Reinhold Leinfelder, Alexandra Hamann und Jens Kirstein Wissenschaftliche Sachcomics Multimodale Bildsprache, partizipative Wissensgenerierung und raumzeitliche Gestaltungsmöglichkeiten Sachcomics als Slow Media Unter Slow Media1 sind nichtlineare Kommunikationsformate zu verstehen, welche zu ihrer Wissenserschließung einer umfassenden persönlichen Beschäftigung der Leser_innen oder Betrachter_innen bedürfen. Das Medium muss in Raum und Zeit verortet werden und gleich- zeitig verschiedene Sinne direkt bzw. über synästhetische Ansätze ansprechen.2 Insbesondere können Abbildungen und Sammlungsobjekte, aber auch komplette nicht linear strukturierte Ausstellungen als Slow Media betrachtet werden.3 Im Sinne von Slow Media lassen sich auch Sachcomics zu komplexen Themen grundsätzlich mit wissenschaftsbasierten Ausstellungen vergleichen, da sie dominant visuell gestaltet sind, Informationen zu Mehrebenennarrativen verbinden, individuelle Geschwindigkeit beim Erfassen erlauben und damit gleichzeitig erhöhte ›partizipative‹ Aktivität beim Zusammensetzen der Informationen und Themen im Kopf erfor- dern.4 Comics sind hierbei insbesondere durch ihre Bildsprache motivierend, visualisierend, permanent, intermediär und populär.5 Die szenografische Gestaltung erlaubt die Kombination 1 Siehe David/Blumtritt/Köhler 2010. 2 Siehe McCloud 1993; ders. 2014; Plank 2013; Sousanis 2015. 3 Siehe Robin et al. 2014; Leinfelder 2015. 4 Vgl. Jacobs 2007; Leinfelder 2014; ders. 2014a; ders. 2015; Groensteen 2014; Sousanis 2015. 5 Vgl. Versaci 2001; Morrison/Bryan/Chilcoat 2002; Yang 2008. Wissenschaftliche Sachcomics 45 realitätsnaher (wahrnehmbarer), abstrahierter (zu erfassender) und symbolisierter (erlernter) Bilder in teils vielschichtig angelegten Panels, welche zeitlich, räumlich und perspektivisch insbesondere durch Weglassen (in den ›Gutters‹, Lücken zwischen Panels) inszeniert werden können.6 Je nach Komplexität der Themen können sich Text und Bildsequenzen komplementär oder auch einander stützend verhalten.7 Bei komplexen Sachcomics sollten emotionale Elemente, sowohl in Wort als auch im Bild, zwar verwendet, insgesamt jedoch eher zurückhaltend einge- setzt werden. Hingegen sind Personalisierung, Darstellung wissenschaftlicher Arbeitsweisen, Visualisierung von Szenarien und andere Authentifizierungsmöglichkeiten wissenschaftlichen Vorgehens genauso wie mögliche gesellschaftliche Relevanzen und Handlungsoptionen teil- weise augenzwinkernd gestaltbar, womit sich die zu vermittelnden Themen von ihrer gewissen ›Schwere‹ befreien lassen. Dies kann zum Beispiel durch Zuhilfenahme von ›Sidekicks‹ bzw. durchlaufenden Nebengeschichten erreicht werden. Insbesondere sind auch gesellschaftlich herausfordernde Themen bzw. Handlungsoptionen, welche bei der Verwendung anderer Medien sehr schnell zu reflexartiger Ablehnung führen, bei Comics durch die vielfältigen Möglichkeiten der humoristischen Einfärbung besser transportierbar.8 Aktivitäten Eigene Aktivitäten hierzu umfassen ein als Comic gestaltetes Interview zu Biodiversitätsthemen9 und vor allem die Umsetzung eines kompletten Gutachtens des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) zum Klimawandel 10 in einen als sogenannte Graphic Interviews realisierten Sachcomic,11 welcher selbst umfassend theoretisch und empirisch beforscht wurde (Abb. 1).12 In einem weiteren Projekt wurden Comic Strips zu Sammlungsobjekten in eine Ausstellung integriert, mit dem Ziel, Objekte der Dauerausstellung mit einer aktuellen Sonderausstellung zu verknüpfen – auch hier ging es um ein außerordentlich komplexes Thema: das Anthropozän.13 Die Bildgeschichten erfordern nicht nur eine eigene comicspezifische Beteiligung und Kontextua- lisierung durch die Leserin oder den Leser, sondern wurden zu einem guten Teil auch partizipativ erstellt (Abb. 2). Die Illustrator_innenklasse von Hennig Wagenbreth an der Universität der Künste Berlin setzte sich intensiv mit den vorausgewählten Ausstellungsobjekten auseinander und erarbeitete deren Bezug zum Anthropozän. Um einen formalen Wiedererkennungswert in 6 Siehe McCloud 1993; ders. 2014. 7 Siehe Jüngst 2010. 8 Vgl. Brocka 1979; Hangartner/Keller/Oechslin 2013; Leinfelder 2014; ders. 2014a. 9 Vgl. Hamann/Feindt/Leinfelder 2011. 10 Siehe WBGU 2011. 11 Siehe Hamann/Zea-Schmidt/Leinfelder 2013; dies. 2014. 12 Siehe Leinfelder 2014; ders. 2014a. 13 Sonderausstellung im Deutschen Museum, München, vom 5. Dezember 2014 bis 31. Januar 2016. 46 Reinhold Leinfelder, Alexandra Hamann und Jens Kirstein Abb. 1: Beispiel für einen wissenschaftlichen Sachcomic ist Die große Transformation. Klima – Kriegen wir die Kurve? Hier ein Ausschnitt aus dem Kapitel Warum wir uns transformieren müssen mit John Schellnhuber, Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, gezeichnet von Studio Nippoldt. Wissenschaftliche Sachcomics 47 der Ausstellung und ein einheitliches grafisches Design in der dazugehörigen Buchausgabe zu erreichen, wurde den Comic Strips ein striktes Format vorgegeben. Die gezeichneten Geschich- ten mussten in jeweils acht gleichgroßen Panels erzählt werden, ferner waren nur Schwarz und eine Sonderfarbe zugelassen. Das Ergebnis ist ein in dieser Form sehr unerwartetes Kaleidoskop von persönlichen Narrativen, welche die Bandbreite der Möglichkeiten von Comics gut abbilden und sowohl Wissenschaft als auch Technik in einen sehr persönlichen, teils gesellschaftskriti- schen Kontext stellen, der zur Reflexion animieren soll.14 Anhand dieser innerhalb wissenschaftlicher Projekte erstellten Sachcomics können Ableitun- gen destilliert werden: So ergaben empirische Untersuchungen, dass im deutschsprachigen Raum Comics vorurteilshaft oft noch als »flach« oder »unseriös« eingestuft werden.15 Die- se Wahrnehmung verkennt die Geschichte sowie die aktuelle Vielfalt der Sachcomics und ist teilweise damit zu erklären, dass Deutschland, etwa im Unterschied zu den USA, Frankreich oder Japan, über eine nur mäßig ausgeprägte historische Comic-Kultur verfügt und hier meist nur wissenschaftsfiktionale Comics (Daniel Düsentrieb, Superheroes) bekannt sind.16 Auch deshalb müssen die Ansprüche an Authentizität und Dokumentation für wissenschaftliche Sachcomics ähnlich hoch wie für wissenschaftliche Veröffentlichungen und damit höher als für sehr gut recherchierte klassische journalistische Formate sein.17 Unter Berücksichtigung dieser Aspekte haben Sachcomics ein enorm breites Potenzial für kreativen Wissenstransfer sowie für Gestaltungs- bzw. Handlungsmotivation. Darüber hinaus können sie auch als partizipativer, dialogischer und gestaltender Prozess für die Generierung wissenschaftlicher Ansätze und für die Identifizierung neuer Forschungsnotwendigkeiten konzipiert werden. Letzteres wird nach- folgend anhand des interkulturellen und partizipativen Comic-Vorhabens des Basisprojektes Die Anthropozän-Küche näher ausgeführt. Der Anthropozän-Küchencomic – ein global partizipativer und transdisziplinärer Ansatz zu Wissensgenerierung und Wissensgestaltung Theoretischer Ansatz: Wissenschaftliches Arbeiten zur Reflexion und Lösung von Zukunftsaufga- ben muss wegen der Komplexität der Thematiken, der Verknüpfung von Analysen, Szenarien und Handlungsoptionen sowie deren gesellschaftlicher Relevanz nicht nur interdisziplinär, sondern insbesondere auch transdisziplinär angelegt sein.18 Transdisziplinäre Forschung umfasst eine gesellschaftliche Beteiligung am Forschungsprozess und an der Umsetzung von Lösungsvor- schlägen.19 Eine transdisziplinäre Herangehensweise definiert gemeinsam Probleme und Un- tersuchungswege (Co-Design) und ermöglicht eine Wissensintegration mit dem Wissen der 14 Vgl. Hamann u. a. 2014. 15 Leinfelder 2014. 16 Vgl. Brocka 1979; Grünewald 2014. 17 Vgl. Jüngst 2010; Plank 2013. 18 Siehe WBGU 2011; Leinfelder 2013. 19 Siehe WBGU 2011. 48 Reinhold Leinfelder, Alexandra Hamann und Jens Kirstein Abb. 2: Ausschnitt aus der Comic-Anthologie Anthropozän – 30 Meilensteine auf dem Weg in ein neues Erdzeitalter: M.I.P.A.S., Paul J. Crutzen als Super-Paul, gezeichnet von Martyna Zalalyte. Wissenschaftliche Sachcomics 49 Anwender_innen (Co-Production). Laut Schneidewind und Singer-Brodowski umfasst Transdis- ziplinarität neben den Prinzipien des Co-Designs und der Co-Production im Wissenschaftspro- zess auch eine neue Dimension der Verantwortung für Wissenschaftler_innen.20 Gemeinsam gestaltete Realexperimente (Experimental Turn) stellen hierbei einen wichtigen Erkenntnismo- dus der transformativen Wissenschaften dar. Diese werden in sogenannten Reallaboren, also in der Regel im offenen Raum, durchgeführt, um in einem gesellschaftlichen Kontext soziale Dynamiken und Prozesse erfahrbar und erforschbar zu machen. Hierzu ist es auch notwendig, die Trennung zwischen wissenschaftlicher Wissensproduktion und Wissenschaftskommunikation aufzuheben.21 Gerade beim Thema Essen und Ernährung sind diese Ebenen eng über das Erfahrungswissen miteinander verknüpft, welches seinerseits stark kulturell geprägt ist. Am Exzellenzcluster Bild Wissen Gestaltung wird dazu – unseres Wis- sens weltweit erstmalig – ein sachcomicbasiertes Co-Design sowie eine daraus resultierende Forschungs-Co-Production mit der Zivilgesellschaft in globalem Maßstab durchgeführt. Die gemeinsame Erarbeitung der Narrative mit gesellschaftlichen Protagonist_innen aus zehn Län- dern zum Rahmenthema Essen und Ernährung hat dabei zum Ziel, aus einem dialoggesteuerten Co-Design den weiteren wissenschaftlichen Recherchebedarf zu generieren und infolgedessen zu unerwarteten Rekombinationen, Verknüpfungen und Neubewertungen auch in der Wissen- schaft zu gelangen. Das Sachcomic-Projekt erhofft sich, mithilfe dieses neuen Ansatzes sowohl gesellschaftliche Bedürfnisse als auch kulturell-normative Rahmenbedingungen dialogisch und interkulturell zu integrieren, zu reflektieren und zu hinterfragen. Daraus sollen mögliche Lösungsansätze für die Ernährung der Zukunft destilliert und insbesondere neue Wege der Wissensgenerierung sowie des Wissenstransfers erarbeitet werden. Als Ergebnis dieser partizipativen Forschung wird die Verbindung zwischen Ernährung und persönlichem Ressourcenverbrauch sowohl durch die stilistischen Mittel von Comics als auch durch umfassende Begleitmaterialien verdeutlicht. Dabei sollen nicht nur neue Erkenntnisse und ein Bewusstsein für das Thema Essen generiert, sondern auch ein Kompass für eine Überprüfung und Neubewertung von wissenschaftlichem und gesellschaftlichem Wissen geschaffen werden. Co-Design: Um die notwendige Transdisziplinarität, insbesondere die Einbindung der Gesell- schaft, und hierbei das wechselweise Verschmelzen von Wissensgenerierung und -transfer, zu erreichen, muss die Entwicklung des Storyboards relativ offen bleiben. Die Bildsprache erscheint uns hierbei als das geeignete Medium, wobei wir strukturell folgende Rahmenbedingungen vorgeben: Das Thema Ernährung soll anhand der drei Eckpunkte 1) Stoffflüsse (lokal, regional, global), 2) Infrastrukturen (Transportwege, Märkte, Haus und insbesondere Küche) und 3) kultureller 20 Siehe Schneidewind/Singer-Brodowski 2013. 21 Siehe Leinfelder 2013; vgl. auch Siggener Kreis 2014. 50 Reinhold Leinfelder, Alexandra Hamann und Jens Kirstein Kontext in möglichst hoher Diversität diskutiert und auf potenzielle, gegebenenfalls ausbaufä- hige Zukunftsoptionen getestet werden. Dies wird anhand einer Reise durch zehn Länder in fünf Kontinenten dargestellt. Hierbei werden die drei Eckpunkte nicht standardmäßig nacheinander abgearbeitet, sondern dem gemeinsam mit den Protagonist_innen erarbeiteten Storyboard angepasst, denn viele Aspekte kristallisieren sich erst nach intensivem Austausch heraus. Diese Offenheit bedingt, dass die einzelnen Geschichten nicht vorab durchgeplant werden können – dies würde eine zu einseitige (westlich dominierte) Sicht auf die Welt generieren. Wir lassen also bewusst möglichst große Freiheiten bei der Entstehung der Narrative zu. Dennoch gibt es Vorgaben, die bei den einzelnen Geschichten entweder zentral (das heißt mithilfe der Protagonist_innen) oder doch zumindest am Rande – in geeigneter Kontextualisierung – einge- baut werden. In diesem Sinne wurde das Element Phosphor als unverwechselbare Hauptfigur eingeführt. Wegen seiner zunehmend kritisch einzuschätzenden Verfügbarkeit 22 sowie seiner essenziellen Bedeutung für das Leben dient uns dieses Element in personifizierter Form als roter Faden. Rahmenhandlung: Die bislang geplanten Storyboard-Entwürfe umfassen unter anderem: die Herkunft des Phosphors im kosmischen, erdgeschichtlichen, biologischen und kulturellen Kontext (Prolog); Beispiele zu kompletter Suffizienzwirtschaft (Uganda); geopolitische und soziale Abhängigkeiten industriellen Phosphatabbaus sowie die Wiederentdeckung traditionel- len Landbaus unter wissenschaftlichen Aspekten (Marokko); industrielle landwirtschaftliche Massenproduktion und düngemittelbasierte Nebeneffekte, aber auch historische Abrisse der Ernährungsproblematik und deren Lösungsansätze (China); Phosphorrecyling, Überfischung und Plastikverpackungen (Japan); kulturell geprägte vegetarische Ernährung versus gentechni- sche Verfahren (Indien); soziokulturelle Auswirkungen des Phosphatabbaus auf Banaba (Kiribati/ Mikronesien); Teller-Tank-Problematik und Zuckersucht (Brasilien); moderne Ernährungstrends und -rituale von Öko- bis Kunstnahrung (USA); Fleisch- versus Insektenkonsum (Deutschland). Des Weiteren wird auf die Nahrungsmittelverschwendung und den Umgang mit Müll eingegan- gen (Norwegen). Aus diesen Themenfeldern werden sich umfassende Reflexionen hinsichtlich der globalen Zukunftsfähigkeit der Ernährung in Form eines interkulturellen Fazits ergeben. Bei allen Kapiteln wird auch das Thema Küche ganz im Sinne des Untertitels des Basisprojektes Die Anthropozän-Küche. Labor der Verknüpfung von Haus und Welt eine besondere Rolle spielen. Die Küche wird hierbei als Trichter des Zusammenfließens der Ressourcen von nah und/oder fern gesehen, als Generator der Nachfrage nach diesen Ressourcen, als strukturelles Labor zur Handhabung, Rekombination und gegebenenfalls Optimierung der Ressourcen sowie als kulturell-soziales Zentrum bzw. Schlüsselfaktor. 22 Vgl. WBGU 2014; Vaccari 2014. Wissenschaftliche Sachcomics 51 Interkulturelle Partizipation: Neben den Protagonist_innen in den verschiedenen Ländern, mit denen wir die Geschichten entwickeln und personalisieren, arbeiten wir bewusst mit Zeich- ner_innen aus den jeweiligen Regionen zusammen (Abb. 3). Damit soll auch in der bildlichen Gestaltung des Gesamtwerkes den regionalen kulturellen Bedingtheiten Raum gegeben werden. Ob in der gestalterischen Vielfalt Trends einer globalisierten bildhaften Ausdrucksform sichtbar werden, warten wir mit großem Interesse ab. Abb. 3: Von links nach rechts: Skizzen für das Comic-Projekt Die Anthropozän-Küche zu den Kapiteln Japan von Maki Shimizu, China von Ruohan Wang und Brasilien von José Aguiar unterstreichen die künstlerische Vielfalt bei der Umsetzung des Storyboards. 52 Reinhold Leinfelder, Alexandra Hamann und Jens Kirstein Wissenschaftliche Sachcomics 53 Kochrezepte als Klammer: Die Frage nach den Lieblings- oder Hauptspeisen unserer Protago- nist_innen in den einzelnen Ländern ist jeweils das entscheidende Eingangstor zum Dialog über deren Lebensstil und Essverhalten. Daraus entwickeln wir die Recherchefragen rund um Stoffflüsse, Infrastrukturen und kulturelle Besonderheiten, in deren Zentrum die Betrachtung der jeweiligen Küche als gestaltender, strukturierender und vermittelnder Raum steht. Die Re- zepte der Speisen werden bildhaft in ihrer kontextuellen Einbindung im Comic dargestellt, sind nachkochbar und bilden eine Klammer zwischen Protagonist_in und den wissenschaftlichen Themen (Abb. 4). Abb. 4: Entwicklungsschritte der Comic-Publikation Die Anthropozän-Küche am Beispiel eines Kochrezepts in Uganda. Von links nach rechts: Auszug aus dem Storyboard von Alexandra Hamann, Skizze und Reinzeichnung von Elyon’s. 54 Reinhold Leinfelder, Alexandra Hamann und Jens Kirstein Durch diese Herangehensweise können potenzielle Szenarien und Entwicklungspfade für die zukünftige globale Ernährung wissenschaftsbasiert und theoretisch formuliert sowie politisch-ge- sellschaftlich diskutiert werden. Denkbare Möglichkeiten wären neben einem Weg des business as usual ein Suffizienz-, ein Effizienz-, ein Konsistenz- oder ein Hightech-Pfad.23 23 Siehe Leinfelder 2014b. Wissenschaftliche Sachcomics 55 Fazit Die kollaborative Entwicklung des Storyboards zwischen Protagonist_innen, Zeichner_innen, lokalen Ansprechpartner_innen und den wissenschaftlichen Mitarbeiter_innen aus dem Projekt stellt eine innovative Form von transformativer Wissenschaft im Sinne eines globalen Realexpe- riments dar. Wir erhoffen uns, dadurch vielfältige Lösungsansätze für die Zukunft der Ernährung zu identifizieren, die heute tatsächlich gelebt und erprobt werden, aber auch in gesellschaftliche, kulturelle und naturmaßstäbliche Gegebenheiten eingebettet sind. Diese Form der Wissens- generierung und -reflexion erscheint uns maßgeblich, um auch wissenschaftliche Szenarien verhandelbar und gegebenenfalls umsetzbar zu machen. Zusätzlich wird mit einem Begleitbuch ein klassisches Publikationsformat aufgegriffen, um die aus dem Reallaborprojekt gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu sammeln und zu dokumentieren. Diese Vertiefungsliteratur soll sowohl für interessierte Leser_innen als auch für Wissenschaftler_innen verschiedenster Disziplinen geeignet sein. 56 Reinhold Leinfelder, Alexandra Hamann und Jens Kirstein Literatur Brocka, Bruce (1979): Comic Books: In Case You Haven’t Leinfelder, Reinhold (2013): Assuming Responsibility Noticed, They’ve Changed. 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Neben seiner Forschungstätigkeit bei Bild Wissen Gestaltung ist er Leiter der AG Geobiologie und Anthropozänforschung an der Freien Universität Berlin sowie Mitglied der Anthropocene Working Group der International Stratigraphic Commission. Seit September 2014 ist er Gründungsdirektor des Hauses der Zukunft in Berlin. alexandra.hamann@mintsites.de Freie Mitarbeiterin, Associated Member Basisprojekt: Die Anthropozän-Küche Disziplin: Mediendesign Alexandra Hamann ist Mediendesignerin und leitet seit 2001 eine Agentur für Wissenskommunikation und Bildungsmedien. Seit einigen Jahren beschäftigt sie sich eingehend mit neuen Wegen der Wis- sensvermittlung. Im Exzellenzcluster verantwortet sie die Erstellung und Umsetzung der Storyboards für die Comic-Publikation Die Anthropozän-Küche, die das Fachwissen der wissenschaftlichen Mitar- beiter_innen des Basisprojekts und das Erfahrungswissen der Protagonist_innen zusammenführen. jens.kirstein@fu-berlin.de Wissenschaftlicher Mitarbeiter Basisprojekt: Die Anthropozän-Küche Disziplin: Geologie Jens Kirstein ist Geologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin. Neben seiner Tätigkeit im Basisprojekt Die Anthropozän-Küche am Exzellenzcluster Bild Wissen Gestaltung ist er Mitglied der International Max Planck Research School for Global Biogeochemical Cycles und promoviert an der Friedrich-Schiller-Universität Jena über die quartäre Landschaftsentwicklung des Saaletals hinsichtlich Karbonatverwitterung und Stofftransport. Wissenschaftliche Sachcomics 59