Volker Kapp (Hrsg.): Die Sprache der Zeichen und Bilder. Rhetorik und nonverbale Kommunikation in der frühen Neuzeit.- Marburg: Hitzeroth 1990 (= Ars Rhetorica, Bd . 1), 266 S., DM 76,- Die Welt ist unglaublich voll von alter Rhetorik. Als Roland Barthes dies feststellte, wußte er wohl kaum, daß er noch wesentlich mehr als ohne- hin schon recht hatte. Denn Barthes bezog seine Aussage allein auf die literarische Rhetorik der Tropen und Figuren. Nun regelt das System der alten Rhetoi,i.k jedoch nicht nur den verbalen Teil der Rede, sondern auch Mimik, Gestik, Pantomimik und Proxemik des Sprechenden, also die unterschiedlichen Arten des nonverbalen Verhaltens. Was seit dem 18. Jahrhundert vernachlässigt und dann in der neueren Rhetorikdiskus- sion vergessen wurde und unseren heutigen Semiotikem und Kommuni- kationsforschern als der dernier cri der Methode erscheint, das kann der historisch orientierte Wissenschaftler bequem in Quintilians Institutionis oratoriae im Abschnitt von der Actio-Lehre körperlicher Beredsamkeit (Kap. XI 3) nachlesen. Volker Kapp, der Herausgeber des hier anzuzei- genden Grundlagenwerks, dessen Gewicht zurecht die im Marburger Hitzeroth-Verlag erscheinende Reihe Ars Rhetorica eröffnet, hat diesen Zusammenhang kürzlich an anderer Stelle prägnant markiert (vgl. Lite- raturwissenschaftliches Jahrbuch, NF 31 [1990], S.415ff.). Seitens der Kommunikationswissenschaft hat in der Vergangenheit nur Karl BüWer versucht, das überlieferte Wissen in diese Disziplin zu integrieren, als er bei seiner Absicht, Ausdruck als eine Art von Sprache zu behandeln, ei- nerseits die Ausdruckslehre mit der Physiognomik verquickte und ande- rerseits an die Actio-Lehre Quintilians anknüpfte, dessen einschlägige Abschnitte (XI 3, S.65ff.) er seinem Buch Ausdruckslehre (Jena 1933) als Anhang in Übersetzung beigab. Angesichts eines im wesentlichen synchronisch orientierten Strukturalismus scheinen Bühlers Anregungen auf wenig Resonanz gestoßen zu sein. Mit Blick auf die neuen, insbe- sondere deutschsprachigen Forschungen stellt Volker Kapp einleitend 312 fest, daß die "Rhetorik nicht einmal als historische Größe in der Argu- mentation berücksichtigt wird" (S. 8). Das Ausblenden rhetorischer Re- gularien der eloquentia corporis sei auch methodisch bedenklich: "Die Semiotik analysiert die nonverbale Sprache für sich genommen als eines der möglichen Kommunikationssysteme, wohingegen die Rhetorik die actio immer als Teil eines umfassenderen Ganzen behandelt, in dem ver- bale und nonverbale Kommunikation zusammenwirken." (S.8) An dieser Horizonterweiterung partizipieren die meisten der 14 Beiträge, die die Sprache der Zeichen und Bilder für die westeuropäische Kultur des 15. bis 18. Jahrhunderts in den Blick bringen. Im 16. und 17. Jahrhundert wurde, wie etwa die Verbreitung von Casti- gliones II libro del cortegiano indiziert, Gestik, Betragen und Verhalten bei Hofe in zunehmendem Maße vereinheitlicht. Diese Standardisierung der Sitten und Gebräuche, die nicht nur den Hofmann betraf, sondern alle kultivierten Frauen und Männer ergriff, antwortete auf unterschied- liche Faktoren. Neben der tendenziellen Zentralisierung politischer und wirtschaftlicher Macht, beruflicher Spezialisierung und wachsendem Einfluß kirchlicher Rituale in der Staatsverwaltung, sorgte vor allem die Erfindung des Buchdrucks für eine größere Ausbreitung einschlägiger Verhaltensliteratur. In diesem Zusammenhang analysiert Dilwyn Knox ("Late medieval and renaissance ideas on gesture ") einen grundlegenden Paradigmenwechsel, der geradezu die theoretische Bedingung der Mög- lichkeit einer Standardisierung des Verhaltensrepertoires darstellte. Wäh- rend nämlich im Spätmittelalter und der Renaissance die Erlernung einer Vielzahl von Betragensweisen von Konventionen und praktischer Beob- achtung abhängig war, verschiebt sich nach der Mitte des 16. Jahrhun- derts das Interesse auf eine davon unabhängige, universale Gestenspra- che. In einer Kürzestfassung seines umfangreichen Werks The Art of Ge- sture: The practices and principles of l 8th century acting (Heidelberg 1987) versucht Dene Barnett ("The art of gesture") einerseits ein Grund- inventar historisch invarianter, 'klassischer' Gesten zu inventarisieren, andererseits die Verknüpfungsregeln dieser nonverbalen mit unserer verbalen Sprache aufzuzeigen. Diesen Aspekt versucht Italo Michele Battafarano ("Harsdörffers 'Frauenzimmer Gesprächsspiele': Frühneu- zeitliche Zeichen- und (Sinn-)Bildsprachen in Italien und Deutschland") dadurch zu vertiefen, indem er seine Aufmerksamkeit nicht so sehr den verbalen Kommunikationsformen in Rede und Schrift, sondern vielmehr den nicht-verbalen Kommunikationsformen und der Kombination der beiden Kanäle in der 'conversatione civile' zuwendet. Dabei kann er zei- gen, daß Harsdörffer ein kulturelles Zukunftsmodell entwirft, das die al- lusive Kunst der lmpressistik eine Sozialanthropologie voraussetzt, die dem soldatischen Aufeinandertreffen genau entgegengesetzt ist. Einern anderen 'Einsatz' der Körpersprache geht Manfred Tietz ("Nicht-verbale 313 Überzeugungsstrategien bei Franc;ois de Sales") nach. In der Predigttä- tigkeit habe die Redefunktion des docere derjenigen des movere nach- zustehen. Ziel müsse es sein, durch Einbezug nonverbaler Mittel eine für das religiöse Leben und seine Praxis entscheidene Gestimmtheit ("sentiments et mouvements interieurs") hervorzurufen. Doch plädierte de Sales (1567-1622) dabei nicht für eine übertriebene Gestik, Mimik und Körpersprache, sondern vielmehr für eine würdige actio, die einen emotionalen Grundkonsens zwischen Prediger und Zuhörer stiften sollte . Es wäre eine spannende Aufgabe zu untersuchen , welche rhetorikge- schichtlichen Verbindungen zwischen der hier im fromm-religiösen Kontext formulierten Forderung nach einer "simple pensee" zur erhabe- nen "simplicite" zu ziehen sind, die Boileau 1674 dem Dichter empfeh- len sollte. Die Disponierung des Leibes zum Träger nonverbaler Zeichen der Wahrheit verfolgt Alois Hahn ("Religiöse Dimension der Leiblich- keit''). Dabei entdeckt Hahn eine erregende Zweideutigkeit. Denn wie sowohl die Folter als auch die religiös motivierte Selbstkasteiung zeigen , erscheint der Schmerz einerseits als Garant der Wahrheit, gleichzeitig aber schärft die moraltheologische Sorge den Blick für immer neue Lustquellen , wodurch selbst der Schmerz seine Unschuld als authenti- scher Index verliert. Während die. bislang genannten Studien den Zusammenhang zwischen der Spache des Körpers und seines Mundes thematisierten, fügt Christina Hofmann in ihrem Artikel über "Das spanische Hofzeremoniell - eine spezifische Ausdrucksform nicht-verbaler Sprache" beide Kommunikationskanäle in eine großräumige soziale Ordnung ein, die den Ausdruckswillen des Einzelnen beschränkt. Das Verstummen individueller Kommunikation, mag sie verbal oder nonverbal sein, in den Ritualen sozialer Institutionen wird besonders schlagend an dem Beispiel des spanischen Königspaares deutlich, dessen hohe Stellung jede menschliche Regung verschlang: individulle Regungen und Gefühle, lautes Sprechen, Lächeln oder gar Lachen, jede Gestik oder Mimik, die das Hofzeremoniell nicht sanktionierte, war ihm verboten. Eine zweite Gruppe von Beiträgen ist der Eloquenz der schönen Künste gewidmet. Die gegenseitige Durchdringung von Diplomatiegeschichte und Singspiel im Rahmen der Orientpolitik Louis XIV zeigt Franc;oise Karro ("Dramaturgie diplomatique franc;aise a Ja Sublime Porte d"Ercole amante' a 'L'Europe galante"') auf der Basis unveröffentlich- ten Aktenmaterials des französischen Außenministeriums präzise auf. Die Historienmalerei des gleichen Zeitraums ist Gegenstand des Beitrags "Der Maler als Erzähler: Gebärdensprache und Mimik in der französi- schen Malerei und Kunsttheorie des 17. Jahrhunderts am Beispiel Char- les Le Bruns" von Lars Olof Larsson. Er versteht die Bemühungen der Pariser Akademie, im Rückgriff auf die Actio-Lehre der antiken Quellen 314 genaue Vorschriften für die Ausdruckssprache der Bildkünste zu ent- wickeln, als einen Versuch, die Unvollkommenheiten individueller Künstlerbegabungen durch ein perfektioniertes Lehrgebäude zum Nutzen des absolutistischen Staates zu kompensieren. Die Gemälde Le Bruns er- scheinen als psychologische Dramen, deren Inhalt sich dem Betrachter durch Mimik und Gestik der dargestellten Akteure erschließt. Den Blick für Formen nicht-verbaler Sprachkultur in baukünstlerischen Gestaltun- gen schärft Karl Noehles, der in seinem Artikel "Rhetorik, Architektu- rallegorie und Baukunst an der Wende vom Manierismus zum Barock in Rom" den Wandlungen des rhetorischen Konzepts insbesondere bei den Maler-Architekten Zuccari und Cortona verfolgt. Die rhetorische Per- spektivierung der schönen Künste wird durch zwei musikwissenschaftli- che Beiträge abgerundet. Die Pianistin Alda Bellasich verfolgt "II dis- corso retorica nelle Fantasie di Frescobaldi", während Patricia M. Ra- num die umstrittene Frage "Y a-t-il une rhetorique des airs de danse frarn;ais?" aufgrund einiger Beispiele vom Anfang des 18. Jahrhunderts mit einem entschiedenen "Oui!" (S.247) beantworten kann. Rezensionen von Sammelwerken sind immer ungerecht, weil der ver- sammelte interdisziplinäre Sachverstand der Autoren die Kompetenz des Rezensenten stets übersteigt. Es können daher hier weder alle Facetten dieses wichtigen Sammelwerks diskutiert, noch alle Beiträger gerecht 'gewürdigt' werden. Vielmehr möchte ich schließlich nur einen Aspekt herausgreifen. Insbesondere Volker Kapps programmatisch betitelter Aufsatz "Die Lehre von der actio als Schlüssel zum Verständnis der Kultur der frühen Neuzeit" (S.40-64) pointiert die Rhetorik als den glo- balen Rahmen, in dem die eloquentia corporis alles das regelte, "was das äußere Erscheinungsbild im gesellschaftlichen Verhalten betrifft." (S.49) Diese Regularien beziehen sich nicht nur auf die traditionell enge Wech- selbeziehung zwischen Actio-Lehre und Schauspielkunst, sondern for- men durch die Anstandsliteratur den geselligen Umgang und modulieren somit das Zivilisationsideal der höfischen Gesellschaft insgesamt. Die Regeln nonverbaler Kommunikation, ihr Alphabet der Masken, ihre Stellungen und Verstellungen, versucht die Physiognomik, die in diesem historischen Zusammenhang zur Wissenschaft promoviert wird, auf eine authentische Wahrheit des Ichs hin zu hintergehen. Weil der Hofmann, wie die französischen Moralisten beschreiben, zum Virtuosen im Um- gang mit den Zeichen nonverbaler Kommunikation aufsteigt: "Un homme qui sait la cour est maitre de son geste, de ses yeux et de son vi- sage [ ... ]" (La Bruyere, zit. S.58), sucht die Physiognomik dem Gegen- über die Maske abzureißen und sein wahres Gesicht zu schauen. Das Scheitern dieses sentimentalen Authentizitätsprogramms hat Büchner in einer Replik aus Dantons Tod festgehalten: "Da werden die Gesichter mitgehen." Eine vergleichbare Problematik nimmt Dietrich Schwanitz 315 ("Der Körper zwischen Rhetorik und Symptomatologie: Zurechnungs- probleme der Liebe von Shakespeare bis zum 'Man of Feeling'") zum Ausgangspunkt, um jenen Zirkel zu verfolgen , bei dem die Rede den Nachweis ihrer Wahrheit mit dem Hinweis auf körperliche Symptome zu führen versucht. Gegen den Verdacht der Unehrlichkeit läßt sich nur der physische Ausdruck des Leidens ins Feld führen . Noch Adornos Kriti- sche Theorie erscheint Schwanitz in diesem Licht als Reprise der Senti- mentalität. Gerade weil aber die nonverbale Sprache des Leibes von Mimik, Gestik Pantomimik und Proxemik rhetorischen Regeln folgt , ist sie genausowe- nig 'natürlich' wie das Zeichensystem der Schrift. Dadurch geraten die nichtvoluntativen Aspekte nonverbaler Kommunikation: Erröten, Erblei- chen , Lachen und Weinen in hohen Kurs , weil ihnen ihre nicht willentli- che Steuerbarkeit "einen höheren Grad von Authentizität verleiht" (S.102), wie es Frank-Rutger Hausmann für die "Liebessprache in der französischen Literatur des 16. und 17 . Jahrhunderts" (S .102-117) her- ausstellt. Da der Mund der Ort der falschen Zeichen ist, glaubt der Lie- bende nur den Geständnissen, die er im Feuer der Augen liest. Schon das Erröten freilich bleibt zweideutig , könnte es doch , wie in der Prin- cesse de Cleves der Madame de Lafayette, statt des Getroffenseins der Geliebten nur der Bescheidenheit der Angehimmelten entspringen. Diese Ambiguität spricht im Roman der Prince de Cleves aus: "Je ne me trompe pas a votre rougeur, [„ .] c'est un sentiment de modestie, et non pas un mouvement de votre coeur [„ .]" (zit. S.111). So gerät der heu- tige Gesichtssemiologe in eine paradoxe Situation, insofern er seine fei- nen Beobachtungen, daß die stumme Sprache der Blicke die Worte der Sprache dekonstruiert, nur dank der Worte der Dramen und Romane , die diese Blicke überliefern, zu formulieren vermag . Carsten Zelle (Siegen)