EIN GLOSSAR ZUR PRAXISTHEORIE »Siegener Version« (Frühjahr 2017) V O N E R H A R D S C H Ü T T P E L Z U N D C H R I S T I A N M E Y E R NAVIGATIONEN MEDIE NP RAKTIKEN ERHARD SCHÜTTPELZ / CHRISTIAN MEYER Abb. 1: Sequenz-Zeichnungen von Lucie Leutenecker nach Weldon Kees und Jurgen Rueschs Film »Approaches and Leave-Takings«. Zwei Freundinnen laufen über einen Campus, eine dritte kommt von rechts dazu und begrüßt sie. Die mittlere Frau sucht zuerst körperlichen Kontakt zur neu hin- zugekommenen Freundin zur rechten, dann zu ihrer Freundin zur linken, mit der sie zuvor über den Campus gegangen war, bis sie sich schließlich bei der neuan- gekommenen Freundin unterhakt. Nach einigen Schritten zu dritt verabschiedet sich die linke Frau. Das neue Paar auf der rechten Seite bleibt übrig und läuft wei- ter. Als gemeinsame Abläufe sind zu beobachten: das soeben Beschriebene, das wir als Begrüßungen und Verabschiedungen »sehen«, also das kooperative Zu- standekommen einer Interaktion.1 Die wechselseitig verfertigten gemeinsamen Abläufe lassen sich gut erkennen und im Nachhinein problemlos erzählen. Aller- dings handelt es sich um einen Film ohne Tonspur, und daher bleiben nur die vi- suellen Abläufe und Indizien als Anhaltspunkte unseres Wissens und Unwissens. Wir sehen das Zustandekommen von Mitteln und Zielen, von erzählbaren Hand- lungen und unterstellbaren Motiven, ohne dass wir Mittel, Ziele und Abläufe aus- einanderhalten könnten oder auch müssten. Das in wechselseitiger Verfertigung befindliche Geschehen (die Praxis) kon- stituiert sich fortlaufend durch die Feingliederung der wechselseitigen Improvisa- tion. Es wird durch die retrospektive Erzählbarkeit nicht in dieser Feingliederung 1 Kees/Ruesch: »Approaches and Leave-Takings«. NAVIGATIONEN 156 MEDIE NP RAKTIKEN EIN GLOSSAR ZUR PRAXISTHEORIE analysiert, sondern nur durch summarische Begriffe – durch ein Motivvokabular – erfasst: »sie haben sich getroffen, sie haben sich untergehakt, sie haben sich ver- abschiedet und getrennt«. Die größte Schwierigkeit einer Praxistheorie liegt in der Grobheit unseres Vokabulars für praktische, und d. h. für kooperative und improvisierte Abläufe. Diese Grobheit zeigt sich insbesondere in dem Wunsch nach disjunktiven und in der Unmöglichkeit von disjunktiven Unterscheidungen. Am eigenen Entwurf verdeutlicht: Wir werden »Kooperation« durch »die wechselseitige Verfertigung gemeinsamer Abläufe, Ziele und Mittel« definieren; und das kann so klingen, als seien »Abläufe, Mittel und Ziele« drei verschiedene Dinge. Unser terminologischer Vorschlag besagt außerdem: »Kooperation« schafft »Interaktion«, d. h. die wechselseitige Verfertigung gemeinsamer Ziele, Mittel oder Abläufe lässt die gemeinsamen Abläufe einer »Interaktion« entstehen. Aber sobald wir versuchen, für eine beliebige Sequenz ihre Abläufe, Ziele und Mittel auseinan- derzuhalten, zeigt sich, dass jeder Teilabschnitt eines Ablaufs als »Mittel« für den nächsten »dient«, und dass ein »erzielter« und vorher »angestrebter« Teilabschnitt eines Geschehens wiederum als »Mittel« für den nächsten Teilablauf vorausge- setzt wird. Und wann genau haben diese Kategorisierungen die Seiten gewech- selt, oder sollten sie in der Analyse die Seiten wechseln? Das bleibt aus guten Gründen unbestimmt. Wie bereits geschildert und durch Zeichnungen abgebildet, sehen wir, wie zwei Freundinnen Arm in Arm über den Campus schlendern, eine dritte Freundin schließt sich ihnen an, wird untergehakt, einen Moment lang laufen sie so zu dritt, dann hakt sich die Freundin auf der anderen Seite aus und das verbliebene neue Paar läuft weiter. Das ist die Zusammenfassung, wie man sie »in vernünftiger Weise« geben würde; aber sie ist nicht einmal für diesen simplen Ablauf exakt ge- nug. Zweifelsohne eine »wechselseitige Verfertigung gemeinsamer Abläufe und Ziele«, aber alle Teilabschnitte und ihre »Abläufe« waren auch »Mittel« und »Teil- ziele«. Erst im Nachhinein enthält – oder erhält – die Sequenz ihre drei unmiss- verständlichen Tatbestände, die Außenstehende und Beteiligte gleichermaßen be- richten können: Zwei Freundinnen haben eine dritte »getroffen«, die eine hat sich »verabschiedet« und daraus ist ein neues Paar entstanden, das »zusammen wei- terspaziert«. Abläufe, Mittel und Ziele gingen dabei bruchlos ineinander über. Wir folgern daraus: Die Kategorisierung des Grundvokabulars einer Praxis- theorie kann nicht disjunktiv sein und sollte auf die Absicht von Disjunktionen ver- zichten, die schon an der einfachsten Sequenzanalyse zum Scheitern verurteilt sind. Mittel und Ziele und Abläufe sind fortlaufend und wechselseitig das eine und das andere für einander; das ist es, was mit dem Wort von der »wechselseitigen Verfertigung« mitgemeint sein sollte, wenn man die Definition vertieft. Nicht nur handelnde Personen und eine Handlungsinitiative auslösende Größen befinden sich in der wechselseitigen Verfertigung eines Geschehens und inmitten seiner improvisierten Mittel und Ziele, sondern die Mittel, Ziele und Abläufe ebenso. NAVIGATIONEN MEDIE NP RAKTIKEN 157 ERHARD SCHÜTTPELZ / CHRISTIAN MEYER Das in einer wechselseitigen Verfertigung befindliche Geschehen bringt die wechsel- seitige Verfertigung gemeinsamer Ziele, Mittel und Abläufe hervor. Und die wech- selseitige Verfertigung gemeinsamer Abläufe lässt wechselseitig verfertigte gemein- same Abläufe entstehen. Die Übergängigkeit von Mitteln, Zielen und Abläufen ist das basale Medium, durch das Praxis zur Interaktion wird. Gibt es ein Vokabular, das der improvisierenden Vorläufigkeit, aber auch der Präzision und Erzählbarkeit alltäglicher kooperativer Abläufe gerecht wird? Ein solches Vokabular wollen wir im Folgenden entwickeln und erläutern und haben wir bereits in Ausschnitten verwendet. DAS GRUNDVOKABULAR EINER PRAXISTHEORIE Das Ziel des folgenden Grundvokabulars bleibt eine Konstitutionsanalyse, die es ermöglichen soll, die Praxis allen anderen (sozialen oder technischen) Erklärungs- größen vorzuordnen. Das Grundvokabular kondensiert die angestrebte Konstitu- tionsanalyse. DEFINITIONEN Kooperation: die wechselseitige Verfertigung gemeinsamer Ziele, Mit- tel oder Abläufe. Interaktion: die wechselseitige Verfertigung gemeinsamer Abläufe. Praktiken: wechselseitig verfertigte gemeinsame Abläufe. Handlung: die wechselseitige Verfertigung gemeinsamer oder nicht- gemeinsamer Ziele. Routine: die Wiederholbarkeit (wechselseitig verfertigter) gemeinsa- mer Abläufe. Technik: die wiederholbare Verfertigung der Wiederholbarkeit (wechselseitig verfertigter) gemeinsamer Abläufe. Praxis: das in einer wechselseitigen Verfertigung befindliche Gesche- hen. THEORETISCHE IMPLIKATIONEN Kooperation wird durch Praxis hervorgebracht. Interaktion wird durch Kooperation hervorgebracht. Praktiken werden durch Interaktion hervorgebracht. NAVIGATIONEN 158 MEDIE NP RAKTIKEN EIN GLOSSAR ZUR PRAXISTHEORIE Handlungen werden durch Praktiken hervorgebracht. Routinen werden durch Handlungen und Praktiken hervorgebracht. Techniken werden durch Routinen, Handlungen und Praktiken her- vorgebracht. ERLÄUTERUNGEN 1. Praxistheorie ist das theoretische Vermögen, die Praxis allen anderen sozialen Größen vorzuordnen. Kooperation, Interaktion, Praktiken, Handlungen, Routi- nen, Techniken, technische Medien werden »in der Praxis« hervorgebracht, d. h. in einem sich in wechselseitiger Verfertigung befindenden Geschehen. Praxis kann durch Begriffe der Interaktion, Handlung, Routine oder Technik theoretisch er- fasst und gegliedert werden, aber nur im Rahmen empfindlicher Einschränkungen. Diese Einschränkungen versuchen wir auch für theoretische Angebote von ande- rer Seite zu berücksichtigen; und durch die Definitionen und Implikationen des Vokabulars versuchen wir sowohl diese Einschränkungen als auch unsere Konsti- tutionsanalyse terminologisch zu kondensieren. 1.1 Die theoretischen Herleitungen der Praxis durch Kooperation, der Kooperati- on durch Interaktion, der Interaktion durch Praktiken, der Praktiken durch Hand- lungen, der Handlungen (oder Praktiken) durch Routinen und der Routinen durch Techniken bleiben unvollständig. Z. B. die theoretische Herleitung der Interaktion durch Praktiken erfasst Praktiken und den Anteil der Praktiken an der Interaktion, aber nicht die Interaktion. Analog gilt das für alle weiteren Paare benachbarter oder weiter entfernter Begriffe (s. die Definitionen). 1.2 Insbesondere die in soziologischen Theorien beliebte Begründung von Prakti- ken durch Routinen (oder durch Dispositive, Dispositionen, Habitus u.a.) erfasst den Anteil von Routinen an Praktiken, aber nicht die Praktiken selbst; und sie er- fasst die Routinen nur »als Routinen«, aber nicht die Praktiken, die Interaktion oder die Praxis, in denen eine Routine zur Ausführung und Improvisation oder zum Gelingen und Misslingen gelangt. 1.3 Analog gilt dies für Techniken und die Erklärung von Praktiken durch Techni- ken (oder durch »Kulturtechniken«). 1.4 Zugleich gilt auch für uns: Eine »Theorie der Praxis« bleibt insgesamt unvoll- ständig, denn sie kann nur in schwächeren und abgeleiteten Begriffen stattfinden. Machbar und wünschenswert ist »Praxistheorie« in ihren theoretischen Darstel- lungen und empirischen Untersuchungen. 2. Die gewählten Definitionen erscheinen durch die Verwendung eines einheitli- chen Vokabulars zweifelsohne etwas redundant, aber das sind sie nicht. Sie sind gewählt, um eine elementare Konsistenz des Vokabulars zu ermöglichen, die bishe- NAVIGATIONEN MEDIE NP RAKTIKEN 159 ERHARD SCHÜTTPELZ / CHRISTIAN MEYER rigen praxistheoretischen Vorschlägen fehlt. Es folgen einige Erläuterungen zur Konsistenz der Definitionen. 2.1 Kooperation: die wechselseitige Verfertigung gemeinsamer Ziele, Mittel oder Abläufe. Das Vokabular des Definiens besteht aus: wechselseitig, Verfertigung, gemeinsam, Ziele, Mittel, Abläufe. Zur Erläuterung: 2.2 Wechselseitigkeit vs. Wechselwirkung: Der von Georg Simmel2 vorgeschlage- ne und später im Goffman’schen Interaktionskonzept aufgegangene Begriff der »Wechselwirkung«3 erscheint für viele Vorgänge der Interaktion zu stark und wurde von Alfred Schütz wie folgt kritisiert: Eine Wirkensbeziehung liegt dann vor, wenn auf Seiten eines Han- delnden ein Akt des Fremdwirkens in der Erwartung gesetzt wird, der Andere, auf den dieses Wirken abzielt, werde darauf reagieren oder doch wenigstens hinsehen. Die Wirkensbeziehung hat also nicht eine Wechselwirkung, d. h. ein durch den Partner zu setzendes, auf mich hinzielendes soziales Wirken oder auch nur Handeln zur Vorausset- zung, sondern nur, daß der Partner mir, dem Handelnden gegenüber einen Akt der Fremdeinstellung vollziehe, auf mich hinsehe, mich in den Blick fasse, das von mir gesetzte Erzeugnis als Zeugnis für meine Bewußtseinserlebnisse interpretiere usw. Der Andere muß mir, dem Handelnden, also nicht handelnd zugekehrt sein, er muß mir nur überhaupt zugewendet sein. Vorausgesetzt ist also eine besondere at- tentionale Haltung des Partners, welche freilich alle seine Bewußt- seinserlebnisse modifiziert.4 Es empfiehlt sich ein Rückgriff auf den Begriff der »Wechselseitigkeit« (eines Ge- schehens), der auch dann stimmig bleibt, wenn die Kennzeichnung als »Wechsel- wirkung« unpassend erscheint. 2.3 Verfertigung ist für den Grundvorgang einer »wechselseitigen« Herausbildung gemeinsamer Mittel, Ziele, aber auch Abläufe angemessener als »erarbeiten« (aufgrund des Arbeitsbegriffs), »herstellen« (eine Vokabel, die meist auf geplante Vorgänge verweist) oder erst recht »produzieren« und »konstruieren«. »Verferti- gung« kann mit griechisch poiesis verglichen werden und entspricht englisch ac- complishment. 2.4 Die Wechselseitigkeit liegt der Gemeinsamkeit von Abläufen, Mitteln und Zie- len zugrunde und nicht umgekehrt. Diese theoretische Auffassung und ihre Auf- nahme in die Definitionen bedeutet, wie nicht eigens kommentiert zu werden 2 Simmel: »Soziologie«. 3 Vgl. Bergmann: »Von der Wechselwirkung zur Interaktion – Georg Simmel und die Mik- rosoziologie heute«. 4 Schütz: »Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt«, S. 176f. NAVIGATIONEN 160 MEDIE NP RAKTIKEN EIN GLOSSAR ZUR PRAXISTHEORIE braucht, eine empfindliche Weggabelung. Selbstverständlich entsteht die Wech- selseitigkeit der Verfertigung gemeinsamer Abläufe, Mittel und Ziele auch durch (wechselseitig verfertigte) gemeinsame Abläufe, Mittel und Ziele. Aber alle Ge- meinsamkeiten müssen wechselseitig verfertigt werden (bzw. wechselseitig ver- fertigt worden sein und danach immer wieder in situ aktualisiert werden), und die gesamte Wechselseitigkeit dieser Verfertigung kann nicht durch gemeinsame Zie- le, Mittel und Abläufe erfasst oder hergeleitet werden. Auf Englisch: »wechselseitig« vs. »gemeinsam«: mutual (constitution, as- sistance, repair usw.) vs. common und z.T. auch joint oder shared (goals, means, ac- tions). 2.5 Interaktion ist definiert durch »die wechselseitige Verfertigung gemeinsamer Abläufe«: D. h. überall, wo das zutrifft (die wechselseitige Verfertigung gemeinsamer Abläufe), d. h. dass eine »wechselseitige Herstellung gemeinsamer Abläufe« statt- findet, findet »Interaktion« statt, das wäre eine »überall da, wo«-Definition. ODER man definiert (dogmatisch) Interaktion durch »die wechselseitige Ver- fertigung gemeinsamer Abläufe« für und durch Anwesende (die sich aber dabei auf Abwesendes beziehen können, d. h. die Grenze wird nicht klarer gezogen), dann braucht man noch eine Zusatzklausel: die »wechselseitige Verfertigung ge- meinsamer Abläufe« für und durch Anwesende und ihre Größen der »Kooperati- on«. ODER man fasst »Kooperation« als den allgemeineren Begriff (der auch alle Nah/Fern-Wechselwirkungen umfasst), und »Interaktion« wird auf den Nahbe- reich (im eben genannten Sinne) beschränkt. Alle diese Optionen bleiben möglich, ohne die gewonnene Theorie- Disposition zu verlassen. Allerdings ist es nicht in unserem Sinne, die beiden letz- ten Optionen (einer Reduktion auf Anwesende bzw. den Nahbereich) zu verfol- gen; und sie erscheinen uns auch deshalb als unrealistisch, weil im Nahbereich immer auch abwesende Größen zur Geltung gebracht und in Mitleidenschaft ge- zogen werden, die zur »wechselseitigen Verfertigung der gemeinsamen Abläufe« beitragen. Daher ist die »überall da, wo«-Definition zu bevorzugen. Sie kann al- lerdings mithilfe von Garfinkels »Kooperationsbedingungen«5 präzisiert werden, und zwar durch die doppelte Hinsicht: (erstens) dass in den Abläufen »eine wech- selseitige Verfertigung gemeinsamer Abläufe« geschieht und (zweitens) dass in den Abläufen wechselseitig verfertigend zur Geltung gebracht wird, dass eine »wechselseitige Verfertigung gemeinsamer Abläufe« geschehen soll. Wenn man will, könnte man das unter (erstens) formulierte Kriterium einen »umfassenden« oder »inklusiven Interaktionsbegriff« nennen, und seine Verstärkung durch (zwei- tens) einen »starken Interaktionsbegriff«. Allerdings wird man dann feststellen, 5 Vgl. Garfinkel: »A conception of and experiments with ›trust‹ as a condition of concert- ed stable actions«. NAVIGATIONEN MEDIE NP RAKTIKEN 161 ERHARD SCHÜTTPELZ / CHRISTIAN MEYER dass Garfinkel6 eine Interaktionstheorie vertritt (ohne das Wort »Interaktion« über Gebühr zu strapazieren), die besagt, dass »eine wechselseitige Verfertigung gemeinsamer Abläufe« beinhaltet, dass in den Abläufen (durch die fortlaufenden, von ihm benannten »Kooperationsbedingungen«) wechselseitig verfertigend zur Geltung gebracht wird, dass eine »wechselseitige Verfertigung gemeinsamer Ab- läufe« geschieht. Daher reicht die kürzere Definition, auch für Garfinkels Version, ohne Einschränkungen auf Anwesenheit und Nahbereich. 2.6 Interaktion und Handlung: Nach der Definition kann auch Interaktion als Hand- lung bzw. genauer, als Prozess der Verfertigung einer Handlungswelt verstanden werden, aber nur insofern die Gemeinsamkeiten der Abläufe ein vorausgesetztes und erarbeitetes Ziel der Interaktion bleiben. Diese Perspektive beinhaltet immer eine theoretische und/oder praktische Einschränkung der Abläufe. Aber es geht in einer Interaktionstheorie nicht darum, »Handlungstheorie« abzuschaffen oder zu relativieren, sondern nur darum, für sie einen anderen Ort in der theoretischen Herleitung und im praktischen Geschehen auszuweisen. Es bleibt die (theoreti- sche und praktische) Asymmetrie: (Soziale) »Handlungen« durch die wechselseiti- ge Herstellung von (gemeinsamen oder nicht-gemeinsamen) Zielen in Interakti- onsabläufen bestimmen zu können, aber nicht umgekehrt. 2.7 Technik: die wiederholbare Verfertigung der Wiederholbarkeit (wechselseitig verfertigter) gemeinsamer Abläufe. Diese Definition scheint u. U. redundant, was die »Wiederholbarkeit« betrifft. Aber das ist sie nicht, denn zum einen erwarten wir von der Verfertigung (von Abläufen) durch »Technik« (auch Körpertechniken und alle Geschicklichkeiten), dass es um etwas geht, das wiederholbar ist (und auf seine Wiederholbarkeit hin verfertigt wird), und dass diese Verfertigung selbst ei- ne Wiederholbarkeit »enthält«, die das Technische des Vorgangs ausmacht. 2.8 Techniken setzen in der gewonnenen Definition Handlungen, Praktiken und Routinen voraus. Der Zusammenhang lässt sich folgendermaßen explizieren: »Techniken« entstehen, indem und wenn die wechselseitig verfertigten gemein- samen Abläufe (i.e. Praktiken) durch ihre Wiederholbarkeit (i.e. Routinen) zu wechselseitig verfertigten gemeinsamen Zielen (i.e. Handlungen) gemacht wer- den. Indem die Verfertigung gemeinsamer Abläufe (i.e. die Beschaffenheit von Praktiken) zum gemeinsamen Ziel von Praktiken (i.e. zu Handlungen) gemacht wird, werden die hierdurch verfertigten gemeinsamen Abläufe gemeinsame Mittel für weitere Praktiken (und mögliche andere Techniken) und d. h. für mögliche unterschiedliche Ziele.7 Diese Definition verweist darauf, dass jede Technik sich durch eine Lehr- und Lernbarkeit (apprenticeship) auszeichnet, m.a.W. dass man in Techniken auch bei individueller und einsamer Ausübung »ohne Zuschauer und Zuhörer« auf »wechselseitig verfertigte gemeinsame Abläufe« zurückgreift, die auf mögliche 6 Ebd. 7 Vgl. Wundts »Heterogonie der Zwecke« in Wundt: »Grundriß der Psychologie«, S. 404f. NAVIGATIONEN 162 MEDIE NP RAKTIKEN EIN GLOSSAR ZUR PRAXISTHEORIE »gemeinsame Ziele« hin eingerichtet worden sind. Technische Verrichtungen sind Verrichtungen, die auch jemand anderes mit anderen Zielen ausüben könnte. 2.9 Die gewonnenen Definitionen beinhalten außerdem u.a. folgende theoreti- schen Aussagen: Handlungen setzen Interaktionen voraus. Praktiken können nicht durch »Routine«/ Routinen (oder Habitus) erklärt werden (nur umgekehrt), die Erläuterung von Praktiken erfolgt aus dem Begriff der Inter- aktion und diese wiederum aus der Vorordnung der Wechselseitigkeit vor allen Gemeinsamkeiten (z. B. gemeinsamen Praktiken oder gemeinsamen Techniken). 3. Kooperation wird durch Praxis hervorgebracht, und zwar im Medium der Über- gängigkeit von Zielen, Mitteln und Abläufen. Vor allen weiteren Medien der Ko- operation konstituiert sich das Medium der Kooperation, sprich: dadurch, dass die Mittel und Ziele und Abläufe einer Interaktion fortlaufend und wechselseitig das eine und das andere für einander sind. LITERATURVERZEICHNIS Bergmann, Jörg: »Von der Wechselwirkung zur Interaktion – Georg Simmel und die Mikrosoziologie heute«, in: Tyrell, Hartmann/Rammstedt, Otthein/Meyer, Ingo (Hrsg.): Georg Simmels große ›Soziologie‹ – Eine kriti- sche Sichtung nach hundert Jahren, Bielefeld 2011, S. 125-148. Garfinkel, Harold: »A conception of and experiments with›trust‹ as a condition of concerted stable actions«, in: Harvey, O.J. (Hrsg.): Motivation and Social Ac- tion, New York 1963, S. 187-238. Kees, Weldon/Ruesch, Jurgen: Approaches and Leave-Takings, USA 1952, 12 Mi- nuten (Film). Leutenecker, Lucie: Sequenz-Zeichnungen nach Kees, Weldon/Ruesch, Jurgen, »Approaches and Leave-Takings« (1952), 2016. Schütz, Alfred: Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt, Wien 1932. Simmel, Georg: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaf- tung, Berlin 1908. Wundt, Wilhelm: Grundriß der Psychologie, Leipzig 1896. NAVIGATIONEN MEDIE NP RAKTIKEN 163