Editorial Theo Hug, Günther Pallaver Immer öfter kommuniziert Software mit und für uns. Bots übernehmen oft unbemerkt komplexe Aufgaben und virtuelle Assistenzen verarbeiten die gesprochene Sprache. Die Technologieentwicklung gestattet uns mittlerweile, die Dienste von digitalen, oftmals sprachbasierten Assistenzsystemen in unseren Alltag zu integrieren. Besonders im Bereich der politischen Propaganda und Public Relations sind Social Bots seit einiger Zeit zu zwei- felhafter Berühmtheit gelangt. Eingesetzt als Instrument zur Meinungsmache verbreiten sie automatisiert Nachrichten in sogenannten „sozialen“ Netzwerken. Der interdisziplinär ausgerichtete Band befasst sich mit dieser Thematik und sucht nach Antworten auf Fragen wie die folgenden: Wie können wir die Interaktion mit künstlichen Intelligenzen von jener mit Menschen unterscheiden? Inwieweit ist das wichtig? Was bedeutet diese Entwicklung für das Alltagsleben und für den Bereich der Kommunikation? Welche Bedeutung hat der verbreitete Einsatz von Bots als neue Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine? Diese und ähnliche Fragestellungen standen im Wintersemester 2017/18 im Zentrum des Medientags 2017 und der Ringvorlesung mit Übungscharakter „Mit Computer kommuni- zieren: Gesprächsroboter und Social Bots im Diskurs.“ Sowohl der Medientag zum Thema „Talk with the Bots. Die Maschine versteht dich“ als auch die Ringvorlesung wurden vom interfakultären Forschungsforum Innsbruck Media Studies in Kooperation mit unseren Veranstaltungspartnern, der Moser Holding AG und der Austria Presse Agentur an der Universität Innsbruck durchgeführt. Wenn hier von „Bots“ die Rede ist, dann ist damit nicht eine saloppe Ausdrucksform für alle Arten von Robotern gemeint – von den großen Industrierobotern über Mähroboter für den Garten, Staubsaugerroboter und Kochroboter bis zu den programmierbaren Nanoma- schinen, für die Jean-Pierre Sauvage, Fraser Stoddart und Bernard Feringa 2016 den Che- mie-Nobelpreis erhalten haben. Im Zentrum der Überlegungen stehen hier Social Bots – also jene Programme, die in „sozialen“ Netzwerken menschliche Nutzer simulieren – und Chatbots als text- und sprachbasierte Dialogsysteme, die häufig in Verbindung mit Avata- ren benutzt werden. Chatbots gibt es durchaus schon länger – einer der ersten Chatbots war ELIZA (Joseph Weizenbaum, 1966) – inspiriert von psychotherapeutischem Kommunikationsgeschehen. Wer in den 60er und 70erJahren an der Universität Innsbruck Psychologie studiert hatte, konnte eine analoge Version bei Prof. Ivo Kohler ausprobieren. Solche Systeme werden heute auch als virtuelle persönliche Assistenten bezeichnet – man- cherorts wird auch von „virtuellen Butlern“ oder „digitalen Sklaven“ gesprochen. Die Konnotationen solcher Ausdrucksformen machen schnell deutlich, dass hier medien-, maschinen-, informations- und technikethische Fragen eine große Rolle spielen. 8 Theo Hug, Günther Pallaver In der Softwareindustrie ist allerdings seit einiger Zeit von einem Paradigmenwechsel die Rede, von „Messaging“ als neuer Plattform und „Bots“ als den neuen Apps, von neuen Entwicklungsumgebungen und Geschäftsmodellen, sowie von neuen Nutzungsmöglich- keiten für EndanwenderInnen und neuen Werbestrategien. Es geht bei der Themenstellung des Sammelbandes jedoch nicht in erster Linie um die Erweiterung von Handlungsspiel- räumen für Unternehmen im digitalen Kapitalismus und deren Grenzen – es geht um viele verschiedene Lebensbereiche sowie Ebenen der Modellierung und Reflexion und nicht zuletzt um wissenschaftliche Sondierungen in einem Forschungsbereich, der erst in den Anfängen steckt. Der vorliegende Band führt theoretische und anwendungsorientierte Beiträge dieser beiden Veranstaltungen zusammen, ergänzt durch einen abschließenden Beitrag von Claudia Paganini aus dem Kreis des Forums Innsbruck Media Studies. Nach den Grußworten von Tilmann Märk, Rektor der Leopold-Franzens-Universität Inns- bruck, Hermann Petz, CEO der Moser Holding und Clemens Pig, CEO der APA, eröffnet Timo Kaerlein den Band mit dem Beitrag Social Bots und die Formalisierung von Soziali- tät auf Online-Plattformen. Dass das Verhalten von Bots als soziale Dimension wahrge- nommen werden kann, ist primär Ausdruck eines Prozesses der Formalisierung von Sozia- lität. Der Beitrag führt diesen Prozess auf die Urszene der Mensch-Maschine-Kommunika- tion zurück, auf den erstmals 1950 vorgeschlagenen Turingtest, der als Gradmesser der In- telligenz eines Computerprogramms dienen sollte. Um linguistische Perspektiven Zur sprachlichen Interaktion mit Chatbots geht es im Bei- trag von Netaya Lotze. Sie diskutiert dabei eine völlig neue kommunikative Situation, da artifizielle Systeme mit natürlichsprachlichem Interface den Anschein menschlicher KommunikationspartnerInnen erwecken. Der Maschinen- und Informationsethiker Oliver Bendel geht in seinem Beitrag Chatbots als Artefakte der Maschinenethik der Frage nach, ob und wie Maschinen ethisch agieren können. Dabei legt er dar, welche Potenziale und welche Vor- bzw. Nachteile die Umset- zung dieser Artefakte in der Maschinenethik und darüber hinaus hat. Der Beitrag von Thorsten Büchner und Imke Troltenier zu Sprachassistenzsysteme. Exper- tise Blinder und Sehbehinderter stellt exemplarisch dar, wie Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung Informationen aufnehmen und in welcher Art und Weise Sprachassistenz dabei auf vielfältige Weise unterstützen kann. Andrea Knaut setzt sich mit der Frage Können Künstliche Neuronale Netzwerke denken? auseinander. Künstliche Neuronale Netzwerke sind dabei nur eines von verschiedenen Modellparadigmen, auf das die Computerlinguistik und die Informatik-Disziplin Künstli- che Intelligenz zurückgreifen. Inzwischen werden in bestimmten Kontexten auch im sprachlichen Bereich menschliche Fähigkeiten übertroffen oder ergänzen sie. Aber denken sie damit schon? Editorial 9 Rainer Leschkes weist in seinem Beitrag Subjektlose Verantwortung – Zur Ethik autono- mer Systeme darauf hin, dass sowohl Maschinen als auch Software nicht selten die Eigen- schaften von Subjekten zugebilligt werden. Damit würden sie über all die Eigenschaften verfügen, die die Subjektphilosophie seit der europäischen Aufklärung dem Menschen zuzubilligen bereit war. Den Band schließt der Beitrag Können Chatbots lügen? von Claudia Paganini. Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, werden verschiedene Merkmale der Lüge herausgear- beitet: Dabei zeigt sich trotz einzelner Einschränkungen, dass es durchaus angemessen ist, von lügenden Chatbots zu sprechen. Sowohl die Veranstaltungsorganisation als auch die Herausgabe des Sammelwerkes waren ein kollaboratives Unterfangen, für das wir in mehrfacher Hinsicht zu danken haben: Ganz besonders danken wir unseren beiden Veranstaltungspartnern, der Moser Holding AG – insbesondere Herrn Mag. Hermann Petz, und der Austria Presse Agentur, Herrn Dr. Clemens Pig, für ihre Unterstützung, und Frau Mag. Lisa Berger-Rudisch, Frau Barbara Rauchwarter, Herrn Patricio Hetfleisch und Herrn Mag. (FH) Norbert Adlassnigg für die sehr anregende und konstruktive Zusammenarbeit, Frau Ulrike Pfeiffenberger und Herrn Marco Hermann für die umsichtige Organisation sowie allen Helfern und Helferinnen am Ort für die technische Betreuung, Herrn Georg Laich vom ORF für die Moderation der Podiumsdiskussion, Frau Martina Posch und Frau Jennifer Wachter für die studentische Mitarbeit bei der Ring-Vorlesung sowie den MitarbeiterInnen vom Büro für Öffentlich- keitsarbeit und Kulturservice für die gute Zusammenarbeit. Die Publikation wäre ohne die finanzielle Unterstützung des Vizerektorats für Forschung der Universität Innsbruck sowie der beiden Veranstaltungspartner nicht möglich gewesen. Zu danken haben wir weiters Thomas Walli für die Layout-Unterstützung sowie Dr. Birgit Holzner und Carmen Drols- hagen von innsbruck university press für die verlegerische Betreuung. Innsbruck, im Juli 2018 Theo Hug & Günther Pallaver