Artikel Frauke Annegret Kurbacher* Zwischen „Verwurzelung“ und „Bodenlosigkeit“. Gedanken zu einer Philosophie der Migration1 1 Dem Artikel geht ein Vortrag im Rahmen des 2. Kongresses der Kulturwissenschaftlichen Gesellschaft vom  6.–8.10.2016 zum Thema „Migration und Europa“ an der Universität Vechta voraus, aber es liegen ihm auch eine  2014/15 begonnene Reihe von gleichnamigen oder ähnlich  lautenden Forschungsseminaren an verschiedenen  Universitäten (FU Berlin, BU Wuppertal, WWU Münster, FU Berlin, Collège international de philosophie in Paris)  und weitere Vorträge zugrunde, die ich zu dieser Thematik an verschiedenen Orten gehalten habe: an der Bergi- schen Universität Wuppertal im dortigen Forschungskolloquium, an der Freien Universität Berlin im Rahmen der  „Langen Nacht der Wissenschaften“ im Juni 2017 und zwei Vorträge zusammen mit Moritz Riemann, einmal als  Auftakt der Sommervorlesungsreihe zu „Flucht und Migration“ 2016 an der Christian-Albrechts-Universität zu  Kiel und im Rahmen einer Tagung von Polylog an der katholischen Universität in Freiburg im Januar 2017. © 2018 Frauke Annegret Kurbacher, licensee De Gruyter Open. This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-No- Derivs 3.0 License. 22 10.2478/kwg-2018-0002 | 2. Jahrgang 2018 Heft 1: 21–34 Abstract: In reflecting and discussing philosophical approaches on migration (almost Flusser, but also  Weil, Arendt, Kant and Waldenfels) – migration could be understood (not as an extraordinary case, but)  as a ‘conditio humana’ and touches the limits and possibilities of human beings. As existential experience  it is in between ‘rootedness’ and ‘groundlessness’ and has therefore also a critical potential for our views  of the world and our standpoints and could enlighten them as a new form of cosmopolitanism. Keywords: migrant, Europe, cosmopolitanism, groundlessness, rootedness, freedom *Prof. Dr. Frauke A. Kurbacher, FHöV NRW, Abt. Münster, Nevinghoff 8-10, D-48147 Münster,  email: frauke.kurbacher@fhoev.nrw.de  Die  Verbindung  von  ‚Migration  und  Europa‘  ist  Kernbestand  abendländischen  Denkens  zählen:  sowohl aktuell als auch historisch gegeben. Und  René Descartes, Jean-Jacques Rousseau, Hannah  doch  greift  das  Thema  weit  über  den  europäi- Arendt und viele andere. – Doch das Bodenlose  schen  Rahmen  hinaus  –  und  zwar  nicht  nur  in  bezieht sich nicht nur auf das Faktische der jewei- weltpolitischer  Hinsicht,  sondern  in  philosophi- ligen Migrationsbiographie, sondern ist Bestand- scher. Im Dispositiv von Migration werden Zusam- teil  eines  Denkens,  das  als  solches  keinen  fes- menhänge anders wahrnehmbar. Die Frage nach  ten Boden, kein fundamentum inconcussum hat,  Migration schlägt eine andere Perspektive auf die  noch je haben wird.  philosophische  Tradition  frei  und  stellt  sich  als  Die Betrachtung entfaltet  sich  vor  dem Hin- Anfrage an Philosophie selbst: Ihre Bedingungen  tergrund  von  dreien,  die  selbst  die  Erfahrung  der Möglichkeit sind davon berührt. Dies wird mit  von  Flucht  und  Migration  gemacht  haben:  der  dem  grundsätzlichen  Zugriff  auf  die  Thematik  politischen  Philosophin Hannah Arendt,  der  spi- von Simone Weil, Hannah Arendt und insbeson- rituell  inspirierten  und  politisch  aktiven  Denke- dere Vilém Flusser klar, die hier mit Seitenblicken  rin Simone Weil und dem Kommunikations- und  auf  Immanuel  Kant  und  Bernhard  Waldenfels  Medienphilosophen Vilém Flusser. Sie bilden die  betrachtet sein sollen. Denkfolie für unterschiedliche Zugriffe, in denen  Die Heftigkeit,  Leichtigkeit und Schwere des  die  Thematik  erschlossen  wird.  Philosophische  Bodenlosen als existentieller Erfahrung haftet der  Überlegungen  von  Kant  und Waldenfels werden  Philosophie  tatsächlich  in  vielfacher  und  konsti- dabei zur theoretischen Grundlegung herangezo- tutiver Weise an, denn: Frei und eigen  zu den- gen und darauf  in  diskursiver Weise  erneut  zur  ken, kostete bereits in der Vergangenheit, wenn  Disposition gestellt. nicht gleich den Kopf, so doch nicht selten – und  Der Text gliedert sich hierfür in zwei Teile. Im  mehr als bildlich gesprochen – den ‚Boden‘. Wie  Versuch einer Ausbuchstabierung des Titels seien  viel  von  unserer  abendländischen  Philosophie,  zunächst in drei Schritten erst einmal die Begriffe  kann gefragt werden,  ist nicht auch Exilphiloso- ‚Migration‘  –  auch  im  Kontrast  zur  ‚Flucht‘  –  phie und -literatur?2 Dies gilt für einige, die zum  betrachtet und einige grundsätzliche Überlegun- gen  angestellt,  bevor  in  einem  zweiten  Zugang  „Verwurzelung“,  „Entwurzelung“  und  vor  allem  2 Wobei zu bemerken ist, dass die Thematik in den Litera- turwissenschaften weitaus  länger eigens bearbeitet wird.  das „Bodenlose“ bedacht werden. Sie alle gilt es,  In  der  Philosophie  steht  hier  noch  eine  eigene Reflexion  vor einem ambivalenten Phänomen zu reflektie- weitgehend aus.  ren, das dem Zusammenhang immer inhärent ist:  Kulturwissenschaftliche Zeitschrift - 1/2018 23 ‚dem Fremden‘ oder auch ‚der Fremde‘. Über eine  haben: der ‚Wanderer‘ – auch Wandervogel, der  weitere Etappe wird der Blick im zweiten Teil vom  ‚Vagabund‘  oder  der  –  politisch  unkorrekt,  aber  Migrantischen  auf  das  Weltbürgerliche  geweitet  bis heute von trauriger Wirksamkeit – ‚Zigeuner‘. und ihrer beider Verschränkung mit dem Urteilen  Dies  deutet  auf  eine  besondere  Problematik  reflektiert. Im Ausblick sei dann auf eine poten- der  ‚Umherziehenden‘,  die  sie  an  die  Thematik  tielle Migrationsphilosophie oder ‚Philosophie der  des  Fremden  als  „Außer-ordentliches“,  wie  es  Migration‘ geschaut. Und damit komme ich zum  Waldenfels  formuliert3,  anknüpft.  Außerhalb  der  ersten Zugriff: Ordnung  stehend,  befinden  sich  die  Umherzie- henden  oft  im  rechtsfreien  Raum,  der  sie  nicht  selten  zu  ‚Vogelfreien‘  macht  –  mit  jener  Bri- 1 Denkhorizonte und fragile sanz, dass gerade da, wo ein Mensch besonderer  Menschlichkeit bedürfte, sie ihm aufgrund seines  Freiheiten: Flucht und fehlenden  Rechtsstatus´  gar  nicht  zugemessen  Migration wird. Es handelt sich um einen Umstand, den die  selbst lange Jahre staatenlose Hannah Arendt in  den „Aporien der Menschenrechte“ bedenkt4, mit  denen wir es – wie gegenwärtig – aber  letztlich  Die  wortgeschichtliche  Bedeutung  von  ‚Migra- immer wieder  zu  tun  haben,  da  dem  Anspruch  tion‘ ist der freie Vogelflug bzw. die Vogelwande- auf  Humanität  grundsätzlich  alleine  staatlicher- rung. Bezieht sich der Begriff auf den ‚Vogelzug‘  seits  gar  nicht  nachzukommen  ist,  was  jedoch  als  eine  wiederkehrende  –  nahezu,  ‚natürliche‘  konkrete  politische  Kritik  keineswegs  aussetzt.5 Bewegung,  ließe  sich  jedoch  mit  Blick  auf  die  Vor allem aber „mögen wir es nicht, wenn man  Flüchtlingssituation  vermutlich  eine  solche  Les- uns ‚Flüchtlinge‘ nennt“, bekundet die emigrierte  art  schlichtweg  nur  verweigern  oder  sie  wäre  Philosophin Arendt gleich zu Beginn ihres Textes  mindestens vehement in Frage zu stellen, da die  Wir Flüchtlinge.6 Fluchtbewegung des Flüchtlings eben in der Regel  Flucht  und  Migration  lassen  uns  in  unserer  präzise  Ursachen  und  spezifisch  benennbare  menschlichen  Verletzlichkeit  bewusst  werden.  Gründe hat und keineswegs einfach einer zykli- So  ist  etwa  gerade  jener  Denker,  dem wir  phi- schen Bewegung folgt, wie wir sie in den Definiti- losophisch  als  epochemachende  Scharnierstelle  onen des Nomadentums wiederfinden. Dies lenkt  den vielbedachten, diskutierten und bestrittenen  den Blick einerseits auf eine notwendige mögliche  Gedanken des „ich denke, also bin  ich“ (zumin- Unterscheidung zwischen Migrant und Flüchtling,  dest solange  ich denke) als vermeintlich unum- – der eine wird zumeist als freiwillig, der andere  stößliche  Gewissheit  verdanken,  zugleich  jener,  als  unfreiwillig  in  seine  Situation  gestoßen  vor- der  selbst  Philosophieren  als  „Herumtappen  im  gestellt. Doch handelt es sich dabei um eine Dif- Dunkeln“  beschrieben  hat  und  dessen  „Cogito“,  ferenzierung, die letztlich kaum haltbar ist, denn  wer  wollte  in concreto  noch  unterscheiden,  ob  etwas freiwillig entschieden oder durch Umstände  3 Siehe Bernhard Waldenfels: Grundmotive einer Phäno- veranlasst wurde. Und andererseits öffnet es den  menologie des Fremden. Frankfurt a.M. 2006, S. 31 [Künf- Blick  für  die  Differenzierung  verschiedener  kul- tig zitiert: Waldenfels: Grundmotive].  tureller Formen des nietzscheanisch gesprochen  4 Siehe  das  gleichlautende  Kapitel  in:  Hannah  Arendt: Elemente  und  Ursprünge  totaler  Herrschaft.  Antisemitis- „nicht festgestellten Tieres“, des ‚bewegten Men- mus, Imperialismus, totale Herrschaft. 14. Aufl. München/ schen‘ – wie etwa den Kosmopoliten und Weltbür- Zürich 2011, S. 601–625. ger oder eben den ‚Nomaden‘ in seinen verschie- 5  In  diesem  Zusammenhang  sind  auch  Jacques  Derri- denen Variationen, – aber auch andere. Die Reihe  das Überlegungen zur Gesetzeskraft oder der ‚mystische‘ ist lang: Wissenschafts-, Arbeits- und Halbnoma- Grund der Autorität,  7.  Aufl.  Frankfurt  a.M.  2014,  auf- schlussreich.  Frz.  Ausgabe:  Force  de  loi.  Le  ‘fondement  den, Exilierte, Emigrierte, Immigrierte – Aus- und  mystique de l’autorité’. Paris 1990. Einwanderer, Vertriebene, Verfolgte, Geflüchtete,  6 Arendts  nicht  unproblematischer,  1943  verfasster  Text  Dazu- und Fortgezogene ... . Zu denken ist aber  wird  derzeit  ob  der  Situation  nahezu  ‚wiederentdeckt‘.  ebenso an all jene, die als literarische Motive Ein- Siehe  Hannah  Arendt:  Wir  Flüchtlinge.  Mit  einem  Essay  gang in das kulturelle Selbstverständnis gefunden  von Thomas Meyer. 4. durchges. Aufl. Stuttgart 2016, S. 9  [Künftig zitiert: Arendt: Flüchtlinge]. 24 10.2478/kwg-2018-0002 | 2. Jahrgang 2018 Heft 1: 21–34 eingemeindet  in  die  Schar  der  philosophischen  gen auf neue Perspektiven. In diesem Sinne sei im  Migranten, als fragiles sichtbar wird. Weiteren auf den Zusammenhang von Verwurze- Im  Gegensatz  zur  Migration  lässt  sich  die  lung und Bodenlosigkeit als Parameter einer Philo- Bewegung  der  Flucht  eher  existentiell  verste- sophie geschaut, die Migration als ihr Konstituens  hen. Es  ist die Reaktion auf eine Krise –  ja ein  begreift und das Fremde als ihre Öffnung. Moment  der  Krise  selbst.  Metaphorisch  taucht  das Bild aber auch als Bewegung des kritischen  Denkens auf. Diese Lesart verfolgt der Historiker  2 E rfahrenes Widerfahrnis: Reinhart  Koselleck  in  Beschäftigung  mit  Pierre  Bayle,  jenem  großen  Universalgelehrten  des  das Fremde 17.  Jahrhunderts,  der  in  seiner  Auseinanderset- zung mit  den  anhaltenden  Religionskriegen  des  Abendlandes  zum  vehementen  Verfechter  einer  Beide  Bewegungen,  die  der  Flucht  wie  die  der  „allgemeinen Toleranz“, einer  „tolérance univer- Migration,  berühren  die  Thematik  der  Fremde  selle“ wurde7, auf der unsere Vorstellungen von  und des Fremden, die sich seit dem 20. Jahrhun- Menschenwürde und Menschenrechten als einem  dert  verstärkt  zum  philosophischen  Thema  des  wichtigen  Baustein  für  unser  laizistisches  Ver- Anderen und der Anderen gesellt hat.9 Bernhard  hältnis von Staat und Religion aufruhen. Für die  Waldenfels  hat  hier  Entscheidendes  zum  signi- Freiheit  des  Denkens  einzutreten,  war,  philoso- fikanten Unterschied  zwischen Alterität  und Ali- phie-historisch betrachtet,  lange an den Gedan- enität  reflektiert.10 Das  Fremde  hat  für  uns  als  ken der Religionsfreiheit geknüpft und wird doch  ordnungsbildendes „Grenzwesen“ das Potential11,  darüber  hinausgreifend  als  eine  Bewegung  des  jedwede Ordnung  zu  sprengen,  zu übersteigen,  Denkens selbst sichtbar. Das Bild der ‚Denkfluch- mindestens  zu  irritieren.  Es  ist  ein  relationales  ten‘, wie ich sie benennen möchte, das Koselleck  Phänomen,  das  er  in  eine  relative,  und  damit  bei Bayle auffindet, bezeichnet keine Flucht aus  überwindbare Fremdheit und eine radikale, nicht  dem  Denken  und  eigenen  Standpunkten,  son- überwindbare Fremdheit unterteilt. Letztere ver- dern die kritische Bewegung eines Denkens, das  liert  den  „Stachel  des  Fremden“ nicht. Die  Pro- angesichts  von  steten  Differenzen,  aber  auch  vokation  seines  Ansatzes  aber  liegt  darin,  dass  aufgrund  der  Fragilität  jedes  Denkenden  nicht  er genau diese radikale Fremdheit in den Erfah- stillsteht, sondern in permanenter Bewegung und  rungsbegriff selbst überführt und dort angesiedelt  Lebendigkeit begriffen ist.8 sieht.  Jede  Erfahrung  birgt  insofern  ein  unvor- Bewegte  Migrationsbiographien  mit  selbstge- hersehbares Moment,  etwas Ereignishaftes,  das  wählten und öffentlich auferlegten Umschwüngen  uns als Widerfahrnis, also passiv, ereilt und auf  finden so ein Pendant in einem Denken von Ver- das wir zugleich aktiv, vielfältig antworten. Beide  schiedenheit und Pluralität, das letztlich dem nicht  Aspekte  sind  ineinander  verschränkt und bilden  stillstehenden,  freien,  kritischen  Denken  selbst  zusammen  die  Erfahrung,  die  stets  eine  solche  angehört.  Die  ‚Denkfluchten‘  werden  zu  Öffnun- in  sich  verschobene,  diastatische  Brechung  aus  „Pathos  und  Response“  bedeutet.  Das  Fremde  7 Siehe hierzu Bayles maßgebliches Werk von 1686–1688:  fängt damit  in der Tat schon im „eigenen Haus“  Commentaire  Philosophique  sur  ces  paroles  de  Jésus- Christ, ,contrain-les d’entrer. 9 Wo der oder das Andere oder die Anderen im Verständ- 8 Wörtlich heißt es dort: „das Denken gerät in eine rastlo- nis dieser philosophischen Richtung terminologisch aufge- se Flucht der Bewegung“. Wegen der Verbindung zur Kritik  fasst sind, erfolgt die Großschreibung. ist  aber  auch  die  ganze  Kommentierung  aussagekräftig:  10 Siehe hierzu exemplarisch die verdichteten Gedanken  „Die raison wog bei Bayle ständig das ‚pour et contre’ ge- aus Bernhard Waldenfels´ langjährigen und mehrbändigen  geneinander  aus,  sie  stieß  dabei  auf  Widersprüche,  die  Studien zu einer „Phänomenologie des Fremden“ in seiner  stets  neue Widersprüche  hervorriefen,  und  so  löste  sich  Schrift: Grundmotive einer Phänomenologie des Fremden.  die Vernunft gleichsam auf in einen ständigen Vollzug der  Frankfurt  a.M.  2006  [Künftig  zitiert: Waldenfels:  Grund- Kritik. Ist die Kritik der scheinbare Ruhepunkt des mensch- motive]. lichen Denkens,  dann gerät  das Denken  in  eine  rastlose  11 Siehe Waldenfels: Grundmotive, S. 15. Waldenfels´ an- Flucht der Bewegung“. Siehe Reinhart Koselleck: Krise und  thropologische Überlegungen zeigen eine deutliche pless- Kritik. Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt.  nersche Signatur und weisen auch durchweg Anklänge an  8. Aufl. Frankfurt a.M. 1997, S. 89. Merleau-Ponty auf. Kulturwissenschaftliche Zeitschrift - 1/2018 25 an – und vermag zu irritieren. Es geht ihm jedoch  solchen mit seinen Gedanken zum „Bodenlosen“  nicht nur um die Erfahrung des Fremden, gleich- genau  an  den  neuralgischen  Punkten  berührt.  sam wie von außen, sondern um das „Fremdwer- Dem assimilierten wohlsituierten  jüdischen  Pra- den der Erfahrung“ selbst.12 „Fremde sind wir uns  ger Bürgertum entstammend, überlebt er durch  selbst  – étrangers à nous-mêmes“,  gab  bereits  seine Emigration über England nach Brasilien als  Julia Kristeva früh zu bedenken.13 einziger  seiner  alten  Familie  den Holocaust  und  In Bearbeitung dieser Begriffs- und Deutungs- bleibt über Jahrzehnte in São Paulo, bevor er nach  differenzen  drängt  sich  jedoch  eine  grundsätzli- Europa zurückkehrt. In seiner als „philosophische  che Frage auf,  fällt wie ein  fremder, ungebetener  Autobiographie“  untertitelten  Schrift  Bodenlos Gast mit der Tür ins Haus: Können wir angesichts  beschäftigt er sich mit der den Migranten prägen- ganz konkreter und praktischer Situationen über- den  Erfahrung  der  Bodenlosigkeit,  d.h.  mit  der  haupt so abstrakt mit der Thematik von Flucht und  Unmöglichkeit, die das Bodenlose bedeutet, und  Migration umgehen? Handelt  es  sich dabei  ange- greift  es  eben  in diesem Begriff  und der Erfah- sichts gegenwärtiger Lagen nicht um einen uner- rung des Bodenlosen auf, die er als „Stimmung“  träglichen Zynismus? – Gerade vor der Dringlich- beschreibt, die sein Buch „bezeugen“ will.14 Dies keit gegebener Situationen wird deutlich, dass sie  gibt in der mehrfachen Brechung zu denken. Das  nicht nur nach momentaner Abhilfe, sondern nach  Anliegen des ‚Bezeugens‘ ruft den mit der Shoah  Grundlegendem verlangen, denn es stellen sich ja  einsetzenden Zeugenschaftsdiskurs auf, die Vor- nicht nur die flüchtigen, temporären Fragen, son- stellung, dass nur die eigene, besondere Narra- dern auch die, wie moderne Migrationsgesellschaf- tion  des  Einzelnen  und  insofern  nur  die  Person  ten, die wir jetzt schon sind, und Einwanderungs- selbst  Zeugnis  vom  Geschehenen  und  Erlebten  länder, wie Deutschland, dauerhaft und nachhaltig  zu  geben  vermag.  Doch  ist  Flussers  Bodenlos mitsamt Zukunftsperspektiven für die in ihr befind- eben eine „philosophische Autobiographie“15 und lichen Personen mit der Situation umgehen wollen.  was er bezeugen will, tituliert er als „Stimmung“  Vor  allem  fragt  sich,  welches  Verhältnis  wir  zum  – einem vielsagenden philosophischen Terminus  Migranten, zum Flüchtling und zur Migration pfle- nach Martin Heidegger – und zum Zeugen erklärt  gen. Welches Verhältnis stellen wir uns im besten  er  nicht  sich  selbst,  sondern  das  Medium,  das  Fall für einander vor? Hierbei kann vielleicht mehr  Buch.  Als  Stimmung  handelt  es  sich  um  etwas  denn  je bewusst werden, dass – gut aristotelisch  zutiefst  Subjektives  und  doch  zugleich  Überin- gedacht  –  unser  Umgang mit  etwas  und  jeman- dividuelles.  Stimmung  kann  auch  einen  Raum  dem nicht unabhängig von den Konzepten ist, die  erfüllen, als Zeitgeist ganze Generationen, sogar  wir uns davon machen. Es liegt viel Verantwortung  Jahrhunderte. Die Erfahrung der Bodenlosigkeit,  darin, wie wir etwas denken und gerade deswegen  braucht es auch  für die akute Situation Reflexion  14 Siehe  Vilém  Flusser:  Bodenlos.  Eine  philosophische  auf  die  Begriffe,  Phänomene  und  verschiedenen  Autobiographie.  Mit  einem  Nachwort  von  Milton  Vargas.  Ansätze,  die  sich  mit  ihr  verbinden.  Und  damit  Bensheim/Düsseldorf 1992. Hier S. 9 [Künftig zitiert: Flus- komme  ich zum zweiten Zugriff und mit  ihm auf  ser: Bodenlos]. 15 Die  „philosophische  Autobiographie“  wäre  in  der  Tat  Flusser und das Bodenlose. noch einmal als eigene Form unter den sonst vor allem in  den Literaturwissenschaften behandelten Autobiographien  abzuheben und zu reflektieren. Seit ihrem Initiator Augus- 3 ‚ Verwurzelt‘, ‚entwurzelt‘ tinus  versteht  sie  sich  als  ‚Selbstsuche‘  und  setzt  damit bereits  konstitutiv  ein  differenzielles  Moment  und  Span- – ‚bodenlos‘ nungsgefüge zwischen suchendem und gesuchtem Selbst: Autor und Werk, Autor und Narration etc. Sie ist damit ge- nuin schon immer mehr oder minder wissentlich in unauf- hebbarer Weise um das verlegen, worum es in der Suche  Mit den Themen Flucht und Migration ist bereits geht. Für Augustinus ist diese Suche natürlich primär mit  der schmale Grat betreten, den Vilém Flusser als  dem Lobpreis Gottes, dem Versuch der Anrufung dessel- ben und auch die Suche nach ihm verbunden, verschränkt  sich  aber  doch  auch  von  Anbeginn  mit  der  suchenden  12 Vgl. Waldenfels: Grundmotive, S. 8. Selbstauseinandersetzung.  Philosophisch  ist  so  der  Zu- 13 Siehe Julia Kristeva: Étrangers à nous-mêmes. Paris 1988.  sammenhang von Selbst und Identität nur als fragiler und  Dt. Ausg.: Fremde sind wir uns selbst. Frankfurt a.M. 1990. gebrochener zu denken. 26 10.2478/kwg-2018-0002 | 2. Jahrgang 2018 Heft 1: 21–34 die Stimmung derselben,  stellt  er  einerseits  als  gleichsam  von  der  einzelnen  Existenz  auf  Welt  etwas vor, was jeder kenne, wiewohl die Tendenz  geweitet und geöffnet wird. In Flussers Beschrei- zur  Verdrängung  enorm  sei,  und  andererseits  bung tritt die Wirkmächtigkeit der Migrationser- behalten  doch  viele  der  beschriebenen  Situati- fahrung  deutlich  zutage.  Es  wird  spürbar,  dass  onen  jene  Exklusivität,  von  der  wir  vermeinen,  besonders  der  Zweite  Weltkrieg  nicht  nur  die  sie zu kennen, uns gar nicht anmaßen zu dürfen,  jüdische Bevölkerung zum Exodus genötigt, son- in Anerkennung der  exorbitanten Situation,  des  dern das ganze Weltgefüge aus den Fugen und  Erlittenen aller Holocaust-Überlebenden. in Bewegung gebracht hat – und zwar  in einem  Genau mit dieser Ambivalenz trifft Flusser das  Ausmaß,  von dem er  den Anbruch eines neuen  „Bodenlose“. Es  ist ein Appell an die allgemeine  Menschenzeitalters  vermeint,  ein  Anthropozän,  Verbindlichkeit  dieser  Erfahrung  und  Stimmung  in  dem  der  Migrant  keinen  Sonderstatus  hat,  und  zugleich  die  Verweigerung  jeglicher  Allge- weder ein Einzelphänomen ist, noch einen Notfall  meingültigkeit  in  Anbetracht  der  individuellen,  darstellt, sondern zum Modell der Zukunft avan- monströsen Abnormität, Abstrusität dieser Erfah- ciert.18 Diese futuristisch, zukunftsgewandt-posi- rung, die jeden für immer in ein schwarzes Loch,  tive Lesart Flussers und schöpferische Auffassung  zumindest in eine andere Welt, zu katapultieren  des Migranten ist eng mit seiner kritischen Ana- scheint.  Die  Tragweite  der  Migrationserfahrung  lyse des Heimatgedankens verknüpft. Hierfür ist  greift bis in die eigenen Gedanken und ihre Ord- eine Vorlage  relevant,  die wohl  ihm wie  Arendt  nung, die Denkstrukturen selbst: bekannt  war:  Die  Schrift  L’Enracinement  (Die Verwurzelung) von Simone Weil.19 ‚Bodenlosigkeit‘  bedeutete,  so  erkannte  man  jetzt,  In der Verwurzelung  behandelt  die  französi- nicht etwa nur den Verlust aller Modelle  für Erleben,  Erkennen und Werten, sondern auch den Verlust der  sche  Philosophin  jedoch  vor  allem  die  „Entwur- Struktur,  welche  diese  Modelle  ordnet.  Man  hatte  zelung“, als deren Hauptursachen sie Geld – als  demnach nicht nur alle [...] übertragenen Modelle ver- zum  einzigen Wert  in  modernen  Gesellschaften  loren und sah sie nun als leere Formen, sondern man  verkommen  –  und  schlechte  Bildung  ansieht  hatte auch das Gerüst verloren (nämlich die okziden- sowie verbrecherische Staaten, die ihren Bürgern  tale Tradition), welches diese Modelle trägt, und sah in  weder Raum für die „Bedürfnisse der Seele“ las- ihm nun Regeln eines bedeutungslosen Spiels.16 sen  noch  ihren  Pflichten  nachkommen  und  die  Die  Stimmung  des  Bodenlosen  wird  aber  nicht  standsgeist sich etwas ‚zurückerobert‘ und sich eine Meta- nur mit negativen Vorzeichen versehen, sondern  pher für sein Anliegen zu eigen macht, die in der Zeit des  auch  ein  „Projekt“,  der  vorausschauende  Blick  Naziregimes keinesfalls bloß Metapher geblieben ist. – Im  auf Künftiges. Und dies, weil in der vorgestellten  aristotelischen  Gedanken  des  bios xenikos  als  Beschrei- Ambivalenz der Migrationserfahrung als  ‚boden- bung für die Philosophen, das „Leben des Fremden“ füh- ren, könnte Arendts und Flussers Auffassung u.U. zusam- los‘, die uns alle existentiell verbindet – spätes- mengedacht werden, weil die Bewegung der Hinwendung  tens,  wenn  Flusser  die  einzelne  Existenz  zum  auf  die  Gemeinschaft  wie  die  Abwendung  von  ihr,  beide  „Laboratorium“ für Andere erklärt – 17, der Blick  Bewegungen, zum Fremden gehören. Vgl. Hannah Arendt:  Vom Leben des Geistes. Bd. 1: Das Denken. Hrsg. v. Mary  McCarthy. Aus dem Amerik. v. Hermann Vetter. München  16  Flusser: Bodenlos. S, 56f. Zum existentiellen, spiel- und  1998a. S. 62. Und siehe Flusser: Bodenlos, S. 11. haltungstheoretischen Aspekt in Flussers Gedanken siehe  18  „Wir, die ungezählten Millionen von Migranten […] er- auch meinen  Beitrag:  „Bodenlos.  Rien ne va plus  oder:  kennen uns dann nicht als Außenseiter, sondern als Vor- alles  geht.  Über  spielerische Haltung  bei  Vilém  Flusser“.  posten der Zukunft“ und kurz darauf: „als Modelle, denen  In: Play it again, Vilém! Medien und Spiel im Anschluß an  man,  bei  ausreichendem Wagemut,  folgen  sollte“.  Siehe  Vilém Flusser. Hrsg. v. Hermann Haarmann, Michael Hanke  Vilém Flusser: „Wohnung beziehen in der Heimatlosigkeit“.  u. Steffi Winkler. Marburg 2015, S. 113–129. In:  Ders.:  Von  der  Freiheit  des  Migranten.  Einsprüche  17 Während  die  philosophische  Autobiographie  und  das  gegen den Nationalismus. Hamburg 2013, S. 15–30. Hier  Denken  selbst  vielleicht  eher  der  Figur  des  „experimen- S. 16f. [Künftig zitiert: Flusser: Wohnung]. tum suitatis“ folgen, wie Arendt es in Zitation beschreibt,  19 Simone Weil: L’Enracinement. Prélude à une déclarati- ist die Migrationsbiographie hier sogleich eine,  in der die  on des devoirs envers l’être humain. Paris 1943. Dt. Aus- einzelne  Existenz  im  Sinne  eines  sensus communis ein gabe: Die Verwurzelung. Vorspiel  zu einer Erklärung der  gemeinsames „Laboratorium“ wird. Zu beachten ist dabei  Pflichten den Menschen gegenüber. Zürich 2011, [Künftig  auch, dass Flusser hier in ironischer Brechung mit Wider- zitiert: Weil: Verwurzelung]. Kulturwissenschaftliche Zeitschrift - 1/2018 27 Bevölkerung Konflikten aussetzen. Verwurzelung  sei  da  etwas ausgenommen,  vermutlich, wie  er  sieht Weil letztlich als etwas Soziales an. Von vie- ironisch  anmerkt,  „wohl  dank  des  Drucks,  den  len Wurzeln  sprechend, geht  sie  auf  das Bezie- das Deutsche auf das Tschechische  jahrhunder- hungsgefüge zwischen Menschen ein:  telang ausgeübt hat“, denn „domov“ kommt dem  deutschen  ‚Heimat‘  nah.24  Dieser  Begriff  wird  Die  Verwurzelung  ist  wohl  das  wichtigste  und  am  als  eine  bereits  im  Frühkindlichen  angesiedelte  meisten verkannte Bedürfnis der menschlichen Seele.  Es  zählt  zu  denen,  die  sich  nur  schwer  definieren  Ebene des Vertrauten analysiert, ganz gleich, ob  lassen.  Der  Mensch  hat  eine  Wurzel  durch  seinen  es sich dabei um etwas objektiv Gutes oder Schö- wirklichen, aktiven und natürlichen Anteil am Dasein  nes handelt. Heimat bezeichnet etwas, mit dem  eines  Gemeinwesens,  in  dem  gewisse  Schätze  der  wir uns nahezu physisch, wie mit „Fasern“,25 ver- Vergangenheit und gewisse Vorahnungen der Zukunft  bunden  fühlen. Unauflösbar, wie  immer wir  uns  am Leben  erhalten werden. Natürlicher Anteil  heißt:  auch später als Erwachsene dazu stellen mögen,  automatisch gegeben durch den Ort, die Geburt, den  Beruf, die Umgebung. Jeder Mensch braucht vielfache  – und er bringt das „prosaische[...]“ Beispiel des  Wurzeln. Fast sein gesamtes moralisches, intellektuel- ‚tschechischen  Lendenbratens‘:  „svickova“.  Die- les und spirituelles Leben muss er durch jene Lebens- ses tschechische Gericht erweckt in ihm „schwer  räume vermittelt bekommen, zu denen er von Natur  zu  analysierende Gefühle“,  denen das  deutsche  aus  gehört.  Der  Austausch  von  Einflüssen  zwischen  Wort ‚Heimweh‘ einigermaßen gerecht wird.26 Der sehr  verschiedenen  Lebensräumen  ist  nicht  weniger  unentbehrlich als die Verwurzelung in der natürlichen  Heimatverlust  lüftet dieses Geheimnis, bringt  frische  Umgebung.20 Luft in diesen gemütlichen Dunst und erweist ihn als  das, was er ist: der Sitz der meisten (vielleicht sogar  aller) Vorurteile – jener Urteile, die vor allen bewußten  Die Multiplizität der Wurzeln wird signifikant  für  Urteilen getroffen werden. 27 Flusser, der aber zugleich die Vorstellung der Ver- wurzelung  und  vor  allem  die  der  Heimat  damit  Das Problem ist nun, dass diese allen gegebene  aufbricht.  Er  bezeichnet  sich  selbst  als  „hei- 21 Verbundenheit  an  ganz  Konkretes,  hochgradig matlos“, weil zu viele Heimaten  in  ihm lagern. Subjektives aus  frühestens Zeiten eigener Erin- Bereits mehrsprachig  aufgewachsen  und  poten- nerung metaphysisch übersteigert wird. Stattdes- ziert durch die Migration  ist er  in vier Sprachen  sen aber handelt es sich nur um eine „Banalität“.  beheimatet,  die  ihn  stets  zur  Übersetzung  und  Die  Verwendung  des  aus  Arendts  umstrittenen  Rückübersetzung veranlassen. Diktum  der  „Banalität  des  Bösen“  bekannten  Der emigrierte Philosoph entlarvt den Zusam- Begriffs soll nicht die Gefühle der so Verbundenen  menhang  von  Heimat  und  Identität  als  „Bana- in Abrede stellen. Heimat ist für Flusser zwar kein  lität“  und  weist  auf  etwas  Entscheidendes.22 ewiger Wert, aber wer sie verliert, der leidet.28 Die Zunächst beschreibt er in dem Kapitel „Wohnung  Kritik der Banalität zielt vielmehr auf die unzuläs- beziehen  in  der  Heimatlosigkeit“23 die  Exklusivi- sige  theoretische Überhöhung. Dies verdeutlicht  tät  des  deutschen Heimatbegriffs,  den  es  so  in  Flusser am Unterschied zwischen „Wohnen“ und  anderen  Sprachen  nicht  gibt.  Das  Tschechische  „Heimat“.  Niemand  bedürfe  der  Heimat,  jeder  komme – wie schmerzlich es auch sei – ohne aus,  20 Weil: Verwurzelung, S. 43. aber alle müssten wohnen, bemerkt er provoka- 21 Vgl. Flusser: Wohnung, S. 15. tiv und scheinbar lapidar.29 22  Flusser bricht mit seinen Überlegungen gängige Iden- Heimat  als  diese  „geheimnisvollen  Fesseln“  titätslogiken auf. Dabei  ist die enge Bindung von  Identi- tät,  Natalität  und  Territorialität  nicht  nur  historisch  und  –  „zerren  am  Emigranten,  weil  sie  seine  unter  aktuell  zutiefst  problembehaftet,  sondern  auch  philoso- phisch  hochgradig  kritisch  und  als  kontingent  befragbar  24  Flusser: Wohnung, S. 16. und  könnte mit  einem  anders  akzentuierten  Augenmerk  25  Ebd., S. 17. auf Migration ein Stück persönlicher wie gesellschaftlicher  26 Allerdings bemerkt Flusser, dass es dem Zustand genau- (Selbst-)Aufklärung  leisten. Siehe hierzu auch die später  so wie die  französische nostalgie weniger gerecht wird als  im Text besprochenen kantischen Interventionen. das brasilianische saudade. Vgl. ebd., S. 18. 23 Siehe auch Flusser: Bodenlos. Darin ebenfalls: „Woh- 27  Ebd. nung beziehen in der Heimatlosigkeit (Heimat und Heimat- 28 Vgl. ebd., S. 17. losigkeit – Wohnung und Gewöhnung)“. S. 247–264. 29 Vgl. ebd., S. 27. 28 10.2478/kwg-2018-0002 | 2. Jahrgang 2018 Heft 1: 21–34 Leid  errungene  Freiheit  in  Frage  stellen.“30 Dies zwar ambivalent erörterten, aber  letztlich sogar  ist  also  die  aufklärerisch  positive  Kehrseite  des  trotzig positiven Begriff davon jedenfalls bislang  Heimatverlusts: ein Neugewinn an Freiheit, eine  einen  relativen  Seltenheitswert  in  der  theoreti- Befreiung  aus  alten  nicht  selbstgewählten  Bin- schen Reflexion34, von Arendts – allerdings eher  dungen mit  der  Aussicht,  dass  der  „Verlust  des  kritisch gemeinten – Äußerungen am Ende ihres  ursprünglichen, dumpf empfundenen Geheimnis- Textes Wir Flüchtlinge einmal abgesehen, wo sie  ses der Heimat [...] ihn für ein anders geartetes  die  „von  einem  Land  ins  andere  vertriebenen  Geheimnis öffnet: für das Geheimnis des Mitseins  Flüchtlinge“ als Repräsentanten einer „Avantgarde  mit anderen.“31 Und Flusser fragt weiter:  ihrer Völker“ bezeichnet.35 Gebraucht Arendt hier  jedoch diese Wendung ironisch im pejorativ kon- Wie  kann  ich  die  Vorurteile  überwinden,  die  in  [...]  notierten Verständnis des Flüchtlings als Außen- mir  [...]  schlummern,  und wie  kann  ich  dann  durch  die Vorurteile meiner [...] Mitmenschen brechen, um  seiter und Teil der paria, wendet Flusser mit und  gemeinsam  mit  ihnen  aus  dem  Häßlichen  Schönes  gegen Arendt den Gedanken tatsächlich ins Posi- herstellen zu können? In diesem Sinne ist jeder Hei- tive in Anerkenntnis der weltumfassenden Reali- matlose, zumindest potentiell, das wache Bewußtsein  tät des Migrantenseins und der Existenzialität des  aller Beheimateten und ein Vorbote der Zukunft. Und  Migrantischen  in  anthropologischer  Perspektive.  so meine ich, wir Migranten haben diese Funktion als  Vor dem Hintergrund einer „Phänomenologie des  Beruf und Berufung auf uns zu nehmen.32 Fremden“  bleiben  Fragen  nach  der  möglichen  Verbundenheit mit spezifischen Kulturen, Zeiten,  Gesellschaften ebenso virulent wie die Freiheiten  Mit diesem Ausblick Flussers möchte ich selbst –  von ihr – mit denen sich die Frage nach der ethi- allerdings weiter fragend – nach vorne schauen: schen Verbindlichkeit in Migrationsgesellschaften  stellt. Eine  mögliche  ‚Philosophie  der  Migration‘  4 Migration als ‚conditio nach Flusser umfasst Sehnsucht, Heimatgefühle  humana‘ – oder die Welt und Heimweh, aber auch Perspektivwechsel und mit ihnen ganz aufklärerisch eine Vorurteilskritik,  neu denken die uns interpersonal als Menschen im Miteinan- der  zeigt und die Migration als unsere mensch- liche  Bedingtheit,  unsere  conditio humana,  wie  Weil, Arendt und Flusser – als drei Stimmen zu  auch als je existentiell unreduzierbare Besonder- ‚Migration und Europa‘, die alle selbst notgedrun- heit veranschlagt. Zu der  flusserschen Idee des  gen die Erfahrung der Emigration gemacht haben –  Mig  ranten als Modell der Zukunft gehört offenbar  versuchen, diesen existentiellen Einschnitt für ein  die Utopie einer zusammen besser gestaltbaren  Neudenken sowohl der Gesellschaft als auch der  Welt. Sie bezieht sich auf einen freien Migranten,  Philosophie fruchtbar zu machen. Alle drei akzen- der sich überall bewegen kann, auf der Welt wie  tuieren das soziale Gefüge, das besonders Arendt  in  Gedanken.36  Ist  dieses Migranten-Modell  nun  als  „Bezugsgewebe“  zwischen  den  Menschen  zentral  werden  lässt,  wofür Weil  entscheidende  Vorüberlegungen geliefert hat.33 Flusser entdeckt 34 Zum Zusammenhang von Migration und Freiheit siehe  ein emanzipatorisches Potential  im Erlebnis und  auch meinen Aufsatz: „Die Freiheit des Fremden. Gedan- ken zur Boden- und Haltlosigkeit“. In: Freiheit und Reflexi- Widerfahrnis  von Migration  und  hat mit  seinem  on. Flusser-Studies, Heft 16, Januar 2014. 35 Arendt: Flüchtlinge, S. 35f. 36  In  dieser  Weise  erscheint  der  Weltbürger  letztlich  30  Flusser: Wohnung, S. 19. schon bei Kant im dritten Definitivartikel zum Gesetz der  31  Ebd., S. 30. Hospitalität:  „Das  Weltbürgerrecht  soll  auf  Bedingungen  32  Ebd. der allgemeinen Hospitalität eingeschränkt sein“ in seiner  33 Siehe  Hannah  Arendt:  Vita  activa  oder  Vom  tätigen  Schrift Zum ewigen Frieden. Siehe Immanuel Kant: Zum  Leben. 4. Aufl. München 2006  (1967). Amerik. Ausgabe:  ewigen  Frieden.  Ein  philosophischer  Entwurf.  In:  Ders.:  The Human Condition.  Chicago  1958.  Kap.  25:  „Das  Be- Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik  zugsgewebe menschlicher Angelegenheiten und die in ihm  und Pädagogik  1. Werkausgabe Bd. XI. Hrsg. v. Wilhelm  dargestellten Geschichten“, S. 213–222. Weischedel.  Frankfurt  a.M.  1977a,  S.  193–259.  Hier  bes.  Kulturwissenschaftliche Zeitschrift - 1/2018 29 eine  moderne  Variante  des  Kosmopoliten  und  andere,  östliche  Philosophien,  die  er  ebenfalls  taugt als Basis  für unsere aktuellen Situationen  ausprobiert,  letztlich  nicht  gefallen  und  er  dem  oder ist dieser futuristische Migrant nur die sym- Westen, wie er es ausdrückt,  aus  „ästhetischen  pathische Utopie eines Flaneurs in verschiedenen  Gründen“  verhaftet  bleibt.37  –  Tatsächlich  kann  Welten des noch 20. Jahrhunderts? der  Zusammenhang  von  Migration  und  Welt- Vor dem Hintergrund dieser Fragen sei noch bürgertum  als  Bodenlosigkeit  und  geistige  freie  einmal  auf  eine  etwas  andere  Trias  geschaut:  Beweglichkeit  auf  Kants  Ästhetik  zurückgeführt  Flusser, Kant und Arendt und das mögliche Ver- und über ein spezielles und letztlich doch proto- hältnis  von  Migration  und  Kosmopolitismus  mit  typisches Urteilsverständnis  erhellt werden, wie  Blick auf die darin implizierte Verbindlichkeit von  es sich auch unter Hinzunahme der arendtschen  Personen. Mit der Dekonstruktion des Heimatbe- Lesarten von Kant erschließt.  griffs  hatte  Flusser  bereits  eine  Verbindung  zur  Die Stelle aus Kants dritter Kritik, dem Para- Urteilsthematik,  geradezu  im  Sinne  einer  auf- graphen 40  zum  sensus communis,  die  für  den  klärerischen Vorurteilskritik, vollzogen, indem er  Kosmopoliten  sprechend  wird  und  auf  die  sich  den  Heimatbegriff  in  seiner  Vorurteilspotentiali- Arendt ebenso bekanntermaßen bezieht,  lautet:  tät decouvrierte und Migration dagegen als einen  dass es Stand der Freiheit, auch der Befreiung aus alten  Vorurteilsfesseln,  in Aussicht  stellte.  Im Gedan- einen  Mann  von  erweiterter  Denkungsart  [anzeigt],  ken  des  Urteilens  und  der  Urteilskraft  laufen  wenn er sich über die subjektiven Privatbedingungen des  Urteils,  wozwischen  so  viele  andere  wie  einge- aber in der Tat zuvor schon bei Kant und Arendt  klammert sind, wegsetzen, und aus einem allgemei- Gedanken von Freiheit als Autonomie im Verhält- nen  Standpunkte  (den  er  dadurch  nur  bestimmen  nis des Einzelnen zur Gemeinschaft  zusammen,  kann, daß er sich in den Standpunkt anderer versetzt)  die sich auch als Direktiven oder Aussichten auf  über sein eigenes Urteil reflektiert.38 einen gemeinsam bewohnten und geteilten Erd- ball lesen lassen. Dafür schaue ich nun im zwei- ten Teil noch einmal genauer auf diese drei: Kant,  Dies beschreibt nun eine Art empathischen Kopf- Arendt und Flusser und den Zusammenhang von  kinos – bei Kant wie bei Arendt –, mit dem das  Migration und Kosmopolitismus in ihrer Verknüp- eigene  Denken  und  Urteilen  sowohl  geprüft  als  fung mit dem Urteilen. auch  erweitert  wird,  und  beschreibt  ein  inhä- rent  transgressives  und  kritisch-selbstreflexives  Moment,  das  ebenfalls  als  Bindeglied  zwischen  5 M igration und den  Urteilenden  denkbar  wird.  An  deren  Urteil  appelliert  jedenfalls  der  ästhetisch-Reflektie- Kosmopolitismus – im rende,  indem  er  auch  Anderen  Zustimmung  zu  Dispositiv des Ästhetischen seinem Urteil ‚ansinnt‘ 39 und damit vom eigenen,  kritisch-geprüften  Standpunkt  aus  eine  potenti- elle Urteilsgemeinschaft vorstellbar wird, der man  selbst  angehört.  Dieses  übersteigende  Moment  Bemerkenswerterweise bedenkt Flusser nicht nur  wird  von  Arendt  vor  allem  als  intersubjektives,  die Folgen für das Denken und seine Inhalte, son- interpersonales, auf Pluralität zielendes interpre- dern das ganze Denkgebäude und Gerüst gerät  ob  der  Erfahrung  von Migration  in  Bewegung  –  ja, bricht letztlich zusammen, doch – wie Flusser  37 Vgl. Flusser: Bodenlos, S. 62. freimütig bekennt: Die ästhetische Prägung bleibt  38  Immanuel  Kant:  Kritik  der Urteilskraft. Werkausgabe  und öffnet sich für den Spiel- und Medientheore- Bd. X. Hrsg. v. Wilhelm Weischedel. Frankfurt a.M. 1974.  tiker  nicht  von  ungefähr  in Weisen  freier  Kom- § 40, B 160/A158 [Künftig zitiert: Kant: KdU]. 39 Vgl. Kant: KdU: „Das Geschmacksurteil selber postu- binatorik.  In  seiner  schließlichen  Rückwendung  liert  nicht  jedermanns Einstimmung  (denn das  kann nur  zum westlichen Denken beschreibt er, dass  ihm  ein  logisch  allgemeines,  weil  es  Gründe  anführen  kann,  tun); es  s i n n e t  nur jedermann diese Einstellung an,  als einen Fall der Regel, in Ansehung dessen er die Bestäti- S. 213–217. BA 40–48 [Künftig zitiert: Kant: Zum ewigen  gung nicht von Begriffen, sondern von anderer Beitritt er- Frieden]. wartet.“ S. 130. B 26/A 26 [Hervorhebungen im Original]. 30 10.2478/kwg-2018-0002 | 2. Jahrgang 2018 Heft 1: 21–34 tiert.  In  den  anthropologischen  Schriften  Kants  setze“,  gibt  Kant  in  seinen  anthropologischen  taucht es vor allem als Fortschrittsgedanke auf,  Reflexionen zu bedenken.41 der hier als eine Hoffnung auf Fortschritt im Sinne  Die Urteilsgemeinschaft ist zumindest poten- einer zunehmenden Zivilisierung und Humanität  tiell  eine Weltgemeinschaft. Denn Urteile halten  aufscheint.40 Im Kontext der Kritik der Urteilskraft sich  latent  nicht  an  kontingente,  von Menschen  wird der stete Zug der sich erweiternden Urteils- gesetzte Grenzen. Sie werden von Welt bewegt,  kraft  als  potentiell  grenzenloser  und  damit  auf  bewegen Welt und sich selbst. Welt ausgerichteter und als eine Denkfigur lesbar,  Flusser wehrt sich zunächst einmal sogar, sei- die schon seit dem Aufsatz „Was ist Aufklärung?“  nen Entwurf  zum Migranten mit dem Gedanken  Vorläufer in Kants Überlegungen hat. Das Selbst- des Weltbürgers und Kosmopoliten kurzzuschlie- denken wie die stete kritische Arbeit einer Vorur- ßen, weil  es  ihm  im Gedanken  der  Freiheit  um  teilskritik, die bei den eigenen Urteilen beginnt,  konkrete,  tatsächlich  übernommene  Verantwor- sind ihre Konstituenten.  tung gegenüber wirklichen Personen, „Nächsten“,  Freunden geht:  Daher ist die in der Heimatlosigkeit gewonnene Frei- 6 D ie Urteilsgemeinschaft heit gerade nicht Philanthropie, Kosmopolitismus oder  als potentielle Humanismus.  Ich  bin  nicht  verantwortlich  für  die ganze Menschheit,  etwa  für  eine Milliarde  Chinesen.  Weltgemeinschaft? Sondern es ist die Freiheit der Verantwortung für den  ‚Nächsten‘.  Es  ist  jene  Freiheit,  die  vom  Judenchris- tentum gemeint ist, wenn es die Nächstenliebe fordert  und vom Menschen sagt, er sei ein Vertriebener in der  Diese  zweite  Maxime  nun  des  gesunden  Men- Welt und seine Heimat sei anderswo zu suchen.42 schenverstandes, die hier für das Verhältnis von  Standpunkt  des  Einzelnen  und  Gemeinschaft  wichtig wird, weist daher nicht von ungefähr deut- Gerade  in der anthropologischen, aus dem Reli- liche Ähnlichkeiten mit Kants in den anthropolo- giösen bekannten Vorstellung des Menschen als  gischen Schriften ausgearbeiteten Vorstellungen  bloß  temporärem  Bewohner  dieser  Welt,  der  vom Weltbürgertum  auf,  was  Arendt mit  Nach- daher  –  wie  oben  beschrieben  –  eher  ein  ‚Ver- druck  mitbedenkt.  Dort,  im  anthropologischen  triebener‘, ‚Wanderer‘ oder ‚Pilger‘ ist, findet sich  Kontext,  ist  es  allerdings  zunächst  nur  die  sich  aber  ein  Moment,  das  insbesondere  Kant  als  kritisch erweiternde Vernunft, die ein Bestreben  grundlegende  Reflexion  zum  Weltbürgerlichen  hat, sich potentiell unbegrenzt, weltweit zu tum- nachklingen  lässt,  denn  als  Bewohner  dieser  meln und  in kritischem Austausch zu erweitern.  Erde, die  „gemeinschaftliche[r] Besitz“  ist,  kön- Die  Vernunft  sei  nämlich  „nicht  dazu  gemacht,  nen wir uns dank ihrer Kugelfläche – bis auf die  daß  sie  sich  isoliere,  sondern  in  Gemeinschaft  unbewohnbaren Teile der Welt – prinzipiell überall  auf ihr bewegen und durch die Kontingenz unse- rer Geburt, modern wäre von „Geworfenheit“ zu  sprechen, hätte auch niemand mehr Vorrecht als  40 Gleichzeitig verwahrt sich Kant vor einer Borniertheit  ein Anderer, irgendwo auf der Welt zu sein.43 Das gegenüber anderen Kulturen oder früheren Epochen unter  Verweis  auf  den  Erfahrungsbegriff.  Jede  Zeit  und  Kultur  Weltbürgerliche ist daher in diesem Sinne bei Kant  habe ihre Erfahrungen und keine sei als solche besser oder  ein  Appell  an  die  Vorstellung, Welt miteinander  schlechter als eine andere – so  lässt  sich zumindest der  zu teilen, und ein vernünftiger Anspruch an sich  Anfang von Kants Schrift Mutmaßlicher Anfang der Men- schengeschichte lesen und deuten, denn „dieser darf nicht  erdichtet, sondern kann von der Erfahrung hergenommen  41 Kant: Akad.-Ausg. Bd. 15: Reflexionen zur Anthropolo- werden; wenn man voraussetzt, daß diese im ersten An- gie, Nr. 897. S. 392. Und siehe ebenfalls Hannah Arendt:  fange  nicht  besser  oder  schlechter  gewesen,  als  wir  sie  Das Urteilen. Texte zu Kants Politischer Philosophie. Hrsg.  jetzt antreffen.“ Siehe Immanuel Kant: Mutmaßlicher An- und mit einem Essay v. Ronald Beiner. Aus dem Amerik. v.  fang  der  Menschengeschichte.  In:  Ders.:  Schriften  zur  Ursula Ludz. München/Zürich 1998b, S. 56 [Künftig zitiert:  Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädago- Arendt: Urteilen]. gik 1. Werkausgabe Bd. XI. Hrsg. v. Wilhelm Weischedel.  42  Flusser: Wohnung, S. 26f. Frankfurt a.M. 1977b, S. 83–102. Hier S. 85, A 2. 43 Vgl. Kant: Zum ewigen Frieden, S. 214. BA 41f. Kulturwissenschaftliche Zeitschrift - 1/2018 31 selbst und Andere darauf, es in einer friedfertigen  Urteil.45  Es  handelt  sich  um  einen  feinen,  aber  und für Andere verträglichen Weise zu tun. Das  sowohl  in  der  Kant-  als  auch  Arendt-Forschung  Weltbürgerliche sieht insofern jeden als potentiell  gern  unterminierten Unterschied,  auf  dem  aber  ‚Nächsten‘  an  und  bedarf  wegen  der  Begrenzt- die  gesamte  Urteilsakzentuierung  in  Arendts  heit menschlicher Existenz aber auch ein belast- Denken beruht und auch das gesamte selbst- bares  Verständnis  individuierter,  persönlicher  kritische  Potential  der  dritten  Kritik  gegenüber  Verantwortung und Autonomie. En passant wird  den vorherigen kritischen Schriften Kants. Denn  damit aber von Kant – geradezu antizipatorisch  allein dieser dritten Urteilsform ist ein subjektives  im Sinne der flusserschen „Einsprüche gegen den  Gefühl (der Lust und Unlust) konstitutiv und nur  Nationalismus“ – auch jener problematische und  deswegen ist hier ersichtlich, dass die Person des  unhaltbare Kurzschluss zwischen Territorium und  Urteilenden  in  den  Urteilsprozess  involviert  ist,  Identität  gebrochen  und  aufgehoben44,  der  für  was die vorherige Vorstellung des allein formalen  den Weltphilosophen, der Königsberg nie verließ,  Subjekts revidiert und zugleich auch als ‚Rehabi- in  den  zeitgenössischen  Kolonialisierungsprakti- litierung des Gefühls‘ bei Kant gelten kann.  ken gegenwärtig  ist,  die  er  scharf  kritisiert  und  Dies  gilt  aber  damit  auch  für  den  Autono- die darüber hinaus für ihn gegen jeden gesunden,  mie-Gedanken  selbst.  Sich  im  Wortsinn  selbst  weltbürgerlichen Menschenverstand verstoßen. das  Gesetz  zu  geben  –  im  wortgeschichtlichen  Sinn des griechischen auto für ‚selbst‘ und nomos für  ‚Gesetz‘ –  ist die Vorstellung von Autonomie  7 Der ‚feine Unterschied‘: und  zugleich  Umschreibung  höchster  menschli-cher Dignität, die Kant bereits  in  seinen prakti- Das ästhetisch- schen Schriften gibt und an die er in der Kritik der reflektierende Urteil Urteilskraft anschließt. Diese Selbstgesetzgebung läuft in der praktischen Vernunft wie in der Grund- als Konstitutivum legung zur Metaphysik der Sitten durch den kate- des Weltbürgerlichen gorischen Imperativ über einen Abgleich mit den Anderen als einer geschickten Verschränkung von  eigener Bestimmung, mit Blick  auf  die Anderen  in  Allgemeinheit  als  eine Art  doppelter  Bindung  Nun  ist  freilich  auch  im § 40  zum sogenannten  und Verbindlichkeit. Die Selbstgesetzgebung des  „Gemeinsinn“ der enge Bezug der  zum „gemei- ästhetisch-reflektierenden  Urteils  gewinnt  dem- nen Menschenverstand“, zum bon sens und vor  gegenüber einmal durch die  Inanspruchnahmen  allem sensus communis  gegeben,  der  größere  von  subjektivem  Gefühl,  ästhetischem  Erleben  Rahmen  dieser  Bestimmung  ist  jedoch  der  der  und  Lebensgefühl  sowie  dem  Blick  auf  konkret  Urteilskraft, der wiederum nur als ästhetisch-re- andere Urteilende deutlich eigenständigere Züge,  flektierender  jene Autonomie,  ja,  letztlich sogar  in denen sich vor allem potentielle Widerständig- Heautonomie, zugesprochen werden kann, nach  keit und Autonomie im starken Sinne des Wortes  der Kant in seinen kritischen Schriften sucht. Mit  abzeichnen – bei allem Ansinnen auf potentielle  dieser zugeschriebenen Autonomie  ist natürlich,  Zustimmung ist es Kant doch, wie er in einer Fuß- wie schon zuvor, auf die Autonomie des Subjekts  note preisgibt, so, dass selbst, wenn viele Kritiker  verwiesen.  Und  hier macht  es  einen  signifikan- gegen  sein  Urteil  über  ein  bestimmtes  Gedicht  ten  Unterschied,  dass  es  nun  in  dieser  späten  stünden, er doch nicht vom Gegenteil überzeugt  dritten Kritik nur das subjektiv-allgemeingültige,  ästhetisch-reflektierende Urteil  ist und nicht das  bloß  reflektierende  oder  das  bloß  bestimmende  45 Zur  Bedeutung  des  subjektiv-allgemeingültigen,  äs- thetisch-reflektierenden Urteils siehe auch meine diversen  Studien: Frauke A. Kurbacher: Urteilskraft als Prototyp –  Überlegungen  zur  ‚ästhetisch-reflektierenden  Urteils- kraft‘  im Anschluß an Kant. In: Frithjof Rodi: Urteilskraft  44 Kant wehrt  damit  nahezu  vorausschauend  einen Ge- und  Heuristik  in  den  Wissenschaften.  Beiträge  zur  Ent- danken ab, der dann unter dem Begriff ‚Nation‘ im Grunde  stehung  des  Neuen.  Weilerswist  2003,  S.  185–195.  Und  erst im 19. Jahrhundert seine uns bis heute drückende Ge- dies.: Selbstverhältnis und Weltbezug. Urteilskraft in exis- stalt gewinnt. tenz-hermeneutischer Perspektive. Würzburg 2005. 32 10.2478/kwg-2018-0002 | 2. Jahrgang 2018 Heft 1: 21–34 werden könnte, wenn sein eigenes ästhetisch-re- Urteil Kants wie Arendts dagegen einen Anspruch  flektierendes Urteil dagegenhält.46 auf eine dezidierte Eigenständigkeit und Autono- Und gleichzeitig wird der Anspruch auf Allge- mie, die gleichwohl nicht willkürlich, sondern auf  meinheit – jedoch nicht im Sinne der Abstraktion,  eine potentielle Urteilsgemeinschaft gerichtet ist –  sondern der potentiellen Gemeinsamkeit verstan- im Zweifelsfall aber auch die Kraft und die Wider- den – nicht aufgehoben. Es ist ein ‚nicht-subjek- ständigkeit  ihr  gegenüber  besitzt,  derer  es  aus  tives‘ Moment  im Sinne einer Überindividualität,  Sicht des eigenen Standpunkts, eben des eigenen  wie es auch Arendt bemerkt.47 Der „feine Mensch“  Urteils  im kritischen Fall  bedarf – und dies nicht  ist bei Kant erst derjenige, „den ein Objekt nicht  zuletzt als Kosmopolit oder „Welt-Zuschauer“, wie  befriedigt, wenn er das Wohlgefallen an demsel- Arendt  sagt.  Denn,  wenn  man  auch  immer  als  ben  nicht  in  Gemeinschaft  mit  anderen  fühlen  Mitglied einer Gemeinschaft urteilt, ist man dabei  kann“48,  und  auch  im  weltbürgerlichen  Zusam- von seinem gemeinschaftlichen Sinn, dem sensus menhang  taucht  ein  ähnlicher Gedanke  in Hoff- communis, geleitet52, doch in dem zuvor exponier- nung auf die menschliche Gemeinschaft auf, „daß  ten kritischen Sinn. Das ästhetisch-reflektierende  die Rechtsverletzung an einem Platz der Erde an  Urteil weist sich so als potentieller ‚Hort der Wider- allen gefühlt wird“.49 Nicht zuletzt ist ja auch der  ständigkeit‘ aus. Bei Kant erst einmal in der Weise,  sensus communis, mit dem die kantische Urteils- dass man sich kein X für ein U vormachen lässt53,  kraft  versehen  ist,  das  Beurteilungsvermögen,  und in Arendts politisch interessierter Lesart auch  „welches in seiner Reflexion auf die Vorstellungs- als Möglichkeit zivilen Ungehorsams. art jedes andern in Gedanken (a priori) Rücksicht  Gerade  weil  der  Ästhetisch-Reflektierende  nimmt, um gleichsam an die gesamte Menschen- auch jemand ist, der selbstkritisch über das eigene  vernunft sein Urteil zu halten.“50 Der „allgemeine  Urteil  nachdenkt  und  bewusst  Stellung  bezieht,  Punkt  der  Betrachtung  oder  Standpunkt“  ist  kann und wird dieser eigene Standpunkt nicht vor- für  Arendt  insbesondere  auch  daher  durch  den  eilig  aufgegeben.  Der  Urteilende  trachtet  gleich- Zuschauer  verkörpert,  der  „ein  ‚Weltbürger‘  ist  zeitig  danach,  sich über mögliche andere Urteile  oder besser, ein ‚Welt-Zuschauer‘“ – im theatrum und  Gegenmeinungen  aber  ebenso  stets  zu  bil- mundi.51 den, um damit nicht nur den eigenen Horizont zu  erweitern – ohne frühzeitig nach der Anerkennung  durch Andere zu schielen. Der Zusammenhalt der  8 Ausblick: ‚Fragile Gemeinschaft  beruht  hier  also  vielmehr  auf  der  Dignität jedes einzelnen Urteilenden und nicht auf  Autonomie‘ und Freiheit der  Anerkennung  durch  Andere,  wiewohl  darauf  gehofft und auch daran appelliert wird. Wenn das Gefühl dem Urteilen konstitutiv ist,  Kant bringt den Gedanken einer kritischen Erwei- stehen wir allerdings durchaus vor der Problema- terung der Denkungsart gleichsam noch in aufklä- tik, dass hier auch – als Kehrseite – ein ‚Hort der  rerischer Munterkeit hervor, Arendt scheint schon  Vorurteile‘  stecken mag, wie  es  Flusser  am Hei- mit  stärkerem  Blick  auf  die  Abgründigkeit  des  matbegriff, den er als Heimatgefühl und in deutli- modernen Menschen daran interessiert. cher Anspielung auf Arendt als „Banalität“ entlarvt  Auch  wenn  Arendt  betont,  dass  man,  wenn  – und zwar, weil hier etwas ganz Spezielles, aber  man  urteilt,  „als  Mitglied  einer  Gemeinschaft“  allen subjektiv Gegebenes, theoretisch unzulässig  urteilt,  erhebt doch das ästhetisch-reflektierende  hypostasiert  und  sakralisiert  wird.  Auch  deswe- gen aber, weil die Urteile Bezug zum Gefühl, zur  46 Vgl. Kant: Kritik der Urteilskraft, S. 214. B 141f/A 140. Erfahrung und dem Konkreten haben, ist kritische  47 Vgl. Arendt: Urteilen, S. 90. Reflexion  dauerhaft  vonnöten.  Diese  Konkretion,  48  Ebd. die  schon  bei  Kant  im  Ästhetischen  –  und  u.U.  49 Kant: Zum Ewigen Frieden, S. 215f. BA 44ff. [Hervor- darüber hinaus – Konstituens des Urteilens wird,  hebung  von  der  Autorin].  Hier  ist  natürlich  auch  wieder  jene  im  kantischen  Zusammenhang  gegebene  Nähe  von  ästhetischem zum moralischen Gefühl virulent. 52 Vgl. ebd., S. 100. 50 Kant: KdU. § 40, B 155ff./A153ff. 53 Vgl. nochmals Kant: Kritik der Urteilskraft. S. 214. B 141f/ 51 Vgl. Arendt: Urteilen, S. 79f. A 140. Kulturwissenschaftliche Zeitschrift - 1/2018 33 mit dem er  letztlich die Autonomie des Subjekts  Arendt, Hannah (2006): Vita activa oder Vom tätigen Leben. 4. Aufl. München: Piper (1967). (Amerik.  erweist, bedeutet aber auch, dass sie mit Autono- Ausgabe: The Human Condition. Chicago 1958.) mie zusammengedacht werden muss, als etwas,  Arendt, Hannah (1998a): Vom Leben des Geistes. Bd.  was ich als „fragile Autonomie“ bezeichne, deren  1: Das Denken. Hrsg. v. Mary McCarthy. Aus dem  affektive Anteile sie als etwas Aktives wie Passives  Amerik. v. Hermann Vetter. München: Piper. lesbar werden  lassen  und  damit  ebenfalls  Über- Arendt, Hannah (1998b): Das Urteilen. Texte zu Kants  Politischer Philosophie. Hrsg. und mit einem Essay  gänge zu den modernen Phänomenologien aufzei- v. Ronald Beiner. Aus dem Amerik. v. Ursula Ludz.  gen. München/Zürich: Piper. Von dieser dritten Kritik muss nun Autonomie Bayle, Pierre (2010-2013): Tractat von der allgemeinen  gedacht  werden  –  und  bleibt  dauerhaft  kritika- Toleranz oder Philosophischer Commentar über die  bel und bedarf daher der kritischen Erweiterung,  Worte ‚Christi Nöthige sie herein zu kommen‘. Aus  doch ist es nunmehr eine sich in Urteilsentwürfen  d. Frz. übersetzt mit Anmerkungen versehen [von Daniel Semerau]. Mit einem Nachwort von Frauke  erweiternde Urteilskraft und nicht allein Vernunft.  A. Kurbacher. 4 Bde. Hildesheim/Zürich/New York:  Trotzdem  bleibt  der  Rückverweis,  die  Herkunft  Olms. (Frz. Ausg.: Commentaire Philosophique sur  des Gedankens bei Kant aus dem Weltbürgertum  ces paroles de Jesus-Christ, ,contrain-les d’entrer sprechend, denn auch die sich über den kritischen  (1686-88).) Abgleich vollziehende eigene Urteils- und Stand- Derrida, Jacques (2014): Gesetzeskraft oder der  ‚mystische‘ Grund der Autorität, 7. Aufl. Frankfurt  punktgewinnung  bei  Kant  und  Arendt  ist  poten- a.M.: Suhrkamp. (Frz. Ausgabe: Force de loi. Le  tiell  –  räumlich-zeitlich  betrachtet  –  ‚grenzenlos‘  ‘fondement mystique de l’autorité’. Paris 1990.) und mit Vilém Flusser, als einem kreativen Rezi- Flusser, Vilém (2013): „Wohnung beziehen in der Heimat- pienten  beider,  gesprochen,  auch  „bodenlos“  im  losigkeit“. In: Ders.: Von der Freiheit des Migranten.  Sinne  des  Philosophischen  als  eines  urteilskräf- Einsprüche gegen den Nationalismus. Hamburg: CEP  tigen Denkens,  das  sich  ohne  festes  Fundament  Europäische Verlagsanstalt, S. 15-30.Flusser, Vilém (1992): Bodenlos. Eine philosophische  stets  bewegt. Der Verweis Arendts mit  Kant  auf  Autobiographie. Mit einem Nachwort von Milton  das Erdenrund als „Kugelfäche“ mitsamt dem kos- Vargas. Bensheim/Düsseldorf: Bollmann. mopolitischen  „Besuchsrecht“  und  „Gesetz  der  Kant, Immanuel (1977a): Zum ewigen Frieden. Ein  Hospitalität“, weil wir nun einmal diese Welt mit- philosophischer Entwurf. In: Ders.: Schriften zur  einander teilen,  legt auch den Blick auf die Run- Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und  Pädagogik 1. Werkausgabe Bd. XI. Hrsg. v. Wilhelm  dung des Kopfes und dessen Beweglichkeit im kri- Weischedel. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 193-259.  tischen Denken nahe, das gleichsam keinen festen  BA 40-48. Halt respektive „Boden“ kennt. Flusser stellt seine  Kant, Immanuel (1977b): Mutmaßlicher Anfang der  Überlegungen zum Bodenlosen im Rahmen seiner  Menschengeschichte. In: Ders.: Schriften zur Anthro- Schriften zum Migranten an, die sich als mögliche  pologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik  ‚Philosophie einer Migration‘ lesen lassen. Mit dem  1. Werkausgabe Bd. XI. Hrsg. v. Wilhelm Weischedel. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 83-102.  Verweis auf das Bodenlose ließe sich durchaus die  Kant, Immanuel (1974): Kritik der Urteilskraft.  ganze Philosophie als eine der Migration – retro- Werkausgabe Bd. X. Hrsg. v. Wilhelm Weischedel.  spektiv wie prospektiv – neu lesen und entwerfen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. Ist der Kosmopolitismus, das Weltbürgertum,  Kant, Immanuel (1902-1923): Akad.-Ausg. Bd. XV:  nun ein um das Moment der Migration erweitertes,  Reflexionen zur Anthropologie. In: Kant’s gesammelte  Schriften. 24 Bde. Hrsg. v. der Königlich-Preußischen  alternatives Identitätsangebot – ein Angebot, das  Akademie der Wissenschaften. 2. Aufl. Berlin: Reimer. von Identität kaum mehr, aber von ihrer potentiel- Koselleck, Reinhart (1997): Krise und Kritik. Eine Studie  len Beweglichkeit viel Gebrauch machen möchte? zur Pathogenese der bürgerlichen Welt. 8. Aufl.  Frankfurt a.M.: Suhrkamp. Kristeva, Julia (1990): Fremde sind wir uns selbst.  Literaturverzeichnis Frankfurt a.M.: Suhrkamp. (Frz. Ausg.: Étrangers à  nous-mêmes. Paris 1988.) Arendt, Hannah (2016): Wir Flüchtlinge. Mit einem Essay  Kurbacher, Frauke A. (2015): „Bodenlos. Rien ne va plus von Thomas Meyer. 4. durchges. Aufl. Stuttgart:  oder: alles geht. Über spielerische Haltung bei Vilém  Reclam. Flusser“. In: Play it again, Vilém! Medien und Spiel  Arendt, Hannah (2011): Elemente und Ursprünge totaler  im Anschluß an Vilém Flusser. Hrsg. v. Hermann  Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale  Haarmann, Michael Hanke u. Steffi Winkler. Marburg:  Herrschaft. 14. Aufl. München/Zürich: Piper. Tectum, S. 113-129. 34 10.2478/kwg-2018-0002 | 2. Jahrgang 2018 Heft 1: 21–34 Kurbacher, Frauke A. (2014): „Die Freiheit des Fremden.  Waldenfels, Bernhard (2006): Grundmotive einer  Gedanken zur Boden- und Haltlosigkeit“. In: Freiheit  Phänomenologie des Fremden. Frankfurt a.M.:  und Reflexion. Flusser-Studies, Heft 16, Januar 2014. Suhrkamp. Kurbacher, Frauke A. (2005): Selbstverhältnis und  Weil, Simone (2011): Die Verwurzelung. Vorspiel zu einer  Weltbezug. Urteilskraft in existenz-hermeneutischer  Erklärung der Pflichten den Menschen gegenüber.  Perspektive. Würzburg: Olms. Zürich: Diaphanes. (Frz. Ausg.: L’Enracinement.  Kurbacher, Frauke A. (2003): „Urteilskraft als Prototyp  Prélude à une déclaration des devoirs envers l’être  – Überlegungen zur ‚ästhetisch-reflektierenden  humain. Paris 1943.) Urteilskraft‘ im Anschluß an Kant“. In: Urteilskraft  und Heuristik in den Wissenschaften. Beiträge  zur Entstehung des Neuen. Hrsg. v. Frithjof Rodi.  Weilerswist: Velbrück, S. 185-195.