjektivierung und Massengesellschaft sind hier eng aufeinander bezogen und markieren keine Gegensätze. Literatur Anders, Günther, Die Antiquiertheit des Menschen, Bd. 1. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München, 1994. [1956] Bartz, Christina, MassenMedium Fernsehen. Die Semantik der Masse in der Medien- beschreibung, Bielefeld, 2007. Bublitz, Hannelore, In der Zerstreuung organisiert. Paradoxien und Phantasmen der Massenkultur, Bielefeld, 2005. Dies., „Subjekt“, in: Clemens Kammler et al. (Hg.), Foucault Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart, Weimar, 2008, S. 293-296. Dies., „Automatismen formieren Subjekte“, in: dies./Roman Marek/Christina L. Stein- mann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 30-35. de La Mettrie, Julien Offray, „Der Mensch eine Maschine“, in: Klaus Völker (Hg.), Künstliche Menschen, 1994, S. 78-102. de Man, Hendrik, Vermassung und Kulturverfall. Eine Diagnose unserer Zeit, Mün- chen, 1951. Engell, Lorenz/Vogl, Joseph, „Vorwort“, in: dies. et al. (Hg.), Kursbuch Medienkultur. Die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard, Stuttgart, 1999, S. 8-11. Fischer, E. Kurt, „Vom Massengeschmack“, in: Rufer und Hörer 7, (1952/1953), S. 509-512. Foucault, Michel, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt/ M., 1994. [Frz. OA 1975.] Geiger, Theodor, Die Masse und ihre Aktion. Ein Beitrag zur Soziologie der Revolu- tion, Darmstadt, 1967. [1927] Johach, Eva, „Andere Kanäle. Insektengesellschaften und die Suche nach den Medien des Sozialen“, in: Zeitschrift für Medienwissenschaft, 4 (2011), S. 71-82. Kehrer, H. 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Rafael, Vicente L., „The Cell Phone and the Crowd: Messianic Politics in the Contem- porary Philippines“, in: Public Culture, 15 (2003), S. 399-425. 274 CHRISTINA BARTZ Reiwald, Paul, Vom Geist der Massen. Handbuch der Massenpsychologie, Zürich, 1948. Rieger, Stefan, Kybernetische Anthropologie. Eine Geschichte der Virtualität, Frank- furt/M., 2003. Riesman, David/Denney, Reuel/Glazer, Nathan, Die einsame Masse. Eine Untersu- chung der Wandlungen des amerikanischen Charakters, Hamburg, 1961. [OA USA 1950.] Roch, Axel, Claude E. Shannon: Spielzeug, Leben und die geheime Geschichte seiner Theorie der Information, Berlin, 2010. Stäheli, Urs, „Emergenz und Kontrolle in der Massenpsychologie“, in: Eva Horn/Lu- cas Marco Gisi (Hg.), Schwärme. Kollektive ohne Zentrum. Eine Wissensgeschichte zwischen Leben und Information, Bielefeld, 2009, S. 85-99. Vleugels, Wilhelm, Die Masse. Ein Beitrag zur Lehre von den sozialen Gebilden, München, Leipzig, 1930. Wiese, Leopold von, System der Allgemeinen Soziologie als Lehre von den sozialen Prozessen und den sozialen Gebilden der Menschen (Beziehungslehre), Berlin, 1955. [1933] MIRNA ZEMAN NATION UND SERIALITÄT Eine Vielzahl sozial- und kulturwissenschaftlicher Beobachter von Subjekti- vierungsprozessen in der spätkapitalistischen Moderne scheint in einem Punkt einig zu sein: In der individualisierten und globalisierten Gesellschaft der Ge- genwart verlieren traditionelle Identitätsmuster an Bedeutung. Wirtschaftliche, mediale und soziale Entgrenzungen und Enträumlichungen, so die vorherr- schende Auffassung, setzen das Individuum aus dem Korsett traditioneller Ortsbezüge und den Bauplänen des marodierenden Identitätstechnologen „Na- tionalstaat“ frei und entlassen es in die Freiräume des Bastelns an seinem Selbst in eigener Regie.1 Die Rede von einer ,Dezentrierung‘ von Identitäten impliziert die Annahme eines Rückzugs traditioneller raumbezogener ‚kollek- tiver Selbste‘.2 Für den postmodernen Baumeister seines Selbst scheint die na- tionale Identität keine Alternative mehr zu sein: „In dem Maße, wie sich über Prozesse reflexiver Modernisierung traditionale kollektive Identitätsmuster als Bestimmungsfaktor des Subjektes in einen Fluxus von situativen Anbindun- gen auflösen“, schreiben etwa die Soziologen Heiner Keupp, Renate Höfer u. a. muss sich das Individuum auch in neuer Form sozial verorten. Die Option, sich über verschiedene intermediäre Ebenen der sozialen Einbettung auf diese Gesell- schaft in toto zu beziehen (etwa indem man sich als ‚Deutscher‘ oder ‚Franzose‘ definiert), ist weitgehend entfallen.3 Solche Interpretationen, die der Spätmoderne einen neuen Schub von Indivi- dualisierung und einen „Anstieg subjektzentrierter Formen gegenüber kollekti- 1 Vgl. z. B. Helmuth Berking, „Kulturelle Identität und kulturelle Differenz im Kontext von Globalisierung und Fragmentierung“, in: Dietmar Loch/Wilhelm Heitmeyer (Hg.), Schatten- seiten der Globalisierung, Frankfurt/M., 2001, S. 91-110; Manuel Castells, The Rise of The Network Society, Cambridge, MA, 1996; vgl. auch Ulrich Beck, Risikogesellschaft, Frank- furt/M., 1986; ders./Elisabeth Beck-Gernsheim, Riskante Freiheiten, Frankfurt/M., 1994. 2 Zusammenfassend bei Rolf Eickelpasch/Claudia Rademacher, Identität, Bielefeld, 2004; zu den Konzepten der „Kultur ohne Zentrum“ und der „Entbettung“ des Subjekts aus der Zwangsvergemeinschaftung von Individuen in Ethnien und Nationen siehe u. a. Kien Nghi Ha, „Ethnizität, Differenz und Hybridität in der Migration: eine postkoloniale Perspektive“, in: Prokla, 38 (2000), S. 377-397; dieser Tenor herrscht auch in der neueren soziologischen Theorie, die die vielfältigen Formen der individual-kombinatorischen Subjektwerdung jen- seits traditioneller Bindegeflechte und territorialer Zugehörigkeiten beschreibt. 3 Heiner Keupp/Renate Höfer/Anil Jain/Wolfgang Kraus/Florian Straus, „Zum Formenwandel sozialer Landschaft in der reflexiven Moderne – Individualisierung und posttraditionelle Ligaturen“, S. 13, unter http://www.ipp-muenchen.de/texte/sozialelandschaften.pdf, zuletzt aufgerufen am 05.09.2012. 276 MIRNA ZEMAN ven Strukturen“4 attestieren, mögen richtig sein, dennoch sind sie insofern ein- seitig, als sie das schlichte Szenario einer De-Nationalisierung des Sozialen anbieten. Demgegenüber gehen die folgenden Ausführungen davon aus, dass die ‚Option‘ des nationalen Bezugs auch in der Ära der Globalisierung keines- wegs entfällt,5 sondern dass sich das nationale, kollektive Identitätsangebot dem Individuum nach wie vor aufdrängt. Unter anderem und in einem ver- stärktem Maße erfolgt dies durch Adressierung und ‚Anrufung‘ der Subjekte als nationale durch Wirtschaftskrisendiskurse, ökonomische Dispositive, na- tional konnotierte Warenwelt und Produktkommunikation. Durch Prozesse also, die das Subjekt weder intendiert noch unbedingt durchschaut. Psychoanalytische, interdiskurstheoretische und diverse kulturwissenschaft- liche Theorien zu Nationen machen dem rational handelnden Subjekt die Re- gierolle in den Prozessen nationaler Identitätsstiftung strittig, indem sie einer- seits betonen, dass das ‚nationale Selbst‘ sich aus der Dynamik des Unbewuss- ten im Verhältnis zum Anderen – aus der Logik des sich (Be-)Spiegelns im Gegenüber (im Fremden/in den Medien) – herausbildet.6 Andererseits machen diese Modelle deutlich, dass für die Herausbildung nationaler Identitäten ein für die Beteiligten opak bleibender Regelkreis zwischen Reproduktionsprozes- sen alltäglicher Praktiken und stereotyper Zuschreibungen verantwortlich 4 Karin Knorr Cetina, „Umrisse einer Soziologie des Postsozialen“, aus dem Englischen übersetzt von Alexandra Hessling und Hanno Pahl, in: Lars Meyer, Hanno Pahl (Hg.), Kognitiver Ka- pitalismus. Soziologische Beiträge zur Theorie der Wissensökonomie, Marburg, 2007, S. 25-40, zit. n. Online-Version unter http://www.prognosen-ueber-bewegungen.de/files/98/file/knorr- cetina-soziologie_des_postsozialen.pdf, S. 1-15: 4, zuletzt aufgerufen am 15.09.2012. 5 Als eine der möglichen Konsequenzen der globalen Integrationsprozesse sah Stuart Hall in ei- nem Aufsatz von 1994 die Stärkung der nationalen und anderen lokalen oder partikularisti- schen Identitäten voraus. Vgl. Stuart Hall, „Die Frage der kulturellen Identität“, in: ders., Ras- sismus und kulturelle Identität, Berlin, Hamburg, 1994, S. 180-222. Ronald Robertsons Kon- zept der „Glokalisierung“ trägt dem Umstand Rechnung, dass die Globalisierungsprozesse u. a. mit einer (Neu-)Erfindung der Lokalität, der Stärkung regionaler Identitätsformen sowie einer Anpassung der global vermarkteten und verkauften Produkte an die lokalen/regionalen Märkte und Kulturen einhergehen. Dieser Dialektik der Globalisierung scheinen auch die zu- nehmende Ökonomisierung des Nationalen und Nationalisierung der Ökonomie zu gehor- chen. Vgl. Robert Robertson, „Glokalisierung: Homogenität und Heterogenität in Raum und Zeit“, in: Ulrich Beck (Hg.), Perspektiven der Weltgesellschaft, Frankfurt/M., 1998, S. 192- 221. Zur Konjunktur des Nationalen in Europa seit 1989/90 siehe u. a. Irene Götz, „Zur Kon- junktur des Nationalen als polyvalenter Vergemeinschaftungsstrategie. Plädoyer für die Wie- derentdeckung eines Forschungsfeldes in der Europäischen Ethnologie“, in: Zeitschrift für Volkskunde 107, 2 (2011), S. 129-154. 6 Vgl. Slavoj Žižek, „Genieße Deine Nation wie Dich selbst! Der Andere und das Böse – Vom Begehren des ethnischen ‚Dings‘, in: Joseph Vogl (Hg.), Gemeinschaften. Positionen zu einer Philosophie des Politischen, Frankfurt/M., 1994, S. 133-164. Siehe auch Katharina Grabbe/ Sigrid G. Köhler/ Martina Wagner-Egelhaaf (Hg.), Das Imaginäre der Nation. Zur Persistenz einer politischen Kategorie in Literatur und Film, Bielefeld, 2012. Vgl. auch die Sektion „Kollektive“ in der Einleitung zu diesem Band. NATION UND SERIALITÄT 277 zeichnet.7 Auch in der Spätmoderne hat das autonome Subjekt bei diesen Pro- zessen die Zügel nicht in der Hand: Nationale Identitäten strukturieren sich ge- genwärtig nicht anders, als durch Vorgänge, die sich weitgehend ‚hinter dem Rücken‘ bzw. unter dem Radar des Bewusstseins der beteiligten Individuen abspielen. Im Folgenden möchte ich dahingehend argumentieren, dass mo- derne wie spätmoderne ‚Franzosen‘, ‚Deutsche‘, ‚Kroaten‘ und ‚Brasilianer‘ nicht als autonome Wähler ihrer nationaler Zugehörigkeit aufzufassen sind, sondern vielmehr als unfreiwillige Mitglieder einer unbewussten, nicht-selbst- bewussten Kollektivitätsform, die in Anlehnung an Jean Paul Sartre nationale ‚Serie‘ genannt werden kann. Im Unterschied zur Moderne – und dies ist mei- ne zweite These – avanciert in der Spätmoderne der Automatismus des seriel- len Warenkonsums zunehmend zum Vehikel nationaler Kollektivität. Serie und Gruppe: Sartre Das Konzept ‚nationaler Serien‘ unterscheidet sich vom klassischen Modell ‚nationaler Identitäten‘ durch das Kriterium ‚Automatismen‘. Das klassische Konzept kollektiver Identität impliziert nach vorherrschender Auffassung das Moment des Bewusstwerdens, der Reflexivität und der Intentionalität: Kollek- tive Identität wird häufig als Prozess definiert, in dem verschiedene Akteure sich selbst als Gruppenmitglieder bewusst werden und unter kognitiven und emotionalen Engagement als selbstreflexive kollektive Akteure auf ein ge- meinsames Ziel hin handeln.8 Demgegenüber steht das Modell der Kollektivi- tätsform „Serie“, die Jean Paul Sartre entwickelte.9 In der Serie – einer Struk- tur, die nach Sartre eine „grundlegende Konstitution der Sozialität“10 darstellt – sind vereinzelt handelnde und einander fremd (ein Anderer) bleibende Indi- viduen durch das ‚praktisch-inerte Feld‘ vereint, das als „Selbstreferentialität der freien Praxis auf der Ebene der Dinge und des Technischen, der Kultur- 7 Siehe Jürgen Link/Wulf Wülfing (Hg.), Nationale Mythen und Symbole in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Strukturen und Funktionen von Konzepten nationaler Identität, Stutt- gart, 1991. Vgl. dazu das Zitat von Ute Gerhard und Jürgen Link in der Einleitung, S. 29 f., im vorliegenden Band. 8 Siehe dazu u. a. Carolin Emcke, Kollektive Identitäten. Sozialphilosophische Grundlagen, Frankfurt/M., 2000; Sebastian Haunss, „Was in aller Welt ist ‚kollektive Identität‘? Bemer- kungen und Vorschläge zu Identität und kollektivem Handeln, in: Gewerkschaftliche Monats- hefte, 5 (2001), S. 258-267, online unter: http://library.fes.de/gmh/main/pdf-files/gmh/2001/ 2001-05-a-258.pdf, zuletzt aufgerufen am 15.09.2012. 9 Siehe Jean Paul Sartre, Kritik der dialektischen Vernunft, Bd. 1.: Theorie der gesellschaftli- chen Praxis, Reinbek bei Hamburg, 1967, S. 270-367. Vgl. auch Emcke (2000), Kollektive Identitäten, S. 97-137 sowie Audun Øfsti, „Macht – Überlegungen zu Hannah Arendt, Sartre und Habermas, zu Strukturalismus und Systemtheorie“, in: Bernd Naumann/Helgard Mahrdt/ Martin Frank (Hg.), „The Angel of History is looking back.“ Hannah Arendts Werk unter po- litischem, ästhetischem und historischem Aspekt, Würzburg, 2001, S. 195-225. 10 Sartre (1967), Kritik, S. 286 278 MIRNA ZEMAN phänomene der Menschenprodukte“11 in Erscheinung tritt. Das ‚praktisch-in- erte‘ Feld kann man als eine von Menschen anonym und ungewollt erzeugte praktisch-materielle Realität (beispielsweise die eines Verkehrsstaus, der Mas- senmedien, des Marktes oder des Klimawandels) denken, mittels derer die Konsequenzen der Handlungen Einzelner (deren Impuls durchaus auch vom Bewusstsein kommen kann und die auch in Form ‚aktiver Passivität‘ auftreten können und in beiden Fällen die ‚passive Aktivität‘ des Feldes „beleben“ bzw. „füttern“) auch die Anderen erreicht.12 Es ist die unbewusst erzeugte, gemein- same materielle Umwelt, die die Handlungsmöglichkeiten Einzelner mehr oder weniger begrenzt, wobei der Einzelne gewissermaßen selbst – anonym – zu den Anderen gehört, die die Einengung herbeiführen, etwa dadurch, dass er durch das bloße Festsitzen die Anzahl der im Stau Stehenden vergrößert. Seri- elles Kollektiv ist „gleichzeitig das Resultat von Einzelunternehmen und die radikale Umkehrung der Finalität“13. In der Serie vereinte Einzelne sind auf eine nicht intendierte Weise wech- selseitig für einander relevant und als Exemplare, die dieselbe inerte Praxis (des Im-Stau-Stehens) hervorbringt, vollkommen austauschbar, i. e. identisch. In Moment des Verkehrsstaus macht es nämlich keinen Unterschied, ob sich die festsitzenden Akteure durch biologische oder soziale Merkmale unter- scheiden. „Jeder ist mit Anderen identisch, insofern er durch die Anderen zum Anderen gemacht wird, der auf die Anderen einwirkt.“14 Der Stau macht aus Einzelindividuen eine Serie, indem er „jeden von ihnen in ihrer Identität als ei- nen Anderen konstituiert.“15 Diese formale und allgemeine Alteritätsstruktur nennt Sartre „die Vernunft der Serie“16. Die Beziehung zwischen den Gliedern der seriellen Vielheit kann direkt sein, also auf Anwesenheit (Kopräsenz im Verkehrsstau) gründend oder auch indirekt – als Abwesenheitsbeziehung (etwa zwischen den Hörern einer Radiosendung), wobei im letzteren Fall das Praktisch-Inerte (Massenmedium) nicht nur die Einheit, sondern auch die Trennung außerhalb seiner „in der anorganischen Materie der Individuen“17 hervorbringt und „ihre Kommunikation durch die Alterität“18 sichert. Sartres Beispiele für serielle Kollektivität, die immer auch serielle Ohn- macht bedeutet, sind Paniksituationen, der Markt (laut Sartre eine Form radi- kaler Atomisierung/Vermassung), die Klassenserialität, die öffentliche Mei- nung oder die Verbreitung von Nachrichten und Gerüchten. Dies sind laut 11 Christoph Weismüller, Zwischen analytischer und dialektischer Vernunft. Eine Metakritik zu Jean Paul Satres Kritik der dialektischen Vernunft, Würzburg, 2004, S. 125. 12 Siehe dazu Audun Øfsti, „Wissen – Macht – Freiheit. Zur Ontologie des Sozialen“, online unter: http://www.dgphil2008.de/fileadmin/download/Sektionsbeitraege/23_Ofsti.pdf, S. 3, zuletzt aufgerufen am 15. 09.2012; sowie ders., (2001), Macht – Überlegungen, S. 201. 13 Sartre (1967), Kritik, S. 324 14 Ebd., S. 281. 15 Ebd., S. 294. 16 Ebd. [Herv. i. O.] 17 Ebd., S. 289. 18 Ebd. [Herv. i. O.] . NATION UND SERIALITÄT 279 Sartre alles Situationen, in denen „die Vielheit durch eine zirkuläre Rückläu- figkeitsbewegung versammelt wird“19 und in denen das Individuum als Glied der Serie „alterierte Verhaltensweisen annimmt“20, indem jede Aktion des Einzelnen die Aktion des Anderen in ihm ist. Im Individuum der Serie, die „Arbeit aller als andere“21 verrichtet, träumt „die halb-automatisierte Ma- schine“22. Gleichzeitig schlummert in der Serialität die Möglichkeit ihrer eige- nen Negation durch Gruppenbildung. Die erste Strukturierung der Gruppenbil- dung in actu, die für Sartre „ein Wiederaufleben der Freiheit“23 darstellt, ge- schieht der zukünftigen Gruppe von der Struktur des Praktisch-Inerten her, denn die fusionierende Gruppe bedarf der „Serialität im Zustand in ihrer Auf- lösung“24. Die Gruppe, für Sartre der zweite Typ der Sozietät, konstituiert sich als Ne- gation serieller Kollektivität und bewahrt diese gleichzeitig in sich auf. Am Beispiel der Verkettung unorganisierter lokaler Erhebungen und Kampfereig- nisse in Paris des Revolutionsjahres 1789 zeigt Sartre, wie in einer „Apoka- lypse“25 Serialität vis-à-vis einer konkreten Drohung ihrer Negation durch An- ti-Gruppe (Massaker der Milizen als äußerste Negation der Serie) in eine – sich im seriellen Medium der Nachahmung – fusionierende Gruppe umschla- gen kann. „Durch das Nebeneinanderbestehen der beiden Strukturen [der seri- ellen Ohnmacht und der Gegen-Gruppe als deren Negation, M. Z.]“, schreibt Sartre, sieht sich daher jeder weiterhin im Anderen, aber er sieht sich in ihm als er selbst, das heißt hier als Totalisierung der Pariser Bevölkerung in ihm durch den Säbelhieb oder den Gewehrschuß, der ihn vernichten kann. Und diese Situation begründet das, was man unzutreffend mit Ansteckung, Nachahmung usw. be- 19 Ebd., S. 294. 20 Ebd., S. 293. [Herv. i. O.] 21 Ebd., S. 348. 22 Ebd., S. 348. Mit einem Automaten ist der Serien-Mensch insofern vergleichbar, weil er an den äußeren Zwang der Anderen und an den Rhythmus der Fabrik angepasst und ohnmächtig ist, allerdings verfolgt er auch bei der Arbeit aller, die er „als andere“ verrichtet, das, was er gerade für seine individuellen Ziele hält (etwa das Ziel, die eigene Familie zu ernähren). Während die Masse in der Massenpsychologie das Individuum zum Automaten macht und es damit als willentlich handelndes Individuum gleichsam ausstreicht/auslöscht, ist die Tren- nung von Individuum und Masse, Ich und Anderem hier aufgehoben; ‚der Andere‘(in der Masse) ist konstitutiver Teil des Individuums wie auch konstitutiv für soziale Zugehörig- keit(en). 23 Ebd., S. 428. 24 Weismüller (2004), Zwischen analytischer und dialektischer Vernunft, S. 165. Die Frage, ob die Serialität zur Gänze verschwinden vermag, lässt Sartre unentschieden (hätte er sich für das Verschwinden entschieden, dann hätte er die Dialektik aufgeben müssen). 25 So nennt Sartre in Anlehnung an Malraux die Auflösung der Serie in eine fusionierende Gruppe. „Diese noch nicht strukturierte, das heißt gänzlich amorphe Gruppe ist das unmittel- bare Gegenteil der Alterität. Im seriellen Verhältnis ist die Einheit als Vernunft ja immer wo- anders, in der Apokalypse dagegen ist die synthetische Einheit immer hier, wenn auch die Serialität zumindest als Auflösungsprozess enthalten bleibt und wenn sie auch ständig neu auftauchen kann.“ Satre (1967), Kritik, S. 382-383. [Herv. i. O.] 280 MIRNA ZEMAN zeichnet: In diesen Verhaltensweisen sieht in Wirklichkeit jeder im Anderen seine eigene Zukunft und entdeckt daher sein gegenwärtiges Handeln im Han- deln des Anderen. Nachahmen heißt bei diesen noch inerten Bewegungen, sich entdecken als einer, der dort drüben seine Aktion im Anderen und hier, in sich selbst, die Aktion des Anderen durchführt. Er flieht die Flucht des Anderen und seine eigene Flucht. […] Das geschieht ohne Verständigung noch Absprache – es ist vielmehr das Gegenteil einer Verständigung –, sondern indem er die Alteri- tät von der synthetischen Einheit einer zukünftigen organisierten Totalisierung der Ansammlung durch eine äußere Gruppe her realisiert und erlebt.26 In der fusionierenden Gruppe ist – wie in der inerten Serialität – das Verhalten jedes Einzelnen von dem Anderen motiviert und vermittelt, in der in einer ge- meinsamen Aktion vereinten fusionierenden Gruppe ist jedoch – im Unter- schied zum seriellen Dasein, wo der Andere überall ist – das Ich überall.27 In- dem er nicht mehr nur in demselben Boot sitzt wie der Andere, sondern an demselben Seil zieht wie der Andere, „befreit sich jeder Einzelne aus der Rol- le des passiven Anderen, der bewusstlos agiert, und ergreift die Rolle des Drit- ten, der die Übersicht hat und zwischen isolierten Einzelnen (kommunikativ) vermitteln kann.“28 Die Gruppe in actu und statu nascendi wird also selbst zum Medium. Nachdem die Gefahr von außen gebannt ist, nachdem sich ge- meinsam agierende Individuen der „Apokalypse“ zerstreut haben, muss die Gruppe, die ihre Einheit in der gemeinsamen Aktion fand, Mittel finden, auf sich selbst einzuwirken, wenn sie nicht gleich in die Serie zurückfallen und als Gruppe (auch nach der Verwirklichung unmittelbarer Ziele) überleben soll. Sie muss sich eine Beständigkeit, eine Materialität, eine Trägheitskraft ver- schaffen, um ihre eigene Permanenz zu retten.29 Die Einwirkung auf sich selbst wird durch den Eid geleistet – man schwört einander die Treue – und durch diesen wird man als „‚gemeinsames Individuum‘ geboren“30. Die Grup- pe fängt an, sich als gemeinsame zu reflektieren i e. sich als gemeinsame zu konstruieren: [D]ieser und ich, wir sind Brüder. Und diese Brüderlichkeit ist nicht, wie man es manchmal unsinnigerweise darstellt, auf die physische Ähnlichkeit gegründet, insofern sie die eigentliche Identität der Naturen ausdrückt. Warum soll denn eine Erbse in einer Konserve der Bruder einer anderen Erbse derselben Büchse sein. Wir sind Brüder, insofern nach dem schöpferischen Akt des Eides wir un- sere eigenen Söhne sind, unsere gemeinsame Erfindung.31 Doch der Eid verleiht der spontanen, freien Beziehungen zwischen den Indivi- duen der Gruppe insofern eine neue Qualität, als die Wechselseitigkeit den Vereideten von außen geschieht: „Vom Eid an ist die Wechselseitigkeit zentri- 26 Ebd., S. 379. 27 Siehe Øfsti (2001), Macht – Überlegungen, S. 205. 28 Ebd., S. 205. 29 Vgl. ebd. 30 Ebd., S. 206; Sartre (1967), Kritik, S. 517-518. 31 Ebd., S. 465. NATION UND SERIALITÄT 281 fugal: anstatt ein durch die Anwesenheit zweier Menschen hervorgebrachtes, konkretes, erlebtes Band zu sein (ob vermittelt oder nicht), wird sie zum Band ihrer Abwesenheit.“32 Die Gruppe fängt an, sich zu organisieren, strukturieren, administrieren, was nach Sartre mit dem Anwachsen serieller Verhältnisse einhergeht.33 „Durch das synthetische Einheitsband und die Wechselseitig- keitsregel“, so Sartre weiter in Bezug auf die Gruppe, […] erscheinen daher, innerhalb der hervorgebrachten Interiorität und entspre- chend diesen Interioritätsbänden, Differenzierungen als positiv, die außerhalb der Gruppe nur inerte Exterioritätsbeziehungen waren und in der Gruppe unbe- absichtigte Wechselseitigkeiten werden34. Als ein Beispiel dafür wählt Sartre die Nation, die laut Sartre „keine Gruppe ist“, da die Verhältnisse der Mitglieder einer Nation zueinander von komplex- en Prozessen abhängen, die „als ganzes, keiner Praxis entsprechen können“35 Sobald jedoch die ökonomische, technische, soziale oder politische Forschung die französische Produktion oder die Verteilung des Nationaleinkommens oder die demographi- schen Erfordernisse eines wirtschaftlichen Fortschritts usw. untersucht und nach einer ständig wiederaufgenommenen Arbeitshypothese beschließt, die aktive Be- völkerung oder die verschiedenen Typen von Arbeitern (nach primären, sekun- dären, tertiären Arbeiten, nach Klassen oder nach irgendeinem synthetischen Plan) als eine vereinigte Gruppe zu behandeln, so geschieht es sofort, daß sich jene Beziehungen von rein äußerer Kontingenz als wechselseitig strukturiert er- weisen, die jenen erwachsenen Elsässer, der in Paris wohnt und arbeitet schein- bar mit jenem in Paris geborenen alten Mann und mit jenen Vierzehnjährigen vereinigt, der auf der Straße neben ihnen vorbeigeht und aus Nantes kommt.36 32 Ebd., S. 500. 33 Sartre (ebd., S. 551-554) argumentiert, dass „außerhalb jeder Politik“ und entgegen der geläu- figen Auffassung gewisser Marxisten „der Gruppierungs- und Organisationsmodus nicht grundsätzlich verschieden ist, je nachdem, ob es sich um eine Zentralisierung von oben oder um eine spontane Auflösung der Serialität innerhalb der Serie selbst und der gemeinsamen Organisation, die ihr folgt, handelt.“ Er lehnt es ausdrücklich ab, sich einer „gestalttheoreti- schen“ Beschreibung anzuschließen, nach der aufgrund „revolutionärer Zusammenschlüsse“ eine Art „organischer Synthese“ spontan entstünde. „Wenn man diese Gruppen – ohne ir- gendein Vorurteil über die Natur einer ‚typisch revolutionären‘ Organisation – in irgendeiner historischer Situation, 1917 in Petersburg oder 1918 in Berlin, aber nicht in beiden Städten zugleich betrachtet, wird man die konkrete Wechselbeziehung sich wiederherstellen sehen“, die „genau das Gegenteil der gestalttheoretischen Synthesen [sind], die man uns anbietet: sie entstehen durch eine praktische Anerkennung in der Aktion auf der stillschweigenden Grund- lage des Eides. Und die gegebene Heterogenität, die den Zusammenschluß beherrscht, wird geschworene Homogenität, die einer geschaffenen Heterogenität als Bürgschaft dient. […] Und vor allem muß man wohl oder übel zu den Wahrheiten zurückkehren, die die Historiker aufgezeigt haben: die Organisation wählt sich Organisatoren.“ 34 Ebd., S. 504 [Herv. i. O.] 35 Ebd. [Herv. i. O.] 36 Ebd., S. 505. 282 MIRNA ZEMAN Kettenspiel von Serialität: Anderson, Young, Knorr Cetina Vom Sartre’schen Verständnis der Nation als einer Kollektivitätsform, deren Mitglieder durch gemeinsame Erfindung und unbeabsichtigte Wechselseitig- keiten zusammengehalten werden, lässt sich der Bogen zu Benedict Ander- sons Überlegungen zu den „imagined communities“ der Nationen schlagen. Eine ,vorgestellte Gemeinschaft‘ ist die Nation laut Anderson deshalb, weil die Mitglieder die meisten anderen niemals kennen, ihnen nicht begegnen oder auch nur von ihnen hören werden, aber u. a. aufgrund der Vermittlungsinstanz Massenmedien im Kopf eines jeden die Vorstellung ihrer Gemeinschaft exis- tiert.37 Auch Anderson sieht im Kettenspiel der Serialität die Voraussetzung für nationale Gemeinschaftsstiftung, im Unterschied zu Sartre denkt er das Prinzip der Serialität jedoch medien- und regierungstheoretisch.38 Anderson identifiziert die Logik der Serie in Form von unabschließbarer Iterabilität und Reproduzierbarkeit der Ereignisse sowie der Standardisierung alltäglicher Universalien des sozialen Denkens durch Zeitungen, Romane und populärkul- turelle Formate39 als Voraussetzung für „eine neue Grammatik der Repräsenta- 37 Benedict Anderson, Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines erfolgreichen Konzeptes, Frankfurt/M., New York, NY, 1988, S. 15. 38 Siehe Benedict Anderson, „Nationalism, Identity, and the World-in-Motion: On the Logics of Seriality“, in: Pheng Cheah/Bruce Robbins (Hg.), Cosmopolitics. Thinking and Feeling Be- yond the Nation, Minneapolis, MN, 1998, S. 117-134. Die deutsche Übersetzung liegt vor unter dem Titel „Nationalismus, Identität und die Welt im Umbruch. Über die Logik der Se- rialität“, in: Detlev Claussen/Oskar Negt/Michael Werz (Hg.), Kritik des Ethnonationalismus, Frankfurt/M., 2000, S. 42-65. 39 Andersons Beispiel sind etwa market performances. Zur Serialität im Sinne eines wesensbe- stimmenden Erzähltypus der Populärkultur sowie zur Rolle der populären Serialität bei der Gruppenbildung vgl. Frank Kelleter (Hg.), Populäre Serialität: Narration – Evolution – Dis- tinktion. Zum seriellen Erzählen seit dem 19. Jahrhundert, Bielefeld, 2012. Vgl. darin S. 185- 203, den Beitrag von Shane Denson/Ruth Mayer, „Grenzgänger. Serielle Figuren im Medien- wechsel“, der die Zusammenhänge zwischen der seriellen Narration in der Populärkultur und der von Sartre und Anderson beschriebenen Logik der politischen und massenmedialen Seria- lität beschreibt. Denson und Mayer (S. 197-198) halten mit Sartre fest, „dass nicht nur Nach- richten, Plots, Meinungen oder Botschaften medial zirkulieren, sondern dass die menschli- chen und technischen Produzenten und Vermittler dieser Materialien selbst als Elemente der seriellen Dissemination auftreten – ähnlich wie es in jüngeren Theoriekontexten das Akteur- Netzwerk-Modell nach Bruno Latour beschreibt. Gesellschaftliche Produktions- und Wir- kungszusammenhänge sind demnach als dezentrale und changierende Gefüge zu verstehen, die sich nicht in passive – instrumentale – und aktive Bestandteile auseinanderdividieren las- sen. Das wird besonders ersichtlich, wenn man das Augenmerk auf die „storytelling engines“ der seriellen Narration und ihre seriellen Figureninventare richtet. Diese Erzählmaschinen stellen selbst vernetzte Arrangements – Serien eben – dar, in denen die Positionen von Erzäh- ler und Erzählgegenstand, von Projektoren und Screens, von Figur und Grund austauschbar und variabel sind.“ Gleichzeitig sorgen populärserielle Erzählungen für die stetige Dissemina- tion des ideologischen Wissens, in ihrer Serialität „projizieren“ und retardieren sie auch das Wissen um die Nation, „das nie ausgeführt werden muss, weil es immer schon geschrieben scheint und immer noch geschrieben werden wird“. Denson/Mayer (2012), Grenzgänger, S. 199. Zur Rolle der populären Fernsehserien bei der nationalen Identitätsstiftung vgl. im NATION UND SERIALITÄT 283 tion“40, die die Nationenvorstellung begründete. Simultane Vergemeinschaf- tung von Millionen von Menschen in Nationen wurde laut Anderson nicht nur durch eine „nicht selbstbewusste Standardisierung des Vokabulars“41 in den Massenmedien, sondern auch durch die „begrenzte Serialität“ (bound serial- ity) des Zensus ermöglicht, der die Vorstellung einer quantifizierbaren Nation als geschlossene Summe, i. e. als quantifizierbare Totalität, bewirkte. Der Zen- sus und die Logik der Statistik sind es, die laut Anderson zählbare, ansammel- bare Gruppen (wie „Mehrheiten“ und „Minderheiten“), – „seitenlange Reihen identischer Ganzen“42 – hervorbringen, die bei den Individuen illusionäre Vor- stellungen von einer Essenz der nationaler Identität erzeugen: We are all only too aware of how incessantly people speak, not merely of „seek- ing“ „roots“, but of „exploring“, „finding“, and, alas, „coming close to losing“ their „identities“. But these searches, which rhetorically move inward towards the site that once housed the soul, in fact proceed outward towards real and ima- gined censuses, where, thanks to capitalism, state machineries, and mathematics, integral bodies become identical, and thus serially aggregable as phantom com- munities.43 In einem anderen Kontext beschäftigen solche Phantomgemeinschaften seriell verbundener Körper die amerikanische Philosophin Iris Marion Young, die in den 1990er Jahren das von Jean Paul Sartre entwickelte Konzept der Serie, das ursprünglich für soziale Klassen gedacht war, für ihre eigene feministische Theorie fruchtbar machte.44 Grundlegend für Youngs Verständnis der Kategorie „Frau“ als „soziale Kollektivität“ ist Sartres Unterscheidung zwischen Gruppe und Serie: Unlike a group, which forms around actively shared objectives, a series is a so- cial collective whose members are unified passively by the objects, around which their actions are oriented or by the objectified results of the material ef- fects of the actions of the others. In everyday life we often experience ourselves and others impersonally, as participating an amorphous collective defined by routine practices and habits. The unity of the series derives from the way that in- dividuals pursue their individual ends with respect to the same objects condi- gleichen Sammelband (S. 353-366) den Beitrag von Knut Hickethier, „Populäre Fernseh- serien zwischen nationaler und globaler Identitätsstiftung“. 40 Anderson (2000), Nationalismus, S. 48. 41 Ebd., S. 47. 42 Ebd., S. 53. 43 Ebd., S. 130. Auf Deutsch (S. 63): „Es ist mir allzu deutlich, dass Menschen unaufhörlich da- von sprechen, nicht nur ihre ,Wurzeln‘ zu ,suchen‘, sondern auch davon, ihre ,Identität‘ zu ,entdecken‘, zu ,finden‘ und sogar ,davor zu stehen, sie zu verlieren‘. Aber dieses Suchen, das sich sprachlich nach innen bewegt, zu dem Ort, der früher die Seele beherbergte, bewegt sich in Wirklichkeit nach außen, auf reale und imaginierte Zensusgruppen zu, wo dank Kapitalis- mus, Staatsmaschinerien und Mathematik ganze Körper identisch und dadurch als Phantom- gemeinschaften seriell verbunden werden.“ 44 Iris Marion Young, „Gender as Seriality. Thinking about Woman as a Social Collective“, in: Julien S. Murphey (Hg.), Feminist Interpretations of Jean Paul Sartre, University Park, PA, S. 200-228. 284 MIRNA ZEMAN tioned by a continuous material environment, in response to structures that have been created by the unintended collective results of past action.45 Frau-Sein als eine Form serieller Kollektivität bildet sich laut Young um das routinemäßiges Handeln um Objekte heraus: Etwa um das soziale Objekt ‚Körper‘, das Wissensobjekt ‚Pronomen‘, welches Menschen, Tiere und an- dere Objekte in das grammatikalische Gender-System verortet. Weiterhin um verbale und visuelle Repräsentationen, die geschlechtlich codierte symboli- sche Ordnungen reproduzieren, und schließlich auch um Dinge des alltägli- chen Gebrauchs und Konsumgegenstände wie Kleidung, Kosmetik oder Spiel- zeug. Hiermit setzt Young das Thema Objektbeziehungen auf die Agenda, die – folgt man der Theorie des Postsozialen, wie sie Karin Knorr Cetina u. a. be- züglich der Medien-, Image-, Wissens- und Konsumgesellschaft der Gegen- wart formulierte – die zwischenmenschlichen Beziehungen in verstärktem Umfang vermitteln oder ersetzen.46 Im Anschluss an Lacan argumentiert Knorr Cetina, dass das „postsoziale Selbst“ in der „Wunsch/Mangel-Dynamik“ bzw. in einem „autoeffektiven“ und „selbstverstärkenden“ Nexus von Wünschen gefangen ist47: „Als eine Struktur des Begehrens und Wünschens wird das Selbst durch kontinuierlich erneuerte und neu entdeckte Mängel erweitert, die seine Motivation und sein Gefühlsleben stetig erneuern.“48 Dementsprechend sei das postsoziale Indivi- duum ein Vagabund auf ständiger Suche nach immer neuen Wunschobjekten, u. a. Objekten des Konsums, die ihm immer neue Versionen möglicher For- men des Selbst anbieten. Der immerwährenden, nicht stillzustellenden Dyna- mik des Wünschens (die eine Vollständigkeit bzw. Geschlossenheit des Selbst unmöglich macht) auf der Seite des Subjekts entspricht laut Knorr Cetina in einzigartiger Weise der offene, sich ständig entwickelnde Charakter der sich scheinbar selbst fortsetzenden Konsumobjekte,49 die nicht allein die Bedürf- nisse einer Person ansprechen, sondern durch immer neue Varianten ihres Selbst zugleich eine kontinuierliche Erneuerung des Wünschens hervorbrin- gen.50 Knorr Cetinas These bezüglich der Mensch-Ding-Beziehungen in der heutigen Gesellschaft baut auf dem Argument einer vollkommenen Wechsel- 45 Ebd., S. 724. 46 Vgl. Knorr Cetina (2007), Umrisse; siehe auch dies. „Postsocial Relations: Theorizing Social- ity in a Postsocial Environment“, in: George Ritzer/Barry Smart (Hg.), Handbook of Social Theory, London, Thousand Oaks, New Delhi, 2001, S. 520-538. 47 Knorr Cetina (2007), Umrisse, S. 6. 48 Ebd., S. 6-7. 49 Die kontinuierliche Transformation der Konsumobjekte in die Nachfolgevarianten ihrer selbst kann man mit Rekurs auf die Ergebnisse der Forschung zur populären Serialität als „Selbst- entfaltung“ bezeichnen. Denson und Mayer beschreiben mit dem Terminus „Selbstentfal- tung“ die „materielle Dimension seriellen Erzählens“: „Das heißt, dass Geschichten um seri- elle Figuren sich scheinbar selbst (fort)schreiben: Ihnen kommt ein Moment von Eigendyna- mik zu, das den Rekurs auf Autorinstanzen und Intentionalität obsolet oder doch unzulänglich erscheinen lässt.“ Denson/Mayer (2012), Grenzgänger, S. 186. 50 Vgl. Knorr Cetina (2007), Umrisse, S. 9-10. NATION UND SERIALITÄT 285 seitigkeit und Kompatibilität zwischen serieller Wunschstruktur des Selbst und der Kette sich fortsetzender Konsumobjekte auf: A subject that develops an intrinsic connection to a consumer object like a car, computer or a fashionable outfit will be lured into further pursuits by the referen- tial nexus of object and their continuous transmutation into more attractive suc- cessor versions. In that sense objects not only attract a person’s desire, they also allow wanting to continue, giving it its serial, chain-like structure. On the subject side, a string of vagrant, insatiable wants, in demanding new things, provides for the creation of new object varieties.51 Nationale Kollektivität und serieller Warenkonsum Mit Blick auf die weltweit grassierende und (nicht nur anlässlich der transna- tionalen Sportevents) sich seriell fortsetzende „Nationalisierung der Konsum- kultur“52 scheint es, dass die imaginäre, vorgestellte Gemeinschaft der Nation in der heutigen Gesellschaft sich nicht nur durch die von Massenmedien und Regierungstechniken erzeugten kategorialen Ketten stabilisiert, sondern zu- nehmend auch qua Serialität des Warenkonsums, die mit der psychosemioti- schen Wunschstruktur spätmoderner Subjekte kompatibel ist. Im alltäglichen Umgang mit Design- und Massenwaren sowie national konnotierten Brands, durch gewöhnliche Routinen und Praktiken des Konsums wird das Identitäts- angebot ‚Nation‘ täglich vollzogen und das Prinzip des Nationalen gestärkt.53 Beim Genuss des ‚deutschen Biers‘, beim Einkauf beim ‚Türken‘ um die Ecke, bei den beiläufigen Erkundungen des ‚schwedischen Nationalcharak- ters‘ im Möbelhaus IKEA, beim Kochen mit ‚griechischem‘ Olivenöl oder bei der Anschaffung des Herdes made in Germany – werden nationale Typisierun- gen inkorporiert, vollzogen und performativ beglaubigt. Durch alltäglichen Umgang mit national konnotierten Waren und Medienangeboten – dem banal 51 Knorr Cetina (2001), Postsocial Relations, S. 530. 52 Vgl. Oliver Kühnschelm (Hg.), Nationalisierende Produktkommunikation, Innsbruck, Wien, Bo- zen, 2010; Joana Breidenbach, Deutsche und Dingwelt. Die Kommodifizierung nationaler Ei- genschaften und die Nationalisierung deutscher Kultur, Münster, 1994. Beispiele für diesen Trend sind auch die Praktiken des Ethnomarketing und Nation Branding. Zu Ethnomarketing vgl. Matthias Kulinna, Ethnomarketing in Deutschland. Die Konstruktion von Ethnizität durch Marketingakteure, Frankfurt/M. (Institut für Humangeographie), (= Forum Humangeographie 3), 2007, online unter: http://www.zis.uni-mainz.de/Dateien/Forum_Humangeographie_3_ _Matthias_Kulinna_-_Ethnomarketing_in_Deutschland.pdf, zuletzt aufgerufen am 15.09.2012. Zu Nation Branding siehe u. a. Irene Götz, Deutsche Identitäten. Die Wiederentdeckung des Na- tionalen nach 1989, Köln, Weimar, Wien, 2011; Nadia Kaneva (Hg.), Branding Post-Commu- nist Nations .Marketizing National Identities in the ‚New‘ Europe, New York, NY, 2012; Mirna Zeman, „Käufliche Stereotype, trinkbare Sagen, vermarktete Nationen. Zu Kroaten, Krabat- Schnaps und Krawatte“, in: Maik Bierwirth/Renate Wieser/Oliver Leistert (Hg.), Ungeplante Strukturen. Tausch und Zirkulation, München, 2010, S. 235-252. 53 Vgl. dazu Mirna Zeman, „Volkscharaktere und Nationalitätenschemata. Stereotype und Auto- matismen“, in: Tobias Conradi/Gisela Ecker/Norbert Otto Eke/Florian Muhle (Hg.), Schema- ta und Praktiken, München, 2012, S. 97-117: 111f. 286 MIRNA ZEMAN nationalism im Sinne Michael Billigs54 – ist das Individuum in der heutigen Gesellschaft in ein iteratives doing nationaler ‚Serien‘ verwickelt und dieser Prozess läuft weitgehend unbewusst und ohne zentrale Steuerung ab. Wenn Akteure in den stabilen Staaten Westeuropas heutzutage ‚indisch‘ essen gehen, sich in T-Shirts mit dem Schweizer Kreuz kleiden oder den ‚französi- schen‘ Wein trinken, so verfolgen sie damit weder ein gemeinsames Pro- gramm noch identifizieren sie sich unbedingt mit der nationalen Weltordnung. Sie verfügen nicht über eine gemeinsame Geschichte und Identifikation. Sie reihen sich aber, ohne zentrale Lenkung und meistens unterhalb des Radars des Bewusstseins um national codierte Objekte und Praktiken, ein. Und diese Objekte und Praktiken mit nationalen Vorzeichen ‚konstruieren‘ kollektive Akteure, die sich durch solche Objekte und Praktiken selbst zu Mitgliedern nationaler Serien machen.55 Auch in einer apolitischen seriellen nationalen Kollektivität, die durch com- modities hervorgebracht wird, schlummert das Potenzial für Gruppenbildung um national- politische und national-exklusivistische Programme. Die Struk- turen des globalen und vermeintlich anationalen Kapitalismus beherbergen so- mit den Nationalismus in seinem konsumistisch-alltäglichen Stand-by-Modus, und mit ihm auch das Pfand für das zukünftige Fortbestehen des Nationenras- ters als primärer Instanz kultureller Unterscheidung und Identifizierung. Literatur Anderson, Benedict, Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines erfolgreichen Kon- zeptes, Frankfurt/M., New York, NY, 1988. Ders., „Nationalism, Identity, and the World-in-Motion: On the Logics of Seriality“, in: Pheng Cheah/Bruce Robbins (Hg.), Cosmopolitics. Thinking and Feeling Beyond the Nation, Minneapolis, MN, 1998, S. 117-134. Ders., „Nationalismus, Identität und die Welt im Umbruch. Über die Logik der Seriali- tät“, in: Detlev Claussen/Oskar Negt/Michael Werz (Hg.), Kritik des Ethnonationa- lismus, Frankfurt/M., 2000, S. 42-65. Beck, Ulrich, Risikogesellschaft, Frankfurt/M., 1986. 54 Michael Billig, Banal Nationalism, London, 1995. 55 Mit Anil K. Jain kann man die Nationalisierung der Konsumkultur bzw. Ökonomisierung der nationalen Identitätspolitik in der Spätmoderne als eine Spielart der „Maschinen der Defle- xion“ bezeichnen, worunter gesellschaftliche Automatismen, soziale Strukturen und Verfah- ren zu verstehen sind, die der Ablenkung von Reflexivität dienen. Nationalisierende Produkt- kommunikation ist ein Beispiel dafür, dass „symbolische Deflexion“, der u. a. „die Ideologie der nationalen Einheit und der sozial-kulturellen Wertegemeinschaft“ zugrunde liegt in der heutigen Gesellschaft mit „ökonomischen Deflexionsmaschinen“, die „auf der praktisch wirk- samen integrativen Macht des Konsums“ beruhen – aufs engste verknüpft ist. Zu „Maschinen der Deflexion“ vgl. den Beitrag von Anil K. Jain im vorliegenden Band. NATION UND SERIALITÄT 287 Ders./Beck-Gernsheim, Elisabeth, Riskante Freiheiten, Frankfurt/M., 1994. Berking, Helmuth, „Kulturelle Identität und kulturelle Differenz im Kontext von Glo- balisierung und Fragmentierung“, in: Dietmar Loch/Wilhelm Heitmeyer (Hg.), Schattenseiten der Globalisierung, Frankfurt/M., 2001, S. 91-110. Breidenbach, Joana, Deutsche und Dingwelt. Die Kommodifizierung nationaler Eigen- schaften und die Nationalisierung deutscher Kultur, Münster, 1994. 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Gerade diese jedoch können in medien- historischen Perspektive von Wert sein für das zentrale Anliegen dieses Ban- des – für eine Klärung des Verhältnisses von Automatismen, Technologien und der Konstitution verschiedener Register eines ‚Selbst‘-Begriffs. Die Frage nach den Funktionsweisen von Schwärmen appelliert in ganz di- rekter Weise an ein Wissensfeld um Automatismen. Schwärme werden – seit sich in den 1950er Jahren im Zuge der Kybernetik ein Vokabular für derartige Prozesse herausbildet – als prototypische Phänomene kollektiver Selbst-Orga- nisation beschrieben. Die Faszination für Schwärme speist sich geradewegs aus jenem scheinbaren Paradox, dass sich ungeplante und ad hoc auf lokaler Ebene ablaufende Bewegungen von Schwarmtieren zu kohärenten, funktiona- len und hochflexiblen Kollektivstrukturen zusammensetzen. Und genau diese Eigenschaft – „getting a bunch of small cheap dumb things to do the same job as an expensive smart thing“1 – machte Schwarmprinzipien schließlich auch für technische Anwendungen interessant. Schwarmforschungen versuchten mithin stets, das ominöse ‚Selbst‘ von Selbstorganisationsprozessen zu ergrün- den – und dies schon lange, bevor dieser Begriff überhaupt geprägt wurde. Dieser Suche nach dem ,Selbst‘ von Schwärmen wird dieser Beitrag anhand dreier medienhistorischer Szenen nachspüren, die dazu – so könnte man for- mulieren – wiederum jeweils ein anderes ,Register des Selbst‘ ziehen. Die erste Szene spielt im Morast schottischer Moore, wo der Naturforscher Edmund Selous zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Organisationsweisen von Vogelschwärmen nachspürt. Als Beobachter ist er konfrontiert mit den un- 1 J. J. Corner/G. B. Lamont, „Parallel Simulation of UAV Swarm Scenarios“, in: Proceedings of the 2004 Winter Simulation Conference, S. 355-363: 335. 290 SEBASTIAN VEHLKEN durchschaubaren – man könnte sagen – Automatismen ihrer Koordination und postuliert (im Einklang auch mit anderen Forschern) eine ‚psychologische‘ In- stanz des ,Selbst‘ von Schwärmen. Man könnte dies auf den Begriffe der Selbst-Setzung bringen. Die zweite Geschichte handelt von Automatisierungen im Bereich experimentaltechnischer Schwarmforschungen. Hier wird ver- sucht, durch technische Beobachtungs- und Analyseverfahren dem Datenge- stöber von Schwärmen ein systematisierbares und mathematisierbares Wissen abzutrotzen. Diese Forschungen setzen an, jene älteren Instanzen des ‚Selbst‘ – entwickelt in halb-wissenschaftlichen Fachbereichen wie der frühen Tier- psychologie und gestützt durch wenig belastbare Theorien zu sozialen Instink- ten – in formalisierbare Mikrorelationen zu zerlegen. Kurz: Sie nehmen eine Selbst-Löschung vor. Dabei sehen sie sich jedoch mit einem – so die Ichthyo- login Julia Parrish – ‚technologischen Morast‘ konfrontiert.2 Denn Schwärme stören als Objekte der Forschung durch ihre ständigen Bewegungen in Raum und Zeit stets auch die Verfahren wissenschaftlicher Objektivierungsversuche. In der dritten medienhistorischen Szene treten synthetische Simulationsverfah- ren neben solche Analyseversuche. Im Zuge dessen – und dies wäre die zen- trale These dieses Beitrags – lässt sich eine rekursive Verschränkung von Pro- zessen der Selbstorganisation – die verhaltensbiologische Forschungen zu be- schreiben versuchen – mit selbstorganisierenden Prozessen computertechni- scher Entwicklung erkennen. Ein rudimentäres Wissen biologischer Schwarm- forschungen inspiriert neuartige Computerprogrammierungs-Prinzipien und digitale Visualisierungsverfahren, deren Anwendung in der biologischen For- schung Schwärme erst hinreichend beschreibbar machte. Mit Multiagenten- systemen (MAS), die sich auf ein (schwarm-)biologisches Wissens gründen, können Schwärme ab den 1990er Jahren im Rahmen einer neuen Episteme der Computersimulation erforscht werden.3 Schwärme vollziehen in den letzten circa 25 Jahren mithin ein ,Medien-Werden‘4 von Objekten der Wissenschaft hin zu wissenschaftlich einsetzbaren Verfahren eigener Dignität. Im Zuge die- ses Medien-Werdens können sie nur mehr als Zootechnologien verstanden werden – als biologisch-computertechnische Hybride, die wiederum ganz ei- 2 Vgl. Julia K. Parrish/William M. Hamner/Charles T. Prewitt, „Introduction – from Individu- als to Aggregations. Unifying Properties, Global Framework, and the Holy Grails of Congre- gation“, in: Julia K. Parrish/William H. Hamner (Hg.), Animal Groups in Three Dimensions, Cambridge, MA, 1997, S. 1-14. 3 Vgl. allgemein z. B. Peter Galison; „Computer simulations and the trading zone“, in: ders./D. J. Stump (Hg.), The Disunity of Science. Boundaries, Contexts, and Power, Stanford, CA, 1996, S. 118-157. Bezogen auf MAS vgl. z. B. Robert Axelrod, The Complexity of Coopera- tion: Agent-Based Models of Competition and Collaboration, Princeton, NJ, 1997 und Eric Bonabeau, „Agent-Based Modeling: Methods and Techniques for Simulating Human Sys- tems“, in: PNAS 99, Suppl. 3 (14. Mai 2002), S. 7280-7287. 4 Joseph Vogl, „Medien-Werden: Galilieos Fernrohr“, in: Lorenz Engell/Bernhard Siegert/ Joseph Vogl (Hg.), Mediale Historigraphien, Weimar, 2001, S. 115-123. SCHWARM-WERDEN 291 gene Erkenntnishorizonte und Erkenntnisbedingungen mit sich bringen.5 So- wohl ihre Erforschung als biologische Kollektive als auch ihre Anwendung als Multiagentensysteme in einer Vielzahl von Bereichen – von der Logistik bis zur Finanzmarktsimulation, oder von der Epidemologie bis hin zu Robotersys- temen – beruht auf einer Art rekursiven Selbst-Findung. Diese Prozesse der Selbstsetzungen, Selbstlöschungen und Selbstfindungen sollen im Folgenden näher untersucht werden als jene drei Register, auf deren Basis die Konzeptua- lisierung von Schwärmen als selbstorganisierende Kollektive erst hatte entwi- ckelt werden können.6 1. Selbst-Setzungen Noch in den 1920er Jahren bilden wissenschaftliche Verhaltensstudien von Tieren in ihrem natürlichen Habitat absolute Ausnahmen. Nur sehr wenige akademisch ausgebildete und institutionell angebundene Biologen wie etwa der amerikanische Insektenforscher William M. Wheeler propagierten bereits um die Jahrhundertwende vehement den Wert von Studien am ungestört le- benden Objekt – und zwar dezidiert abseits von Laborstudien oder gar anato- mischen Vivisektionen.7 Vor allem in Großbritannien pflegt seinerzeit jedoch ein Schlag natur- und naturwissenschaftlich interessierter Privatgelehrter, so- genannte amateurs, mit teils großem Engagement die Kunst der Tierbeobach- tung.8 Ähnlich wie der Protagonist dieser ersten Schwarmgeschichte, der Na- turforscher Edmund Selous, waren die amateurs oftmals wildniserprobte Waidmänner. Selous selbst hatte sich als konvertierter Großwildjäger um die Jahrhundertwende ganz der Ornithologie verschrieben und agitierte in seinen Texten seither vehement gegen jene „poor army of killers“.9 Ganz im Gegen- satz dazu notierte das Vanity Fair Album 1894 über seinen Bruder Frederick Selous, den damals berühmtesten Big Game Hunter des British Empire: „[E]lephant, rhinoceros, lion, hippopotamus, giraffe, zebra, quagga, hyeana, 5 Vgl. hierzu Sebastian Vehlken, „Fish & Chips. Schwärme – Simulation – Selbstorganisa- tion“, in: Eva Horn/Lucas Gisi (Hg.), Schwärme – Kollektive ohne Zentrum. Eine Wissensge- schichte zwischen Leben und Information, Bielefeld, 2009, S. 125-162. 6 Teile dieses Texte sind – unter einem anderen Fragefokus – in ähnlicher und ausführlicherer Form bereits erschienen in Sebastian Vehlken, „Schräge Vögel. Vom Technological Morass in der Ornithologie“, in: Stefan Rieger/Manfred Schneider (Hg.), Selbstläufer/Leerläufer. Re- gelungen und ihr Imaginäres im 20. Jahrhundert, Zürich, Berlin, 2012, S. 139-162. 7 Vgl. z. B. Abigail J. Lustig, „Ants and the Nature of Nature in Forel, Wasmann, and Whee- ler“, in: Lorraine Daston/Fernando Vidal (Hg.), The Moral Authority of Nature, Chicago, IL, 2004, S. 282-307. 8 Vgl. Richard W. Burckhardt, Patterns of Behavior. Konrad Lorenz, Niko Tinbergen and the Founding of Ethology, Chicago, IL, 2005, S. 69. Neben Edmund Selous sind hier v. a. Henry E. Howard, Frederick B. Kirkman und Edward Armstrong zu nennen. Als Ausnahmen – weil im akademischen Kontext situiert – und einflussreich über die britische Ethologie hinaus sind zudem der Zoologe Julian Huxley und v. a. C. Lloyd Morgan. 9 Edmund Selous, Bird Watching, London, 1901, S. 335. 292 SEBASTIAN VEHLKEN koodoo, hartebeest, duiker, oribi, klipspringer, tsessbe, and antelope of all kinds; many of which animals are now all but extinct, having been killed off by railways, by civilisation and by Selous.“10 Ironischerweise ist heute eines der größten Reservate in Tansania nach ihm benannt. Edmund Selous hingegen versucht seinen Lesern die Faszination detaillier- ter Naturbeobachtungen zu vermitteln. Der Naturforscher ist – so wie Selous ihn beschreibt und selbst prototypisch verkörpert – der intelligentere Jäger: Sein Jagdtrieb hat sich transformiert in ein wissenschaftliches Interesse am Leben, bedarf aber weiterhin einer ‚abenteuerlichen‘ Herangehensweise. Und sie ist zu unterscheiden von späteren, systematischen ethologischen Feldfor- schungen wie bei Konrad Lorenz oder Nikolas Tinbergen und ihren diagram- matischen Techniken.11 Anfang des 20. Jahrhunderts stehen hierfür weder ein fachwissenschaftliches Instrumentarium noch standardisierte Verfahren der Beobachtung und Notation bereit. Wie verhält sich also ein früher Verhaltens- forscher zum Verhalten? Die Antwort: Er setzt sich hin und schreibt. Mit einer Vorliebe für schottische Moorlandschaften verbringt Selous Stun- den, Tage und Wochen mit der minutiösen Beobachtung des Verhaltens ver- schiedener wild lebender Vogelspezies. ,Minutiös‘ ist dabei durchaus im Wortsinn zu verstehen, denn er notiert – kombiniert mit genauen Tageszeitan- gaben – alles, was er beobachtet, direkt vor Ort in ein „Observational Diary of Habits“.12 Dies jedoch ist nicht immer ohne Weiteres möglich, wie der Histori- ker Richard W. Burckhardt betont: „One has [...] often to scribble very fast to keep up with the birds, and so must leave a few things to be added.“ Back at his lodgings, he would copy out his notes and elaborate upon them. Later he might add something else if it remained fresh in his memory. He prided himself on recording all that he saw.“13 Das ornithologische Aufschreibesystem, bestehend aus Augen und Fernglas, Papier und Stift, Akribie und Geduld wird noch ergänzt durch eine ausgepräg- te Ausdauer des Verharrens in seinen Verstecken. Verborgen in getarnten Un- terschlüpfen, die Selous selbst ‚turf-huts‘ nennt, ist ein Blick aus der Nähe auf ein auch über längere Zeiträume ungestörtes Verhalten seiner Forschungsob- jekte garantiert. Daher beobachtet der Beobachter nicht nur ein Objekt, son- dern auch sich selbst: Er passt sich mimikryartig seiner Umgebung an, um sich möglichst konsequent aus der Beobachtungsrelation zu streichen, indem er für sein Untersuchungsobjekt im getarnten Unterschlupf unsichtbar wird. Diese Bewegung eines Einswerdens von Beobachtung und Selbstbeobachtung kann man mit Joseph Vogl die „Herstellung einer unabdingbaren Selbstreferenz“ 10 Vgl. Anonymus, „Men of the Day: No. 585: Mr Frederic Courtney Selous“, in: Vanity Fair Album, 24 (1894), zit. n. Burckhardt (2005), Patterns of Behavior, S. 77. 11 Vgl. ebd. 12 Vgl. z. B. Edmund Selous, „An Observational Diary of the Habits – Mostly Domestic – of the great Crested Grebe (Podicipes Cristatus)“, in: Zoologist, 5 (1901), S. 161-183. 13 Ebd., S. 173. SCHWARM-WERDEN 293 nennen.14 Denn der Einsatz differierender sinnesphysiologischer und sich nach und nach technisch aufrüstender Beobachtungsanordnungen und Medien in der Schwarmforschung lokalisiert nicht nur sein Objekt (oder Nicht-Objekt), sondern zugleich auch seinen Beobachter in je spezifischer Weise. Hinzu kommt aber noch, dass sich im Zuge dieser Selbstreferenzialisierung auch ein Potenzial und eine Potenzierung von Beobachtungsanordnungen ergeben kön- nen. Damit haben sich innerhalb der Schwarmforschung bis heute ganz unter- schiedliche Begriffe, Vorstellungen und Fokussierungen ergeben in Bezug auf das, was Schwärme ausmacht – abhängig von den jeweils verwendeten Medi- entechniken. Schwärme werden so in einer Mediengeschichte der Schwarm- forschung immer wieder neu und anders konzeptualisiert und verstanden. Vogl fasst diese Bewegung unter seinen Begriff des Medien-Werdens, bei dem sich „[d]ie richtige Beobachtung [...] nur im Konditional des Beobachte- ten ausdrücken [lasse]“.15 In einer 1931 erschienen Publikation fasst Selous seine Erkenntnisse über das synchrone, kollektive Flugverhalten von Vogelschwärmen zusammen. Aufgrund seiner für die Schwarmbeobachtung völlig unzureichenden techni- schen Ausstattung reichert er diese jedoch mit recht spekulativen Reflexionen über die zugrunde liegenden Automatismen von Kollektivmanövern an. Das Imaginäre der Regelung von Schwarmdynamiken kommt dort ins Spiel, wo Aufschreibesysteme an ihre Grenzen kommen. Denn Schwärme bewegen sich „more and faster than the eye can take it in“ – sie sind nicht zu fassen mit Se- lous’ Art der Beobachtung.16 Was der Naturforscher erkennt ist, dass es an- scheinend keine übergeordneten Führungs- und Leitindividuen gibt, die die Schwarmdynamiken steuern. Diese werden als Erklärung für die Regelung auch von Fisch- und Vogelschwärmen immer wieder diskutiert. Vielmehr greift er auf ein Strukturmodell zurück, dass zugleich die Dynamik der Vogel- schwärme ansatzweise visualisiert. Selous plädiert dafür, sich Schwärme als ein einziges Wesen mit netzförmiger Struktur vorzustellen: The whole group acts thus as though it were a single bird. If a fishing-net, strechted on the ground, were to go up and float away, the one has to imagine every knot of every mesh to be a bird, and everything between the knots invisi- ble, to have a perfect simile of what has just taken place.17 Diese Ebene, die Schwarmvögel zu einem ‚Netz-Selbst‘ zusammenführt, kann sich Selous nur mittels einer übersinnlich schnellen Instanz vorstellen. Und so fragt er schon im Titel besagter Schwarmpublikation Thought Transference (Or What?) in Birds keck, ob diese nicht per Gedankenübertragung vonstat- tengehen könne. Selous postuliert gewissermaßen eine Kommunikation auf einer noch nicht hinlänglich erforschten, aber anzunehmenden Ebene psy- 14 Vogl (2001), Medien-Werden, S. 116. 15 Ebd., S. 117. 16 Edmund Selous, Thought Transference (Or What?) in Birds, London, 1931, S. 94. 17 Ebd. 294 SEBASTIAN VEHLKEN chisch vermittelter Automatismen. Auf Basis vorbewusster Prozesse könne hier blitzschnell kommuniziert und aufeinander reagiert werden, ungestört von einer rationalen Ebene der Strukturplanung und unbehelligt von zeitintensi- vem Reflektieren. Ähnlich argumentiert in den USA der Naturforscher Wil- liam J. Long, der 1919 eine Textsammlung unter dem Titel How Animals Talk veröffentlichte, in der er sich mit den vermeintlich ,telepathischen‘ Fähigkei- ten von Tieren auseinandersetzt. Long behauptet, durch das Zusammenspiel aller biologischen Sinne ergebe sich der „Super-sense“ eines „All-Mind“. Auf dieser ,übersinnlichen‘ Ebene sei das dynamische Globalverhalten von Vogel- schwärmen somit das Resultat eines letzthin auch physiologisch herleitbaren Übertragungsphänomens. Für dieses fehlten, so Long, lediglich noch die ent- sprechenden Messinstrumente.18 Die Idee solcher „Gedankenwellen“ bei Vögeln – darauf weist die Wissen- schaftsjournalistin Gail Vines im Jahr 2004 hin – sollte ohnehin auch im Zu- sammenhang gesehen werden nicht nur mit populären zeitgenössischen, pseu- dowissenschaftlichen Theorien der Gedankenübertragung zwischen Men- schen, sondern auch mit den zu Beginn der 1920er Jahre aufkommenden neu- en Medien drahtloser Signalisierung wie Radio oder Radar und verschiedenen, heiß diskutierten physikalischen Wellentheorien.19 Zudem fehlen zu dieser Zeit natürlich auch noch Begriffe wie Information und Informationsübertra- gung. Auch aus diesem Grund greifen die amateurs auf die Idee der Gedan- kenübertragung zurück. Im Kontext dieser frühen Beschreibungsversuche von Schwärmen kann somit lediglich eine Art von Psychologisierung eines frühe- ren Glaubens an göttliche, wunderbare oder zumindest von außen einwirkende Regelungsinstanzen und seine Projektion in die Schwarmforschung festgestellt werden. Schwarmverhalten wird zurückgeführt auf Automatismen innerhalb des Schwarms und zwischen den Schwarm-Individuen, deren genauere ‚Na- tur‘ mangels geeigneter Medientechniken noch nicht erklärt oder quantifiziert werden könne. 2. Selbst-Löschungen Das Problem der Datengewinnung beginnt fast zeitgleich zu Selous’ Gedan- kenwellen-Theorien auf die Agenda im Labor arbeitender Schwarmforscher zu rücken. Da die Forschung an Vogelschwärmen kaum in experimentellen Laboranordnungen umsetzbar ist, sind es Fischschwarmforscher, die um 1930 beginnen, mittels technischer Beobachtungsverfahren die augenscheinlichen Automatismen der Schwarmorganisation in Verhältnisse von identifizierbaren Einflussvariablen und deren Parametern zu überführen. Dabei geht es ihnen 18 Vgl. William J. Long, How Animals Talk, and Other Pleasant Studies of Birds and Beasts, Rochester, 2005 [1919], besonders S. 102-125. 19 Vgl. Gail Vines, „Psychic Birds (Or What?)“, in: New Scientist, 182 (2004), S. 48-49. SCHWARM-WERDEN 295 gerade um die Löschung parawissenschaftlicher und diffuser tierpsychologi- scher Annahmen, die in früheren Schwarmforschungen noch das unifizierende ‚Selbst‘ von Schwärmen erklären sollten. Forscher wie Albert E. Parr und Charles M. Breder in den USA oder Dimitri Radakov in der UdSSR untersu- chen in Forschungsaquarien etwa die interindividuellen Verhaltensweisen von Fischschwärmen. Sie ermitteln mit immer ausgefeilteren Methoden Reaktions- geschwindigkeiten, typische Abstände und Musterbildungen, und versuchen nur Variablen zu involvieren, die auf wissenschaftlich gesicherten Annahmen beruhen. Nicht mehr hypothetische Super-Sinne werden veranschlagt, sondern z. B. die Sichtweite und der Sehwinkel von Schwarmfischen oder ihr Seitenli- nienorgan experimentell erforscht, um daraus auf die mögliche Anzahl von Nachbarindividuen zu schließen, die überhaupt Einfluss auf ihr Verhalten aus- üben könnten. Schon hier wird die Annahme formuliert, dass es nur ganz we- nige Automatismen sein könnten, die für eine Sicherung der Kohäsion und der abgestimmten Reaktion selbst größerer Schwärme auf Umwelteinflüsse wie Angriffe, Strömungen etc. ausreichen könnten. Albert Parr nennt etwa eine so- fortige Attraktion bei Sichtkontakt, eine paralleles Sich-Ausrichten der Schwarmindividuen zueinander, und die Einnahme eines artspezifischen Ab- standes. Gemeinsam mit einer „automatically transmitted tendency to turn in- wards“20, die auf dem Bestreben der Schwarmindividuen beruhe, möglichst nicht am Rand des Schwarms – also nur mit Nachbarn auf einer Seite – zu schwimmen, ergebe sich ein kollektives, dynamisches Equilibrium: der Schwarm. Fischschwärme werden bei Parr zu quasi mechanisch gekoppelten Tiermaschinen, zu Automaten, in denen auf lokaler Basis Informationen verar- beitet und in eine Gesamtmechanik überführt werden. Charles Breder wird dann zu Beginn der 1950er Jahre an Parrs Konzepte anknüpfen und sie – unter Einfluss kybernetischer und informationstheoretischer Überlegungen – mathe- matisch zu formalisieren versuchen. Zu dieser Zeit tritt die – sich nun langsam auch als Terminus etablierende – Selbstorganisation von Schwärmen auch bei Kybernetikern selbst auf die Agenda. Der Physiologe Ralph Gerard nutzt gar eine etwas unorthodoxe Me- thode, um den simultanen Richtungswechsel eines Vogelschwarms zu messen. Er synchronisiert sein Auto mit dessen Geschwindigkeit von etwa 35 mph und berichtet auf einer der Macy-Konferenzen: „A flight of birds was going along parallel to my car, so I could time them. [...] As I remember, I calculated there was less than five milliseconds possible time for cueing from one to an- other.“21 Ornitholgen wie Frank Heppner ist diese Messmethode aber dann 20 Albert E. Parr, „A Contribution to the Theoretical Analysis of the Schooling Behavior of Fi- shes“, in: Occasional Papers of the Bingham Oceanographic Collection, 1 (1929), S. 1- 32: 16. 21 Herbert G. Birch, „Communications in Animals“, in: Claus Pias (Hg.), Cybernetics /Kyberne- tik. The Macy-Conferences 1946-1953, Band 1: Protokolle, Zürich, Berlin, 2003, S. 446- 528: 468. Vgl. ursprünglich Ralph W. Gerard, „Synchrony in Flock Wheeling“, in: Science, 97 (1943), S. 160-161. 296 SEBASTIAN VEHLKEN doch nicht valide genug: „It is not clear how he made such a precise determi- nation.“22 Heppner systematisiert die Vogelschwarmforschung mit einem Text von 1974, in dem er eine Typologie verschiedener Flugformationen von den V-Formationen kleiner Gänsescharen bis hin zu den kugel-elliptischen Groß- kollektiven z. B. von Staren aufstellt. Er diskutiert mögliche Funktionen des Schwarmverhaltens, etwa die theoretischen Überlegungen zu und Widerlegun- gen von aerodynamischen Vorteilen aus Studien der 1950er und 1960er Jah- re.23 Was ihn und andere Forscher umtreibt, ist die Art der dynamischen Selbstorganisation von Schwärmen. Mittels informationstechnischer Zugänge wird nicht nur zu quantifizieren versucht, wie viele und auf welche Weise Be- wegungsinformationen mithilfe welcher Sinnesdatenkanäle und aufgrund wel- cher Informationsquellen zwischen Schwarm-Individuen weitergegeben wer- den, sondern auch, wie diese Weitergabe sich in koordinierten Manövern nie- derschlägt. Denn Skalierungsfragen, so zeigen einige Studien, scheinen eine große Rolle zu spielen: Je dichter die Schwärme, desto präziser und schneller werden etwa die Manöver. Doch in der Fischschwarmforschung werden erst ab Mitte der 1960er, in der Ornithologie gar erst ab Ende der 1970er Jahre technische Verfahren ein- gesetzt, die eine dreidimensionale Aufzeichnung von Schwärmen mittels ste- reoskopischer Serienfotografie oder mittels Film- und später Videokameras angehen. Frank Heppner bezieht dazu Posten nicht im Moor wie Selous oder auf dem Highway wie Gerard, sondern am International Airport von Vancou- ver. Denn hier, so Heppner seien „flocks [...] a particular hazard to turbine- powered aircraft.“24 Zumeist werden dabei Schwärme fotografiert, die in loser Organisation von Schlaf- zu Futterplatz unterwegs sind, doch von Zeit zu Zeit werden auch Raubvogelangriffe beobachtet, auf welche die Schwarmstruktur mit instantaner Zusammenballung, Geschwindigkeitszunahme und größerer Bewegungs- und Ausweichdynamik reagiert. Telemetrisch genau vermessen kann man jedoch nur die brav zur Futterstelle oder gen nächstes Flugzeug- triebwerk ziehenden Kollektive, deren Dichte, Abstände, relativen Richtungs- änderungen, Geschwindigkeit etc. evaluiert werden. Dies gilt besonders, zu- mal Heppners Beobachtungsvorrichtung völlig unflexibel auf Stativen instal- liert ist und damit kein dynamischer, über einen großen Ausschnitt des Him- mels beweglicher Schwarm avisiert oder der Bildausschnitt mit diesem mitbe- wegt werden kann. Es verschiebt sich mithin lediglich das Datenproblem: Statt schnell schreibend unter einem Gestöber nicht aktualisierter Vogelschwarmda- ten zu sitzen, sind Schwarmforscher nun mit technischen Medien konfrontiert. Diese arbeiten einerseits extrem reduktionistisch, etwa aufgrund der erwähn- ten, sehr beschränkten Bildausschnitte. Andererseits aber ziehen sie selbst 22 Frank Heppner, „Avian Flight Formations“, in: The Condor 45, 2 (1974), S. 160-170: 164. 23 Vgl. ebd., S. 160-170. 24 Peter F. Major/Lawrence M. Dill, „The 3D Structure of Airborne Bird Flocks“, in: Behavioral Ecology and Sociobiology, 4 (1978), S. 111-122: 112. SCHWARM-WERDEN 297 weitere Datengestöber nach sich, da bereits Schwärme mit wenigen Indivi- duen über sehr kurze Zeit hinweg bereits eine schier unbeherrschbar große Menge an Bewegungsdaten produzieren. Auch hier ergeben sich die Beobachtungs- und Aufzeichnungsverfahren erst in Auseinandersetzung mit verschiedenen Störmomenten. Der Output technisch gestützter Schwarmforschungen besteht wiederum in einem teils un- überschaubaren Wust an Daten, der schließlich erst durch eine automatisierte Auswertung diese Umschrift von Schwärmen handhabbar gemacht werden kann. Nur gilt dabei laut Heppner bis in die 1980er Jahre das Dilemma, dass es zwar Lowtech-Lösungen gebe, für die aber sehr zeitaufwendige manuelle Datenreduktionsverfahren durchgeführt werden müssten. Automatische High- tech-Systeme indes überstiegen meist den verhaltensbiologischen Kostenrah- men und seien schwer erhältlich.25 Der Morast der schottischen Moore wieder- holt sich im „technological morass“26 optischer Beobachtungsmedien und ex- perimenteller Forschungsanordnungen. Erst in jüngster Zeit kommt es wieder zu interessanten Applikationen im Bereich empirischer Schwarmforschungen. So entwickelten italienische For- scher einen Bildanalysealgorithmus, der die automatische Auswertung und Vermessung von digitalen Fotografien jener berühmten Starenschwärme leistet, die seit einigen Jahren in immer größerer Zahl über Rom kreisen.27 Hier werden bis zu 2700 Exemplare erfasst, und zwar erstmals in jenen dyna- mischen Bewegungen, die für Fragen der Selbstorganisation und Synchronisation von Bewegungen gerade interessanter sind. Mittels Stereo- Serienfotografie erzeugen die Forscher Sequenzen von acht Sekunden Länge bei zehn Bildern pro Sekunde, und rekonstruieren mit ihrer Software die individuellen Bewegungen von 80 bis 88 Prozent der beobachteten Einzel- vögel. Einschränkend muss jedoch gesagt werden, dass selbst hier nur etwa 50 Prozent der aufgenommenen Sequenzen überhaupt verwertbar sind. „Optical resolution is the main bottleneck“ – sei es aufgrund von Kontrastmängeln, oder weil Schwärme aus dem Schärfebereich der Optik herausfliegen. Oder sei es, da es sich um Kollektive mit mehr Individuen handelt, als die Software identifizieren kann.28 Dennoch erhärten ihre Daten z. B. die These, dass sich die Schwärme ständig völlig neu durchmischen oder dass die Orientierung von Staren auf Basis einer Nachbarschaftstopologie von maximal sieben anderen Individuen basiert, wobei entgegen lange gültigen Annahmen deren metrische 25 Vgl. Frank Heppner, „The Structure and Dynamics of Bird Flocks“, in: Parrish/Hamner (1997), Animal Groups in Three Dimensions, S. 68-89: 85. 26 Parrish/Hamner/Prewitt (1997), Animal Groups in Three Dimensions, „Introduction“, S. 9. 27 Andrea Cavagna et al., „The STARFLAG Handbook on Collective Animal Behavior: Part I, Empirical Methods“, in: arXiv E-print, (2008), S. 27, online unter: http://arxiv.org/abs/0802. 1668, zuletzt aufgerufen am 31.07.2011. 28 Vgl. die eingehende Beschreibung des technischen Verfahrens ebd., S. 19-27. 298 SEBASTIAN VEHLKEN Nähe zueinander keine Rolle spielt.29 Damit ist eine weitere Eigenschaft des Medien-Werdens von Schwärmen angesprochen – eine Denaturierung der Sinne. Wenn man Schwärme erforschen will, ist die Entwicklung medien- technischer Perspektiven vonnöten, die nicht einfach Extensionen des mensch- lichen Blicks oder der menschlichen Sinne sind. Die Beobachtung von Schwärmen ist zuvorderst abhängig von einer Beschäftigung mit den medien- technischen Materialitäten, die sie erst zu erkennbaren, vermessbaren und regelhaft beschreibbaren Strukturen werden lassen. Erst durch eine solche Reflexion werden sie als Objekte des Wissens generiert. Diese Medien- techniken, so Joseph Vogl, verlängern nicht etwa die Sinne, sondern sie erschaff[en] vielmehr die Sinne neu, definier[en] das, was Sinneswahrnehmung und Sehen bedeutet, und mach[en] aus jedem gesehenen Datum ein konstruiertes und verrechnetes Datum, [...][sie] produzier[en] schließlich Phänomene und ‚Nachrichten‘, die allesamt den Stempel der Theorie tragen und mit jeder sinn- lichen Evidenz ein Verfahren zur Errechnung dieser Evidenz übermitteln.30 Die Frage nach dem ‚Selbst‘ von Schwarm-Kollektiven findet sich im Zuge ihrer experimentellen und analytischen Durchmusterung damit aufgelöst in Mikrorelationen, die erst durch Techniken der Automatisierung überhaupt aus dem technologischen Sumpf empirischer Datengestöber extrahierbarer wur- den. Schwärme werden in diesem Kontext bereits als biotechnische Hybride adressiert, etwa indem sie als Sensory Integration Systems beschrieben wer- den.31 Die ‚Teilchen‘ dieser Systeme nehmen Bewegungen ihrer Nachbarn wahr, richten ihre Eigenbewegung daraufhin aus und initiieren dadurch wiede- rum bestimmte Bewegungsweisen bei ihren Nachbarn in Raum und Zeit. Die Automatismen ihrer Regelung werden somit letztlich durch Techniken der Au- tomatisierung auf quantifizierbare Ordnungsschemata zurückzuführen ver- sucht – ein Prozess, der jedoch immer wieder an den Unschärfen, Intranspa- renzen und an den bei Schwärmen anfallenden riesigen Datenmengen schei- tert, die es zu verarbeiten gilt. 3. Selbst-Findung Vielleicht ist es aus diesem Grund wenig verwunderlich, dass – so könnte man es thesenhaft und paradoxierend zuspitzen – Schwarmforschung ihr Beobach- tungs- und Datenproblem nur löst, indem sie auf ihr biologisches Forschungs- objekt verzichten lernt und Lösungen an ganz anderen Orten als auf ihren ge- 29 Michele Ballerini et al., „Empirical Investigation of Starling Flocks: A Benchmark Study in Collective Animal Behavior“, in: Animal Behavior 76, 1 (2008), S. 201-215: 211. 30 Vogl (2001), Medien-Werden, S. 115 f. 31 Vgl. Carl R. Schilt/Kenneth S. Norris, „Perspectives on Sensory Integration Systems: Prob- lems, Opportunities, and Predictions“, in: Parrish/Hamner (1997), Animal Groups in Three Dimensions, S. 225-244. SCHWARM-WERDEN 299 nuinen Gebieten sucht. Um 1980 entwickeln japanische Fischforscher bereits agentenbasierte Schwarm-Simulationsverfahren, die anhand von ‚Verhaltens- zonen‘ um jedes Individuum und mittels deren so definierten Verhaltenswei- sen die Entstehung von Schwarmkollektiven in digitalen Computerprogram- men modellieren. Diese Anwendungen bleiben jedoch ohne große Wirkung für die biologische Forschung – als Grund hierfür liegt nahe, dass sie noch ohne grafische Visualisierungsverfahren operieren. Doch gerade im Bereich des Grafik- und Animationsdesigns entstehen – weitgehend unabhängig vom Datenmaterial biologischer Experimentalstudien – kurz darauf Verfahren zur Visualisierung von Vielteilchensystemen, die ganz andere Ziele verfolgen, aber dabei durchaus ähnliche Simulationsmodelle entwickeln. Diese Compu- tersimulationen und speziell ihre aufwendigen Visualisierungen werden bald darauf von Schwarmforschern adaptiert, und so eröffnen sich einige Jahre spä- ter völlig neue Zweige der Schwarmforschung. Computerprogrammierer wie Frederick Brooks oder Grafikdesigner wie Craig Reynolds machen sich jedoch zunächst einmal lediglich Gedanken über effiziente, mit wenig Aufwand zu programmierende, flexible und distribuierte Modelle der Softwareentwicklung und der Visualisierung.32 Objektorientierte Programmiersprachen spielen in diesem Dispositiv genau wie agentenbasierte Computersimulationen33 eine entscheidende Rolle, und für beide Entwickler sind es ‚natürliche, biologische Vorbilder‘, die ihnen als Anleitung, Inspiration und Grundlage dienen. So entwickelt Reynolds 1987 jenes berühmte Boids-Modell künstlicher Schwärme, das mit nur wenigen Basisregeln, einem Richtungsvektor und vor allem mit einem sehr beschränkten Wissen der einzelnen Boids über die Dyna- miken des Gesamtschwarms ausgestattet, nach einer Weile des Modulierens bereits sehr realistische kollektive Flugmanöver zeigt.34 Reynolds entwirft sei- ne grafischen „Bird-oid Objects“ – daher die Abkürzung „Boids“ – ursprüng- lich für die Animation von Fledermausschwärmen im Film Batman Returns. Und sein Konzept ist, so gesteht er selbst ein, aus Bequemlichkeit geboren – indem der Animator damit mühsame Programmierarbeit einsparen kann. An- statt alle Bewegungspfade aller Boids einzeln zu kontrollieren (und dabei Kol- lisionen und ,unnatürliche‘ Pfade in jedem Frame auszuschließen), werden derartige Regelungsprozesse nun bewusst ins Systemverhalten – also in den 32 Vgl. William T. Reeves, „Particle Systems – A Technique for Modeling a Class of Fuzzy Ob- jects“, in: ACM Transactions on Graphics 2, 2 (1983), S. 91-108. Vgl. Craig W. Reynolds, „Flocks, Herds, and Schools: A Distributed Behavioral Model“, in: Computer Graphics 21, 4 (1987), S. 25-34: 27. 33 Agentenbasierte Computersimulationen (ABM) folgen einem Programmierprinzip, das ein- zelnen Agenten bestimmte Bewegungs- und Interaktionsfähigkeiten und Verhaltensziele zu- schreibt und diese dann innerhalb einer Simulationsumwelt mit bestimmten Umweltregeln oder simulierten physikalischen Begebenheiten ,aufeinander los lässt‘. So können potenzielle (kritische) kollektive Entwicklungsdynamiken getestet werden. Ein verbreitetes Anwen- dungsbeispiel wäre etwa die Verkehrsforschung, die mittels ABM-Phänomenen wie etwa dem ,Stau aus dem Nichts‘ nachgeht. 34 Ebd., S. 25-34. 300 SEBASTIAN VEHLKEN Bereich der Automatismen – verschoben. Der Designer werde, so Reynolds, im Zuge dessen zu einer Art ‚Meta-Animator‘. Dieser lege nicht mehr direkt die Bewegungen seiner Animation fest, sondern nur noch Verhaltensparame- ter, die dann in der runtime des Programms zu Bewegungen führen – seien es die gewünschten oder auch ganz unerwartete. Methodologisch wird hier also nicht mehr versucht, die Selbstorganisation von Schwärmen analytisch zu zer- legen. Vielmehr wird versucht, ähnliche Selbstläufereffekte in Computersimu- lationen zu erzeugen, indem man haufenweise Szenarien mit (bestenfalls) sys- tematisch variierten Parametereinstellungen produziert, diese miteinander ver- gleicht und nach und nach die Durchläufe mit den gewünschten Systemverhal- tensweisen identifiziert. Dies funktioniert bei Kollektivprozessen, die so aus- sehen wie bei biologischen Schwärmen, erstaunlich gut – und so spricht Rey- nolds am Ende seines Boid-Textes selbst den Nutzen seines Modells für wis- senschaftliche Studien an: One serious application would be to aid in the scientific investigation of flocks, herds, and schools. These scientists must work almost exclusively in the obser- vational mode; experiments with natural flocks and schools are difficult to per- form and are likely to disturb the behaviors under study. […] A theory of flock organization can be unambiguously tested by implementing a distributed behav- ioral model and simply comparing the aggregate motion of the simulated flock with the natural one.35 Und tatsächlich: Wenn man den Ausführungen Steven Levys Glauben schenkt, klingelte schon bald darauf das Telefon, da interessierte Biologen sich nach Reynolds’ Steuerungsalgorithmus erkundigen wollten. Demgemäß setzen Biologen bald genau nach diesem Prinzip aufgebaute Si- mulationsmodelle ein, um das Verhalten künstlicher Schwärme ohne die Re- striktionen und Störungen des matschigen, von Störungen durchsetzten real life in verschiedenen Szenarien zu studieren.36 Und hier wäre auch ein drittens Element des Medien-Werdens von Schwärmen genannt, das laut Vogl in der Erzeugung eines anästhetischen Feldes besteht und damit verbunden ist mit einer produktiven Störfunktion: Der kritische Punkt einer historischen Medienanalyse liegt nicht in dem, was Medien sichtbar, spürbar, hörbar, lesbar, wahrnehmbar machen, er liegt weniger in einer Ästhetik der Daten und Nachrichten, sondern in der anästhetischen Seite dieses Prozesses.37 Der technische Blick auf Schwärme dokumentiert immer auch schon das Ver- hältnis beziehungsweise die Differenz von Sichtbarem und Unsichtbarem. Und dies ist der Einsatzpunkt, an dem ab den 1990er Jahren mit agentenba- 35 Ebd., S. 32. 36 Vgl. überblickshaft Julia K.Parrish/Steven V. Viscido, „Traffic Rules of Fish Schools: A Re- view of Agent-Based Approaches“, in: Charlotte Hemelrijk (Hg.), Self-Organisation and Evolution of Social Systems, Cambridge, 2005, S. 50-80. 37 Vogl (2001), Medien-Werden, S. 118 f. SCHWARM-WERDEN 301 sierten Computersimulationsverfahren und ihrer ganz eigenen epistemischen Gangart ein nochmals grundlegend anderer ‚Blick‘ auf Schwärme geworfen werden kann. Wenn Schwarmforschungen unter der Möglichkeitsbedingung von Multi- agentensystemen nach einem Prinzip verfahren, dass Bernd Mahr „Verhaltens- wissenschaft von Systemen“38 genannt hat, können sie ‚Computerexperimente‘ durchführen, die im real life mit biologischen Schwärmen, zumal mit Vögeln, nicht denkbar waren. Sie reinstallieren damit auch gar nicht jenes alte Ge- spenst der Mimesis, den Versuch einer positivistischen Nachahmung ‚natür- licher‘ Vorbilder. Gerade dadurch, dass sie längst das medientechnische Re- gister gewechselt haben und nach eigenen (z. B. durch die Programmierungs- und Visualisierungskonventionen, Datenfilterverfahren und Komprimierungen definierten) Regeln verfahren, muss man im Fall agentenbasierter Simula- tionsverfahren mit Hans Blumenberg eher von ,Vorahmungen‘ sprechen39, von Präsentationen, die einen Möglichkeitshorizont von Prozessen beschreiben. MAS helfen, Forschungsfragen zu entwickeln, Forschungsrichtungen zu jus- tieren und Ideen zu generieren – gerade dadurch, dass sie in gewisser Weise zugleich mehr und weniger zeigen, als in ‚natürlichen Schwärmen‘ je zu sehen wäre. Sie ermöglichen eine Erkenntnisebene mit fiktionalen Elementen, die durch den interaktiven Umgang mit visualisierten Simulationsdurchläufen von Schwärmen in ihren drei Raumdimensionen und ihrer zeitlichen Entwicklung und mittels der Evaluierung verschiedener Simulationsverfahren und -verläufe untereinander erreicht wird, und die zu klassischen Verfahren der Theoriebil- dung, des Experimentierens und der Modellbildung hinzutritt. Diese Verfahren ermöglichen auch jene dritte, rekursiv funktionierende An- näherung an die Selbsttechnologien der Schwarmforschung. Eine Rekursion ist informatisch definiert als die Wiederanwendung einer Verarbeitungsvor- schrift auf eine Variable, die selbst bereits der Output dieser Vorschrift ist: Der Variablenwert ändert sich mit jedem Durchlauf der Schleife, und Effekt der Wiederholung ist gerade nicht die Herstellung von Identität, sondern eine vor- definierte Variation. [...] Rekursion verschränkt Wiederholung und Variation mit dem Ziel, ein Neues hervorzubringen,40 schreibt Wolfgang Ernst im Rückgriff auf Hartmut Winkler. Sie beschreibt die Eigenschaft eines Programms oder einer Programmroutine, sich selbst auf- rufen zu können – und nicht viel Anderes geschieht in der genannten Ver- 38 Vgl. Bernd Mahr, „Das Mögliche im Modell und die Vermeidung der Fiktion“, in: Thomas Macho/Annette Wunschel, Science & Fiction, Frankfurt/M., 2004, S. 161-182. 39 Hans Blumenberg, „‚Nachahmung der Natur‘. Zur Vorgeschichte der Idee des schöpferischen Menschen“, in: ders., Wirklichkeiten in denen wir leben. Aufsätze und eine Rede, Stuttgart, 1986, S. 55-103. 40 Wolfgang Ernst, „Der Appell der Medien: Wissensgeschichte und ihr Anderes“, in: Ana Ofak/Philipp von Hilgers (Hg.), Rekursionen, München, 2010, S. 177-197: 185, mit Verweis auf Hartmut Winkler, „Rekursion. Über Programmierbarkeit, Wiederholung, Verdichtung und Schema“, in: c’t, 9 (1999), S. 234-240: 235. 302 SEBASTIAN VEHLKEN schränkung von Biologie und Computertechnik. Schwärme werden hier sozu- sagen in sich selbst eingesetzt: Von biologischen Schwarmforschungen inspi- rierte Software-, Simulations- und Visualisierungsmodelle werden reimportiert in die biologische Schwarmforschung, um dort anhand von Computerexperi- menten und Simulationen das Verhalten vierdimensionaler, dynamischer Kol- lektive in silico zu studieren und neue Erkenntnisse hervorzubringen. Erst wenn die intransparenten Steuerungs- und Ordnungsstrukturen von Schwär- men nicht mehr nur beschrieben werden (wie in Teil 1) oder aufgeschrieben werden sollen (wie in Teil 2), sondern selbst als Schreibverfahren eingesetzt werden, lässt sich auch das Datenproblem noch einmal neu adressieren: Über die Codierung, über das Schreiben ‚digitaler Schwärme‘ und agentenbasierter Programm- und Simulationsumwelten, die auch die zeitliche Ebene von Schwarmdynamiken mitschreiben können, geschieht eine szenarische Annähe- rung auch an die Beschreibung biologischer Schwärme. Schwärme als Medien stellen die Mittel bereit, derer es zu ihrer eigenen Beschreibung bedarf. Erst wenn sie zu Schreibverfahren geworden sind, sind sie beschreibbar geworden. Der ,Kern ihres Selbst‘ ergibt sich dabei aus der in Multiagentensysteme ver- kleideten Anwendung vordefinierter Variationen, aus denen sich synthetisch jene Automatismen ergeben, welche die Selbstorganisationsfähigkeit von Schwärmen ausmachen – sei es in vitro oder in silico. Wenn MAS an die Stelle einer unbeobachtbaren und einer empirischen Datengewinnung gegenüber äußerst widerspenstigen Natur treten, heißt dies für die Schwarmforschung, stets im Möglichkeitsmodus zu operieren – die Annahmen eines Modells können mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit richtig sein oder nicht; ein wahres Selbst des Schwarms sind sie nie. Doch dafür wird eine Sichtweise auf die Prozesse des Kollektivs gewonnen, die dem ‚Kern ihres Selbst‘ dennoch am nächsten kommt: MAS formalisieren in ihren Programmierungen einerseits die Regeln, Fähigkeiten und Eigenschaften von Agenten und koppeln sie zugleich an operative Bilder: an dynamische Daten- bilder, die wiederum intuitive Justierungen der formal-mathematisch beschrie- benen Modelle in der Laufzeit des MAS erlauben. Verschiedenste Bewe- gungsdynamiken in Bezug auf Umweltfaktoren wie Strömungen oder Predato- ren, die Zahl auf ein Individuum Einfluss ausübender Nachbarn, die Art der möglichen involvierten Sinne – all diese Konstituenden von Schwärmen kön- nen, in die Programmlogik eines MAS übertragen, in ,virtuellen Laboren‘ das Datengestöber der biologischen Realität umgehen. Der Nachweis ihrer Rich- tigkeit läuft dabei über ,interne‘ Vergleiche mit anderen Simulationen, in der Evaluation einer großen Zahl von ,Runs‘ der einzelnen MAS, und im Einspei- sen jener fragmentarischen Daten, die durch technische Beobachtungsmedien und klassische Experimente erzeugt werden. Oder er wird belastbar über er- neute Rückkopplungen von Simulation und Experiment – etwa indem sie Ro- boterfische, die mit in Simulationen gewonnenen Verhaltensparametern pro- grammiert sind, im Forschungsaquarium in echte Schwärme eingesetzt werden SCHWARM-WERDEN 303 (und die dabei durch Tracking gewonnenen Daten wiederum in ein – somit verbessertes – MAS eingespielt werden).41 Unter diesen Bedingungen sind Schwärme nur mehr als Zootechnologien zu verstehen. Diese denken sich – im Gegensatz etwa zu Biotechnologien oder Biomedien – nicht vom bios, also vom Begriff eines ‚beseelten‘ Lebens her, sondern vom zoé, vom unbeseelten Leben im Schwarm. Sie beziehen sich damit auf eine Form von Belebtheit, die sich computertechnisch implementie- ren lässt, da sie in erster Linie auf Bewegungsdynamiken und Bewegungsrela- tionen beruht. Umgesetzt in digitale, dynamische Bewegungsbilder visualisie- ren sie ein Steuerungsmodell und Problemlösungsverfahren, das von seiner substanziellen biologischen Abkunft abstrahiert wurde: Schwarmtiere haben sich zu technisch informierten Systemtieren42 gewandelt, deren ‚intelligente‘ Organisationspotenziale nun in verschiedensten Gegenstandsbereichen appli- zierbar sind. Das ‚Selbst‘ der Selbstorganisation ergibt sich in einer rekursiven Verschachtelung, in einer Annäherung von wissenschaftlicher Herangehens- weise und ihrem Erkenntnisobjekt oder Erkenntnisproblem. Der unauflösliche, paradoxale Zug an diesem ‚Selbst-Findungsprozess‘ ist somit, dass niemals ein ,Selbst‘ gefunden wird, wenn Schwärme schließlich mittels Schwarm-Me- dien erforscht werden – sondern immer nur Prozesse. 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Anne von der Heiden/Joseph Vogl, „Vorwort“, in: dies. (Hg.), Politische Zoologie, Zü- rich, Berlin, 2007, S. 7-14. 304 SEBASTIAN VEHLKEN Bonabeau, Eric, „Agent-Based Modeling: Methods and Techniques for Simulating Human Systems“, in: PNAS 99, Suppl. 3 (14. Mai 2002), S. 7280-7287. Burckhardt, Richard W., Patterns of Behavior. Konrad Lorenz, Niko Tinbergen and the Founding of Ethology, Chicago, IL, 2005. Cavagna, Andreaet al., „The STARFLAG Handbook on Collective Animal Behavior: Part I, Empirical Methods“, in: arXiv E-print, (2008), S. 27, online unter: http://arxiv. org/abs/0802.1668, zuletzt aufgerufen am 31.07.2011. Corner, J. J./Lamont, G. B., „Parallel Simulation of UAV Swarm Scenarios“, in: Pro- ceedings of the 2004 Winter Simulation Conference, S. 355-363. Ernst, Wolfgang, „Der Appell der Medien: Wissensgeschichte und ihr Anderes“ in: Ana Ofak/Philipp von Hilgers (Hg.), Rekursionen, München, 2010, S. 177-197. 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THESENBAUKASTEN ZUM VERHÄLTNIS VON AUTOMATISMEN UND SELBST-TECHNOLOGIEN TEIL 3 These 6: Automatismen sind konstitutiv bei der Herausbildung von Identi- tätskonstrukten aus kollektiv-ironischen Positionen. Ironisch angeführte Identitätskonstrukte entwickeln im Diskurs ein eigendyna- misches Potenzial. Daraus können neue, schließlich als authentisch wahrge- nommene Identitätsmodelle resultieren oder überkommen geglaubte Subjekt- kategorien unintentional wieder gefestigt werden. In ihrer These „Automatismen formieren Subjekte“1 beschreibt Hannelore Bublitz im Anschluss an Foucault die Automatismen der Subjektkonstitution durch (Selbst-)Spiegelung im regulativen Medium ‚der Masse‘. Durch konti- nuierlichen Abgleich formiere sich „das Subjekt immer wieder aufs Neue und auf unvorhergesehene Weise.“2 Ich möchte diese These erweitern und auf Au- tomatismen eingehen, die wirksam werden, wenn Subjekte sich der Festlegung auf eine Identität entziehen und dazu auf die Anschlussoffenheit ironischer Aussagen zurückgreifen. Paradoxerweise kann genau die ironische Enthaltung der identitären Festlegung, wenn sie zur Massenerscheinung wird, über-indivi- duelle Identitätskonstrukte etablieren, ohne dass die einzelnen AgentInnen miteinander unmittelbar in Verbindung stünden oder auf die Bildung, Stär- kung oder Wandlung einer Kollektividentität abgezielt hätten. Ironische Positionierungen erweisen sich als eine Form der Begegnung mit Herausforderungen einer pluralen Gesellschaft, in der vieles möglich, nicht aber alles erwünscht und akzeptiert ist: Die Abwertung eines Standpunktes oder konkret – eines kulturellen Identitätsmodells – auf ironischer Basis ist möglich, ohne gleichzeitig ein anderes, festes Modell an seine Stelle zu setzen bzw. zu stärken. Weiter gedacht, ermöglicht die Doppelbewegung der ironi- schen Aufnahme/Abgrenzung sogar dann eine Stellungnahme, wenn das Kon- zept, von dem aus sie erfolgt, nicht mehr klar identifiziert werden kann. Diese Vielschichtigkeit interpretiert Claire Colebrook als Nährboden für ironische Hochzeiten und sieht auf struktureller Ebene Parallelen zwischen unserer und der sokratischen Welt, die mit den Anfängen von Ironie assoziiert ist: „It is at this moment of cultural insecurity – in the transition from the closed commu- nity to a polis of competing viewpoints – that the concept of irony is formed.“3 1 Hannelore Bublitz, „These 4: Automatismen formieren Subjekte“, in: dies./Roman Marek/ Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 30-35. 2 Ebd., S. 33. 3 Claire Colebrook, Irony, New York, NY, 2004, S. 2. 308 LIOBA MARIA FOIT, ANDREAS WEICH Ironie sei heute „eine Haltung zum Sein“, „an attitude to existence“.4 Damit ist sie zur ‚normalen‘ Kommunikationsform für die Masse geworden. Im Schutz des potenziell Unernsten dient Ironie als Schmiermittel des Diskurses: „We use irony […] effortlessly to show […] that we are on the same level as our conversational partner, and that they, in turn, are part of our club.“5 Über das Kollektiv-Ironische wird eine gemeinsame Grundlage geschaffen, ohne dass die Identitätskategorie, welche ironisch aufgenommen wird, eindeutig defi- niert sein müsste. In postmodernen Diskursen hat Ironie eine unübersehbare Präsenz und Aufwertung erhalten, denn sie zollt der Mehrdeutigkeit von Be- griffen und Identitätsmodellen Respekt und hat die Fähigkeit, vorgebliche Ge- gensätze und Unvereinbarkeiten zu umschließen. Sie bietet den Rückzugsraum des Unverbindlichen, des ‚bloßen Spaßes‘. Unter den vielschichtigen Heraus- forderungen des Alltags entsteht hierbei ein Schwebezustand, eine Differen- zierung zwischen Ironie und vorgeblicher Authentizität muss und/oder kann nicht mehr vorgenommen werden. Mit ihrer gleichzeitigen Unterbestimmung und Bedeutungszufügung negiert Ironie Totalität und artikuliert das, was Derrida als Supplement bezeichnet: „[D]iese Zutat aber bleibt flottierend, weil sie die Funktion der Stellvertretung, der Supplementierung eines Mangels auf Seiten des Signifikats erfüllt.“6 In Bezug auf kanadische Nationalidentität beispielsweise existiert die durch Lin- da Hutcheon berühmt gewordene These, ein patriotisches Zusammengehörig- keitsgefühl könne nur auf ironischer Basis Bestand haben: Wie kann man sich mit einem Land identifizieren, das vor dem Hintergrund der Kolonialgeschich- te ganz klar nicht ‚sein eigen‘ ist? „There is a long history of argument that the key to Canadian identity is irony, that a people used to dealing with national, regional, ethnic and linguistic multiplicities, tensions, and divisions have no alternative.“7 Auch Adam Carter sieht eine Affirmation des Heterogenen als konstitutiv für die kanadische Identitätskonstruktion und argumentiert, dass diese mittels kollektiver Ironie praktiziert werde: [I]t is asserted that Canadians share an ironic sense of identity, an identity char- acterized by doubleness and an awareness of the plural, differential, discursive and hence unstable nature of identity, be these identities of gender, race, ethnic- 4 Ebd. S. i. 5 R. Jay Magill, Chic Ironic Bitterness, Ann Arbor, MI, 2009, S. 3. 6 Jacques Derrida, „Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaften vom Menschen“, in: ders., Die Schrift und die Differenz, Frankfurt/M., 1976 [frz. OA 1967], S. 422-442: 437. 7 Linda Hutcheon, Irony’s Edge: The Theory and Politics of Irony, London, New York, NY, 1994, S. 7. Vgl. auch dies., Splitting Images: Contemporary Canadian Ironies, Toronto, 1991. THESENBAUKASTEN SELBST-TECHNOLOGIEN 3 309 ity, or that which most problematically attempts to encompass all of these – na- tion.8 Offenbar kann die aufgrund ihrer Unbestimmtheit gescholtene Ironie zugleich stabilisierend wirken, oder gar konstitutiv für die Identifikation eines (hetero- genen) Kollektivs sein: Der mythische Charakter des (kollektiven) Subjekts – hier die Einheit der Nation – ist bewusst geworden, wird ironisch unterlaufen und dann auf der so ‚legitimierten‘ Grundlage wieder bedient und möglicher- weise gestärkt. Eine immer noch populäre Definition reduziert Ironie auf ein Denken in bi- nären Strukturen, von Gegenteilen, und ist in einer festen zeitlichen Dimen- sion verankert: Hier gibt es ein ‚Ursprungsszenario‘, von dem aus die ironi- sche Abgrenzung erfolgt. Postmoderne Konzepte hingegen verorten ironische Abgrenzung nicht in der Nachfolge, sondern als gleichzeitig, gleichberechtigt und in gewisser Weise ununterscheidbar vom ‚tatsächlich Gemeinten‘. Somit ist jede ironische Abgrenzung zugleich auch immer die Aneignung des Ande- ren, des eigentlich nicht Gemeinten. Während die Unterscheidung zwischen Ernst und Ironie nicht signifikant gekennzeichnet ist (sonst würde Ironie nicht funktionieren), ist sie sehr wohl theoretisch vorgesehen – auf Signifikatsebene ist eine solche kategoriale Trennung aber nicht möglich. Das heißt: Der per- formative Akt bestätigt die aufgerufenen Idenitätskategorien, doch der/die Handelnde muss nicht zwischen Distanzierung und Identifikation unterschei- den. Wird diese Struktur zum Massenphänomen, so wird von einander Unbe- kannten eine Entwicklung in Gang gesetzt und unterhalten, die im Rahmen der Normalisierung des Kommunizierten/Praktizierten Resultate hervorbringen kann, die von den einzelnen Beteiligten nicht geplant und u. U. nicht ge- wünscht sind. Möglich sind sowohl die Re-Stabilisierung überkommender Kli- schees als auch die Chance, neue (Selbst-)Entwürfe zu probieren und zu eta- blieren.9 Aus der Unterbestimmung ironischer Kommunikation ergibt sich ständig eine Vielzahl von Anschlussmöglichkeiten. Ironie ist dementspre- chend nicht progressiv oder regressiv. Sie hat das Potenzial zur Affirmation, zum Subversiven und zur Enthaltung. Bublitz hebt hervor, dass Masse und Individuum „nicht als Polaritäten, son- dern als fließendes Kontinuum“10 zu betrachten seien, indem sie sich gegensei- tig formieren. Zugleich prägt ihre reflexive, spiegelförmige Aufstellung auch die Sujets ihres Diskurses. Bei massenweise auftretender, anhaltend ironischer Positionierung geraten Aussagen und Praktiken in den Diskurs, die sich nicht 8 Adam Carter, „Namelessness, Irony, and National Character in Contemporary Canadian Criticism and the Critical Tradition“, in: Studies in Canadian Literature / Études en littéra- ture canadienne 28, 1 (2003), S. 5-25: 6. [Hervorh. i. O.] 9 Im Kontext des Gender-Diskurses wäre Letztes z. B. die Entwicklung gänzlich neuer Ge- schlechterbilder im Rahmen von Queer Dressing u.Ä. 10 Bublitz (2010), These 4: Automatismen formieren Subjekte, S. 33. 310 LIOBA MARIA FOIT, ANDREAS WEICH weniger gut etablieren als vermeintlich authentische. Damit entwachsen sie dem Wirkungsraum und der Kontrolle des Individuums. Ist ein wahrer Ur- sprungsgedanke11 nicht mehr auszumachen, ist auch der angebliche Ernst nicht mehr als eine Ironie der Ironie, welche somit zu einer Ironie der Unverständlichkeit [wird], die in ständiger reflexiver Weiterpotenzie- rung ihrer gedanklichen Inhalte nicht mehr zu diesen zurückzufinden vermag; einer Form unbeherrschter Ironie somit, in welcher Ironie gerade nicht mehr be- liebig einsetzbares Instrument von Kommunikation ist.12 Analog zu Derridas différance-Begriff13 speist sie sich aus dem Automatismus des ewigen Verweises, in dem folglich auch die Unterscheidung von Ironie und Nicht-Ironie hinfällig wird. Dem Individuum muss eine Absicht in seiner Verwendung ironischer Mittel nicht abgesprochen werden. Sie wird im Prozess der performativen Fixierung jedoch belanglos; weiter noch: Es ist egal ob er oder sie mit der Anwendung von Ironie subversive Intentionen verfolgt oder nicht; ob es schlicht darum geht, einen eigenen Standpunkt zu vermeiden, um sich einer Festlegung grundsätzlich zu entziehen oder verschiedene Anschlussmöglichkeiten zu schaffen, die entsprechend der situativen Adäquatheit genutzt und ausgebaut werden können. Für die Herausbildung oder Stabilisierung einer Kollektiv- Kategorie im Diskurs spielt ihre Ausdeutung durch einzelne Akteure insofern keine Rolle, sie konstituiert sich automatisch durch ihre kollektive Aufrufung. Über den Umweg der Ironie können so identitäre Modelle in den Diskurs ge- bracht werden, die vorher (aus Gründen der Tabuisierung, des heiklen Status, des Bewusstseins um Unzulänglichkeiten u. a.) nicht benannt wurden. Ihre Applikation schafft und stabilisiert damit ungewollt Kategorien, die zu bedie- nen die einzelnen Agenten ursprünglich mittels ironischer Ausführungen zu vermeiden versuchten. Lioba Maria Foit 11 Vgl. Derridas Ausführung zum transzendentalen Signifikat bzw. zum Fehlen eines Zentrums in „Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaften vom Menschen“ S. 422 ff. 12 Armen Avanessian, Phänomenologie ironischen Geistes. Ethik, Poetik und Politik der Mo- derne, München, 2010, S. 14. [Hervorh. i.O.] 13 Vgl. Jacques Derrida, „La différance“, in: ders., Marges de la philosophie, Paris, 1972, S. 1- 29. [Erstveröffentlicht in: Tel Quel (Hg.), Théorie d’ensemble, Paris ,1968.] THESENBAUKASTEN SELBST-TECHNOLOGIEN 3 311 These 7: Profile sind Selbst-Technologien. Sie setzen über planvoll einge- setzte mediale Infrastrukturen ungesteuerte Dynamiken des Selbstmanage- ments und der Entstehung von Wissensstrukturen in Gang. Ein Profil ist in seiner grundlegendsten Form eine Zusammenstellung be- stimmter kategorisierter Merkmale. Deren allgemeines Ziel ist es, das Objekt, auf das es sich bezieht, repräsentativ zu charakterisieren. Das auf diese Weise in eine mediale Form übersetzte Objekt wird dadurch an einen diskursiven Wissensraum anschlussfähig und kann in ihm verortet werden. Dies hat für die Verbindung von Selbst-Technologien und Automatismen eine besondere Rele- vanz, wenn 1. das profilierte Objekt ein Selbst (vornehmlich das eines Men- schen) ist und 2. eine Vielzahl aneinander anschlussfähiger Profile angelegt und gepflegt wird. Dann nämlich, so die These, entsteht eine Konstellation, in der das individuelle Selbstmanagement mittels der Profile ungeplante Wis- sensstrukturen entstehen lässt. Der besondere Reiz für die Automatismenfor- schung ergibt sich dabei aus der Tatsache, dass in diesem Fall eine planvoll konstruierte Infrastruktur eingesetzt wird, auf deren Grundlage sich ein spezi- fisches Wissen generiert, das selbst durch keine zentrale Instanz auf direktem Wege produzierbar wäre. Durch entsprechende Designs der Profile und ihre durchdachte Verschaltung und Auswertung, können somit Automatismen pro- voziert werden, die gezielt „nützliches“ und ökonomisch verwertbares Wissen produzieren. Neben der Betrachtung eines spezifischen Zusammenhangs von Automatismen und Selbst-Technologien wirft die vorliegende These daher gleichzeitig die Frage nach der Planbarkeit bzw. gezielten Produktion von Rahmenbedingungen zweckgebundener Automatismen auf. Ein Beispiel, an dem diese Aspekte im Folgenden skizzenhaft verdeutlicht werden sollen, ist Googles personalisierte Suchfunktion „Search plus Your World“, die Ergebnisse auf Grundlage des Google+-Profils14 der Suchenden filtert. Die Vermutung ist, dass Google dabei mittels Profilstrukturen gezielt Automatismen zur Generierung von personalisierter Relevanz provoziert, deren wichtigste Triebfeder Selbst-Technologien darstellen. Den ersten Ansatzpunkt für die Beschreibung dieser Konstellation bildet das Nutzerprofil in Google+. Dessen Erstellung erfolgt grundsätzlich auf die gleiche Weise wie in den meisten anderen Social Networking Sites auch: Der User wird dazu aufgefordert Informationen über sich in die dafür vorgesehe- nen Kategorien einzutragen. Das setzt voraus, dass sich das Subjekt im Hin- blick auf eben diese Kategorien und Merkmale befragt: „Wie ist mein berufli- cher Werdegang? Wann habe ich Geburtstag? Bin ich männlich oder weib- lich? Interessiert an Frauen oder Männern? Bin ich in einer Beziehung und wenn ja, welcher Art? Was sind meine Lieblingsbands, meine Interessen?“ 14 Darüber hinaus werden ebenfalls Informationen wie der Standort und die Art des genutzten Geräts, die gewählte Sprache und das bisherige Nutzungsverhalten für die Profilierung heran- gezogen. 312 LIOBA MARIA FOIT, ANDREAS WEICH usw. Im Akt des Profilierens produziert der Nutzer bzw. die Nutzerin formali- siertes Wissen über sich selbst.15 Für das Profil scheint, wenn nicht gar analog zu gelten, so doch zumindest nachzuwirken, was Michel Foucault für den Zu- sammenhang von Humanwissenschaften und Selbst-Technologien konstatier- te, als er schrieb, das Subjekt sei gegenüber sich selbst und anderen zum Wissensobjekt geworden, zu einem Ob- jekt, das die Wahrheit über sich sagt, um sich selbst zu erkennen und erkannt zu werden, einem Objekt, das lernt, Veränderungen an sich selbst zu bewirken. Dies sind die Techniken, die mit dem wissenschaftlichen Diskurs im Rahmen der Selbsttechnologien verbunden sind.16 Im Gegensatz zu den spezialdiskursiven Praktiken der Humanwissenschaften ist die Profilierung in sozialen Netzwerken wie Google+ jedoch zu einer All- tagspraktik der Selbstevaluation geworden.17 Die damit verbundene Aufforde- rung, sich ein Selbst zu erarbeiten, ist dabei auch und insbesondere vor dem Hintergrund gegenwärtiger (neoliberaler) Imperative zum Selbstmanagement zu betrachten. Wie Ulrich Bröckling es unter dem Begriff des Dramas der Subjektivierung formuliert, ist dieser Prozess gleichzeitig verpflichtend und unabschließbar: „Subjekt zu werden ist etwas, dem niemand entgeht und das zugleich niemandem gelingt.“18 Das eigene Profil ist somit fortwährend zu schärfen, weiterzuentwickeln und den äußeren Gegebenheiten anzupassen. Bei Google+ geschieht dies durch die möglichst detailreiche Auffüllung der vorge- gebenen Kategorien mit persönlichen Informationen, Kontakten und Verlin- kungen. In diesem Sinne ist das Profil ein Medium des Selbstmanagements, eine Selbst-Technologie. Die Profilstruktur als solche ist dabei von Google be- wusst gestaltet, wohlbedacht eingesetzt und insofern eine geplante Struktur. Sie spannt durch die gewählten Kategorien einen Wissensraum auf, der eben- falls top down eingesetzt ist19 und den Subjekten als Reflexionsraster dient.20 15 Vgl. hierzu auch Ramón Reichert, Amateure im Netz. Selbstmanagement und Wissenstechnik im Web 2.0, Bielefeld, 2008, S. 96 f. 16 Hubert Dreyfus/Paul Rainbow, Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Herme- neutik, Frankfurt/M., 1999, S. 206. 17 Vgl. Reichert (2008), Amateure im Netz, S. 101. 18 Ulrich Bröckling, Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt/M., 2007, S. 30. 19 Auf dieser Ebene ist es naheliegend, Profile im Hinblick auf ökonomische, politische und sonstige Interessen oder auch gesellschaftliche Werte und Normen zu befragen, sie sind je- doch als Struktur selbst eher mittelbar ein Gegenstand der Automatismenforschung. Doch na- türlich ließe sich auch im Hinblick auf die gesetzten Kategorien fragen, inwiefern sie sich über Automatismen allererst als relevanter Wissensgegenstand konstituiert haben oder ob ein Diskurs mittels Automatismen zu einem hegemonialen oder auch naturalisierten werden kann. (Siehe hierzu Tobias Conradis Beitrag im ersten Automatismen-Band: „These 12: Auto- matismen wirken innerhalb von Diskursen. Ein Beispiel für diskursive Automatismen ist das Konzept der ‚Naturalisierung‘“, in: Hannelore Bublitz et al. (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 231-234.) 20 Siehe hierzu auch These 4 von Hartmut Winkler in diesem Band. THESENBAUKASTEN SELBST-TECHNOLOGIEN 3 313 Darüber hinaus entstehen auf einer übergeordneten Ebene ungeplante Strukturen, die einen weiteren Wissensraum generieren, der von keiner zentra- len Instanz planbar wäre. Dieser entsteht zwar auf Grundlage der Profile, je- doch weitestgehend im Rücken der profilierten Subjekte und auch ohne wei- tere Eingriffe seitens Google. Diese Behauptung provoziert verschiedene Fra- gen: Welche Eigenschaften und Funktionen der Profile ermöglichen diese un- geplante Strukturentstehung? Welche Arten von Strukturen entstehen? Und wie kann Google diese Strukturen in nutzbares Wissen bzw. konkreter: eine personalisierte Relevanz umsetzen? Die für diesen Zusammenhang fundamental wichtige Eigenschaft der Pro- file in Social Network Sites wie Google+ ist, dass in ihnen „die personenbezo- genen Daten der Nutzer stets in geordneter und (technisch gesehen) immer gleicher Form abrufbar“21 sind. Wie Ramón Reichert konstatiert, setzen stan- dardisierte Eingabemöglichkeiten „ein Raster der Erfassung persönlicher Merkmale ins Werk. Mit diesem Rasterwerk können Profile miteinander ver- glichen werden und einzelne Parameter bestimmten Suchanfragen zugeordnet werden.“22 Diese Formalisierung und die daraus resultierende Vergleichbarkeit bzw. Anschlussfähigkeit der verschiedenen Profile aneinander ermöglicht die Entstehung von vielfältigen Verknüpfungen zwischen Profilen (etwa durch die Funktion der Kreise23, das Teilen verschiedener Inhalte oder Links, das „liken“ (+1) oder auch identische Angaben in Kategorien wie „Wohnort“ beispiels- weise). Innerhalb dieses aus Profilen aufgebauten Wissensraums lässt sich jedes Profil verorten und jede Selbstverortung darin (hier kommen die Selbst- Technologien wieder ins Spiel) (re-)produziert diesen Wissensraum wiede- rum. Die Tatsache der Entstehung dieser netzwerkartigen und hoch dynami- schen Struktur ist zwar erwartbar, ihre konkreten Entstehungsprozesse bleiben jedoch weitgehend opak und ihr Ergebnis bleibt unvorhersehbar bzw. unplan- bar. Google+ produziert über seine miteinander verschalteten Profile also le- diglich einen Möglichkeitsraum für Automatismen, die konkrete Wissens- strukturen generieren. Die User sind nun angehalten, sich in diesen dynami- schen Strukturen im Sinne einer Selbst-Technologie fortwährend zu verorten. Gleichzeitig können die entstandenen Strukturen nutzbringend von Google ausgewertet werden.24 In „Search plus Your World“ resultiert dies dann in der 21 Beitrag von Irina Taranu, Sebastian Labitzke und Hannes Hartenstein im vorliegenden Band, S. 79. 22 Reichert (2008), Amateure im Netz, S. 98. 23 Kreise sind in Google+ eine Art von Gruppen, in denen die mit dem eigenen Profil verknüpf- ten Profile anderer User organisiert werden können. Sie sind frei betitelbar und ermöglichen selektive Kommunikation und Rechteverteilungen. 24 Siehe zu den verschiedenen technischen Möglichkeiten und Verfahren der Generierung per- sonenbezogenen Wissens auf Grundlage von Social Networking Sites ebenfalls den Beitrag von Hannes Hartenstein, Sebastian Labitzke und Irina Taranu in diesem Band. An dieser Stel- le stellt sich auch die Frage, inwiefern die durch Automatismen entstandenen Strukturen erst im Zuge ihrer Beobachtung bzw. im Fall von Google im Zuge ihrer Auswertung konstituiert werden. Siehe hierzu auch Oliver Leistert, „These 5: Automatismen werfen das Problem der 314 LIOBA MARIA FOIT, ANDREAS WEICH Generierung von personenbezogener Relevanz von Suchergebnissen, die sich unmittelbar auf den (automatistisch entstandenen) Wissensraum in Google+ gründen.25 Hierbei werden unter anderem Fotos aus dem Google+-Netzwerk der Suchenden in der Bildersuche aufgegriffen, Personen aus den Kreisen ein- bezogen oder auch Posts in der Kommunikation mit anderen Usern berück- sichtigt.26 Dadurch wird beispielsweise die Suche nach „Kuba“ je nachdem, ob man in Google+ Fan vom Fußballverein Borussia Dortmund ist (+1) oder Ur- laubsfotos aus der Karibik mit anderen teilt – und hier müssen es nicht einmal die eigenen Fotos sein – eher den Mittelfeldspieler oder das Land „Kuba“ pro- minent in den Ergebnissen positionieren. Für Unternehmen wie Google, das wird an dieser kurzen Skizze deutlich, liegt nun gerade in der zyklischen Verschaltung von Selbst-Technologie und ungeplanter Strukturentstehung der Gewinn: Die Subjekte arbeiten permanent an sich selbst und damit auch an der Struktur, in der sie sich dann fortwährend selbst verorten und durch die Google wiederum personalisierte Suchergebnis- se (und natürlich auch Werbeanzeigen) liefern kann, die auf anderen, zum Bei- spiel redaktionellen Wegen nicht umsetzbar wären. Auf diese Weise kann Google zu jedem spezifischen Suchbegriff ein Ranking von Ergebnissen gene- rieren, das für jeden Nutzer und jede Nutzerin personalisierte Relevanzen ab- bildet bzw. postuliert, die sich maßgeblich aus den hier beschriebenen unge- planten Strukturen ableiten lassen. In dieser (informations-)ökonomisch nütz- lichen Anwendung zeigt sich jedoch auch theoretisch die besondere Qualität der Profile im Hinblick auf Automatismen: Sie provozieren auf der individuel- len Ebene Selbst-Technologien, deren Ergebnisse auf einer Makroebene durch die Formalisierung des Wissens verschaltbar werden. Dadurch entstehen wie- derum ungeplante Strukturen, die auf der individuellen Ebene Praktiken der Selbstverortung und des Selbstmanagements im Sinne einer neoliberalen Sub- jektkonstitution ermöglichen und anreizen. Profile sind also in einem Zwi- schenreich zwischen bewussten Planungen (der Profilstruktur), teils bewussten Handlungen (dem Selbstmanagement) und emergenten Strukturen (Verknüp- fungen) angesiedelt. Sie sind geplant einsetzbar und führen dabei (unter be- stimmten Bedingungen) paradoxerweise zuverlässig zur Entstehung ungeplan- ter Strukturen. Für die Automatismenforschung kann an diesem Beispiel ge- zeigt werden, dass Automatismen sich zwar in ihrem Funktionieren selbst und den konkreten Ergebnissen der bewussten Planbarkeit entziehen, dass aber Beobachterin auf. Hiermit sind weitreichende epistemologische Fragen verbunden“, in: Han- nelore Bublitz et al. (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 99-102. 25 In gewisser Weise ist diese personalisierte Suche eine Erweiterung des ursprünglichen PageRanks. (Vgl. hierzu auch Ahu Sieg/Bamshad Mobasher/Robin Burke, „Web Search Per- sonalization with Ontological User Profiles“, in: CIKM‚ 07. Proceedings of the 2007 ACM In- ternational Conference on Information and Knowledge Management: Lisboa, Portugal, New York, 2007.) Auch in anderen Fällen werden dabei Praktiken des Selbstmanagements genutzt, doch geschieht dies selten so explizit und anschaulich wie im hier gewählten Fallbeispiel. 26 Vgl. hierzu auch Googles offiziellen Blogeintrag zum neuen Feature: http://google blog.blogspot.de/2012/01/search-plus-your-world.html. THESENBAUKASTEN SELBST-TECHNOLOGIEN 3 315 Rahmenbedingungen geschaffen werden können, die bestimmte – und auf einen bestimmten Zweck hin ausgerichtete – Automatismen provozieren. Sind die Komponenten bekannt, können vergleichbare Automatismen für unter- schiedliche Kontexte reproduziert und instrumentalisiert werden. Profile sind in diesem Sinne eine Art geplanter Katalysator für ein erwartbar Ungeplantes und Unplanbares, ein aktivierendes Scharnier, ein Vermittler zwischen zwei Ebenen, kurz: Ein Medium der Automatismen. Andreas Weich Literatur Avanessian, Armen, Phänomenologie ironischen Geistes. Ethik, Poetik und Politik der Moderne, München, 2010. Bröckling, Ulrich, Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungs- form, Frankfurt/M., 2007. Bublitz, Hannelore, „These 4: Automatismen formieren Subjekte“, in: dies./Roman Marek/Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 30-35. Carter, Adam, „Namelessness, Irony, and National Character in Contemporary Cana- dian Criticism and the Critical Tradition“, in: Studies in Canadian Literature / Études en littérature canadienne 28, 1 (2003), S. 5-25. Colebrook, Claire, Irony, New York, NY, 2004. Conradi, Tobias, „These 12: Automatismen wirken innerhalb von Diskursen. Ein Bei- spiel für diskursive Automatismen ist das Konzept der ‚Naturalisierung‘“, in: Hannelore Bublitz et al. (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 231-234. Derrida, Jacques, „Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissen- schaften vom Menschen“, in: ders., Die Schrift und die Differenz, Frankfurt/M., 1976 [frz. OA 1967], S. 422-442. Ders., „La différance“, in: ders., Marges de la philosophie, Paris, 1972, S. 1-29. [Erstveröffentlicht in: Tel Quel (Hg.), Théorie d’ensemble, Paris ,1968.] Dreyfus, Hubert/Rabinow Paul, Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik, Frankfurt/M., 1999. http://googleblog.blogspot.de/2012/01/search-plus-your-world.html. Hutcheon, Linda, Irony’s Edge: The Theory and Politics of Irony, London, New York, NY, 1994. Dies., Splitting Images: Contemporary Canadian Ironies, Toronto, 1991. Leistert, Oliver, „These 5: Automatismen werfen das Problem der Beobachterin auf. Hiermit sind weitreichende epistemologische Fragen verbunden“, in: Hannelore Bublitz et al. (Hg.), Automatismen, München, 2010, S. 99-102. Magill, R. Jay, Chic Ironic Bitterness, Ann Arbor, MI, 2009. Reichert, Ramón, Amateure im Netz. Selbstmanagement und Wissenstechnik im Web 2.0, Bielefeld, 2008. Sieg, Ahu/Mobasher, Bamshad/Burke, Robin, „Web Search Personalization with On- tological User Profiles“, in: CIKM‚ 07. Proceedings of the 2007 ACM International 316 LIOBA MARIA FOIT, ANDREAS WEICH Conference on Information and Knowledge Management: Lisboa, Portugal, New York, 2007. ABBILDUNGSNACHWEISE Jan Müggenburg/Claus Pias Abb.1: http://osulibrary.oregonstate.edu/specialcollections/coll/pauling/peace/ papers/1964p.7-03.html Abb. 2: Privates Archiv Jan Müggenburg. Copyright M. Babock. Abb. 3: Heinz von Foerster, „Molecular Ethology. An Immodest Proposal for Semantic Clarification“, in: G. Ungar (Hg.), Molecular Mechanisms in Mem- ory and Learning, New York, NY, 1970, S. 213-248: 220. Christoph Neubert Abb. 1: Adaptation, USA 2002, 114 Minuten, Drehbuch: Charlie Kaufman, Regie: Spike Jonze, TC 00:25:08. Abb. 2: Bruno Latour, Aramis, or The Love of Technology, Cambridge, MA, London, 1996 [frz. OA 1993], ohne Pag. Abb. 3: Everett M. Rogers, Diffusion of Innovations, 5. Aufl., New York, 2003 [1962], S.11. Irina Taranu, Sebastian Labitzke, Hannes Hartenstein Abb. 1 bis 5: Erstellung durch die Autorin und Autoren. Die Daten und tlw. die Darstellung der Abbildungen 2, 3, 4 und 5 entstammen entweder Sebastian Labitzke/Irina Taranu/ Hannes Hartenstein, „What Your Friends Tell Others About You: Low Cost Linkability of Social Network Profiles“, in: Proceedings of the 5th International ACM Workshop on Social Network Mining and Analysis, San Diego, CA, 2011 oder Irina Taranu, Sammlung und automatisierte Auswertung statistischer Daten aus Vergleichen von Profilen verschiedener Sozialer Netzwerke, Diplomarbeit am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), 2011. Abb. 6: Screenshot eines Teils der Privatsphäre-Einstellungen von https://www.facebook.com. Jens-Martin Loebel Abb. 1: Screenshot zweier Bildschirme: Jens-Martin Loebel, ,Meine Freunde suchen‘ und Apple iOS: Copyright 2011 Apple Inc. Abb. 2: Screenshot und GPS-Daten: Jens-Martin Loebel, Kartenmaterial und Programm: Copyright Garmin Deutschland GmbH 2011. Abb. 3: Screenshot und GPS-Daten: Jens-Martin Loebel, Google Earth: Copy- right Google 2011. Anil K. Jain Abb. 1 und 2: Wikipedia ÜBER DIE AUTORINNEN UND AUTOREN BARTZ, CHRISTINA, Junior-Professorin für Fernsehen und digitale Medien an der Universität Paderborn und Mitglied des DFG-Netzwerkes Medien der kol- lektiven Intelligenz; Arbeitsschwerpunkte: Geschichte und Gegenwart des Fernsehens, Diskursgeschichte der Medien, Massen- und Normalisierungsdis- kurse, Geschichte und Theorie des frühen Hörfunks, Medien und kollaborative Praktiken; Veröffentlichungen u. a.: mit Ludwig Jäger et al. (Hg.), Handbuch der Mediologie. Signaturen des Medialen (2012); mit Marcus Krause (Hg.), Spektakel der Normalisierung (2007); mit Irmela Schneider (Hg.), Formatio- nen der Mediennutzung, Bd. 1: Medienereignisse (2007); MassenMedium Fernsehen. Die Semantik der Masse in der Medienbeschreibung (2007); Zur Erzählstruktur der Remaskulinierung (2000). BUBLITZ, HANNELORE, Professorin für Soziologie an der Universität Pader- born. Forschungsgebiete: Poststrukturalistische (Diskurs-)Theorie und Gesell- schaftsanalyse, Körper, Selbst- und Geschlechtertechnologien. Seit 2010 (stellvertretende) Sprecherin des DFG-Graduiertenkollegs „Automatismen. Strukturentstehung außerhalb geplanter Prozesse in Informationstechnik, Me- dien und Kultur“. Veröffentlichungen u. a.: Diskurs (2003); In der Zerstreu- ung organisiert. Paradoxien und Phantasmen der Massenkultur (2005); Judith Butler zur Einführung (3. Aufl., 2010); Im Beichtstuhl der Medien. Produktion des Selbst im öffentlichen Bekenntnis (2010); mit Roman Marek/Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler (Hg.), Automatismen (2010); mit Irina Kaldrack/ Theo Röhle/Hartmut Winkler (Hg.), Unsichtbare Hände. Automatismen in Medien-, Technik- und Diskursgeschichte (2011). FOIT, LIOBA MARIA, Studium der Anglistik, Germanistik, Komparatistik, Kul- turwissenschaften, Pädagogik und Italienisch in Bonn und Siena; anschließend MA in the Diversity of Contemporary Writing (Politik, Kultur, Ästhetik) in Swansea. Mehrjährige Berufserfahrung als Referentin im Bereich Projektma- nagement und Öffentlichkeitsarbeit im Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds und im Bundesministerium für Bildung und Forschung. Seit Mai 2011 Stipen- diatin im DFG-Graduiertenkolleg Automatismen an der Universität Paderborn mit einem Projekt zum Thema Kollektive Ironie – Hipness und Nationale Identität. 2012 Visiting Researcher am McGill Institute for the Study of Cana- da in Montreal. HARTENSTEIN, HANNES, Univ. Prof. Dr. rer. nat., ist geschäftsführender Di- rektor des Steinbuch Centre for Computing (SCC) und Professor für Informa- tik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Zuvor war er in den Network 320 ÜBER DIE AUTORINNEN UND AUTOREN Labs der NEC Europe Ltd. in Heidelberg tätig. Sein Mathematik-Diplom (1995) und die Doktorwürde im Bereich der Informatik (1998) erhielt er von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Er ist Mitglied des wissenschaftli- chen Direktoriums des Leibniz-Zentrums für Informatik, Schloss Dagstuhl. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen mobile sowie virtuelle Netzwerke und IT-Management. JAIN, ANIL K., Dr., Jahrgang 1969, studierte an der LMU München Politikwis- senschaft, Soziologie und Psychologie. 1999 promovierte er im Fach Soziologie bei Ulrich Beck über das Thema „Politik in der (Post-)Moderne“ und arbeitete seitdem in verschiedenen Forschungsprojekten. Interessenschwerpunkte sind u. a. Modernisierung und Globalisierung, Raum und Gesellschaft, Differenz, Metapher und Repräsentation sowie Postmoderne/Poststrukturalismus. Daneben arbeitet er auch als Dozent, DJ und Musikproduzent, Webprogrammierer, schreibt Kindertheaterstücke und leitet zusammen mit Mario Beilhack die „edi- tion fatal“. Nähere Informationen sowie Publikationen/Texte zum Download unter: http://www.power-xs.net/jain. KAERLEIN, TIMO, Stipendiat am Graduiertenkolleg Automatismen der Univer- sität Paderborn, Promotionsprojekt zu Automatismen bei Entwicklung und Aneignung von personal media. Bis April 2011 Studium Medienmanagement/ Medienkulturwissenschaft an der Universität Köln. Februar/März 2012: For- schungsaufenthalt in den Intelligent Robotics and Communication Laborato- ries, ATR, Kyoto, Japan. Forschungsschwerpunkte: Medien- und Technikthe- orie, Mobile Media, kulturwissenschaftliche Theorie des Spiels. KALDRACK, IRINA, Dr., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei eikones – NFS Bildkritik an der Universität Basel. Nach dem Studium der Mathematik und Theaterwissenschaft in Mainz und Berlin promovierte sie in Kulturwissen- schaft (HU Berlin) und war Postdoktorandin am Graduiertenkolleg Automatis- men. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Medialität technischer Medien, Mediengeschichte, Wissensgeschichte menschlicher Bewegung und Kulturge- schichte der Mathematik. Aktuelle Veröffentlichungen: mit Hannelore Bub- litz/Theo Röhle/Hartmut Winkler (Hg.), Unsichtbare Hände (2011); Imagi- nierte Wirksamkeit. Zwischen Performance und Bewegungserkennung (2011). LABITZKE, SEBASTIAN, ist seit 2008 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Karls- ruher Institut für Technologie (KIT) in der Forschungsgruppe Dezentrale Sys- teme und Netzdienste von Prof. Dr. Hartenstein sowie am Steinbuch Centre for Computing (SCC). Er schloss sein Informatik-Diplom 2008 an der Univer- sität Karlsruhe (TH) ab. Seine Forschungsinteressen liegen insbesondere in den Bereichen Identitätsmanagement und Analyse der Ausbreitung personen- bezogener Daten durch soziale Online-Netzwerke sowie den damit verbunde- nen Gefahren für die Privatsphäre von Nutzern. AUTOMATISMEN 321 LOEBEL, JENS-MARTIN, studierte Informatik und Psychologie in Berlin. Von 2004 bis 2012 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Wolfgang Coy am Lehrstuhl für Informatik in Bildung und Gesellschaft an der Humboldt-Uni- versität zu Berlin. Derzeit forscht er im Projekt „Hybrid Publishing“ des Inno- vations-Inkubators der Leuphana Universität Lüneburg. Er ist Sprecher der Fachgruppe „Langzeitarchivierung“ der Gesellschaft für Informatik e.V. sowie Gründungsmitglied der nestor-Arbeitsgruppe „Emulation“. Seine Forschungs- schwerpunkte umfassen Langzeitarchivierung komplexer multimedialer Da- ten, Emulation obsoleter Computersysteme, Möglichkeiten und Gefahren von Geolokationsanwendungen und -diensten sowie Sicherheit in Online-Syste- men. Seine aktuellen Publikationen: mit H.-G. Kuper, „RiB-Kit (RFID-in-a- Box) – Eine mobile RFID-Lösung für neuartige Interaktionskonzepte“, in: J. Sieck (Hg.), Kultur und Informatik: Aus der Vergangenheit in die Zukunft (2012), S. 187-196; „Is Privacy Dead? – An Inquiry into GPS-Based Geoloca- tion and Facial Recognition systems“ (im Erscheinen); „Pragmatische Gren- zen der Software-Emulation“ (im Erscheinen), mit C. Kurz, „Digitales Ver- gessen: Deletion Impossible?“ (im Erscheinen). MÜGGENBURG, JAN, studierte Medienwissenschaft und Philosophie in Bo- chum und Perth. Von 2006 bis 2009 war er Fellow am Initiativkolleg „Natur- wissenschaften im historischen Kontext“ der Universität Wien und von 2009 bis 2010 Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Digitalen Medien am Institut für Philosophie der Universität Wien. Er war Visiting Scholar am Department of Electrical and Computer En- gineering der University of Illinois in Urbana-Champaign (2008) und am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin (2009). Jan Müg- genburg ist zur Zeit Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kultur und Ästhetik Digitaler Medien der Leuphana Universität Lüneburg. Aktuelle Pub- likationen: „Lebende Prototypen und lebhafte Artefakte. Die (Un-)Gewisshei- ten der Bionik“, in: ilinx. Berliner Beiträge zur Kulturwissenschaft, 2 (2011), Mimesen, S. 1-20; mit Sebastian Vehlken, „Rechnende Tiere. Zootechnolo- gien aus dem Ozean“, in: Zeitschrift für Medienwissenschaft 4 (2011), Men- schen und Andere, S. 42-54, „Biological Computer Laboratory. Zu Organisa- tion und Selbstorganisation eines Labors“, in: Florian Hoof/Eva-Maria Jung/ Ulrich Salaschek (Hg.), Jenseits des Labors. Transformationen von Wissen zwischen Entstehungs- und Anwendungskontext (2011), S. 23-44. NEUBERT, CHRISTOPH, Dr., ist Akademischer Rat mit dem Schwerpunkt Me- diengeschichte am Institut für Medienwissenschaften der Universität Pader- born. Seine wissenschaftlichen Arbeitsschwerpunkte sind Geschichte und Theorie der technischen Medien, Verkehr und Logistik, Diskurse der Ökolo- gie, Geschichte der Bio-Medialität. Jüngere Veröffentlichungen: „Vom Diseg- no zur Digital Materiality. Operationsketten der Reproduktion zwischen künst- lerischer, biologischer und technischer Vermittlung“, in: Zeitschrift für Ästhe- 322 ÜBER DIE AUTORINNEN UND AUTOREN tik und allgemeine Kunstwissenschaft 57, 1 (2012), S. 45-67; „The End of the Line. Zu Theorie und Geschichte der Selbststeuerung in der modernen Logis- tik“, in: Hannelore Bublitz/Irina Kaldrack/Theo Röhle/Hartmut Winkler (Hg.), Unsichtbare Hände. Automatismen in Medien-, Technik- und Diskursge- schichte (2011), S. 191-214; „Um-Welt. Latours Ökologie nach der Natur“, in: Franz-Josef Deiters et al. (Hg.), Nach der Natur. After Nature (2010), S. 13- 32. OTHMER, JULIUS, M.A., ist Stipendiat des Graduiertenkollegs Automatismen an der Universität Paderborn mit dem Promotionsprojekt „Spielen mit der Ri- sikomaschine - Computerspiel als kulturelle Technik zum Umgang mit Risi- ko“. Bis September 2011 Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter in der Abteilung Medienwissenschaft der HBK Braunschweig. Bis 2008 Stu- dium der Medienwissenschaft, Technik der Medien und Soziologie an der HBK und TU Braunschweig. Aktuelle Veröffentlichung: mit Andreas Weich und Stefanie Pulst, „WTF is my GearScore? Risiko und Sicherheit als daten- bankgenerierte Elemente im Computerspiel“, in: Stefan Böhme/Rolf F. Nohr/ Serjoscha Wiemer (Hg.), Sortieren, Sammeln, Suchen, Spielen. Die Datenbank als mediale Praxis (2012), S.183-208. PECKHAUS, VOLKER, Professor für Wissenschaftstheorie und Philosophie der Technik an der Universität Paderborn. Arbeitsgebiete: Geschichte der Logik, Philosophie der Formalwissenschaften, allgemeine Methodenlehre. Veröffent- lichungen u. a.: Hilbertprogramm und Kritische Philosophie (1990); Logik, Mathesis universalis und allgemeine Wissenschaft (1997); mit Heinz-Dieter Ebbinghaus, Ernst Zermelo. An Approach to His Life and Work (2007). Web- page: http://kw.uni-paderborn.de/institute-einrichtungen/institut-fuer-human wissenschaften/philosophie/personal/peckhaus/. PIAS, CLAUS, ist Professor für Mediengeschichte und Medientheorie am Insti- tut für Kultur und Ästhetik Digitaler Medien (ICAM) der Leuphana Universi- tät Lüneburg. Zuvor lehrte er an den Universitäten in Weimar, Bochum, Essen und Wien. Er hat in den letzten Jahren zahlreiche Aufsätze zur Geschichte der Kybernetik und zur Epistemologie von Computersimulationen und Computer- spielen veröffentlicht. Aktuelle Buchpublikationen: Was waren Medien? (2011); mit T. Brandstetter und S. Vehlken, Think Tanks. Die Beratung der Gesellschaft (2010); mit Wolfgang Coy, PowerPoint. Macht und Einfluß eines Präsentationsprogramms (2009). PONGRATZ, LUDWIG A., von 1992 bis 2009 Professor für Allgemeine Pädago- gik und Erwachsenenbildung an der Technischen Universität Darmstadt. Ar- beitsschwerpunkte: Pädagogische Theoriegeschichte, Methodologie und Er- kenntnistheorie; Kritische Theorie bzw. Kritische Bildungstheorie; Kritische Erwachsenenbildung. Neueste Publikationen: Untiefen im Mainstream. Zur AUTOMATISMEN 323 Kritik konstruktivistisch-systemtheoretischer Pädagogik (Neuausgabe 2009); Bildung im Bermuda-Dreieck: Bologna - Lissabon - Berlin. Eine Kritik der Bildungsreform (2009); Sackgassen der Bildung. Pädagogik anders denken (2010); Kritische Erwachsenenbildung. Analysen und Anstöße (2010). Weitere Infos: www.ludwig-pongratz.de. RÖHLE, THEO, Dr., ist Postdoktorand am Graduiertenkolleg Automatismen an der Universität Paderborn. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit digita- len Wissensordnungen (Suchmaschinen, Digital Humanities), neuen Formen der Überwachung sowie Machtkonzepten in den Medienwissenschaften und den Science and Technology Studies. Promotion 2010 im Fach Medienkultur an der Universität Hamburg, zuvor Studium der Ideengeschichte, Cultural Studies und Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Stockholm. Seine Dissertation erschien 2010 unter dem Titel Der Google- Komplex. Über Macht im Zeitalter des Internets. Jüngste Publikationen: mit Hannelore Bublitz, Irina Kaldrack und Hartmut Winkler (Hg.), Unsichtbare Hände. Automatismen in Medien-, Technik- und Diskursgeschichte (2011); mit Oliver Leistert (Hg.), Generation Facebook. Über das Leben im Social Net (2011). RUNTE, ANNETTE, Apl. Prof., Akademische Oberrätin (Universität Siegen): Studium der Germanistik, Philosophie und Linguistik an den Universitäten Bonn, Bochum, Paris VII und Paris III (M.A.), u. a. bei Julia Kristeva; Post- doktorandin am Siegener Graduiertenkolleg Kommunikationsformen als Le- bensformen mit einem von der DFG finanzierten Forschungsprojekt („Texte zum Geschlechtertausch“); Habilitation in Allgemeiner und Neuerer Deut- scher Literaturwissenschaft an der Universität Siegen (1993); Gastprofessuren in Hannover, Rouen und Graz; Mitglied der Forschungsgruppe Centre de Re- cherche sur l’Autriche et l’Allemagne. Publikationen u. a.: Biographische Operationen. Diskurse der Transsexualität (1996); Lesarten der Geschlechter- differenz. Studien zur Literatur der Moderne (2005); Über die Grenze. Zur Kulturpoetik der Geschlechter in Literatur und Kunst (2006); Rhetorik der Geschlechterdifferenz. Von Beauvoir bis Butler. Vorlesungen (2010); mit Eva Werth (Hg.), Feminisierung der Kultur? Krisen der Männlichkeit und weib- liche Avantgarden / Féminisation de la civilisation? Crises de la masculinité et avant-gardes féminines (2007); (Hg.): Literarische ,Junggesellen-Maschi- nen‘ und die Ästhetik der Neutralisierung / Machine littéraire, machine céli- bataire et ,genre neutre‘ (2011). TARANU, IRINA, arbeitet seit dem Abschluss des Informatikstudiums als Wis- senschaftliche Mitarbeiterin am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) in der Forschungsgruppe „Dezentrale Systeme und Netzdienste“ (DSN) von Prof. Dr. Hartenstein am Institut für Telematik und in der Abteilung Dienste- Entwicklung und Integration (DEI) des Steinbuch Centre for Computing 324 ÜBER DIE AUTORINNEN UND AUTOREN (SCC). Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Analyse sozialer Online- Netze und der Integration von IT-Prozessen. VEHLKEN, SEBASTIAN, Dr., ist seit Oktober 2010 Wissenschaftlicher Mitarbei- ter am Institut für Kultur und Ästhetik Digitaler Medien der Leuphana Univer- sität Lüneburg. Studium der Medienwissenschaften und Wirtschaftswissen- schaft in Bochum und Media Studies in Perth, von 2005 bis 2007 DFG-Stipen- diat im Graduiertenkolleg Mediale Historiographien der Bauhaus-Universität Weimar und von 2007 bis 2010 Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Epistemologie und Philosophie Digitaler Medien des Instituts für Philosophie der Universität Wien. 2010 Dissertation am Kulturwissenschaftlichen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin, veröffentlicht unter dem Titel Zootechno- logien. Eine Mediengeschichte der Schwarmforschung (2012). Jüngere Veröf- fentlichungen: mit Christoph Engemann, „Supercomputing“, in: Archiv Für Mediengeschichte: Takt und Frequenz, Weimar, 2011, S. 143-161; mit Jan Müggenburg, „Rechnende Tiere. Zootechnologien aus dem Ozean“, in: zfm – Zeitschrift für Medienwissenschaften, 4 (2011), S. 58-70; mit T. Brandstetter und C. Pias (Hg.), Think Tanks. Die Beratung der Gesellschaft, Berlin, Zürich, 2010; „Fish & Chips: Schwärme, Simulation, Selbstoptimierung“, in: Eva Horn/Lucas Gisi (Hg.), Schwärme. Kollektive ohne Zentrum, Bielefeld, 2009, S. 125-162. WEICH, ANDREAS, promoviert im Graduiertenkolleg Automatismen mit dem Promotionsprojekt „Selbstverdatungsmaschinen. Computerbasierte Profile als Wissenskomplex zur Subjektivierung und Automatisierung in der aktuellen Medienkultur“ (Arbeitstitel). Bis 2010: Studium der Medienwissenschaft, Technik der Medien und Politologie an der HBK und TU Braunschweig. Ar- beitsschwerpunkte: Diskurs- und Dispositivtheorie, computerbasierte Medien, Medienkultur und Bildung. Aktuelle Veröffentlichung: mit Julius Othmer, „Lost in Digitalisation? Profiles as Means of Orientation in Computer Based Media“, in: Julia Eckel et al. (Hg.), (DIS)ORIENTATION – (Dis)Orienting Media and Narrative Mazes (in Vorbereitung). WENZEL, KRISTIN, Dissertationsprojekt zum Thema: „Erfahrungsraum Stille. Eine phänomenologische Betrachtung“, seit November 2011 Kollegiatin im Graduiertenkolleg Automatismen an der Universität Paderborn; Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Phänomenologie (insbes. der Wahrnehmung), Kul- turphilosophie und Ästhetik; Aktuelle Veröffentlichungen: „The Beginning of Listening. Zur Stille in den Künsten“, in: Olga Moskatova et al. (Hg.), Jenseits der Repräsentation. Körperlichkeiten der Abstraktion in moderner und zeitge- nössischer Kunst (im Druck); „Die lauten Bilder der Stille. Stille, Leiblichkeit und Affizierung im Kontext der installativen Kunst Aernout Miks“, in: Iris Cseke et al. (Hg.), produktion AFFEKTION rezeption, Online-Tagungsband auf www.kunstgeschichte-ejournal.net (in Vorbereitung). AUTOMATISMEN 325 WINKLER, HARTMUT, geb. 1953, Professor für Medienwissenschaft, Medien- theorie und Medienkultur an der Universität Paderborn. Arbeitsgebiete: Me- dien, Kulturtheorie, Techniktheorie, Alltagskultur, Semiotik. Veröffentlichun- gen: Docuverse − Zur Medientheorie der Computer (1997); Diskursökonomie −Versuch über die innere Ökonomie der Medien (2004); Basiswissen Medien (2008). Webpage: www.uni-paderborn.de/~winkler. ZEMAN, MIRNA, Dr., studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Ger- manistik in Zagreb; 2002-2005 war sie Stipendiatin des Graduiertenkollegs Reiseliteratur und Kulturanthropologie in Paderborn; 2009-2011 Postdokto- randin am Graduiertenkolleg Automatismen in Paderborn, 2011/12 Wissen- schaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Literatur und Medien an der Uni- versität Bamberg. Seit April 2012 Habilitationsstipendiatin der Uni Paderborn; Forschungsschwerpunkte: Literarische Moden und „Nachahmungswellen“, Banal Nationalism/Nation Branding, Kulturwissenschaftliche Stereotypenfor- schung; Reiseliteraturforschung. Neuere Publikationen: mit Maik Bierwirth und Anja Johannsen (Hg.), Doing Contemporary Literature. Praktiken, Wer- tungen, Automatismen (2012); Reise zu den „Illyriern“. Kroatien-Stereotype in deutschsprachiger Literatur und Statistik (1740-1815) (im Erscheinen). Mit Automolismen zwongslaufig verbunden ist die Froge noch dem Selbst und noch den Bedingungen, die es hervorbringen. Automotismen setzen ein ,Selbsl einerseits vorous, ondererseils ist zu frogen, wie ein ,Selbst, entsteht, wie es sich stobilisie* und reproduzierl, und welchen Anteil hieron wiederum Automolis- men hoben. Auf Seiten der Technik konn dos Konzept der Automotismen ob- gegrenzt werden gegenüber Theorien zum Automoten. lm Fokus des Bondes stehen Selbsttechnologien in einem umfossenden Sinne: kulturelle Musler der Selbstkonstitution, Prozesse der Selbststeuerung und Proktiken der Selbstfuhrung wie ouch For- men des Selbstmonogements. tsBN 97 8-3-77 0 5-5 42 5-6 llil lll llltIililillllllilt tl 91783770il554256||