Rundfunk und Geschichte Mitteilungen des Studienkreises Rundfunk und Geschichte 3.5. Jahrgang Nr. 3-412009 Der Siegeszug des kommerziellen VVerbefernsehens. Die Entwicklung der Werbeeinnahmen von Fernsehen und Hörfunk in der Bundesrepublik Deutschland Die »Radio-DDR-Ferienwelle«. Programm für Urlaub im Sozialismus »Die deutsche Bevölkerung mit den Verbrechen der Angeklagten bekannt machen«. Edition ausgewählter Dokumente zur Berichterstattung des NWDR über den Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess Dissertationsvorhaben Rezensionen Zitierweise: RuG - ISSN 0175-4351 Redaktion: Sebastian Pfau, Daniela Pscheida. Cl1ristoph Rohde, Sasci·1aT rültzsch. Hans--Uirich Wagner Herausgeber: Studienkreis Rundfunk und Geschichte e.V. www. rundfun ku ndgeschichte.de Redaktionsanschrift Aufsätze/Dokumentation: Dr. Hans-Ulrich Wagner, Hans-Bredow-lnstitut, Forschungsstelle zur Geschichte des Rundfunks in Norddeutschland, Vorsitzender des Studienkreises E-Mail: hans-ulrich.wagner@uni-hamburg.de Forum: Christoph Rohde, NDR/Fernseharchiv/Ressortleitung E-Mail: ch.rohde@ndr.de Rezensionen/Redaktion: Dr. Daniela Pscheida; Dr. Sebastian Pfau; Dr. Sascha Trültzsch, Martin-Luther-Universität Hai le-Wittenberg, Mansfelder Straße 56, 06108 Halle, Tel. 0345-5523586 E-Mai 1:r undfunku ndgeschichte@medienkomm.uni-halle.de Technische Redaktion: Steffi Schültzke, Halle Herstellung: Michael Puschendorf, Halle E-Mai 1:p uschendorf@setzwerk.com Druck: Druckerei Teichmann, Halle Redaktionsschluss: 31. Oktober 2009 Inhalt 35. Jahrgang Nr. 3–4/2009 Aufsätze Dietrich Schwarzkopf Die Literaturszene in Ostdeutschland Konrad Dussel und die Wende 45 Der Siegeszug des kommerziellen Werbefernsehens. Alexander Badenoch Die Entwicklung der Werbeeinnahmen »Social Fears and Moral Panics in the Media« von Fernsehen und Hörfunk 23. Tagung der »International Association in der Bundesrepublik Deutschland 3 for Media and History« (IAMHIST) in Aberystwyth/Wales 47 Christian Könne Die »Radio-DDR-Ferienwelle«. Alexander Badenoch Programm für Urlaub im Sozialismus 15 Zentrales Archiv und Medien-»Experience« Das niederländische »Instituut voor Beeld en Geluid« Florian Bayer und Hans-Ulrich Wagner (Institut für Bild und Ton) in Hilversum 49 »Die deutsche Bevölkerung mit den Verbrechen der Angeklagten Thunnis van Oort bekannt machen«. »Vereniging Geschiedenis, Beeld en Geluid« Edition ausgewählter Dokumente (Verein für Geschichte, Bild und Ton) zur Berichterstattung des NWDR in the Netherlands and in Belgium 50 über den Nürnberger Hauptkriegs- verbrecherprozess 30 Thomas Großmann Die Quellen der Zukunft. Ein Workshop am Zentrum für Zeithistorische Forum Forschung beschäftigte sich mit der Frage: Wie geht Deutschland Dissertationsvorhaben 39 mit der Überlieferungen der Rundfunkanstalten Sonja Yeh und Fernsehsender um? 51 Anything goes? Systematische Rekonstruktion und kritischer Sabine Rittner Vergleich postmoderner Medientheorien. Nachlässe im Bayerischen Rundfunk 54 Medienhistoriographische Betrachtungen bei McLuhan, Baudrillard, Virilio, Kittler Sebastian Pfau und Flusser 39 Bericht Medienhistorisches Forum 55 Lauritz Lipp Bild und Bildträger in der nicht normativen Bildprojektion. Rezensionen Eine kunst- und medienwissenschaftliche Studie zur Lenkung des Blicks 40 DVD-Edition »Straßenfeger« Simone Müller (Ingrid Brück) 57 Die transatlantische Telegraphenverbindung und die Verkabelung der Welt. Gernot Busch: Epistemische Gemeinschaften und Die Einführung des Satellitendirektempfangs kulturelle Netzwerke im maritimen Raum, in Deutschland über ASTRA 1858–1914 42 (Manfred Kammer) 59 Thomas Großmann Fernsehen, Öffentlichkeit, Revolution. Die Bedeutung von Nachrichtensendungen für den Umbruch in der DDR 1989 43 2 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) Matthias Künzler: Jörg-Uwe Nieland: Die Liberalisierung von Radio und Fernsehen. Pop und Politik. Politische Popkultur Leitbilder der Rundfunkregulierung und Kulturpolitik in der Mediengesellschaft im Ländervergleich (Christoph Jacke) 73 (Christian Schurig) 60 Angela Schorr: Sven Grampp/ Kay Kirchmann/ Jugendmedienforschung. Marcus Sandl/ Rudolf Schlögl/ Eva Wiebel (Hrsg.): Forschungsprogramm, Synopse, Perspektiven Revolutionsmedien – Medienrevolutionen (Senta Pfaff-Rüdiger) 74 (Christian Hißnauer) 61 Alice Bienk: Christoph Scheurle: Filmsprache: Einführung Die deutschen Kanzler im Fernsehen in die interaktive Filmanalyse (Thomas Klein) 62 (Sascha Trültzsch) 76 Nea Matzen/ Christian Radler (Hg.): Michael Grisko: Die Tagesschau. Heinrich Mann und der Film Zur Geschichte einer Nachrichtensendung (Günter Helmes) 77 (Kathrin Lämmle) 63 Nicole Labitzke: Ordnungsfiktionen. Das Tagesprogramm von RTL, Sat.1 und ProSieben (Katja Kochanowski) 64 Sascha Trültzsch (Hrsg.): Abbild – Vorbild – Alltagsbild. Thematische Einzelanalysen zu ausgewählten Familienserien des DDR-Fernsehens (Jasper A. Friedrich) 65 Barbara Link: Design der Bilder. Entwicklung des deutschen Fernsehdesigns: Vom Design über das Image zur Identity (Klara Jahn) 66 Holger Schramm (Hg.): Handbuch Musik und Medien (Thomas Wilke) 68 Petra Maria Meyer (Hg.): acoustic turn (Golo Föllmer) 70 Hans-Jürgen Krug: Kleine Geschichte des Hörspiels (Thomas Wilke) 71 Christoph Jacke: Einführung in Populäre Musik und Medien (Thomas Wilke) 72 Konrad Dussel Der Siegeszug des kommerziellen Werbefernsehens Die Entwicklung der Werbeeinnahmen von Fernsehen und Hörfunk in der Bundesrepublik Deutschland Seit 60 Jahren gibt es Werbung im Funk – zunächst nur im Hörfunk, seit 1956 auch im Fernsehen. Diese lange Zeit lässt sich in zwei deutlich voneinander getrennte Phasen gliedern: Jene Jahre, in denen das Feld nur von öffentlich-rechtlichen Anstalten beherrscht wurde, sowie diejenigen des dualen Systems, in denen ihnen kommerzielle Anbieter als Konkurrenz zur Seite traten. Der Beitrag skizziert die daraus resul- tierenden ganz unterschiedlichen finanziellen Gegebenheiten, soweit es die vorhandenen, in ihrer Aussa- gekraft sehr verschieden zu bewertenden Daten zulassen. Er zeigt, welche Bedeutung die Werbeeinah- men in früheren Jahren für die öffentlich-rechtlichen Anstalten besaßen, und wie wenig davon durch die Zulassung privater Konkurrenz übrig blieb. Zu den Verlierern dieser Veränderung zählten jedoch auch die Printmedien. Gleichwohl gelang es der kommerziellen Fernsehwerbung nicht, den allgemeinen Trend zu im Verhältnis zur wachsenden Wirtschaftsleistung rückläufigen Werbeausgaben zu brechen. A lle Kräfte der Meinungsbildung müssen gleiche Mio. DM erhöht hatte. Andererseits machten die Zei-Chancen haben« und »Der Wettbewerb ist ge- tungen 1.510,6 Mio. DM und die Zeitschriften 1.244,7 fährdet«, lauteten die Schlagzeilen, mit denen die Mio. DM Anzeigen-Bruttoumsätze.4 Damit hatten deutschen Zeitungsverleger gegen die zunehmende, sich die Funkmedien auf gut 15 Prozent verbessert. immer mehr auf Werbeeinnahmen beruhende Macht Aber aufgrund staatsvertraglicher Regelung waren des Fernsehens protestierten. Allerdings wurden di- da bereits Grenzen für die Dauer der Werbung im öf- ese Vorwürfe nicht Anfang des 21. Jahrhunderts er- fentlich-rechtlichen Fernsehen festgeschrieben wor- hoben, sondern in den frühen 1960er Jahren, als das den, die bis heute nicht verändert wurden. Bundesverfassungsgericht gerade die Fernsehpläne von Bundeskanzler Konrad Adenauer zunichte ge- Lange Jahre blieben die Verhältnisse weitgehend macht und den Bemühungen um Einführung privater stabil. Die Presseverleger vereinnahmten einen Angebote in der Bundesrepublik einen schweren Großteil der Werbegelder, während sich die öffent- Rückschlag versetzt hatte.1 Die Klagen hatten auch lich-rechtlich organisierten Fernseh- und Radioan- ihr Gutes, wurde doch am 29. April 1964 vom Deut- bieter mit einem relativ geringen Anteil begnügten. schen Bundestag einstimmig die Einsetzung eines Gleichwohl sicherte ihnen selbst dieser einen be- Ausschusses beschlossen, der die wirtschaftlichen trächtlichen Spielraum über ihre Gebühreneinnah- Wettbewerbsverhältnisse vor allem zwischen Presse men hinaus. Beides änderte sich nach der Einfüh- sowie Funk und Fernsehen untersuchen sollte.2 Al- rung des Privatfernsehens dramatisch. Schon nach lerdings hätte es dieser Kommission eigentlich nicht wenigen Jahren sah sich das Werbefernsehen der bedurft, wenn man nur das vorhandene Zahlenma- öffentlich-rechtlichen Anstalten auf ein Nischen- terial ernsthaft studiert hätte. dasein beschränkt. Und danach mussten auch die Presseverleger immer deutlichere Abstriche bei ih- Seit einigen Jahren veröffentlichte nämlich der Zen- ren Werbeeinnahmen machen. Das Privatfernsehen, tralausschuss der Werbewirtschaft (ZAW) ziemlich für dessen Einführung einige von ihnen früher so genaue, nach immer demselben Muster erhobene Daten über die Werbeumsätze der wichtigsten Me- dien. Für das Jahr 1960 wurden Werte von 1.187,6 Mio. DM für Zeitungs- und 744,3 Mio. DM für Zeit- 1 Schlagzeilen von der Titelseite einer Sonderveröffentlichung des schriftenanzeigen gemeldet. Auf der anderen Seite Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger vom Juni 1963, als Faksi- mile wiedergegeben in: Hans Bausch: Rundfunkpolitik nach 1945. Mün- standen Umsätze von 48,8 Mio. DM für Radio- und chen 1980, S. 540. – Zu Adenauers Fernsehplänen und zur ZDF-Grün- 132,1 Mio. DM für Fernsehwerbung.3 Beide Funkme- dung vgl. ebd., S. 385 ff. und Klaus Wehmeier: Die Geschichte des ZDF. dien erreichten damit noch nicht einmal zehn Pro- Entstehung und Entwicklung 1961–1969. Mainz 1979; sowie knapp zu- zent der Umsätze der beiden Printmedien. In den sammenfassend: Konrad Dussel: Deutsche Rundfunkgeschichte. 2. Aufl. folgenden drei Jahren expandierte die Fernsehwer- Konstanz 2004, S. 232 ff. 2 Bausch: Rundfunkpolitik nach 1945 (Anm. 1), S. 544 ff. bung zwar enorm. 1963 lag sie bereits bei 366 Mio. 3 ZAW. Jahresbericht 1960, S. 19. DM, während sich die Hörfunkwerbung nur auf 64,4 4 ZAW. Werbung 1970, S. 26. 4 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) leidenschaftlich gekämpft hatten, wurde Zeitungen Vor diesem Hintergrund lässt sich die zu erwartende und Zeitschriften immer gefährlicher, weil die für die Entwicklung der Einnahmen aus dem Werbefernse- Werbung aufgewandten Mittel im Vergleich zur ge- hen schon einmal skizzieren, ohne dass man dazu samtwirtschaftlichen Entwicklung insgesamt eher konkreter Zahlen bedarf: In den ersten Jahren war rückläufig waren – Gewinne an einer Stelle also Ver- rasches Wachstum vorprogrammiert, weil die ver- luste an anderer Stelle bedeuteten. schiedenen Anstalten erst nach und nach mit dem neuen Angebot begannen und es dann – aufgrund Im Folgenden wird diese Skizze näher ausgearbeitet entsprechender Nachfrage – auch gleich deutlich und um einen eigenen Abschnitt zur Radio-Werbung ausweiteten. Schließlich kam 1963 noch als weiterer ergänzt, mit deren (Wieder-)Einführung 1948/49, Anbieter das ZDF hinzu. Als auch sein 20-Minu- also vor 60 Jahren, ein neues Kapitel der Funkwer- ten-Kontingent erschöpft war, konnte es kein reales bung begonnen wurde.5 Wachstum mehr geben. Die Verkäufer von Werbe- zeit bei ARD und ZDF mussten sich bis in die 1970er Jahre »in der gleichen Lage wie ein Lebensmittel- 1. Der Siegeszug des Werbefernsehens kaufmann in der Nachkriegszeit« fühlen: »Dieser hat- Einführung und frühe Jahre te vielleicht fünf Pfund Butter bekommen, im Laden standen hundert Kunden, mit denen er gleich gut be- Obwohl es innerhalb der ARD erhebliche Vorbehalte kannt war und die er gerecht bedienen sollte. Was gegen die Einführung des Werbefernsehens gab, sollte er tun?« Eine Folge war, dass nur Festaufträge konnten sich letztlich seine Befürworter durchset- angenommen wurden, »die jeweils bis zum 31. Au- zen. Zum einen schien so die Gefahr eines kommer- gust für das ganze folgende Jahr erteilt werden« ziell organisierten zweiten Fernsehprogramms ver- mussten.8 Wie die Entwicklung der Jahre 1956 bis ringert zu sein, zum anderen standen beträchtliche 1967 verlief, ist an den Werten der folgenden Gra- Einnahmen in Aussicht, die den Landesanstalten die fik abzulesen. erheblichen Investitionen in das neue und sehr teu- ere Medium Fernsehen erleichtern konnten. Nach- Mio DM dem der Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks 500 am 4. Mai 1956 beschlossen hatte, Werbefernsehen einzuführen, und aus steuerlichen Gründen im Juli 400 die Bayerische Werbefernsehen GmbH gegründet 300 worden war, wurde am 3. November jenes Jahres 200 in Bayern mit der Ausstrahlung von Werbespots be- 100 gonnen. Bis zum Frühjahr 1959 schlossen sich nach 0 und nach auch die anderen Anstalten an.6 1956 1958 1960 1962 1964 1966 Jahr Wie groß das Interesse für das neue Angebot bei 9Brutto-Umsätze des öffentlich-rechtlichen Werbefernsehens den Werbetreibenden war, ist schon daran abzule- sen, dass die zur Verfügung gestellten Zeiten völlig Was drücken diese Werte aber aus? Was genau ist unzureichend waren und ständig über ihre Erweite- mit »Brutto-Umsätzen« gemeint? Zur Erläuterung ist rung diskutiert wurde. Von zunächst nur sechs Minu- etwas auszuholen. 1946 gründeten Prof. Dr. Chlod- ten ‚harter‘ Werbung pro Tag ging man 1960 zu acht Minuten über, der schnell Erhöhungen auf zehn, vier- zehn und fünfzehn Minuten folgten. Eine völlig neue Situation trat ein, als 1961 das ZDF als weitere öffent- 5 Das erste Kapitel dieser Geschichte fand bereits ausführliche Dar- lich-rechtliche Anstalt begründet wurde. Nicht nur stellung bei Christian Maatje: Verkaufte Luft. Die Kommerzialisierung wurden die Fernsehgebühreneinnahmen der ARD- des Rundfunks. Hörfunkwerbung in Deutschland (1923–1936). Potsdam 2000. Anstalten schlagartig um 30 Prozent gekürzt, um 6 Bettina Hasselbring: Einführung des Werbefernsehens in Bayern damit das neue Angebot zu finanzieren, dem zwei- (1956). In: Rundfunk und Geschichte 23(1997), S. 111–118; Konrad Dus- ten Programm wurde auch ein 20minütiges Werbe- sel: Die Interessen der Allgemeinheit vertreten. Die Tätigkeit der Rund- programm genehmigt. Die Gefahr des ‚Hochschau- funk- und Verwaltungsräte von Südwestfunk und Süddeutschem Rund- funk 1949 bis 1969. Baden-Baden 1995, S. 248. – Zum Gesamtüberblick: kelns‘ war absehbar. Um ihr zu begegnen, übten sich Heinz-Dietrich Fischer und Arne Westermann: Knappe Geschichte der die Anstalten in Selbstbeschränkung. Auf ihren Vor- Hörfunk- und Fernsehwerbung in Deutschland: Leitfaden durch medien- schlag hin begrenzten die Ministerpräsidenten am politische Stationen eines Kommunikationsphänomens. Hagen 2001. 8. November 1962 die werktägliche Werbezeit in bei- 7 Dussel: Interessen der Allgemeinheit (Anm. 6), S. 254 ff. den Programmen auf höchstens 20 Minuten. Außer- 8 Fritz Aeckerle: Die Töchter bringen Geld ins Haus. Die Werbung bei den Landesrundfunkanstalten. In: ARD Jahrbuch 72, S. 24–35; Zitat, dem wurde Werbung nach 20 Uhr verboten. Diese S. 25 f. Regelungen gelten bis heute.7 9 ZAW. Werbung 1970, S. 26. 0,2 3,7 12,0 56,8 132,1 221,8 281,8 366,0 374,2 470,9 537,7 557,6 Dussel: Der Siegeszug des kommerziellen Werbefernsehens 5 wig Kapferer und Dr. Jens H. Schmidt in Hamburg dern gesucht hatte: Fortan waren die Weichen auf die »Dr. Kapferer & Dr. Schmidt Gesellschaft für Wirt- die Ermöglichung privaten Fernsehens gestellt, das schaftsanalyse und Markterkundung«. 1950 wurde sich ausschließlich aus Werbeeinnahmen finanzie- mit einer systematischen Werbestatistik begonnen. ren sollte.13 Nach einem kaum wahrnehmbaren Start- Dazu wurden alle veröffentlichten Anzeigen erfasst schuss Anfang 1984 entwickelten die neuen privaten und ihr Wert nach den Preisen der jeweiligen Pu- Fernsehangebote auf dem Werbemarkt eine beina- blikationsorgane berechnet. Seit 1956 kam auf ent- he mit einem Wirbelsturm zu vergleichende Dyna- sprechende Weise auch der Wert für das Werbe- mik. Immer riesiger wurden ihre Umsätze, und in- fernsehen zustande. Aus der Dauer der Werbespots nerhalb weniger Jahre sanken ARD und ZDF für die und den Preisen der Werbetöchter der Landesan- Werbetreibenden geradezu zu Nischenanbietern he- stalten wurde ein »Bruttoumsatz« berechnet. Aller- rab. Die folgende Tabelle konzentriert sich innerhalb dings war dies in gewisser Weise ein realitätsfer- des Gesamtzeitraums von 1980 bis 2005 vor allem ner, fiktiver Wert, denn in der Praxis war mit dem auf die eigentliche Umbruchphase – die Jahre 1986 Abzug erheblicher Rabatte und Mittlergebühren zu bis 1995: rechnen. Angaben dazu mussten jedoch auf andere Weise gewonnen werden. Dies übernahm der Zen- öffentlich-rechtlich privat Summe tralausschuss der Werbewirtschaft, indem er seine Mio. Anteil Mio. Anteil Mio. Mitglieder befragte. 1974 war man so weit, die Wer- in % in % beaufwendungen für alle Medien als »Nettowerte« 1980 1.118,7 100 - - 1.118,7 auszuweisen: »Als Nettowert gilt der Wert, der sich 1986 1.460,3 97,5 35,5 2,5 1.495,8 aus der Verrechnung der Preise pro Einschaltung 1987 1.532,2 95 85,6 5 1.617,8 zum Bruttoumsatz nach Abzug von Rabatten, Mitt- 1988 1.576,0 86 258,1 14 1.834,1 lergebühren und vor Skonti ergibt. Die Behandlung der Skonti machte und macht dabei kleine Schwie- 1989 1.614,5 72 642,0 28 2.256,8 rigkeiten. Ihrer absoluten Größe nach können sie 1990 1.444,2 52 1.320,0 48 2.764,2 aber – bei gleichmäßiger Behandlung über die Jahre 1991 1.480,0 40 2.224,6 60 3.704,6 – unberücksichtigt bleiben.«10 Die Folge war, dass der 1992 1.297,8 30 3.030,4 70 4.328,2 ZAW nun nicht mehr auf die Werte von Kapferer & 1993 815,3 17 4.012,1 83 4.827,4 Schmidt, die nach der Fusion mit der Gesellschaft für 1994 591,6 10,5 5.038,8 89,5 5.630,4 Werbestatistik seit 1967 als »Schmidt & Pohlmann 1995 646,9 10 5.695,1 90 6.342,0 Gesellschaft für Werbestatistik« firmierten, zurück- griff, sondern nur noch seine eigenen, auf den An- 2000 726,8 8 8.475,8 92 9.202,6 gaben seiner Mitgliedsverbände beruhenden Zahlen 2000 371,6 8 4.333,6 92 4.705,2 veröffentlichte. Seitdem kursieren auf dem Werbe- 2005 260,0 6,5 3.669,6 93,5 3.929,6 markt zwei ‚Währungen‘, denn der ‚Brutto-Ansatz‘ Nettoumsätze des Werbefernsehens 1980–200514 wird bis heute von der Nielsen Media Research ge- (bis 2000: DM, ab 2000: Euro) pflegt, die in geschäftlicher Kontinuität von Kapferer & Schmidt bzw. Schmidt & Pohlmann steht.11 Wel- che Unterschiede sich zwischen den Zahlen erga- ben, ist nur einmal am Beispiel des Jahres 1970 zu zeigen: Den Bruttoumsätzen des Werbefernsehens 10 ZAW. Werbung 74/75, S. 78. – Punktuell sind immer wieder auch An- von 645,5 Mio. DM standen Netto-Einnahmen der gaben zu Skonti zu finden oder zu berechnen. Das ZDF Jahrbuch 1971 führt für das Jahre 1970 an Erträgen aus dem Werbefernsehen 175,5 Mio. ARD-Werbefernseh-Gesellschaften und des ZDF DM »nach Abzug der Rabatte, Mittlergebühren und Skonti« auf (S. 92 f); von 525,3 Mio. DM gegenüber.12 Im Folgenden wer- das ZAW-Jahrbuch für dasselbe Jahr 179,1 Mio. DM ohne Skonti (S. 154). den so weit als möglich die aussagekräftigeren Net- Daraus ergibt sich als Differenz 3,6 Mio. DM an Skonti. Das ARD-Jahr- to-Werte genannt. Unvermeidliche Ausnahmen wer- buch 1981 weist für 1980 13,2 Mio. DM Skonti bei einem »Nettoumsatz aus Werbung vor Abzug von Skonti« von 665,9 Mio. DM aus (S. 273). In den als solche gekennzeichnet. beiden Fällen betrugen die Skonti zwei Prozent. 11 Zur Nielsen-Geschichte: www.nielsen-media.de/pages/download. aspx?mode=0&doc=2/Geschichte.pdf (zuletzt abgerufen am 12. Juli Die Fernsehwerbung der öffentlich-rechtlichen An- 2009). Zum Nebeneinander der beiden ‚Währungen‘ vgl. zuletzt: Pamela Möbus und Michael Heffler: Der Werbemarkt 2007. In: Media Perspekti- stalten und ihre Deklassierung durch das Privatfern- ven 2008, H. 6, S. 282–290. sehen – Die Entwicklungen von 1980 bis 2005 12 ZAW. Werbung 1970, S. 154. 13 Zur Einführung des privaten Fernsehens vgl. vor allem die entspre- Die Fortschritte der Satellitentechnik und eine neue chenden Beiträge in Band 1 von »Rundfunkpolitik in Deutschland. Wett- Regierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl mach- bewerb und Öffentlichkeit«, herausgegeben von Dietrich Schwarzkopf (München 1999). ten möglich, was die sozialliberale Regierung un- 14 Nach den Jahrbüchern der ZAW, in denen immer die Werte für das ter Helmut Schmidt so lange als möglich zu verhin- laufende Jahr und die vier zurückliegenden Jahre veröffentlicht werden. 6 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) Die Tabelle zeigt, dass sich ARD und ZDF in den er- Glanz und Elend der Werbung sten Jahren des dualen Systems durchaus noch in im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Sicherheit wiegen konnten: Wenn auch die privaten Anbieter beeindruckende Zuwächse bei den Werbe- Zuwächse und Rückgänge der Nettoumsätze der einnahmen zu verzeichnen hatten, so gingen diese Werbung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen insge- doch nicht zu Lasten der öffentlich-rechtlich organi- samt zu bestimmen, ist eines; ein anderes, Aussa- sierten Anbieter. Oberflächlich betrachtet setzte sich gen zu deren Bedeutung für die Anstalten zu ma- dieser Trend bis einschließlich 1989 fort. 1990 hatten chen.16 Dies soll im Folgenden geschehen. Dazu wird die öffentlich-rechtlichen Anstalten dann erstmals ein ganz einfacher Indikator gewählt: Als eindeutig einen Rückgang zu verzeichnen, während es bei den bestimmbare Bezugsgröße dient das Aufkommen Privaten weiter dramatisch aufwärts ging. an Fernsehgebühren. Setzt man zu ihm nun die Er- träge des Werbefernsehens in Relation, erhält man Die deutschlandpolitischen Turbulenzen des Jah- ein ganz allgemeines Maß für den zusätzlichen Spiel- res 1990 hatten keine nennenswerten strukturellen raum, der den Anstalten durch die Veranstaltung der Auswirkungen auf den Fernseh-Werbemarkt. Am Werbeprogramme erwuchs. Selbstverständlich sind 17. April 1990 begann der Deutsche Fernsehfunk dabei die pauschalen, auf ‚das‘ öffentlich-rechtliche (DFF) in der damaligen DDR mit der Ausstrahlung Fernsehen bezogene Werte nur von begrenzter Aus- von Werbung. Bis Ende des Jahres flossen ihm sagekraft. Es muss nicht nur zwischen dem ZDF und Netto-Werbeeinnahmen von 94 Mio. DM zu (in der der ARD differenziert werden, auch die gewaltigen obigen Tabelle nicht berücksichtigt). Vom 15. De- Unterschiede innerhalb der ARD dürfen nicht über- zember 1990 bis zum 31. Dezember 1991 wurde sehen werden. auf den Frequenzen des früheren DFF 1 das ARD- Programm ausgestrahlt. Auf den Frequenzen des Die Differenziertheit, die die in den Jahrbüchern der früheren DFF 2 wurde in dieser Zeit das Programm ARD veröffentlichten Ertrags- und Aufwandsrech- der »DFF Länderkette« gesendet, eine Art proviso- nungen der Landesanstalten seit den 1990er Jahren risches Regionalprogramm für die neuen Bundes- erlangt haben, sucht man in älteren Ausgaben sowie länder. Schon seit dem 2. Dezember konnte das in denen des ZDF vergeblich. Als von der ARD für ZDF sein Angebot auf einer neuen Frequenz über- 1970 erstmals überhaupt derartige Angaben gemein- tragen.15 Mit dem 1. Januar 1992 gingen die neuen sam veröffentlicht wurden, waren sie gerade in den ARD-Anstalten MDR und ORB an den Start, Me- hier interessierenden Punkten von großer Knapp- cklenburg-Vorpommern schloss sich dem NDR an. heit. Zwar wurden eigene Tabellen über »Umsatz, Großen Auftrieb brachte das der ARD nicht. Der An- Kosten einschließlich Steuern und Gewinn« der Wer- teil von MDR und ORB an den Netto-Umsätzen des befunk- und Werbefernsehgesellschaften insgesamt ARD-Werbefernsehens betrug immer nur zwischen bekannt gegeben, in den Ertrags- und Aufwands- 10 und 15 Prozent, wie den verschiedenen Jahrbü- rechnungen der einzelnen Landesanstalten wie ih- chern des ZAW und der ARD zu entnehmen ist – rer Gesamtheit wurden sie aber nur in die pauscha- 1995 etwa waren es 28,4 (MDR) und 8,3 (ORB) Mio. len Rubriken »Erträge aus Kostenerstattungen« und DM bei 301,8 Mio. DM insgesamt, also 12 Prozent; »neutrale Erträge« mit eingebracht, wobei letztere im Jahre 2000 betrugen die Werte 20,86 (MDR) und unter anderem auch noch den Finanzausgleich um- 5,68 (ORB) Mio. Euro bei 192,77 Mio. Euro insge- fassten.17 Als Ersatz bleibt nur die Möglichkeit, den samt (14 Prozent). Netto-Umsatz der ARD mit ihrem Fernsehgebühren- Der allgemeine Trend wurde von dieser Nebenlinie nicht beeinflusst: Die Privaten hatten kontinuierliche Zunahmen zu verzeichnen, während die Werbeein- nahmen der Öffentlich-Rechtlichen weitgehend sta- gnierten. Selbst als im Jahr 2000 der bisherige Hö- hepunkt der Entwicklung erreicht war und aus den Zunahmen Rückgänge wurden, hatte dies keine Ver- 15 ZAW. Werbung in Deutschland 1991, S. 208 ff. änderung des Grundtrends zur Folge: Weil die Rück- 16 Ein Thema für sich wäre es, die Bedeutung der Werbeeinnahmen für die öffentliche Hand zu erörtern. Als Schlaglicht mag an dieser Stel- gänge bei den Privaten im Verhältnis geringer aus- le nur ein Hinweis genügen: 1970 flossen den Anstalten rund 104 Millio- fielen als bei den Öffentlich-Rechtlichen, wuchs ihr nen DM als Netto-Gewinn aus Hörfunk- und Fernsehwerbung zu sowie Anteil an den Umsätzen des Werbefernsehens ins- knapp 111 Millionen DM in Form so genannter Kostenerstattungen. »Im gesamt weiterhin. Von 2002 bis 2005 betrug er 93,5 gleichen Zeitraum haben die Landesrundfunkanstalten und ihre Werbe- Prozent. töchter mehr als 128 Millionen DM an Steuern abführen müssen, von den Kulturhilfen und Spenden gar nicht zu reden« (Fritz Aeckerle: Die Töch- ter bringen Geld ins Haus (Anm. 8), S. 34). 17 ARD Jahrbuch 71, S. 210 bzw. S. 198 f. Dussel: Der Siegeszug des kommerziellen Werbefernsehens 7 Aufkommen zu vergleichen. Die 346,2 Mio. DM Um- Die vom ZDF veröffentlichten, sein Werbegeschäft satz entsprachen 59 Prozent der 589,4 Mio. DM Ge- betreffenden Zahlen waren jahrzehntelang sehr bühren.18 Beim ZDF machten im selben Jahr 1970 knapp und wichen kaum von den von der ZAW mit- 179,1 Mio. DM Werbeumsätze sogar 71 Prozent der geteilten Werten ab (z. B. für 1980: ZAW 452,7 Mio. 252,6 Mio. DM Gebühren aus! Insgesamt wurde da- DM, ZDF 443,7 Mio. DM; für 1990: ZAW 712,0 Mio. mit das gesamte Fernsehgebührenvolumen von 842 DM, ZDF 698,2 Mio. DM). Dies kann zum Teil daraus Mio. DM durch einen Nettoumsatz der Fernsehwer- erklärt werden, dass die Werbung beim ZDF nicht bung von 525,3 Mio. DM um 62 Prozent erweitert. ausgegliedert war, sondern als Teil der Anstaltstätig- Zu Vergleichszwecken werden die gleichen Werte keit betrachtet wurde. Bei der ARD war das anders. auf dieselbe Art und Weise auch für spätere Jahre Hier wurde die Werbung traditionell von eigenen, berechnet: aber anstaltseigenen Firmen betrieben, die nicht nur ihre Gewinne an die Mutter-Anstalten abzuführen ARD ZDF hatten, sondern auch deren diverse Leistungen zu Gebühren Werbung Werbung Gebühren Werbung Werbung bezahlen hatten. Die seit 1990 sehr differenziert vor- Mio. DM % Mio. DM % liegenden Zahlen ermöglichen es nicht nur, die Ko- 1970 589,4 346,2 59 252,6 179,1 70 sten des Fernseh-Werbebetriebs insgesamt näher zu fassen, sondern auch die ganz unterschiedlichen 1980 1.509,5 666,0 44 646,9 452,7 70 Gegebenheiten bei den verschiedenen Landesan- 1990 2.424,7 732,2 30 1.037,7 712,0 69 stalten in den Blick zu bekommen. 2000 4.530,0 377,0 8 2.317,3 349,7 15 19 Nettowerbeumsätze und Gebührenerträge bei ARD und ZDF Die Erträge des Werbefernsehens für die Anstalten finden sich in den Gewinn- und Verlustrechnungen Schon allein diese wenigen Zahlen machen schlag- der ARD nicht nur unter dem Punkt »Erträge aus Ge- lichtartig deutlich, wie tief der Einbruch bei den Wer- winnabführungsverträgen und Beteiligungen vor Ab- beeinnahmen war, den die öffentlich-rechtlichen zug der Anstaltssteuern«, sondern auch unter der Anstalten durch die neue Konkurrenz des Privat- Rubrik »Erträge aus Kostenerstattungen«, jeweils fernsehens letztlich zu verkraften hatten. Sie zeigen beim Unterpunkt »Werbefernsehen«. Im Jahr 1990 aber auch, dass ARD und ZDF dafür ganz unter- kamen da für alle Anstalten 60,8 + 458,5 = 519,3 Mio. schiedliche Zeiträume zur Verfügung standen. Was DM zusammen, während der Netto-Umsatz gleich- beim ZDF wirklich schlagartig geschah, zog sich bei zeitig 666 Mio. DM betrug. Die Differenz von 146,7 der ARD über mehrere Etappen und längere Zeit Mio. DM kann als Kosten der Werbegesellschaften hin. Beim ZDF lässt sich das Desaster geradezu interpretiert werden. Besser als der Netto-Umsatz punktförmig lokalisieren: Bis zum Jahr 1992 hatte zeigen die um diese Kosten bereinigten Erträge den es immer noch – wenn auch in den letzten Jahren durch die Werbung gewonnenen Spielraum für die zunehmend geringere – Zuwächse bei den Werbe- Anstalten an. 1990 betrug er im Durchschnitt aller umsätzen gegeben. In jenem Jahr 1992 wurde mit Anstalten 21,5 Prozent. einem Betrag von 721 Mio. DM sogar das erste Mal das ARD-Ergebnis (576,8 Mio. DM) übertroffen. Im Die Gegebenheiten waren allerdings extrem unter- folgenden Jahr 1993 gab es dann nur noch 370,4 Mio. schiedlich. Die durch die Werbeeinnahmen gewon- DM – das war ein Absturz um fast 50 Prozent! Zwar nenen Spielräume – berechnet als auf die Gebüh- schien man sich dann auf diesem Niveau einigerma- reneinnahmen bezogene Anteile – bewegten sich ßen stabilisieren zu können, aber letztlich war dies zwischen 16 und 60 Prozent. Dabei ist ein eindeutiges eher auf die günstigen Konjunkturbedingungen bis Muster unübersehbar: Für die großen, teilnehmer- zum Jahr 2000 zurückzuführen. Die anschließenden starken Anstalten Bayerischer Rundfunk, Norddeut- Turbulenzen ließen beim ZDF das Werbeaufkommen scher Rundfunk, Süddeutscher Rundfunk, Südwest- nochmals deutlich zurückgehen. 2005 konnte nur funk und Westdeutscher Rundfunk bewegten sich noch knapp die 100-Millionen-Euro-Grenze über- die Anteile nur zwischen 16 (WDR) und 22,5 Prozent wunden werden (101,9). (BR). Bei den kleineren Anstalten Hessischer Rund- Bei der ARD war das Werbeumsatz-Maximum schon 1988 mit 943,6 Mio. DM erreicht worden. Da- nach ging es fast nur noch bergab. Von 1989 auf 1990 musste ein Rückgang von 20 Prozent verkraf- 18 Die Umsatz-Angabe nach ZAW. Werbung 1970, S. 154. Das ARD- tet werden, von 1991 auf 1992 waren es rund 25 Pro- Jahrbuch 1971 nennt 322,8 Mio. DM als »Nettoumsatz aus Werbung« und zent und von 1993 auf 1994 sogar über 40 Prozent. addiert noch einmal 18,4 Mio. DM aus »sonstigen Erlösen und Erträgen« (der Werbefernsehgesellschaften) zu 341,2 Mio. DM (S. 210). Mit 255,8 Mio. DM war da ein bislang nicht mehr un- 19 Die Gebührenangaben nach den Jahrbüchern von ARD und ZDF, die terbotener Tiefpunkt erreicht. Nettowerbeumsätze nach denen der ZAW. 8 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) funk, Radio Bremen, Saarländischer Rundfunk und sind so gering geworden, dass sich der Darstellungs- Sender Freies Berlin schwankten sie dagegen zwi- aufwand kaum noch lohnen würde. 2005 betrug der schen 29 (SFB) und 59,5 Prozent (RB). Spielraum, den die ARD-Anstalten aus Werbefunk und Werbefernsehen bezogen auf ihr gesamtes Ge- Fast hätte es auch noch ein weiteres Unterschei- bührenaufkommen gewannen, nur noch 2,5 Prozent dungskriterium gegeben. Während keine der Wer- – das war ein Zehntel dessen, was noch 1990 vorhan- betöchter der kleineren Anstalten mehr Gewinne zu den war. Aber selbst bei diesem Wert gab es noch verzeichnen hatte und die Erträge der Anstalten so- gewisse Unterschiede zwischen den Anstalten, in- mit nur noch bei den Kostenerstattungen zu suchen des fast genau umgekehrt verteilt wie im Jahr 1990: waren, erzielten die Werbetöchter der größeren An- Schnitten damals die großen Anstalten schlechter stalten noch einige Überschüsse. Die einzige Aus- ab, so zeigten sie 2005 die besseren Ergebnisse. nahme bildete das NDR-Werbefernsehen. In den Während WDR und SWR jeweils auf vier Prozent ka- nächsten Jahren veränderte sich dies zunächst ein- men und der NDR noch auf drei, lagen alle ande- mal insofern, als eigentlich nur noch die Westdeut- ren Anstalten mehr oder minder deutlich unter zwei sche Rundfunkwerbung des WDR Gewinne abzu- Prozent. Auch da ist jedoch nicht jede Frage zu be- führen hatte. antworten. Es muss schon auffallen, dass die MDR Werbung zwar fast 30 Mio. Euro an Werbe-Umsät- Alle Fragen klären zu wollen, die das reichhaltige zen nachweist, in der MDR-Bilanz aber gerade ein- Zahlenmaterial der ARD bei genauerer Betrachtung mal 115.000 Euro Gewinn und 0 Euro Kostenerstat- aufwirft, scheint aussichtslos. So muss es beispiels- tung auftauchen. weise verblüffen, dass die Radio Bremen Werbung für das Jahr 2000 einen Netto-Umsatz vor Skonti von Ein Thema für sich bildet das Sponsoring. Während 9.635.518 DM angab, in der Bilanz des Senders aber seine Einnahmen in den Werbeumsätzen der Pri- 26,284 Mio. DM an Kostenerstattungen durch das vaten mit enthalten sind, werden sie bei den Öffent- Werbefernsehen ausgewiesen wurden. Ähnliches lich-Rechtlichen davon getrennt, aber in den von gilt in diesem Jahr auch für die Werbetöchter von BR, der ARD veröffentlichten Betriebsrechnungen nicht HR, NDR und SWR, wenn auch nie so deutlich wie gesondert geführt. Beim ZDF lässt sich seine Grö- Radio Bremen. Auf der anderen Seite wies die West- ßenordnung aus verschieden konstruierten Abrech- deutsche Rundfunkwerbung einen Werbefernseh- nungseinheiten errechnen. Im Jahr 2005 erbrachte Nettoumsatz von 82.727.129 DM aus, während nur es 22,3 Mio. Euro, das ‚eigentliche‘ Werbefernsehen 10,5 Mio. DM an Kostenerstattungen verbucht wur- 99,2 Mio. Euro.20 den. Ungereimtheiten dieser Art mögen dazu beige- tragen haben, dass die Werte seitdem ganz anders Die Anbieter des Privatfernsehens aussehen. Fast muss man schon vom entgegen ge- und ihre Werbeeinnahmen setzten Extrem sprechen. Im Jahr 2005 etwa sind die Erträge aus Kostenerstattungen auf ein Minimum Wenn man es positiv sehen will, kann man sagen, geschrumpft, bei HR und NDR sind gar keine mehr dass die Angaben des Privatfernsehens aufgrund ih- vorhanden – und dies bei Netto-Umsätzen von 11 rer Knappheit Grübeleien wie beim öffentlich-recht- bzw. 17 Mio. Euro. Außerdem hatten wieder alle Wer- lichen Fernsehen gar nicht erst aufkommen lassen. be-Gesellschaften Gewinne auszuweisen. Die Erklä- Zunehmend muss man sich an immer allgemeinere rung liegt in einer Änderung der Bilanzierungsregeln Indikatoren halten, wenn man nach einem Überblick durch den Fiskus seit dem Jahr 2001. Hatten die Ge- über den gesamten Bereich sucht. Immerhin kön- sellschaften zuvor relativ viel Spielraum bei der Be- nen für viele Jahre zumindest die Nettoumsätze der rechnung ihrer Kosten (und dabei vor allem bei den wichtigsten Privatsender in den ZAW-Jahrbüchern Beträgen für die Kostenerstattung an die Anstalten), nachgeschlagen werden. Erst im Jahr 2004 wurde wird seitdem das System geradezu auf den Kopf ge- auf die differenzierte Darstellung verzichtet. Seitdem stellt: Pauschal werden 16 Prozent des Umsatzes als muss man sich mit einer nichts sagenden Pauscha- Gewinn betrachtet (der dann buchhalterisch an die langabe begnügen. Anstalten abgeführt wird), vom Rest werden die tat- sächlichen Kosten der Werbegesellschaften abge- zogen und was dann noch bleibt, ist unter »Kostener- stattung« zu verbuchen. In ihren Veröffentlichungen können die ARD-An- stalten wieder auf manche Differenzierung verzich- 20 www.zdf-jahrbuch.de/2007/finanzen/abschluss_2006.html (zuletzt ten, mittlerweile auf die zwischen Werbefunk und abgerufen am 12. Juli 2009). – Das ZAW-Jahrbuch 2006 verzeichnet für Werbefernsehen. Die Beträge, um die es noch geht, das ZDF einen Netto-Umsatz von 101,87 Mio. Euro. Dussel: Der Siegeszug des kommerziellen Werbefernsehens 9 1986 1987 1988 1989 1990 1995 2000 2005 RTL 24,6 47,7 124,6 294,4 690,9 1.960,1 2.632,0 RTL 2 326,5 574,8 Super RTL 181,3 Vox 113,0 371,6 n-tv 175,9 (Summe rtl group) (2.399,6) (3.935,6) SAT 1 10,9 37,9 115,5 307,4 546,4 1.623,8 1.921,0 Pro 7 14,5 47,0 1.333,9 1.726,0 Kabel 1 151,0 444,0 (Summe Pro7 Sat1) (321,9) (593,4) (3.108,7) (4.091,0) Sonstige Anbieter 18,0 26,0 35,7 186,8 449,2 Summe 35,8 85,6 258,1 642,3 1.320,0 5.695,1 8.475,8 = 4.333,6 E 3.669,6 E 21 Netto-Werbeumsätze des Privatfernsehens (Mio. DM) Die Tabelle zeigt eindrücklich, mit welcher Dynamik Bei der ProSiebenSat1 Media AG waren die Ver- sich die beiden großen deutschen Privatsender-Fa- hältnisse zumindest im Jahr 2005 anders gelagert. milien um RTL und SAT1 entfalten konnten. Wäh- Ihr Umsatz generierte sich da zu über 90 Prozent rend aber innerhalb der rtl group das RTL-Hauptpro- aus »klassischen Werbeerlösen«, die »fast vollstän- gramm das unbestrittene Zugpferd blieb, trat in Leo dig in der Bundesrepublik Deutschland erzielt« wur- Kirchs Imperium schon verhältnismäßig früh Pro7 den. Der Geschäftsbericht wies von den 1.989,6 zunehmend gleichgewichtig neben Sat1. In der Sum- Mio. Euro Gesamtumsatz den vier Sendern folgende me lagen die Kirch-Angebote regelmäßig vor RTL. Werte zu: Sat1 830,9 Mio., ProSieben 751,7 Mio., Ka- Dies zeigt, dass das Scheitern Kirchs 2002 nicht auf bel eins 223,3 Mio. und N 24 83,0 Mio.24 der Einnahmenseite seiner Bilanzen, sondern auf der Ausgabenseite und damit bei seinen verfehlten Inve- Interessanterweise wurden die »klassischen Wer- stitionen vor allem im Pay-TV-Bereich zu suchen ist. beerlöse« mit 1.836 Mio. Euro beziffert – das wären genau 50 Prozent des in der obigen Tabelle genann- Die Sender bzw. die hinter ihnen stehenden Unter- ten Netto-Umsatzes des gesamten deutschen Pri- nehmenskonglomerate präsentieren in den letzten vatfernsehens, während es eigentlich nur 43,6 Pro- Jahren eigentlich nur noch die ganz unverfänglichen zent sein sollen. Auch hier zeigt sich, dass nicht alle von Nielsen erhobenen Brutto-Umsatzwerte. Da- vorliegenden Zahlen ohne weiteres miteinander in nach erreichte die rtl group 2005 einen Marktanteil Einklang zu bringen sind. von 43,5 Prozent (RTL 27,3 %, RTL 2 6,2 %, Vox 6,1 %, Super RTL 3,0 %, ntv 0,9 %), während Pro7Sat1 Die Gesamteinnahmen des öffentlich-rechtlichen 42,7 Prozent zu verzeichnen hatte (Sat1 20,1 %, Pro7 und des privaten Fernsehens 17,2 %, Kabel 1 5,4 %).22 An zwei Befunden kann nach dem Bisherigen kein Mit weiteren Angaben ist man sehr zurückhaltend. Zweifel bestehen: Die Werbeeinnahmen des öffent- RTL macht zumindest deutlich, wie viel aus den ver- lich-rechtlichen Fernsehens haben seit Mitte der schiedenen Ländern zum Gesamteinkommen des 1990er Jahre gewaltig an Bedeutung verloren. Der Konzerns beigesteuert wird. 2007 kamen allein in eindeutige Gewinner in dieser Konkurrenz ist das Pri- Deutschland 1.983 Mio. Euro von 5.707 Mio. Euro vatfernsehen. Viel schwerer fallen die Prognosen, die insgesamt zusammen – mit fast 35 Prozent war dies daraus abzuleiten sind. Schließlich sind die Einnah- der größte nationale Block. Fast alles wurde dabei im men der öffentlich-rechtlichen Anstalten durch ge- Fernsehbereich erwirtschaftet. Die 17 Mio. Euro des setzlich festgelegte Gebühren gesichert. Radios fallen neben den 1.966 Mio. Euro des Fern- sehens kaum ins Gewicht. Im vorliegenden Zusam- menhang fast noch wichtiger ist der Hinweis, dass auch im Privatfernsehen nicht alle Einnahmen aus 21 Entsprechende ZAW-Jahrbücher. dem Verkauf von Werbezeiten stammen müssen. In 22 www.rtlgroup.com/www/assets/file_asset/AR2005_RTLGroup_ ihrer Gesamtbilanz weist die Gruppe nur 3.615 Mio. COMPLETE.pdf (zuletzt abgerufen am 12. Juli 2009). Euro (= 63 Prozent) ihrer Einnahmen den »adverti- 23 www.rtlgroup.com/www/assets/file_asset/AR2007_RTLGroup_ sing sales« zu. Daneben sprudeln 1.220 Mio. Euro COMPLETE.pdf (zuletzt abgerufen am 12. Juli 2009). 24 www.prosiebensat1.de / imperia /md/content / investor_rela- aus dem Verkauf und der Lizenzierung von Rechten tions/2005/Finanzberichte/GB_05_dt.pdf (zuletzt abgerufen am 12. Juli als größter weiterer Einnahmequelle.23 2009). 10 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) Fasst man – zugegebenermaßen vereinfachend – die Beim in den Ländern der französischen Besatzungs- Fernsehgebührenerträge der öffentlich-rechtlichen zone entstehenden Südwestfunk war der Hinter- Anstalten mit ihren Netto-Werbeumsätzen als »Ein- grund ein anderer. Die Anstalt wollte der Forderung nahmen« zusammen und stellt sie denen des Privat- entgegen wirken, ein Viertel ihrer Rundfunkgebühren fernsehens gegenüber, ergibt sich folgendes Bild: zur Förderung Not leidender Kulturinstitutionen ab- treten zu müssen. Sie schloss deshalb 1995 2000 2005 am 25. März 1949 einen Vertrag mit den Sender öff.-rechtl. privat öff.-rechtl. privat öff.-rechtl. privat Landesregierungen, in dem sie sich zur Gebühren 2.765,6 - 3.501,0 - 4.198,1 - Einführung eines kommerziellen Werbe- Werbung 330,8 2.911,9 371,6 4.333,6 260,0 3.669,6 funks verpflichtete, »dessen Reinerträ- ge den Kultusministerien der drei Län- Summe 3.096,4 2.911,9 3.872,6 4.333,6 4.458,1 3.669,6 der der französischen Besatzungszone zur Förderung der kulturellen Einrich- tungen ihrer Länder zweckgebunden zur Verfügung Mio EUR gestellt werden sollen.« Mit der Ausstrahlung des 5000 Werbefunks wurde am 1. August 1949 begonnen. 4000 Sehr schnell kam es zu beachtlicher Nachfrage, die 3000 nicht zuletzt auch in den begünstigten Ministerien 2000 für zufriedene Gesichter gesorgt haben dürften. Im 1000 Haushaltsjahr 1956/57 beispielsweise entfielen von 0 den 39,54 Mio. DM Einnahmen des SWF-Gesamt- 1995 2000 2005 Jahr haushalts 31,97 Mio. auf die Hörfunkgebühren und Gesamteinnahmen des öffentlich-rechtlichen n 4,08 Mio. auf die Einnahmen des Werbefunks. Die und des privaten n Fernsehens (Mio. Euro) Fernsehgebühren erbrachten demgegenüber nur 2,61 Mio. DM. Nach Abzug von 1,42 Mio. DM für die Grafik und Tabelle ist zu entnehmen, dass das ökono- innerbetriebliche Kostendeckung blieben 2,66 Mio. mische Kräfteverhältnis von öffentlich-rechtlichem DM, von denen 1,45 Mio. zu gleichen Teilen an die und privatem Fernsehen weitgehend ausgeglichen Kultusministerien von Rheinland-Pfalz und Baden- ist. Während in Zeiten des wirtschaftlichen Booms Württemberg vereinbarungsgemäß abgeführt wur- das Privatfernsehen Vorteile haben dürfte, liegt das den. Aber nicht nur die Kultusminister durften sich öffentlich-rechtliche Fernsehen eher in Zeiten der freuen, sondern auch die Finanzminister, erhielten Krise vorne. Seine Gebühreneinträge dürften ihm sie doch die verbleibende Differenz von 1,21 Mio. auch in Zukunft die Produktion Maßstab setzender DM. Dies wurde bis 1974 fortgesetzt. Dann legte eine Programme sichern. Satzungsänderung fest, dass die Anstalt ihre Kultur- hilfe nur zu leisten habe, wenn »nach dem Ergebnis der mittelfristigen Finanzplanung gewährleistet er- 2. Im Schatten des Werbefernsehens: scheint, dass der Überschuss für Zwecke des Süd- der Werbefunk westfunks nicht benötigt wird.«25 Die Einführung und Entwicklung des Werbefunks im öffentlich-rechtlichen Hörfunk Fast zeitgleich mit dem Südwestfunk bereitete der Bayerische Rundfunk sein Werbeprogramm vor, Als der öffentlich-rechtliche Hörfunk 1948/49 von konnte aber erst am 16. September 1949 mit der Aus- den Westalliierten zunächst zum Teil noch in ihren strahlung beginnen.26 Beim Süddeutschen Rundfunk Besatzungszonen und dann in der Bundesrepublik nahm man diese Vorgaben zum Anlass, ein eigenes etabliert wurde, war kommerzielle Werbung eigent- Angebot vorzubereiten. Die ersten Werbesendungen lich kein Thema, denn die Finanzierung durch Ge- aus Stuttgart erfolgten am 6. März 1950. Als letz- bühren war im Großen und Ganzen mehr als aus- ter der ehemals amerikanischen Sender folgte der reichend. Die Ausnahme bildete nur die kleinste der Hessische Rundfunk am 2. Januar mit einem eige- Anstalten, Radio Bremen. Dort musste man sehen, nen Werbefunk. Der Nordwestdeutsche Rundfunk wie man aufgrund der wenigen Gebührenzahler zu Geld kam, und weil die Amerikaner nichts gegen Werbefunk einzuwenden hatten, wurde dort im Au- 25 Dussel: Die Interessen der Allgemeinheit vertreten (Anm. 6), S. 243 ff; gust 1948 als erstes mit derartigen Angeboten be- SWF-Geschäftsbericht 1956/57. Zum Gesamtüberblick: Fischer und We- gonnen. stermann: Knappe Geschichte (Anm. 7). 26 Aeckerle: Die Töchter bringen Geld ins Haus (Anm. 8), S. 24. – Inte- ressanterweise lässt der damalige Verwaltungsdirektor des SWF die Hör- funkwerbung der Nachkriegszeit mit dem BR beginnen, obwohl selbst sein eigener Sender schon vor dem BR damit angefangen hatte. Dussel: Der Siegeszug des kommerziellen Werbefernsehens 11 in der früheren britischen Besatzungszone schloss terrible im deutschsprachigen Hörfunk verlor immer sich dagegen nicht an. Auch seine beiden Nachfol- mehr an Boden. Zunächst wurde die ARD-Konkur- ge-Anstalten verfügten über derart große Gebühren- renz immer härter, danach gewannen die neuen pri- einnahmen, dass für sie die Werbung lange Zeit kein vaten Anbieter immer größeres Gewicht. Nachdem Thema war. Der Norddeutsche Rundfunk orientierte 1987 auch noch der WDR mit eigener Hörfunk-Wer- sich erst mit Jahresanfang 1981 um, der Westdeut- bung begonnen hatte, war der RTL-Anteil an den sche Rundfunk gar erst 1987. Diese Einschränkung Werbeumsätzen auf 11 Prozent gefallen und blieb gilt es zu berücksichtigen, wenn die Daten der fol- mit 70,3 Mio. DM weit hinter den 93,2 Mio. DM zu- genden Grafik und Tabelle mit späteren Werten ver- rück, die noch 1980 hatten erzielt werden können. glichen wird. Wahrhaft desaströs wurde für die Luxemburger Ra- diomacher aber erst das Jahr 1988. In ihm fiel der Mio DM Umsatz um mehr als 60 Prozent auf 28,4 Mio. DM. 140 Und der Tiefpunkt war noch nicht erreicht. Bis 1990 120 musste ein weiterer Rückgang auf gerade einmal 14 Mio. DM verkraftet werden. Das waren noch sechs 100 Prozent der Umsätze der kommerziellen Konkur- 80 renz und nur noch zwei Prozent der Umsätze des öf- 60 fentlich-rechtlichen Werbefunks.29 Der größte Verlie- 40 rer bei der Einführung des kommerziellen Radios in 20 Deutschland war damit der älteste Veranstalter kom- merziellen Radios in Europa. Unter diesen Umstän- 0 den wurden sogar alte Feindschaften begraben. RTL 1952 1955 1960 1965 Jahr Radio wird seit einigen Jahren (mit mehreren ande- 27 Bruttoumsätze des Werbefunks (Mio. DM) ren Privatsendern) von der ARD-Werbung Dales & Services mit vermarktet. Außerdem darf eine weitere Einschränkung keines- falls übersehen werden. Die genannten, von Schmidt Aber auch der öffentlich-rechtliche Hörfunk zähl- & Pohlmann ermittelten und vom ZAW mitgeteilten te nicht wirklich zu den Gewinnern. Zwar konnte er Zahlen sind die Werte des Werbefunks insgesamt, seine Umsätze – wie der folgenden Tabelle im De- nicht nur die des von den öffentlich-rechtlichen An- tail zu entnehmen ist – noch bis 1989 steigern, den stalten gesendeten. Selbstverständlich gab es vor Zuwachsraten der kommerziellen Konkurrenz hat- Mitte der 1980er Jahren keinen kommerziellen Hör- te er jedoch nur wenig entgegenzusetzen. Sein An- funk in der Bundesrepublik – wenn man sich auf die teil an den Werbeumsätzen sank immer mehr. Aller- Veranstaltung bezieht. Beim Empfang sah die Sa- dings versank er bislang noch nicht in jener relativen che anders aus. Da entwickelte sich Radio Luxem- Bedeutungslosigkeit, die dem öffentlich-rechtlichen burg zur immer ernsthafteren Konkurrenz. Als 1970 Werbefernsehen seit einigen Jahren zuzuschreiben vom ZAW Netto-Werte veröffentlicht wurden, gab es ist. Der Abwärtstrend scheint jedoch noch nicht ge- folgende Verteilung: Von den 158,4 Mio. DM Einnah- stoppt zu sein. Möglicherweise ist auch bei einer men entfielen nur 108 Mio. auf die Werbetöchter der Größenordnung von 30 Prozent noch keine Stabili- öffentlich-rechtlichen Anstalten. 50,4 Mio. DM wur- sierung erreicht. den von Radio-Tele-Luxemburg vereinnahmt, das waren fast 32 Prozent.28 Der Werbefunk im Zeitalter des dualen Systems Anders als im deutschen Fernsehen bestand im Hör- funk schon seit den 1960er Jahren eine Art duales System, zumindest im Westen der Republik, wo Ra- dio Luxemburg gut zu empfangen war. Wenn es dem Luxemburger Sender auch in den 1970er Jahren nicht möglich war, seinen Spitzenwert des Jahres 1970 zu verteidigen, so waren es doch immer mehr als 20 Prozent der deutschen Werbefunkumsätze, die er allein vereinnahmen konnte. Als dann das du- ale System etabliert und auch kommerzielle Veran- 27 ZAW. Werbung 1970, S. 26. stalter in Deutschland zugelassen wurden, hatte dies 28 Ebd., S. 163. überraschende Konsequenzen. Das einstige enfant 29 ZAW. Werbung in Deutschland 1991, S. 211. 20,9 23,1 28,2 32,1 32,1 39,1 42,4 52,3 48,8 52,6 55,9 64,4 83,6 91,5 108,5 134,5 12 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) öffentlich-rechtlich privat Summe NRW, die in ihren Gebieten schon früh allein mit den Mio. Anteil Mio. Anteil Mio. entsprechenden öffentlich-rechtlichen Anstalten in % in % konkurrieren konnten. Antenne Bayern etwa machte bereits 1995 67 Mio. DM Umsatz, während die Ba- 1980 305,2 76,5 93,2 23,5 398,4 yerische Rundfunkwerbung nur noch auf 52,3 Mio. 1986 506,8 87,5 73,3 12,5 580,0 DM kam. Radio NRW nahm gleichzeitig 91 Mio. DM 1987 555,5 89 70,3 11 625,8 ein, während die Westdeutsche Rundfunkwerbung 1988 677,5 85,5 115,3 14,5 792,8 sich mit 84,9 Mio. DM begnügen musste.35 Nach und 1989 682,9 81 162,9 19 844,8 nach wurde die Veröffentlichung derartiger Zahlen 1990 649,2 73 239,3 27 888,5 von der RMS jedoch eingestellt. Seit dem Jahr 2000 1991 571,8 60,5 376,5 39,5 948,3 liegt nur noch der pauschale Netto-Umsatz vor. 1992 605,8 62 375,2 38 981,0 1993 548,8 54,5 456,2 45,5 1.005,2 3. Werbefunk und Werbefernsehen 1994 492,0 43,5 643,0 56,5 1.135,0 auf dem Werbemarkt insgesamt 1995 429,0 37 733,9 63 1.162,9 2000 442,2 31 991,2 69 1.433,4 Am Ende soll das Thema der Einleitung dieses Bei- 2000 226,1 31 506,8 69 732,9 trags noch einmal aufgegriffen und der Blick auf das Verhältnis der Werbeeinnahmen von Fernsehen und 2005 190,3 28,5 473,4 71,5 663,7 Hörfunk zu denen von Zeitungen und Zeitschriften 30 Nettoumsätze des Werbefunks 1980–2005 gelenkt werden. 1960, als Teile der Zeitungsverleger- (bis 2000: DM, ab 2000: Euro) schaft immer energischer begannen, privates Fern- sehen in Deutschland zu fordern, betrug der Anteil Zu diesem Ergebnis trugen Anfang der 1990er Jahre der Funkwerbung kaum zehn Prozent von dem der auch die neuen Bundesländer bei. Noch vor der Wie- Printmedien Zeitung und Zeitschrift. Bis 1980 hatte dervereinigung wurde bereits 1990 dort mit der Aus- sich dieser Wert ungefähr verdoppelt. 1990, als ge- strahlung von Hörfunkwerbung begonnen. Der Er- rade private Veranstalter von Funk und Fernsehen folg war mit 20,2 Mio. Mark in diesem Jahr zunächst zugelassen worden waren, wurden schon 28 Prozent nur mäßig.31 1991 wurde kein Wert erfasst. 1992 lag erreicht. Aber da kam der Umbruch auf dem Werbe- er dann bei 120,1 Mio. DM und 1993 sogar bei 127,6 markt erst so richtig in Fahrt. 1995 wurde die 50-Pro- Mio. DM – das waren immerhin 20 bzw. 23 Prozent zent-Marke knapp überschritten, im Jahr 2000 wa- der ARD-Umsätze.32 Danach ergaben sich zwei Ver- ren es 60 Prozent und wiederum fünf Jahre später änderungen, die einen direkten Vergleich nicht mehr 71 Prozent. Die Einnahmen der Fernsehwerbung la- zulassen: Zum einen weist seit 1994 der NDR keine gen in jenem Jahr nur noch wenig hinter denen der eigenen Daten für die Werbeumsätze in Mecklen- Zeitungen zurück. Der Zeitpunkt des Gleichziehens burg-Vorpommern mehr aus, und zum anderen fusi- ist absehbar. onierten 2003 der Ostdeutsche Rundfunk Branden- burg (ORB) und der Sender Freies Berlin zum Radio Die folgende Tabelle präsentiert die hier zusammen- Berlin-Brandenburg (RBB). Im Jahr 2000 erbrachten gefassten Daten im Detail: der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) und der ORB noch acht Prozent der ARD-Werbefunkumsätze, 2005 waren es bei MDR und RBB 13 Prozent.33 Abschließend ist auf die neuen privaten Anbieter einzugehen. Dies kann aufgrund der Datenlage nur knapp geschehen. Die allermeisten Sender verkau- fen ihre Werbezeiten nämlich nicht selbst, sondern in mehr oder minder großen Verbünden. Weitaus größ- ter dieser Verbünde ist die 1990 gegründete RMS Radio Marketing Service GmbH, die nach eigenen 30 Nach den Jahrbüchern der ZAW, in denen immer die Werte für das laufende Jahr und die vier zurückliegenden Jahre veröffentlicht werden. Angaben im Jahr 2009 »Radiowerbezeiten sowie On- Beim Wert für 2005 wurde ergänzend das ARD-Jahrbuch 2006 zu Rate line- und Audioformate wie Webcast und Podcasts gezogen. von 146 privaten Radiosendern im gesamten Bun- 31 ZAW. Werbung in Deutschland 1991, S. 215 – in der Tabelle nicht ent- desgebiet« vermarktet.34 Auf sie entfielen im Jahr halten. 2005 389,8 von 473,2 Mio. Euro Werbe-Umsätzen 32 ZAW. Werbung in Deutschland 1996, S. 228. 33 ARD-Jahrbücher 2001 und 2006, S. 392 f. bzw. S. 334 f. insgesamt (82 Prozent). Unter anderem gehören zu 34 www.rms.de/unternehmen/ (zuletzt abgerufen am 12. Juli 2009). ihr große Sender wie Antenne Bayern oder Radio 35 ZAW. Werbung in Deutschland 1996, S. 228. Dussel: Der Siegeszug des kommerziellen Werbefernsehens 13 36 Jahr Gesamtwert Zeitungen Publ.Zs Hörfunk Fernsehen 1980 11.800,4 (100) 5.136,3 (43,5) 1.985,0 (16,8) 354,9 (3,0) 1.031,0 (8,7) (72,0) 37 1990 24.515,5 (100) 8.097,0 (33,0) 2.955,5 (12,1) 844,8 (3,4) 2.256,8 (9,2) (57,7) 1995 36.373,0 (100) 11.169,6 (30,7) 3.505,4 (9,6) 1.162,9 (3,2) 6.342,0 (17,4) (60,9) 2000 23.290,2 (100) 6.834,2 (29,3) 2.247,3 (9,6) 732,9 (3,1) 4.705,2 (20,2) (62,2) 2005 19.775,4 (100) 4.671,1 (23,6) 1.791,4 (9,1) 663,7 (3,4) 3.929,6 (19,9) (56) Nettoumsätze einzelner Werbeträger und der Werbung insgesamt (Mio. DM, 2000 & 2005: Mio. Euro, in Klammern: Prozent) Die Tabelle deutet jedoch auch an, dass die Ent- wicklungen auf dem Werbemarkt nicht nur als eine eine vollständige Erfassung der Werbeausgaben der Art Zweikampf zwischen Funk und Fernsehen einer- deutschen Wirtschaft nicht gibt«.39 Im Laufe der Jah- seits und Zeitungen und Zeitschriften andererseits re wurde zwar die Zahl der »Hauptwerbeträger« im- interpretiert werden dürfen. Schließlich entfielen 40 mer mehr erweitert, aber noch immer fehlen wich- bis 45 Prozent der Netto-Werbeumsätze auf andere tige Bereiche: Die Ausgaben, die für die Werbung auf Werbeträger. Der auffallend niedrige Wert für 1980 Messen und Ausstellungen gemacht werden, sind dürfte dagegen auf eine andere Datengrundlage zu- genauso wenig erfasst wie die für die Dekoration von rückzuführen sein: Damals wurden Anzeigenblätter Schaufenstern oder den Druck und die Direktver- und Fachzeitschriften noch nicht erfasst. 1990 lagen teilung von Prospekten ohne Einschaltung der Post. deren Umsätze bei 3,9 Mrd. DM. Würde man sie aus Der ZAW war sich deshalb auch bewusst, dass es dem Gesamtwert jenes Jahres herausnehmen, stie- »nicht möglich« wäre, »eine annähernd exakte Zahl ge der Anteil von Zeitungen, Zeitschriften, Hörfunk über die Gesamtaufwendungen der deutschen Wirt- und Fernsehen auf rund 70 Prozent. Von wertmäßig schaft zu nennen«. Seine Zahlen gaben für ihn nur überragender Bedeutung waren im Jahr 2005 noch die »Tendenz der Gesamtentwicklung der Werbeum- immer die Werbung per Post (3,4 Mrd. Euro Umsatz) sätze (…) verhältnismäßig genau wieder«.40 und die in Anzeigeblättern (1,9 Mrd.). Aber auch in Fachzeitschriften kamen 902 Mio. Euro zusammen In den 1990er Jahren gab der ZAW diese Zurück- und bei der Außenwerbung 769 Mio. Wenn auch On- haltung auf, ohne dass dies im Einzelnen begründet line-Werbung weiterhin rasch expandiert, so handelt worden wäre. 1993 wurde apodiktisch festgestellt, es sich doch noch immer um verhältnismäßig ge- dass der ZAW »erstmals eine Übersicht über das ringe Beträge; 2005 waren es 332 Mio. Euro.38 Verhältnis von Bruttosozialprodukt zu den Werbein- vestitionen vorlegen« könne.41 Dies geschah nicht Aber kann man überhaupt davon ausgehen, dass nur für das Berichtsjahr 1992, sondern es wurde damit die ganze Werbung erfasst ist? Zunächst ein- auch gleich bis zum Jahr 1985 zurückgerechnet. Die- mal ist noch einmal zu betonen, dass es sich bei al- ser Ansatz wurde in den folgenden Jahren in beiden len bislang vorgestellten Daten nur um die Umsätze Richtungen fortgesetzt. Obwohl die vom ZAW selbst der Werbeträger handelte, bei denen nie die Produk- vor Jahrzehnten geäußerten Vorbehalte noch immer tionskosten der Werbung selbst – also der Werbe- ihre Gültigkeit haben, so dass diese Werte eigent- spots oder Werbeanzeigen – mit eingerechnet wur- lich nicht als »Gesamtwerbeaufwendungen« in Rela- den. Will man einen Überblick über den Werbemarkt tion zum Brutto-Sozial- bzw. Inlandsprodukt gesetzt insgesamt, um daraus auch seine volkswirtschaft- werden, sondern nur als Trendwerte betrachtet wer- liche Bedeutung insgesamt zu berechnen, so muss den sollten, verdienen sie doch auch mit dieser Ein- man zumindest diese Produktionskosten quantifizie- schränkung Beachtung – zeigen sie doch, dass der ren. Seit einigen Jahren legt der ZAW dazu Zahlen Eindruck immer stärker zunehmender Werbung zu vor, denen zu entnehmen ist, dass zu den Netto-Um- relativieren ist. Bezogen auf das Wirtschaftswachs- sätzen noch einmal 40 bis 60 Prozent Produktions- tum insgesamt nimmt der Werbeaufwand schon seit kosten hinzuzurechen sind, um die Gesamt-Werbe- Jahren ab, so dass der ZAW im letzten Jahrbuch ti- aufwendungen zu erhalten (1990: 24,5 + 14,8 Mrd. teln konnte: »Anteil am BIP so niedrig wie noch nie« DM, 2000: 23,3 + 9,9 Mrd. Euro, 2005: 19,8 + 9,8 Mrd. Euro). Sind damit jedoch tatsächlich die gesamten Werbe- 36 Tageszeitungen sowie Sonntags- und Wochenzeitungen. aufwendungen miteinbezogen? In früheren Jahren 37 Alte Bundesländer. verwehrte sich der ZAW immer wieder ausdrücklich 38 ZAW. Werbung in Deutschland 2006, S. 13. 39 ZAW. Jahresbericht 1960, S. 19. dagegen, die von ihm gelieferten Zahlen als »Ge- 40 Ebd., S. 21. samtwerbeaufwendungen« zu bezeichnen, da »es 41 ZAW. Werbung in Deutschland 1993, S. 9. 14 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) und dies mit der Feststellung begründete: »Im Jahr 2007 sank der Anteil der Investitionen in Werbung auf den niedrigsten Wert seit Gründung der Bun- desrepublik«.42 2% 1,7 1,63 1,63 1,5% 1,52 1,32 1,30 1,27 1% 0,5% 0 1985 1990 1995 2000 2005 06 07 Jahr 43 Volkswirtschaft und Werbeinvestitionen (Anteil der Werbeinvestitionen am Bruttoinlandsprodukt in Prozent) Alles in allem wirbelte die Werbung im Privatfern- sehen zwar die traditionellen Strukturen des Wer- bemarkts kräftig durcheinander, aber den langfri- stigen Trend zu immer geringeren Werbeausgaben im Verhältnis zum wachsenden Bruttoinlandspro- dukt konnte es bislang nicht dauerhaft brechen. Konrad dussel, dr. phil., geboren 1957, ist apl. Prof. für Neuere Geschichte an der Universität Mannheim und freier Historiker. Seit vie- len Jahren erforscht er die deutsche Rundfunkgeschichte und veröffent- lichte dazu mehrere Bücher und zahlreiche Aufsätze. Seine »Deutsche Rundfunkgeschichte« (2. Auflage Konstanz 2004) erfährt gerade ihre dritte Auflage. e-Mail : Konrad.dussel@t-online.de 42 ZAW. Werbung in Deutschland 2008, S. 9. 43 Entsprechende Jahrbücher des ZAW. Christian Könne Die »Radio-DDR-Ferienwelle« Programm für Urlaub im Sozialismus 1967 startete der DDR-Hörfunk ein spezielles Angebot für die Urlauber im Norden der DDR – die »Radio- DDR-Ferienwelle«, ein Programm des Regionalsenders Rostock, das deutlich mehr Unterhaltung enthielt als zu dieser Zeit in DDR-Programmen üblich. Die Studie zeigt die Hintergründe auf, die 1967 zum Start dieses Programms führten und untersucht die Verwendung der Unterhaltung für verschiedene Staats- zwecke sowie andere Spezifika des Zielgruppenprogramms, die auf die Situation der Menschen im Ur- laub zugeschnitten waren. Der Aufsatz stellt die einzelnen Angebote dar und analysiert die Arbeit mit den Hörern sowie deren Bewertung, bei der sich parteiliche Ziele und das Interesse an Unterhaltung bei den Hörern gegenüber standen. Schließlich wird auch auf technische Begebenheiten der Programmübertra- gung eingegangen. Die Darstellung basiert auf den Beständen des Deutschen Rundfunkarchivs Pots- dam-Babelsberg, DDR-Publikationen sowie den Beständen des NDR (Landessender Schwerin), die erst seit kurzem zugänglich und bislang nur bis zum Beginn der 1970er Jahre erschlossen sind. 1. Einleitung Informationen, Dienstleistungen für Urlauber, Mu- sik- und Unterhaltungssendungen«. Hintergrund für Eine Anekdote vorweg: »In eine Autoreparaturwerk- die Einrichtung der »Ferienwelle« war, dass die DDR statt kam ein Kraftfahrer. Er brauchte dieses und je- 1967 technisch überhaupt erst in der Lage war, ein nes Teil. Brummig bekam er zur Antwort, sie hätten solches Programm anbieten zu können: »Die vom nichts. Das sei aber ärgerlich, klagte der Kraftfah- Bereich Rundfunk und Fernsehen der Deutschen rer, weil er viel unterwegs sei, dienstlich... Doch der Post zur Verfügung gestellten Mittelwellen-Strahler Meister ließ sich nicht rühren, fragte nur, wo er denn 899 KHz (20 Kw) und 1052 KHz (5 Kw) ermöglichen beschäftigt wäre. Beim Sender Rostock, sagte der es, im Jahre 1967 erstmalig die Ausstrahlung eines Kraftfahrer. Der Meister winkte ab: Sender Rostock speziellen Programms für Ostseeurlauber aufzuneh- hörten sie nicht, sie hörten immer die Ferienwelle. men«.3 Zuvor hatte man in der DDR mit dem »Strand- »Na, Mensch«, rief der Kraftfahrer, »wir machen doch funk«, also am Strand montierten Lautsprechern, mit die Ferienwelle!« »Was!« fragte der Mann, »Ihr macht denen den Gästen die Informationen der Urlauber- die Ferienwelle? Ja – also was wolltest du haben...?« gemeinden vor Ort mitgeteilt wurden, eine Variante – Sehen Sie, liebe Leser, so populär ist die Ferienwel- genutzt, um die Menschen auch dort zu erreichen le vom Sender Rostock.«1 und mit den für notwendig erachteten Informationen zu versorgen. Dieser Vorläufer, der mit dem Hörfunk Nicht nur Autoersatzteile waren in der DDR schwer nichts weiter zu tun hatte, war beim Start des Hör- zu bekommen. Auch die Organisation eines Ferien- funkprogramms jedoch eine Bürde. Denn 1968 stell- platzes an der Ostsee erforderte Geduld und Ge- te man fest, dass »wenn wir von ‚Ferienwelle‘ spre- schick. Wenn die Menschen es geschafft hatten, ei- chen […], mancher mit unangenehmen Gefühlen an nen der raren Plätze an der Ostsee zu erhalten, so den ruhestörenden Strandfunk vergangener Zeiten winkte eine der beliebtesten Möglichkeiten, in der erinnert wird«. Dieser hatte »sehr lautstark« Infor- DDR seinen Sommerurlaub zu verbringen. Ob mit mationen übertragen, die den Menschen am Strand dem Zug oder mit dem Auto – die Menschen bega- »auf die Nerven« gingen. Das sollte mit der »Ferien- ben sich in Scharen an die Strände zwischen Bolten- welle« nicht so sein. Mit ihr wollte man die Urlauber hagen und Ahlbeck. Für »mehr als 1,5 Millionen Ur- »individuell und kulturvoll« unterhalten.4 lauber und 4,5 Millionen Werktätige, die sich an den Wochenenden am Ostseestrand« erholten, wurde 1 FF Funk und Fernsehen der DDR, H. 28, 1969, S. 3–5. dieser Aufenthalt seit Ende der 1960er Jahre vom 2 Neue Deutsche Presse. Zeitschrift für Presse, Funk und Fernsehen. Hörfunk begleitet.2 Das Staatliche Rundfunkkomi- Organ des Verbandes der deutschen Journalisten (im Folgenden: NDP), tee beim Ministerrat der DDR (SRK) hatte 1967 die H. 7, 1968, S. 16. Einrichtung eines Hörfunkprogramms speziell für die 3 Deutsches Rundfunkarchiv Potsdam-Babelsberg. Bestand Schrift- Urlauber beschlossen: die »Radio DDR-Ferienwelle« gut Hörfunk (im Folgenden: DRA). Komiteevorlage des Staatlichen Rundfunkkomitees beim Ministerrat der DDR (im Folgenden: KV), 33/67, des Senders Rostock. Dabei waren in ihrer Konzep- 7.4.1967, Intendanz Radio DDR. tion »als Hauptelemente [...] vorgesehen: Politische 4 NDP, H. 7, 1968, S. 17. 16 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) gazins, einer regionalen Presseschau und eines au- ßenpolitischen Tagesgesprächs.9 Zur Akzentuierung der Nachrichten wurde verstärkt über maritime The- Logo der Ferienwelle Quelle:DRA men sowie aus dem Ostseeraum berichtet. Etwa die Potsdam-Babelsberg Hälfte der Meldungen kam aus diesem Bereich. Mit einer erweiterten Sendezeit von 15 Stunden täglich Dementsprechend hieß es seit 1967 per Radio aus hatte die »Ferienwelle« 1977 dann zehn zentrale und der Urlauberregion: »Herzlich willkommen, und das acht regionale Nachrichtendienste, davon drei aus nicht nur auf einem der 60 Campingplätze entlang den Heimatregionen10 der Küste oder in einer der 275 Erholungseinrich- tungen des FDGB-Feriendienstes [= Freier Deut- Zu den politischen Informationen trat der Urlauber- scher Gewerkschaftsbund], sondern auch von der service, der als »Ding mit Pfiff« von Musik gleichen RADIO-DDR-Ferienwelle, die täglich […] hohe Wo- Titels eingeleitet wurde.11 Zunächst lief er nur am Vor- gen aus dem Funkhaus Rostock schlägt«. Weil der mittag und am Abend. Seit 1971 wurde der Service ostdeutsche Hörfunk in den 1960er Jahren noch auf drei Termine am Tag erweitert.12 1976 hörte man arge Probleme hatte, sich rein technisch Gehör zu ihn an den Werktagen von 7.35 bis 9.00 Uhr, 12.05 verschaffen, lieferte man dem erst noch zu gewin- bis 12.30 Uhr und von 18.30 bis 18.55 Uhr.13 Der erste nenden Publikum gleich mit, wo und wie die »Fe- Service hatte dabei 30, der zweite 20 und der letzte rienwelle« zu hören war und was einem erwartete: 10 Minuten Wortanteil.14 Das Programm am Samstag »Sie hören uns auf den Mittelwellen Diedrichshagen unterschied sich dadurch, dass es um 8.05 Uhr zu- 899 Khz […] und Putbus 1052 Khz […] im Wald, im sätzlich einen speziellen Service für Naherholer und Auto, auf dem Schiff – wo Sie wollen. Sie hören das Wochenendurlauber anbot. Neueste vom Tage, aus der Welt der Schiffahrt und vom Wetter. Wir – die Reporter – kommen zu Ihnen Im Service bot die »Ferienwelle« eine Fülle von Mel- in den Strandkorb und besuchen all die Unermüd- dungen zu verschiedenen Aspekten eines Urlaubs lichen in den Ferienheimen, im Handel und in der im Sozialismus: Im Bereich der Information hörten Gastronomie, die Ihnen, lieber Urlauber, die Tage die Urlauber im Service um 7.45 und 18.45 Uhr den der Erholung angenehm und schön machen«.5 Doch Bäderwetterbericht im Originalgespräch aus der was hieß das nun konkret für die Urlaubermischung, Seewetterdienststelle Warnemünde.15 Die Presse- die der Hörfunk den Menschen – und nicht nur den schau gestalteten Journalisten von Zeitungen der Urlaubern aus der DDR – zwischen dem 1. Mai und Blockparteien. Sie bot »täglich im Morgenservice ei- dem 30. September eines jeden Jahres seit 1969 mit nen Blick in die regionalen Tageszeitungen«. Dieser der Erkennungsmelodie »Sommer in Rostock« bot?6 Blick via Funk war »insofern wichtig, weil vielerorts Denn immerhin war als »Hauptaufgabe« festgelegt, der Zeitungsbedarf der Urlauber höher als das An- »bewußtseinsbildend auf die Hörer zu wirken und Prinzipien der gesellschaftlichen Freizeitgestaltung formen zu helfen«.7 5 FF Funk und Fernsehen der DDR, H. 23, 1967, S. 27. 6 Norddeutscher Rundfunk. Landesfunkhaus Schwerin. Archiv Be- stand Schriftgut Hörfunk (im Folgenden: NDR). Pressearchiv Ferienwelle. 2. Die Nachrichten- und Serviceangebote – Norddeutsche Zeitung vom 23.4.1969. – Der NDR-Bestand zur »Ferien- Information und Aktivierung der Urlauber welle« ist noch überwiegend unerschlossen. Er wurde 2008 von Rostock nach Schwerin verbracht. Die inhaltliche Erschließung ist bisher bis etwa 1970–1972 vorgenommen. Im Programm der »Ferienwelle« hörten die Men- 7 DRA. KV 93/67, 1.12.1967, Radio DDR-Ferienwelle 1968. schen Ende der 1960er Jahre insgesamt 17 Nach- 8 FF Funk und Fernsehen der DDR, H. 18, 1968, S. 21; NDP, H. 11, 1972, richtendienste, davon waren fünf auf die Urlaubs- S. 11. region zugeschnitten. Ein weiterer wurde speziell 9 Lothar Lenz: Wie die Radio-DDR-Ferienwelle durch ihre Originalsen- dungen und öffentlichen Veranstaltungen dazu beiträgt, dass der Sender für Nachrichten aus den anderen Bezirken der DDR Radio DDR zu einer Tribüne der Werktätigen unseres Landes wird. Leip- konzipiert, um die Urlauber mit Informationen aus ih- zig 1977, S. 11f. DRA. Potsdam-Babelsberg. Diplomarbeiten der Univer- ren Heimatbezirken zu versorgen. Die übrigen waren sität Leipzig, Sektion Journalistik. zentrale Nachrichtendienste. An den Wochentagen 10 FF dabei, H. 38, 1977, S. 4. 11 NDP, H. 5, 1986, S. 16; FF dabei, H. 39, 1973, S. 7. wurden die Regionalnachrichten um 6.01, 7.30, 9.00, 12 NDR. Pressearchiv Ferienwelle. Norddeutsche Neues Nachrichten 15.00 und 18.00 Uhr sowie das Zeitgeschehen an (im Folgenden: NNN), 30.4.1971. der Waterkant um 9.05 Uhr und um 18.05 Uhr über- 13 Lenz, 1977 (wie Anm. 9), S. 16. tragen. Daneben gab es noch kurze politische Mel- 14 NDR. Bestand Ferienwelle. Protokoll: »Zur Ferienwellen-Auswer- dungen aus dem In- und Ausland.8 Schließlich bot tungskonferenz in Dierhagen am 30. und 31.10.1979 (im Folgenden: Feri- enwelle Auswertung). man die politische Information noch in Form eines 15 FF Funk und Fernsehen der DDR, H. 18, 1968, S. 21; FF dabei, H. 30, aktuell-politischen Morgen- sowie eines Abendma- 1977, S. 6. Christian Könne: Die »Radio-DDR-Ferienwelle« 17 gebot der Post« war.16 Der Hörfunk kompensierte die de Urlaub aufgezeigt, wie ihn sich die SED für ihre Mängel in der Versorgung mit Printmedien. Bevölkerung vorstellte. Die Information und Aktivie- rung der Urlauber durch das Programm war umge- Zur Orientierung im Urlaubsgebiet hatte man prak- setzt. Den Urlaubern wurde dies mit anderem Fokus tische Serviceinformationen parat: Für die An- und präsentiert. Für sie zeigte der Service »wie man sich Abreise aber auch für den Aufenthalt im Urlauberge- an der Küste am besten entspannt und was man er- biet selbst hörte man Verkehrshinweise und Hinwei- leben kann«.22 se für Reparaturmöglichkeiten und Tankstellen. Bei der täglichen Planung und Versorgung vor Ort gab Doch kann man von der Vielzahl an Informationen, es neben allgemeinen Hinweisen für Campingurlau- die gegeben wurden, nicht zwingend auf deren tat- ber und Kinderferienlager auch Handelsinformati- sächliche Nützlichkeit für die Urlauber schließen. So onen, Mitteilungen des Feriendienstes des FDGB, war die Redaktion in den 1980er Jahren beispiels- der Kurverwaltung und des Strandschutzes. Nicht weise immer noch »bemüht, nicht nur tages- son- vergessen wurden die »Hinweise auf den notwen- dern stundenaktuelle Verkehrsinformationen auszu- digen Küstenschutz«. Sie sollten Schädigungen der strahlen, um den Kraftfahrern echte Verkehrshilfen Küste durch die Urlauber vermeiden helfen, »die uns zu geben«. Das bisherige System diente dem Nach- Millionenbeträge kosten«.17 weis einer Verkehrsinformation im DDR-Programm. Ob diese jedoch eine praktische Hilfe für die Men- Daneben hörten die Urlauber für den touristischen schen war, scheint selbst für die Redaktion fraglich Bereich und die Kultur allgemeine Veranstaltungs- gewesen zu sein.23 Die Sendungen anlässlich der hinweise, Informationen zur Heimatgeschichte, Vor- Hin- und Rückreisewelle im Unterhaltungsbereich stellungen von Museen, Sehenswürdigkeiten, Wan- unterstützen diese Vermutung. derzielen und Fotomotiven. Aber auch Informationen über Kino- und Theaterprogramme, Leihmöglich- keiten von Fahrrädern oder die Bekanntgabe der Ab- 3. Die »Ferienwelle« unter fahrtszeiten der »Weißen Flotte« gehörten zur Touris- internationalistischen Aspekten musinformation. Eine Spezialität des sozialistischen Urlaubserlebnisses war wohl die Vorstellung von Be- Für die ausländischen Touristen im Ostseebezirk trieben im Urlaubergebiet. Da auch die Mitarbeit an sendete die »Ferienwelle« seit 1968 von montags der Gesunderhaltung der Werktätigen zu den Auf- bis freitags um 12.00 Uhr einen Service in tsche- gaben des Hörfunks gehörte, übertrug man im Ser- chischer und um 14.50 Uhr in schwedischer Spra- vice Arzthinweise, Hinweise für Sportmöglichkeiten che.24 Die Fremdsprachendienste sollten »entspre- oder Hörfunkkurse, in denen die Eltern Ratschlä- chend den Reiseschwerpunktzeiten nur in der Zeit ge für das Schwimmtraining ihrer Kinder erhielten. vom 15. Juni bis 31. August gestaltet« und täglich Um 8.30 Uhr konnte man an der Strandgymnastik »in tschechischer und in schwedischer Sprache« des Funks teilnehmen. Daneben finden sich Empfeh- übertragen werden.25 Damit wurde der Urlaub die- lungen für spezielle Campingmahlzeiten.18 Im Durch- ser Gäste seit der zweiten »Ferienwellen«-Saison er- schnitt wurden am Tag 40 Informationen und 20 Ver- leichtert und der Hörfunk erbrachte en passant den anstaltungshinweise des FDGB übertragen. Dazu Beweis, wie attraktiv die DDR auch international als kamen sechs Theaterhinweise.19 Urlaubsland war, selbst bei westlichen Touristen. Ein Dienst für sie lohnte sich offenbar. Der für die schwe- Während der Vorsaison ging es im Service darum, dischen Urlauber umfasste folgende Teile: Neben dass die Menschen dem Funk per Post berichteten, den oben für die Urlauber aus der DDR genannten welche Probleme mit Handel und Verwaltung es im Informationen gab es täglich in der Zeit von 14.50 bis Urlaubergebiet noch gab. Ihre Briefe wurden dort 15.00 Uhr das Weltgeschehen und einen Blick in die von kompetenten Gästen im Studio beantwortet.20 Hier verstand sich das Staatsorgan als Freund und Helfer der Menschen. 16 Lenz, 1977 (wie Anm. 9), S. 16. Fünf Jahre nach dem Start hatte sich angeblich »be- 17 NDR. Pressearchiv Ferienwelle. NNN, 24.4.1970. 18 FF Funk und Fernsehen der DDR, H. 18, 1968, S. 21; FF Funk und sonders der Urlauberservice im Programm bewährt«, Fernsehen der DDR, H. 34, 1968, S. 11. denn er half, »die Ferien sinnvoll zu gestalten, die 19 NDR. Bestand Ferienwelle. Ferienwelle Auswertung. Entwicklung und Errungenschaften des Urlauberge- 20 NDR. Pressearchiv Ferienwelle. NNN, 5.6.1972. biets kennen und schätzen zu lernen.« Die vom Funk 21 NDP, H. 11, 1972, S. 11. gegebenen Hinweise »regen zur aktiven Erholung 22 FF Funk und Fernsehen der DDR, H. 34, 1968, S. 11. 23 DRA. 023-00-00. Sender Rostock, o. D., Jahresplan 1983. an und werden am Beispiel demonstriert«, wie dies 24 FF Funk und Fernsehen der DDR, H. 34, 1968, S. 11. die Fachpresse für Journalisten notierte.21 Hier wur- 25 NDP, H. 7, 1968, S. 17. 18 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) schwedische Tagespresse. Hinzu traten Informati- Poznań und Szczecin in Rostock, um die Sendungen onen der Besucher zum Leben in der DDR.26 für die ausländischen Touristen zusammen mit den Mitarbeitern der »Ferienwelle« zu produzieren.36 Mit Die 1968 in verschiedenen Quellen genannten ihrem fremdsprachigen Angebot vollzog die »Ferien- Fremdsprachendienste scheinen jedoch wieder aus welle« »auch im Erholungswesen ein Stück der sozi- dem Programm herausgenommen worden zu sein, alistischen Integration«, denn mit diesen Programm- denn in den Programmankündigungen des Jahres bestandteilen setzte sie den »zwischen den Sendern 1973, also fünf Jahre später, wurde hervorgehoben, Riga, Szczecin und Rostock begonnenen Program- dass die »Ferienwelle« »erstmalig in diesem Jahr maustausch fort«.37 Dementsprechend wurde im […] täglich einen Service in tschechischer und pol- Jahr 1977 der 30. Jahrestag der Gesellschaft für nischer Sprache« ausstrahlte.27 Wurden die Dienste deutsch-sowjetische Freundschaft begangen und für die ČSSR also zum zweiten Mal aufgenommen? dieser im Urlauberprogramm gewürdigt.38 Dem An- Was war mit den Diensten auf Schwedisch? In ei- lass gemäß gehörte zu den Höhepunkten der »Feri- ner Diplomarbeit findet sich der Hinweis, dass der enwelle« »eine Gemeinschaftssendung, die zugleich dort so genannte Ausländerservice 1972, dem Jahr in Riga und Rostock ausgestrahlt« wurde.39 Der ne- des Beginns des pass- und visafreien Verkehrs zwi- ben den Informationen zentrale Programmbestand- schen der DDR, Polen und der ČSSR, begonnen teil der »Ferienwelle« war die Unterhaltung. wurde – dementsprechend in den Sprachen Pol- nisch und Tschechisch.28 Es gibt also drei Termine 4. Das Unterhaltungsprogramm – für den Start: 1968, 1972 und 1973. Doch nicht allei- sozialistische Verhältnisse gefördert ne der Beginn des Service für ausländische Urlauber und vorgestellt ist schwer festzulegen. Der Service für schwedische Touristen taucht nur in der Konzeption der »Ferien- Unterhaltung, Entspannung und Abwechslung, das welle«, ihrer Auswertung durch das SRK 1967 und waren auch in der DDR die Interessen der Menschen, in den Ankündigungen des Jahres 1968 auf, danach die sich im Urlaub ans Meer und zur Mecklenbur- nicht mehr. In den Planungen für das Jahr 1968 wur- gischen Seenplatte begaben.40 Nicht zufällig wurde de er bereits auf fünf Minuten Sendezeit gekürzt.29 ihnen die »Ferienwelle« als Unterhaltungsprogramm Bot die DDR, die erst 1972 von der Bundesrepublik angekündigt. Mit Musik, Unterhaltungssendungen anerkannt war, für die Schweden dann keine Dien- sowie mit Gruß- und Wunschkonzerten versuchte ste mehr an, weil man keine Werbung mehr für sich machen musste? Wurden die Dienste durchgängig gesendet als ein spezieller Service für die Gäste, die in Valuta zahlten, der aber nicht publik gemacht 30 26 NDR. Pressearchiv zur Ferienwelle. ADN (Bezirksdienst), Meldung wurde? Informationen für Westeuropäer kamen öf- vom 20.6.1968. fentlich markiert jedoch in der Zeit der Ostseewo- 27 FF dabei, H. 39, 1973, S. 7. che. Hier wurde im Juli der Service International 28 Dass 1972 ein Service auf Tschechisch und Polnisch übertragen »in deutscher, dänischer, schwedischer, polnischer, wurde, geht auch aus der Presse hervor. Vgl. NDR. Pressearchiv Ferien- welle. NNN, 21.4.1972. russischer und finnischer Sprache« ausgestrahlt.31 29 DRA. KV 93/67, 1.12.1967, Radio DDR Ferienwelle 1968. Untermalt wurden die Fremdsprachendienste von 30 In dieser Hinsicht arbeitet jedenfalls das Statistische Jahrbuch der Musik »vorwiegend folkloristischen Charakters des DDR. Vgl. Statistisches Jahrbuch der DDR 1973, S. 395. Hier werden nur betreffenden Landes«.32 1977 wurde der Service die Zahlen derer angeführt, die ihren Aufenthalt über das Reisebüro der dann zwischen dem 1. Juli und dem 31. August – DDR gebucht hatten. Hier wurden die Besucher aus westlichen Ländern zuletzt im 1968 für das Jahr 1967 veröffentlicht. Danach gibt es nur noch also während der Hauptreisezeit – übertragen. Das Hinweise auf Reisende aus dem sozialistischen Ausland. Hier erfährt blieb so.33 man, dass 1972 insgesamt 74.058 Personen aus Polen und 107.036 Rei- sende aus der Tschechoslowakei in der DDR waren. Die Kooperation mit dem Nachbarn Polen be- 31 Jürgen Drewes: Zur Geschichte der Regionalsender des DDR- Rundfunks – dargestellt am Beispiel des Senders Rostock von Radio zog sich neben dem Service noch auf andere Pro- DDR / Radio DDR Ferienwelle. Leipzig 1983, S. 48. DRA. Potsdam-Ba- grammteile. Der Sender Rostock übertrug samstags belsberg. Schriftgut Hörfunk, Diplomarbeit KMU Leipzig. »eine besonders gestaltete Sendung aus dem Be- 32 DRA. KV 33/67, 7.4.1967, Intendanz Radio DDR. zirk mit dem polnischen Rundfunk […], der seiner- 33 NDP, H. 5, 1986, S. 16. 34 34 FF Funk und Fernsehen der DDR, H. 25, 1969, S. 27.seits aus der Wojewodschaft Szczecin« berichtete. 35 Lenz, 1977 (wie Anm. 9), Anlage 5, Prinzipschema der Ferienwelle, S. 3. Die Sendezeit von Szczecin grüßt Rostock variierte 36 Lenz, 1977 (wie Anm. 9), S. 17f. zwar, doch blieb die Reihe einmal monatlich als in- 37 FF dabei, H. 39, 1973, S. 7. ternationaler Bestandteil im Programm.35 Auch auf 38 Drewes, 1983 (wie Anm. 31), S. 54. Personalebene arbeitete man zusammen. So waren 39 Jahresübersicht 1977. In: Staatliches Rundfunkkomitee beim Mini- sterrat der DDR (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte des Rundfunks (im Fol- seit 1973 Journalisten der Rundfunkstationen Bra- genden: BGR), Nr. 1, 1978, S. 79. tislava, České Budějowice, Olomouc, Plzeň, Gdańsk, 40 Helmut Hanke: Freizeit in der DDR. Berlin (Ost) 1979, S. 99. Christian Könne: Die »Radio-DDR-Ferienwelle« 19 sie, die Wünsche der Menschen zu bedienen.41 Da- Klassiker, der seit jeher hohe Publikumsgunst ga- bei bot das Unterhaltungsrepertoire der »Ferienwel- rantierte: dem Hafenkonzert, das als Studio-Hafen- le« einiges, das Erfolg beim Publikum versprach. konzert übertragen wurde. Einmal im Monat hieß es am Sonntagmorgen »Schiff ahoi!«. Von 6.00 bis 8.00 Unterhaltende Musik – Zielgruppenprogramme Uhr konnten die Hörer »das erste große Auslaufen mit Zusätzen der ‚Weißen Flotte‘ Stralsund miterleben«. Die Mu- sik zum Studio-Hafenkonzert kam vom Musikkorps Den Reigen der Unterhaltungselemente führte dem der Volksmarine Stralsund.50 Doch neben der musi- Medium und dem Publikumsinteresse entsprechend kalischen Unterhaltung machte das Studio-Hafen- die Tanz- und Unterhaltungsmusik an. In den offizi- konzert und auch der Bäderbummel die Urlauber vor ellen Ankündigungen für 1971 wird erwähnt, dass allem mit der gesellschaftlich-historischen Entwick- die »Ferienwelle« 1971 im Monat 17.000 Sendeminu- lung und den sozialistischen Errungenschaften im je- ten Musik übertrug, was etwa 75 Prozent des Pro- weiligen Urlaubsort bekannt.51 gramms ausmachte.42 Im Laufe der Zeit wurden »die Übernahmen und Wiederholungen von Musiksen- Auch die Kur- und Zookonzerte sollten nicht nur das dungen des zentralen Programms [...] verringert [...], musikalische Programm bereichern. Sie dienten da sie sich nicht immer glücklich in das Profil der Fe- gleichzeitig dazu, die »Präsenz von Radio DDR Fe- rienwelle einfügten«. Daher übertrug die »Ferienwel- rienwelle in den Kurorten zu dokumentieren« und le« im Juni 1972 angeblich 18.850 Minuten Musik, nicht zuletzt versuchte man mit ihnen eine größere wovon 16.435, also 87 Prozent, in Rostock selbst ge- Hörernähe zu erreichen – gerade beim älteren Pu- staltet waren.43 Der Musikanteil am Programm lag im blikum. Die Verwendung von Musik für Staatsinte- Juni 1972 damit bei 84 Prozent. Doch ist zu fragen, ressen zeigt sich auch anderswo. So wurden in der ob dieser Spitzenwert nicht vor allem als Argument Sendereihe Chanson gefällig nur diejenigen Chan- für die Zuweisung eines weiteren Musikredakteurs soninterpreten und Liedermacher vorgestellt, »die entwickelt wurde, da der Musikanteil ansonsten ge- sich durch Parteilichkeit, Volksverbundenheit, Erleb- ringer war. Lediglich die Schlagersendungen, die nistiefe und künstlerische Meisterschaft« auszeich- zwischen 9.05 und 10.00 Uhr übertragen wurden, neten. Wichtig an dieser Reihe war daneben auch, waren noch Übernahmen aus dem I. Programm von dass sie in der Urlaubszeit eingesetzt wurde, um Radio DDR. Die übrigen Musiksendungen waren »Ei- die zuvor in Frankfurt/Oder erzielten Ergebnisse der genproduktionen der Musikredaktion des Senders »Tage des Chanson« weiter in der Öffentlichkeit zu Rostock«.44 Das geschah nicht zufällig, denn die Re- verbreiten. Damit sollte Chanson gefällig vor allem daktion wusste: »Wenn die Musik nicht gut ist, wer- einen »Beitrag zur Förderung und Weiterentwicklung den auch die politischen Beiträge nicht gehört, da des Liedschaffens« in der DDR leisten.52 der Hörer einen anderen Sender einschaltet«.45 Bis zur 1980 wurden dann nur noch etwa 10 Stunden des Tagesprogramms, also 66 Prozent, mit Musik gestaltet.46 41 FF Funk und Fernsehen der DDR, H. 18, 1968, S. 21; Als Unterhaltungsmusik sah man in den 1960er und NDP, H. 11, 1972, S. 11. 1970er Jahren das Volkslied, den Schlager, die Ope- 42 NDR. Pressearchiv Ferienwelle. Ostseezeitung, 30.4.1971; rette und auch die leichte Oper an.47 Sie kam in Sen- NNN, 30.4.1971. dereihen wie Bunte Urlaubsnoten, Musik von Freun- 43 DRA. 023-00-00, 7.11.1972, Direktion Rostock an das SRK: Antrag auf Planstelle für Musikredakteur. den, Heiße Noten, Oft gewünscht, für Sie gespielt, 44 Lenz, 1977 (wie Anm. 9), S. 13. Ferienwellenrhythmus oder der Liederregatta, die 45 NDR. Bestand Ferienwelle, Auswertung Ferienwelle. konzeptionell der Schlagerrevue von Radio DDR I 46 DRA. 023-00-00, 05.10.1981, Gedanken zur Auswertung der 15. Fe- glich, jedoch ausschließlich durch Musik mit mari- rienwelle und Vorbereitung der 16. 47 Eine Untersuchung bei Jugendlichen und Erwachsenen ergab 1977 timer Thematik bespielt wurde. Unter Berücksichti- in Bezug auf die Werktätigen folgende Rangliste der musikalischen Vor- gung der Interessen Jugendlicher bot man seit 1978 lieben: Schlagermusik 78,5 Prozent, Stimmungsmusik 56,5 Prozent, eine Ferienwelle-Disko an.48 Neben diesen eher un- Blas- und Marschmusik 45,0 Prozent, Volksmusik 44,4 Prozent, Operet- politischen Sendereihen gab es solche, die politisch te / Musical 44,3 Prozent, Beat 25,9 Prozent, Oper 15,0 Prozent Chan- sons 11,5 Prozent, politische Lieder / Lieder der Singebewegung 8,7 Pro- motivierte Zusätze hatten. So stellte die Reihe Mu- zent, sinfonische und Kammermusik 8,1 Prozent, Jazz 7,9 Prozent. Hanke, sik für junge Leute die Erziehung der Jugend und 1979 (wie Anm. 40), S. 90. die Propagierung von DDR-Musik ins Zentrum, denn 48 Jahresübersicht 1978. In: BGR, Nr. 2, 1979, S. 67. hier wurden Solisten und ostdeutsche Gruppen vor- 49 Lenz, 1977 (wie Anm. 9), S. 12. gestellt. Daneben gab sie Antwort auf Hörerpost- 50 FF Funk und Fernsehen der DDR, H. 21, 1968, S. 29. 51 NDP, H. 7, 1968, S. 17; FF Funk und Fernsehen der DDR, fragen und berichtete über die FDJ-Arbeit.49 Für die H. 35, 1967, S. 23. älteren Hörer brillierte die »Ferienwelle« mit einem 52 DRA. 023-00-00, Sender Rostock, o. D. Jahresplan 1983. 20 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) Auch an der Verbindung von musikalischen Publi- sollte ebenfalls die Lieblingsmelodie und das Danke- kumsinteressen mit der von der Partei für die Be- schön der »Ferienwelle«-Hörer dominieren.57 völkerung vorgesehenen Bildung arbeitete die »Fe- rienwelle«. In der Reihe Strandgut... vorwiegend Es war jedoch nicht der Gruß an sich, der interessier- musikalisch wurde nicht zufällig »eine Mischung von te. Die Glückwunschsendungen sollten politisch kor- interessanten internationalen Schlagern, Interviews rekt für Sozialismus und Ferienhelfer genutzt werden: und Arbeiten der kleinen literarischen Form« über- »Wir wollen sie veranlassen, vor den Originalmikro- tragen. Denn mit der Unterstützung von internatio- fonen der Radio DDR Ferienwelle ihre schönsten Ur- nalen Schlagern sollten die »vorwiegend […] wenig laubserlebnisse zu erzählen. Auskunft über sich und bekannten Autoren« popularisiert werden. Da die Li- ihre Ansichten zu geben und den Gastgebern ein teratur alleine nicht genügte, um die Menschen an Dankeschön zu sagen«.58 Die Musikwünsche konn- den Geräten zu halten, gab es als Dreingabe bei- ten per Postkarte, Telegramm oder Telefon im Sen- spielsweise »lustige Chansons von Kurt Drechsler der Rostock angemeldet werden. Erwähnenswert und Harald Cornelius«.53 Um dem Publikum eine ge- war den Hörfunkmachern dabei, dass diese kosten- lenkte Möglichkeit der Teilnahme zu geben, wurde in los übertragen wurden. Nicht überraschender Weise den 1980er Jahren die Reihe Meine Welt ist die Musik war Meine Ferienmelodie mit diesen Planungsvorga- aufgenommen. Hier sollten die »Vertreter von Kollek- ben »ein Gruß- und Wunschkonzert für die Urlauber, tiven, […] Betrieben und gesellschaftlichen Einrich- das […] so manches Dankeschön an fleißige Helfer tungen das Musikprogramm bestimmen«. Daneben des FDBG-Feriendienstes oder an einen der vielen stand jedoch fest, dass sich die Menschen in der Zeltplätze an der Ostseeküste übermitteln« konnte.59 Sendereihe auch »über ihre Arbeit, ihre Freizeit und ihre Familien« austauschen sollten. Hier sollten »vor- Doch war das Grüßen bedeutsamer, als sich dies bildliche Werktätige, Helden des Alltags« medial prä- auf den ersten Blick vermuten lässt. Die Gruß- und sentiert werden.54 Wunschsendungen hatten eine politische Funktion für den Staat, wie die Fachpresse dies ausgearbei- Die Gruß- und Wunschsendungen – tet hatte: »Öffentliches Glückwünschen kann mora- Musiksendungen mit sozialistischem Gruß? lische Werte der neuen Heimat zutage fördern, wenn es deutlich macht, wie an die Stelle rücksichtslosen Musiksendungen, die konzeptionell an zentraler Stel- Strebens zum persönlichen Vorteil (bürgerliche Mo- le standen, waren die Wunschsendungen. Selbst- ral vieler im heutigen Westdeutschland) uneigennüt- verständlich hatte die »Ferienwelle« eine Gruß- und zige Hilfe und eine neues Verhältnis der Menschen Wunschsendung für die Seeleute und deren Ange- in der DDR tritt. Deshalb können Glückwünsche im hörige im Programm. An jedem Tag zweimal erklang Funk sowohl einem bestimmten Hörer Freude brin- das Motto der Reihe Seemann, Dich grüßt Deine gen als auch Emotionen auslösen, die es vielen er- Heimat, die Grüße, Berichte aus der Schifffahrt und möglichen, in neue gesellschaftliche Zusammen- Musik bot.55 Wichtiger jedoch waren die Grüße im hänge zu blicken. Es sind stark suggestiv wirkende Land. Sie wurden vom Funk entsprechend ange- Programme«.60 mahnt: »Vergessen Sie während der erholsamen Fe- rien nicht, auch die Sie Betreuenden zu grüßen, und Durch die Verbreitung von Informationen, die in den das im Gruß- und Wunschkonzert der Ferienwelle«.56 Grüßen vorhanden waren, sollte mit den Gruß- und Wunschsendungen »die Förderung der Erziehung Wer wann wen grüßte, war ebenfalls festgelegt. und Selbsterziehung der Hörer zu sozialistischem Montags bis freitags zwischen 9.15 und 10.00 Uhr übermittelte die Sendereihe Grüße, Gäste, Gratu- lanten Wünsche und Grüße »speziell der Einwoh- ner des Küstenbezirks«. Die Feriengäste sollten ihre Wünsche im Abendprogramm der »Ferienwelle« von 19.10 bis 19.55 Uhr an den Wochentagen in der Sen- 53 FF Funk und Fernsehen der DDR, H. 31, 1967, S. 25. dereihe Grüße, Wünsche, Dankeschön übermitteln. 54 DRA. 023-00-00, Sender Rostock, o. D., Jahresplan 1983. Mit dieser zusätzlich in die »Ferienwelle« 1968 auf- 55 FF dabei, H. 39, 1973, S. 7; FF Funk und Fernsehen der DDR, H. 37, 1967, S. 11. genommenen Wunschsendung bot sich »vor allem 56 FF Funk und Fernsehen der DDR, H. 23, 1967, S. 27. den Urlaubern an der Ostsee und der Mecklenbur- 57 NDR. Pressearchiv Ferienwelle, ADN (Bezirksdienst) Meldung vom gischen Seenplatte Gelegenheit, freundlichen Gast- 8.5.1968. gebern, hilfsbereiten Miturlaubern für eine gute Tat 58 FF Funk und Fernsehen der DDR, H. 24, 1968, S. 11. ein musikalisches Dankeschön zu sagen«. Als drit- 59 FF Funk und Fernsehen der DDR, H. 39, 1967, S. 21. 60 Willi Lange: Blickpunkt Heimatsender. In: RTP Sonderheft Blick- te Wunschsendung wurde am Samstag Meine Feri- punkt Heimatsender. Über den kulturellen und ethischen Auftrag der Be- enmelodie von 10.10 bis 12.00 Uhr ausgestrahlt. Hier zirkssender von Radio DDR. Berlin (Ost) 1966, S. 42f. Christian Könne: Die »Radio-DDR-Ferienwelle« 21 Denken, Fühlen und Handeln« bewirkt werden.61 Ob gezielte Fragen im Gespräch mit den grüßenden Ur- das klappte, wurde in einer Diplomarbeit untersucht. laubern und Gastgebern […] möglich, die neuen Ge- Aus den Ergebnissen wird deutlich, worauf sich die meinschaftsbeziehungen der Urlauber untereinan- sozialistischen Grüße beziehen sollten, um wirksam der sowie wechselseitig zwischen den Feriengästen zu werden. Als Fazit hielt die Autorin über die Sen- und Küstenbewohnern kenntlich zu machen«.65 Auch dereihe Grüße, Gäste, Gratulanten fest: »Grüße zu die weiteren Bereiche des Unterhaltungsprogramms Geburts- oder anderen Festtagen wurden von den waren nicht staatsfrei. Hörern reichlich geschickt, während Informationen über besondere Leistungen und Jubiläen von Kollek- 5. Staatsgestaltung durch tiven, Beispiele sozialistischer Verhaltensweisen, Be- Unterhaltung – der Sozialismus im Radio gebenheiten, die die neuen zwischenmenschlichen Beziehungen der Urlauber und Einwohner ausdrü- Die unterhaltenden Wort- und Wort-Musik-Misch- cken, noch völlig unzureichend« waren. sendungen waren in der Urlaubszeit ebenfalls auf die großen Themen ausgerichtet. Für 1968 wurden Da die Menschen Grüße ihrer Wahl schicken konn- den Menschen »55 mehrstündige Unterhaltungs- ten, waren die Gruß- und Wunschsendungen bei den programme, darunter 16 originalübertragene Ver- Hörern sehr erfolgreich. Zwar war diesem »Interes- anstaltungen« angekündigt.66 Diese Zahl wurde bis se an Gruß- und Wunschsendungen […] durch ver- zu Beginn der 1970er Jahre auf 40 öffentliche Live- längerte Sendezeit entsprochen worden. Ziel dürfe Veranstaltungen gesteigert.67 Dass hier ebenfalls die [jedoch] nicht sein, in Zukunft eine noch größere An- Verbindung von Staatsinteresse und Urlaubsgestal- zahl von Grüßen zu übermitteln, sondern den Grü- tung vollzogen wurde, kann die Übersicht des Jahres ßen eine stärkere Aussagekraft über die Gemein- 1976 zeigen. Themen und Termine, die für den Urlaub schaftsbeziehungen der Menschen zu verleihen. im Sozialismus wichtig waren, wurden hier in Form Eine Häufung von Grüßen müsse vermieden werden von Unterhaltungssendungen angeboten: zugunsten von Äußerungen der Urlauber selbst über Gedanken, Gefühle und Taten, die sie in der Gemein- n »Hurra, die Urlauber kommen (Moderatorsendung schaft mit anderen Feriengästen und denen, die sie zu Problemen des Straßenverkehrs bei Beginn der im Urlaub versorgen, bewegen«.62 Hauptsaison auf der Insel Rügen) n Von der ‚Wilhelm Pieck‘ zum Vollcontainerschiff – Der Erfolg, den die Wunschsendungen bei den Hö- 30 Jahre Warnow Werft (Moderatorsendung) rern hatten, entsprach also nach zwei Jahren nicht n Mittagskonzert aus dem Rostocker Fischkombi- im gewünschten Maße den politischen Zielen, die nat (hier wurde Einblick in die Arbeit der DDR- die SED mit ihnen verfolgte. Dass die Sendezeiten Hochseefischer gegeben) für die Gruß- und Wunschsendungen angesichts n Was wäre der Urlaub ohne sie (Moderatorsen- solcher Resultate dennoch ausgeweitet wurden, lag dung in denen Urlauber ihren Gastgebern Danke- am »Gebot, hörerwirksame Sendungen mit gerin- schön sagen) gem Aufwand zu gestalten«, da der Sender Rostock n Hurra, es geht nach Hause (Moderatorsendung knapp mit Finanzen und Personal war.63 In Anbe- zur Lenkung des Urlauberverkehrs in Richtung tracht der Beliebtheit beim Publikum und der erwei- Süden zum Ende der Hautsaison) terten Sendezeiten sollte daher versucht werden, n Wir sagen Dankeschön (Gemeinschaftsveran- »eine stärkere Aussagekraft über die Gemeinschafts- staltung mit dem FDGB-Bezirksvorstand Rostock beziehungen der Menschen zu erreichen«. Doch zum Abschluß der Sommersaison 1976)«68 wie wollte man das umsetzen? Auch hierzu wusste der Fachjournalismus Rat. Um die politische Aufla- dung in Bezug auf die Höreräußerungen zu realisie- ren, sollte der Hörfunk auf die Grüße der Menschen 61 Karin Grüner: Möglichkeiten zur Erhöhung des Gehaltes aktuell-po- litischer Informationen in Gruß- und Wunschsendungen, dargestellt an »schon Einfluß nehmen, bevor sie das Funkhaus er- »Grüße, Gäste, Gratulanten«, »Grüße, Wünsche, Dankeschön« und »Mei- reicht haben«. Kritisch fragte man sich in diesem Zu- ne Ferienmelodie« in der Ferienwelle von Radio DDR. Leipzig 1970, S. 2. sammenhang, »ob die früheren Grußformulare ge- DRA. Potsdam-Babelsberg. Schriftgut Hörfunk. Abschlussarbeit für die eignet sind, Informationen aufzuspüren«?64 In der Zusatzprüfung an der Fachschule für Journalistik in Leipzig 1969/70. 62 Grüner, 1976 (wie Anm. 61), Informationsblatt des SRK auf dem Abänderung der Gruß-Formulare bestand offenbar Deckel der Arbeit. eine Möglichkeit, die Äußerungen der Menschen 63 Grüner, 1976 (wie Anm. 61), S. 2. fortan genauer in die gewünschte Richtung zu len- 64 Ebd., S. 8. ken und diese dann in kostengünstiger Weise aus- 65 Ebd., S. 4. zustrahlen. Unproblematischer war das Procedere 66 FF Funk und Fernsehen der DDR, H. 18, 1968, S. 21. 67 DRA. 023-00-00, 17.1.1972, Direktion Sender Rostock an SRK: in der Reihe Meine Ferienmelodie, die live von den Antrag auf Stellenerweiterung. Zeltplätzen übertragen wurde. Hier war es »durch 68 Lenz, 1977 (wie Anm. 9), S. 13f. 22 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) Auch das Konzept der Begleitung zentraler Stationen Staatsgestaltung durch Unterhaltung – der staatlichen Entwicklung der DDR bzw. der Würdi- Sozialismus durch das Radio: gung von für das Staatsverständnis relevanter Daten der Hörfunk als »kollektiver Organisator« durch Unterhaltung durchzog das Ferienprogramm. Dieser Idee folgend, war das Abschlussprogramm Ein sehr typisches Konzept war es, den Menschen der »Ferienwelle« im Jahre 1974 Teil der Bezirksfest- einen vorstrukturierten Raum im Rahmen der Pro- veranstaltung zum 25. Jahrestag der DDR. Die Er- grammgestaltung einzuräumen. Die Menschen öffnungs-Unterhaltungssendung des Urlauberpro- sollten sich beteiligen, aber nur so, wie es das Staats- gramms im Jahr 1975 war als Bezirksveranstaltung organ Rundfunk zuließ. Der Hörfunk sollte »kollek- zum 30. Jahrestag des Kriegsendes und der »Befrei- tiver Organisator der sozialistischen Umgestaltung« ung vom Hitlerfaschismus durch die Rote Armee«, sein.75 Als zentrale Aufgabe hatte das Medium dabei wie das in der DDR genannt wurde, gestaltet. Im Fol- an der Erschaffung der so genannten sozialistischen gejahr wurde die Auftakt-Unterhaltungssendung der Menschengemeinschaft mitzuarbeiten. Um einen di- »Ferienwelle« 1976 vom »Bezirksausschuss der Na- rekten Kontakt zum Publikum herzustellen, hatte die tionalen Front zur Ehrung der Besten im Wettbewerb »Ferienwelle« »ein fahrbares Sonderstudio, das […] zum IX. Parteitag der SED« genutzt.69 Anlässlich der oft die wichtigsten Zeltplätze an der Ostseeküste« Vorbereitung des 30. Jahrestags der DDR 1979 wur- ansteuerte.76 Doch wie wurde eine amorphe Menge de dann die Sendereihe Gute Taten ziehen Kreise im an Urlaubern zur definierten und erkennbaren Masse Programm installiert.70 Die Reihe lief über zwei Jah- der von der Partei gewünschten sozialistischen Men- re, stellte Kreise des Bezirks Rostock vor und ehrte schengemeinschaft? »verdienstvolle Bürger«. Durch diese Arbeit wurde »ein vertrauensvoller Dialog zwischen Bürgern und Die »Ferienwelle« rief beispielsweise »in einer Ori- Partei hergestellt bzw. dokumentiert«.71 Ein funkti- ginalsendung die Urlaubsorte Baabe, Sellin und onierender Austausch zwischen Partei und Bevöl- Göhren auf Rügen zum Wettkampf auf, so viele Ur- kerung im Rahmen einer vergnügten Kulisse wur- lauber wie möglich zum Strandwandern zu bewe- de aufgezeigt und so angeblich nachgewiesen. Die gen. Es trafen sich mehr als 4500 Sportbereite«. Menschen sprachen mit dem Staatsorgan Rundfunk. Damit war die Funktion des kollektiven Organi- Sie äußerten Sorgen und Nöte, aber auch Lob. Der sators beim Hörfunk erfüllt. Wichtiger waren je- Dialog zwischen Staat und Bevölkerung war für die doch die Veranstaltungen von den Campingplät- SED umgesetzt. Die Menschen hatten ihr Mitspra- zen. Eine zweistündige Übertragung mit dem Titel cherecht im Rahmen der sozialistischen Demokra- Sommer – Sonne – Ostseestrand in Prerow zeigt tie erhalten.72 den Ablauf: »Die Reporter kommen zu Ihnen an den Strandkorb, werfen einen Blick in die Cam- Die gleiche Mittlerrolle in der Kommunikation zwi- ping-Küche und sind mit den Mikrofonen und So- schen Partei und Menschen übernahm die »Ferien- listen mitten drin im Zeltleben. Den ganzen Tag über welle« auch im neuralgischsten Punkt eines Ostsee- läuft ein Programm ab, das weniger für die Urlau- urlaubs. Die Küste war auch eine Grenze und die ber als mit [H.i.O.] ihnen bestritten wird. Schon am Grenztruppen hatten mit der Schusswaffe zu sichern, Vormittag erhalten Talente unter ihnen Gelegenheit, dass alle Urlauber im Land blieben. Zur Entkramp- sich für die Mitwirkung an der Originalsendung zu fung des Verhältnisses von Staatsmacht und Men- qualifizieren. Auch HO [Handelsorganisation] und schen musste ebenfalls die Unterhaltung herhalten. Konsum sind mit Mode und Campingschauen von Aus diesem Grund forderte die »Politabteilung der der Partie. Für Musik, Stimmung und gute Laune Grenzbrigade Küste der Nationalen Volksarmee« die »Ferienwelle« auf, »die für 1977 vorgesehenen Freundschaftstreffen mit der Bevölkerung […] durch die Gestaltung von Unterhaltungssendungen unter- 69 Ebd., S. 21. 73 70 Jahresübersicht 1978. In: BGR, Nr. 2, 1979, S. 67.stützen«. Bei dieser Kooperation blieb es. Auch 71 Jahresübersicht 1979. In: BGR, Nr. 3, 1980, S. 65. 1985 findet sich in der Übersicht der öffentlichen 72 Christian Könne: Hörfunk im Kalten Krieg. Berliner Radiostationen und Unterhaltungssendungen eine Folge von Feri- in der Systemkonkurrenz. In: Michael Lemke (Hrsg.): Schaufenster der en mit Musik, die bei der Grenzbrigade Küste ange- Systemkonkurrenz. Die Region Berlin Brandenburg im Kalten Krieg. Köln 74 2006, S. 376–378.siedelt wurde. 73 Lenz, 1977 (wie Anm. 9), S. 22. 74 DRA. 023-00-00, 04.01.1985, Übersicht der geplanten Unterhal- tungs- und öffentlichen Sendungen 1985. 75 4. Journalistenkonferenz des ZK der SED. Ideologische Waffen für Frieden und Sozialismus. Die Aufgaben von Presse, Rundfunk und Fern- sehen beim umfassenden Aufbau des Sozialismus in der DDR, Berlin (Ost) 1965, S. 6. 76 FF Funk und Fernsehen der DDR, H. 18, 1968, S. 21. Christian Könne: Die »Radio-DDR-Ferienwelle« 23 sorgen unter anderem das Evergreen-Sextett […] Unterhaltung in Wortsendungen – Alltagserfah- und Eberhard Cohrs«.77 Bei dieser Sendung stan- rungen im Sozialismus öffentlich gemacht: kanali- den »die Mikrofone […] unmittelbar am Strand, zwi- sierte Frustration schen den Zelten und auf improvisierten Bühnen – in Prerow in einem geräumigen Rettungsboot«.78 Dass der Urlaub im Sozialismus eine gruppeninten- Nachdem es so bereits 1968 »für Tausende Urlau- sive Erfahrung war, konnte auch in Wortsendungen ber […] ein Stelldichein mit der Ferienwelle« ge- humorig-kritisch dargestellt werden. Die Alltagser- geben hatte, wurde das Konzept dieser Camping- fahrung, die mit Urlaub verbunden war, wurde im knüller fortgesetzt. Die Sendungen funktionierten Medium besprochen, die möglichen Frustrationen offenbar: »Bis zu 12.000 Besucher waren gezählt öffentlich angesprochen.85 Nicht ausgespart blieb worden, wenn die Ferienwelle original von einem dabei die Belehrung der Menschen, wie die Sen- Zeltplatz aus gesendet wurde, namhafte Solisten dung Badesitten mit zwei Sprecherstimmen exem- als Mitwirkende die Gäste von nah und fern anzo- plarisch zeigt: gen und ein großes Strand-Lagerfeuer am Abend zu Gesang, Geselligkeit und Spiel einlud. Solche Hier ist die Radio DDR-Ferienwelle mit der Unterhaltung am Sendetage vom Zeltplatz« waren »Höhepunkte […], Nachmittag […] die der Sender […] organisiert – mit der Absicht, 1. Denn wie sagt ein Sprichwort Feriengästen […] große gemeinschaftliche Erleb- 2. »Ein Badegast kommt selten allein«. nisse zu vermitteln«.79 Das Ziel dieser Sendungen 1. Welch ein Glück. war es, die sozialistische Masse in der von der Par- Lautsprecher: In die Stadtbahn nach Warnemünde bitte einstei- tei gewünschten Form entstehen zu lassen, in die gen und Türen schließen. von der SED vorgegebene Richtung zu steuern und dies als die sozialistische Menschengemeinschaft 2. Wieviel gehen da hinein? medial darzustellen und zu verbreiten, die die SED 1. Wenn sie gut zu drängeln verstehen tausend. als Ziel für die Bevölkerung der DDR vorgab. Mit 2. Und wie oft drängelt man sich so? dieser »Mach-mit!«-Öffentlichkeit erfüllten die Sen- 1. An heißen Sommertagen wohl 20 mal. dungen zentrale Aspekte des diktatorischen Öffent- 2. Das heißt also lichkeits- und Gesellschaftsdiskurses, der sie von 1. 20-tausend Badewillige haben wir schon befördert in der ähnlich gestalteten Veranstaltungen in Demokra- Hochsaison tien unterscheidet.80 In dieser Funktion ist die Par- 2. Und die wollen alle nach Warnemünde? allele in der Funktionalisierung des Mediums in bei- 1. Fast alle! den deutschen Diktaturen deutlich. Die Sozialisten [...] knüpften an mediale Techniken an, die bereits die 2. 24, 25, 26 und 27 Nationalsozialisten für die Arbeit mit der Bevölke- 1. Was machen Sie denn da? rung verwendeten.81 Nicht zufällig standen »Sen- 2. Ich zähle die Sandkörner, die auf jeden Badegast kommen in dungen organisierender Art, wie beispielsweise die Warnemünde. ‚Ferienwelle Campingknüller‘ im Vordergrund« der 1. Das ist aber ein ziemlich mühseliges Unterfangen. Programmgestaltung.82 2. Nee, so viele sind es gar nicht! [...] Wenn allein die 20-tausend, die nur mit der Bahn kamen, baden wollten [...]. Damit die Menschen immer ein staatlich adä- quates Angebot empfangen konnten, bot die »Fe- rienwelle« »für Regentage […] Wiederholungssen- 77 FF Funk und Fernsehen der DDR, H. 29, 1968, S. 11. dungen von Hörspielen, Funkerzählungen und 78 FF Funk und Fernsehen der DDR, H. 27, 1969, S. 25. Der Ablauf Dokumentationen« an.83 Dabei waren auch die Ur- der Veranstaltung findet sich auf Handzetteln im Pressearchiv des NDR. lauber und ihre Eigenarten Thema. So bot die »Fe- Ebenso liegt hierzu ein Bericht des »Demokrat« vom 31.7.1968 im Pres- rienwelle« 1975 »eine unterhaltsame Plauderei« searchiv des NDR vor. 79 FF Funk und Fernsehen der DDR, H. 28, 1969, S. 4f. unter dem Titel Sächsisch for you, die auf Sitten 80 Adelheid von Saldern: Öffentlichkeiten in Diktaturen. Zu den Herr- und Bräuche der Urlauber einging.84 Aber auch die schaftspraktiken im Deutschland des 20. Jahrhunderts. In: Günter Familienserie Bädzold – 3 mal bläkn, die von der Heydemann und Heinrich Oberreuter (Hrsg.): Diktaturen in Deutsch- Messewelle in Leipzig entwickelt wurde, war als land. Vergleichsaspekte. Strukturen, Institutionen und Verhaltensweisen. Bonn 2003, S. 442–475; hier: S. 461–465. Erfolgsmodell der Unterhaltung der »Ferienwelle« 81 Inge Marßolek: »Aus dem Volke für das Volk«. Die Inszenierung der enthalten. Die Wiedererkennungseffekte des so- »Volksgemeinschaft« um und durch das Radio. In: Adelheid von Saldern zialistischen Alltags waren bei der Gestaltung der und Inge Marßolek (Hrsg.): Radiozeiten. Herrschaft, Alltag, Gesellschaft Wortsendungen von zentraler Bedeutung. Auch in 1924–1960. Potsdam 1999, S. 121–135. anderen Wortsendungen finden sich realsozialis- 82 NDR. Pressearchiv Ferienwelle. Demokrat, 23.4.1969. 83 DRA. KV 33/67, 7.4.1967, Intendanz Radio DDR. tische Erlebnisse und erzieherische Hinweise des 84 Drewes, 1983 (wie Anm. 31), S. 51. Staatsorgans. 85 Könne, 2006 (wie Anm. 72), S. 369f. 24 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) 1. Naja, ... nun sitzen ja nicht alle ständig auf dem Sand da. Viele Das Saisonende für die ganze DDR gehen ins Wasser und noch mehr stehen nach Eis an. Deshalb gibt es wohl auch so wenig Eisbuden, weil stehende Men- Nach dem möglichst kollektiv verbrachten Urlaub schen weniger Platz brauchen als liegende. war auch der Abschluss der »Ferienwelle« ein ge- […] meinschaftlich gestaltetes Erlebnis. Alle, die am Ur- 2. Ob man sich da noch erholen kann? laubserlebnis beteiligt waren, wurden einbezogen. Im zweiten Jahr hieß es: Wir sagen dankeschön aus Musik: Das ist die Frage aller Fragen […] dem Seebad Ahlbeck. Dabei hatten »die Urlauber Geräusch (belebter Strand) [...] Gelegenheit, ‚ihre‘ Ferienwellen-Mitarbeiter persön- 1. Ach ja doch! Das möchte ich aber mal sagen – erholen kann lich zu sehen.« Auch der Kontakt zu den Urlauberbe- man sich – ich meine, sonst würden ja nicht hunderttausende treuern wurde für die abgelaufene Saison letztmalig alle Ärgernisse und Strapazen einer Sommer-Ostseereise auf belobigt und gewürdigt. Daher galt »das Danke- sich nehmen, wenn dabei überhaupt nichts herausspringen schön […] in dieser Sendung […] all jenen, die es er- würde für Herz, Gemüt und Nerven! […] Also ein Sommerur- möglichten, daß in diesem Jahr wiederum zigtau- laub an der See, das ist doch was für die Nerven. Gewiß … ein sende im Urlauberparadies Ostseeküste frohe und 91 paar muß man ja auch lassen. […] Allein diese Ruhe im Prin- unbeschwerte Ferien verleben konnten«. zip! Also, wenn sie mich fragen, man merkt ja gar nicht, daß sich hier tausende tummeln. Selbst das Geschrei der Kinder Die Abschlusssendung der »Ferienwelle«, die als Fi- tönt melodisch, finde ich. Weil ...: die Wellen, die sind ja so nale lief, war eine Live-Sendung, die auch im I. Pro- unendlich beruhigend. (Geräusch: Sendersuche – sehr laut) gramm von »Radio DDR« ausgestrahlt wurde. Es Also, nicht alle Wellen, will ich mal sagen, manche können konnten also alle gewesenen Urlauber und dieje- einem auch ganz schön auf den Geist gehen. Zum Beispiel nigen, die dies erst noch werden wollten, am Ab- die Musikwellen. [...] Da döst man so gemütlich vor sich hin, schlusserlebnis der Urlaubssaison teilhaben. Seit auf der Reise, wird gewissermaßen eingerattert, schläft end- 1979 übertrug man das Finale aus der Rostocker lich und dann kommt plötzlich so‘n freundlicher junger Mann Sport- und Kongresshalle. Die neue Urlaubsgesell- ins Abteil und haut einem den Beat um die Ohren. [...] und das schaft wurde aus den neuen Bauten des Sozialismus‘ nicht nur auf der Bahn, sind doch nicht alle Leute schwerhö- präsentiert. Das Programm wurde durch »namhafte 86 rig. He, Sie, Herr Nachbar, geht‘s nicht ein bisschen leiser? Künstler […] unter Regie der Ferienwelle-Unterhal- tungsredaktion« gestaltet.92 Was von Mai bis Sep- Themen wie Mängel in der Versorgung, schlechter tember auf die Sendungen für die Region beschränkt Service oder Massenbetrieb am Meer finden sich blieb, wurde einmal jährlich zum krönenden Schlus- entsprechend auch in anderen Hörspielen, die für spunkt: live und für die gesamte DDR ausgestrahlt. die Schlechtwetterphasen bereit gehalten wurden – Bis 1983 wurde die Feriensaison mit dem Finale be- denn gerade dann lagen die Nerven, wegen der in endet.93 Dann musste dieser Abschluss jedoch ent- den Sendungen besprochenen Themen, blank.87 Es fallen, da er »unter […] Einhaltung der uns vorgege- gab aber auch eine andere Art der Wortunterhal- benen Limite nicht mehr […] zu realisieren«94 war. tung, beispielsweise die FKK-Sendung. Hier ging es einmal im Monat jeweils um 14.00 Uhr »um lau- 6. Hörereinbeziehung – im Sozialismus ter nackte Tatsachen«, die als Ferienwelle kommen- eine schwierige Sache tiert kritisch übertragen wurden:88 »Mal klappts beim Handel nicht, mal ist es die Kurverwaltung, die zum Zentrum der Arbeit war die Lenkung und Leitung Ärger Anlaß gibt, mal ist es der Urlauber selber. Auch der Massen. Doch obwohl dies das ureigene Terrain die Zeltplätze haben noch ihre Schwächen«. Zu die- und die vordringliche Aufgabe des DDR-Staatsfunks sen Problembereichen von Urlaub sollten die Men- war, blieb es auch ein neuralgischer Punkt. Denn schen »ihre kritischen Bemerkungen und Beobach- tungen« an den Sender schicken. Damit »FKK – eine kabarettistische Unterhaltungssendung, eine direkte 86 DRA. NL 36V B023-00-002/0001 TSig 0004, »Badesitten«. Unterstützung für die Urlauber, eine kaum wohl- 87 Vgl. zu diesem Themenkomplex beispielsweise auch die Sendung schmeckende Kost für Dünenlatscher und Strandpi- »O, diese Hitze«. DRA. NL 36V B023-00-002/0001 TSig 0005, »O, diese raten«89 werden konnte, arbeitete die Figur Kommis- Hitze«. 88 FF Funk und Fernsehen der DDR, H. 25, 1969, S. 27. sar Strandhafer als eine Art Kriminaldienst und wies 89 NDR. Bestand Pressearchiv. NNN, 15.5.1968. die Menschen und die Ferienhelfer auf ihre Verfeh- 90 FF Funk und Fernsehen der DDR, H. 21, 1969, S. 11; FF Funk und lungen bzw. die vorhandenen Mängel hin.90 Hier ar- Fernsehen der DDR, H. 25, 1969, S. 27. beitete der Hörfunk als Erziehungsinstrument, wozu 91 FF Funk und Fernsehen der DDR, H. 39, 1968, S. 29. er von der Partei vorgesehen war. 92 Lothar Lenz: 15 Jahre »Radio DDR-Ferienwelle«. In BGR, Nr. 1, 1981, S. 15–32, hier: S. 25. 93 DRA. KV 33/67, 7.4.1967, Intendanz Radio DDR. 94 DRA. 023-00-00, Sender Rostock, o. D., Jahresplan 1983. Christian Könne: Die »Radio-DDR-Ferienwelle« 25 die Hörer sollten so einbezogen werden, dass man zu tun hatten. Der Hörfunk war hier Abbild der di- gegenüber der SED seine Aufgabe als erfüllt ange- rekten Verbindung vom Staat zu den Menschen wie ben konnte. Die Beteiligung der Menschen musste die SED dies für die sozialistische Demokratie po- also dergestalt gesteuert werden, dass diese allein stulierte. im Sinne der Partei zu Wort kamen. Diese Funktion wurde in einer Diplomarbeit untersucht. Hier kann Der Publikumseinbezug während der Sendungen gezeigt werden, wo die Schwerpunkte in der Wahr- war eine andere Form der Massenlenkung. Er mus- nehmung des Programms bei den Programmverant- ste vorbereitet werden. Dass die hier verwendeten wortlichen lagen. Die Ausgangsposition beim Publi- Menschen keine waren, die Probleme bereiteten, kum war jedenfalls eine günstige. Denn der Hörfunk war kein Zufall, wie die Publikumsauswahl für die glaubte zu wissen, dass »Unterhaltungssendungen, Moderator-Unterhaltungssendung 30 Jahre Warnow bei denen sich die Hörer an der Gestaltung betei- Werft – von der ‚Wilhelm Pieck‘ zum Vollcontainer- ligen können, […] nach Wetterbericht, Tanzmusik schiff zeigt. Hier wurden Mitarbeiter der Werft vor- und Schlagern sowie Schlager- bzw. Hitparaden zu gestellt und ausgezeichnet. Da die Journalisten die den gefragtesten Sendungsarten« gehörten.95 Dies Menschen in der Regel nicht kannten, war es »vor- galt es zu nutzen und den Publikumskontakt dem teilhaft, Verbündete zu haben, die diese Partner gut jeweiligen Sendekonzept gemäß parteilich zu ge- kennen«. Die Auswahl erfolgte also über Dritte, die stalten. Im Bereich der quantitativen Arbeit mit den für Zuverlässigkeit bürgten. So stellte man sicher, Massen lief das recht unproblematisch. Wenn wäh- dass die Menschen »sich dem Anliegen der Sen- rend »einer nachmittäglichen Unterhaltungssendung dung gemäß, mitzuteilen verstehen, […] sie vorbild- über den Urlaubssport aus den Ostseebädern Baa- haft wirken«. be, Sellin, Göhren […] mehr als zehntausend Urlau- ber als Mitmacher für einen Sternlauf gewonnen« Schwieriger war der Publikumseinbezug »bei den werden konnten, waren dies Sternstunden für den operativen Unterhaltungssendungen in Sachen Parteirapport der Hörfunkfunktionäre. Straßenverkehr«, die zu Beginn und am Ende der »Ferienwelle«-Saison übertragen wurden. Die- Auch die Resonanz der öffentlichen Sendungen ließ se Sendungen waren kniffliger als die bereits er- sich angeblich sehen. Bei Veranstaltungen in ge- wähnten. Es fehlte die Vorbereitungszeit zur Auswahl schlossenen Räumen waren regelmäßig »alle Plätze der Kandidaten. In den Sendungen zum Straßen- ausgebucht« und »oft noch zusätzliche Beschallung verkehr musste »der Journalist schon aus der Re- nötig […], damit die Gäste in Nebenräumen oder auf aktion des Fahrers, wenn er von einem Verkehrspo- Vorplätzen wenigstens das Hörerlebnis haben«. Bei lizisten angehalten wird, zu entnehmen versuchen, Veranstaltungen im Freien ging die »Besucherzahl in ob er als Partner geeignet sein könnte«. Sofern di- die tausende«. Hörerpost und Besucherzahlen wa- ese Einschätzung positiv ausfiel, blieben »für die ei- ren stets ein zentrales Argument für den gelungen gentliche Vorbereitung […] nur Minuten« und die He- realisierten Parteiauftrag des Massenmediums. Die rausforderung alles richtig zu machen, war enorm: Anwesenheit der Menschen wurde mit innerer Anteil- »Gewiß geht es hier immer nur um ein Gespräch nahme und Übereinstimmung mit den intendierten von wenigen Minuten, aber auch in wenigen Minu- Zielen der SED gleichgesetzt. Bei den Menschen ten kann etwas falsch gemacht werden, was even- nachgefragt, wurde in dieser Hinsicht nicht. tuell viel Zeit zu seiner Berichtigung braucht«. Als zentrale Gefahr galt das unzensierte Wort: »Was Die Vorbereitung von öffentlichen Gruß- und Wunsch- in einer Originalsendung ins Mikrofon gesprochen sendungen wie Ferien und Musik bzw. Meine Fe- wird, ist nicht mehr zu cuttern«. In die gleiche Rich- rienmelodie war ebenfalls unproblematisch. Dabei tung gingen die Sorgen der Journalisten »bei öffent- »wurden etliche Tage vor Sendebeginn in den Sen- lichen Gruß- und Wunschsendungen, bei denen Hö- deorten – nach Bekanntmachung durch die örtliche rer die Möglichkeit haben, ihre Grüße und Wünsche Presse – Ferienwellen-Briefkästen aufgestellt. Beim selbst original zu übermitteln«. Um die von der Par- Leeren der Briefkästen fanden sich nicht nur Grüße tei vorgegebene Linie auch angesichts potenziell un- und Wünsche unter der Post, sondern gleicherma- zensierter Hörermeinungen durchzuhalten, mussten ßen wandten sich Urlauber wie Einheimische mit ei- die eingesetzten Journalisten »hohes Verantwor- ner Reihe von Problemen an den Rundfunk«.96 Die Bevölkerung hatte hier angeblich ein Vertrauensver- hältnis zum Staatsorgan ausgebildet, das von die- sem erstrebt und nach Interpretation des Hörfunks 95 Lenz, 1977 (wie Anm. 9), S. 7f. Hier werden Ergebnisse einer Umfra- in den Meldungen an die Partei auch erreicht wurde. ge des SRK zu Hörgewohnheiten und Hörerinteressen, deren Ergebnisse als VD 4-1/8/74/4/41 in die Diplomarbeit eingingen, vorgestellt. Vgl. Anla- Die Menschen konnten angeleitet werden, denn die ge 3 der Diplomarbeit. fragten direkt beim Staatsorgan nach, was sie wie 96 Lenz, 1977 (wie Anm. 9), S. 14f. 26 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) tungsbewusstsein, Enga- Kontakt über Art des Hörerkontakts in Zahlen in Prozent gement und Können, […] Post Grüße 19.225 1,6 einen festen politischen Hörerpost 441 0,03 Standpunkt […] und […] Geschäftspost 915 0,07 eine hohe journalistische FK-Post (= Post der Funkkorrespondenten) 86 0,007 Qualifikation« aufweisen.97 QSL-Post (= Post der Funkamateure) 42 0,003 Wenn das freie Wort sol- Sportaktivitäten 552 0,04 che Gefahren und Strapa- Meilenlauf 1.101.624 92,8 zen barg, wieso verzichte- Musik für junge Leute 4.033 0,3 te der ostdeutsche Hörfunk Liederregatta 1.884 0,1 dann nicht einfach auf die Post zu Rätseln und Umfragen 9.246 0,7 Stimmen der Menschen Anrufe Grüße 12.295 1,0 und übertrug alleine vor- Sonstige 32.830 2,7 produzierte und damit po- Gesamtaktivitäten 1.185.897 100 litisch sicher korrekte Pro- Tabelle 1: Hörerkontakte 1976 gramme? Der Grund hierfür liegt darin, dass auch der Hörfunk der DDR wusste, hatte die »Ferienwelle« seit 1973 jedoch die Kardi- dass es durch den Publikumseinbezug gelang, »die nalvariante gefunden, die Zahl ihrer Hörerkontakte Glaubwürdigkeit des Gesagten zu erhöhen und die zu erhöhen: »Es wurden alle auflaufenden Anrufe als Bereitschaft der übrigen Hörer, sich mit dem Ge- Höreraktivität mitgerechnet«. So war die gewünsch- sagten zu identifizieren, zu verstärken«.98 Durch die te Steigerung der Hörerkontakte möglich und konn- in den Sendungen gegebenen Äußerungen der Men- te gegenüber der Partei angegeben werden. So kam schen war also eine qualitative Verbesserung der es beispielsweise zwischen 1973 und 1974 zu Stei- Zielfunktion möglich. gerungen von den erwähnten 92.046 auf 1.008.628 Hörerkontakten, also eine Zunahme der Massenver- Hörerkontakte – ein politisches Instrument bundenheit um 995,7 Prozent. Für das Folgejahr wur- der Messung von Popularität de nochmals nachgelegt: Hier wurde die »Ferienwel- le« 1.340.386 mal kontaktiert. Das waren traumhafte Zum Start der »Ferienwelle« hatte der ostdeutsche Werte für die Rückmeldung vom Publikum. Die Zah- Hörfunk keine Möglichkeit, den Erfolg seiner Sen- len des Jahres 1976 liegen detailliert vor, so dass kla- dungen beim Publikum mit soziologischen Metho- rer wird, in welcher Hinsicht die »Ferienwelle« kon- den zu messen. Diese wurden im Hörfunk erst seit taktiert wurde (siehe Tabelle 1).101 1974 durchgeführt. Um dennoch eine Aussage über die eigene Arbeit machen zu können, verwendete An diesen Publikumsmeldungen zeigt sich, dass man die Hörerkontakte per Postkarte, Brief oder Te- die Nutzung durch die Bevölkerung auf die unter- lefonanruf als Indikator des Erfolgs der eigenen Ar- haltenden Bereiche und die Übermittlung der Grü- beit: 1968, im zweiten Jahr des Urlauberprogramms, ße fiel. Es war also geschickt, wenn der Hörfunk ver- stiegen die Postzuschriften an den Sender Rostock suchte, gerade diese Bereiche politisch aufzuladen. in der Zeit der »Ferienwelle« angeblich »um das Ob bei insgesamt 2,6 Prozent Anteil von den Mel- Zehnfache an, so dass es keine Seltenheit ist, wenn dungen zu den Grüßen dabei von erfolgreicher Ar- bei uns täglich etwa 50 bis 70 Briefe und Karten ein- beit für die Gruß- und Wunschsendungen gespro- gehen«. Doch nicht nur das: »Ein weiteres Zeichen chen werden kann, ist eine andere Frage. der Zustimmung kann man feststellen, wenn man am Strand spazieren geht oder die Zeltplätze besucht, überall wird die ‚Ferienwelle‘ gehört«.99 Masse war gefordert und diese wurde hergestellt. Der Nachweis eines stark steigenden Zuspruchs wurde durch fol- gende Faktoren ermöglicht: 1973 richtete man eine Grußmitschnittstunde ein. Daneben begann man, 97 Ebd., S. 26. die Sendung Musik und Snacks vom Hafen zusam- 98 Ebd., S. 34. 99 NDP, H. 7, 1968, S. 17. men mit dem Fernsehen der DDR zu produzieren. 100 Die »Meilenbewegung« war eine Initiative des DTSB, um den Volks- Nicht zufällig steigerten sich die Kontakte von 1972 sport und die tägliche Bewegung der Bürger zu fördern. Dafür wurden 32.096 auf 92.046 im Jahr 1973, also um 186 Prozent. Massenveranstaltungen organisiert, bei denen die Teilnehmer einen Seit 1974 rief die »Ferienwelle« dazu auf, sich an der etwa zwei Kilometer (je nach Jahreszahl; 1985 beispielsweise 1985 Me- »Meilenaktion« zu beteiligen und die Abschnitte an ter) langen Dauerlauf absolvierten. Ziel der »Meilenbewegung« war die Steigerung der Volksgesundheit und Erhaltung der Leistungsfähigkeit. die »Ferienwelle« zu senden.100 Neben diesen angeb- Für diese Information bedanke ich mich bei René Wiese. lich publikumswirksamen Änderungen im Programm 101 Lenz, 1977 (wie Anm. 9), S. 27 und Anlage 6. Christian Könne: Die »Radio-DDR-Ferienwelle« 27 Die Sendezeiten und Frequenzen der brandenburg die Kreise Teterow und Malchin, Teile »Ferienwelle« – ein Programm für die Urlaubsregion der Kreise Demmin, Altentreptow, Waren und Röbel« versorgte. Die Untersuchung ergab weiterhin, dass Die »Ferienwelle« wurde über UKW und Mittelwelle »die von Rostock-Stadtweide nicht erreichten Kreise ausgestrahlt. Angeblich war die Mittelwelle »insofern des Ostseebezirkes sowie weite Teile des Bezirks von großer Bedeutung, weil viele Urlauber mit Tran- Neubrandenburg […] im Ausbreitungsgebiet des sistorgeräten oder ‚Kofferheulen‘ ausgerüstet sind, Mittelwellensenders Putbus« lagen. Die »Ferienwel- auf denen man überwiegend nur die Mittelwellen le« war also »nicht nur an der Küste, sondern ebenso empfangen kann«.102 Die zentralen Gründe für die in den anderen beiden Mecklenburgischen Bezirken Nutzung der Mittelwellen wie für die Einrichtung der zu hören«, womit sie allerdings ihren Programmauf- »Ferienwelle« im Jahre 1967 waren jedoch andere: trag durchaus erfüllte, denn die Mecklenburgische »Durch die unzureichenden Empfangsmöglichkeiten Seenplatte galt ebenfalls als Urlauberregion. Darü- der Mittelwellen von Radio DDR im Küstenbezirk ber hinaus zeigte die im Funkhaus Rostock einge- gab es das Bedürfnis nach echter Urlauberbetreu- gangene Hörerpost, dass die »Ferienwelle« »auch ung durch den Rundfunk. Nachdem uns zwei Mit- im Norden der BRD, in Dänemark, in Südschweden telwellenstrahler zur Verfügung gestellt wurden, mit und Nordpolen (Küste bis Kołobrzeg/Koszalin) gut denen gleichzeitig das Eindringen westlicher Sen- zu empfangen« war.107 Selbst von hoher See erhielt der zurückgedrängt werden konnte«, nahm die »Fe- die »Ferienwelle« angeblich Hörerpost.108 Zur wei- rienwelle« ihren Betrieb auf.103 Erst die beiden neuen teren Verbesserung der Versorgung der nördlichen MW-Strahler boten die Möglichkeit, seit 1967 ein zu- Urlauberregion wurde die »Ferienwelle« 1981 erst- sätzliches Programm abstrahlen zu können, das Ver- mals über die Mittelwelle Neubrandenburg 558 kHz sorgung der Urlauber und Verdrängung von West- ausgestrahlt, so dass fortan angeblich auch »gute sendern zum Auftrag hatte. Angeblich wurde das Empfangsmöglichkeiten im Müritzseengebiet« be- Ziel erreicht: »Die Erfahrungen […] besagen, dass standen.109 Wie gut das Programm dort bis dato tat- durch die […] Ferienwelle der Empfang von West- sächlich zu empfangen gewesen war, ist also die Fra- sendern auf Zeltplätzen und am Badestrand zurück- ge. Die »Ferienwelle« war mit dieser Funkversorgung gedrängt wurde.« Neben der inhaltlichen Gestal- jedenfalls ein Programmangebot für den Norden der tung war dafür vor allem die Tatsache verantwortlich, DDR insgesamt – und nicht nur eines für die Urlauber. dass »durch den Einsatz zweier fahrbarer Mittelwel- lensender an vielen Stellen der Küste zum ersten Die »Ferienwelle« – ein Programm Mal die Möglichkeit [bestand], ein Mittelwellenpro- nur für die Urlauber? gramm des Deutschen Demokratischen Rundfunks technisch einwandfrei zu empfangen«.104 Die »Ferienwelle« bediente nicht nur die Urlauber, sondern auch die Einwohner der nördlichen Bezirke In der zweiten Saison wurde die »Ferienwelle« täg- der DDR. Entsprechend dieser beiden Gruppen er- lich von 6.00 Uhr bis 20.00 Uhr über die Mittelwelle folgte 1981 eine Untersuchung des Programmange- 899 und 1052 kHz sowie von 6.00 Uhr bis 10.00 Uhr bots beim Publikum. Die Ergebnisse zeigen neben über UKW Marlow 91,05 MHz übertragen. Bis 1977 den Nutzungsgewohnheiten auch die Versorgung hatte es hier folgende Änderungen gegeben: Die der DDR mit Radiogeräten auf und werfen in der »Ferienwelle« wurde jetzt von Montag bis Freitag un- Folge auch ein Licht auf die Frequenzversorgung. verändert auf der UKW-Frequenz Marlow 91,05 MHz Die Versorgung der DDR mit portablen Radiogeräten nun jedoch über die Mittelwellenstrahler Rostock- und Autoradios war schwierig. Dementsprechend Stadtweide 557 und Putbus 1052 kHz mit einer er- konnte noch in den 1980er Jahren nur die Hälfte der weiterten Sendezeit von 5.00 bis 20.00 Uhr, sams- Einwohner der beiden Bezirke die »Ferienwelle« mit tags von 6.00 bis 14.00 Uhr und am Sonntag von einem portablen Gerät empfangen.110 Ähnlich sah 6.00 bis 16.30 Uhr ausgestrahlt.105 Etwa drei Prozent die Situation bei den Urlaubern aus. Hier ergab die des Programms waren in Stereoqualität.106 Das Funkamt Schwerin der Deutschen Post unter- 102 NDP, H. 7, 1968, S. 16. suchte 1972 den Hörbereich der beiden Mittelwel- 103 Grüner, 1970, (wie Anm. 64), S. 1. 104 DRA. KV 93/67, 1.12.1967, Radio DDR Ferienwelle 1968. lenstrahler, auf denen die »Ferienwelle« übertra- 105 FF Funk und Fernsehen der DDR, H. 18, 1968, S. 21; sowie: FF da- gen wurde. Als Ergebnis hielt man fest, dass der bei, H. 18, 1977, S. 39. Sender Rostock-Stadtweide »den Ostseebezirk 106 NDR. Schriftgut Ferienwelle, Ferienwellen-Auswertung. ohne die Kreise Rügen, Greifswald, Wolgast und 107 Lenz, 1977 (wie Anm. 9), S. 8f. den Ostteil des Kreises Grimmen, weiter den Be- 108 FF Funk und Fernsehen der DDR, H. 31, 1968, S. 11. 109 Jahresübersicht 1981. In: BGR, Nr. 2, 1981, S. 60. zirk Schwerin ohne Kreis Perleberg und den Süd- 110 DRA. Soziologische Forschung, 017-01-02, 25.3.1982, Ergebnisse teil des Kreises Ludwigslust sowie im Bezirk Neu- der Ferienwellen-Untersuchung 1981. 28 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) Untersuchung, dass etwa 27 Prozent der Urlauber Zeitlich wurde die »Ferienwelle« entsprechend der das Ferienprogramm mit einem Autoradio empfin- international üblichen Empfangsgewohnheiten ge- gen. Umgekehrt nutzten noch etwa 70 Prozent Ur- nutzt. Die Umfragen der 1980er Jahre zeigen, dass lauber »ein anderes Gerät« für den Empfang.111 die Nutzung der »Ferienwelle« nicht mit einer Ur- laubswelle gleichgesetzt werden kann. Die Erhe- Im Bereich der Übertragung weist die Untersuchung bung ergab bei den Einwohnern der beiden Bezirke, des Jahres 1981 ebenfalls eine interessante Entwick- dass die »Hörbeteiligungsspitze am frühen Morgen lung auf. Die »Ferienwelle« wurde von der großen [...] um 6.30 Uhr bei 45 Prozent« lag. Die soziolo- Mehrheit der Hörer, 80 Prozent im Bezirk Neubran- gische Forschung ermittelte eine zweite Nutzungs- denburg und 61 Prozent im Bezirk Rostock, noch in spitze um 17.30 Uhr. Die Urlauber in der DDR nutzten den 1980er Jahren auf Mittelwelle empfangen. Auch die »Ferienwelle« »deutlich später als die Einwohner«, die Urlauber hörten das Programm zu 71 Prozent auf wobei offen blieb, wann die morgendliche Haupt- der Mittelwelle. Zu dieser Zeit waren die Mittelwellen nutzungszeit der Urlauber war. Am Abend wurde im Westen seit langem auf Platz zwei der medialen das Programmangebot der »Ferienwelle« haupt- Übertragungswege abgerutscht, da sie im Vergleich sächlich in der Zeit zwischen 18.00 und 19.30 Uhr zu UKW die tonqualitativ schlechtere Variante wa- gehört – und damit vor dem abendlichen Fernseh- ren. Die Befragungsergebnisse für die »Ferienwelle« programm.112 Ab 19.00 Uhr fiel die Hörerquote stark stehen damit im deutlichen Gegensatz zur interna- ab.113 Entsprechend dieser Nutzungskurve wurde die tionalen Hörfunkfrequenzentwicklung und auch zu »Ferienwelle« im Bezirk Neubrandenburg von 84 und den von der SED für die DDR angestrebten Plänen im Bezirk Rostock von 82 Prozent der Hörer zu Hau- für die UKW-Versorgung des Landes. Denn in den se gehört.114 Plänen des ostdeutschen Hörfunks der 1960er Jah- Neubrandenburg Rostock Durchschnitt-DDR 1975 1981 Änderung 1975 1981 Änderung 1975 1981 Änderung MW 68 92 + 24 68 71 + 3 62 58 – 4 UKW 33 41 + 8 45 65 + 20 44 68 + 24 Tabelle 2: Empfangsmöglichkeiten (in Prozent) re sollte spätestens Mitte der 1970er Jahre landes- Bemerkenswert an den Ergebnissen zur Nutzung weit der Übergang zur Dominanz in der UKW-Nut- der »Ferienwelle« ist, dass sie bei den Einwohnern zung erreicht sein. Die »Ferienwelle« wurde jedoch der Bezirke zu höheren Einschaltquoten führte, als von den Einwohnern im Bezirk Neubrandenburg nur dies bei den Urlaubern der Fall war. Im Bezirk Ro- zu 10 Prozent und von denen im Bezirk Rostock zu stock hörten in der Zeit der »Ferienwelle« 68 Pro- 18 Prozent der Hörer auf UKW empfangen. Bei den zent der Einwohner die »Ferienwelle« (also den Sen- Urlaubern hatten 15 Prozent die Möglichkeit, das der Rostock). Außerhalb der »Ferienwellen«saison Programm auf UKW zu empfangen. Die außerge- schalteten nur 10 Prozent das Programm des Regi- wöhnliche Entwicklung in der Nutzung von Mittel- onalsenders ein. Im Bezirk Neubrandenburg hörten welle statt UKW wird in ihrer Aussage dadurch ver- während der »Ferienwellen«saison 70 Prozent der stärkt, dass die Nutzung der Mittelwelle nicht nur auf Einwohner den Regionalsender. Außerhalb der Ur- hohem Niveau erhalten blieb, sondern sogar noch laubszeit wurde der Sender nur von 5 Prozent der anstieg. Die Empfangssituation der DDR im UKW- Bereich blieb mit den hier vorgelegten Werten hinter der der Bundesrepublik und auch hinter der von der SED für die DDR vorgegebenen Entwicklung zurück. 111 Zu den Empfangsgeräten siehe auch Uta C. Schmidt: Radioaneig- Zwischen 1975 und 1981 wurde die in Tabelle 2 dar- nung. In: Adelheid von Saldern und Inge Marßolek (Hrsg.): Zuhören und Gehörtwerden II. Radio in der DDR der 50er Jahre. Zwischen Lenkung gestellte Entwicklung festgestellt. und Ablenkung. Tübingen, 1998, S. 273–288. Für die nachfolgende Zeit vgl. Christian Könne: Die Entwicklung des DDR-Hörfunks in den 1960er Entsprechend dieser Frequenzverteilung waren Jahren. Pläne, Innovationen, Wirklichkeiten, Diss. Uni Mannheim 2006. auch die Empfangsbedingungen der Einwohner Vgl. auch Bernhard Hein (Hrsg.): Die Geschichte der Rundfunkindustrie der DDR. Bd. 1. 1945 bis 1967. Der schwere Wiederbeginn, Aufstieg und der beiden Bezirke disparat. Im Bezirk Neubran- Blüte der Röhrenempfänger, 3. Aufl. Dessau 2003; Ders.: Die Geschichte denburg konnten 30 und im Bezirk Rostock 44 Pro- der Rundfunkindustrie der DDR. Bd. 2. 1968 bis 1990. Die Zeit der Tran- zent das Programm »sehr gut« empfangen. »Gut« sistoren und Schaltkreise bis zum bitteren Ende. Dessau 2002. empfingen die »Ferienwelle« im Bezirk Neubran- 112 DRA. 017-01-02, 25.3.1982, Ergebnisse der Ferienwellen-Untersu- denburg 56 und im Bezirk Rostock 46 Prozent der chung 1981. 113 NDR. Bestand Ferienwelle, Ferienwellen Auswertung. Hörer. Die Ergebnisse bei den Urlaubern lieferten 114 DRA. 017-01-02, 25.3.1982, Ergebnisse der Ferienwellen-Untersu- ähnliche Werte. chung 1981. Christian Könne: Die »Radio-DDR-Ferienwelle« 29 Einwohner gewählt. Die Urlauber nutzten »ihr« Pro- rem Maße den Vorstellungen der Menschen, als dies gramm in geringerem Umfang als die Einwohner vor sonst in den ostdeutschen Programmen der Fall war. Ort. Im Bezirk Rostock hörten 64 Prozent der Urlau- Dass die Unterhaltung dabei mit wesentlichen Be- ber die »Ferienwelle« und im Bezirk Neubrandenburg reichen der Politik aufgeladen bzw. zur Entkramp- 40 Prozent.115 Die Popularität der »Ferienwelle« bei fung des Verhältnisses von Bevölkerung und Partei den Einwohnern blieb. In den Untersuchungen der eingesetzt wurde, zeigt auch in der zweiten deut- Jahre 1985–89 hatte der Sender Rostock während schen Diktatur das Potenzial, das die Regierenden der Zeit der »Ferienwelle« bei den täglichen Hör- und Programmverantwortlichen medialen Unterhal- quoten von montags bis freitags bei der jeweiligen tungsangeboten zuerkannten. Ob die Hörer das so Bezirksbevölkerung über 15 Jahren mehr als dop- sahen, wurde nicht erforscht. pelt so viele Hörer wie im übrigen Jahr. Die Umfrage zeigte, dass der Sender Rostock während der »Fe- Dieses Konzept brachte Erfolge bei der Politik und rienwelle« von 50 Prozent der Befragten in der Be- ebensolche beim Publikum. Aufgrund dieser Erfolge zirksbevölkerung gehört wurde, außerhalb nur von wurde die »Ferienwelle«, wie kein anderes regionales 21 Prozent.116 Das Urlauberprogramm war offenbar Programmangebot, journalistisch-wissenschaftlich eine beliebte Zugabe der Einwohner der Bezirke. Die begleitet und ausgewertet. Der Hörfunk war be- Urlauber wurden in den Untersuchungen Ende der strebt, den Erfolg beim Publikum dazu zu nutzen, 1980er Jahre nicht zu »ihrem« Programm befragt. die politische Wirksamkeit für die Partei zu erhöhen. Dies wurde von den Urlaubern zeitgenössisch nicht zwingend so erlebt. Für sie war die »Ferienwelle« of- 7. Fazit fenbar ein Unterhaltungsprogramm, das mit sehr viel mehr West-Musik als dies sonst möglich war, den Die »Ferienwelle« wurde als Programm begonnen, Sommer begleitete, nützliche Informationen bot und das die Urlauber unterhaltend auf die Wellen des im Ferienzeitraum etwas »los machte«. ostdeutschen Hörfunks bringen sollte. Die Situation hatte es mit sich gebracht, dass dies erst Ende der 1960er Jahre umgesetzt werden konnte. Das Profil Christian Könne, dr. des., M. a., geboren 1970, ist Studienrat war von Information, Service, Aktivierung der Urlau- an einem Gymnasium in Rheinland-Pfalz, dort Vorsitzender der Fachkon- ferenz Geschichte. Daneben arbeitet er als Lehrbeauftragter an der Uni- ber und Unterhaltung geprägt. Mit dieser Gestaltung versität Freiburg im Breisgau. Nach seinem Studium der Fächer Deutsch, nahm die »Ferienwelle« die Programminnovationen Geschichte, Spanisch und Pädagogik an der Universität Mannheim, das auf, die den DDR-Hörfunk der 1960er Jahre grund- er mit dem Magister- und Staatsexamen abschloss, promovierte er dort sätzlich kennzeichnen. mit einer Dissertation zum Thema »Die Entwicklung des DDR-Hörfunks in den 1960er Jahren. Pläne, Innovationen, Wirklichkeiten«. Nach der Pro- motion absolvierte er seine Ausbildung zum Studienrat an der Schule in Die Informationen waren auf die Situation der Urlau- Berlin. e-Mail : c.koenne@gmx.de ber zugeschnitten, teilweise entstammten sie dem Bereich der Schifffahrt. Ob ihnen das beim Publi- kum eine größere Glaubwürdigkeit einbrachte, ist je- doch fraglich. Der Service war ein Zugehen auf die Bedürfnisse der Menschen, von der man sich ei- nen größeren Zuspruch beim Publikum versprach. Der Service für ausländische Urlauber zeigte, dass die DDR im Rahmen der sozialistischen Kooperati- on mit den Nachbarn aus der östlichen Hemisphäre zusammenarbeitete. Die Angebote für die westeuro- päischen Urlauber blieben offenbar problematisch. Die sicherlich erfolgreichste Methode, ein Urlauber- programm anzubieten, war es, mehr Unterhaltung im Programm zuzulassen. Die durch Unterhaltung besser als sonst mögliche Lenkung und Erziehung der Menschen mit dem Ziel der Erschaffung der so- zialistischen Menschengemeinschaft war eine zen- trale Zielfunktion dieses Programms und des Hör- funks der DDR generell. Das zeigen die Gruß- und Wunschsendungen ebenso wie die Sendungen auf 115 Ebd. 116 DRA. 017-01-02, Juni 1989, Verfasser: Uwe Meergans: Rundfunk den Zeltplätzen und der alljährliche Abschluss der in der Region. Forschungsbericht zu empirischen Untersuchungen Saison. Hierzu entsprach das Programm in größe- 1985–89. Florian Bayer und Hans-Ulrich Wagner »Die deutsche Bevölkerung mit den Verbrechen der Angeklagten bekannt machen« Edition ausgewählter Dokumente zur Berichterstattung des NWDR über den Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess Mit dem Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher begann im November 1945 einer der be- deutsamsten Gerichtsprozesse der Nachkriegszeit. Durch die umfangreiche Medienberichterstattung sollte die deutsche Bevölkerung zu einer Auseinandersetzung mit dem »Dritten Reich« bewogen wer- den. In der britischen Besatzungszone kam dem NWDR und seinen »Berichten aus Nürnberg« dabei eine wichtige Rolle zu. Der Beitrag zeigt anhand ausgewählter Dokumente auf, wie unter der Leitung des Re- dakteurs Peter von Zahn versucht wurde, das Interesse der Deutschen an den Vorgängen in Nürnberg zu wecken und welche Reaktionen dies bei den Hörern hervorrief. Hallo Nordwestdeutscher Rundfunk, hier spricht maßgeblich beteiligten Amerikaner mit einem Repor-Andreas Günther aus dem Justizpalast in Nürn- ter ihrer »Radio Section«.5 berg.« Mit diesen Worten meldete sich seit 11. Mai 1946 der NWDR mit seinem täglichen »Bericht aus Nürnberg«. In dem im November 1945 begonnenen 1 Vom 1. bis 3. Oktober 2009 fand im Dokumentationszentrum Reichs- parteitagsgelände die internationale Fachtagung »’That Four Great Na- Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbre- tions …’ Der Nürnberger Prozess – eine Bestandsaufnahme« statt (http:// cher des nationalsozialistischen Regimes wurden www.tagung-nuernberger-prozess.de). Eine Veröffentlichung der dort erstmals Regierungsmitglieder vor ein internatio- gehaltenen Vorträge ist geplant. nales Tribunal gebracht und vor einer internationa- 2 Christine Bartlitz bezeichnet den Nürnberger Prozess sogar als das len Öffentlichkeit zur Rechenschaft gezogen. Der »Medienereignis der frühen Nachkriegszeit«; vgl. Christine Bartlitz: Von »gewöhnlichen Ganoven« und »erbärmlichen Kreaturen«. Täterbilder in Nürnberger Kriegsverbrecherprozess bildete damit der Berichterstattung des Berliner Rundfunks über den Nürnberger Pro- einen entscheidenden Auftakt für die gesellschaft- zess 1945/46. In: »Bestien« und »Befehlsempfänger«: Frauen und Män- liche Auseinandersetzung mit den nationalsozia- ner in NS-Prozessen nach 1945. Hrsg. von Ulrike Weckel und Edgar listischen Verbrechen im Nachkriegsdeutschland.1 Wolfrum. Göttingen 2003, S. 66–91. 3 Einen guten und reich bebilderten Überblick über die Geschich- Entsprechend der großen Bedeutung des Prozesses te dieses »Erinnerungsortes« geben Eckart Dietzfelbinger und Hans- waren auch die Medienpräsenz und die Berichter- Christian Täubrich: Der Schwurgerichtssaal 600. Vom Welt-Gericht zum stattung über dieses Ereignis von äußerster Wich- Erinnerungsort. In: Einsichten und Perspektiven, H. 4, 2007, S. 48–61; tigkeit.2 Sie wurden von den Alliierten Siegermächten online verfügbar unter: http://www.museen.nuernberg.de/download/ download_prozesse/Einsichten_Perspektiven_Schwurgericht.pdf (Ab- sehr sorgfältig vorbereitet. Im Nürnberger Justizpa- ruf: 31.10.2009). – Im Zusammenhang mit dem bis heute von der Justiz last in der Fürther Straße wurde seit August 1945 genutzten Saal wird derzeit von der Stadt Nürnberg bzw. von den Mu- der Schwurgerichtssaal 600 für den Prozess umge- seen der Stadt Nürnberg eine Ausstellung vorbereitet; Informationen zum baut, es wurde bis ins Detail geplant und mit neues- »Saal 600 – Projekt ‚Memorium Nürnberger Prozesse’« sind online unter: ter Übersetzungstechnik ausgestattet, um sowohl http://www.museen.nuernberg.de/prozesse/presse.html verfügbar (Ab- ruf: 31.10.2009). den Prozessablauf an sich als auch die Berichter- 4 Einen guten Einblick in die US-amerikanischen Vorbereitungen des stattung optimal zu gestalten.3 Prozess gibt Gilbert Schomaker: Die Inszenierung von Öffentlichkeit für den Nürnberger Hauptkriegsverbrecher-Prozeß 1945–1946 in der ameri- Der Rundfunk spielte neben den Printmedien eine kanischen Besatzungszone Deutschlands. Magisterarbeit. Münster 1995. Exemplar des Deutschen Rundfunkarchivs Frankfurt am Main. – Vgl. große Rolle. Bereits im September 1945 richteten auch Christine Bartlitz: Die Berichterstattung des Berliner Rundfunks die Amerikaner mit dem »Studio Nürnberg« einen ei- über den Nürnberger Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher 1945/46. genen Rundfunksender am Ort des Geschehens ein Magisterarbeit. Berlin 2000, S. 14. und installierten im Gerichtssaal so genannte »Radi- 5 Vgl. Ansgar Diller und Wolfgang Mühl-Benninghaus: Berichterstat- tung über den Nürnberger Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher oboxes«, Kabinen, die den Reportern die Möglich- 1945/46. Edition und Dokumentation ausgewählter Rundfunkquellen. keit gaben, direkt aus den Prozessverhandlungen zu Potsdam 1998 (= Veröffentlichungen des Deutschen Rundfunkarchi- senden.4 Von diesen Vorbereitungen profitierten je- vs; 5), S. 10. – Abbildung 3 zeigt eine »Lageskizze vom Nürnberger Ge- doch vor allem die zahlreichen ausländischen Be- richtssaal«. Diese Zeichnung war dem Abdruck von Peter von Zahns richterstatter, da für deutsche Rundfunkreporter in »Zwischenbilanz« in den »Nordwestdeutschen Heften« beigegeben. Auf der Seite rechts hat der Zeichner notiert: »Die Aufnahme-Apparaturen für Nürnberg zunächst nur ein einziger Platz vorgese- den Rundfunk befinden sich in Kabinen an den Wänden des Saales un- hen war. Diesen besetzten die an der Organisation terhalb der künstlichen Beleuchtung.« Bayer und Wagner: »Die deutsche Bevölkerung mit den Verbrechen der Angeklagten bekannt machen« 31 Gegen diese Bevorzugung der amerikanischen Rund- Walter Everitt wählte den politischen Journalisten Dr. funkstellen regte sich in der britischen »Broadcasting Elef Sossidi (1913–1992) für diese Aufgabe aus. Der Control Unit« offensichtlich zunehmend Widerstand, aus einer griechischen Kaufmannsfamilie stammen- denn der für die Rundfunkberichterstattung in der de, aber in Hamburg aufgewachsene Elef Sossidi britischen Besatzungszone zuständige NWDR durf- hatte nach einem Studium der Rechts- und Staats- te zunächst keinen festen Berichterstatter in Nürn- wissenschaften in München, Breslau und Berlin im berg einsetzen. Erst im Frühjahr 1946 erreichte Juli 1939 seine Promotion zum Dr. jur. erfolgreich Walter Everitt (*1921), einer der verantwortlichen bri- abgeschlossen. Durch diese seine juristische Vorbil- tischen Offiziere, dass der NWDR täglich von 16.30 dung kannte sich der seit 1945 als freier Mitarbeiter bis 17.00 Uhr einen festen Termin für die Nutzung beim NWDR tätige Sossidi in den Rechtsgrundlagen eines kleinen Studios erhielt, von dem aus er in Nürn- berg vor Ort eine Sendung produzieren konnte. Im Mai 1946 begann der NWDR mit dem »Be- richt aus Nürnberg«, die er zunächst zwei- mal und später dreimal täglich ausstrahlte.6 Peter von Zahn (1913– 2001), Leiter der Abtei- lung Wort beim NWDR in Hamburg, sah in der Berichterstattung über den Nürnberger Pro- zess eine besonde- re Verantwortung. Von Zahn war im Juli 1945 Abb. 1: Peter von Zahn als einer der ersten © NDR Fotoarchiv. deutschen Mitarbeiter beim NWDR angestellt worden und er war bestrebt, mit seinen Rundfunkbeiträgen zu einem demokra- tischen Diskurs innerhalb der deutschen Nach- kriegsgesellschaft beizutragen. Grundlegend dafür war eine unabhängige und überparteiliche Berichter- stattung, wie sie der NWDR für sein politisches Pro- Abb. 2: Elef Sossidi © NDR Fotoarchiv. gramm vorsah.7 Diese Ansprüche vertrat Peter von Zahn auch in Bezug auf die Rundfunkberichte über aus und war in den Augen der NWDR-Verantwort- den Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess. lichen der richtige Mann für die Berichterstattung Dessen Überzeugung zufolge sollte die Berichter- aus Nürnberg. Um jegliche Provokation durch ei- stattung aus Nürnberg »die deutsche Bevölkerung nen für den deutschen Rundfunkhörer zu fremd und mit den Verbrechen der Angeklagten bekannt und möglicherweise auch zu »jüdisch« klingenden Na- die Argumente gegen ihre Weltanschauung deutlich men zu vermeiden, musste Elef Sossidi jedoch unter machen«.8 Dabei war es für von Zahn von besonde- rer Bedeutung, dass die Berichte »nicht so sehr die bereits überzeugten Gegner des Nationalsozialis- 6 Der »Bericht aus Nürnberg wurde jeweils im Anschluss an die Nach- mus in ihrer Auffassung […] bestärken, als vielmehr richten von 6.45 bis 7.00 Uhr und von 21.45 bis 22.00 Uhr gesendet. Ab dem 1. Juli 1946 wurde die Sendung dann auch im Anschluss an die diejenigen von der Rechtlichkeit und Sauberkeit des Nachrichten von 13.00 bis 13.15 Uhr ausgestrahlt. – Vgl. dazu Christof Verfahrens […] überzeugen, die im Nürnberger Pro- Schneider: Nationalsozialismus als Thema im Programm des Nordwest- zess immer noch einen Schauprozess und eine Ju- deutschen Rundfunks (1945–1948). Potsdam 1999 (= Veröffentlichungen stiz-Komödie sehen wollen.«9 Von Zahn plädierte des Deutschen Rundfunkarchivs; 23), S. 162. 7 Zum politischen Programmangebot des NWDR vgl. Janina Fuge und damit für eine distanzierte und objektive Berichter- Christoph Hilgert: Aktuell und überparteilich, aber nicht unpolitisch. In- stattung, die polemische Darstellungen vermied und formationssendungen und politische Programmangebote im Hörfunk gegen den Eindruck von einem Gerichtsverfahren des NWDR. In: Hans-Ulrich Wagner (Hrsg.): Die Geschichte des Nord- der Sieger über die Besiegten vorging. westdeutschen Rundfunks. Band 2. Hamburg 2008, S. 105–149. 8 Vgl. Dokument 5. Brief von Peter von Zahn an »Der Zirkel« in Ham- burg vom 31. Juli 1946. Staatsarchiv Hamburg (StA HH). 621-1/144. Um diese Anforderungen zu erfüllen, bedurfte es NDR. 1517. eines guten und zuverlässigen Rundfunkreporters. 9 Vgl. ebd. 32 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) dem Pseudonym »Andreas Günther« berichten. Un- Dokumentation ter diesem Namen sendete Sossidi nun täglich sei- nen mit O-Tönen aus dem Prozessgeschehen ver- Im Folgenden werden ausgewählte Korrespon- sehenen »Bericht« über die Verhandlungen. In ihnen denzen von Peter von Zahn mit Rundfunkhörern informierte Elef Sossidi in ruhiger und bedächtiger ediert sowie der im Juli 1945 gesendete Rundfunk- Art über die Geschehnisse und über den Inhalt des kommentar von Peter von Zahn mit dem Titel »Zwi- jeweiligen Verhandlungstages. Seine sachliche, fast schenbilanz« abgedruckt. Diese Dokumente zei- schon etwas monoton wirkende Zusammenfassung gen, wie schwierig sich die Umsetzung der an den der Ereignisse dauerte jeweils etwa eine Viertelstun- Rundfunk gestellten Erwartungen in der Praxis ge- de und enthielt keine ausdrücklichen persönlichen staltete und wie sehr die Berichterstattung über die Kommentare zum Prozessverlauf.10 Mit dieser neu- Geschehnisse in Nürnberg auf die Hörer und deren tralen Art der Berichterstattung entsprach Sossidi Rückmeldungen an den NWDR reflektierte. in besonderer Weise den von Peter von Zahn aufge- stellten Anforderungen. Der Abdruck der Dokumente folgt dem genauen Wortlaut. Um ein besseres Textverständnis zu er- Als für die Berichterstattung aus Nürnberg verant- möglichen und den Lesefluss nicht zu beeinträch- wortlicher Redakteur erhielt Peter von Zahn sehr tigen, wurden lediglich die in den Dokumenten viele Zuschriften von Hörern. Offensichtlich zeigte enthaltenen, offensichtlichen Rechtschreibfehler ein großer Teil von ihnen eine eher ablehnende Hal- stillschweigend korrigiert. Die Namen der Privatper- tung der deutschen Bevölkerung zum Gerichtsver- sonen wurden aus rechtlichen Gründen anonymi- fahren in Nürnberg. Den hier deutlich werdenden siert. Widerspruch zwischen seinen Ansprüchen an die Nürnberger Berichterstattung und der Resonanz der Die Wiedergabe der Briefe und des Kommentars Hörer formulierte Peter von Zahn in einem als »Zwi- »Zwischenbilanz« erfolgt mit freundlicher Genehmi- schenbilanz« betitelten Rundfunkkommentar am gung von Virginia von Zahn, der Tochter Peter von 27. Juli 1946. Darin nannte er als Ursache für die aus Zahns. Ihr gilt unser herzlicher Dank. Ebenfalls dan- seiner Sicht unerwünschte Entwicklung die Rund- ken möchten wir Frau Jutta Kröger, NDR Dokumen- funkberichterstattung der ersten Wochen und Mo- tation und Archive Schallarchiv, Leitung Wort, und nate nach Prozessbeginn, die es »nicht verstanden Herrn Dethlef Arnemann, Staatsarchiv Hamburg, für hat, das brennende Interesse der deutschen Öffent- ihre Unterstützung bei den Recherchen. lichkeit an ihm [= dem Prozess] zu erregen.«11 Der NWDR, der erst etwa ein halbes Jahr nach Eröffnung des Prozesses aus Nürnberg berichten konnte, ver- Dokument 1. suchte nun, diesen Fehler in seiner Berichterstattung Ausschnitt aus dem Schreiben zu vermeiden. von Dr. Hannes K. (Arbeitsgerichtsdirektor i. R.) aus Hamburg an Peter von Zahn Viele Hörer des NWDR sahen im Nürnberger Prozess vom 7. Juli 1946. Staatsarchiv Hamburg aber weiterhin nur ein einseitiges Verfahren der Sie- (StA HH). 621-1/144. NDR. 1516. ger gegen die Besiegten: »Der Sieger, ganz gleich, welche Mittel er angewandt und ob er den Krieg be- Sehr geehrter Herr v. Zahn, gonnen habe, wird nie zur Verantwortung gezogen, […] Was Herrn Günther in Nürnberg anlangt, so glaube ich ei- nur der Besiegte. […] dieser Umstand macht es völ- gentlich auch, dass er das optimale leistet in einer unglaublich lig unmöglich, den Nürnberger Vorgängen sowie al- schwierigen Situation. Insbesondere möchte ich als positiv her- len ähnlichen Veranstaltungen in Gegenwart und vorheben, dass er in der Art der Darstellung, der Mischung von Zukunft die sittliche Berechtigung anzuerkennen.«, Grundsätzen und Einzelheiten wirklich ganz besonders gut ist. beschwerte sich beispielsweise der pensionierte Re- gierungsrat R. in einem Hörerbrief.12 In Bezug auf den Nürnberger Kriegsverbrecherprozess hatte es der Rundfunk also nicht geschafft, die an seine Bericht- 10 Im Schallarchiv des NDR haben sich insgesamt 59 Aufnahmen erhal- erstattung gestellten hohen Erwartungen zu erfül- ten, auf denen Elef Sossidi zwischen dem 20.6. und dem 1.10.1946 vom Nürnberger Prozess berichtet. len. Dies war jedoch vor dem Hintergrund einer deut- 11 Vgl. dazu Dokument 6. Peter von Zahn: Eine Zwischenbilanz. In: schen Nachkriegsgesellschaft, die die eigene Schuld Nordwestdeutsche Hefte, H. 5, 1946, S. 10–13; Zitat, S. 11. an den nationalsozialistischen Verbrechen zunächst 12 Vgl. dazu Dokument 8. Schreiben von Regierungsrat von R. aus größtenteils verdrängte, eine äußerst schwierige Auf- Hannover an Peter von Zahn vom 3. August 1946. StA HH. 621-1/144. gabe. Erst nach und nach gelang es dem Rundfunk, NDR. 1516. 13 Vgl. Christina von Hodenberg: Konsens und Krise. Eine Geschich- in den 1950er und 1960er Jahren zur Entstehung ei- te der westdeutschen Medienöffentlichkeit 1945–1973. Göttingen 2006 ner kritischen Medienöffentlichkeit beizutragen.13 (= Moderne Zeit; 12). Bayer und Wagner: »Die deutsche Bevölkerung mit den Verbrechen der Angeklagten bekannt machen« 33 Ich wollte auch nicht gesagt haben, dass man gegenüber dem Dokument 3. Beweismaterial in den wichtigen Punkten sich sehr viel anders Ausschnitt aus dem Schreiben oder überhaupt anders einstellen könnte. Was ich unrecht fand, des Nordwestdeutschen Rundfunks war die von ihm übrigens noch weniger als von der Presse her- an Dr. Hannes K. (Arbeitsgerichtsdirektor i. R.) vorgekehrte Einstellung in der juristischen Frage der Umwer- in Hamburg vom 5. August 1946. tung von politischen Entscheidungen in moralisch zu bewertende StA HH. 621-1/144. NDR. 1516. Akte. Selbst wenn man idealistischerweise glaubt, dass das Völ- kerrecht moralischen Prinzipien unterworfen werden könnte, so Sehr geehrter Herr Dr. K., ist es für mich ganz unerträglich, wenn die Vertreter der Sie- […] gerstaaten die politischen Massnahmen Deutschlands solchen Was unseren Nürnberger Korrespondenten anbetrifft, so scheint Massstäben unterwerfen und jede Bezugnahme darauf unter- es mir nachgerade unmöglich zu sein, dass er es allen recht drücken, dass die ganze Welt es nach wie vor genauso macht macht. wie immer. Übrigens höre ich, dass in Wirklichkeit sehr viel mehr Von den einen bekomme ich wütende Briefe, er treibe offene Na- in die Richtung von unserer Verteidigung gesagt werden durfte. zi-Propaganda. Die anderen sagen, er sei ein Schädiger der deut- Ich habe volles Verständnis dafür, dass in der Öffentlichkeit nicht schen Ehre – ich kann nur sagen, dass er sich bemüht, so objektiv viel oder überhaupt etwas darüber gesagt werden darf. Nur fand zu bleiben, wie nur möglich und dass ihm weder von unserer Sei- ich, dass unsere deutsche Berichterstattung in diesem Punkt kei- te aus noch von Seiten der Engländer irgendwelche Vorschriften ne Eselstritte hätte austeilen sollen. […] gemacht werden. Es ist schwer, den von den deutschen Verteidi- Ihr ergebener gern vorgebrachten Standpunkt nicht in Zweifel zu ziehen. Denn, Dr. Hannes K[…] seien wir ehrlich, das gegen die Angeklagten vorliegende Be- weismaterial ist wahrhaftig erdrückend. Wir hören ja immer nur Zu diesem Schreiben existiert ein Antwortschreiben einen sehr kleinen Ausschnitt daraus. von Peter von Zahn vom 5. August 1946. Eventuell Mit nochmaligem Dank für Ihre Freundlichkeit, bin ich stets Ihr ist dieses Schreiben jedoch auch die Antwort auf ein Ihnen ergebener weiteres Schreiben von Hannes K. vom 31. Juli 1946. Dieses Schreiben wurde vermutlich von Peter von Zahn verfasst, der Verfasser geht jedoch nicht ein- Dokument 2. deutig aus dem Schreiben hervor. Ausschnitt aus dem Schreiben von Dr. Hannes K. (Arbeitsgerichtsdirektor i. R.) aus Hamburg an Peter von Zahn Dokument 4. vom 31. Juli 1946. StA HH. 621-1/144. Schreiben eines Hörers NDR. 1516. (Verfasser im Schreiben nicht angegeben) an den NWDR vom 18. Juli 1946. Sehr geehrter Herr von Zahn, StA HH. 621-1/144. NDR. 1517. […] 3.) Da ich nun einmal an Sie schreibe, herzlichen Dank für Ihr Re- Betr. Berichterstattung von »Nürnberg«. ferat* über Nürnberg. Es war wirklich die erste würdige öffent- Soeben ist die Übertragung Ihres Berichtes vom Nürnberger Pro- liche Stellungnahme zu dem gesamten Komplex, soviel Mühe zeß beendet. – sich auch Herr Günther gibt, der ja ausgezeichnet zusammenzu- Man fragt sich schon lange über Ihre Berichterstattung welche fassen versteht. Aber muss er denn den deutschen Standpunkt geistige Richtung Sie eigentlich vertreten wollen. Mir scheint, immer bekämpfen oder in Zweifel ziehen? Manchmal denke ich dass die Parteinahme für die Herren Angeklagten einwandfrei aus allerdings – bitte nicht auf den Künstler zu schiessen – »Er tut, der Art der Berichterstattung hervorgeht. was er kann und was er darf!« […] Kein Wort des Kommentars, aus dem erkennbar, dass doch Ihr sehr ergebener Herr Schirach die Jugend zum Kriegsdienst vorbereitet – dieser Dr. Hannes K[…] »mannhafte« Herr. Warum, frage ich immer wieder, nimmt der heutige Rundfunk nur *Gemeint ist der Kommentar »Zwischenbilanz« von so Partei für die Verbrecher in Nürnberg? Glaubt man auch, dass Peter von Zahn, den der NWDR am 27. Juli 1946 aus- diese Verbrecher bald in neuer Form – etwa im Wesen der CDU gestrahlt hatte. wiederkommen? So einfach wie Herr Andreas Günther sich eine Berichterstat- tung macht, geht es nicht, damit wird keine nazistische-mili- taristische Ansicht lahm gelegt – und das will doch wohl auch »unser« Rundfunk. – Das was wir aber von Nürnberg durch den Rundfunk hören ist ermunternd für die nazistischen Menschen. Aber auch trauriges Zeitzeichen für uns Demokraten und Sozialisten. 34 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) Sind Sie denn tatsächlich nicht in der Lage einen Bericht von derem Professor Dr. Carl August Rathjens, der auch Nürnberg zu geben aus dem einwandfrei hervorgeht, dass man als Delegierter des »Zirkels« im »Kulturrat der Han- 14 grundsätzlich von den Taten der auf der Anklagebank sitzenden sestadt Hamburg« fungierte. Verbrecher abrückt und die Verbrecher ins rechte Licht zu rü- cken? Ja es spricht einem gesunden Menschenverstand Hohn kommentarlos uns vom Radio die Plädoyer vorzusetzen. Dokument 6. Rundfunkkommentar von Peter von Zahn »Eine Zwischenbilanz« vom 27. Juli 1946. Dokument 5. Erstdruck in: Nordwestdeutsche Hefte, Antwortschreiben des Nordwestdeutschen H. 5, 1946, S. 10–13. Rundfunks auf ein Schreiben von Herrn R. von der Vereinigung »Der Zirkel« in Hamburg Der Kommentar wurde im Erstdruck redaktionell fol- vom 31. Juli 1946. StA HH. 621-1/144. NDR. 1517 gendermaßen eingeleitet: »Das Nürnberger Gerichtsverfahren wird von der Sehr geehrte Herren, deutschen Öffentlichkeit mit sehr unterschiedlichen zu dem uns übermittelten Schreiben Ihres Mitgliedes, Herrn Gefühlen verfolgt. R[…], darf ich Ihnen antworten, dass der NORDWESTDEUT- Sicher ist, daß es nicht gelang, ihr Interesse über die SCHE RUNDFUNK allen nur denkbaren Einfluss auf die Bericht- lange Prozeßdauer wachzuhalten. Peter von Zahn erstattung über den Nürnberger Prozess hat und ausübt. ist einige Tage in Nürnberg gewesen; er versucht di- Wir sind mit unserem augenblicklichen Berichterstatter nicht in ese bedauerlichen Tatsachen in einer »Zwischenbi- allen technischen Fragen einverstanden. Die inhaltliche Gestal- lanz« zu erklären und einige irrtümliche Anschau- tung seiner Berichte erfolgt jedoch in völliger Übereinstimmung ungen richtigzustellen.« mit unseren Wünschen. Wir sehen es als unsere Aufgaben an, nicht so sehr die bereits Als vor einem Dreivierteljahr das Interalliierte Militärgericht in überzeugten Gegner des Nationalsozialismus in ihrer Auffassung Nürnberg zusammentrat, da mußte man als Deutscher einige zu bestärken, als vielmehr diejenigen von der Rechtlichkeit und Bedenken haben. Sieger erhoben Anklage gegen Besiegte. Sie Sauberkeit des Verfahrens zu überzeugen, die im Nürnberger bildeten aus ihren Reihen ein Tribunal, das Schuldsprüche über Prozess immer noch einen Schauprozess und eine Justiz-Komö- Unterlegene zu verkünden bestimmt war. Die Kriegsberichts- die sehen wollen. Ich glaube, dass die Anzahl der Letztgenannten erstatter strömten zusammen wie in den Jahren vorher zu ei- die der Gegner des Nationalsozialismus bei weitem übertrifft. Wir ner Schlacht. Das Bunt der Uniformen, das Rot der Generals- müssen dieser bedauerlichen Tatsache Rechnung tragen und streifen überwog bei weitem die dunkle Einfachheit der Talare. In unsere Berichterstattung von jeder Art von Polemik freihalten, da diesem Bilde schien sich anzudeuten, daß man es im Verhand- diese Polemik ja doch nur wieder zu Lasten der Glaubwürdigkeit lungssaal mehr mit Sprüchen der Gewalt als mit dem Recht zu des Prozesses gehen würde. tun haben würde. Nach den Erfahrungen, die ich in allen Zonen Deutschlands sam- Bereits aus der Formulierung der Anklage ergab sich jedoch, daß meln konnte, wird die Berichterstattung anderer Sender, (aus- nicht über den Unterlegenen als solchen, daß also nicht über das genommen die der BBC) von der Bevölkerung als gehässig und deutsche Volk geurteilt werden sollte. Zwei Reihen prominenter voreingenommen abgelehnt und leider sehr oft auch abgestellt. Einzelpersonen saßen auf der Anklagebank. Unsichtbar drängten Wollen wir also das Hauptziel erreichen: die deutsche Bevölke- sich hinter ihnen freilich unzählige Deutsche, Angehörige von Or- rung mit den Verbrechen der Angeklagten bekannt und die Ar- ganisationen, die als verbrecherisch bezeichnet wurden. gumente gegen ihre Weltanschauung deutlich zu machen, so Ungeheuerliche Anklagen wurden gegen die Repräsentanten kann das auf keine bessere Weise geschehen, als durch eine di- des Dritten Reichs geschleudert. Bruch von Verträgen, Verlet- stanzierte und objektive Wiedergabe dessen, was im Gerichts- zungen des Völkerrechts, Entfesselung von Kriegen, Gewaltakte saal von sich geht. gegen die unterworfenen und nun befreiten Nationen und Ras- Mit vorzüglicher Hochachtung sen, ja eine Verschwörung gegen die Menschlichkeit überhaupt. Ihr sehr ergebener Wochenlang hörte man nichts als diese Anklagen. Reihen von durchlöcherten und zerfetzten Verträgen wurden zitiert, Millionen Verfolgter, Gepeinigter und Gemordeter zu stummen Zeugen he- Dieses Schreiben wurde vermutlich von Peter von raufbeschworen. Seitenweise marschierten die Namen von Städ- Zahn verfasst, der Verfasser geht jedoch nicht ein- ten und Dörfern, die in Trümmern lagen, zur Rechtfertigung der deutig aus dem Schreiben hervor. – Der »Zirkel« war Sieger auf. Und kein Wort erhob sich zur Verteidigung der einund- eine 1946 in Hamburg gegründete Vereinigung, die zwanzig Männer, die jeden Morgen zwischen den weißbehelmten aus Mitgliedern aller Parteien bestand und sich zu- nächst als »anti-faschistisch«, später aber als »an- ti-totalitär« bezeichnete. 1947 benannte sich der 14 Vgl. dazu das Schreiben von Professor Dr. Carl August Rathjens an »Zirkel« in »Vereinte Bünde für den demokratischen Dr. Kurt Hiller vom 4. September 1947. Staatsbibliothek Hamburg. Nach- Aufbau« um. Mitglied der Vereinigung war unter an- lass Rathjens: Ba: Ra 134. Bayer und Wagner: »Die deutsche Bevölkerung mit den Verbrechen der Angeklagten bekannt machen« 35 Militärpolizisten in den Saal marschierten und ihn jeden Abend Es wurde dabei vergessen, daß Millionen Deutscher zum ersten- verließen, ohne gesprochen zu haben. mal von den furchtbaren Dingen erfuhren, die in den Geheimge- Für die Beurteilung des Nürnberger Prozesses durch die deut- mächern und Kellergewölben des Dritten Reiches geschehen sche Öffentlichkeit waren diese ersten Wochen leider entschei- waren. Ihnen mußte eine solche Berichterstattung als gehässig dend. Damals fiel zum erstenmal das Wort »Schauprozeß«. Es erscheinen. Und gerade das hätte um jeden Preis verhindert wer- formte sich das Bild eines Verfahrens, das nur dazu dienen sollte, den müssen. Es war jedoch nicht die Schuld der deutschen Jour- die Handlungen der Sieger nachträglich und von vornherein zu nalisten allein. Unzählige Tatsachen, vor Gericht erhärtet, hätten rechtfertigen. Ich bekam seitdem immer wieder Briefe, in de- jedem Deutschen zugänglich gemacht werden müssen. Sie fielen nen der Nürnberger Prozeß als ein Musterbeispiel für den Haß, aus Papiermangel unter den Redaktionstisch oder konnten aus die Heuchelei und die Rachegelüste der Alliierten herangezo- Zeitmangel im Rundfunk nicht erwähnt werden. gen wurde. Vor allem aber war der Zugang zum Nürnberger Justizpalast für Wie konnte es dazu kommen? Die Erklärung ist einfach. Ich den Durchschnittsdeutschen enger als ein Nadelöhr. Ganz weni- sagte bereits, daß in jedem Fall ein Verfahren der Sieger gegen ge Journalisten hatten Zutritt. Sie arbeiteten unter Bedingungen, Besiegte Bedenken erregen muß. Es widerspricht unseren ur- die der Würde ihrer Aufgabe nicht immer entsprachen. Es gibt zu sprünglichen Rechtsempfindungen, wenn eine Partei zugleich denken, daß für die 22 Millionen Einwohner der britischen Zone Richter ist. Es wurde damals leider unterlassen, die Öffentlich- anfangs nur ein Journalist, später zwei in Nürnberg tätig waren. keit auf eine gewichtige Tatsache hinzuweisen: In diesem Ver- Die Zuschauertribüne durfte nur ein besonders gesiebtes Häuf- fahren kann es Richter, die nicht zugleich Partei sind, überhaupt lein von Honoratioren betreten. So konnte man zwar als Zuschau- nicht geben. Es sei denn, man holte sie sich von einem anderen er farbige Soldaten aus Louisiana sehen, aber keinen früheren Planeten. Zum erstenmal in der Geschichte hatten die Taten ei- Obergefreiten, kein ehemaliges BDM-Mädchen, keinen Ritter- ner Reihe bestimmter Männer die ganze Welt in Mitleidenschaft kreuzträger von einst, keinen Fleischer, der immer wacker seine und in die Entscheidung Für oder Wider gezogen. Und so mußte NSV-Beiträge gezahlt hatte, und keinen Bergmann aus der Ruhr. denn allen formalen Rechtsbedenken zum Trotz eine Partei die Dieses Verfahren ist kein Schauprozeß. Aber welchen Anschau- Richter stellen. Die Für-Partei oder die Wider-Partei. Nach Lage ungsunterricht hätte es erteilen können! der Sache konnten es diejenigen nicht sein, die für Göring und für Ich bin neulich für einige Tage in Nürnberg gewesen und habe den Papen und für Kaltenbrunners SD gewesen waren. Verhandlungen beigewohnt. Ich saß ein paar Meter von Göring Daß die Publizistik damals nicht versucht hat, dieses Haupt- entfernt und konnte das Verhalten von Frank und Keitel, Schirach bedenken der deutschen Öffentlichkeit zu zerstreuen, ist ein und Streicher, Neurath und Kaltenbrunner aus der Nähe studie- schwerer Fehler gewesen. Er hat das Vertrauen zu einem Ge- ren. Oder ich blickte während des Plädoyers der Verteidiger von richt in Frage gestellt, dessen Verfahrensweise dem deutschen Dönitz und Schacht aus unserer Aufnahmekabine auf die acht Laien überdies unbekannt war. Mußte nicht in diesen ersten Wo- stillen Richter im Saal herab, während das Gemurmel der Dol- chen, als das deutsche Volk nur Anklage über Anklage vernahm, metscher schwach heraufdrang. Ich habe mit Journalisten und der Verdacht aufkommen, daß dies alles nichts anderes sei, als Verteidigern gesprochen und erst durch diese unmittelbare Be- der Beginn eines abgekarteten Spiels zwischen Kläger und Rich- rührung mit den Vorgängen wurde mir klar, was dieser Prozeß ei- ter? Daß die Verteidigung in Kreuzverhör und Plädoyer ein halbes gentlich bedeutet – und wie bedauerlich es ist, daß man nicht Jahr lang ihre Argumente vorbringen konnte, wer sollte das im verstanden hat, das brennende Interesse der deutschen Öffent- Dezember 1945 aus den damaligen winzigen Zeitungen entneh- lichkeit an ihm zu erregen. Wäre das gelungen, so könnte man men? So entstand das seitdem festgewurzelte Bild des poli- wohl kaum so oft die Frage hören: Warum dauert dieser ekel- tischen Schauprozesses. Die Einwände der Spezialisten, die im hafte Prozeß so lange? Kann man diese Farce nicht abkürzen? geltenden Völkerrecht keine Handhabe gegen Einzelpersonen Diese Frager sind so überzeugt von der Schuld der Angeklagten, erblicken konnten und andere gewichtige Rechtsbedenken äu- daß sie am liebsten ein Standgericht, besser noch ein Lynchver- ßerten, diese Einwände fanden hier und da in der Presse ihre Be- fahren gesehen hätten. Sie gehen damit jedoch am Wesen des handlung und wurden selbst Gegenstand des Prozesses. Aber Prozesses vorbei. Sein Endzweck ist es nicht, Menschen vom das, wie gesagt, war Angelegenheit der Fachleute. Die Millionen- Leben zum Tode zu befördern, sondern gewissenhaft und nach zahl der Laien orientierte sich an den kümmerlichen Berichten bestimmten Regeln Schuld und Verantwortung am fest umris- über den Prozeß und erklärte: Nein, das ist kein überzeugendes senen Vergehen und Verbrechen zu klären. Die Sühne an den Verfahren. Bei dieser Ansicht blieb es auch, als die Verhandlung begangenen Untaten ist eine Nebenfolge des Verfahrens. Sein fortschritt und zeigte, daß den Angeklagten und der Verteidigung Hauptergebnis aber wird sein, daß in Zukunft jeder Mensch, ob im Rahmen des Möglichen die gleichen Rechtsmittel zur Verfü- Staatsmann, Parteipolitiker, Journalist oder General, für das ge- gung standen, über welche die Anklage verfügte. rade stehen muß, was er im staatlichen oder zwischenstaatlichen Wenn die instinktive deutsche Ablehnung dieses Prozesses ge- Bereich anordnet und tut. Wenn er etwas Unsittliches und Wider- gen Deutsche während der ersten Wochen nicht überwunden, rechtliches tut und befördert, so wird er bestraft. Das war bisher sondern verstärkt wurde, so ist das zu einem Teil die Schuld der nur theoretisch der Fall. In der Praxis kam es auf eine Pensionie- Berichterstatter. Sie stellten oft die Argumente der Anklage als rung heraus. Ein Prozeß aber, der aus der undeutlichen Theorie Schuldbeweis hin. Was vielleicht noch schwerwiegender war, eine feste und heilsame Praxis des Völkerlebens machen soll, sie kennzeichneten die Argumente der Verteidigung triumphie- ein solcher Prozeß kann gar nicht umständlich und genau ge- rend als unzutreffend. All das war verständlich aber nicht klug. nug geführt werden. 36 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) Andere bedauern die Länge des Prozesses und daß er über- glieder einer großen Expedition in ein noch unbekanntes Land. haupt geführt wird, aus Gründen der nationalen Würde. Auf die- Sie alle haben verschiedene Aufgaben und Tätigkeiten, aber ihr sen Einwand ist zweierlei zu antworten: Erstens grenzt das Ge- Ziel ist dasselbe: Sie wollen das Recht finden, auf Grund des- richt sehr sorgfältig die Angeklagten vom deutschen Volk ab. sen später einmal der Bürger dieser Welt das Rechte tun kann. Eben dadurch, daß es die Schuld der einzelnen Angeklagten so Wer diesen Prozeß verfolgt, ist nicht Zeuge einer Justizkomö- genau festlegt, entlastet es das deutsche Volk in seiner Gesamt- die mit verteilten Rollen, sondern der Geburt neuen Rechts, das heit. Und zweitens: Gerade der nationalen Würde halber kann von nun an unabwendbar und unaufhaltsam seinen Lauf nehmen dieser Prozeß gar nicht lange genug dauern. Es wäre viel unwür- wird, bis es bei einem für diesen Globus verbindlichen Gesetz- diger, wenn man das im Schoß unseres Volkes Geschehene ver- buch endet. Dabei sind es nicht nur die mächtigsten Völker der schweigen und verstecken wollte. Im Gegenteil, aller Welt und Erde, die ihre Meinung darüber diktieren, wo die Macht durch das uns selbst soll es klargemacht werden, wie hier eine Gruppe von Recht begrenzt werden soll. Auch so ohnmächtige Angehörige Missetätern das Ansehen und die Würde eines Mitglieds der Völ- der zusammenwachsenden Welt, wie wir es sind, haben durch kerfamilie mit Füßen getreten hat. Ein halbes Jahr lang wurden den Mund der Verteidiger ein Wörtchen mitzureden. von beiden Seiten Beweise dafür geliefert, mit welchem Zwang, Ich bin ziemlich sicher, daß sich die Richter des Tribunals über unter welchem Schrecken unser Volk dazu gebracht wurde, den die späteren Folgen ihres Urteils im Klaren sind. Es bereitet der Zielen dieser Männer dienstbar zu sein. Selbstherrlichkeit der Staaten – auch ihrer eigenen – ein Ende. Und noch eine andere Seite des Prozesses muß endlich in die- Niemand kann sich mehr hinter den Aufträgen oder angeblichen ser Zwischenbilanz hervorgehoben werden. Ich weilte nicht nur Notwendigkeiten eines kollektiven Gebildes, eines Staates oder als Deutscher im Gerichtssaal, nicht nur als Mitglied eines miss- einer Organisation verstecken. Das Wort von der individuellen handelten und verführten Volkes, ich beobachtete die Vorgän- Verantwortung wir groß geschrieben sein. Und die Kinder in der ge im Saal auch als Bürger einer zusammenwachsenden Welt. Man muß wohl auch von diesem Standpunkt aus das Verfahren betrachten. Ich kann mir den- ken, daß anfangs Ankläger und Richter nicht frei von nationalem Haß, nicht ganz ohne enge Tri- umphgefühle zum Prozeß ge- schritten sind. Wenn das richtig ist, so scheint mir darin jeden- falls ein Wandel eingetreten zu sein. Auch das danken wir der Länge des Prozesses. Er hat Klä- ger, Richter und Verteidiger un- unterbrochen ein Dreivierteljahr lang mit einander in Berührung gehalten. Angesichts der groß- en und einzigartigen Aufgabe ist es auf geheimnisvolle Weise zu einer Angleichung gekommen. Es ist nicht leicht zu erklären. Aber wer dem stillen und höf- lichen Gang der Verhandlungen gefolgt ist, wer gesehen hat, wie Ankläger und Verteidiger in den Pausen gedanken- und sorgen- voll miteinander redend auf und ab gingen, wer Lordrichter Law- rence beobachtet hat, wie er zwischen den Parteien vermit- telnd eingriff und die Rechte der deutschen Verteidiger und An- geklagten wahrte, dem drängt sich unwillkürlich ein Bild auf: als seien alle diese rechtsgelehrten Männer in Uniform und Talar Mit- Abb. 3. Lage-Skizze aus dem Nürnberger Verhandlungssaal. NWDH, H. 5, 1946, S. 12 Bayer und Wagner: »Die deutsche Bevölkerung mit den Verbrechen der Angeklagten bekannt machen« 37 Schule werden es lernen, daß die Mächtigen dieser Erde für ihre gang Deutschlands, der sich ja schon zu Anfang des Jahrhun- Handlungen mit ihrem Kopf zu haften haben. Das wird vielleicht derts abzuzeichnen begann) nur noch aus einiger Entfernung, eine Bremse für allzu ehrgeizige Pläne sein. Und wie das Urteil in gewissermaßen mit den Augen der Geschichte, betrachte. Man diesem Prozeß auch ausfallen mag, spätere Zeiten werden das sieht dabei allerdings Dinge und Zusammenhänge, die den eif- als seinen Sinn erkennen. rigen Mitlebenden vielfach verborgen bleiben. Zu Ihren Gunsten nehme ich an, dass Sie im Rundfunk nicht, wie kürzlich von Nürnberger Verteidigern ganz witzig gesagt wurde, Dokument 7. eine »bezahlte Überzeugung«, sondern eine aufrichtige Überzeu- Schreiben von Hans Sch. gung zum Ausdruck bringen. Ich bemerke hierzu aber, daß ein (staatlich geprüfter Dentist) aus Dornberg geschickter Propagandaleiter sich mit Vorliebe der Männer mit an Peter von Zahn vom 28. Juli 1946. entsprechender aufrichtiger Überzeugung bedient, um die mehr StA HH. 621-1/144. NDR. 1516. oder weniger lauteren Absichten seines Auftraggebers durch Er- zeugung einer zweckdienstlichen Volksmeinung zu unterstützen. Sehr geehrter Herr von Zahn! Sie haben als ernstesten Einwand gegen das Nürnberger Verfah- Mit großem Interesse verfolge ich Ihre Vorträge, ja ich kann sa- ren den Umstand behandelt, daß hier Partei und Richter in einer gen, höre sie besonders gerne, weil Ihre Kommentare klar, lo- Person vereinigt sind. Wie Sie richtig ausführen, läßt sich dies in gisch und frei von der heute leider so üblichen hetzerischen Ten- der Tat mitunter nicht vermeiden, zum Beispiel wenn ein Staat ei- denz sind. nen gefährlichen Aufstand niedergeworfen hat und nun die Rä- Gestern zogen Sie eine »Zwischenbilanz«, behandelten den delsführer nach seinen Gesetzen aburteilt. Indem Sie diese Ge- Nürnberger Prozeß und beleuchteten ihn von allen Seiten. danken in den Vordergrund stellen, haben Sie aber den Blick Diese Zwischenbilanz war gewiß nötig, doch konnten ich und be- von einem weit schwerer wiegenden Einwand abgelenkt (was stimmt auch viele andere Hörer nicht die Quintessenz daraus zie- dem oben gedachten Propagandaleiter gewiß angenehm war). hen, die Sie sich aufzuzeigen bemühten. Den im Eingang des Statutes des Nürnberger Gerichtshofes als Nach Ihrer Ansicht soll der Ausgang des Prozesses, egal wie das Richter genannten vier Staaten oder Volkspersönlichkeiten fehlt Urteil gefällt werden möge, allen Regierenden der Welt zeigen, nämlich zu diesem Richteramte die sittliche Eignung. Sie werden dass sie im Falle eines heraufbeschworenen und verschuldeten doch wohl auch der Meinung sein, daß ein Richter integer vitae Zwistes oder Krieges, mit ihrem Kopf haften müssten. scelerisque pueros sein muß, und daß er ungeeignet ist, wenn Das wäre schön und wirklich gerecht und entspräche jedem ge- ihm ähnliche Dinge zur Last gelegt werden können, wie die, auf sunden Volksempfinden, nur wie sieht es aus, wenn der Urheber die die Anklage sich begründet. Der geschichtlichen Persönlich- eines solchen Unglückes wider Erwarten auch als Sieger her- keit Englands liegt aber zur Last: die Unterdrückung Irlands, die vorgeht? Eroberung Indiens, die Beraubung Frankreichs durch Wegnah- Wer will ihn bestrafen? Wohl alle Gerechtdenkenden Wer kann me von Kanada und dem Mississippitale, die Niederwerfung der ihn bestrafen??? Niemand! Bestraft wird doch immer nur der Be- Buren und das dabei angewandte Mittel der Konzentrationslager siegte und dieser ist auch stets nur alleinschuldig! für Nichtkämpfer, Frauen und Kinder. Die Bevölkerung der Ver- Wer sühnt z.B. und das im Zeichen des Nürnberger Prozesses, einigten Staaten bewohnt zum großen Teil Landstriche, die den die heute am laufenden Band begangenen Verbrechen, wie Plün- rechtsmäßigen Eigentümern, der Urbevölkerung, mit Betrug und derungen, Misshandlungen etc. an den von Haus und Hof vertrie- Gewalt abgenommen worden sind, und die USA haben zu Be- benen Deutschen des Ostens? Diese Menschen lebten ja nicht ginn des Jahrhunderts dem altersschwachen Spanien in einem im Gebiet fremder Menschen sondern auf urdeutschen Boden! ausgesprochenen Angriffskrieg Kuba und die Philippinen entris- Angesichts dieser nicht zu widerlegenden Tatsachen fällt es sen. Die Sowjets haben es zur Sicherheit der neu zur Herrschaft schwer an wirkliche Gerechtigkeit zu glauben. gekommenen politischen Richtung für notwendig erachtet, zwei Mit freundlichen Grüßen! ganze Stände, den Adel und das Bürgertum, einfach auszurot- Hans Sch[…] ten, und es soll dabei, dem Vernehmen nach, sogar zu einigen Grausamkeiten gekommen sein! Sie haben übrigens auch in ih- rer Zone Adel und grundbesitzendes Bürgertum zum Verschwin- Dokument 8. den gebracht, indem sie sich hierzu eines Volksteiles bedienten, Schreiben des preußischen Regierungsrats (a. D.) der sich lieber von Ausländern, als von den eigenen höher gestell- von R. aus Hannover an Peter von Zahn ten Volksgenossen leiten läßt. Von der Tätigkeit der Franzosen vom 3. August 1946. StA HH. 621-1/144. zeugen das ganze Rheintal entlang die zerstörten Burgen und NDR. 1516. Schlösser, und sie haben auch neuerdings dauernd in ihren nor- dafrikanischen Kolonialkriegen ihren Besitz durch Gewaltmittel Sehr geehrter Herr von Zahn! erweitert. Das sind Tatsachen; aber, wie es scheint, hat die Ver- Gestatten Sie, bitte, einige Bemerkungen zu Ihrem Rundfunkvor- anstalter des Nürnberger Verfahrens ihre Spekulation auf die all- trag »eine Zwischenbilanz«. gemeine Gedächtnisschwäche der Menschheit nicht getäuscht. Ich schicke voraus, daß ich alt und fast völlig erblindet bin und Wenn Sie zum Schluß Ihrer Ausführungen aussprechen, durch daher die Weltereignisse ohne eigene Beteiligung (abgesehen die Nürnberger Vorgänge werde den Staatsmännern, Heerführ- von dem patriotischen ((»pfui links«)) Schmerz über den Nieder- ern, Polizeigewaltigen usw. in aller Welt klargemacht, daß sie für 38 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) ihre Handlungen nach den allgemeinen Gesetzen der Mensch- Florian Bayer, M. a., geboren 1983, ist als wissenschaftlicher Mit- lichkeit und Gerechtigkeit in Zukunft geradezustehen haben, so arbeiter an der Forschungsstelle Geschichte des Rundfunks in Nord- deutschland tätig und promoviert über die Entschädigung von NS- haben Sie einen kleinen, aber entscheidenden Nebensatz beizu- Opfern in der Nachkriegszeit am Beispiel des Kreises Stormarn. fügen unterlassen, nämlich: wenn die Machtverhältnisse es er- e-Mail : florian.bayer@uni-hamburg.de lauben. Der Sieger, ganz gleich welche Mittel er angewandt und ob er den Krieg begonnen habe, wird nie zur Verantwortung ge- zogen, nur der Besiegte. Glauben Sie nicht, daß sehr vieles von hans-ulriCh Wagner, dr. phil ., geboren 1962, ist Seni- dem, was heute im Osten Deutschlands geschieht, wie z.B. die or Researcher am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg und leitet dort die Forschungsstelle Geschichte des Rund- Vertreibung der seit vielen Jahrhunderten in Böhmen ansässigen funks in Norddeutschland (www.rundfunkgeschichte-norddeutsch- deutschen Bevölkerungen aus ihren Stammsitzen und die form- land.de). Zahlreiche Veröffentlichungen zur Mediengeschichte, u. a. lose Beschlagnahme des Eigentums der aus Schlesien, der Neu- »Die Geschichte des Nordwestdeutschen Rundfunks« (Hrsg., 2008). e-Mail : hans-ulrich.wagner@uni-hamburg.de mark, Westpreußen und Pommern vertriebenen Bevölkerung, Anlaß zu einer richterlichen Würdigung geben könnte? Aber es wird, je nachdem wie die Machtverhältnisse liegen, immer mit zweierlei Maß gemessen, und dieser Umstand macht es völlig unmöglich, den Nürnberger Vorgängen sowie allen ähnlichen Veranstaltungen in Gegenwart und Zukunft die sittliche Berech- tigung zuzuerkennen. Es ist ja überhaupt eine offene Frage, in- wieweit auf die Beziehungen von Völkern untereinander Begriffe angewendet werden können, wie sie sich nur im Zusammenleben innerhalb einer festen, geordneten Gemeinschaft bilden können. Und hierzu gehört das Recht in erster Linie. Recht ist ohne eine feste, übergeordnete und unparteiische Gewalt nicht denkbar, und was sich unter anderen Verhältnissen so nennt, wie z. B. Völ- kerrecht, sind freiwillige Übereinkommen, die nur solange gelten, wie es den Vertragspartnern gefällt. Im ersten Reichen konnten einzelne Reichsglieder gegen einander vor dem Reichskammer- gericht klagen, in Preußen konnten sich Provinzen über gewisse öffentliche Angelegenheiten verwaltungs-gerichtlich auseinan- dersetzen. Aber wer will Rußland oder die Vereinigten Staaten für Übergriffe zur Rechenschaft ziehen? Sie haben sich in der »neu- en Gesellschaft der Nationen« überflüssigerweise sogar noch ein Vetorecht ausbedungen, und der lächerliche »Völkerbund« hat nicht einmal den rechtswidrigen Überfall Italiens auf Abessini- en zu verhindern gewusst; ich breche ab, denn man könnte über diese Dinge Bücher schreiben. Nur noch eine Überlegung: das Korps der politischen Leiter und die Reichsregierung sind zwei- fellos verbrecherisch, aber wie soll der einzelne Pg. das haben erkennen können, wenn ein so respektabler Staat wie England normale diplomatische Beziehungen mit diesen Verbrechern un- terhielt, wenn Russland sogar einen Freundschaftspakt mit ihnen schloß und so gut unterrichtete und sittlich hochstehende Diplo- maten wie Chamberlain, Daladier und Molotow sich nicht gewei- gert haben, auf offizielle Zusammenkünften diesen Verbrechern die Hände zu schütteln? In der angenehmen Erwartung, daß diese Zeilen in ihrem Innern nicht ganz ohne Widerhall bleiben werden, bin ich im Ausdruck vorzüglicher Hochachtung Ihr von R[…] Forum Dissertationsvorhaben Medienhistorische Forschungen kritisch und fördernd zu begleiten, steht im Zentrum der Aufgaben des »Studienkreises Rundfunk und Geschichte« . Die Unterstützung des wissenschaftlichen Nachwuchses spielt dabei eine ganz besondere Rolle. So veranstaltete der »Studienkreis« seit Mitte der 1970er Jahre Examenskolloquien und führt seit 2007 in der Lutherstadt Wittenberg das »Medienhistorische Forum« für Absolventen und Forschungsnachwuchs durch. Vor diesem Hintergrund startete die Zeitschrift »Rund- funk und Geschichte« in der Ausgabe 1-2/2009 eine neue Rubrik innerhalb seines »Forums« . Promovie- rende erhalten die Möglichkeit, ihre Dissertationsprojekte zu medienhistorischen Themen vorzustellen, über Quellenrecherchen zu berichten und ihren wissenschaftlichen Ansatz zur Diskussion zu stellen. Die Redaktion freut sich, dass die Rubrik auf große Zustimmung gestoßen ist und mit den nachfolgenden Bei- trägen ihre Fortsetzung findet. Sie wünscht den Promovierenden ein gutes Gelingen ihrer Forschungsar- beiten und lädt alle Leserinnen und Leser von »Rundfunk und Geschichte« zur engagierten Diskussion der vorgestellten Projekte ein. Promovierende, die ihre Dissertationsvorhaben in einer der nächsten Aus- gaben von »Rundfunk und Geschichte« vorstellen möchten, wenden sich bitte an die Redaktion. Red. Sonja Yeh erwiesen, die postmodernen Medientheorien über Anything goes? eine »statistisch verlässliche[ ] Liste von Eigenna- Systematische Rekonstruktion und kritischer men« 1 zu definieren. Vergleich postmoderner Medientheorien. Medienhistoriographische Betrachtungen Trotz behaupteter Inkommensurabilität postmoder- bei McLuhan, Baudrillard, Virilio, Kittler ner Ansätze ist festzustellen, dass sich dennoch ein und Flusser beinahe konsensfähiger Kanon postmoderner Klas- siker herausgebildet zu haben scheint: Marshall Kaum ein kulturtheoretischer Begriff hat in den letz- McLuhan, Jean Baudrillard, Paul Virilio, Friedrich ten Jahrzehnten eine steilere Begriffskarriere erfah- Kittler und Vilém Flusser können dabei als konstan- ren als der der »Postmoderne« . Der Terminus ist in te Nennungen der ‚üblichen Verdächtigen‘ ausge- Kunst-, Kultur- und Mediendiskursen en vogue und macht werden. Diese thematisieren Medien als Mo- omnipräsent und er scheint seit Anfang der 1980er tor gesellschaftlichen und kulturellen Wandels, als Jahre zu einem Modewort avanciert zu sein. Im wis- Apriori kommunikativer Strukturen sowie Wahrneh- senschaftlichen Bereich hat es insbesondere in den mungs- und Erkenntnisweisen auf je spezifische Wei- 1970er und 1980er Jahren eine Hochkonjunktur post- se. Marshall McLuhan thematisiert den Einfluss der moderner Theorieproduktion gegeben. Der wissen- Medientechnologien in ihrer strukturellen Beschaf- schaftliche Postmoderne-Diskurs hat seinen Höhe- fenheit auf soziale, kognitive wie aisthetische Ord- punkt zwar scheinbar bereits überschritten, dennoch nungszusammenhänge unter je historisch kontin- hat eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den The- genten Bedingungen. Dabei betrachtet er Medien als orien, die unter dem Label »postmodern« versam- Ausweitungen des menschlichen Körpers und der melt werden, kaum stattgefunden. Insbesondere im menschlichen Sinne unter historisch spezifischen kommunikations- und medienwissenschaftlichen Bedingungen. Jean Baudrillard vertritt die Auffas- Umfeld ist der Begriff Postmoderne hochgradig ne- sung, dass die Welt mit ‚Simulakren‘ durchdrungen gativ konnotiert, wird feuilletonistisch trivialisiert und in der heutigen Medienwirklichkeit die Refe- oder einfach durch das Schlagwort »Anything goes« renz auf das Reale verschwunden sei. Medienge- von Paul Feyerabend mit einem Aufruf zur Beliebig- schichte sei durch historische Brüche gekennzeich- keit gleichgesetzt. Doch was sich hinter dem Etikett net, die durch die Ablösung von einem Simulakrum »postmodern« in der Kommunikations- und Medien- durch ein anderes induziert würde. Paul Virilios‘ An- wissenschaft verbirgt, ist bisher nicht ausreichend satz der Dromologie deklariert Geschwindigkeit geklärt. Stattdessen charakterisiert sich der bishe- zum entscheidenden Faktor der Gesellschaftsbil- rige Forschungsstand weitgehend durch ein inkohä- rentes Nebeneinander von Theorieangeboten und fehlender Reflexion theoretischer Prämissen und 1 Claus Pias: Poststrukturalistische Medientheorien. In: Stefan Weber Begrifflichkeiten. Bisher hat es sich als genügend (Hrsg.): Theorien der Medien. Konstanz 2003, S. 277–293; Zitat, S. 277. 40 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) dung. Virilio thematisiert Mediengeschichte als ei- statiert. Vielmehr sind die großen (Medien-)erzäh- nen Verlauf sich potenzierender Geschwindigkeiten, lungen postmoderner Theoretiker paradoxerweise die einen entscheidenden Einfluss auf menschliche selbst schon wieder zu Metaerzählungen geworden. Wahrnehmungsverhältnisse hat. Friedrich Kittler analysiert technologische Aufschreibesysteme wie Das Dissertationsvorhaben thematisiert Medienge- Schreibmaschine, Grammophon, Film oder Com- schichte somit in zweifacher Hinsicht: Erstens wird puter. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der ‚Hard- Mediengeschichte als Gegenstand von postmoder- ware‘, der Medialität von technischen Apparaten, als nen Theorien thematisiert und mithilfe des Theorie- Grundbaustein einer historisch fokussierten Medi- vergleichs auf einer Beobachtungsebene höherer enarchäologie, die als Motor historischer Entwick- Ordnung betrachtet. Die postmodernen Theorien lungen die Veränderung medialer Speicher-, Über- sind der eigentliche Gegenstand der Analyse, die tragungs- und Verarbeitungsmöglichkeiten in den wiederum den Gegenstand Mediengeschichte zum Vordergrund rückt. Vilém Flusser beschäftigt sich Gegenstand haben. Zweitens ist die Betrachtungs- aus der Sicht einer so genannten Kommunikologie weise eine historische, da postmoderne Medienthe- mit unterschiedlichen Dimensionen medialer Codes, orien als selbst schon historisierter Theoriediskurs die sowohl Denken und Wahrnehmung als auch un- diskutiert werden. sere Kultursituation und die Wirklichkeitsverhältnisse prägen. Er thematisiert dabei insbesondere die Be- sonja yeh M. a., geboren 1981 in Buxtehude, studierte Kommunika- deutung von traditionellen Bildern, der Schrift und tionswissenschaft/Publizistik; Kultur, Kommunikation und Management sowie Psychologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster technischen Bildern, die in den verschiedenen histo- und an der Universität von Buenos Aires. Von 2003 bis 2004 war sie als rischen Phasen auf je spezifische Weise den Weltbe- Mentorin für das Fach Kultur, Kommunikation und Management und von zug herstellen. 2005 bis 2006 als Tutorin für das Fach Kommunikationswissenschaft an der Universität Münster tätig. Von 2006 bis 2007 betreute sie als studen- tische Mitarbeiterin die Praktikantendatenbank des Instituts für Kom- Die Theoretiker, die eine notwendig exemplarische munikationswissenschaft. Von 2007 bis 2008 arbeitete sie als Lehrbe- Auswahl aus dem Spektrum postmoderner Medien- auftragte am Institut für Kommunikationswissenschaft, seit 2008 ist sie theorien darstellen, entwerfen Geschichtsmodel- Lehrbeauftragte am Fachbereich Design der FH Münster und Promoti- onsstipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes und der Stif- le, die in ihrer immanenten Forschungslogik, ihren tung der Deutschen Wirtschaft. Derzeit promoviert sie an der Westfä- impliziten Semantiken und Systematiken, den the- lischen Wilhelms-Universität Münster. e-Mail : sonjayeh@gmail.com oretischen und methodischen Prämissen beleuch- tet werden sollen. Durch die Analyse der narrativen Strukturen soll untersucht werden, inwiefern die (zu- Lauritz Lipp mindest) terminologisch vorhandene Identität post- Bild und Bildträger moderner Medientheorien auch vergleichbare inhalt- in der nicht normativen Bildprojektion. liche und strukturelle Merkmale ausweist, obwohl die Eine kunst- und Theorieansätze auf den ersten Blick inkommensura- medienwissenschaftliche Studie bel anmuten. Diese sollen methodisch mithilfe eines zur Lenkung des Blicks Theorievergleichs miteinander in Beziehung gesetzt werden, um eine Systematisierung des Diskurses zu Bilder aus Licht hinterlassen keine Spuren, aber sie erzielen und Verhältnisbestimmungen vornehmen zu ergänzen für Momente die physische Welt um eine können. Ziel ist es einerseits, die behauptete Inkom- flüchtige, virtuelle Ebene, die Verbindung von Bild mensurabilität zu überprüfen und andererseits, wei- und Bildträger1 ist immateriell. Sie wird auf dem Weg tere implizite, nicht reflektierte blinde Flecken der der Lichtstrahlen zur Projektionsfläche geleitet, de- Theoriebildung sichtbar zu machen, um den Begriff ren Intervention sie auffängt und bildhaft sichtbar »postmodern« im Kontext kommunikations- und macht. Dabei wird mehr als nur das aktuelle Licht- medienwissenschaftlicher Theoriebildung ange- bild erzeugt. In jeder Präsentationsform ist einerseits messener beschreiben zu können. Dabei liegt die das Wissen um historische Vorläufer eingeschlossen, die Forschung leitende Annahme zugrunde, dass andererseits reagiert sie auf den jeweiligen tech- die narrative Logik bzw. Struktur der postmodernen nischen Entwicklungsstand und die gesellschaft- Medientheorien der Form großer Erzählungen bzw. lichen Rahmenbedingungen. Die mediale Ausstrah- Metaerzählungen2 nach Jean-François Lyotard folgt lung, Vergrößerung und Ortsverschiebung der Bilder und diese keineswegs mit dem Beginn der Post- hat ihre Geschichte in den Kulturtechniken unseres moderne verabschiedet werden, wie Lyotard kon- Sehens, die jeweils transportiert werden. Die Einbe- 1 Mit Bildträger im Zusammenhang von Lichtprojektionen ist hier das Medium zwischen Lichtquelle und Projektionsfläche gemeint. Als Pro- 2 Jean-François Lyotard: Das postmoderne Wissen. Wien 31994a jektionsfläche wird der Ort bezeichnet, an dem sich das Bild für den Be- [1979], S. 14. obachter optisch manifestiert. Forum 41 ziehung der jeweiligen historischen Wiedergabekon- nicht verortbar waren, die Multiscreen-Projektionen ventionen ist Voraussetzung für eine erschließende von Charles und Ray Eames (1953-1964), die Auf- Behandlung des Themas. Walter Benjamin schreibt Bild-Projektionen von Peter Greenaway (ab 2005) dazu schon 1936: »Innerhalb großer geschichtlicher und schließlich ein Ausblick auf zukünftige Disposi- Zeiträume verändert sich mit der gesamten Daseins- tive für Entwicklungen wie Tageslichtprojektoren und weise der menschlichen Kollektiva auch die Art und mobile batteriebetriebene Picobeamer. Die unter- Weise ihrer Wahrnehmung. Die Art und Weise, in suchten historischen Projektionsanordnungen wa- der die menschliche Wahrnehmung sich organisiert ren technisch nur mit großem Aufwand realisierbar, – das Medium, in dem sie erfolgt – ist nicht nur natür- ökonomisch nur kurzfristig tragbar und strapazierten lich, sondern auch geschichtlich bedingt.«2 Die da- die Aufnahmefähigkeit des zeitgenössischen Publi- rin enthaltene Art der Lenkung des Blicks, mit ihren kums. Es wird versucht, diese vom Kino-Disposi- Gewinnen und Verlusten, Freiheiten und Abhängig- tiv verdrängten Anwendungen mit ihren technischen keiten, gilt es im Rahmen einer Dissertationsschrift und darstellenden Besonderheiten als Basis für die zu ergründen. Beurteilung von aktuellen und zukünftigen Projekti- onsdispositiven zu verwenden. Im Zentrum dieser Arbeit steht die Materialität der Projektionsfläche, deren dimensionale Beschaffen- Bei all diesen Arbeiten mit Licht muss das For- heit, Platzierung im Raum und Sichtbarkeit. Damit schungsgebiet der »dualen Bildwahrnehmung«, ein- verbunden ist die Frage, welchen Einfluss Lichtquel- bezogen werden, bei dem es darum geht, dass eine le, dargestelltes Bild und damit verbundene Abhän- hervorgerufene Wahrnehmung den dargestellten gigkeiten, Verknüpfungen, Arrangements und Ein- Bildraum und die wahrgenommene Materialität und satzmomente auf die visuelle Wahrnehmung und Oberfläche des Bildträgers als Teil der wahrgenom- das Verständnis des Dargebotenen haben. Hin- menen Umwelt des Betrachters einschließt (wie sie zu kommt die Rolle des Betrachterstandortes und Reinhard Niederée und Dieter Heyer in ihrem Aufsatz -Blickwinkels. Je nach Aufbau und Anordnung kann »The Dual Nature of Picture Perception: A Challenge eine örtliche und inhaltliche Fixierung oder explora- to Current General Accounts of Visual Perception«, tives Entdecken notwendig sein, um die Lichtbildin- erschienen in Hecht et al: Looking into Pictures: An szenierung zu rezipieren. Interdisciplinary Approach to Pictorial Space, 2003, The MIT Press, Massachusetts, definiert haben). Die Im Zentrum dieser Arbeit steht die Untersuchung Bearbeitung folgender Fragen soll dies erhellen: Wie von historischen wie aktuellen Bildprojektionen, die wird das Bild präsentiert? Wird die Projektion Be- nicht in der Black Box des Kinosaals stattfinden, kei- standteil der visuellen Umgebung, und ist das Bild ne feste Blickrichtung vorgeben oder die mit mehre- erst »komplett«, wenn es auf eine bestimmte Projek- ren im Raum verteilten Projektionsflächen arbeiten, tionsfläche geworfen wird? Was bedeutet es für das wie jene, die Sehkonventionen, Zentralperspektive dargestellte Werk und was für die Aufmerksamkeit oder Fenstermetapher ignorieren und das Publikum des Betrachters, wenn zum Beispiel projiziertes Bild vor Seherfahrungen stellen, die sich weit vom Kino- und Umwelt nicht klar auseinander zu halten sind? Dispositiv entfernt haben. Um dieser Phänomene Welche Bedeutung spielt der Begriff »Augmented habhaft zu werden, wird der Begriff der Sehkonven- Reality« in diesen Zusammenhängen? tion eingeführt, der dem Gedankengang durch die einzelnen Überlegungen als Leitfrage dienen soll. lauritz lipp studierte zwischen 1997 und 2004 Medieninformatik an der Fachhochschule Wedel. Seit August 2008 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Interaction Design an der Berliner Tech- Es werden Bildprojektionen untersucht, die mehr mit nischen Kunsthochschule. Das Dissertationsprojekt seit März 2008 wird einem Fresko als mit den Prinzipien des Tafelbildes betreut von Prof. Dr. Gerhard Lampe am Department Medien- und Kom- gemein haben, oder die durch die Projektion auf pla- munikationswissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle-Wit- stische Körper auch unter skulpturalen Aspekten be- tenberg. email : l.lipp@btk-fh.de trachtet werden müssen. Teilweise werden sie so Teil der Architektur und vermischen als »Aufprojektion« die Materialität unserer Umwelt mit der imaginierten der Bildwelt, wie zum Beispiel Projektionen auf Ne- bel, Multiscreen-Projektion, Projektionsflächen mit extremen Seitenverhältnissen (rund, dreieckig, po- lymorph, plastisch, ...) 2 Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: Ders.: Gesammelte Schriften I, 2 (Werkausgabe Gegenstand der Arbeit sind unter anderem die In- Band 2), hrsg. v. Tiedemann, Rolf/Schweppenhäuser, Hermann. Frank- furt a.M.: Suhrkamp 1980, S. 471-508. Der Essay: Das Kunstwerk im Zeit- szenierungen der Phantasmagorien (circa 1780- alter seiner technischen Reproduzierbarkeit erschien 1936 gekürzt auf 1820) mit Projektionsflächen, die für das Publikum Französisch und wurde erst postum 1963 vollständig publiziert. 42 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) Simone Müller kabel oder Unternehmen, sondern die Kabelakteure Die transatlantische Telegraphenverbindung selbst im Zentrum stehen, also die Ingenieure, Finan- und die Verkabelung der Welt. ciers, Journalisten, Politiker oder Philanthropen, wel- Epistemische Gemeinschaften und kulturelle che die Seetelegraphie des Nordatlantiks und darü- Netzwerke im maritimen Raum, 1858–1914 ber hinaus geprägt haben. Globalisierung und Telekommunikation, Telekom- Ziel dieser Arbeit ist es, mit Hilfe einer prosopogra- munikation und Globalisierung – das eine ist ohne phischen Netzwerkanalyse4 zu eruieren, wie der At- das andere undenkbar. Der diesjährige Physikno- lantik als Kommunikationsraum strukturiert und kon- belpreis an Charles Kuen Kao als Auszeichnung für struiert wird. Zentrale Fragestellungen konzentrieren seine Arbeit im Bereich der Glasfaserkabel und da- sich dabei auf die Akteure selbst, die Entstehung mit an der Entwicklung des World Wide Webs spie- global wirksamer Netzwerke, sowie die Frage nach gelt diese enge Interdependenz beider Begriffe so- dem Selbstverständnis der Kabelakteure. Ein zwei- wie ihre gesellschaftliche Relevanz wider. Doch nicht ter Komplex widmet sich dem Spannungsfeld zwi- nur im Zeitalter von Web 2.0. beeinflussen Errun- schen Prozessen der Globalisierung auf der einen genschaften der Telekommunikation den globalen Seite und solchen einer zunehmenden nationalstaat- Informations- und Kommunikationsfluss. Die sub- lichen Abgrenzung auf der anderen Seite. Der Fokus marinen Telegraphenkabel als Vorläufer der Glas- liegt dabei auf dem Aktionsradius des einzelnen Ak- faserkabel spielten im 19. Jahrhundert eine ebenso teurs als Weltbürger in diesem Spannungsfeld. Zu- wichtige Rolle. Einer der zentralen Schauplätze war letzt geht es um Auswirkungen der Telekommunika- hierbei der Nordatlantik und dies nicht nur als wich- tion auf dem Nordatlantik und Fragestellungen nach tigster trans-kontinentaler Wirtschaftsraum, sondern der Wahrnehmung von Raum und Zeit sowie einer auch als Schauplatz des ersten Tiefseekabels von entstehenden transatlantischen Öffentlichkeit. 1858/66.1 Das Great Atlantic Cable brachte eine ganz neue Qualität im Bereich globaler Kommunikation. Das Quellenkorpus, das dieser Untersuchung zu- Nachrichten, die zuvor mehrere Wochen gebraucht grunde liegt, besteht aus den betreffenden Un- hatten, wurden nun innerhalb weniger Stunden über- ternehmensunterlagen sowie den jeweiligen Ak- mittelt. Die Welt war damit deutlich dichter geworden. teursnachlässen. Darüber hinaus werden Schriften Dem Erfolg dieses ersten Tiefseekabels folgte ein re- internationaler Organisationen, welche den Aktions- gelrechter Kabelboom. In den 1870er Jahren konn- rahmen der Akteure wesentlich bestimmten, wie der te so Indien (1870), Australien und Asien (1872), Bra- silien (1874) und Südafrika (1879) per Telegraph von Europa aus erreicht werden. Die Geschichte dieser Telegraphenkabel, der Un- 1 Im Sommer 1858 war erstmals ein Telegraphenkabel erfolgreich über ternehmen und ihrer Auswirkung vor allem auf die den Atlantik verlegt worden. Jedoch funktionierte diese hoch umjubelte Entstehung global wirksamer wirtschaftlicher und Verbindung zwischen der Alten und der Neuen Welt nur wenige Wochen. Erst im Jahr 1866 gelang es, ein dauerhaftes Telegraphenkabel zu verle- politischer Prozesse (Stichwort Weltpolitik und Welt- gen. wirtschaft) sind relativ gut erforscht.2 Jedoch fehlt 2 Vgl. zum Beispiel: Vary T. Coates; Bernard S. Finn: A retrospective bislang eine kultur- und sozialgeschichtliche Ab- technology assessment. Submarine telegraphy – The transatlantic ca- handlung der Geschichte der Verkabelung der Welt ble of 1866. San Francisco 1979; Daniel C. Headrick: The Tools of Empi- – eine Lücke, die diese Dissertation, die im Fach- re. Technology and European Imperialism in the Nineteenth Century. New York 1981; Dwayne Roy Winseck; Robert M. Pike: Communication and bereich Geschichte eingereicht wird, schließen will. Empire. Media, markets, and globalization, 1860–1930. Durham 2007; Grundannahme der Arbeit ist, dass Globalisierung Jorma Ahvenainen: The Role of Telegraphs in the 19th Century Revolu- nicht als selbsttätiger und unaufhaltsamer Prozess tion of Communication. In: Michael North (Hrsg.): Kommunikationsre- unter den Vorzeichen des westlichen kapitalistisch- volutionen. Die neuen Medien des 16. und 19. Jahrhunderts. Köln 1995, S. 73–80. demokratischen Systems verstanden werden kann. 3 Vgl. besonders: Sebastian Conrad; Andreas Eckert: Globalge- Stattdessen wird sie als nichtlinearer Prozess der schichte, Globalisierung, multiple Modernen. Zur Geschichtsschreibung weltweiten Zunahme, Ausdehnung und Verdich- der modernen Welt. In: Sebastian Conrad (Hrsg.): Globalgeschichte. tung von Netzwerken und Interaktionsräumen de- Theorien, Ansätze, Themen. Frankfurt am Main 2007, S. 7–49 (= Reihe Globalgeschichte; 1). finiert. Zentral ist auch die Annahme einer jeweils 4 Vgl.: Dorothea Jansen; Andreas Wald: Netzwerktheorien. In: Arthur spezifischen Ausprägung oder auch Ablehnung von Benz u. a. (Hrsg.): Handbuch Governance. Theoretische Grundlagen globalisierenden Prozessen im regionalen Kontext.3 und empirische Anwendungsfelder. Wiesbaden 2007, S. 188-199. – Als Unter derartigen Prämissen rücken Konzepte wie Prosopographie bezeichnet man in der Geschichtswissenschaft die sy- Akteur und Netzwerk und damit sozial- und kulturge- stematische Erforschung eines Personenkreises vor allem unter sozio- politischen Kriterien. Im Bereich der Neueren Geschichte versteht man schichtliche Aspekte in den Fokus. Übertragen auf darunter vor allem den Ansatz der Kollektivbiographie; vgl.: Lawrence die Arbeit bedeutet dies, dass nicht die Telegraphen- Stone: Prosopography. In: Daedalus 100(1971), S. 46-79. Forum 43 International Telegraph Union (ITU) oder der Soci- gie der Staatspartei SED sowie das Handeln der sich ety of Telegraph Engineers (heute IEE) konsultiert. formierenden Opposition in der DDR in den Blick Schließlich fließen auch zeitgenössische Zeitungs- genommen. Dabei soll in den schriftlichen Quellen artikel in die Untersuchung mit ein. nach Hinweisen für die Wirkung bzw. für die Bedeu- tung der Fernsehberichterstattung gesucht werden. siMone Müller, geboren 1982, studierte Geschichtswissen- Neben den Akten im Bundesarchiv und der Bun- schaften, Amerikanistik und Sozialkunde im Lehramt und Magister- desbeauftragten für die Stasiunterlagen (BStU) wer- studiengang an der Julius-Maximilians Universität Würzburg und am Davidson College in North Carolina. Ihre Magisterarbeit erarbeitete den die Zuschauerpost an das DDR-Fernsehen so- sie unter Betreuung von Prof. Charles Maier an der Harvard Universi- wie veröffentlichte Tagebücher in die Untersuchung ty, USA. 2004/05 war sie Teaching Assistent am Davidson College. Seit einbezogen. Mit wichtigen journalistischen Akteuren 2008 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am John-F. Kennedy Institut für Nordamerikastudien der FU Berlin im DFG-Forschungsprojekt 955 sollen leitfadengestützte Interviews geführt werden, »Akteure kultureller Globalisierung, 1860–1930« (www.cultglobe.net). um die Arbeitsbedingungen und Hintergründe der e-mail : mueller@jfki.fu-berlin.de Berichterstattung einzubeziehen. Die bereits erfolgte Auswertung von insgesamt 230 Thomas Großmann Nachrichtensendungen aus den Archiven des NDR Fernsehen, Öffentlichkeit, Revolution. und des ZDF 4 bestätigt die Annahme, dass sich Die Bedeutung von Nachrichtensendungen »Tagesschau« und »Heute« von März bis Oktober für den Umbruch in der DDR 1989 1989 zu einer Art Ersatz-Öffentlichkeit für die poli- tischen, ökonomischen und sozialen Probleme der Der Fall der Mauer und das Ende der DDR – beides DDR entwickelten. Das bedeutet zunächst, dass di- war 1989 live auf den deutschen Fernsehern zu ver- ese Probleme durch das ARD und ZDF thematisiert folgen. Die Wirklichkeit überholte die Fantasie. Auf wurden, was jedoch nicht mit einer Medienwirkung den Mainzer Tagen der Fernsehkritik 1990 fragte da- gleichgesetzt werden darf. Vielmehr wirkten »Ta- her der ZDF-Chefredakteur Klaus Bresser nach der gesschau« und »Heute« an der privaten Meinungs- Rolle seines Mediums in dieser politischen Ausnah- bildung der großen Mehrheit der DDR-Bürger mit. mesituation: »Die Realität lief der Fiktion den Rang Sie schufen durch diese Thematisierung der Pro- ab, die Wirklichkeit war einfach besser als das Fern- bleme vielmehr ein Krisenbewusstsein, das sich mit sehen. […] Die Ereignisse des letzten Jahres liefer- der privaten Alltagserfahrung verband und das zu- ten das, was Fernsehen gegenüber anderen Medi- nehmende Bedürfnis nach glaubwürdiger Informa- en einen Vorsprung verschafft: Bewegende Bilder tion und Kommunikation weckte.5 Erst mit dem Ge- und einfache Botschaften. Die anderen haben nur fühl der Stagnation und der Krise, das durch immer Buchstaben – Zeichen fürs Hirn. Das Fernsehen neue Berichte im Sommer 1989 bestärkt wurde, ent- kann mehr zeigen – Signale fürs Auge, Symbole fürs stand in der DDR eine politisch-kommunikative Ver- Herz.«1 Doch diese Augenblicksbeobachtungen des dichtung als Voraussetzung für eine spätere (Medi- Jahres 1990 führten nicht zu einer intensiven Ausei- en-)Öffentlichkeit. nandersetzung über die Bedeutung des Fernsehens für den Umbruch in der DDR; eine Beschäftigung mit der Berichterstattung von ARD und ZDF sowie des 1 Klaus Bresser: Das Fernsehen als Medium und Faktor der revolu- DDR-Fernsehens und deren Einfluss auf die Ereig- tionären Prozesse in Osteuropa und der DDR. In: Peter Christian Hall nisse im Osten Deutschlands blieb weitgehend aus. (Hrsg.): Revolutionäre Öffentlichkeit. Das Fernsehen und die Demokrati- Mit einem medienhistorischen Dissertationsprojekt sierung im Osten. Mainz 1990, S. 33f. 2 An dieser Stelle sei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Ar- soll diese Lücke in der Forschung jetzt geschlossen chiven des NDR, des ZDF und des Deutschen Rundfunkarchivs Pots- werden.2 Ausgangspunkt ist eine empirische Unter- dam-Babelsberg bereits für ihre freundliche Unterstützung des Projekts suchung der Hauptnachrichtensendungen des öf- ausdrücklich gedankt. fentlich-rechtlichen Fernsehens in der Bundesrepu- 3 Vgl. Werner Faulstich: Grundkurs Fernsehanalyse. München 2008; sowie Knut Hickethier: Film- und Fernsehanalyse. 4. Aufl. Stuttgart 2007. blik sowie des DDR-Fernsehens. »Tagesschau« und 4 Ausgewählt wurden die Sendungen über einen Kriterienkatalog, zu »Heute« sowie die »Aktuelle Kamera« werden im Hin- dem unter anderem »Berichte über Flüchtlinge«, »Proteste in der DDR« blick auf Inhalte, Gestaltung und Tendenzen der ak- und »Berichte über Opposition« gehören. – Die Gesamtzahl der rele- tuellen Berichterstattung des Jahres 1989 mit Mitteln vanten Sendungen einschließlich der »Aktuellen Kamera« im Deutschen 3 Rundfunkarchiv Potsdam-Babelsberg wird sich auf rund 400 Sendungen der Film- und Fernsehanalyse untersucht. Um sich erhöhen. Bei der Analyse der »AK« wird die Frage eher sein, wie über di- der Frage nach der tatsächlichen Bedeutung und ese Ereignisse nicht berichtet wurde. nach den Wirkungsdimensionen des Fernsehens in 5 Michael Meyen fand speziell für die DDR 1989 die Annahme bestä- der konkreten Situation 1989 zu nähern, werden vor tigt, dass Krisensituationen die Medienkontakte erhöhen. Gleiches gilt allem drei Gruppen von Akteuren näher beleuchtet. für die Bedeutung der Anschlusskommunikation zwischen Kollegen so- wie in den Familien und im Freundeskreis; vgl. Michael Meyen: Einschal- Neben den Korrespondenten und Journalisten als ten, Umschalten, Ausschalten? Das Fernsehen im DDR-Alltag. Leipzig den Produzenten der Nachrichten werden die Strate- 2003, S. 73–75. 44 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) Neben der krisenhaften Entwicklung der DDR waren ist an der Berichterstattung der »Aktuellen Kame- Michael Gorbatschows Perestroika, die Verhand- ra« ebenso ablesbar wie auch an der anderer Me- lungen am Runden Tisch in Polen sowie die deutlich dien in der DDR.7 Die bisher verschwiegenen Pro- erkennbare Hinwendung der Reformkommunisten bleme der DDR-Gesellschaft wurden thematisiert, in Ungarn zu Demokratie und Marktwirtschaft über kritische Meinungsäußerungen wurden in den Medi- die Berichte der Korrespondenten von ARD und ZDF en möglich. Der Tenor der Berichterstattung änderte in der DDR präsent. Diese Berichte bildeten einen sich. Es kann daher ab dem Spätherbst 1989 von ei- deutlichen Kontrast zu den Informationen der DDR- ner schrittweisen Entstehung einer pluralen Medien- Medien. Dieser krasse Gegensatz zum Parteijour- öffentlichkeit in der DDR gesprochen werden. nalismus der »Aktuellen Kamera« wurde besonders Nach Abschluss der Analyse der Nachrichtensen- in der Frage der zu Tausenden über Ungarn und die dungen konzentrieren sich die Arbeiten auf die ČSSR flüchtenden DDR-Bürger deutlich. Mit einer Auswertung der schriftlichen Quellen. Neben den Mischung aus Schweigen, Ignoranz und Diffamie- Quellen der DDR-Opposition, die die Robert-Ha- rung reagierten die DDR-Medien auf den unüber- vemann-Gesellschaft verwahrt, sind bei der BStU sehbaren Exodus, der den Problemen der DDR-Ge- noch 125 Ordner mit Akten verschiedener MfS-Ab- sellschaft Gesichter und Stimmen gab. Besonders teilungen zu sichten, die sich nur mit den Korrespon- diese Bilder und Äußerungen der Flüchtlinge schei- denten bzw. den Nachrichtenprogrammen von ARD nen zur Herausbildung einer revolutionären Grund- und ZDF befassen. In Verbindung mit den im Bun- stimmung in der DDR-Bevölkerung bis zum Herbst desarchiv lagernden umfangreichen Akten des SED- 1989 beigetragen zu haben. So machte ein SED- Zentralkomitee (mindestens 70 Ordner) soll der Fra- Mitglied am 11. Oktober 1989 in einem Brief an das ge nachgegangen werden, ob die Machthaber in der DDR-Fernsehen seinem Ärger Luft: »Die Menschen DDR die Herausforderung durch die Fernsehbericht- werden zunehmend unzufriedener. Aber nicht nur erstattung im Sommer und Herbst 1989 überhaupt weil sie etwa dies oder jenes nicht haben, sondern wahrgenommen und wie sie konkret darauf reagiert weil ihre Meinung nicht gefragt ist. Viele resignierten haben. und verließen unsere Republik. […] Die Regierung und die Parteispitze weidet sich über ihre Medien an thoMas grossMann studierte Publizistik und Geschichte an der den Erfolgen, ohne auch ein Zeichen für die entstan- Freien Universität Berlin. Er ist Stipendiat der Bundesstiftung zur Aufar- beitung der SED-Diktatur und assoziierter Doktorand am Zentrum für Zeit- denen Probleme zu setzen. […] Nein, das können historische Forschung in Potsdam. e-Mail : grossmann@zzf-pdm.de keine Journalisten sein, die so infam ihr Handwerk missbrauchen.«6 Diese und viele andere Äußerungen deuten darauf hin, dass insbesondere die Kluft zwi- schen der Berichterstattung von »Tagesschau« und »Heute« einerseits sowie der »Aktuellen Kamera« an- dererseits für die Mobilisierung des Protests in der DDR wichtig waren. Bis Mitte Oktober 1989 fanden die Berichte über die Demonstrationen und den friedlichen Protest ge- gen die SED ihren Weg in die DDR nur über den Umweg des westdeutschen Hörfunks und Fernse- hens. Erst danach kam es zu einem Wandel der Be- richterstattung in den DDR-Medien und zu einer Öff- nung der Parteijournalisten für die Realitäten und die Forderungen des Publikums. Diese Entwicklung 6 Bundesarchiv Berlin. Bestand Staatliches Komitee für Fernsehen der DDR. DR 8/ 628, unpaginiert. 7 Dabei kann unter anderem auf eine eigene vergleichende Analyse zur SED-Bezirkspresse im Oktober 1989 zurückgegriffen werden: Thomas Großmann: Die Entstehung von Öffentlichkeit am Ende der DDR. Magi- sterarbeit. Berlin 2008. Für das Fernsehen sei noch verwiesen auf: Tho- mas Schuhbauer: Umbruch im Fernsehen, Fernsehen im Umbruch. Die Rolle des DDR-Fernsehens in der Revolution und im Prozess der deut- schen Vereinigung 1989-1990 am Beispiel des Jugendmagazins »Elf 99«. Berlin 2001; Franca Wolff: Glasnost erst kurz vor Sendeschluss. Die letz- ten Jahre des DDR-Fernsehens (1985–1989/90). Köln 2002. Forum 45 Die Literaturszene in Ostdeutschland Stabilisierung eben dieser Strukturen bedachten und die Wende1 Staatssicherheit dienten, war nach der Wende Ge- genstand heftiger Kontroversen. Die Literaturhisto- Die Literaturszene in Ostdeutschland unmittel- rikerin Elke Brüns, Verfasserin des Buches »Nach bar nach der Wiedervereinigung ist gekennzeich- dem Mauerfall. Eine Literaturgeschichte der Ent- net durch eine Reihe von Bedeutungsverlusten, bei grenzung« gewann den Eindruck, andere Personen- denen zu fragen ist, wie weit sie kompensiert wer- gruppen des öffentlichen Lebens seien in Stasi-Zu- den konnten und können. Sie betreffen die Autoren sammenhängen nicht derart angegriffen worden wie und ihre Wahrnehmung in den Medien und im Publi- die Autoren. kum sowie Produktion und Distribution literarischer Werke, das heißt Verlagswesen und Buchhandel. Ich Existentiell durchgeschüttelt, sahen sich die Autoren möchte mich in diesem Kurzreferat auf die Autoren im Prozess der Wende und nach der Wiedervereini- konzentrieren. gung in mehrfacher Hinsicht Vorwürfen ausgesetzt, sie hätten erwartete Leistungen nicht erbracht und Der Bedeutungsverlust der Autoren trat ein bei ihrem dadurch Enttäuschung hervorgerufen. gesellschaftlichen Auftrag, wie sie ihn in der DDR verstanden hatten, wie er ihnen wohlmeinend oder Wo blieb, so wurde gefragt, der große Wenderoman, auch beschönigend zugeschrieben wurde, und wie der doch nur von einem Autor oder einer Autorin ihn offenbar auch das Publikum begriff, jedenfalls kommen konnte, der oder die die Wende in der DDR das ihre Werke lesende. miterlebt hatte? Oder ist Christa Wolfs »Medea« der Wenderoman? Der Mauerfall wurde nicht zu einem Die Autoren sahen danach ihre Rolle als die von Dol- heroischen Literaturthema. Es entstand keine all- metschern zwischen dem Publikum und der Staats- seits als bedeutend empfundene Revolutionserzäh- und Parteiführung. Die Bevölkerung ihrerseits sah lung aus dem Herbst 1989, die uns endlich hätte sa- in der Literatur nicht nur eine Quelle der Unterhal- gen können, ob die gewaltlose Revolution gelungen, tung, sondern auch ein Feld von Orientierungsmög- gescheitert oder verraten oder gar keine war, weil lichkeiten. die Toten fehlten. Eine kurze Blüte von Wendeer- zählungen gab es, dann aber viel Surreales, Symbo- Werner Mittenzwei beschreibt in seinem Buch »Die lisches, Mystisches, Allegorisches in Distanz von der Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutsch- Realität. Der große Berlin-Roman fehlt noch. Und die land 1945 – 2000« die »Lesergesellschaft« in der Erwartung, die Schubladen der Autoren seien bei der DDR wie folgt: »Sie bestand vor allem darin, dass Wende voll von unveröffentlichten hervorragenden über die Literatur Befindlichkeiten der Bevölke- Manuskripten gewesen, wurde enttäuscht. rung erfasst und diskutiert wurden. Was sonst nie zur Sprache kam, sie brachte es in die Öffentlich- Hatten die Autoren aus der DDR, die in die alte Bun- keit. Selten als politisches Pamphlet, mehr durch die desrepublik gegangen waren oder nur dort publiziert Kunst, Stimmungen und Unbehagen zu beschreiben. hatten, und denen die westdeutschen Rundfunkan- Der der Literatur eigene Untertext konnte oftmals stalten eine Plattform mit Wirkung in die DDR hinein von großer, auch politischer Wirkung sein boten, die Wende ohne Bedeutungsverlust über- standen, als der Gegenstand ihrer Kritik, das DDR- Die Botschaft, die auf Taubenfüßen kam, fand Reso- System, verschwunden war? In welchem Umfange nanz unter den Lesern. Deshalb wurde die Literatur interessierte sich die ostdeutsche Öffentlichkeit, in über ihren Kunstwert hinaus geliebt«. Auf diese Wei- welchem die westdeutsche weiter für sie? se sei, so Mittenzwei, die Literatur zu einer »Opposi- tionskraft gegen verkrustete Strukturen geworden«. Die DDR galt als »Lesergesellschaft«, als »Litera- Diese Rolle der Autoren und der Literatur, wenn sie turgesellschaft«. Nach der Wende ging die schöne denn tatsächlich, zumindest partiell, so bestanden Literatur, ging die Dramatik in Ostdeutschland zu- hat, entfiel mit den äußeren Bedingungen ihrer Not- rück. Das Publikum war begierig auf Reise-, Rat- wendigkeit und Möglichkeit. Mittenzwei konstatiert, geber- und Unterhaltungsliteratur aus dem Westen. dass dadurch die literarische Intelligenz in ihrer bis- War das Interesse an schöner Literatur in der DDR herigen Existenz »erschüttert und durchgerüttelt« nur ein Ausgleich dafür gewesen, dass es sonst so worden sei wie kaum in einer anderen Phase des 20. wenig Schönes und Erbauliches gab? Jahrhunderts. Dass unter den »Dolmetschern des Publikums«, die sich »auf Taubenfüßen« gegen »verkrustete Struk- 1 Vortrag auf dem Berliner Symposium der Historischen Kommission turen« stellten, solche waren, die zugleich der auf der ARD, gehalten am 10. April 2008. 46 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) Orientierungsbedarf bestand nach der Wende beim Die Literaturhistorikerin Elke Brüns sieht gewisser- ostdeutschen Publikum in hohem Maße. Aber konn- maßen den Königsweg in einer »Installierung und Ar- ten die ostdeutschen Autoren, die ihre bisherige ge- chivierung der DDR als Erinnerungsraum«. Als nach sellschaftliche Funktion verloren hatten, neue Orien- ihrer Einschätzung gelungene Beispiele nennt sie tierung bieten? Zunächst und vor allem ging es um Thomas Brussigs »Am kürzeren Ende der Sonnen- Orientierung beim Umgang mit der DDR-Vergangen- allee« verfilmt von Leander Hausmann, sowie Wolf- heit und im Verhältnis zu Westdeutschland, zu den gang Beckers Film »Good Bye, Lenin!«. Es wird Westdeutschen und ihrem nun im Osten übernom- deutlich, dass das Thema ein multimedial zu behan- menen Gesellschaftssystem. delndes ist, und dass es als ein abgeschlossenes zu gelten hat. Konnte von den ostdeutschen Autoren dabei ver- langt werden, sie müssten erst einmal anerkennen, Die Erinnerung, in deren Raum die DDR mittels der dass die DDR im Vergleich mit der Bundesrepublik Filme gehoben wird, ist weich gezeichnet, aber es ist nicht der bessere, sondern der schlechtere Staat ge- eben »nichts als Erinnerung« an eine Zeitstrecke, ei- wesen sei? Nicht wenige ostdeutsche Autoren rea- nen Lebensabschnitt. Versöhnung ist da angesagt, gierten mit einem Nostalgieschub, mit Trauerarbeit, der Ostdeutschen mit ihrer Vergangenheit wie zwi- mit Melancholie, mit der Forderung nach Bewah- schen Ost und West. Die sehr breite Akzeptanz der rung der sozialen Utopie und mit der Suche nach ei- Filme in ganz Deutschland, im Falle von »Good Bye, ner Ost-Identität, die die DDR- Erfahrungen einbe- Lenin!« mit dem Europäischen Filmpreis gekrönt, ziehen sollte. scheint zu zeigen, dass hier ein Ton getroffen wur- de, der in Ost und West »ankam«. Elke Brüns meint, Wer für eine solche Identität eintrat, fühlte sich von vielleicht etwas überschwänglich, Brussig könne als den westdeutschen Feuilletons verfolgt und dem »erster gesamtdeutscher Autor« bezeichnet werden, Versuch ausgesetzt, vom Westen her moralisch de- und »Good Bye, Lenin !« ersetze den fehlenden Wen- montiert zu werden. Mit der Suche nach östlicher Ei- deroman. Immerhin ist hier, freilich im Zeichen des genständigkeit ging freilich nicht selten einher, dass Pop, von Autoren mit Bedeutungsgewinn als Orien- ostdeutsche Autoren ihre angestammten ostdeut- tierungsangebot ein Weg beschritten worden, der schen Verlage verließen und sich westdeutschen zumindest nicht (weiter) auseinander führt, sondern Verlagen zuwendeten, wegen deren besseren Ver- zueinander führen will. triebsmöglichkeiten und wohl auch wegen deren ef- fektiveren Beziehungen zu den Medien. Postscriptum November 2009 Der Autor Wolfgang Hi1big, der 1985 in den Westen Zur Zeit des Berliner Symposiums der Historischen ging und dort bis 1999 blieb, sagte 1997 bei der Ver- Kommission der ARD im April 2008, auf dem ich die leihung des Lessingpreises: »Vielleicht wird eines Ta- vorstehenden Anmerkungen machte, war Uwe Tell- ges die Erkenntnis kommen, dass erst jener Beitritt kamps Roman »Der Turm« noch nicht erschienen. zur Bundesrepublik uns zu den DDR-Bürgern hat Wäre er bereits erschienen, so wäre zu fragen gewe- werden lassen, die wir nie gewesen sind«. Der Ruf sen, ob es »der lang erwartete große Wenderoman« bei den Wende-Demonstrationen »Wir sind ein Volk« ist, als den der Suhrkamp-Verlag ihn vorstellt. Es ist hatte freilich den Verzicht auf eine beizubehaltende eine große Erzählung, eine bedeutende Zeitzeugen- separate DDR-Identität ausgedrückt. aussage, aber es ist ein Vorwenderoman. Identität und Integration bedingen einander, auch Das Buch handelt vom nahenden Untergang der wenn ihr Verhältnis schwierig ist. Nicht der Verzicht DDR, den die einen erhoffen und die anderen fürch- auf Identität führt zur Integration, sondern das Ein- ten, an den aber noch niemand ernstlich glaubt. Die bringen von Identität. Eine auf Abwehrhaltung, auf damalige Situation der DDR kann mit einem Begriff Pflege des Gefühls des Fremdseins und auf dem Kli- beschrieben werden, den der Althistoriker Christian schee des »bösen Westdeutschen« fußende ostdeut- Meier auf die Verfassung der späten römischen Re- sche Identität ist nicht einbringungstauglich. Ebenso publik anwandte: Krise ohne Alternative. Dann be- wenig ist es eine überhebliche, sich in Vorstellungen scherte die Geschichte die Alternative, und der Weg der alten Bundesrepublik abschottende westdeut- zur deutschen Einigung wurde begangen. sche Identität. Zur Tauglichkeitsfindung, die eine ge- genseitige sein muss, hilft auf ostdeutscher Seite Damit entfiel aber die Notwendigkeit und Möglich- eine Klärung des Verhältnisses zur DDR-Vergangen- keit einer Mittler- und Moderationsfunktion von Au- heit. Dazu können ostdeutsche Autoren und die Ver- toren zwischen Bevölkerung und Regierung. Nach breitung ihrer Werke wesentlich beitragen. der nunmehr in ganz Deutschland geltenden Verfas- sung kann jeder der Regierung sagen, was er von ihr Forum 47 und ihrem Handeln oder Unterlassen hält. Er kann es dert auf. Martyn Powell (Aberystwyth) ging weiter selbst tun oder gemeinsam mit anderen, über seinen mit »name and shame«, den Anti-Luxus-Kampa- Parlamentsabgeordneten oder indem er Unterstüt- gnen in der Presse des 18. Jahrhunderts in England. zung durch die Medien findet. Er kann es deutlich Zum Schluss sprach Kevin Williams (Swansea) über und auch grob sagen. Eine Garantie, gehört zu wer- die Charakteristika und die Entwicklung des Phäno- den, hat der Bürger nicht; aber die Chance steigt mit mens »moral panics«, indem er die britische Boule- der gewonnenen Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. vardzeitung »Daily Mail« vor dem Ersten Weltkrieg In der Chance, diese Aufmerksamkeit zu gewinnen, untersuchte und deren Strategie des »scaremonge- bestehen auch die gegenwärtigen Möglichkeiten der ring«, also der Panikmache, um ihren Lesern Angst Autoren. Aufmerksamkeit findet, wer sie zu erzeu- einzujagen und einen Krieg als unvermeidlich er- gen vermag. Uwe Tellkamp hat sie gefunden durch scheinen zu lassen. Williams tat dies unter ande- Aussagekraft und literarische Qualität, die ihren An- rem mit Bezug auf die These von Stanley Cohen und spruch nicht verleugnet, indem sie sich verständ- seiner 1973 erschienenen, inzwischen als ‚klassisch‘ lich macht. Tellkamps Beispiel beweist, dass ost- geltenden Studie über die Berichterstattung über die deutsche Autoren Bedeutung, auch gesellschaftlich Schlachten zwischen »mods« und »rockers«. Diese erhebliche, wiedergewinnen können, wenn sie über unter dem Titel »Folk Devils and Moral Panics« veröf- ihre Erfahrungen und Erkenntnisse klar, nüchtern, fentlichte Arbeit ist im Rahmen der Cultural Studies kritisch, auch selbstkritisch und zugleich als gute weiter entwickelt worden, um solchen Medienkam- Erzähler berichten, so dass ihr Bedeutungsgewinn pagnen als ideologisches Mittel sozialer Kontrolle allein auf schriftstellerischer Qualität beruht. aufzufassen. Dietrich Schwarzkopf, Starnberg In mehrerer Hinsicht war diese erste Sitzung auch ausschlaggebend für die Tagung im Allgemeinen. Zum einen brachte das Tagungsthema »Social Fears »Social Fears and Moral Panics in the Media« and Moral Panics« eine ebenso breite Skala an so- 23. Tagung der »International Association wohl historischen Beziehungspunkten als auch an for Media and History« (IAMHIST) Theorien und Methoden in das Programm ein. Sen- in Aberystwyth/Wales sationalismus und Medienkampagnen aus verschie- denen Perioden wurden behandelt, ebenso Fragen Das »Centre for Media History« an der University of der Zensur und andere Formen von Medienregulie- Wales in Aberystwyth war Gastgeber für die 23. Ta- rung und -Kontrolle. Sowohl Stanley Cohens Werk gung der »International Association for Media and als auch andere theoretische Annäherungsweisen History« (IAMHIST). Die Tagung, die alle zwei Jahre aus der Tradition der Cultural Studies kamen wieder- stattfindet, stand vom 8. bis 11. Juli unter dem The- holt in den Beiträgen vor, als auch Foucaultsche Per- ma »Social Fears and Moral Panics in the Media«. spektiven, die soziale Ängste und »Moral Panics« in Eröffnet wurde die Konferenz nach kurzen Einfüh- Begrifflichkeiten von Gouvernementalität, Disziplin rungsworten durch den Vereinsvorsitzender Nicho- und Scham untersuchten. Die Vorträge behandelten las Cull mit der Verleihung des IAMHIST-Preises für auch eine Reihe von Medien, darunter Zeitungen und das beste Buch im Bereich Medien und Geschichte Telefon, bzw. selbst auch Eisenbahnen kamen vor, im Zeitraum 2007/2008. Dieser Preis wurde dieses etwa im Beitrag von Sandra Gabriele von der Wind- Mal geteilt; zwei Wissenschaftler wurden ausge- sor University über Sonntagszeitungen in Kanada. zeichnet: J. E. Smyth (Warwick University) für sein Film, Radio und Fernsehen, die Medien, die im Na- Buch »Reconstructing American Historical Cinema men des Gesellschaftsorgan »Historical Journal of from Cimarron to Citizen Kane« (erschienen in der Film Radio and Television« aufgenommen sind, wa- University of Kentucky Press) und Alexander Bade- ren – sogar inklusive Radio – gut vertreten. Wie bei noch (Utrecht University) für seine Studie »Voices IAMHIST-Tagungen üblich, gab es auch Graduier- in Ruins: West German Radio across the 1945 Di- ten-Panels, die vom Tagungsthema abweichen kön- vide« (erschienen bei Palgrave). Nach diesen Aus- nen. Beispielsweise ein Panel, das der Entwicklung zeichnungen stieg man mit einer Plenarsitzung in verschiedener Medienöffentlichkeiten nachspürte, das Thema ein. Passend für eine Tagung zur Medi- mit Präsentationen zur Geburt des modernen Zei- engeschichte wurden »social fears« und »moral pa- tungsjournalismus im Deutschland des 19. Jahrhun- nics« aus einer langfristigen historischen Perspek- derts (Thomas Birkner, Hamburg), zu den Bezie- tive betrachtet. So sprach Jason McElligott (Trinity hungen zwischen Rundfunk und Arbeiterparteien in College Dublin) in seinem Beitrag über die Geburt Großbritannien und Holland (Bas de Jong, Gronin- der Sensationspresse in Großbritannien und zeigte gen) sowie zum Frauenfunk bei der BBC (Kristin Sko- dies an alttestamentarisch geprägten Berichten über og, Westminster). In der Schlusssitzung der Tagung Massaker von Protestanten in Irland im 17. Jahrhun- nahm Chas Crichter (Swansea), Autor der 2003 er- 48 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) schienenen Studie »Moral Panics in the Media«, das Vorsitzender des British Board of Film Classification, ursprüngliche Konzept von »moral panic« von Cohen zusammen mit ‚Akademikern‘, um über die Stan- erneut auf. Crichter forderte, man müsse »moral pa- dards der Medienregulierung zu sprechen. In der nics« kontextualisieren als extreme Formen von so- darauf folgenden Diskussion erhob Rüdiger Stein- zialer Regulierung, die durch Medien ausgeübt wer- metz pointiert die Frage, inwieweit die britischen den. Vorbilder und Ereignisse, die im Vordergrund dieser und früheren Sitzungen der Tagung standen, geeig- Geographisch gesehen konzentrierte sich die Mehr- net sind, allgemeine Aussagen zum Tagungsthema heit der Beiträge auf den nordatlantischen Raum, zu machen. Beim Tagungsessen am letzten Abend wobei nahe liegend die englischsprachigen Län- wurde schließlich die Beziehung zwischen ‚Akade- der stark vertreten waren. Der Wahl des Tagungs- mikern‘ und ‚Praktikern‘ etwas leichter ins Spiel ge- ortes folgend gab es aber auch einige Beiträge über bracht mit der feierlichen Ehrung von Michael Nelson, walisischsprachige Medien, hinzu kamen Beiträ- dem vormaligen Generalverwalter von Reuters und ge aus anderen europäischen Ländern, unter de- langjährigem Mitglied von IAMHIST. nen Deutschland am häufigsten vorkam. Speziell die ostdeutsche Fernsehgeschichte war Gegen- Zur erwähnten leichten Spannung zwischen den na- stand zweier Panels. Eines widmete sich den »Cold tionalen und internationalen Belangen der Tagung War Fears«, mit Beiträgen von Ulrike Schwab (Hal- traten sehr angenehme und reizvolle Spannungen. le) über historische Dramen im DDR-Fernsehen und Eine bestand zwischen dem prallvollen Tagungs- von Mark Fenemore (Manchester), der allgemeiner programm auf der einen und der schönen Umge- über »moral panics« um die Jugendkultur der DDR bung der Universität an der Küste von Wales auf referierte. Das andere Panel stand unter dem The- der anderen Seite. Eine andere äußerte sich im sozi- ma »Television as Social Mediator«, in dem Claudia alen Programm der Tagung – auch hier gab es zum Dittmar (Halle) über Karl-Eduard von Schnitzler refe- Thema und zum Ort passende Extreme. Am zwei- rierte und das Problem, westdeutsches Fernsehen ten Abend der Tagung nämlich waren die Tagungs- gleichzeitig als Drohung und als Modell für Popula- besucher in die walisische Nationalbibliothek ein- risierung des Fernsehens zu sehen. Rüdiger Stein- geladen, um eine Vorstellung der kürzlich wieder metz (Leipzig) beschrieb in seinem Beitrag »Televisi- entdeckten und hervorragend restaurierten Filmse- on as universal therapist and entertainer« die Rolle rie »The Life of David Lloyd George« (Maurice El- des ostdeutschen Fernsehens in der Übergangspe- vey, 1918) zu erleben. Die Serie über den aus Wales riode zwischen Mauerfall und Aufnahme in das bun- stammenden britischen Premierminister war damals desdeutsche Rundfunksystem. Schließlich war auch aus unbekannten Gründen kurz nach seiner Vollen- die Geschichte der westdeutschen Medienöffent- dung unterdrückt worden und galt jahrzehntelang als lichkeiten gegenwärtig, in den Beiträgen von Mo- verschollen. Alle Teile der Filmserie wurden nun erst- nika Pater (Hamburg) über die Berichterstattung malig gezeigt, untermalt mit live gespielter Orgelbe- der »Bild«-Zeitung über den Andersen/Ihns-Mord- gleitung durch den berühmten Filmkomponisten Neil prozess bzw. von Todd Goehle (SUNY Binghamton) Brand. Zu diesem historischen Filmerlebnis kam am über »Rockers« in Hamburg. nächsten Abend noch ein Erlebnis ganz andere Art – die Uraufführung von Monty Pythons 1979 entstan- IAMHIST hat als Verein – dem »Studienkreis Rund- denem Film »The Life of Brian« in Aberystwyth. Denn funk und Geschichte« ähnlich – von seinen Anfän- infolge der Kontroverse um die angebliche Gottes- gen an die Anwesenheit von »Medienpraktikern« lästerung in dieser Parodie auf die biblische Jesus- als Identität stiftendes Merkmal für seine Tagungen Geschichte war der Film der Pythons bis Mai 2009 betrachtet, und diese waren auch in den Plenarsit- durch den Stadtrat von Aberystwyth verboten gewe- zungen in Aberystwyth stark vertreten. Wie in den sen. So waren mit der Präsentation dieses Films un- wissenschaftlichen Fallstudien in der ersten Plenar- mittelbar die Auswirkungen von historischen »moral sitzung ging es auch hier hauptsächlich um Erfah- panics« greifbar, aber gleichzeitig auch die »bright rungen im britischen Raum. In der ersten erzählten side of life« gegenwärtig. BBC-Produzent Edward Mirzoeff und Geschäftsfüh- render Will Wyatt über ihre Erfahrungen mit Skanda- Das ausführliche Programm der 23. Jahrestagung len und Krisen bei der BBC. Das Thema wurde wei- der IAMHIST ist online abrufbar unter der Adresse: ter behandelt durch Merfyn Jones, vormaliger BBC http://www.aber.ac.uk/history/research/IAM- Governor for Wales, der die Spannung zwischen der HIST%20conference%20programme%20FINAL.doc. BBC und der britischen Regierung über den Tod des Waffenexperten David Kelly vor der Invasion von Irak Alexander Badenoch, Utrecht aufzeigte. Eine sehr gelungene Sitzung brachte di- ese ‚Praktiker‘, einschließlich Sir Quentin Thomas, Forum 49 Zentrales Archiv und Medien-»Experience« dio- und Fernsehprogrammen zur Aufbewahrung Das niederländische »Instituut voor ins Archiv gebracht. Neben den noch nicht abge- Beeld en Geluid« (Institut für Bild und Ton) schlossenen Erschließungsarbeiten laufen Projekte in Hilversum zur Digitalisierung und dauerhaften Aufbewahrung der Sammlung. 1995 erfolgte der Beschluss des niederländischen Kabinetts, ein Jahr später wurde das »Instituut voor Dieses in Hilversum aufbewahrte und erschlossene Beeld en Geluid« (Institut für Bild und Ton) gegrün- Material wird in jeglicher Hinsicht zugänglich ge- det, eine zentrale Stelle für das audiovisuelle Erbe macht. Das Gebäude im Hilversumer ‚Mediapark‘ des Landes.1 Das »Instituut voor Beeld en Geluid« sollte eine Infrastruktur aufbauen für das Sammeln und die Aufbewahrung der verschiedenen Quellen des audiovisuellen Erbes, also von Fernsehen, Radio, Wochenschauen und Amateurfilm. Im Laufe der Ent- wicklung des Projekts kam bald eine zweite Mission hinzu: Dieses archivierte Erbe sollte einer möglichst breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. So wurde in der nordholländischen Stadt Hilversum, die seit den 1920er Jahren Heimstätte der niederlän- Instituut voor Beeld en Geluid. Außenansicht. Foto: Daria Scagliola Instituut voor Beeld en Geluid. Blick in den Keller mit den Archivräu- © Instituut voor Beeld en Geluid, Hilversum men. Foto: Stijn Brakkee © Instituut voor Beeld en Geluid, Hilversum dischen Rundfunkanstalten ist, ein Gebäude errich- ist zu einem regelrechten Blickfang und zu einem tet, das sowohl als allgemein zugängliches Archiv besonderen nationalen Aushängeschild geworden fungiert als auch ein interaktives Museum ist, das mit seinen Fassaden aus bunten Kunststoffschei- Mediengeschichte erlebbar macht (»Experience«). ben, die in Form bekannter Bilder aus der audiovisu- ellen Geschichte der Niederländen gegossen sind. Das Institut in Hilversum – meistens einfach nur »Be- Die Stockwerke in dem Gebäude laufen nicht nur eld en Geluid« genannt – öffnete 2006 seine Pfor- nach oben zu, sondern auch 16 Meter in die Tiefe, wo ten. Seither gehört es zu den größten audiovisuellen das Ganze in einem wasserdichten Betonkasten ruht. Sammlungen Europas. Seine archivierte Sammlung Hier sind auch die meisten Archivbestände unterge- enthält unter anderem »die kompletten Radio- und bracht. Die oberirdischen Teile des Baus sind Büro- Fernseharchive der öffentlich-rechtlichen Rund- räumen, einem großen Restaurant und den Ausstel- funkanstalten, Filme von allen wichtigen niederlän- lungsräumen gewidmet. dischen Dokumentarfilmmacher, Filmzeitschriften, das nationale Musikdepot, diverse audiovisuellen Die permanente Ausstellung, die aus den Schätzen Betriebsammlungen, Reklame, Radio- und Video- der Archivsammlung aufgebaut ist, verfolgt das Ziel Material aus kulturellen und gesellschaftlichen Or- ganisationen, von wissenschaftlichen Instituten und verschiedenen Bildungsorganisationen. Daneben 1 Vgl. in diesem Zusammenhang auch den Beitrag von Thunnis van befinden sich auch einige Foto- und Objektsamm- Oort in dieser Ausgabe. 2 Vgl. die Beschreibung auf der Homepage des Instituts: http://institu- lungen aus der Geschichte des niederländischen ut.beeldengeluid.nl/index.aspx?ChapterID=8499 (frei aus dem Nieder- Rundfunks.«2 Täglich wird eine Auswahl aus den Ra- ländischen übersetzt). 50 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) einer familiengerechten interaktiven »Media Expe- »Vereniging Geschiedenis, Beeld en Geluid« rience«, wo Besucher/innen verschiedene Themen (Verein für Geschichte, Bild und Ton) der Mediengeschichte durchlaufen mit Hilfe eines in the Netherlands and in Belgium Ringes, der persönliche Informationen und Einstel- lungen speichert. So können die jeweiligen ‚Me- In October 1986 the »Vereniging Geschiedenis, Be- dienerlebnisse‘ unter anderem den verschiedenen eld en Geluid« (GBG) [Association for History, Image Lebensaltern bzw. den unterschiedlichen Medienso- and Sound] was founded in Amsterdam. During the zialisierungen angepasst werden. Darüber hinaus 1980s, several academic historians such as Hans gibt es auch Räume für zeitlich befristete Sonderaus- Blom had noticed a growing interest among histo- stellungen (die jüngste beispielweise widmete sich ry students in working with audiovisual sources. In der Karriere des bekannten Kabarettisten Freek de the Dutch historical scholarly community the use of Jonge) sowie für Veranstaltungen (vor kurzem bei- non-written sources was still quite uncommon and spielsweise für »EU Screen«, die Fortsetzung des accordingly the opportunities for history students to »Video-Active«-Projektes3). attend media-related courses were limited. On top of that, the availability and accessibility of audiovi- Für Wissenschaftler und andere Interessierte ist das sual material in the archives was much more pro- Archiv zugänglich. Der Bestand ist in einer Online- blematic than it is today. After consulting various hi- Datenbank recherchierbar; Dokumente können ent- storians and archivists in the field, initiators Frans weder zur Nutzung vor Ort oder gegen Bezahlung Nieuwenhof and Marcel Linnemann found enthusi- auf DVD bestellt werden. Das Archiv ist sehr gut mit astic support for creating GBG as the Dutch branch Arbeitsplätzen für die Forscher ausgestattet und ver- of the »International Association for Media and Hi- fügt über alle nötigen Geräte zur Benutzung der AV- story« (IAMHIST). At that time, Nieuwenhof was te- Materialien. Trotz ihrer Verortung im Keller ist durch aching at the Film Academy and the University of die Form des Baus filtriertes Tageslicht an den Plät- Amsterdam and Linnemann was a history student zen sichtbar, was diejenigen, die schon einmal län- doing an internship at the Netherlands Filmmuse- ger im Archiv gearbeitet haben, sehr zu schätzen um. Officially, the aim of GBG was ‘to excite interest wissen. Für Medienpraktiker, die zu den ‚Hauptkun- in and promote the study of image and sound as den‘ des Instituts gehören, stehen auch Sicht- und sources for historiography and as means of imagi- Schnittplätze zur Verfügung, so dass sie ihr Materi- ning the past.‘1 GBG worked from the offices of the al bereits im Archiv bearbeiten können. Angeschlos- »Stichting Film en Wetenschap« (SFW) [Foundati- sene Schulen und Universitäten können für den Un- on Film and Scholarship], an organization that was terricht Sendungen bestellen und diese werden via co-founded in 1956 by the Dutch Ministry of Culture streaming von einem dafür aufgebauten Server di- and Education and the Dutch universities as a pro- rekt in das Klassenzimmer gebracht. duction and service centre for audiovisual materials. In 1996, the SFW archives merged with several other Die Erfahrungen bisher zeigen, dass das Konzept – large – audiovisual archives, including the national dieses zentralen Archivs sehr erfolgreich war und ist. broadcasting archives into the »Instituut voor Beeld Das »Experience« verzeichnete allein im Jahr 2008 en Geluid« [Institute for Image and Sound].2 A brand fast 200.000 Besucher. Durch seine guten Verbin- new building was opened in Hilversum in 2006, fa- dungen mit den Universitäten steigt die Nutzung des cilitating access to audiovisual sources to scholars Archivs vor allem auch durch die Studierenden. and students on a scale that would have been hard to hope for in 1986. Kontakt: Netherlands Institute for Sound and Vision During the 1990s, with the creation of the Institute Media Park, Hilversum and the systematic mapping and cataloguing of au- P.O. Box 1060 diovisual collections in the Netherlands,3 lobbying for 1200 BB Hilversum improved availability of audiovisual sources gradual- The Netherlands Tel. +31 35 6778035 www.beeldengeluid.nl 1 This historical overview is based on Pim Slot: »Only Chiefs, no Indi- ans?« In: GBG-Nieuws 38, 1996. Available online: http://www.geschie- Alexander Badenoch, Utrecht denisbeeldgeluid.nl/index.php?option=com_content&task=view&id=2 3&Itemid=49. 2 http://instituut.beeldengeluid.nl/index.aspx?ChapterID=8505; http://portal.beeldengeluid.nl/. 3 Mieke Lauwers: Gids voor Historisch Beeld- en Geluidsmateriaal. 3 Zu diesem Projekt siehe den Projektbericht von Andreas Fickers und Amsterdam 1994; José Kooyman: Gids voor historisch beeld- en gelu- Sonja de Leeuw in: RuG 33(2007), Nr. 3/4, S. 44–51. idsmateriaal. Amsterdam 1999. Forum 51 ly lost its urgency as a spearhead for GBG. The asso- Die Quellen der Zukunft. ciation presently functions mainly as platform for tho- Ein Workshop am Zentrum für Zeithistorische se interested either in the history of or in image and Forschung beschäftigte sich mit der Frage: sound, and counts (among others) researchers, te- Wie geht Deutschland mit der Überlieferungen achers, filmmakers, archivists and students among der Rundfunkanstalten und Fernsehsender um? its 250 members. GBG publishes a »Nieuwsbrief« [Newsletter] three times a year. Also, members auto- Spektakuläre Katastrophen, die bedeutende kultu- matically subscribe to the only scholarly periodical in relle Werte vernichten, hat Deutschland in den letz- the Netherlands and Belgium that specializes in Me- ten fünf Jahren gleich mehrfach erlebt. Dem verhee- dia History, the biannual »Tijdschrift voor Mediage- renden Feuer in der Weimarer Anna Amalia Bibliothek schiedenis« [Journal for Media History].4 fielen am 2. September 2004 in einer Nacht 50.000 Bücher zum Opfer. Von einem »Weltgedächtnisver- Members have the opportunity to meet each other at lust« war nach der Brandnacht die Rede.1 Ein ähnlich conferences, seminars or other activities that are or- schwerer Schock war der Einsturz des Historischen ganized at least twice a year. Several IAMHIST con- Archivs der Stadt Köln am 3. März diesen Jahres. ferences were held in the Netherlands, most recen- Doch der Verlust kultureller Werte kann auch schlei- tly on »Media and Imperialism« (Amsterdam, 2007). chend und unbemerkt vor sich gehen, was nicht we- Other recent conferences were about television talk- niger gefährlich ist. Denn dann fehlt es an öffentlicher shows in the Netherlands (2008), about documenta- Aufmerksamkeit und an einer breiten Unterstützung ry film maker Bert Haanstra (2006), and, last October, etwa für aufwändige Rettungsaktionen. Ein solcher a preview of the new television documentary series schleichender Verlust droht der Überlieferung der »De Oorlog« [The (Second World) War] followed by a deutschen Rundfunk- und Fernsehanstalten sowie discussion with producers and researchers.5 auch einiger Filmproduzenten. Aspiring members can register at the website: http:// Für diese problematische Situation möchte das Zen- www.geschiedenisbeeldgeluid.nl/ for 30 euros per trum für Zeithistorische Forschung (ZZF) Potsdam, year (this includes subscription to »Tijdschrift voor das sich seit Jahresbeginn mit einer eigenen Abtei- Mediageschiedenis«). lung verstärkt einer Geschichte der Medien- und In- formationsgesellschaft widmet, die Fachöffentlich- Thunnis van Oort, Utrecht keit sensibilisieren. Zu einem von Christoph Classen organisierten Workshop trafen sich am 28. Septem- ber erstmals Historiker, Kommunikationswissen- schaftler und Medienarchivare am ZZF, um die Mög- lichkeiten einer Verbesserung im Hinblick auf die Sicherung der audiovisuellen Überlieferung zu disku- tieren. Denn im Gegensatz zu schriftlichen Überliefe- rungen, deren Sicherung und Zugänglichkeit umfas- send geregelt ist, fehlen entsprechende verbindliche Auflagen für Film- oder Rundfunkarchive. Während etwa die Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig und Frankfurt am Main die gesetzlich geregelte Aufgabe hat, alle seit 1913 erschienenen deutschsprachigen Bücher zu sammeln, bibliografisch zu erfassen und der Öffentlichkeit zugängig zu machen, gibt es für die audiovisuelle Überlieferung keine vergleichbaren Regelungen. Vielmehr obliegen Erhalt, Sicherung und Zugang zu Filmen, Fernseh- und Radiosen- dungen dem Ermessen der Produzenten. Ange- sichts der hohen Kosten für Erschließung und Erhalt des Materials, insbesondere im Zusammenhang mit wechselnden technischen Standards und der Not- wendigkeit der Retrodigitalisierung sind die audio- visuellen Zeitzeugnisse in ihrer Gesamtheit bedroht. 4 This journal was a merger between the periodical »GBG-Nieuws« Insbesondere für die Zeitgeschichte kann dies ein and the SFW »Jaarboek Mediageschiedenis« [Media History Yearbook, 1989–1997]. The editorial board functions separately from GBG; see: http://www.mediageschiedenis.nl/. 5 See: http://deoorlog.nps.nl/. 1 Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 206, 4.9.2004, S. 33. 52 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) Verlust ihrer zukünftigen Quellen bedeuten. Nach- rung eines Fernsehmuseums unter dem Dach der dem in der letzten Zeit die Vorstellung vom 20. Jahr- Deutschen Kinemathek; die Eröffnung der Abteilung hundert als einem »Jahrhundert der Bilder« stärker Fernsehen fand im Juni 2006 statt.6 Einige Zeit zuvor, ins Bewusstsein gerückt ist,2 wächst auch das Inte- im Jahr 2000 war es zur Gründung eines Netzwerkes resse und die Notwendigkeit, audiovisuelle Quellen Mediatheken gekommen.7 Leif Kramp betonte, dass stärker in der Forschung zu berücksichtigen. Denn die komplexe und restriktive deutsche Rechtspro- das 20. Jahrhundert war nicht nur durch Bilder, son- blematik bei den Verantwortlichen zu Unwissenheit, dern spätestens in seiner zweiten Hälfte durch Töne Verwirrung und übertriebener Vorsicht geführt habe. und bewegte Bilder geprägt. Kinofilme, Hörfunk und Fernsehen wurden zu einem Teil der massenme- Dem stimmte Paul Klimpel, der Verwaltungsleiter der dialen Öffentlichkeit und sind damit eng mit poli- Deutschen Kinemathek, zu und erläuterte die recht- tischer Kommunikation und sozialem Wandel ver- lichen Rahmenbedingungen für Archive und Museen. knüpft. Mit einer stärkeren Historisierung des letzten Grundsätzlich sei die Rechtslage in Deutschland re- Drittels des 20. Jahrhunderts dürfte die Nachfrage striktiv mit einigen wenigen Ausnahmen. Denn das nach Rundfunk- und Filmquellen weiter steigen. Von deutsche Urheberrecht basiert (immer noch) auf ei- diesem Befund ausgehend sollte der Workshop am ner Kopienkontrolle, die mit der Digitalisierung ei- ZZF einer ersten Bestandsaufnahme und einem Aus- gentlich unmöglich geworden ist. Denn jede digi- tausch bisheriger Erfahrungen dienen. tale Nutzung ist eine Kopie des Werks im Speicher des Computers. Dennoch gehen die Versuche mit Einen vergleichenden Blick zur Situation der Medien- Kopierschutz und ähnlichen Bemühungen weiterhin archive über die Grenzen Deutschlands hinaus bot in Richtung Kopien- bzw. Nutzungskontrolle. In di- Leif Kramp, wissenschaftlicher Mitarbeiter am In- ese Auseinandersetzung geraten die Medienarchi- stitut für Medien- und Kommunikationspolitik (Ber- ve, die mit ihrer eigentlichen Arbeit Rechtsbruch be- lin). Aus seinen Forschungen heraus stellte Kramp gehen müssten. Der Rechtsbruch ergibt sich zum zwei medien-/kulturpolitische Modelle für den Um- Beispiel dadurch, dass Filmmuseen den Kopier- gang mit der audiovisuellen Überlieferung dar: den schutz von Filmen umgehen müssten, um Kopien »starken« und den »schwachen Staat«. So gibt es zu archivieren oder den Nutzern in ihren Räumen in Frankreich seit 1995 in der Praxis eine Pflicht- zugänglich zu machen. Zusätzlich erschwert wer- abgabe an die zentrale nationale Institution »INA«, de die Arbeit der Medienarchive durch drei Punkte: das insgesamt vier Millionen Stunden Radio- und Erstens durch die Tatsache, dass das Urheberrecht Fernsehsendungen verwahrt.3 Skandinavische Län- ein Recht ohne Pflichten ist und mit dem Werk selbst der wie Schweden kennen ebenfalls eine Pflicht- entsteht, ohne dokumentiert zu werden. Damit ist es hinterlegung ihrer Sendungen in einer öffentlichen beinahe unmöglich zu klären, wer die Urheberrechte Einrichtung mit jährlich zirka 45.000 Sendungen. Kei- an alten Fotos oder seltenen Filmaufnahmen besitzt, ne Pflichtabgabe gibt es in »schwachen« Staaten zumal bei Filmen mitunter mehrere Personen ein ge- wie Kanada, wo die »Library and Archives Cana- meinsames Urheberrecht haben. Wer diese Bilder da« aber das Recht zur eigenständigen Herstellung oder Filme ohne die ausdrückliche Zustimmung der von Mitschnitten hat. Die USA kennen ebenfalls kei- Rechteinhaber zeigt, macht sich theoretisch straf- ne Pflichtabgabe, haben jedoch die Möglichkeit der bar. Eine zusätzliche Erschwernis für die Medienar- freiwilligen Hinterlegung von audiovisuellen Werken chive ist der Umstand, dass sich die Schutzfristen für bei der »Library of Congress«. Diese eröffnete kürz- das Urheberrecht sukzessive verlängert haben. Die lich das »National Audiovisual Conservation Center« so genannte Regelschutzfrist beträgt in der Europä- mit einem Bestand an 300.000 Sendungen.4 Zudem ischen Union derzeit 70 Jahre nach dem Tod des Au- gibt es in den USA mehrere zum Teil privat finan- tors. Damit könnten im Extremfall Werke für rund 150 zierte Einrichtungen mit unterschiedlichen Samm- Jahre weder zugänglich noch nutzbar sein. Als drit- lungsschwerpunkten wie unter anderem »The Paley tes Hindernis benannte Paul Klimpel schließlich den Center for Media« mit 150.000 öffentlich zugäng- Vorrang der kommerziellen Nutzung von audiovisu- lichen Sendungen.5 ellen Inhalten, insbesondere im Internet. Ein Bespiel hierfür ist der von der EU-Kommission durchgesetz- In Deutschland dagegen, gibt es keine verbindlichen Regelungen. Radio und Fernsehen gehören explizit nicht in den Aufgabenbereich der Deutschen Natio- 2 Vgl. u. a. Gerhard Paul (Hrsg.): Das Jahrhundert der Bilder. 1900– nalbibliothek, und die Versuche, mit einer zentralen 1949. Göttingen 2009. Deutschen Mediathek eine Institution nach franzö- 3 Vgl. http://www.ina.fr/ sischem oder amerikanischem Vorbild zu etablieren, 4 Vgl. http://www.loc.gov/avconservation/ 5 Vgl. http://www.paleycenter.org/ scheiterten 2001 insbesondere an finanziellen und 6 Vgl. http://www.filmmuseum-berlin.de/ rechtlichen Problemen. Immerhin gelang die Etablie- 7 Vgl. http://www.netzwerk-mediatheken.de/ Forum 53 te Dreistufentest für Online-Mediatheken, der die Der Bedarf und das Interesse an der audiovisuellen Schwelle für nicht kommerzielle Anbieter aus Sor- Überlieferung werden bei den Studierenden und in- ge vor Wettbewerbsverzerrungen extrem hoch legt. nerhalb der Forschung steigen, betonte Frank Bösch. Dennoch gibt es bereits Versuche, die schwierige Für die zukünftige Nutzung stelle sich unter ande- rechtliche Situation zu verbessern. So unterstützen rem die Frage nach einer kompletten Verschlagwor- bereits sehr viele Institutionen aus Wissenschaft und tung des Materials und dem Mitschnitt von kom- Kultur die Göttinger Erklärung vom 5. Juli 2004 zur pletten Tagen und Wochen. Man müsse aber auch Änderung des Urheberrechts.8 Das Hauptanliegen festhalten, dass die Erfahrungen der wissenschaft- der Erklärung ist ein freier Zugang zu Wissen und In- lichen Nutzer mit den Archiven bisher aufgrund der formationen für Bildung und Wissenschaft. Durch Hilfsbereitschaft der Archivare gut waren. Etwa drei- die Digitalisierung und Vernetzung des Wissens ist viertel der gesuchten Quellen sei letztlich zugäng- dieser freie Zugang allerdings teilweise durch die lich gewesen. Man müsse sich auch der Frage der Bestimmungen des Urheberrechts gefährdet. Ne- Kosten stellen. Eine Schutz- oder Nutzungsgebühr ben den sechs großen Wissenschaftsgesellschaften für Archive sei wegen des hohen Aufwands der Ar- wie der Leibniz-Gemeinschaft und der Max-Planck- chivierung legitim. Die Frage der Höhe entscheide Gesellschaft haben auch rund 400 Fachverbände, aber über die Zugangsschwelle für Nutzer, die außer- Universitäten und Bibliotheken die Erklärung unter- halb von größeren etwa durch die DFG geförderten zeichnet. Forschungsprojekten arbeiten würden. Maximalfor- derungen an die Politik oder die Rundfunkanstalten Eine kleine, jedoch nur normative Verbesserung für seien jedoch wenig hilfreich. Dafür gebe es eine Rei- die Medienarchive sah Edgar Lersch, Leiter des Hi- he von kleineren kurzfristigen Zielen, die die Situati- storischen Archivs des SWR (Stuttgart), in einer Kon- on verbessern könnten, betonte Frank Bösch. vention des Europarates,9 die seit 1. Januar 2008 in Kraft ist, von Deutschland bereits unterzeichnet, Die Diskussionen auf dem Workshop kreisten aber noch nicht ratifiziert worden ist. Welche kon- schließlich um die Möglichkeiten kleinerer Verbes- kreten Konsequenzen sich aus dieser Konvention serungen. Auch wenn der Verlust des audiovisuellen und einem Zusatzprotokoll ergeben, ist noch weitge- Erbes noch nicht spürbar ist, bleibt die Politik auf- hend unklar. Daher gilt nach wie vor, dass bis heute gefordert, gemeinsam mit den privaten Rundfunk- keine rechtliche Regelung für die audiovisuelle Über- sendern und den öffentlich-rechtlichen Rundfunkan- lieferung, keine Abgabepflicht für Produzenten und stalten an einer nachhaltigen Lösung zu arbeiten. Die auch kein Recht auf öffentlichen Zugang existieren. rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen für Die umfassenden Sammlungen der öffentlich-recht- eine Sichtung, Erfassung und Sicherung des audio- lichen Rundfunkanstalten sind vor allem Produkti- visuellen Erbes müssen jedoch erst noch geschaffen onsarchive, also dem Eigeninteresse der Wieder- werden. Ebenso muss die Frage geklärt werden, für verwendung vorbehalten. Abgesehen von einigen wen die Archive zugänglich sind. Denn die Fernseh- Ausnahmen aus der Frühzeit der Rundfunkanstalten und Hörfunkprogramme sollten längst schon als ist aber für das Fernsehen von einer Praxis der To- Quellen genutzt werden. Sie künftigen Generationen talarchivierung auszugehen. Dennoch drohen ohne zugänglich zu machen, liegt in unserer Verantwor- eine baldige rechtliche Regelung Verluste bei der au- tung. Mehrere Arbeitsaufträge wurden von den Wis- diovisuellen Überlieferung, falls eine komplette Digi- senschaftlern übernommen; die Treffen zum The- talisierung der Archive den Sendern zu teuer wird, ma »Quellen der Zukunft« sollen fortgesetzt werden. warnte Lersch. Thomas Großmann, Potsdam Aus der Perspektive der wissenschaftlichen Archiv- nutzer sprach Frank Bösch, Professor für Fachjour- Der Artikel erschien zuerst auf zeitgeschichte- nalistik Geschichte an der Universität Gießen. Für die online, im Oktober 2009, URL: http://zeitgeschich- Nutzer gebe es drei Kernfragen. Erstens: Wie ist die te-online.de/portals/_rainbow/documents/pdf/ Recherche möglich? Zweitens: Wie ist die Verfüg- Quellen-Grossmann.pdf barkeit von audiovisuellem Material? Drittens: Wie hoch sind die Kosten für Recherche und Nutzung der Archive? Dabei würden die Probleme bereits mit der Auffindbarkeit der Archive der Rundfunkanstalten beginnen. Selbst eine einfache Bestandsübersicht fehle. Wünschenswert sei ein zentrales Verzeichnis oder »OPAC« der in Deutschland verfügbaren Fern- 8 Vgl. http://www.urheberrechtsbuendnis.de 9 Europäisches Übereinkommen zum Schutze des audio-visuellen seh- und Hörfunkquellen, wie es in den Niederlanden Erbes. SEV-Nr. 183; deutscher Text und Stand der Ratifizierung sind re- trotz heterogener Rundfunkstruktur bereits existiert. cherchierbar unter http://www.coe.int. 54 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) Nachlässe im Bayerischen Rundfunk Der Nachlass Walter von Cube (1906–1984) kom- plettiert den Aktenbestand im Hörfunk für die 1950er Nachlässe oder Privatarchive wichtiger Rundfunk- bis 1970er Jahre und stellt eine objektive Vervoll- persönlichkeiten ergänzen die Bestände im Histo- ständigung dar. In ihm finden sich sämtliche Kom- rischen Archiv einer Rundfunkanstalt und stellen mentare und Zeitungsartikel des ehemaligen Chef- eine wichtige Quelle zur Erforschung der Rundfunk- redakteurs und Hörfunkdirektors des Bayerischen geschichte dar. Neben den archivwürdigen Akten Rundfunks. Teilweise sind die Manuskripte zwar der Hörfunk- und Fernsehredaktionen, der Inten- bereits in Akten verschiedener Provenienzen archi- danz, der Verwaltung, der Juristischen sowie der viert, der Nachlass beinhaltet jedoch die gesamte Technischen Direktion, kommt den Nachlässen ent- publizistische Arbeit Cubes und enthält auch Ma- weder die Rolle der subjektiven Ergänzung oder der nuskripte und Zeitungsartikel, die bis dahin nicht im objektiven Vervollständigung zu. Spiegelt sich in den Historischen Archiv zu finden waren. Beispielsweise Akten der Arbeitsprozess von Redaktionen und Ab- ist im Bestand die Presseresonanz auf alle Hörfunk- teilungen, so zeigen Nachlässe Entstehungspro- kommentare Cubes überliefert, die somit für die Er- zesse oder Hintergründe auf. forschung der Rezeptionsgeschichte eine wichtige Quelle darstellt. Ein Beispiel für eine subjektive Ergänzung des Ar- chivguts ist der Nachlass von Gertrud Simmerding Neben Nachlässen, die primär die Akten des Rund- (1919–2004), den das Historische Archiv des Baye- funks ergänzen oder vervollständigen, gibt es Be- rischen Rundfunks 2004 übernommen hat. Von 1956 stände, die darüber hinaus gehen und das kulturelle an – also kurz nach Einführung des Fernsehens – war Umfeld der Funkschaffenden beleuchten. Ein sol- cher Nachlass, der nicht nur rundfunkspezifisch von Bedeutung ist, ging 2009 an das Historische Archiv. Die Unterlagen von Elise Aulinger (1881–1965) und Hans Löscher (1911–1999) dokumentieren zum ei- nen Rundfunkgeschichte seit Anfang des 20. Jahr- hunderts, aber auch die Geschichte einer Künstler- familie seit Ende des 19. Jahrhunderts. Der Familie entstammen die Tänzerin Leopoldine Löscher und der Schauspieler Dominik Löscher sowie dessen Sohn, der Rundfunkpionier Hans Löscher. Der Va- ter Löscher arbeitete bereits in den Anfangsjahren für den Rundfunk. 1929 ließ er erstmals seinen Sohn Hans in einer Sendung mitwirken. Für Hans Löscher war das der Anfang einer 70-jährigen Funkkarriere. Elise Aulinger war eine bekannte Volksschauspiele- Abb.1: Gertrud Simmerding (1956) vor einer Studiokamera. rin und arbeitete ebenfalls seit Mitte der 1920er Jah- Aus dem Nachlass. © BR re für die Deutsche Stunde in Bayern. Verheiratet war sie mit dem Bühnenautor Max Ferner, der zahl- Simmerding verantwortlich für das Kinder- und Ju- reiche Stücke für Radio und Fernsehen geschrie- gendprogramm. 1964 begann der Bayerische Rund- ben hat. Ein Gesamtnachlass von Löscher und Au- funk mit dem Aufbau eines Schulfernsehens, dessen linger ist darin begründet, dass Hans Löscher 1935 Leiterin sie wurde. Gertrud Simmerding leistete in die Tochter von Elise Aulinger heiratete. Deren Sohn diesen Bereichen des Mediums Fernsehen Pionier- Wolfgang Löscher übergab nun einen großen Teil da- arbeit. Im Aktenbestand sind die Sendeunterlagen von dem Historischen Archiv des Bayerischen Rund- zwar weitgehend erhalten, der programmatische funks. Der Bestand umfasst zahlreiche Plakate und Hintergrund bei der Entwicklung eines Schulfernse- Fotos von Gastspielen sowie Hörfunk- oder Fern- hens ist daraus aber nur ansatzweise erkennbar. Im sehproduktionen, zeitgeschichtliche Dokumente, Nachlass findet sich jedoch eine vollständige Über- Zeitungsausschnitte bis zu Fanpost aus den 1920er lieferung ihrer Aufsätze, Reden und Artikel zum The- Jahren. Der Nachlass dokumentiert die Geschichte ma Fernsehen für Kinder und Jugendliche. Die Über- einer Künstlerfamilie, deren Mitglieder seit den An- legungen, Theorien und Grundsätze bei Entstehung fängen des Rundfunks mit diesem Medium verbun- des Kinder-, Jugend- und Schulfernsehens beim Ba- den waren. yerischen Rundfunk sind in diesem Bestand über- liefert und ergänzen somit die Akten, in denen das Neben diesen erwähnten Beständen gingen in den Ergebnis dieser Grundsätze nachvollzogen werden vergangenen Jahren zahlreiche neue Nachlässe und kann. thematische Sammlungen an das Historische Archiv. Forum 55 Zum einen hängt dies mit einer aktiveren Akquise zu- Autor und Moderator für Sendungen wie »Boarischer sammen, zum anderen mit einer wachsenden Be- Hoagascht«. kanntheit des Archivs. Übernommen wurden die n Johanna Schmidt-Grohe (1925–2009) begann Unterlagen folgender leitender MitarbeiterInnen und 1951 beim Frauenfunk des Bayerischen Rund- bedeutender Rundfunkpersönlichkeiten: funks. Die ausgebildete Bildhauerin und Journalistin n von Alois Johannes Lippl (1903–1957), Autor und schrieb über 50 Jahre Sendungen zu den Themen Regisseur, sowie der erste Vorsitzende des BR- Architektur, Bildende Kunst, Design, Stadtplanung Rundfunkrates von 1949 bis 1950. Seine Stücke, und Denkmalschutz für den Hörfunk. zum Beispiel »Die Pfingstorgel« oder »Der Holledau- er Schimmel«, waren bereits in den 1930er Jahren Alle diese Nachlässe beinhalten Manuskripte, Schrift- im Rundfunk zu hören. Nach dem Krieg fungierte wechsel und Fotos. Sie sind zum Teil bereits er- Lippl als Intendant des Bayerischen Staatsschau- schlossen oder werden derzeit verzeichnet. Ihr Um- spiels und erhielt in dieser Funktion einen Sitz im fang beläuft sich aktuell auf etwa 130 laufende Meter. Rundfunkrat. Die Findbücher aller Nachlässe und Sammlungen im Historischen Archiv des Bayerischen Rundfunks können unter der Adresse www.br-online.de/histo- risches-archiv eingesehen werden. Sabine Rittner, München Medienhistorisches Forum für Absolventen und Forschungsnachwuchs Auch in diesem Jahr fand das Medienhistorische Forum für Absolventen und Forschungsnachwuchs des Studienkreises Rundfunk und Geschichte in der Lutherstadt Wittenberg statt, bereits zum dritten Mal in Kooperation mit der Fachgruppe Kommunikati- onsgeschichte der DGPuK. Am 16. und am 17. Ok- tober trafen sich in den Räumen der Stiftung Leu- corea junge Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler, um sich über ihre aktu- ellen Forschungsvorhaben auszutauschen. Eröffnet wurde die Veranstaltung mit einem Vortrag von Jür- gen Linke, dem Vorsitzenden des Bundesverbandes Offene Kanäle. Linke sprach über Bürgermedien, und ihre Funktion als demokratische Säule im euro- päischen Mediensystem. Die anschließende ange- regte Diskussionsrunde moderierte Christian Schu- Abb 2: Legende zum Roman »Der unverletzliche Spiegel« (1955) rig (Stuttgart). von Alois Johannes Lippl. Aus dem Nachlass. © BR In insgesamt drei Panels wurden auch dieses Mal n Anton Kenntemich (1944–1996) begann 1972 beim interessante und kontroverse Themen vorgestellt. Bayerischen Rundfunk. Für den Kirchenfunk war Andy Räder (Potsdam) referierte über „Kindheit, Ju- er ab 1992 tätig. 1996 übernahm Kenntemich die gend und Film in der Weimarer Republik“und eröff- Leitung der Redaktion Kirche im Hörfunk. Überra- nete damit das Panel Mediengeschichte, das von schend starb er im gleichen Jahr. Prof. Dr. Edgar Lersch (Stuttgart) geleitet wurde. Im n Maximilian Vitus (1897–1968) begann als Schau- Anschluss stellte die Promovendin Solveig Ottmann spieler bei den »Tegernseern«, ab den 1930er Jahren (Bochum) ihr Thema, die Rundfunkarbeit von Hans schrieb er volkstümliche Stücke. Das Lustspiel »Die Flesch und Ernst Schoen, zur Diskussion. Mit „Halb- drei Eisbären« wurde zum Klassiker der Fernsehsen- starker“ Jugend im westdeutschen Radio in den dung »Komödienstadel«. 1950er und frühen 1960er Jahren beschloss Chri- n Paul Ernst Rattelmüller (1924–2004) war ehema- stoph Hilgerts (Gießen) Vortrag das erste Panel. liger Bezirksheimatpfleger von Oberbayern und ab 1955 Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks, vor- Thomas Wiedemanns (München) Referat über den wiegend bei der Volksmusik. Bekannt wurde er als Publizistikwissenschaftler und Politiker Walter Hage- 56 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) mann eröffnete das zweite Panel zur Fachgeschichte und Theorie, das Prof. Dr. Rudolf Stöber (Bamberg) moderierte. Mit Problemen postmoderner Medien- geschichtsschreibung bei McLuhan, Baudrillard, Vi- rilio, Kittler und Flusser befasste sich Sonja Yehs (Münster) Vortrag. Einen bisher wenig beachteten Aspekt der Mediengeschichtsschreibung beleuchte- te Dr. Thomas Wilke (Halle), indem er über die histo- rischen Dimensionen des Auditiven und die Dimen- sionen auditiver Historie sprach. Dr. Gerlinde Frey-Vor (Leipzig) leitete die angeregte Diskussion im letzten Panel zu den Themenfeldern Mediennutzung und dem Zusammenhang zwischen Medien und Politik. Während Tobias Nolting (Düssel- dorf) über den Wandel der politischen PR-Strategien in den letzten Jahrzehnten sprach, schlossen Simo- ne Müllers (Berlin) Ausführungen über die Geschich- te der transatlantischen Telegrafenverbindungen das Medienhistorische Forum 2009. Die Planungen für das nächste Treffen dieses mittlerweile bewährten Veranstaltungsformats im Spätherbst 2010 laufen bereits wieder. Sebastian Pfau, Halle/Saale Rezensionen 57 Rezensionen DVD-Edition »Straßenfeger«. Vorabendserien zusammensetzen. Dem ist eindeu- Phase I (Box 1–10) und Phase II (Box 11–20) tig nicht so! Studio Hamburg 2008–2010. Zwar ist es richtig, dass Mehrteiler zumindest in den Welten, ja ganze Universen liegen zwischen un- 60er Jahren die Straßenfeger waren und auch man- serer heutigen Fernsehkrimi-Landschaft und dem, che Vorabendserie recht beliebt war. Ebenso hatten was die Edition Straßenfeger aus den 60er und 70er Krimis bis weit in die 60er Jahre hinein nach deut- Jahren via DVD-Player ins heimische Wohnzimmer schem Verständnis in England zu spielen und war zurückbringt: lange Einstellungen, ruhige Kamera- die Entwicklung des Fernsehspiels zunächst gene- fahrten, kammerspielartige Studioaufnahmen, bri- rell geprägt von Wortdominanz und Theaterdrama- tische Rätseldramaturgie… Insofern ist sie bestens turgie, was sich insbesondere durch das anfäng- geeignet, den ‚blinden Fleck‘ unserer heutigen Seh- liche Gebundensein ans Studio erklärt. Aber: Der gewohnheiten ein Stück weit aufzulösen und das westdeutsche Fernsehkrimi hat noch eine ganz an- Bewusstsein zu schärfen für die enormen Verände- dere Traditionslinie. Und diese fehlt in der Edition rungen in dieser Hinsicht. Wenn man jedoch von komplett. Aus dem Fundus des frühen Fernsehkri- dieser Edition der »besten Krimis der 60er und 70er mis hat Studio Hamburg nämlich ausschließlich die- Jahre« (so der Untertitel in den Booklets) eines nicht jenigen ausgewählt, die der literarisch-fiktionalen erwarten darf, dann, dass sie einen repräsentativen Linie zugerechnet werden können. Mit dem Begriff Querschnitt bietet. ‚literarisch‘ ist hier kein Qualitätsurteil verbunden, sondern eine Orientierung an den darstellerischen Das zeigt sich schon daran, dass die Zuordnungen Mechanismen vor allem britischer Kriminallitera- der Sendungen in Phase I und Phase II zeitlich will- tur, die sich speziell in einer Whodunit-Dramatur- kürlich erscheinen: In der sogenannten Phase I (»Die gie ausdrückt – der Krimi als Rätsel. Im Gegensatz Nation hält den Atem an…«) finden sich bereits Sen- dazu steht eine zweite Traditionslinie des westdeut- dungen aus den 70er Jahren (etwa »Butler Parker«, schen Fernsehkrimis, die man als journalistisch- EA 1972–73), während in die Edition der Phase II dokumentarisch bezeichnen kann. Der Gegensatz (»Vom Kammerspiel zum Krimireißer«) auch noch wird schon an der konzeptionellen Grundhaltung solche aus den 60ern aufgenommen wurden (etwa deutlich, nämlich, dass die Zuschauer hier nicht »Kommissar Freytag«, EA 1963–65). Eine Auswahl, durch Rätsel verwirrt, sondern aufgeklärt werden die die Genreentwicklung tatsächlich chronologisch sollten. Und zwar über reales Geschehen in ihrem oder systematisch abbildet, ist hier von Studio Ham- eigenen Land. burg nicht vorgenommen worden. Es sind, genau ge- nommen, einfach 20 Boxen mit Sendungen aus den Bei allen Abstrichen, die schon dadurch zu machen 60er und 70er Jahren, deren Verkaufbarkeit als po- sind, dass es sich trotzdem um fiktionale Darstel- sitiv eingeschätzt worden ist. Solche Editionen fol- lungen und Bearbeitungen dieser ‚Realität‘ han- gen eben nicht medienhistorischen Gegebenheiten, delte, wurde damit den Zuschauern ein neuartiges sondern marktwirtschaftlichem Kalkül. Die Phasen- Angebot unterbreitet, das durchaus auch die Stra- einteilung ist eine reine Werbemaßnahme. Derzeit ßen ‚gefegt‘ hat. Gemeint ist natürlich in erster Linie erscheinen sukzessive die als Straßenfeger Phase II der Klassiker »Stahlnetz« (NWDR/NDR, 1958–1968), deklarierten Sendungen, im Januar 2010 sollen die aber auch eine Reihe von Vorabendserien, speziell letzten drei Boxen in den Handel kommen. im Sendegebiet des NDR. Die »Tatort«-Reihe – nun gewiss keine Randerscheinung – ist seit 1970 die Phase I legitime Erbin dieses Ansatzes. Erstaunlicherweise kommen alle diese Sendungen in der Edition jedoch Zehn Schuber mit jeweils vier DVDs zwischen 369 nicht vor. Verbunden ist mit dieser Traditionslinie die und 780 Minuten Gesamtlänge enthält die Editi- Orientierung am Kinofilm statt am Theater, an der on Phase I. Allein fünf davon sind den prominenten realen Außenwelt statt an Studiokulissen. Insofern Mehrteilern von Francis Durbridge vorbehalten, zwei war sie schon in den 60er Jahren auf der Höhe der enthalten Literaturverfilmungen und drei Vorabend- späteren Fernsehspiel-Entwicklung, die bekannter- serien. Wenn man diese Zusammenstellung betrach- maßen in den 70er Jahren eine hin zum Fernsehfilm tet, könnte man also annehmen, dass sich die »be- wurde. Was die Auswahl der angeblichen Phase I sten Krimis der 60er und 70er Jahre« primär aus dagegen prominent zeigt, ist vor allem die Kammer- Durbridge-Mehrteilern, Literaturverfilmungen und spiel-Dramaturgie der Durbridge-Mehrteiler. 58 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) Zum Herausgeber Studio Hamburg hätte es gut ge- ger-Prinzip gewesen sein. Heute ist die Aufregung, in passt, die als journalistisch-dokumentarisch be- die die Republik durch die Ausstrahlung der Mehr- zeichnete Linie in den Vordergrund zu stellen, denn teiler versetzt wurde, kaum noch nachzuvollziehen – sie ist primär ein Kind des NDR. Regisseur Jürgen denn wenn die Edition eins ermöglicht, dann ist es Roland, bis zu seinem Tod mit Studio Hamburg eng die Wiederentdeckung der Langsamkeit: Am auffäl- verbunden, kann man getrost als ihren Vater bezeich- ligsten ist, wie viel Zeit man sich lässt, unendlich viel nen. Zudem ist sie prägend für die Entwicklung des Zeit scheinen die Zuschauer in den 60er und 70er Fernsehkrimis im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Jahren des vorigen Jahrhunderts gehabt zu haben. gewesen. (Auch wenn das ZDF seit »Der Kommis- Voriges Jahrhundert – das ist hier wirklich ein pas- sar« (1969–1976) mit den Dauerbrennern »Derrick« sender Ausdruck, so weit entfernt fühlen sich diese und »Der Alte« über Jahrzehnte zur literarisch-fiktio- Dramaturgien an. nalen Linie tendierte, hat es heute noch etliche Adap- tionen früher Krimikonzepte der ARD im Programm.) Phase II Warum also fehlen diese Sendungen? Ganz einfach: Sie sind bereits publiziert worden, bevor die Idee Pünktlich zum 20. Jahrestag des Mauerfalls sind aufkam, Krimis als Straßenfeger zusammen zu fas- am 10. November auch zwei Sendungen aus dem sen. Sämtliche »Stahlnetz«-Folgen erschienen be- DDR-Fernsehen in die Edition der Phase II erschie- reits 2005. Eine der kultverdächtigen Vorabendse- nen. Flankiert sind sie von der ZDF-Reihe »Die fünfte rien des NDR, »Hafenpolizei« (1963–1966), kam 2008 Kolonne« (1963–1968). Eine Vereinigung der beson- dazu. Im Frühjahr 2009, also parallel zu den Straßen- deren Art. Letztere ist nämlich nicht nur die einzige fegern kamen »Hamburg Transit« (1970–1973) und westdeutsche Krimireihe, die sich überhaupt auf die »Polizeifunk ruft« (1966–1969) auf den Markt. Un- DDR bezieht. Sie ist auch der einzige ‚Spionagekri- ter dem Dach Straßenfeger wären Letztere insofern mi‘, der unter den seriellen Angeboten im Fernsehen schlecht aufgehoben gewesen, weil Vorabendsen- West zu finden ist. Bekam damals mancher Link- dungen der damaligen Zeit ja tatsächlich lokale und sintellektuelle angesichts des starren Freund-Feind- keine nationalen ‚Ereignisse‘ waren. Schemas dieser Reihe Gänsehaut, zeigte sich nach der Öffnung der Stasi-Archive deren realistisches Die literarisch-fiktionale Traditionslinie aber kann Potential. Mögen die dargestellten Techniken und nun in dieser Edition ausführlich – wenn auch nicht vor allem die Erpressungs- bzw. Einschüchterungs- vollständig – besichtigt werden, vor allem die Sen- praktiken der in Westdeutschland agierenden Osta- dungen, die sich an Vorlagen aus anderen Medien genten auch durchaus dem Vorgehen der Staatssi- orientierten: Die Durbridge-Mehrteiler wurden ur- cherheit entsprochen haben, entbehren sie mit ihrer sprünglich für den Hörfunk geschrieben; »Die Frau Rhetorik des Kalten Krieges dennoch jedweder Dif- in Weiß« und »Der rote Schal« entstanden nach Ro- ferenzierung. Gleiches – nur mit anderen Vorzeichen manvorlagen von Wilkie Collins, »Es muss nicht im- eben – ist in »Das unsichtbare Visier« (Fernsehen der mer Kaviar sein« nach dem Bestseller von Mario DDR, EA 1973–1975) deutlich zu erkennen. In den Simmel. Die erste wirkliche, direkt für das Fernse- hier verfügbaren ersten acht von sechzehn Folgen hen konzipierte Krimiserie »Der Kommissar« fehlt da- des Abenteuer- und Spionagefilms stehen die net- gegen in der Sammlung, ebenso »Derrick« und »Der ten Genossen der Staatssicherheit für das Gute, in- Alte«, die ab 1974 bzw. 1976 im ZDF ausgestrahlt dem sie den Machenschaften der in Westdeutsch- wurden. land versammelten und dort unbehelligt agierenden Altnazis mutig entgegen treten. In der »Fünften Ko- Mit einer Ausnahme (»Es muss nicht immer Kavi- lonne« dagegen erscheinen selbstredend die Ver- ar sein«) spielen alle Krimis in England. Bei der Vor- treter der westdeutschen Staatsorgane als Sym- abendserie »Butler Parker« ergibt sich der geogra- pathieträger, die Ostagenten eher als kaltherzige fische Bezug schon aus dem Titel – gilt der Butler Monster. Dass beide Positionen heute friedlich unter an sich doch als typisch britisch. Bei »Percy Stuart« dem Dach der Straßenfeger-Edition ‚vereint‘ sind, ist ist die englische Club-Kultur tragendes Handlungs- schon eine kuriose Facette der deutsch-deutschen element. In Bezug auf den Schauplatz entspricht die Mediengeschichte. Nun kann jeder diese Schwarz- Auswahl also durchaus den Gepflogenheiten der weißmalereien auf realem Hintergrund miteinander 60er Jahre, sie dokumentiert aber nicht die gleich- vergleichen. zeitig stattfindende partielle Ablösung von diesem Erwartungsmuster. Als zweite Krimireihe des DDR-Fernsehens wird An- fang 2010 die Sendung »Gefährliche Fahndung« in Primärer Auslöser für den gesellschaftlichen Aus- der Edition erscheinen. Sie ist eine siebenteilige Kri- nahmezustand, den die Durbridge-Mehrteiler in den mireihe des DDR-Fernsehens (1978), die das Mu- 60er Jahren verursacht haben, dürfte deren Cliffhan- ster der Aufklärung von Verbrechen aus der Nazizeit Rezensionen 59 wieder aufgriff. Sowohl »Das unsichtbare Visier« als Verbreitungskanäle. Der Verteilungskampf um die auch »Gefährliche Fahndung« kamen aber zu einem Marktanteile wirkt sich hier bis in den heimischen Zeitpunkt ins Programm, zu dem der Fernsehkrimi Briefkasten aus. Dass dabei die Marke ASTRA kaum Ost sich mit »Polizeiruf 110« längst (seit 1971) von mehr eine exponierte Rolle spielt, sondern vielmehr der Fixierung auf die Bundesrepublik gelöst und den die Opposition »Kabel« oder allgemein »Satellit« lau- ‚Sozialistischen Kriminalfilm‘ kreiert hatte. Durch die tet, ist auch als ein Erfolg der Marktpositionierung Langlebigkeit von »Polizeiruf 110« ist heute aller- von ASTRA zu sehen, der es seit ihrem Start im Jah- dings weniger präsent, dass in den 70er Jahren par- re 1988 gelungen ist, zum unbedrängten Marktfüh- allel zu dessen Gegenwartsdramaturgie die Positi- rer für Satellitendirektempfang in Deutschland und onen des Kalten Krieges auf der Krimischiene weiter Europa zu werden. manifestiert wurden. An dieser Stelle hat die Edition durchaus einen Aha-Effekt zu bieten. Den Weg dahin nachzuzeichnen und Gründe für den Erfolg der ASTRA Deutschland GmbH aufzu- Fazit: Es ist schön, dass diese – zumindest teilweise zeigen, hat sich der Verfasser zur Aufgabe gestellt. genre- oder sogar fernsehgeschichtlich relevanten – Dabei erhebt er den Anspruch, mit »wissenschaft- Sendungen nun komfortabel und restauriert verfüg- lich untermauerten Untersuchungsergebnisse(n) bar sind. Man kann an ihnen bestens die kammer- [ ] detaillierte Erkenntnisse über die Ursachen des spielartigen Dramaturgien des frühen Fernsehspiels Markterfolges bei der Markteinführung des Direkt- im Allgemeinen und des Rätselkrimis im Besonderen empfangssystems ASTRA« (S. 14) zu liefern. Zielfüh- studieren. Man kann Ost-West-Perspektiven verglei- rend – so seine Hypothese – sei hier nach entschei- chen oder sich über ein Wiedersehen mit alten Be- dungstheoretischen Überlegungen die Anwendung kannten freuen (vom jungen Horst Tappert über Ar- einer push-pull-Strategie gewesen. Dieser Anspruch min Müller-Stahl bis hin zu Jaecki Schwarz). Wer sich an die wissenschaftliche Fundierung eines Entschei- jedoch einen Überblick über die Genreentwicklung dungsprozesses in Unsicherheit (S. 35) ist sicherlich des Krimis im Fernsehen der 60er und 70er Jahre zu hoch gegriffen, stellen doch die Ausführungen zu verschaffen möchte, kann das anhand der Edition entscheidungstheoretischen Grundlagen im Marke- Straßenfeger nur bedingt tun. Denn wer die Gewich- ting allenfalls ein aufzählendes Kurzreferat von An- tung der einzelnen Sendungen innerhalb der Genre- sätzen der Entscheidungstheorie dar und begrün- geschichte nicht einschätzen kann, wer nicht weiß, den keineswegs die getroffene Entscheidung. Auch was alles fehlt, wird hier definitiv auf falsche Fähr- der zweite Teil der »Theoretischen Grundlagen«, die ten gelockt. Reichlich Anschauungsmaterial zur ein- Ausführungen zur Markenbildung, sind weniger als schlägigen Fachliteratur liefert diese Edition im Ver- Auseinandersetzung mit der theoretischen Literatur bund mit anderen DVD-Publikationen aber allemal. zu werten, sondern bieten vielmehr schon eine Mi- schung von allgemeinen Aussagen zum Stellenwert Ingrid Brück, Halle/Saale einer Marke und konkreten Umsetzungen von AS- TRA in diesem Segment (vgl. beispielsweise die Auf- listung konkreter Slogans, S. 46). Auch wenn die Gernot Busch Arbeit also den Anspruch einer nachträglichen Be- Die Einführung des Satellitendirektempfangs gründung für den Erfolg letztlich nicht einlösen kann, in Deutschland über ASTRA. so bietet sie doch eine kenntnisreiche Beschreibung Berlin: Vistas 2009, 241 Seiten. des Prozesses, der zur heutigen Quasi-Monopolstel- lung geführt hat. Der Mix der technischen Empfangsmöglichkeiten für Fernsehen in Deutschland ist derzeit wieder ein- Beschrieben werden die verschiedenen Strategien mal in Bewegung: Die terrestrische Verbreitung wird zur Bekanntmachung und Durchsetzung der Marke, mit politischem Nachdruck bald endgültig auf digi- die – so der Ansatz der push-pull-Strategie – nicht tale Ausstrahlung umgestellt sein und wegen des nur die Technik für den Satellitenempfang über die höchstrichterlich sanktionierten Grundversorgungs- Verteilschiene der Händler und Fachbetriebe in den auftrages wohl noch lange Bestand haben. Die – Markt drücken, sondern gleichzeitig auch eine Nach- nach einer Reihe von Ankündigungen – nun anschei- frage seitens der Endverbraucher erzeugten. Antrei- nend Realität werdende Einführung von HDTV wird bendes Element war im zweiten Segment sicherlich wohl dem Wechsel von analoger Kanalbelegung so- die Vielfalt der Programmangebote, die insbeson- wohl im Kabelnetz wie auch auf den Satellitenkanä- dere in der ersten Phase der Markteinführung für len einen entscheidenden Schub geben. Hinzu tritt Haushalte, die (aus technischen Gründen) nicht mit – vor allem bei den jungen erwachsenen Zuschau- Kabelanschluss zu versorgen waren, einen wesent- ern – eine Nutzung der Fernsehangebote über die In- lichen Impuls für die Kaufentscheidung dargestellt ternet-Technologie unter Umgehung der etablierten haben. Aber auch in direkter Konkurrenz zum (poli- 60 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) tisch forcierten) Kabelanschluss konnte ASTRA ent- dies gerade am Beispiel des Internets zu beobach- scheidende Marktanteile erringen. Diese Darstellung ten. Umso spannender erscheint damit die Unter- profitiert von den Insiderkenntnissen des Verfassers, suchung der Leitbilder zu sein, die in den demo- der in seiner Position bei ASTRA an dieser Entwick- kratischen Entscheidungsprozessen hinter den lung und den Entscheidungen beteiligt war. Dass bei Initiativen und Initiatoren einer Liberalisierung von der Darstellung der nicht zuletzt auch technischen Radio und Fernsehen stehen. Auseinandersetzungen um Normen durchaus dann mit ‚zweierlei Maß‘ gemessen wird, belegen die – an- Matthias Künzler hat in seiner erweiterten Dissertati- sonsten verdienstvollen Ausführungen zur von der on am Institut für Publizistikwissenschaft und Medi- EU massiv geförderten Einführung von D2MAC. Zur enforschung der Universität Zürich diese Fragestel- Entscheidungsfindung der EU-Kommission im Kon- lung für die Länder Schweiz, Österreich und Irland text der – pauschal als »unwirtschaftlich« abquali- untersucht. In solider Anwendung eines ideenorien- fizierten – D2MAC Sendenorm heißt es einerseits: tierten Theorieansatzes hat er die Grundannahmen »Als Folge eines [sic] intensiven Beeinflussung durch und Beweggründe der medienpolitischen Akteure große europäische Elektronikgeräte-Hersteller, die herausgearbeitet. Mit Hilfe einer aufwendigen aber in der D2MAC Übertragungsnorm einen Weg sahen, ertragreichen Dokumentenanalyse wurde dann an- neue Produkte zu vermarkten, veröffentlichte die hand von Parlamentsprotokollen, Gesetzestexten Kommission in Brüssel einen zweiten Plan, der die und -materialien die jeweilige, nationale Entwicklung Nutzung von D2MAC für alle audiovisuellen Dienste der Rundfunkordnung in den letzten 15 Jahren auf- ab 1. Januar 1995 vorsah.« (S. 73). Auf der anderen gearbeitet. Seite wird die Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit von SAS wie folgt beschrieben: »Dem Management von Die ländervergleichende Methode wurde zu Recht SES gelang es in vielen überzeugenden Gesprächen gewählt, weil Ressourcenknappheit, spill-over-Ef- mit anderen Marktpartnern, Technologie-Experten fekt, hohe ausländische Medienpräsenz sowie Aus- und auch die öffentliche Meinung für ihren Stand- landsorientierung für alle drei kleineren Staaten glei- punkt zu gewinnen.« (ebd.). Explizit erwähnt wird chermaßen spezifisch sind. Dennoch überraschen auch die Organisation einer Pressereise für »sach- die unterschiedlichen Befunde beispielsweise über kundige europäische Medienjournalisten« in die USA. das jeweilige Tempo der Zulassung privater Rund- Es bleibt aber die verdienstvolle Darstellung der funkveranstalter mit nationaler Verbreitung. Marktdurchsetzung von SAS im Zeitraum von 1988 Die lesenswerte Untersuchung stellt schließlich bis 2000, die durch eine Reihe von Experteninter- überzeugend dar, dass jede Deregulierung zu einer views mit Zeitzeugen angereichert wird. Die Darstel- intensiven Ausdifferenzierung von Einzelregelungen lungsform leidet allerdings unter den zahlreichen Auf- (etwa im Werbebereich) geführt hat. Zudem ist der zählungen und Spiegelstrich-Absätzen sowie den Regulierungsbedarf rasch gestiegen, neue Regulie- teilweise wenig sinnlichen Graphiken, die den Blick rungsbehörden mussten gegründet und die Regel- auf das Wesentliche manchmal eher verstellen. Posi- werke ständig angepasst werden – eine Entwicklung, tiv hervorzuheben ist der Versuch, auch die neueren die uns aus deutscher Perspektive nicht unbekannt Entwicklungen mit in den Blick zu nehmen und einen vorkommt. Ausblick zu wagen; gerade in diesem Bereich hätte man sich angesichts der eingangs skizzierten der- Die Ordnung des Rundfunks als Instrument der Kon- zeitigen virulenten Marktsituation mehr gewünscht. struktion von Wirklichkeit vollzieht sich stets vor dem Aber vielleicht ist dies ja auch Aufgabe der – vom Hintergrund der bestehenden Gesellschaftsstruktur. Verfasser geforderten – weiteren Untersuchungen. Oder wie es der Vorsitzende der Eidgenössischen Expertenkommission für eine Mediengesamtkon- Manfred Kammer, Halle/Saale zeption, Hans. W. Kopp (in Fest- schrift für Oskar Reck, 1981, Zürich/Aarau) frühzeitig formulierte: Matthias Künzler »Die Kommunikation hat immer den Menschen und Die Liberalisierung von Radio und Fernsehen. seine Gesellschaft ‚gemacht‘. Noch nie aber hat die Leitbilder der Rundfunkregulierung Menschheit so sehr wie heute in grundlegenden und im Ländervergleich entscheidenden Bereichen ihres Zusammenlebens Konstanz: UVK VerlagsGmbH 2009, 375 Seiten. nicht den Bedarf sondern den Überfluß in den Griff zu bekommen.« Die zyklischen Bewegungen von Regulierung und Christian Schurig, Ostfildern Deregulierung scheinen gerade im Rundfunk- und Medienbereich oft ein Spiegelbild der Befindlich- keit der Gesellschaft zu sein. In diesen Monaten ist Rezensionen 61 Sven Grampp/Kay Kirchmann/ die Französische Revolution bis zu den Umwäl- Marcus Sandl/Rudolf Schlögl / Eva Wiebel (Hrsg.) zungen im Ostblock reicht hier das thematische Revolutionsmedien – Medienrevolutionen. Spektrum der einzelnen Beiträge. Dabei handelt es Konstanz: UVK 2008, 704 Seiten. sich in der Regel um Fallstudien zu einzelnen (Medi- en-)Revolutionen. Nur einige wenige Artikel dieses Kay Kirchmann und Marcus Sandl betonen in der vielschichtigen Bandes seien kurz erwähnt: Sven Einleitung dieses interdisziplinären Sammelbandes, Grampp und Eva Wiebel befassen sich beispiels- dass »[k]aum eine andere historische Figuration [...] weise damit, wie im öffentlichen Gutenberg-Geden- das konstitutive Wechselspiel zwischen Historie ken »die Erfindung des Buchdrucks als Gründungs- und Medialität derart eindrücklich [verdeutlicht] wie figur der Neuzeit konturiert wird« (S. 96). Christian die Revolution« (S. 9). Diesem komplexen Wech- Holtdorf führt aus, dass die »revolutionäre Bedeu- selverhältnis von Medienentwicklung und revolutio- tung« des ersten transatlantischen Telegraphenka- närer Praxis widmet sich der vorliegende Band aus bels weniger in der – nur kurzfristig bestandenen geschichts-, kultur- und medienwissenschaftlicher – Verbindung von Europa und Amerika liegt, son- Sicht. Dabei werden verschiedene Revolutionen bzw. dern in dem dadurch angestoßenen Ausbau des mediale und gesellschaftliche Revolutionsdiskurse Nachrichteninformationsnetzes in den USA. Rai- als Beispiele für historische Transformationspro- ner Leschke und Christoph Ernst beschäftigen sich zesse mit besonderer Trennschärfe herangezogen. in ihren jeweiligen Artikeln mit der Revolutionsrhe- Allgemein geht es darum, »jene strukturelle Ver- torik in der Medientheorie. Leschke kommt dabei flechtung zwischen gesellschaftlicher Kommunikati- zu dem Fazit: »Es gibt keine Medienrevolution und on, Sinngenese und Selbstbeschreibung mit den sie es gibt sie natürlich doch: nämlich als Figur in den jeweils ermöglichenden und strukturierenden me- Diskursen über Medien« (S. 167). Die Vorstellung ei- dialen Arrangements am historischen Querschnitt ner Medienrevolution bezeichnet er entsprechend zu beobachten und in ihrer wechselseitigen Durch- als Gründungsmythos der Medienwissenschaft dringung herauszuarbeiten« (S. 16). Dabei werden (ähnlich auch Grampp/Wiebel S. 95). Dieser Grün- Revolutionen, wie Rudolf Schlögl in einem weiteren dungsmythos erkläre dabei weniger die tatsäch- einleitenden Text aus eher geschichtswissenschaft- lichen Verhältnisse. Vielmehr verleihe er der ver- licher Perspektive schreibt, »als Resultat von Beo- gleichsweise jungen Disziplin Medienwissenschaft bachtungen und damit als medial bedingte Kom- Bedeutung. Während Klaus Bresser die Rolle des munikationszusammenhänge thematisiert« (S. 21). Fernsehens für die Transformationsprozesse in Mit- In diesem Sinne interessieren sich die Beiträge des tel- und Osteuropa analysiert, reflektiert Lorenz En- Bandes auch nicht für den Verlauf von Zusammen- gell über die Vermeidung von Umstürzen durch das brüchen sozialer und/oder politischer Ordnungen, Massenmedium Fernsehen und dessen Verhältnis wie es ein herkömmlicher Revolutionsbegriff nahe zur Geschichte. Die Beiträge von Rolf Reichardt und legen würde. Vielmehr geht es darum, die Rolle von Ursula E. Koch analysieren weiterhin die Funktion Medien in und für die verschiedenen Revolutions- plurimedialer Kommunikation (Tages- und Wochen- diskurse zu bestimmen. presse, Bildkommunikation [Karikaturen], Flugblät- ter etc.) während der Französischen Revolution (bis Insgesamt bietet der Band vier solcher einleitenden 1848) in Frankreich (Reichardt) und Deutschland bzw. grundlegenden Texte. Zu den bereits genann- (Koch) und ergänzen sich damit auf erhellende Wei- ten kommen eine begriffgeschichtliche Annähe- se. Petra Maria Meyer analysiert schließlich, wie rung von Nicole Wiedenmann und Kay Kirchmann das Fernsehspiel »Rotmord« (1968; Peter Zadek) sowie ein Beitrag von Marcus Sandl über die Re- die Münchner Räterepublik medial repräsentiert volution als Reflexionsfigur der Geschichte. Sandl und dabei wiederum die unterschiedlichen medi- schließt dabei mit der provokanten These, dass die ale Repräsentation der Räterepublik selbstreflexiv Geschichtswissenschaft selbst zu einem Revolu- reflektiert. tionsmedium werden würde, wenn sie den medi- alen Charakter von Geschichte als Differenzen set- Die Herausgeber Kirchmann und Sandl beklagen zenden und Übergänge organisierenden Diskurs einleitend, dass »die komplexen Wechselverhält- reflektierte. nisse zwischen Mediengenese und neuzeitlicher re- volutionärer Praxis [...] bislang vorrangig in Form Die folgenden 21 Artikel gliedern sich in drei Ab- von Einzeldarstellungen, jedoch noch nicht unter schnitte, die nacheinander Medien als Revolution, dem Aspekt einer historisch-systematischen The- Medien in der Revolution und Mediale Repräsenta- oriebildung erforscht worden« (S. 11) sind. Dieser tionen der Revolution fokussieren. Vom Buchdruck Anspruch wird vom vorliegenden Band selbst nur über die Telegraphie bis hin zu Fernsehen und Com- teilweise eingelöst. Insbesondere die medientheo- puter, vom Ende der Ming-Dynastie in China über retischen Texte nehmen eine ‚revolutionäre Praxis‘ 62 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) kaum in den Blick, sondern argumentieren weitge- Darstellungsweisen der Kanzler Adenauer, Brandt, hend theorieimmanent. Schmidt, Kohl und Schröder nach. Ein kurzes Kapitel über die aktuelle und erste Bundeskanzlerin schließt Insgesamt zeigt der Band, wie fruchtbar der Aus- den Band ab. tausch von Geschichts-, Kultur- und Medienwissen- schaften sein kann. Er öffnet den Blick für die viel- Scheurles Zugang besteht indes nicht darin, auf fältigen Zusammenhänge von Medien(entwicklung) die Theatermetaphorik zurückzugreifen, um ge- und sozio-historischem Wandel. Allerdings erschwe- sellschaftliche Strukturen zu deuten, wie es promi- ren es die sehr unterschiedlichen Fallbeispiele, da- nent von Erving Goffman praktiziert wurde. Die poli- raus ein Gesamtbild zu ziehen. Die erwähnten Texte tischen Darstellungen, um die es ihm hier geht, seien sind in ihrer Anlage exemplarisch für den Band, in Theater: »Politik ist eher dann Theater als faktenori- ihrer inhaltlichen Fokussierung bilden sie jedoch nur entiertes Handeln, wenn das Zeigen eines Vorgangs einen Teil ab. Auch dieser Band zerfällt in eine Viel- und nicht der Vorgang an sich im Mittelpunkt der zahl von freilich sehr aufschlussreichen und gewinn- Darstellung steht« (S. 39). Die Kategorie des Zeigens bringenden Einzeldarstellungen. nimmt hier einen zentralen Stellenwert ein. Indem der Politiker etwas vor einem Publikum zeigt, gene- Christian Hißnauer, Göttingen riert er eine ästhetische Wirkung, agiert er im besten Sinne theatral. Christoph Scheurle Darauf aufbauend kommt es Scheurle vor allem Die deutschen Kanzler im Fernsehen. darauf an, das Fernsehen nicht als alleinigen Initi- Theatrale Darstellungsstrategien von Politikern ator von Inszenierungspraktiken zu sehen. In die- im Schlüsselmedium der Nachkriegsgeschichte sem Sinne sind »mediatisierte Politikinszenierungen Bielefeld: Transcript 2009, 241 Seiten. [...] immer beides: politische Selbst-Inszenierungen des leibhaftig auftretenden Polit-Darstellers und In- Das sei das Buch, auf das die Welt gewartet hat, szenierungen des Fernsehsystems« (S. 128). Die meint Christoph Scheurle in einem Interview auf der Analyse konzentriert sich dennoch auf einzelne Homepage des Transcript-Verlages.1 Das zeugt von Fernsehformate, auf Rede-Duelle, Interviews, Live- Selbstbewusstsein und – soviel vorweg – seine Stu- Übertragungen von politischen Ereignissen, Wahl- die leistet zumindest für die Analyse der politischen werbefilmen und Dokumentationen. Diese Formate Kultur hierzulande einen wichtigen Beitrag. Leider strukturieren auch weitestgehend die Analysen der werden die Verkaufszahlen der »deutschen Kanzler eigentlichen Kanzlerdarstellungen. im Fernsehen« nur einen verschwindend geringen Bruchteil der Einschaltquoten der deutschen Kanz- Scheurles Befund lautet, dass sich die Kanzlerdar- ler im Fernsehen verzeichnen können. Wie so viele stellungen in dramatische und epische Inszenie- interessante Bücher nicht zuletzt des Transcript- rungen unterteilen lassen. Im Rahmen der ersten Verlages wird auch dieses sein Stigma der Wissen- kommt vorzugsweise der situative Stil zur Anwen- schaftlichkeit (es handelt sich um eine Dissertation) dung, wofür sich Rede-Duelle (z.B. »Drei Tage vor gewiss nicht loswerden, woran auch die für Rezen- der Wahl«), Live-Übertragungen (z.B. »Wahlkampf sionen akademischer Werke mittlerweile zur Stan- Live«) und Interviews (z.B. Günter Gaus‘ »Zur Per- dardfloskel geronnene Formel der »guten Lesbar- son«) besonders gut eignen. Mit dieser Darstellungs- keit« nichts ändern würde. form haben vor allem die Kanzler aus den Reihen der SPD, Brandt, Schmidt und Schröder ihr Image kre- Scheurle beschäftigt sich in seinem Buch mit sym- iert. Adenauer und Kohl favorisierten hingegen die bolischer Politik, also einem Bereich der politischen epische Inszenierung und den ikonischen Stil. Wahl- Kultur, der mehr mit Inszenierung und weniger mit werbesendungen und Dokumentationen (z.B. »Die Parteiprogrammen zu tun hat. Die Politikwissen- Mächtigen der Republik«) bieten ein optimales Fo- schaft setzt sich damit schon seit etwa zwanzig Jah- rum für diese Inszenierungsstrategien. Sprachlich ren auseinander, am bekanntesten sind wohl Thomas präzise changieren Scheurles Arbeitsergebnisse Meyers Veröffentlichungen zum Thema.2 Im Rahmen hier zwischen neuen Erkenntnissen und der Bestäti- der Theatralitätsforschung wurde bisher Politikinsze- gung evidenter Beobachtungen. nierung als Teil einer zunehmenden Theatralisierung der Gesellschaft diskutiert. Scheurle schließt sich dieser Sichtweise an, indem er fokussiert, wie Po- 1 Es handelt sich um die Stellungnahme des Autors auf die Frage »Bü- litiker als Darsteller auf der politischen Bühne agie- cher, die die Welt nicht braucht…«, die derzeit auf der Homepage des Ver- lages auch anderen AutorInnen gestellt wird. ren. Ausgehend vom »Wahrnehmungsdreieck von 2 Etwa: Die Inszenierung des Scheins. Voraussetzungen und Folgen Inszenierung, Rolle und Figur« (S. 32) geht er den symbolischer Politik. Essay-Montage. Frankfurt am Main 1992. Rezensionen 63 Es stellt sich gleichwohl die Frage, ob die Begriffe stehung, Entwicklung und Verfasstheit der ältesten ‚dramatisch‘ und ‚episch‘ sinnvoll gewählt sind. Denn deutschen Nachrichtensendung. Grundlage der im theatertheoretischen und -wissenschaftlichen Auseinandersetzung bilden zum einen rund 50 In- Diskurs bilden ‚dramatisch‘ und ‚episch‘ Pole zwi- terviews, welche mit den ehemaligen ‚Machern‘ so- schen der geschlossenen und der offenen Form. Es wie mit Medien- und Kommunikationswissenschaft- ist von daher auch ein Manko, dass etwa Brecht im lern und Historikern geführt wurden. Zum anderen Zusammenhang der Diskussion des Begriffs der epi- begleiteten die Studierenden die »ARD-aktuell«-Re- schen Inszenierung nicht genannt wird. Die Erklä- dakteure bei ihrer Arbeit und setzten sich mit deren rung dafür liegt nahe. Scheurle meint mit ‚episch‘ Arbeitsalltag auseinander. eine geschlossene Inszenierungsweise, die er vor allem in Dokumentationen und Wahlwerbespots am Nach einer Einführung von Nea Matzen, in welcher Werk sieht. Das Epische dominiert also vor allem als zentrale Erkenntnis der Beiträge die Situierung dann, wenn es nicht mehr nur die Mittel des Theaters der Tagesschau und ihrer Gründungsgeschichte als sind, die die Darstellung des Politikers konstituieren, Teil des postnazistischen Neuanfangs herausgestellt sondern auch und vor allem die Mittel des Fernse- wird, sinniert Manoella Barbosa aus der Perspekti- hens respektive des Mediums Film. Scheurle kommt ve einer Ausländerin über die beliebte 15-minütige selbst darauf zu sprechen, wenn er den »Schneide- »Dosis Kargheit und Glaubwürdigkeit« (S. 29), wel- tisch« als »maßgebliche Inszenierungsinstanz« bio- che die Tagesschau auszeichnet und gleichsam für graphischer Dokumentationen bezeichnet (S. 154). deutsche Tradition und Feierabend steht. Der Bei- Sinnvoller wäre es von daher wohl zwischen ‚thea- trag Frauke Königs beschäftigt sich im Anschluss mit tral‘ und ‚filmisch‘ zu unterscheiden und davon aus- der am Format geäußerten Kritik, deren Verwertung gehend weitere Differenzierungen zu treffen. und den Motiven der (Nicht-)Berücksichtigung bei der Konzeption der Sendung. Den Mechanismen der Von diesen terminologischen Problemen abgesehen Nachrichtenauswahl und Themensetzung geht der bietet das Buch insgesamt interessante Analysen, darauffolgende Artikel nach. Neben der Nachzeich- die sowohl für die Medien- als auch für die Politikwis- nung eben dieser Mechanismen im geschichtlichen senschaft fruchtbar zu machen sind. Hervorzuheben Verlauf finden ausgewählten Episoden wie das End- ist auch die nicht immer nur unterschwellig deutlich spiel der Fußballweltmeisterschaft 1954 oder das In- werdende Sympathie für die Medienkanzler der SPD. terview der ersten Tagesschau Redakteurin Swenne Lauert mit Thomas Mann Berücksichtigung. Daniel Thomas Klein, Mainz Mollitor liefert weiterhin einen Einblick in die Arbeit der Tagesschau-Zentrale, während sich Maria Kuh- feld in ihrem Beitrag speziell mit den Tagesschau- Nea Matzen/ Christian Radler (Hg.) Redakteurinnen und -Sprecherinnen – beginnend Die Tagesschau. bei der bereits oben genannten Swenne Lauert über Zur Geschichte einer Nachrichtensendung Dagmar Berghoff bis Eva Herman – beschäftigt. Wie Konstanz: UVK 2009, 326 Seiten. sich die Tagesschau mit Bildmaterial versorgt, wel- che Kriterien bei der Auswahl der Bilder leitend sind, In ihren Anfängen war die Tagesschau ein Produkt aber auch, warum bestimmte Bilder als zu extrem aus Textnachrichten der Hörfunkredaktionen und gewertet werden, während andere dies wiederum Schnittabfällen der Wochenschau. Mit der Abkopp- sein dürfen oder sogar sollen, erläutert Martin Sil- lung der Tagesschau von der Wochenschau und der bermann. Die Rolle der Sprache und des Sprechens Einrichtung einer eigenständigen Redaktion 1960 in der Tagesschau, die Tatsache, dass ein Wortbei- ändert sich dies. Bildmaterial wurde nun von Agen- trag 25 Sekunden beträgt und wie es dazu kam, ist turen und der Eurovision bezogen – ein Austausch, Gegenstand des Aufsatzes von Anna Wahdat. Die der mangels Satellitentechnik nicht unbedingt zü- Prominenz der Sprecherinnen und Sprecher hinge- gig vonstatten ging und seinerseits neue technische gen ist Thema der darauffolgenden Überlegungen Probleme mit sich brachte. von Christopher Paschmanns. Hier erfährt der Leser auch mehr über Kleiderauswahl und Dresscode so- Die Geschichte der Tagesschau ist voll von wissens- wie das geforderte Maß an Seriosität. Die drei daran werten Details, welche nun auf informative und unter- anschließenden Beiträge konzentrieren sich sodann haltsame Weise in dem von Nea Matzen und Christian ganz auf die Rolle der Tageschau in Krisenzeiten Radler herausgegebenen Band präsentiert werden. und -situationen und nehmen konkrete nachrich- Die im Rahmen eines Seminars zur Vertiefung von tengeschichtlich relevante Momente wie den Deut- Recherchetechniken des Masterstudiengangs Jour- schen Herbst, das Geiseldrama von Gladbeck oder nalistik der Universität Hamburg entstandenen Bei- den 11. September 2001 ins Visier. Abgeschlossen träge eröffnen einen breit gefächerten Blick auf Ent- wird der Band durch einen Aufsatz zum Design, der 64 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) sich nicht nur dem Wandel der Ausgestaltung von Das medial bezeichnende Moment im für die Un- Eingangssequenz und Studiokulisse, sondern auch tersuchung gewählten Jahr – 2005 – ist nach La- der Gestaltung der ‚Pappen‘ bis hin zum Einsatz des bitzke der Paradigmenwechsel »vom Gespräch zum Bluescreen widmet. Script« (S. 13). Die vormals für Talk Shows typischen Besonders hervorzuheben ist die hieran anschlie- Diskussionsrunden ohne festes Ergebnis boten zu ßende Chronik. Von 1948, dem Jahr der Genehmi- wenig Orientierung, weil eine klare Bewertung und gung des Nordwestdeutschen Rundfunks durch die damit ein Abschluss fehlten. Auf der Tagesordnung Besatzungsmacht, bis 2008 wird die Geschichte der standen nun vor allem gescriptete Formate wie Ge- Tagesschau chronologisch und übersichtlich darge- richtsshows und therapeutische Shows wie Zwei stellt. Hierdurch entsteht eine informative Übersicht bei Kallwass. Aber auch die Talk Shows wurden Än- über der Sendung, die eine Einordnung der im Vor- derungen unterzogen und traten im neuen Gewand feld besprochenen Momente nachvollziehbar ge- mit (teilweise) gescripteten Gästen und ausdrück- währleistet. lichen Wertungen beispielsweise mithilfe von Vater- schafts- und Lügendetektorentests auf. Diese For- Vermissen mag der Leser nun eine spezifische theo- mate bilden als Sprechfernsehen (S. 30) den größten retische Rahmung sowie eine Einordnung in die For- Sendeanteil am Tagesprogramm. Die zwei anderen schungslage. Auch fällt der freundliche, manchmal Gattungen im Tagesprogramm, die von der Autorin weniger kritische Ton auf, der die facettenreiche In- unpassenderweise als Submedien bezeichnet wer- nenperspektive aber dennoch stilistisch hochwertig den, sind zum einen der sog. Film, d.h. die filmische präsentiert. Neben der detailierten Innenperspekti- Darstellung eines (quasirealen) Alltags von Ermitt- ve bietet sich dem Leser weiterhin ein Einblick in die lern (z.B. Niedrig und Kuhnt), Ärzten oder Schulcli- An- und Aufnahme der Sendung durch die Rezipi- quen. Zum anderen sind es Magazine, in denen »[v] enten, insofern die Reaktionen des Publikums in den iele Filme […] die von wiederkehrenden Moderato- verschiedenen Beiträgen Berücksichtigung finden. rInnen miteinander verbunden und in den Sendungs- Das Ergebnis dieser studentischen Recherchearbeit, rahmen verbunden werden.« (S. 32). Das die Autorin so lässt sich resümieren, ist eine lesenswerte Doku- sich für den Terminus ‚Film‘ entscheidet, ist irritie- mentation, die journalistisch unterhält und durch die rend und irreführend, schließlich wird der Begriff in Art der Aufbereitung auf eine breite Leserschaft sto- der Wissenschaft eben nicht für szenische Darstel- ßen dürfte. lungen im Magazin- oder Serienformat verwendet. Kathrin Lämmle, Mannheim Die eigentliche Untersuchung dieser drei Gattungen erfolgt nun im räumlichen und zeitlichen Rahmen. La- Nicole Labitzke bitzke gelingt es – vornehmlich anhand des Sprech- Ordnungsfiktionen. fernsehens, aber auch an den Ermittler-Soaps – zu Das Tagesprogramm von RTL, zeigen, dass sich die wechselnden Laiendarsteller Sat.1 und ProSieben zu Beginn jeder Folge in einem Zustand des Chaos Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH 2009, befinden, dem erst mithilfe der Hauptfigur der Sen- 334 Seiten. dung, z.B. Richterin Barbara Salesch, als unumstrit- tene und objektive Agentin mit uneingeschränkter Talk Shows, Gerichtsshows und Co. haben seit ih- Handlungsmacht ein Ende bereitet werden kann. rem Auftauchen auf dem Bildschirm ein breites Inte- Eine Ordnungsverletzung außerhalb des Studio- resse evoziert. Untersuchungen, die mit vielfältigen raums, der hier zum Ordnungsraum wird, verursacht Ausrichtungen jährlich bei den Verlagen erschei- das Durcheinander, das erst im Studio als öffent- nen, bieten ihren Lesern weitreichende Ergebnisse licher Raum beseitigt wird. Die semantische Ordnung und decken die neusten Trends auf. Thematisch wird anhand der Prädikate »Öffentlichkeit, Wahr- sind die meisten Bände auf die Publikumsforschung, heit und Gerechtigkeit« (S. 301) wieder hergestellt. Wirkungsforschung oder die Programmentwick- lung fokussiert. Nicole Labitzke befasst sich in ihrer Der zeitliche Rahmen der Ordnungsfindung folgt Dissertation nun mit »den Mechanismen und Funk- zwei verschiedenen Modellen, die Labitzke das X- tionsweisen des medialen Ordnungsprozesses« (S. Zeitmodell und das L-Zeitmodell nennt (S. 182). Hier- 19) im Tagesprogramm (10 bis 18 Uhr) dreier pri- bei handelt es sich zum einen um die zeitliche Ver- vat-kommerzieller Sender. Grundlage dafür ist die schränkung von der Detektionsgeschichte und der Annahme eines Publikums mit einem wachsenden Geschichte der Ordnungsverletzung (X-Zeitmodell) Bedürfnis nach »Orientierung, Klarheit und Gerech- und zum anderen einer linearen Zeitgestaltung (L- tigkeit« (S. 19), dem die das Tagesprogramm do- Zeitmodell), die genrespezifisch eingesetzt werden. minierenden Selbsthilfe-Formate die passende Ant- Die räumlichen und zeitlichen Aspekte im Ordnungs- wort geben. prozess konnten so einleuchtend dargelegt werden. Rezensionen 65 Fragwürdig ist jedoch der Verweis auf das Tagespro- der Familienserien. Damit wird gleich zu Beginn ein gramm von RTL, Sat.1 und ProSieben. Zwar nehmen praktikables Modell zur Analyse von Fernsehserien die von ihr analysierten Formate und Sendungen den überhaupt skizziert. größten Teil des Tagesprogramms ein, auf alle verge- benen Programmplätze lassen sich die Ergebnisse Im Mittelpunkt dieser »kontextualisierten Medien- aber wohl nicht übertragen. Der Autorin zufolge las- inhaltsanalyse« steht die Diskussion des Disposi- sen sich die Sujettypen der zu ordnenden Räume tiv-Konzeptes der Mediengeschichtsschreibung un- auf drei herunterbrechen: Recht (Gerichtsshows, Er- ter Einbeziehung strukturierender Diskursebenen mittler-Soaps und therapeutische Formate), Moral als Kategorien, die sich in der konkreten Analyse (Talk Shows, therapeutische Formate) und Ästhetik niederschlagen. Ideologieebene, Ordnungsdiskurs, (Makeover-Shows). Die ordnungsstiftenden Eigen- Orientierungsdiskurs und lebensweltliche Selbstver- schaften z.B. von Magazinen wurden dabei außer gewisserungsdiskurse stellen allerdings keine wirk- Acht gelassen. Zwar erfolgte der Hinweis, dass auch liche Überwindung des in der soziologischen und die Magazine in kurzen Beiträgen über ästhetische kommunikationswissenschaftlichen Forschung ver- Makeovers berichten, den restlichen Beiträgen wur- breiteten Makro-Meso-Mikro-Interpretationssche- de dann aber keine Bedeutung zugerechnet. Eben- ma dar, geben aber dennoch eine aussichtsreiche so gilt dies für andere Formate, die im Buch keinerlei theoretische Rahmung. Die Rekonstruktion der »dis- Erwähnung finden wie Telenovelas, Serien, Seifen- kursiven und dispositiven Kontexte« ermöglicht so opern oder die dem Realitätsfernsehen zuzuord- die sinnvolle Strukturierung der Inhaltsanalyse wie nenden Sendungen Abschlussklasse und Freunde. auch der Ergebnisse. Diese sind ebenso gescriptet, unterscheiden sich aber durch das Fehlen einer abschließenden Hand- Es handelt sich bei allen Arbeiten um qualitative In- lung in jeder Folge. Deshalb bleibt der Hinweis, dass haltsanalysen, deren methodische Vorgänge und sich Labitzkes Buch wohl eher mit spezifischen – Schlussfolgerungen überzeugen und einem hohen das Tageprogramm dominierenden – Formaten be- Standard empirischer Forschung entsprechen. schäftigt, aber keine abschließende Analyse des gesamten Tagesprogramms bietet – wie es der Un- Nach der methodologischen Einleitung folgt eine tertitel des Bandes verspricht. Untersuchung der fernsehgerechten Adaption der DDR-Hörspielreihe »Neumanns 2x klingeln« von Insgesamt hat Labitzke ihre Forschungsfragen in Tanja Rüdinger. Im Zentrum stehen neben dem Leit- Bezug auf Raum und Zeit der Ordnungsherstel- bildcharakter der Familie insbesondere die Heraus- lung klären können und dabei das Phänomen Rea- arbeitung der Unterschiede zur Hörspielfassung. Die litätsfernsehen von einer neuen Seite aufgerollt. Le- Studie gibt damit hervorragende Einblicke in bei- senswert wird das Werk auch dadurch, dass die de Produktionen. Das Resümee fällt etwas einsei- Untersuchungsgrundlagen nicht nur im medienwis- tig technisch-organisatorisch aus, verlässt die an- senschaftlichen, sondern auch im sprachwissen- gestrebten Interpretationsebenen vor allem der schaftlichen Bereich zu finden sind. Aufgedeckte Ideologie und des Ordnungsdiskurses. Sprecherhierarchien und Sprechakte sowie deren immanente Funktionen tragen deutlich zum Ergeb- Eine Studie zum Mehrteiler »Einzug ins Paradies« nis der Untersuchung bei, welches im Bezug auf die wird von Sebastian Pfau vorgelegt. Dass dieser an untersuchten Formate durchaus plausibel und inte- der Ausarbeitung des methodischen Modells betei- ressant erscheint. ligt war, erweist sich als Vorteil. Der Form geschul- Katja Kochanowski, Kiel det ist die bedauerlich kurze Darstellung der Analy- seergebnisse. Überraschend hier die bescheinigte starke Präsenz von »eher christlich zu verortenden Sascha Trültzsch (Hrsg.) Motiven« und einem »religiösen Deutungshinter- Abbild – Vorbild – Alltagsbild. grund der Figuren« (S. 82). Thematische Einzelanalysen zu ausgewählten Familienserien des DDR-Fernsehens Sascha Trültzsch leitet mit einer sehr breiten und Leipzig: Universitätsverlag 2007. inhaltsanalytisch fundierten Erörterung des Frau- enbildes in den Familienserien des DDR-Fernse- Vorgelegt werden in diesem Band Beiträge, die zum hens der späten achtziger Jahre auf die nächsten großen Teil Ergebnisse von ausgezeichneten Magi- Abschnitte über. Auf der Folie der »kontextualisier- sterarbeiten zusammenfassen, die unter Leitung des ten Medieninhaltsanalyse« geht er der Frage nach, Forscherteams Pfau, Viehoff, Trültzsch entstanden. inwieweit das Frauenbild der Familienserien eher Flankiert werden diese fünf Beiträge von zwei Tex- dem tatsächlichem Alltagsbild oder eher den ide- ten von Trültzsch zur Methode und dem Frauenbild ologischen Wunschvorstellungen der Machthaber 66 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) entspricht. Dieses anspruchsvolle Unterfangen wird punkt Flughafen« (S. 258). durch die detaillierte Analyse von 4 ausgewählten Die fundierte Verdeutlichung von Entwicklungspha- Serien bzw. ihren weiblichen Protagonistinnen rea- sen und die nachgewiesene Differenzierung der in- lisiert. Die sehr detaillierte Analyse der Frauenbilder, haltlichen wie auch formalen Anmutung der DDR-Fa- die erfreulicherweise angemessenen Raum erhalten milienserien ist ein Verdienst des Bandes insgesamt. hat, mündet in eine überzeugende Darstellung der Neben der Darstellung ideologischer Stereotype und dominanten Tendenzen: trotz deutlicher »ideologie- politischer Zwänge werden auch die einzigartigen fil- konformer Inszenierung« (S. 129) gab es in den Fa- mästhetischen und dramaturgischen Qualitäten en milienserien differenzierte Frauenbilder von »traditi- detail beleuchtet. Hervorhebenswert ist das in wei- onell« bis »modern« (S. 130). Bei der Darstellung der ten Teilen einheitliche und nachvollziehbare metho- Frauen »wird insgesamt auf gesamtgesellschaftliche dische Vorgehen. Nicht nur aus diesem Grund weist und politische Themenbereiche verzichtet. Die ideo- der vorliegende Band über die Thematik DDR-Fern- logischen Vorgaben werden … modifiziert unterge- sehen hinaus und kann gemeinsam mit den anderen bracht« (S. 132). Dies wird vom Autor wie auch in der MAZ-Bänden zum Thema als Anregung für die me- nachfolgenden Arbeit von Mandy Schalast zu den dienwissenschaftliche Auseinandersetzung des For- Inszenierungen der Frau in »Ich heirate eine Familie« mates der Familienserien allgemein dienen. Für den (ZDF) und »Geschichten übern Gartenzaun« (DDR- am DDR-Fernsehen Interessierten – gleich ob Wis- Fernsehen) breit dargelegt. senschaftler oder Zuschauer – ist der MAZ-Band 25 »Abbild – Vorbild – Alltagsbild« eine unbedingte Letzterer Beitrag widmet sich erstmals einem inner- Empfehlung wert. deutschen Vergleich – Familienserien der BRD und Jasper A. Friedrich, Leipzig der DDR sind Gegenstand einer »qualitativ struktu- rierten Inhaltsanalyse«, die sich begrifflich vom vor- geschlagenen Modell entfernt. Die beachtliche Ana- Barbara Link lyse birgt für den »vorbelasteten« Wissenschaftler Design der Bilder. keine Brechung erwartbarer Stereotype, jedoch eine Entwicklung des deutschen Fernsehdesigns: alle Facetten zusammenfassende Betrachtung ty- Vom Design über das Image zur Identity pischer Erscheinungsweisen von Frauenbildern im Köln: Halem 2008. 482 Seiten. West- und Ostfernsehen im untersuchten Format. Ein weiterer interessanter, diesmal intermediärer »Das Design eines Fernsehsenders ist nach außen Vergleich schließt sich von Judith Brademann-Fen- hin ein deutliches Signal für die (vermeintliche) Qua- kl an. Verglichen werden »Fremd- und Eigenbilder« lität und die (mögliche) Beschaffenheit der Inhalte. in der DDR-Reiseliteratur mit denen der Fernseh- Unverwechselbarkeit ist somit eine der höchsten serie »Zur See« von 1977. Forschungsmodell waren Forderungen an das visuelle Design eines Senders«, hier die Ordnungsschemata von Fremdheit von Ort- aber die »Programmformatierung lässt [...] die In- fried Schäffter. Auf dieser Grundlage wird der DDR- halte der Programmangebote immer uniformer wer- Reiseliteratur eine durchaus differenzierte Darstel- den« lauten zentrale Aussagen von Barbara Link. lung des Fremden attestiert, jenseits und diesseits Die Autorin – Dipl.-Ing. für Druck- und Medientech- »ideologischer Polarisierung« (S. 223). Die Fernseh- nik – hat sich in ihrer Dissertation mit dem Thema serie »Zur See« zeigte sich demgegenüber wesent- Fernsehdesign auseinander gesetzt. Sie hat dies lich stärker an der ideologischen Dichotomie sozia- mit Fokus auf die Design- und Fernsehgeschichte listisch-kapitalistisch orientiert (S. 224). getan und deren theoretische Konzepte in Verbin- dung zu seinen technischen Grundlagen in der Pra- Dieses Ergebnis unterstützt auch die den Band ab- xis beim Fernsehen dargestellt. In einer inhaltsana- schließende Studie von Katja Köbbert, die außenpo- lytischen Untersuchung werden Corporate Design, litische Freund- und Feindstereotype in den unter- Imagery und Identity von fünf ausgewählten Voll- haltenden Fernsehserien der siebziger und achtziger zeitsendern (Das Erste, ZDF, RTL, Sat.1 und Pro- Jahre untersucht. Neben »Zur See« steht hier auch Sieben) über einen Zeitraum von zwei Monaten im »Treffpunkt Flughafen« im Mittelpunkt. Zusätzlich Jahr 2004 ausgeleuchtet und durch Experteninter- zur Darstellung der politischen Entwicklung und da- views ergänzt. mit einhergehenden Veränderungen im »offiziellen« Freund- und Feindbild verwendet sie nutzbringend Die Arbeit hat einen Umfang von 482 Seiten und ist die Polaritätsprofile des eingangs vorgestellten Ana- in fünf Kapitel gegliedert. Sie ist gekennzeichnet von lysemodells. Aufschlussreich ist die Feststellung ei- einer ungeheueren Material- und Bilderfülle, ausu- ner fortschreitenden Emanzipation des DDR-Bildes fernden Beschreibungen, Wiederholungen und folg- respektive die Selbstdarstellung gegenüber dem lich einer gewissen Unstrukturiertheit: Während die »Großen Bruder« Sowjetunion in der Serie »Treff- allgemeine Design- und TV-Terminologie ausgiebig Rezensionen 67 dargelegt wird, müssen zentrale Begriffe in der Ver- grammdesign (Marke/Logo, Programmtafeln, Sen- wendungsweise der Autorin aus dem laufenden Text derkennspots, Werbetrenner, Imagetrailer, Ticker, erschlossen werden - da hilft auch das Glossar nicht. Split-Screens) und das Einzelprogrammdesign (Pro- Zunächst zum Werk: Ausgangslage sind nicht primär grammtrailer, Teaser, Sendungsopener, Bauchbin- die Bilder, sondern, so die Autorin, der herrschende den, Überblendungen). Dargelegt wird, wie die gra- Wettbewerbsdruck unter den Fernsehsendern. Die phischen Gestaltungselemente Form, Farbe, Raum, ökonomische Frage, wie Zuschauer an einen Sen- Raster ins Fernsehdesign eingebunden werden, wel- der gebunden werden können, rückt in den Vorder- che Rollen dabei der Typographie, den bewegten Bil- grund. Nur werden nicht die Programminhalte einer dern und Rhythmen von Schnittfrequenzen zukom- eindeutigen Abgrenzung unterzogen, sondern wie men. Zur Sprache gebracht werden Ästhetik und Hickethier (1998: 527) meint, dass genau durch die Kreativität bei immer schnelleren Produktionszy- Vielzahl gleicher und ähnlicher Inhalte »die Art und klen, aber auch die Faktoren, die die gestalterischen Weise der Präsentation an Bedeutung« gewinnt (S. Aufgaben beeinflussen oder gar bestimmen (Sende- 10). In diesem Sinne ist nachvollziehbar, warum in zeit, Vermarkter, redaktionelle, rechtliche und sen- den letzten Jahren nahezu alle großen deutschen derpolitische Entscheidungen). Im Ergebnisteil der Fernsehsender ihr visuelles Erscheinungsbild, das Untersuchung werden Design-Strategien einzelner Corporate Design, geändert haben. Angesichts der Sender zum Corporate Design, On-Air-Promotion, permanenten Erneuerung von Graphik und Bildäs- Programmverbinder und Genres aus dem Unter- thetik leitet die Autorin ihre durchweg interessanten haltungsbereich (240 Stunden Sendzeit) herausge- Forschungsfragen schlüssig ab (S. 10–13). arbeitet. Dass Fernsehdesign ein strategisches In- strument der Sender ist, hat die Autorin ausführlich Zum Stand der Forschung nimmt die Autorin Bezug nachgewiesen und durch die Zitate aus den vier leit- auf den von der DFG geförderten SFB 240 (1986- fadengestützten Experteninterviews gründlich un- 2002) Ästhetik, Pragmatik und Geschichte der termauert: »Design ist [...] ein Tool der Corporate Bildschirmm edien: »Erst seit den 1990er Jahren wird Identity und somit ein Mittel zur Meinungsm ache. dem Fernsehdesign überhaupt eine eigene Macht Visuelle Präsentation ist immer ein strategisches und Aussagekraft zugesprochen« mit dem die er- Machtinstrument« (Interview Hajek S. 427). sten wissenschaftlichen Untersuchungen einherge- Aber es gibt zahlreiche Abstriche, die insgesamt kein hen (S. 13). Im Gegensatz zur Programmforschung nur positives Bild ergeben: Die Arbeit auf 200 Sei- gebe es aber »derzeit keine tiefgreifende wissen- ten kondensiert, wäre das ein Werk, das man sich schaftliche Arbeit über die spezifische Problem- wünscht: Zentrale Begriffe hätten in ihrer Verwen- stellungen des Fernsehdesigns in den Zeiten des dungsweise (z.B. Bild, Design S. 40; Fernsehdesign digitalen Umbruchs«, lautet die Begründung der Au- S. 126) bereits in der Einleitung klargestellt werden torin. Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt bei müssen. Das Kapitel »Theorie des Designs und ihre den senderspezifisch graphischen Elementen zum historische Entwicklung« auf den mannigfaltigen Be- Corporate Design, Programmverbindern und unter- griffsgebrauch »Design« reduziert werden können schiedlich unterhaltungsorientierten Genres mit Fo- (zumal der Begriff in der Fragestellung nicht themati- kus auf die Design-Strukturen im Programmverlauf siert wird). Die vielen Ab- und Ausschweifungen (die (S. 13). zwar interessant sind, mit der Untersuchung aber wenig zu tun haben, z.B. Streitigkeiten unter den Wie ist der vorgelegte Band nun zu bewerten? Legt Sendern) und unnötige Erklärungen aus den Anmer- man die Fragestellungen zu Grunde, so zeigt sich kungen müssten wohl entfernt werden. Vorteilhaft das Fernsehen als spannende Materie zur Design- wäre auch, Abbildungsverweise und -zusammen- forschung (Design als Phänomen). Zweifellos, die hänge in den Fließtext aufzunehmen, ein Namens- Autorin hat aufschlussreiche Antworten anhand ih- und Stichwortverz eichnis sowie den Leitfaden zum rer Untersuchung erarbeitet und dargelegt. Das be- Experteninterview anzufügen. trifft die Geschichte des deutschen Fernsehens und Fernseh designs seit den 1950-er Jahren, die Ent- Wenn dann noch beim Verlag einer weniger postmo- wicklung und Auswirkungen nach Zulassung von dernen Gestaltungsweise gefolgt würde (z.B. eben Privat sendern, die Bildung vom Corporate Design keine Bildlegenden als Überschriften in übermäßi- hin zum »Fernsehen als Marke« (CI) und damit zur ger Größe oder Abbildungen und Tabellen bis zu Ausbildung von Abgrenzungsstrategien gegenüber fünf Seiten weiter platziert, wie in dem Band), dann der Konkurrenz. Ins Metier steigt die Autorin ein mit wäre das Buch ein wirkliches Desideratum, nicht nur den technischen Grundvoraus setzungen zum Fern- zur Designforschung. So aber bleibt der Gesamtein- sehdesign sowie dessen Aufgaben, Funktionen und druck durchwachsen und eher unerfreulich. beabsichtigten Wirkungsweisen auf den Zuschau- er. Diese beziehen sich dann auf das Gesamtpro- Klara Jahn, Halle/Saale 68 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) Holger Schramm (Hg.) Schramm konstatiert in der Einleitung, dass »der ge- Handbuch Musik und Medien. samthafte Stellenwert von Musik in den Medien bzw. Konstanz: UVK 2009, 629 Seiten. für die Medien nicht hoch genug eingeschätzt wer- den kann« und sich zugleich »ganz eigene Darstel- In den letzten Jahren mehren sich Publikationen, lungs- und Vermittlungsformen von Musik entwi- die aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen ckelt« (S. 7) haben. Dem ist nicht zu widersprechen, und Fragestellungen heraus Musik in ihrer Mediali- warum in der sehr knappen Einleitung allerdings eine tät thematisieren. So ist es nahe liegend, dass ein »einführende Reflektion des Medienbegriffs« (ebd.) Handbuch den aktuellen Stand der Forschung auf- erforderlich ist, die sich ausschließlich auf Hans-Die- greift und versucht adäquat abzubilden. Der Medi- ter Küblers Definition konzentriert, wird nicht ersicht- enwissenschaftler Holger Schramm hat nun in dem lich. Ebenso wenig, was Werner Faulstichs »vier Pha- vorliegenden Band als Herausgeber versucht, die sen der Medienkulturgeschichte« (ebd.) im Sinne Heterogenität des Gegenstandes Musik und seiner einer Setzung bedeuten sollen, denn das spielt in mannigfaltigen Verflechtungen in Medien zu bün- den Folgebeiträgen keine Rolle mehr. Besteht hin- deln, zu klassifizieren und zu kategorisieren. Dafür sichtlich des Medienbegriffs offensichtlich partieller wurden namhafte Autoren gewonnen, die zu ihren Diskussionsbedarf, so scheint das für den Musikbe- jeweiligen Beitragsthemen bereits mehr oder we- griff in diesem Band irritierenderweise nicht der Fall niger häufig und umfangreich publiziert haben (so zu sein. bspw. P. Wicke, H.-J. Krug, A. Schmidt, G. Föllmer, Zu einigen ausgewählten Beiträgen: Die ersten bei- Th. Münch u. a.). Das erweckt bereits beim ersten den Texte widmen sich den Anfängen der medialen Überfliegen den Eindruck von Exklusivität. Es könnte Übermittlung von Musik. Herbert Bruhn differenziert hier ja auch der Gesamtzusammenhang, die Kon- beim Aufschreiben der Musik zwischen der Notati- zentration verschiedener Perspektiven, die vielbe- on und der Notiz und leitet die historische Entwick- schworene Interdisziplinarität sein, die den Mehrwert lung, die jeweiligen Begrifflichkeiten und Kontexte und das Neue ausmachen und den Leser überra- übersichtlich her. Albrecht Schneider beschäftigt schen. Doch ehe es eine inhaltliche Auseinanderset- sich ausführlich mit dem Beginn der Konservie- zung gibt, erst einmal zur formalen Gestaltung des rung von Musik durch die Erfindung der technischen vorliegenden Bandes. Schallaufzeichnung. Hierbei standen die divergie- renden technischen, ökonomischen und kulturellen Mit einer bunten Bildcollage auf dem Einband wirkt Entwicklungen des Phonographen und des Gram- der Hardcover-Band vielversprechend. Ein vorläufig mophons in Amerika und Europa im Vordergrund. systematisierender Zugriff unterteilt das Themenfeld Der sehr umfangreiche Folgebeitrag von Peter Wicke in fünf Bereiche, der Musik in jeweils eigenen spezi- widmet sich ebenfalls dem Tonträger – hier verwun- fischen Kontexten verortet: Anfänge der medialen dern die inhaltlichen Überschneidungen zum vor- Übermittlung von Musik, Musik in auditiven und au- hergehenden Beitrag etwas. In solchen Fällen ist ein diovisuellen Medien, Musik in nicht-auditiven Me- sorgfältigeres Arbeiten seitens des Herausgebers dien, Komposition und Produktion von Musik unter wünschenswert. Zugleich zeigt dies ein nach wie vor dem Einfluss von Medien sowie ergänzende Per- bestehendes medienhistoriographisches Deside- spektiven. Insgesamt erwarten den Leser zwan- rat hinsichtlich der Frühgeschichte der akustischen zig Einzelbeiträge, wobei der zweite Teilbereich mit Echtzeitspeicherung. Musik im Radio von Holger acht Beiträgen den stärksten Anteil hat. Jeder Bei- Schramm suggeriert beim Leser so etwas wie eine trag verfügt über ein Literaturverzeichnis, ein Per- kurze Programmgeschichte, wie Musik im Radio ver- sonen- und Sach-Register am Ende runden den ortet ist, welchen Veränderungen und/oder Wech- Band ab. Bedauerlicherweise ist ein differenzierter selwirkungen sie unterlag und unterliegt. Letztlich Zugriff auf die einzelnen Kapitel durch fehlende Un- ist es eine verkürzte und additive Strukturbeschrei- terkapitel im Inhaltsverzeichnis nicht möglich. Gera- bung, die bedauerlicherweise eines systematischen de bei Beiträgen von 30 bis 40 Seiten Umfang ent- Zugriffs entbehrt und die sprunghaft zum Internetra- steht so der Eindruck hermetischer Geschlossenheit, dio wechselt, um sich anschließend der Hörerfor- der dem Grundgedanken des schnellen Zugriffs bei schung zu widmen. Die anschaulichen Kapitel zur einem Handbuch widerspricht. Die nähere Klassi- Musik im Hörspiel (H.-J. Krug) und den Musikfern- fizierung von Musik in den verschiedenen Medien sehsendern (Axel Schmidt, Klaus Neumann-Braun erscheint einleuchtend, die fernere hingegen lässt & Ulla Autenrieth) sind im Wesentlichen Konzentra- eine Herleitung vermissen. Dem vielfach angespro- te zu bestehenden Publikationen und verdeutlichen chenen visuellen Charakter von Musik trägt lediglich in ihren Überblicken, Systematiken und Verweisen der Beitrag von Roland Seim Rechnung, das aller- sehr anschaulich die Grundcharakteristik von Hand- dings umfangreich; andere Autoren verweisen auf buchartikeln. Musik im Internet verdeutlicht eine kon- Visualisierungen resp. Bilder. zeptionelle Schwäche des Handbuchs: innerhalb der Rezensionen 69 verschiedenen ökonomischen Verwertungszusam- interdisziplinären Zusammenspiel von Musikwissen- menhänge von Musik in den Medien taucht immer schaften und Literaturwissenschaften. Über drei sy- wieder das Problem des Urheberrechts auf. Mu- stematisierende Bezugnahmen als Kategorie veran- sik und das Recht wäre als ein notwendiges, eige- schaulicht sie anhand zeitgenössischer Autoren den nes Thema in einem solchen Handbuch zu veran- Zusammenhang und die unterschiedliche Handha- kern gewesen. Da das nicht der Fall ist, erscheint bung von Musik in der Literatur. dieser Komplex nur vereinzelt am Rande, so bei- spielsweise im Beitrag von Golo Föllmer zu Musik Die Kapitel vier und fünf gehen höchst aufschluss- im Internet. Hier gerät die Darstellung von Musik im reich und anregend über den formulierten Anspruch Internet in eine Schräglage, da der rechtliche As- des Bandes hinaus. Denn sie entwickeln spielerisch pekt und die daraus resultierenden innovativen Dis- und stimulierend neue Perspektiven und Fragen der tributions- und Angebotsalternativen in diesem Fall Interkulturalität (P. Imort), der Konvergenz und In- nicht einfach auszublenden sind. Da wäre der He- termedialität (Th. Münch & M. Schuegraf) im Zu- rausgeber stärker gefragt gewesen. Irving Wolther sammenhang von Musik und Medien. Ebenso zei- beschreibt Musikformate im deutschen Fernsehen gen die Beschreibung der veränderten Bedingungen und gibt hierzu einen historischen Überblick mit ei- von Komposition und Produktion unter dem Einfluss ner Klassifizierung nach Musikgenre und Zielgruppe. technischer Medien (A. Schneider) sowie die Einord- Etwas befremdlich liest sich die fehlende Differenzie- nung respektive Diskussion Neuer Musik als medi- rung zwischen dem Fernsehen der BRD und dem der aler Kunst (H. de la Motte-Haber) und die Divergenz DDR, eine Egalisierung die den falschen Eindruck zeitgenössischer Musik- und Klangkunstformen (M. der Gleichwertigkeit beider Mediensysteme erweckt. Saxer) die Relevanz und Notwendigkeit eines sol- Hinzu kommt, dass die referierte Literatur aktuelle chen Handbuchs. Publikationen zum DDR-Fernsehen weder erwähnt noch in die Argumentation integriert (und damit u. Inhaltlich weist das Handbuch allerdings einige Un- U. auch das DFG-Projekt zur Programmgeschichte stimmigkeiten auf, die seine informative Verlässlich- des DDR-Fernsehens ignoriert). Sätze wie »Nach- keit angreifbar machen. Dazu einige Beispiele: Emi- dem allmählich die Quoten bröckeln, sind zumindest le Berliners Todesjahr wird einmal mit 1921 (S. 50) beim ZDF selbst heilige Kühe wie die ‚Lustigen Mu- und einmal mit 1929 (S. 38) angegeben. Das Plat- sikanten‘ nicht mehr tabu« (S. 202) lassen zudem tenlabel Odeon mäandert in der Zugehörigkeit zwi- an einer gewissen Ernsthaftigkeit zweifeln. Einem schen der Londoner Fonotopia (S. 52) und der Carl- in der medienwissenschaftlichen Forschung eher Lindström AG (S. 55), ohne dass für den Leser die randständig bedachten Thema widmet sich sehr in- historischen Gründe klar werden. Auf Seite 92 wird struktiv André Ruschkowski mit Computermusik und die Radionutzung für die deutsche Bevölkerung ne- Kompositionen durch Algorithmen. Eine Weiterfüh- ben »der Anschaffung der damals noch recht teuren rung der in diesem Beitrag nicht weiter berücksichti- Radioempfangsgeräte« als »quasi kostenlos« (ebd.) gen Computer-Musikprogramme für Laien bietet mit geschildert. Die einschlägige Literatur belegt die Ein- Sicherheit Potential. Das Kapitel Musik in nicht-au- führung der Rundfunkgebühren ab 1924, so bspw. ditiven Medien thematisiert den Musikjournalismus durch die SüRAG zwei Reichsmark pro Monat.1 Auf (G. Reus), Musikzeitschriften (T. Krause & St. Weih- Seite 415 erfährt der Diskjockey »eine Neudefinition nacht), Musik in der Literatur (J. Cloot) sowie Plat- [...] als ‚Master of Ceremony‘« und zwar durch die tencover und Konzertplakate (R. Seim). Die Beiträge »Klub-Kultur der House-, Techno- und Elektro-Sze- zum Journalismus und zu den Zeitschriften können ne«. Eine Aussage, die so für sich stehend nur als durchaus komplementär gelesen werden. Eine en- falsch bezeichnet werden kann, denn dieses Kon- gere Verzahnung wäre der Darstellung – insbeson- zept ist deutlich älter und entsteht nicht erst durch dere der historischen – keineswegs abträglich gewe- eine neue Klub-Kultur.2 Auf Seite 459 wird eine Über- sen, sondern hätte die strukturelle Systematik und tragung von der Pariser Oper in die Weltausstellung den rekonstruierten Wandel eindringlicher illustriert. 1881 »auf ein individuelles Paar von Kopfhörern« Denn der Leser wird zwar über Musikzeitschriften (ebd.) gemutmaßt. Die Vermutung liegt in der Formu- recht umfassend informiert, allerdings nicht, wie Mu- lierung begründet, nicht nur, weil hier ein Quellenbe- sik in der Zeitschrift vorkommt. Gerade in einer »Me- leg fehlt, sondern weil es in diesem Jahr einfach kei- diengattung Musikzeitschrift« (S. 329) bietet es sich ne Weltausstellung in Paris gegeben hat. Fehlende an, in Abgrenzung zu Nichtmusikzeitschriften syste- Belege und Kontextualisierungen finden sich an wei- matisch nach den Formen, Möglichkeiten und Verän- derungen der Darstellung von Musik zu fragen. Julia Cloot macht in ihrem Beitrag Musik als literarisches 1 Vgl. bspw. zu den Aspekten der Rundfunkökonomie: Konrad Dussel, 2004: Deutsche Rundfunkgeschichte, 2. Auflage, S. 42 ff. Motiv einerseits und poetologisches Vorbild ande- 2 Vgl. hierzu bspw. Ulf Poschardt 2001: DJ Culture. Diskjockeys und rerseits aus (S. 363). Dabei konstatiert sie Defizite im Popkultur. 2. Auflage 70 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) teren Stellen (bspw. S. 136, S. 153, S. 236, S. 254), Wende da wäre. Meyer argumentiert nachvollziehbar, so dass dadurch ein teilweise unbefriedigender Ein- dass es beim acoustic turn darum geht, »...ins Be- druck entsteht. Erklärungsbedürftig sind z. B. Gen- wusstsein zu rücken, dass jeder dieser ›turns‹ auch rezuweisungen wie Kung Fu (S. 171). Das ‚Gebot‘, eine akustische Dimension impliziert« – die aku- »durch vieles manchem etwas zu bringen« (S. 182) stische Ebene als allgegenwärtige tragende Säule, als Zitat einzig Faulstich & Strobel zuzuordnen, ruft die lange unterbewertet blieb. Der profane Begriff bei der Lektüre doch einige Empörung hervor. Auf der Lücke, des ‚acoustic gap‘, würde vielleicht einen Seite 403 wird – mit einem Verweis auf einen Artikel behutsameren Zugang benennen. Aber natürlich aus dem Handbuch populäre Kultur – von »der Theo- entspringt der Titel auch strategischen Erwägungen, rie der populären Kultur« gesprochen, ohne dass hier mit der streitbaren Marke des ›turns‹ bessere Sicht- der Zusammenhang zwischen der Theorie und dem und Hörbarkeit in Wissenschaft und Kultur zur er- Handbuch, geschweige denn die Theorie oder der reichen. dazugehörige Autor selbst spezifiziert werden. An- schlüsse an vorangegangene Forschungstätigkeiten Seinen Ausgangspunkt nimmt das Buch am dun- zu Musik und Medien und dem Zusammenhang Mu- kelsten Punkt der Lücke: bei Philosophie und Epi- sik – Medien – Kultur kommen in ihrer Ausdifferen- stemologie. R. Murray Schafer trug die Kritik vor zierung insgesamt zu kurz. Verweise zwischen den vier Jahrzehnten kämpferisch in die Welt, Wolfgang Beiträgen aufeinander und eine daraus folgende Welsch und andere führten sie später detailliert aus, engere Bündelung des thematisierten Zusammen- und in den letzten zehn Jahren füllte sie die Einlei- hangs Musik und Medien wären zur Vernetzung der tungen vieler Bücher zur Audiokultur: Gemeint ist Lektüre wünschenswert gewesen, denn so erschei- die Kritik an dem Umstand, dass die westliche Art nen die Beiträge zum Teil additiv. Das mögen im der Erkenntnis über Jahrhunderte hinweg primär vi- Gesamtzusammenhang des umfangreichen Hand- suell fundiert war und letztlich noch immer ist. Da- buchs vielleicht nur Marginalien sein und als Pin- bei, eben das legen die Beiträge dieses Kompendi- geligkeit des Rezensenten gelten, gleichwohl stellt ums aus immer wieder neuer Perspektive dar, besitzt sich die Frage, inwieweit hier über das Ziel hinaus- der auditive Sinn manchen Vorzug vor dem visuellen, geschossen wurde, indem für den unkundigen und ist vor allem zur Erfassung zeitlicher Prozesse bes- gleichwohl interessierten Leser ein in seiner Fülle ser geeignet. nur mühsam zu bewältigendes Opus den Anspruch eines Handbuchs und damit Gültigkeit in Gänze er- So erläutert der Phänomenologe Hermann Schmitz hebt. Der Band bleibt gleichwohl hochinformativ und die Differenz zwischen dem klar begrenzten Kör- lesenswert, auch wenn er dann doch mehr einem per und dem sich im Blick ausdehnenden Leib – Sammelband denn einem Handbuch gerecht wird. was quasi einen leiblich agierenden Blick, aber ein passives, dafür jedoch umso stärker affizier- Thomas Wilke, Halle/Saale bares Hören zur Folge habe. Einige Beiträge be- fassen sich mit Terminologie und Systematik: Flo- rian Dombois erläutert die ‚Sonifikation‘, also das Petra Maria Meyer (Hg.) akustische Pendant zur ‚Visualisierung‘. Ludwig acoustic turn. Fromm schlägt vor, Geräusche in drei Kategorien Wilhelm Fink: München 2008, zu differenzieren, allerdings bleiben diese unscharf 724 Seiten mit 33 Textbeiträgen getrennt. Gertrude Cepl-Kaufmann arbeitet laut- und 2 DVDs als Beilage. poetische Elemente in der literarischen Moderne auf und kommt zu dem Schluss, dass letztlich der Das Buch provoziert die skeptische Frage gleich im Wunsch nach der Befreiung von der einengenden Titel: Akustischen Phänomenen wird in den letzten Schriftlichkeit zu Abstraktion und lautlicher Form Jahren zunehmende Aufmerksamkeit zuteil, aber geführt haben. Gerhard Rühm führt dann aber viele fördert es wirklich die Erkenntnis, gleich von einem Beispiele an, in denen gerade die Sprache ganz ›turn‹, also einem wissenschaftlichen und womöglich explizit nicht nur aus Begriffen, sondern auch aus auch künstlerischen Paradigmenwechsel zu spre- Lauten, Stimmklang, Artikulation, Gestus etc. be- chen? Oder ist es ein »fachpolitischer Schachzug«, steht und in dieser akustischen Vielschichtigkeit der einer »Einzeldisziplin zu neuem Recht« und mög- intuitiv angewendet wird. Petra Meyer fügt den lichst zur Stellung als Leitdisziplin verhelfen soll, wie Begriff der ‚Körperstimme‘ hinzu, der das oft als es die Herausgeberin im Vorwort für den ‚pictorial störend empfundene Körperliche der Stimme be- turn‘ und den ‚performative turn‘ kritisch nahe legt? tont und damit »...Sprache über sich hinaus in die Um es gleich vorweg zu nehmen: Die versammelten Mehrsprachigkeit oder Musikalität« treiben konnte Beiträge rechtfertigen den Begriff. Sie tun dies zwar und auch im Theater, etwa bei Robert Wilson, aku- nicht, indem sie nachweisen, dass die akustische stische Spuren hinterlassen hat. Rezensionen 71 Auch das Radio erhält seinen Platz im Buch – so Die zwei beigelegten DVDs enthalten neben einem etwa das Hörspiel und die Resultate der Digitalisie- Hörspaziergang, der sich als schlichte ‚Waldpoe- rung des Radios bei Andreas Wang, auch wenn hier sie‘ entpuppt, auch äußerst instruktive O-Töne und ‚Medienklischees‘ der 1970er (‚Kommunikations- Stücke von Gerhard Rühm, Frank Corcoran und wahrnehmung‘ verdrängt aus seiner Sicht eine di- Christina Kubisch. Und auch die vier dokumentierten rekte Weltwahrnehmung, und das Auge lässt sich Diplomarbeiten der Muthesius Kunsthochschule ha- angeblich durch die Gewalt der Bilder blenden, wäh- ben besondere Qualitäten. Die faszinierendsten Do- rend das Ohr ungerührt die Selbstbesinnung beför- kumente sind aber die Filme von Robert Cahen, je- dert) den Blick ein wenig einengen. weils mit ‚bande sonore‘ oder ‚conception sonore‘ von Michel Chion. Bild und Musik changieren z.B. Dazwischen berichten Künstlerinnen und Künst- in »Juste le temps« (1983) assoziativ zwischen kon- ler von ihren Arbeitsweisen: Neben Gerhard Rühm kretem und abstraktem Material, zwischen klaren sind dies Frank Corcoran, Robert Cahen und Chri- und subtilen Bild-Ton-Beziehungen sowie zwischen stina Kubisch als Vertreter gegenwärtigen künst- abstrakten und fiktionalen Darstellungskonventi- lerischen Schaffens. Arsenij Avraamov, Pierre onen. Sie reizen geradezu dazu, Chions analytische Schaeffer und Sergej Eisenstein kommentieren Begriffe gleich einmal anzuwenden. in historischen, z.T. erstmals ins Deutsche über- setzten Dokumenten das Verhältnis von Bild und Auf über 700 Seiten und zwei DVDs bietet das Buch Ton. Mit der Bedeutung des Klangs in den Arbeits- philosophiegeschichtlich fundierte theoretische und weisen von Eisenstein, Dziga Vertov und Andrej praxisbezogene Ausarbeitungen zu historischen Tarkowskij befasst sich Hans-Joachim Schlegel und aktuellen Fragen des Verhältnisses von Hören eingehend. Beiträge von Hauke Harder und There- und Sehen in der Musik des 20.Jahrhunderts – in sa Georgen liefern weiterhin Überblicke über kom- klangkünstlerischen Formen, im Film und darüber hi- positorische und klangkünstlerische ‚Schulen‘, die naus. Damit darf es für alle intermedial Interessierten sich durch ein verstärktes Interesse am reinen in den Medien-, Musik-, Kunst- und Kulturwissen- Klang auszeichnen. Von Henry Cowell, John Cage, schaften als unverzichtbares Kompendium gelten. Morton Feldman, Edgard Varèse und Alvin Lucier über Klarenz Barlow, Peter Ablinger und Tom John- Golo Föllmer, Halle/Saale son zu Max Neuhaus, Bill Fontana und Janet Car- diff werden Beispiele gegeben, bei denen Klang den primären Zugang bildet. Martin Zenck treibt Hans-Jürgen Krug diese Analyse auf die Spitze, indem er an Beispie- Kleine Geschichte des Hörspiels. len von John Cage und Dieter Schnebel als eine Konstanz: UVK 2008, 166 Seiten. Voraussetzung des acoustic turn konstatiert: »Mu- 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. sik muss, um da zu sein, keine akustische Gestalt annehmen.« »Das Hörspiel«, so Krug, »ist heute aus dem popu- lären und hörerreichen Radioprogrammen nahezu Neben so manchen ‚Mühen der Ebene‘, die das vollständig verbannt« (S. 7). Und doch setzte der Buch meist stringent, manchmal auch etwas arbi- Hörverlag 2006 mit einem Audio-Book-Angebot an trär oder langatmig entwickelt, hat es in den Beiträ- rund 700 Titeln circa 36 Millionen Euro um (vgl. S. gen von Michel Chion einen Höhepunkt. Denn Chi- 163). Da muss sich irgendetwas getan haben und ons Schlüsse und Begriffe bieten für die Analyse der was das genau ist, stellt Krug in seiner kleinen Ge- vielerorts noch ‚weißen Fläche‘ des Filmsound über- schichte des Hörspiels dar. Auf 170 Seiten fasst er aus hilfreiche Instrumente. Die Tragweite des Um- hochverdichtet die Anfänge der Hörspielkultur in der standes, dass der Tonfilm nach Chion als ‚audio-di- Weimarer Republik und den gesellschaftlichen Fol- visuell‘ charakterisiert werden kann, wird einem erst gezeiträumen bis in die Gegenwart des Hörspiels als bewusst, wenn an Beispielen darlegt wird, wie die Nischenkunst und Wirtschaftsfaktor zusammen. Da- Zeitschichten von Bild und Ton gänzlich verschie- mit konturiert Krug gleich zu Beginn die Problema- dene Momente darstellen können, auch wenn sie tik um den Begriff Hörspiel in seiner theoretischen aus technischer Sicht ‚synchron‘ erscheinen. Im und praktischen Einordnung. Am Ende des kurzwei- zweiten Beitrag dann gelingt Chion ein Ansatz, das lig und hoch informativ zu lesenden Bandes, der ei- Konzept der ‚symbolischen Kamera‘ (und damit wo- gentlich im Titel die Eingrenzung auf Deutschland möglich auch der Kadrierung) zwar nicht auf das Mi- mit führen sollte, finden sich ein Literaturverzeich- krofon, wohl aber auf ein ‚implizites Ohr‘ zu übertra- nis und ein Namens- sowie Personenregister. Krug gen, von dem er zwölf Typen unterscheidet, die den geht in seiner Hörspielgeschichte zwar chronolo- auditiven Zugang zu charakteristischen Filmszenari- gisch vor, setzt allerdings die Zäsuren nicht zwangs- en treffend beschreiben. läufig historisch, sondern streng inhaltlich am Ge- 72 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) genstand. So gibt es ein Kapitel Zwischen Radio und Theateruraufführungen zu senden. Letztlich sugge- Kultur (1923-1929), eines zu literarischen Blütezeiten riert der Titel »Kleine Geschichte des Hörspiels« die (1929-1968), im weiteren Literatur oder Akustik (1968 erwartungsfrohe Hoffnung, dass so etwas wie die – 1985), Kultur und Unterhaltung (1985–2000) und »Große Geschichte« noch folgen wird, eben auch schließlich Digitale Entgrenzungen (2000–2008). durch das konkrete Benennen von bestehenden Lü- Das birgt seinen eigenen Reiz, da es Krug ermögli- cken in der Hörspielgeschichte. cht, inhaltliche und personelle Linien zu beschreiben, die partiell die gesellschaftlich auftretenden Restrik- Thomas Wilke, Halle/Saale tionen und Ansprüche des Marktes ignorieren kön- nen. Dadurch wird ein systematischer Zugriff über die zeitliche Einordnung hinaus erschwert, denn die Christoph Jacke Genreausdifferenzierung bleibt in der Chronologie Einführung in Populäre Musik und Medien. verhaftet. Berlin: LIT Verlag 2009, 326 Seiten. Der Band zeigt einerseits sehr anschaulich die Ge- Um es vorweg zu nehmen: Dieser Einführungsband nese des Hörspiels zum Marken- und Marktprodukt hat einen guten Groove, denn man geht aus der Lek- und andererseits zum auditiven Kunstgenre – in sei- türe beschwingt heraus – und das nicht nur, weil er ner analogen und digitalen Entfaltung – in den letzten sich mit populärer Musik beschäftigt. Auf 260 Sei- achtzig Jahren. Damit folgt die Hörspielgeschichte ten erhält der Leser einen aktuellen, umfassenden programmatisch weitestgehend – wenn auch aus- und systematischen Einblick in Themenfelder, For- differenzierter und umfangreicher – dem Vorgehen schungsdesiderate und programmatische Perspek- der ersten Auflage. Die einzelnen Kapitel themati- tiven populärer Musik und Medien. Neben einer sieren die unterschiedlichen Produktionstechniken, umfangreichen Literaturliste gibt es noch einen nütz- personellen Einflüsse, programmgeschichtliche lichen Serviceteil mit weiterführender Literatur, ei- Vorgaben und damit letztlich auch die ästhetischen ner Auswahl an thematisch ausgerichteten Fachzeit- Rahmungen und Bedingungen der jeweiligen Zeit- schriften/Publikationsreihen, Fachgesellschaften abschnitte. Weiterhin beschreibt Krug die Regiona- und Forschungszentren sowie eine Übersicht inter- lisierungen respektive regionalen Einflüsse auf das nationaler fachverwandter Studiengänge. Christoph Hörspiel, die durch die Struktur des Rundfunks in Jacke, Professor für Theorie, Ästhetik und Geschich- Deutschland möglich waren, sowie die temporär te der Populären Musik an der Universität Paderborn, wechselnde Einbindung und schließlich nachhaltige ist ein energischer, emphatischer und engagierter Integration von Schriftstellern in den Schaffenspro- Befürworter popkultureller Fragestellungen und de- zess der Hörspiele. Krug, als ausgewiesener Ken- ren nachhaltige Integration in die Fachdisziplinen ner der Materie (vergleiche hierzu unter anderem Musik- und Medienwissenschaft. So ist beispiels- die CD-Produktion zur Hörspielgeschichte Äther- weise die Rede von »Popkulturwissenschaft mit dem dramen, WDR 2004, ebenso der instruktive Beitrag Nukleus Popmusikwissenschaft (S. 258). Das mäan- zur Musik im Hörspiel im Handbuch Musik und Me- dern zwischen Profession und Leidenschaft – er ar- dien, hrsg. von Holger Schramm, 2009), gelingt es beitet auch als Popmusikjournalist – sieht Jacke in so, Entwicklungslinien, Tendenzen und Perspekti- der kritischen Reflexion produktiv und macht dies in ven des Hörspiels entsprechend ihrer Komplexität dem Zur-Sprache-bringen auch transparent. anschaulich darzustellen. Der vorliegende Band, als Start einer Reihe »Popu- Eine Übersicht über die vergebenen Preise Bundes läre Kultur und Medien« angelegt, versteht sich als der Kriegsblinden und ihre Zuordnung zu den ein- »ein umherschweifender Streifzug, ein Flanieren, ein zelnen Radiostationen, wäre am Ende hilfreich ge- Wildern, ja ein Gehen« im Sinne Michel de Certaus wesen, da dieser Zusammenhang oft erwähnt wird, (S.13) und Jacke möchte hiermit eine Diskussions- ebenso die Kontextualisierung hinsichtlich der jewei- und Forschungsgrundlage (S. 260) vorlegen. Somit ligen Bedeutung des Preises für weitere Hörspiel- werden ganz unterschiedliche Themenbereiche in Produktionen. Der insgesamt äußerst knappen Dar- ihrer Komplexität nicht nur angesprochen und ange- stellung fallen einige Zusammenhänge zum Opfer, rissen, sondern in ihren Zusammenhängen systema- bei denen sich der Rezensent etwas mehr Raum tisiert, an theoretische Überlegungen rückgebunden und damit Klärung erhofft hat, beispielsweise bei der und programmatisch weiterentwickelt. Unter ande- Darstellung der Hörspielsituation in der DDR – diese rem sind dies: gegenwärtige Strömungen der Pop- macht beispielsweise in der Gesamtdarstellung nur musikforschung mit entsprechenden namentlichen knapp zwei Seiten aus – oder wie es der Deutsch- Zuordnungen, Pop als Begriff und Konzept, Musik, landfunk schaffte, Heiner Müllers letztes Stück Ger- Medien, Kultur, Vergesellschaftung, Konsum, Digi- mania 3 ein Jahr nach seinem Tod noch vor den talisierung, Gedächtnis, Wissenschaft, Gedächtnis, Rezensionen 73 Erinnern, Popjournalismus, Bewegtbilder und Mu- durch erhält der Band nicht nur eine eigene Ein- sikclips, Stars, Kritik und Medienkritik sowie Unter- ordnung der umfangreichen Forschungstätigkeit haltung. Allein diese nominelle Aufzählung der un- Jackes, sondern zugleich eine verdichtete Darstel- tersuchten Gegenstände zeigt in ihrer Bündelung lung und Kontextualisierung vormals als vereinzelt die Fülle und Komplexität des Phänomens und er- wahrgenommener Problemfelder. Dies, die breite in- klärt auch ansatzweise die Motivation Jackes für haltliche Vernetzung sowie deren Anbindung an ei- eine zwingende wissenschaftliche Auseinanderset- nen hochaktuellen Forschungsstand bekommen der zung mit Pop und Medien in unserer Gesellschaft. Einführung ungemein – gerade für Leser, die sich Das macht Christoph Jacke in Form eines eingangs noch nicht so intensiv mit dem Zusammenhang Po- formulierten Sieben-Punkte-Forderungskatalogs puläre Musik und Medien beschäftigt haben. überzeugend deutlich, nämlich: Behutsame Empi- risierung, Internationalisierung, Institutionalisierung, Thomas Wilke, Halle/Saale Praxisorientierung, Technologisierung/Medialisie- rung, Emotionalisierung/Involvement sowie Trans- disziplinierung (S.34–37). Der Schwerpunkt des Ein- Jörg-Uwe Nieland führungsbandes umfasst die Populäre Musik, ihre Pop und Politik. Medialität und ihre kulturelle Verortung. Im Gegen- Politische Popkultur und Kulturpolitik satz zum kürzlich erschienenen Handbuch Musik in der Mediengesellschaft und Medien (vgl. hierzu die Rezension im gleichen Köln: Herbert von Halem 2009, 471 Seiten. Heft) forciert Christoph Jacke ganz selbstverständ- lich unter anderem die notwendige Begriffsdiskus- Gleich vorweg kann man in der Bewertung von sion von Medien, Musik. Die partiell auftauchenden Jörg-Uwe Nielands nunmehr veröffentlichter Dis- Dopplungen auf theoretischer Ebene sind der Dar- sertationsschrift »Pop und Politik« an der Universi- stellung in keinster Weise abträglich, da sich durch tät Duisburg-Essen einen seufzenden Durchatmer divergierende Perspektiven eben auch unterschied- vernehmen. Denn grundlegende, ausführliche und liche Themendimensionen in der differenzierten Ver- umfassende Analysen der wechselseitigen, wech- wendung beispielsweise des Medienkompaktbe- selwirksamen und zunehmenden Zusammenhänge griffs ergeben (so für den Zusammenhang von Pop, von Pop und Politik konnte man in den deutschspra- Musik und Medien S. 63 f., für Popjournalismus S. chigen Gesellschafts- und Geisteswissenschaften 125 f., für Videoclips S. 138 ff. und für Medienkritik bisher nicht finden. Nun liegen sie vor. Sicherlich gab S. 243 f.). Erst durch derartiges Kenntlichmachen es bis dato immer wieder konkrete Fallanalysen be- ergeben sich auch weiterführende Fragestellungen, stimmter Phänomene wie etwa popmusikalische Re- wie Jacke auch präzise darlegt. Um Modi von Kom- aktionen auf die Terroranschläge vom 11. September munikation, Medialisierung und Kommerzialisierung 2001 oder Überlegungen über das Politische an Bob an »Popkulturellen Orten« (S. 205) aus medien- und Dylan. Ebenso sind einige wegweisende Studien zu kommunikationswissenschaftlicher Perspektive zu den um Pop und Politik herum rankenden Kontexten veranschaulichen, exemplifiziert Jacke diese anhand von Medien und Politik zu konstatieren. Nur selten al- des Musikclubs (S. 209 f.) und des Fußballstadions lerdings gibt es dabei konkrete Bezugnahmen zu Po- (S. 216 f.) als so genannte »popkulturelle Dritte Orte« litik und Medienkultur im Sinne von Popkultur, wie sie (S. 208). Beide werden systematisch erfasst, indem etwa der amerikanische Medienkulturwissenschaft- verschiedene funktionelle Ebenen einen differen- ler Douglas Kellner versteht oder zum Metaprozess zierten Beschreibungszugang ermöglichen. In sei- Medialisierung im Sinne des Kommunikationswis- ner Eindringlichkeit nahezu bestechend, formuliert senschaftlers Friedrich Krotz. Verdienstvoll sind hier Jacke in seinem Kapiteln zur Kritik, Unterhaltung und zudem vor allem die politikwissenschaftlichen An- Medienkritik mit einem aktualisierenden Rückgriff sätze von Andreas Dörner und Thomas Meyer, die auf Günther Anders und Theodor Adorno eine Kritik Jörg-Uwe Nieland in seinem opulenten Buch auch der (Medien-)Kritik. Hier kommt er nachvollziehbar als Referenzen laufend verwendet. zu dem Schluss, dass sich durch die »Ausdifferen- zierung« und »Reflexivierung« sowohl des Medien- Nieland ist selbst Politikwissenschaftler, zeichnet systems als auch der Popkultur eine effektive Kritik sich aber durch zahlreiche Publikationen, vor allem verkompliziere (S. 243 ff.). Einen Ausweg sieht er in- in Sammelbänden, aus, die vermeintliche Gren- teressanterweise unter anderem bei McLuhan. zen von Disziplinen wie etwa Politik-, Kommunika- tions-, Kultur-, Medien- und Musikwissenschaft per- Das vorliegende Kompendium ist zum überwie- manent und erfreulich respektlos überschreiten. Im genden Teil eine Kompilation aus bereits veröffent- vorliegenden Band geht es Nieland gleichzeitig ab- lichten heterogenen Beiträgen, die eine gründliche strakt und grundlegend sowie konkret und an zeithi- Überarbeitung und Aktualisierung erfuhren. Da- storischen Phänomenen und Strukturen arbeitend 74 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) um die »Durchdringung der Gesellschaft, der Poli- der Cultural Studies, was deren Affinität zu Popkul- tik und des Alltags durch die Popkultur« (S. 17). Da- turen geschuldet sein dürfte). Die Studie durchzu- bei weist Popkultur wieder einmal seismographisch arbeiten ist sicherlich nicht immer ein Lesevergnü- auf umfassendere, gesamtgesellschaftliche Wand- gen, aber das kann man bei derart vielen Ver- und lungen und damit zusammenhängende Probleme Hinweisen sowie zahlreichen zeithistorischen Bei- hin: »Wir erleben nicht nur das Verschmelzen von spielen kaum vermeiden und dem Autor nicht anla- Technologien, die Konvergenz der Inhalte, sondern sten. Nieland hat hier endlich ein sicherlich zukünf- auch Konzentrationsprozesse. Die gesellschaft- tiges Standardwerk vorgelegt, welches sich in den lichen Folgen der Vermachtung sind bislang kaum genannten Disziplinen und hoffentlich auch in den bestimmt – von einer (medien)politischen Bewälti- Regalen manch eines Popkultur-Akteurs, Kulturpo- gung ganz zu schweigen.« (S. 17) Dazu arbeitet sich litikers und Pädagogen wiederfinden wird. Da seien Nieland an zwei Hauptfeldern ab: »[…] zum einen ei- Nieland auch arge Fehler wie die Titulierung von ner Untersuchung der politischen Popkultur und zum Bothos Strauß‘ legendärem, konservativen Manifest Zweiten der neuen Kulturpolitik unter der rot-grünen als »Blockgesang« (S. 382) anstelle des original an- Bundesregierung (insbesondere der ‚Bundes-Pop- schwellenden Bocksgesangs und die offensichtliche kultur-Politik‘).« (S. 29) Der Duisburger Politikwis- Verwechselung von Jacques Derrida und Gilles De- senschaftler entwirft entlang der geläufigen politik- leuze verziehen, wenn er von an Derrida angelehnten analytischen Kategorien Polity (Strukturen), Politics poptheoretischen Konzepten zum »Übergang in die (Prozesse, Akteure) und Policy (Inhalte) ein Modell Kontrollgesellschaft« (S. 380) etwa durch Mark Ter- zum Verhältnis von Popkultur und Politik und wendet kessidis und Tom Holert spricht. es an, gestützt auf Dokumentenanalysen (Bundes- tagsdrucksachen), Experteninterviews (»politische Ob nun auf Ansätze wie »Pop Culture Governance« Popkünstler«, S. 107) und eine Befragung von Bun- (S. 383) oder die Cultural Studies rekurrierend, ent- destagsabgeordneten aus dem Jahr 1999. Dieses scheidend bleibt eine durch Nieland in der Entwick- lässt Nieland resümierend dann in den Schlussfolge- lung belegte kulturpolitische Mentalitätsverände- rungen inklusive acht zentraler Befunde nachschei- rung seitens politischer Institutionen und Akteure: nen. »Förderung von Kultur wird weniger als Subventi- on, sondern als Investition begriffen.« (S. 383). Nie- Gespannt sein darf man aktuell gewissermaßen auf lands wichtige Studie wird letztendlich mit Sicher- die Fortsetzung dieser »Bundes-Pop-Politik« (S. 19) heit dazu beitragen. unter Schwarz-Gelb und inwiefern die auch laut Nie- Christoph Jacke, Paderborn land nicht immer nur gelungenen ersten Versuche politischer Förderungen und Forderungen an Pop durch Rot-Grün weitergeführt, um- oder gar abge- Angela Schorr baut werden: »Die Äußerungen politischer (Pop-) Jugendmedienforschung. Künstler, die in der vorliegenden Arbeit präsentiert Forschungsprogramm, Synopse, Perspektiven wurden, deuten eine Stärkung des Polpop [politi- Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften sierte und politisierende Popkultur im Sinne von Nie- 2009, 444 Seiten. land, James Combs und John Street, Anm. C.J.] in der Bundesrepublik an. Um die ‚Belastbarkeit‘ bzw. »Kindheit und Jugend – da wächst man raus! Wa- Tragweite dieser Indizien zu testen, ist es notwendig, rum also grundlegend forschen?« (S. 3) Angela zukünftig andere Akteure und Beteiligungsformen in Schorr bietet mit ihrem Reader zur Jugendmedi- den Blick zu nehmen.« (S. 378). enforschung, der sich explizit an Studierende und junge WissenschaftlerInnen richtet, eine gute Ant- Dass ein (erneutes) Lektorieren des Textes so wort auf diese Frage. Der Band lebt dabei von sei- manch einen Flüchtigkeitsfehler und fehlenden Ein- ner klaren Struktur: Er präsentiert jeweils einen Ori- trag im Literaturverzeichnis vermieden hätte, ist eine ginaltext aus fünf aktuellen, international bekannten dem Rezensenten aus eigener Erfahrung bekann- Forschungsprogrammen (Anderson, Zillmann, Jo- te Binsenweisheit, die dennoch wieder einmal ge- hansson-Smaragdi, Bonfadelli und Livingstone), die nannt sein soll, um zu verhindern, dass die Verlage zusätzlich durch ein einführendes Kapitel der He- (denn die, nicht die vor Abgabe eines Skripts ‚be- rausgeberin vorgestellt werden. Hier beschreibt An- triebserblindeten‘ Autoren, sind hier gefragt) noch gela Schorr ausführlich das jeweilige theoretische weiter in Richtung Druckerei und weg vom Anspruch Konzept und die empirischen Methoden, weist auf guter, fehlerfreier Publikationen gehen. Darüber hi- Stärken und Schwächen hin und gibt auch biogra- naus ist Nielands Arbeit ein längst überfälliger Stein- phische Informationen zum Werdegang der fünf For- bruch voller Literaturhinweise (weit mehr als 1000!) scherInnen. Jeder Text enthält zudem einen kurzen auch aus dem Angloamerikanischen (hier oftmals Abstract der Herausgeberin als Orientierungshilfe Rezensionen 75 sowie Lernfragen und Leseempfehlungen, die den Perspektive zur visuellen Aufmerksamkeit von Kin- didaktischen Anspruch des Bandes unterstreichen. dern und Jugendlichen beim Fernsehen. Begann An- Zwei eigene Texte der Herausgeberin zu aktuellen derson seine Studien mit Labor-Experimenten, ent- Themen der Jugendmedienforschung (Online-Sucht schloss er sich später, den sozialen Kontext stärker und gute Medienkommunikation) runden den Band einzubeziehen und führte deshalb Videoaufzeich- ab. nungen des Fernsehens in der Familie durch und analysierte diese. Die von Anderson und Kollegen Jugendmedienforschung steht heute vor zwei He- selbst vorgestellte Studie beschäftigt sich mit den rausforderungen: der Schnelllebigkeit des For- langfristigen Auswirkungen der Fernsehnutzung von schungsfeldes (Jugendliche verändern sich ent- Vorschulkindern auf deren (schulische) Verhaltens- wicklungsbedingt und neue Medien kommen weisen im Jugendalter. So zeigten beispielsweise hinzu) und der normativen Perspektive auf das For- Jugendliche, die während der Vorschulzeit viele In- schungsfeld (bedingt durch die öffentliche Diskus- formationsprogramme gesehen hatten, später deut- sion, in der die Gefahren der Medien für Kinder und lich bessere Leistungen in der Schule. Der soziale Jugendlichen, beispielweise durch die Nutzung ge- Kontext der Jugendlichen spielte bei dieser Studie walthaltiger Computerspiele oder Online-Sucht, als Einflussfaktor keine Rolle. Es liegt aber die Ver- dominieren). Die fünf im Band präsentierten For- mutung nahe, dass dieser sowohl für die frühe Nut- schungsprogramme geben auf sehr unterschied- zung von Informationsprogrammen verantwortlich liche Weise eine Antwort auf die Frage, was gute sein könnte, als auch für den späteren Schulerfolg. Jugendmedienforschung ausmacht und wie sie mit Erkenntnisse aus dieser Forschung, nutzten Ander- diesen beiden Herausforderungen umgeht. Es ist son und seine Kollegen Anfang der 1990er dann ein Verdienst des Buches, die Gemeinsamkeit im auch dazu, gemeinsam mit Nickelodeon ein Fern- Unterschiedlichen deutlich zu machen. Arbeiten alle sehformat für Vorschulkinder zu entwickeln (Blue’s fünf mit sehr unterschiedlichen Methoden (vom La- Clue). bor-Experiment bis zur quantitativen Panel-Befra- gung), sind sie sich doch in ihrem Anspruch einig: Der zweite vorgestellte Forscher, Dolf Zillmann, be- Nur durch theoriegeleitete empirische Forschung ist schäftigte sich dagegen weniger mit den kognitiven, es möglich, zu verstehen, wie Kinder und Jugend- sondern mit den emotionalen und motivationalen liche Medien nutzen und welche Wirkungen diese Wirkungen von Medien. Angela Schorrs Einfüh- Medien auf Kinder und Jugendliche haben. Gleich- rung stellt seine Forschungen zu Humor und Medi- zeitig ist nur so auch Kontinuität in der Forschung ennutzung vor, während der Originaltext Musik und zu erreichen (vgl. S. 7). Auf Grundlage dieser Er- Emotionsmanagement abhandelt. Zwei zentrale Er- gebnisse können dann pädagogische Maßnahmen kenntnisse seiner Untersuchungen seien kurz ange- entwickelt werden, die Kinder und Jugendlichen bei deutet: Humor gehört zum einen zu den Top Ten-Fä- der Mediennutzung und der Sozialisation unterstüt- higkeiten eines guten Dozenten. Nimmt der Dozent/ zen – einen Anspruch, den alle fünf Forschungspro- die Dozentin sich selbst ‚auf die Schippe‘, wird dies gramme teilen. Einen ähnlich medienkritischen Blick beispielweise besonders von Studierenden des glei- wie in der öffentlichen Diskussion haben die fünf chen Geschlechts geschätzt (vgl. S. 76). Zum ande- Forscher dabei explizit nicht – Bonfadelli, Johans- ren macht Dolf Zillmann darauf aufmerksam, dass son-Smaragdi und Livingstone gehen sogar eher die Rolle der Emotionen und der Emotionsintensi- von aktiven, die Inhalte kritisch rezipierenden Ju- tät stärker beachtet werden sollte, wenn untersucht gendlichen aus. Angela Schorr beurteilt es dagegen wird, was Jugendliche zur Mediennutzung motiviert. als Schwäche der Jugendmedienforschung, dass diese sich im Vorfeld mit den Werten auseinander- Auf eher langfristige Wirkungen zielen die Panel-Stu- setzt, die in der Gesellschaft über bestimmte Medi- dien von Ulla Johansson-Smaragdi (der der Band en und deren Nutzung diskutiert werden (vgl. S. 431). im Übrigen auch gewidmet ist). Beide Texte zum Dies widerspricht der Haltung der fünf vorgestellten schwedischen Media Panel Programm zeigen auf ForscherInnen, die darin eine notwendige Voraus- eindrucksvolle Weise, wie wichtig langfristig ange- setzung sehen, weil diese Werte auch den Umgang legte Panel-Studien für die Jugendmedienforschung der Jugendlichen und der Eltern mit diesen Medi- sind. Nur so kann der Einfluss der Mediennutzung en bestimmen. auf die Entwicklung der Jugendlichen adäquat erho- ben werden. Neben den methodisch interessanten Neben diesem übergreifenden Blick auf das For- Erkenntnissen, belegen die schwedischen For- schungsfeld bietet der Band auch in jedem der fünf schungen die funktionale Reorganisation der Medi- vorgestellten Forschungsprogramme interessante en im Jugendalter: Der Stellenwert einzelner Medien Anhaltspunkte. Der Band beginnt mit Daniel R. An- verändert sich beispielsweise erheblich, je älter die dersons Arbeiten aus kognitionspsychologischer Kinder und Jugendlichen werden. 76 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) Der Schweizer Heinz Bonfadelli widmet sich in sei- mehr durchaus recht gewesen, aber denkt man an ner Forschung der Sozialisationsperspektive und die Zielgruppe des Bandes, scheint die Zuspitzung führte regelmäßig quantitative Befragungen zur Me- durchaus gerechtfertigt. diennutzung von Jugendlichen durch. Für ihn sind die Entwicklungsaufgaben der Kinder zentrale Er- Der Band besticht durch die Systematisierung: Eine klärungsfaktoren für die individuell unterschiedliche doppelseitige Übersicht stellt dar, welche Aspekte Mediennutzung von Jugendlichen und er fordert ver- der Mikroanalyse (Bildebene mit Mise-en-Scène stärkt Multi-Methoden-Designs. und Schnitt/ Montage sowie Tonebene – weiter aus- differenziert) wie auch der Makroanalyse (filmisches Eine Mischung aus qualitativen und quantitativen Erzählen wieder in drei Ebenen aufgegliedert). Eine Designs nutzt auch Sonia Livingstone. Ihr Schwer- sehr gute Systematisierung, die allerdings im We- punkt liegt auf dem Zusammenspiel von Angebot sentlichen, wie die Autorin auch angibt, bereits bei und NutzerInnen. Sonia Livingstone sieht Kinder und Kamp/ Rüsel 1998 abgedruckt war. Jugendliche in der Tradition der Semiotik als aktive Interpreten der Medieninhalte. Sie untersucht in neu- Der Einstieg in die Mise-en-Scène (A.1) wird mit dem eren Studien vor allem die Internetpraktiken der Kin- Bildinhalt (A.1.1) gemacht. Ausstattung, Personen der und Jugendlichen im Alltag und fragt danach, und Umgebung werden dann in den folgenden Un- wie ein neues Medium Teil der Familieninfrastruk- terpunkten (A.1.1.1 usw.) knapp erläutert, wobei sich tur wird – wie also (familiäre, alltägliche) Routinen im die Autorin auf in den kurzen Passagen dazu ent- Umgang mit einem Medium entstehen. scheidet längere Blockzitate quasi als Definitionen zu nutzen, was nicht völlig überzeugen kann. Der Kurz: Wer sich für Jugendmedienforschung interes- letzte Punkt des Kapitels beschäftigt sich mit der siert, bekommt mit diesem Band nicht nur einen gu- Schrift und ist deutlich sorgfältiger ausgearbeitet. ten Überblick, sondern auch vielfältige Anregungen Bilder illustrieren und erläutern die im Text benann- für neue Forschungsprojekte. ten Fakten. Abschließend, wie bei jedem Unterpunkt, finden sich Aufgaben zum Verständnis. Gerade in Senta Pfaff-Rüdiger, München diesem Bereich ist die Vorgehensweise (vor allem pädagogisch) überzeugend: Die Aufgaben beginnen in der Regel mit der Aufforderung einen Filmaus- Alice Bienk schnitt auf der beigelegten DVD zu schauen. Daran Filmsprache: Einführung schließen sich mehrere Fragen an, die sich auf das in die interaktive Filmanalyse. eben im Kapitel Besprochene beziehen. Im zwei- Marburg: Schüren Verlag 2008, ten Teil des Buches werden Lösungen bereitgestellt, 128 Seiten (220 mit Lösungen) die auch versuchen interpretative Freiräume auszu- und DVD, 2. verbesserte Auflage. loten und nicht immer eine einzige Möglichkeit favo- risieren. Der Band, der nun schon in kurzer Zeit in einer zweiten Auflage erschienen ist, wurde bisher an Besonders gelungen ist das Kapitel Bildgestal- Hochschulen und in Fachzeitschriften nur wenig tung (A 1.2), hier werden eindeutig, gut verständ- wahrgenommen. Alice Bienk zielt auf ein eher me- lich und wieder mit zahlreichen Abbildungen die dienpädagogisch interessiertes Publikum: Struktur wesentlichen Dinge von Cadrage über Kamerabe- wie auch Aufmachung deuten darauf hin, dass be- wegungen und -perspektiven aber auch Licht und sonders Lehrerinnen und Lehrer angesprochen wer- Farbe besprochen. Beim letzten Punkt – der Far- den sollen. Der hochwertige Band über die Sprache be – jedoch hat sich die Autorin aus Sicht des Re- des Films ist mit zahlreichen Illustrationen versehen, zensenten einen unverzeihlichen Faux Pas erlaubt: die das Geschriebene veranschaulichen. Darüber hi- Die Verkürzung auf eine Tabellenübersicht ist schon naus ist eine DVD mit vielen Beispielen beigefügt. schwer verkraftbar. Die angegebene einzige Quelle Das Buch wird eingeleitet durch einen knappen Wikipedia macht tatsächlich ärgerlich. Die Tonebe- 16seitigen Text, der die theoretische Verortung er- ne im zweiten Hauptteil B wird dann auch deutlich klärt und auf die Mehrebenenproblematik der Analy- zu kurz und ein wenig zu simplifizierend dargelegt, se (Mikro-, Meso-, Makroebene) hinweist. Die Auto- was auf nur sieben Seiten sicher nicht vermeidbar ist. rin schließt sich Mikos‘ Konzeption an und erweitert Ähnlich knapp auf etwas mehr als 20 Seiten werden sie in einigen Bereichen durch Rückgriff auf die üb- dann filmische Erzählformen erläutert, hier ist der lichen Adressen Gast, Hickethier, Faulstich. Die- Band deutlich schwächer als im Teil zur Bildebene, se Einleitung überzeugt und ordnet das Folgende liefert aber doch die wichtigsten Informationen in ei- recht kursorisch aber gut in den theoretischen Dis- ner leicht verständlichen Aufarbeitung, die sich aller- kurs ein. Dem Rezensenten wären ein paar Seiten dings häufig auf die (zu) lange Nacherzählung und Rezensionen 77 Erläuterung von Beispielen beschränkt. Das letzte nicht ganz so vernichtend aus. Die knappe Darstel- Kapitel widmet sich auf nur zwei Seiten dem Filmzi- lung wird dann vielleicht sogar nötig: Wünschens- tat. Eröffnet wird der Abschnitt mit dem eher unpas- wert wäre dennoch, dass alle Kapitel in der Qualität senden Beispiel einer Anspielung von Verona Pooth des erwähnten zur Bildgestaltung entwickelt würden. auf Titel von Sendungen, die sie einst moderierte: Durch die weitgehend überzeugende Gestaltung der Dafür nimmt sich die Autorin mehr Zeit als für die Aufgaben und die angeregte Bearbeitung von Film- knappen filmisch interessanteren und passenderen beispielen, kann man den Band sicher im Schulun- Beispiele. Auf der beigelegten DVD können auch terricht gut einsetzten. Allerdings hätten Autorin und nicht alle Beispiele als Filmzitate überzeugen. Verlag bei der Herstellung der DVD mehr Sorgfalt walten lassen sollen – neben denen von Steinmetz Vor einem Urteil über den soweit inhaltlich durch- et al. wirkt sie geradezu ‚gebastelt‘. aus durchwachsenen Band, gilt es aber noch sein eigentliches Anliegen zu prüfen und sich mit den in Sascha Trültzsch, Salzburg den Kapiteln gestellten Aufgaben zu beschäftigen. Diese sind nämlich durchaus gelungen und fragen die wichtigsten Punkte, die vermittelt wurden jeweils Michael Grisko ab. Für SchülerInnen ist das Material also durch- Heinrich Mann und der Film. aus gut geeignet. Neben Aufgaben die vermitteltes (=Kontext. Beiträge zur Geschichte Wissen abfragen, gibt es auch solche, die dann tat- der deutschsprachigen Literatur, Band 5) sächlich partiell als interaktiv (so im Untertitel des München: Martin Meidenbauer 2008, Bandes) bezeichnet werden können. Man wird auf- 451 Seiten. gefordert einen Ausschnitt auf der DVD zu schauen und zu analysieren. Die Lösungen werden, wie be- Die vorgelegte Arbeit ist das begrüßenswerte Ergeb- reits erwähnt, im Band geliefert und nehmen sehr nis wohl begründeter Forschungsfragen, intensiver genau noch einmal Bezug auf die wesentlichen Ele- Archiv- und Analysearbeiten, großer Materialfülle mente der Filmsprache. Als mediendidaktisches Ma- (primär und sekundär), breiter medienhistorischer terial ist der Band durchaus geeignet und sogar zu Kenntnisse, einlässlichen Bedenkens, ausgewo- empfehlen, da er keine großen Vorkenntnisse fordert genen Urteilens, einsichtiger Präsentationsent- und die Bearbeitung in pädagogischen Zusammen- scheidungen sowie sprachlich-darstellerischen Ver- hängen ermöglicht. mögens (hier irritieren allerdings eine beträchtliche Anzahl vor allem von kontextuell freilich stets erles- Die beigelegte DVD kann nicht mit dem wegwei- baren Wortwucherungen – bspw. »nichternücillusi- senden Zweier-Set von Rüdiger Steinmetz et al. onsfreie« statt »nicht illusionsfreie«, S. 23 – , die ihre konkurrieren – vor allem ist sie handwerklich nicht Existenz wohl außer Kontrolle geratenen Formatie- sorgfältig erstellt. Titeleinblendungen finden sich nur rungsbefehlen und einer unzureichenden Schluss- vereinzelt und die Ausschnitte sind nicht gut zuge- redaktion verdanken). Der Verfasser schreibt sich schnitten. Manche sind nur wenige Sekunden (ge- in eine Forschungstradition ein, die man ihren An- rade bei A 1.1) an anderen Stellen hätte man sich fangsjahren nach beispielsweise mit Helmut Kreu- prägnantere gewünscht (vor allem bei Anschluss- zers (Hg.) Literaturwissenschaft – Medienwissen- fehlern). Die Auswahl der Filme bedient sich nicht al- schaft (Heidelberg 1977) oder mit Heinz. B. Hellers lein der Klassiker, sondern stellt auch ganz aktuelle Literarische Intelligenz und der Film (Tübingen 1985) Beispiele vor (z.B. Spiderman 3 2007 oder Sin City in Verbindung bringen kann und die für die ersten 2005). Was natürlich der Nutzung in der Arbeit mit Dezennien des 20. Jahrhunderts nach dem Verhält- Schülerinnen und Schülern entgegenkommt. nis von literarisch und/ oder publizistisch agierender Intelligenz und dem Film fragt. Wie die genannten Für bereits medienanalytisch gebildete Leser, bietet Werke in übergreifender Hinsicht, hat auch Griskos der Band wenig Neues und Erbauliches – ja für sol- Einzelstudie das Zeug zum Standardwerk, da es – zu ches Publikum ist er manchmal sogar ärgerlich. Von einer Reihe anderer Autoren liegen bereits entspre- der Lektüre muss man solchen Leserinnen und Le- chende Studien vor – auf umfassende und vorbild- sern wohl eher abraten. Denen sei der gerade sorg- liche Art und Weise die betreffende bisherige Hein- fältig überarbeitetet vorgelegte Band zur Film- und rich-Mann-Forschung in thematischer, materialer, Fernsehanalyse von Lothar Mikos empfohlen. struktureller und methodischer Hinsicht beträchtlich überschreitet. Das »literaturwissenschaftliche Ver- Wenn man den Band aber gar nicht nach solchen ständnis intermedialer Konstellationen von Literatur Gesichtspunkten beurteilt, sondern sich auf sein und Film« (S. 16), so der Verfasser zu Recht, dürfe Anliegen ein medienpädagogisches bzw. -didak- sich auch bei H. Mann nicht wie bisher auf Litera- tisches Arbeitsbuch zu sein, dann fällt das Urteil turverfilmungen beschränken, zumal diese Konstel- 78 Rundfunk und Geschichte 3–4 (2009) lationen »als eine wichtige Dimension [...] das ge- fiktionalen Texten diskutiert der engagierte Verfech- samte Leben und Werk (S. 17) Heinrich Manns mit ter der Republik Heinrich Mann den Film und dessen bestimmten. Vielmehr müsse auch hier »die Frage vielfältige Verknüpfungen mit anderen Kultur- und nach der Position des Autors im Zeitalter des ‚Ver- Medienbereichen nicht nur unter ästhetischen Ge- öffentlichungspluralismus‘ [A. Kaes] und dessen es- sichtspunkten, sondern anhand von Stichworten wie sayistische und in Vereinen und Verbänden gelei- »Masse«, »Wirkung« und »Zensur« vor allem auch stete Aktivität berücksichtigt« werden. Zudem gelte in ökonomischer, politischer und gesellschaftlicher es, »den ästhetischen Veränderungen der Texte un- Hinsicht. Der Skepsis, die er dem von ihm als unre- ter dem Einfluss des Films (und seiner Marktkon- alistisch, gefühlig oder national-reaktionär und da- kurrenz) ebenso Rechnung zu tragen wie der Mo- mit als politisch problematisch beurteilten zeitgenös- tivforschung.« (S. 16) Von daher berücksichtigt der sischen Film dabei entgegenbringt, versucht er Ende Verfasser in seiner aus guten Gründen einem »bi- der zwanziger Jahre durch seine Mitarbeit im ausgie- ographisch-chronologischen Prinzip« folgenden big dargestellten »Volksfilm-Verband e.V.« zu begeg- Darstellung und seinen durch die »Frage nach der nen. Doch ist sein (vom Buch her bereits bekanntes) ästhetischen Intermedialität« verbundenen Argu- Konzept einer »,Vergeistigung‘ der Gesellschaft« mit- mentationen nicht nur »sämtliche essayistischen und tels des Films und unter der »,geistigen Autorität‘ des literarischen Zeugnisse zum Film und de[n] benach- Intellektuellen« (S. 426) hier nicht lange gefragt. Als barten Phänomene[n]« (S. 17); am Beispiel des als Filmkritiker, -programmatiker und -politiker nimmt H. »Travestie des Medienzeitalters« beurteilten Romans Mann somit über die gesamte Weimarer Republik »Die große Sache« (1930) zeigt er auch die von mas- hinweg eine höchst umstrittene Stellung auf einem senpädagogischen Erwägungen Heinrich Manns ge- sich zusehends politisierenden und polarisierenden leiteten Einflussnahmen des Films auf dessen buch- Terrain ein. Das wird auch an der auf 70 Seiten ein- literarische Produktion auf, nämlich: Analyse und lässlich geschilderten Produktions- und Rezeptions- Kritik filmischer Darstellungstechniken mittels deren geschichte von Josef von Sternbergs »Der blaue En- »Imitation und Adaption«, Übernahme filmischer Dis- gel« (1930) deutlich. Versucht einerseits die UFA die positive und Prinzipien sowie von Themen des Feuil- Distanz zum populären Heinrich Mann so groß wie letons, Anlage des Textes als »eine Form des meta- eben ratsam zu gestalten, spielt andererseits für den narrativen Programmromans«. (S. 428) überragenden Erfolg des Films dessen entpolitisie- rende Adaptionspraxis keine Rolle. Schon kurz nach der Jahrhundertwende erkennt der dem Kino als solchem leidenschaftslos gegenüber In den Jahren des Exils (die Zeit in Frankreich kann stehende Heinrich Mann die außerordentliche äs- in diesem Zusammenhang vernachlässigt werden) thetische, kulturelle und politische Bedeutung des ist der Film für Heinrich Mann zunächst – und letzt- Films (vgl. »Professor Unrat«). Aber erst 1914, im lich vor allem – die lebensrettende »,Eintrittskarte‘ Kontext der späten Autorenfilmbewegung, versucht nach Amerika« (S. 21). Als Angestellter bei Warner er mit dem von einschlägigen medienspezifischen Bros. fertigt er zwar drei Drehbuch-Exposés an, Kenntnissen zeugenden, doch dramaturgisch unzu- doch »kann und will [er] sich nicht auf die Produk- reichenden und von daher nicht realisierten Film- tionsmechanismen [...] Hollywoods einlassen.« Das exposé »Der Unbekannte« (auf der Grundlage sei- wird an dem von Grisko auch als »Abgesang auf ein ner Novelle »Die Tote«) ins Geschehen einzugreifen. Medium« gelesenen Exposé »Das blinde Schicksal« Dieser praktische Versuch wird auffälligerweise aber deutlich, einer »ironischen Filmfarce, die sämtliche weder un- noch mittelbar von theoretisch oder kri- ästhetischen Strategien des Hollywoodfilms ad ab- tisch angelegten publizistischen Arbeiten begleitet. surdum« (S. 429) führt. Die Hochzeit seiner intellektuellen und praktischen Heinrich Manns letzter Kontakt mit dem Film stellt Auseinandersetzung mit dem Film fällt allerdings in Wolfgang Staudtes »Untertan« (1951) dar, dessen die Zeit der »zunehmend medial verfassten und be- Premiere er freilich nicht mehr erlebte. Wie beim stimmten Gesellschaft« (S. 425) der Weimarer Re- »Blauen Engel«, steht auch hier die auf 100 (z. T. publik, die eine »signifikante Ausdifferenzierung« der aufschlussreich bebilderten) Seiten entfaltete Pro- »prosperierende[n] Kinokultur« (S. 18) mit einschlä- duktions- und die Rezeptionsgeschichte im Zentrum gigen Konsequenzen für mediale Subsysteme wie von Darstellung und Analyse. Hinsichtlich der Pro- das Buch bzw. den Büchermarkt sowie weitere fol- duktionsgeschichte kann Grisko zweierlei zeigen: genreiche politische, soziale, kulturelle und mentale Der Film ist »Teil einer kulturpolitischen Gesamtstra- Veränderungen bringt. Folglich wird diesem Zeitraum tegie der DDR-Führung [...], mit dem Ziel, den Autor mit 220 informationsdichten Seiten auch mehr als Heinrich Mann, dessen Reputation und Ruf als kul- die Hälfte der Studie (Kapitel 3–5) gewidmet. In Es- turpolitische Legitimation und kulturgeschichtliches says, tagesaktuellen Beiträgen sowie in literarisch- Fundament der noch jungen DDR zu gewinnen.« Rezensionen 79 Staudte als Regisseur geht es seinerseits darum, in einer partiell enthistorisierenden Lesart »Macht als Erscheinungsform« (S. 430) der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schlechthin ins Bild zu setzen und sich dabei politisch keinem der beiden deutschen Teilstaaten anzudienen. Hinsichtlich der Rezeptions- geschichte stellt Grisko heraus, dass der Film als ein »plastisches Beispiel für die Formen und Folgen des Kalten Krieges« (S. 22) maßgeblich die Rezep- tion Heinrich Manns in der DDR und in der BRD be- stimmt hat. Günter Helmes, Flensburg