Andre Eckardt IM DIENST DER WERBUNG Die Boehner-Film 1926-1967 genen Babelsberg Andre Eckardt Im Dienst der Werbung Die Boehner-Film 1926 - 1967 Filmblatt-Schriften Beiträge zur Filmgeschichte Herausgegeben von Günter Agde, Jeanpaul Goergen, Michael Wedel Band ? Andre Eckardt Im Dienst der Werbung Die Boehner-Film 1926 - 1967 Babelsberg Berlin-Brandenburgisches Centrum für Filmforschung e.V. Filmblatt-Schriften Beiträge zur Filmgeschichte Band 2 Andre Eckardt Im Dienst der Werbung. Die Boehner-Film 1926 - 1967 Herausgegeben mit freundlicher Unterstützung durch = Hreistaat Sachsen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst Eu Zu SE Ze Zu Zu Ze Zu DIAF Fu: | Deutsches HAUS DES DOKUMENTARFILMS Institut Europäisches Medienforum Stuttgart für Animations- film Umschlagentwurf:Andre Schmidt, Dresden Layout: Jeanpaul Goergen Redaktion: Ralf Forster ISSN 1610-4048 ISBN 3-936774-01-3 Copyright © 2004 CineGraph Babelsberg Berlin-Brandenburgisches Centrum für Filmforschung e.V. D-10965 Berlin, Großbeerenstraße 56d www,filmblatt.de Alle Rechte vorbehalten. Inhalt Vorwort [8] I. Die Boehner-Film 1926 -1967: Porträt eines Werbefilmunternehmens [I 1] 2.Aspekte einer Firmengeschichte [21] 2.1. „Mehr Anerkennung!“ - Fritz Boehners Engagement für den Werbefilm [21] Die Jahresschau Deutscher Arbeit Dresden [28] - Interessenidentitäten während der NS-Zeit [31] 2.2.Arbeitsorganisation [34] Personalpolitik [34] — Auftragsakquisition [39] — Filmproduktion [40] — Distribution [43] 2.3. Filmtechnische Entwicklungen [47] Farbfilm [48] — Tonfilm [50] — Raumfilm [53] 3.Vier Jahrzehnte Filmarbeit [58] 3.1.Aufstieg durch Vielfalt [58] Dresden-Film [59] — Industriefilm [60] — Zwischen Werbung und Wissensvermitt- lung [63] - Produktwerbung [66] 3.2.Im Zeichen des Erfolgs [70] Kurzwerbefilm [70] — Industriekulturfilm [73] — Reisekulturfilm [77] — Lehrfilm [78] 3.3. Filmaufgaben in Kriegszeiten [81] Sparappelle [81] — Im Dienst der Militärs [84] — Deutsche Kultur und deutsche Sitten [87] 3.4. Ein zweiter Anfang [91] Nostalgie und Neugestaltung [94] - Im Tempo der neuen Zeit [98] Anhang I: Feste und freie Mitarbeiter der Boehner-Film [103] Anhang Il: Bestandsnachweis Benutzerkopien [I 11] Quellen- und Literaturverzeichnis [146] Filmregister [152] Bildnachweis [157] Vorwort Die vorliegende Arbeit zur Boehner-Film unternimmt erstmalig den Versuch, die Firmenbiographie eines mittelständischen Werbefilmunternehmens nach- zuzeichnen. Von 1926 bis 1967 erledigte die Firma als Auftragsarbeiten Wer- befilme, Industriefilme, Lehrfilme, Kulturfilme - Formen und Genres, die bis- her in der Filmforschung nur am Rande behandelt wurden und die hier so- wohl im Kontext der Firmenstrategie als auch im großen filmwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmen analysiert werden. Der Werbekaufmann Fritz Boehner, der die Firma 1926 in Dresden gründete und nach Kriegsende in Erlangen und Hamburg weiterführte, produzierte preis- wert und in großem Umfang. Das Ergebnis waren stets handwerklich solide Fil- me, die zum Teil durch künstlerisch bemerkenswerte Lösungen auffielen. Einend bei einem sehr breiten Produktionsspektrum war die Bestimmung zur Werbung. Zum Kundenkreis der Boehner-Film gehörten bedeutende Wirtschaftsunter- nehmen sowie öffentliche und staatliche Stellen; bis 1945 war sie der führen- de Werbefilmhersteller Mitteldeutschlands. Maßgeblichen Anteil an diesem Aufstieg hatte Fritz Boehners Vermittlertätigkeit zwischen der Werbebranche, der auftraggebenden Wirtschaft und der Politik. Als Gremienmitglied führen- der filmwirtschaftlicher Organisationen war er stets bemüht, das Werbfilmwe- sen zu harmonisieren, aber durchaus auch zu kontrollieren. Die von technischen und ästhetischen Entwicklungen des Films und von ge- sellschaftlichen Prozessen stetig erzwungene Neuorientierung, die außeror- dentliche Produktionsvielfalt sowie ein Ausstoß von vermutlich mehr als 2.000 Filmen gestalten die Geschichte der Firma und ihre Filmproduktion zu einem komplexen und reizvollen Forschungsgegenstand. Die Entwicklung der Firma und ihrer Filmarbeit werden hier im Kontext der deutschen Filmwirtschaft vor- gestellt, Detailfragen zu einzelnen Themenkomplexen jedoch hauptsächlich aus firmenbiographischer Sicht untersucht. Die Arbeit, die sich zudem als Beitrag zur Erforschung der Filmgeschichte der Stadt Dresden versteht, ist wie folgt ge- gliedert. Das erste Kapitel fasst die zentralen Daten und Fakten der Firmenge- schichte zusammen. Kapitel zwei widmet sich Einzelaspekten wie Fritz Boeh- ners Profilierungsstrategien, die innerbetriebliche Arbeitsorganisation sowie die filmtechnischen Entwicklungen. Kapitel drei benennt inhaltliche und gestalte- rische Entwicklungstendenzen in der Filmproduktion. Zur Quellenlage: Ein Großteil der Geschäftsunterlagen ging durch die Zerstö- rung des Zentralbüros der Boehner-Film beim Luftangriff auf Dresden am 13. Februar 1945 verloren. In geringerem Umfang fanden sich Hinweise in den Archivakten zur Umwandlung der Boehner-Film in das DEFA-Studio Produkti- on Sachsen sowie in Handelsregisterunterlagen. Veröffentlichungen von Fritz Boehner in Fachblättern des Werbewesens sowie Kritiken zu einzelnen Boeh- ner-Filmen erlauben es zumindest in Ansätzen, die Sichtweise des Firmenin- habers und Aspekte der zeitgenössischen Rezeption der Filme herauszuarbei- ten. Weiterhin bilden die Erinnerungen ehemaliger Mitarbeiter eine wichtige, allerdings auch immer kritisch zu reflektierende Quelle. An Arbeiten zur Boehner-Film liegen bisher der Eintrag in „CineGraph. Lexi- kon zum deutschsprachigen Film” (2002) vor, ferner ein längeres Interview mit dem Boehner-Kameramann Fritz Lehmann im CameraMagazin (2002) so- wie - zu Boehners Zeit in Erlangen - von Ulfilas Meyer „Vergessene Filmstadt Erlangen“ (1996). In ihren Arbeiten zum deutschen Werbefilm gehen Günter Agde („Flimmernde Versprechen. Geschichte des deutschen Werbefilms im Kino seit 1897”, 1998) und Ralf Forster („Der Werbefilm im Nationalsozialis- mus”, Dissertationsschrift, 2003) auch auf Boehner Werbekurzfilme ein. Die Darstellung zur Filmproduktion basiert auf der Auswertung der Zensurkar- ten der Filmprüfstelle und teilweise der Karten der Freiwilligen Selbstkontrolle. Wichtige Grundlage bildete zudem die Erfassung der Daten der Zensurlisten bis 1945 in der Datenbank Deutsche Filmographie II des Kinemathekenverbundes. Weiterhin konnten Filmkataloge und Protokolle der Filmbewertungsstelle Wies- baden herangezogen und Filmsichtungen am Schneidetisch vorgenommen wer- den. Ein vergleichsweise großer Filmstock der Boehner-Film ist erhalten geblie- ben. Mit der Auflösung des firmeneigenen Filmarchivs auf dem Studiogelände in Dresden-Gorbitz zu Beginn der fünfziger Jahre kamen zahlreiche Kopien ins Staatliche Filmarchiv der DDR von wo sie 1990 ins Bundesarchiv-Filmarchiv ge- langten. Zahlreiche Lehrfilme der Boehner-Film sind in Medienzentren überlie- fert. Viele der Filme befinden sich noch in der Erschließung, von anderen lie- gen noch keine Benutzerkopien vor. Der Anhang I listet die derzeit in deut- schen Archiven benutzbaren Boehner-Filme auf. Diese Arbeit wurde von der DEFA-Stiftung gefördert. Für Hinweise und die hilfreiche Unterstützung möchte ich mich bedanken bei: Ines Belger, Hans-Michael Bock, Peter Forster, Jeanpaul Goergen, Thomas Grabe, Kay Hoffmann, Karlheinz Hofmann, Frank Kunkel, Julika Kuschke, Fritz Lehmann, Kirsten Lehmann, Michael Müller, Gerd Scholz, Sabine Schol- ze, Ines Seifert, Monika Teschner, Lydia Wiehring; einen besonderen Dank an Ralf Forster für zahlreiche Anregungen und die geduldige Unterstützung, au- Rerdem bei: Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, Bundesarchiv-Filmarchiv Ber- lin, CineGraph Babelsberg Berlin, CineGraph Hamburg, DEFA-Stiftung Berlin, Deutsches Filminstitut - DIF Frankfurt am Main / Wiesbaden, Filmbewer- tungsstelle Wiesbaden, Filmmuseum Potsdam, Hochschulbibliothek der Hoch- schule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf” Potsdam-Babelsberg, Medienar- chiv des Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung (Landesme- dienzentrum) Hamburg, Puppentheatersammlung Radebeul, Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden, Staatsarchiv Hamburg, Stadtarchiv der Landes- hauptstadt Dresden. 10 Il. Die Boehner-Film 1926 -1967: Porträt eines Werbefilmunternehmens Der Erlanger Kaufmann Fritz Boehner! gründet am 15. Januar 1926 in Dres- den die Firma „Boehner-Reklame und Film - Fritz Boehner”. Die Handelsregis- tereintragung (HRA 3438) beim Amtsgericht Dresden erfolgt am 17. Septem- ber 1926. Firmensitz ist ein Büroraum im Erdgeschoss auf der Bürgerwiese 23, am Rande des Geschäftszentrums der sächsischen Metropole. Das Büro fun- giert gleichzeitig als Geschäftsstelle der Ortsgruppe Dresden des Verbandes Deutscher Reklamefachleute (VDR) und als Sitz der von Fritz Boehner geleite- ten Filmstellen der Jahresschau Deutscher Arbeit Dresden, des Verbandes Sächsischer Industrieller und der Sächsischen Einzelhandelsgemeinschaft. Die breit entwickelte Markenartikel-Industrie im Dresdner Raum weckt frühzeitig das Interesse von Werbeschaffenden. Bereits 1913 gründet sich in der Elbestadt eine Ortsgruppe des Verbandes Deutscher Reklamefachleute, de- ren Vorsitz Fritz Boehner an der Seite von Hans Seidel 1924 übernimmt? Dresden behauptet zu diesem Zeitpunkt mit den Ernemann Werken und der im Oktober 1925 gegründeten Zeiss Ikon AG zwar eine führende Stellung in der fotografischen Industrie Deutschlands, ist aber keine ausgewiesene Film- stadt. Der Werbebereich wird vor allem durch druckgrafische Betriebe abge- deckt.” Es gibt nur eine kleine Anzahl von Filmherstellern in Dresden, welche sich allen Formen des Films mit Ausnahme des Spielfilms widmen. Die größe- ren von ihnen sind C. A. Linke, Carl Fink, Wiehr-Film und Wolfgang Filzin- ger.* Zu diesen, gegenüber der Boehner-Film bald konkurrenzlos kleinen Her- stellerfirmen bestand nach Aussagen ehemaliger Mitarbeiter kein Kontakt in der Filmarbeit. Bedeutsam für den wirtschaftlichen Aufbau der Boehner-Film sind Fritz Boehners Tätigkeiten für die oben genannten Filmstellen. Bis Mitte 1929 kann sich die Firma so vor allem als Hersteller von Kultur- und Industriefil- men mit werbendem Charakter profilieren. Dokumentarische Bildberichte, Stadt- und Landschaftsfilme und Filme über industrielle Fertigungsprozesse haben dabei das Land Sachsen und Dresden als Fokus. Im Reklamebereich ' Biografische Angaben siehe Anhang |. * Seidel, Hans: Die Entwicklung der Ortsgruppe Dresden. In: Fritz Boehner, Ders. (Hg,}: Den Mitgliedern des Verbandes Deutscher Reklamefachleute zur Generalversammlung vom I1. bis I4. September 1925 in Dresden. Dresden: Ortsgruppe Dresden des VDR 1925, 5. 10. ? Bertelsson, Alexander: Die künstlerische Reklame in Dresden. In: Ders., Wolfgang Jess (Hg.): Dresdner Kunstbuch 1927. Dresden: Wolfgang Jess 1927, 5.137 f. * Literaturhinweis zur Filmgeschichte Dresdens: Borchert, Christian u. Gehrisch, Peter: Dresden — Flug in die Vergangenheit. Bilder aus Dokumentarfilmen 1910-1949. Dresden, Basel:Verlag der Kunst 1993, tritt die Boehner-Film vorrangig mit der Herstellung und Einschaltung von Diapositiven für die Kinowerbung in Erscheinung. Kurzwerbefilme produziert sie zunächst nur in geringem Maße. Großes Interesse zeigt sie an filmtechni- schen Neuentwicklungen. Obwohl die Boehner-Film in ihrer gesamten Beste- hensgeschichte nie selbst neue filmtechnische Verfahren hervorbringt, prä- sentiert sie schon in ihren Gründerjahren solche gern in Kooperation mit den Innovatoren erstmalig der Öffentlichkeit. 1926 stellt die Firma einen Farbfilm über die Jubiläums-Gartenbauausstellung Dresden vor, der auf dem Horst-Ver- fahren basiert.’ 1928 zeigt die Boehner-Film auf der Jahresschau „Die Tech- nische Stadt” ein Tonfilmprogramm, das nach dem Breusing-Verfahren funk- tioniert.® Mit dem Jahr 1929 tritt ein rasanter Anstieg in der Produktion von Kurz- werbefilmen bei der Boehner-Film ein. Der Kreis der Auftraggeber für diese Kinowerbespots rekrutiert sich fast ausnahmslos aus dem Dresdner Einzelhan- del, insbesondere sind dies Mode- und Möbelhäuser, Genussmittelläden und Anbieter von Markenartikeln. Ein wichtiges wirtschaftliches Standbein der Firma bildet die Übernahme der Einschaltung der Werbefilme in den sächsi- schen Lichtspielhäusern. Neben der filmischen Reklame werden weiterhin in großem Umfang Kultur- und Industriefilme produziert, die in Einzelfällen Spielfilmlänge erreichen. Die Auftraggeber hierfür kommen aus ganz Deutschland und sind namhafte Unternehmen wie z.B. die Volksfürsorge-Versicherungen, das Schiffsreise-Un- ternehmen Hamburg-Amerika-Linie, die deutsche Shell-Tochter Rhenania- Ossag und die Reichsbahnzentrale für den deutschen Fremdenverkehr. Lehr- filmproduktionen ergänzen das Repertoire. Gegenüber dem NS-Regime nimmt der Betrieb in der Filmarbeit eine affirmative Haltung ein. In den Filmen ab 1933 manifestieren sich verstärkt völkische Ideen und Vorstellungen nationa- len Gemeinsinns und wirtschaftlicher Autarkie. Die Boehner-Film, die ausschließlich Auftragsproduktionen anfertigt, steigt in den dreißiger Jahren zum deutschlandweit anerkannten Werbe- und Kul- turfilmhersteller auf. Der Akquisitionsbereich wird durch Außenvertretungen in Berlin, Hamburg und Düsseldorf weiter ausgedehnt und die Kundenbetreu- ung vor Ort verbessert.” Pressewirksame Uraufführungen im Rahmen von Ma- tineeveranstaltungen in Berlin und Hamburg erhöhen den Bekanntheitsgrad des Dresdner Filmbetriebes innerhalb und außerhalb der Fachkreise. Ein Hö- > Ein dreifarbiges Spreizverfahren mit Strahlenteilerkamera; siehe Kapitel 2.3. ° Ein Nadeltonfilmsystem; siehe Kapite! 2.3. ” Nach Angaben von Firmenbriefköpfen der Boehner-Film und von Reichskino-Adressbü- chern existieren die Büros in Berlin, Friedrichstraße |3, und Hamburg, Jungfernstieg 44, ab 1934 und das Büro in Düsseldorf, Kühlwetter Straße 6, ab 1939. Offenbar existiert 1927 auch ein Boehner-Film-Atelier in Berlin (Selbstanzeige. In: Die Reklame, 2. Juniheft, 1927, 5.414). 12 hepunkt ist die Präsentation des ersten deutschen stereoskopischen Tonfilms Zum GREIFEN naH! im Berliner Ufa-Palast am Zoo am 5. Dezember 1937.? Die stark anwachsende Produktion macht Umzüge und Vergrößerungen der Geschäftsräume notwendig. 1930 zieht die Firma zur Bürgerwiese 20 und 1932 zum Bismarckplatz 8. Das alte Büro auf der Bürgerwiese 23 bleibt als technische Abteilung bestehen. Entscheidend ist ein Standortwechsel Anfang 1938. Das Zentralbüro befin- det sich von diesem Zeitpunkt an auf der Reitbahnstraße in der miteinander verbundenen IV. Etage der Häuser Nummer 37 und 39. Dort untergebracht sind die Betriebsführung, die Werbeabteilung, Verwaltungssekretariate, eine Werkstatt, ein Archiv sowie ein Vorführraum für die Demonstration und Film- abnahme. Die Boehner-Film ist nun im Dresdner Geschäftszentrum in unmit- telbarer Nachbarschaft von Hotels, Dienstleistungsgeschäften und Handelsbü- os vertreten. Im Erdgeschoss des Hauses Nummer 39 befindet sich zudem das Filmtheater Prinzeß, das mit rund 700 Plätzen der Boehner-Film über Jahre hinweg als primärer Veranstaltungsort für eigene Uraufführungen und Mati- neevorstellungen dient. Eine einschneidende Veränderung für die Filmproduktion bedeutet der Er- werb des ehemaligen Ausflugslokals und Ballhauses „Zum Reichsschmied” am westlichen Stadtrand in Ober-Gorbitz. Das um 1905 gebaute Gebäude mit dem dazugehörigen 5.300 Quadratmeter großen Grundstück auf der Kesselsdorfer Straße 208 kauft Fritz Boehner 1937 für rund 40.000 Reichsmark.’ Er legt damit den Grundstein für ein eigenes Filmgelände, das von Freiflächen und Bauland umgeben und somit erweiterungsfähig ist. Die Umgebung bietet sich für landschaftlich dominierte Außenaufnahmen an. Bis zu diesem Zeitpunkt diente eine der Ausstellungshallen der Jahresschau am Stübelplatz als Auf- nahmeatelier. Mit der Einrichtung des aufzubauenden Filmstudios wird der Kameramann Fritz Lehmann'° betraut. Der Ausbau des neuerworbenen Gebäu- des und Geländes zum technischen Betrieb findet von Ende 1938 bis Anfang 1939 statt - ein Ereignis, das auch in der Dresdner Tagespresse mit einem halbseitigen Artikel unter der unbescheidenen Überschrift „Haltestelle: Auf- nahmegelände” Beachtung findet: „Der Boehner-Film zieht um! - Die wenig- sten können sich vorstellen, was das bedeutet; denn sie kennen [ihn] nur von dem Werbefilm her. [...] Der Boehner-Film, der 1926 übrigens in einem einzigen Raum auf der Bürgerwiese anfing, hat heute so gut eigene Vorführ-, Cutter-, Synchronisationsräume und ein eigenes Aufnahmegelände vonnöten wie eine Spielfilmgesellschaft."”' ® Der Film basiert auf dem Raumfilmverfahren; siehe Kapitel 2.3. Film-Credits: s. Anhang Il, Zensur/FSK/Jahr: 6.12.1937, 5. 127. ° Angabe noch nicht verifiziert. 0 Biografische Angaben siehe Anhang |. '' Ch. B: Haltestelle: Aufnahmegelände. In: Der Freiheitskampf, Nr. 22, 22.1.1939, 5.13. 13 Der sehr geräumige Ballsaal im Hauptgebäude des früheren Lokals wird zum Aufnahmeatelier A umfunktioniert. Ebenfalls im Hauptgebäude befinden sich ein Trickfilmstudio, Verwaltungsbüros und eine Kantine. Ein rückseitiger An- bau beherbergt das kleinere Atelier B, in dessen angrenzenden Raumzellen einzelne filmtechnische Abteilungen, wie z.B. ein Werbegrafikatelier und Studiowerkstätten, untergebracht sind. An der Westseite des Grundstücks liegt eine langgezogene Baracke mit vier Schneideräumen sowie einem Vorführkino an der südlichen Stirnseite. Die Schnittabteilung wird mit einem Steenbeck- und Ton-Schneidetisch nachge- rüstet. Des weiteren existiert auf dem Gelände eine Kopieranstalt. Das Gorbit- zer Studio bildet mit Ausnahme der Möglichkeit zur Vollsynchronaufnahme einen kompletten filmtechnischen Betrieb: „In diesem Gebäudekomplex konnte also ein Film vom Drehbuch bis zur fertigen Kopie hergestellt wer- den.”'? Die Leitung des technischen Betriebes übernimmt der jüngere Bruder des Geschäftsführers, Ludwig Boehner.” Die technische Abteilung auf der Bürgerwiese 23 besteht fort und wird von nun an vorrangig für die Fotoent- wicklung und -bearbeitung genutzt. Die veränderte Wirtschaftslage nach dem Beginn des II. Weltkrieges bewirkt einen merklichen Rückgang an Filmaufträgen von Dresdner Einzelhändlern. Dieser kann jedoch durch eine große Zahl an Werbefilmarbeiten für die Spar- kasse kompensiert werden. Durch eine rasche und umfassende Umstellung auf kriegswichtige Filmaufgaben ist die Boehner-Film bis spät in das vorletz- te Kriegjahr hinein den Umständen entsprechend gut ausgelastet. Die poli- tisch-propagandistische Ausrichtung der Filme, die bereits in den dreißiger Jahren einsetzt, verschärft sich ab Ende 1939. Die technischen Voraussetzungen, der vergleichbar kriegssichere Standort und Fritz Boehners nachhaltiges Engagement für die Aufrechterhaltung sei- ner Produktion ungeachtet jeglicher kriegspolitischer Vereinnahmung führen dazu, dass die Firma Aufträge zur Herstellung von stereoskopischen Filmen für militärische Ausbildungszwecke der Kriegsmarine erhält. Der Betrieb gilt als kriegswichtig, sein Weiterbestehen ist damit gesichert. Die „unabkömm- lich” gestellten Mitarbeiter sind für einige Zeit vor der Rekrutierung ge- Dresdner Tageszeitungen wie der Dresdner Arzeiger und Der Freiheitskampf berichten regelmäßig über die Filmarbeit der Boehner-Film, allgemein scheint die Boehner-Film aber in der Öffentlichkeit in Dresden nur begrenzt wahrgenommen zu werden, Wiederholt sind in Presseartikeln Formulierungen zu finden, wie: „Ja, das wissen vielleicht viele Dresdner noch gar nicht, daß in Gorbitz unablässig gefilmt wird.“ (Fl: Filme, die nicht im Kino laufen. In: Dresdner Anzeiger, Nr. I 1, 14.5.1941,5.6). 2 Groschopp, Richard: Erinnerungen an die Anfänge der DEFA-Produktion in Dresden. In: Betriebsgeschichte des VEB DEFA-Studio für Spielfilme, Teil 3. Potsdam-Babelsberg: |984, 5.57. 3 Biografische Angaben siehe Anhang I. 14 schützt. Die Anfertigung jener Lehrfilme erhöht den Bedarf an Trickdarstel- lungen. Die Zeichenabteilung wird technisch und personell erweitert und bil- det in den letzten Kriegsjahren die Stärke der Boehner-Film.'* Das Studiogelände der Boehner-Film in Dresden-Gorbitz (1939-1945) Um die Jahreswende 1943/44 wird auch die Filmstelle des Reichsluftfahrt- ministeriums Nutzer des Studiogeländes und stellt gemeinsam mit der Boeh- ner-Film Informationsfilme her, die Militärangehörige für die Gefahr der Spio- nage sensibilisieren sollen. Zu den letzten Filmarbeiten vor Kriegsende gehö- ren Handpuppenfilme, die in Kooperation mit der Hohnsteiner Puppenbühne Max Jacob entstehen. 1944 beträgt der Umsatz der Boehner-Film 1,4 Millio- nen Reichsmark. Die Beschäftigtenzahl von 150 Mitarbeitern’’reflektiert die für die kriegswichtige Produktion notwendige deutliche Vergrößerung des Personalbestandes und bezieht vermutlich die nach Dresden verlegten Stäbe der Filmstelle des Reichsluftfahrtministeriums mit ein. Zu regulären Betriebs- zeiten zählt die Boehner-Film maximal 60 Mitarbeiter.’ * Telefonisches Interview mit Gerd Scholz, 30.4.2002; biografische Angaben zu Gerd Scholz siehe Anhang |. Protokoll Landesregierung Sachsen, Ministerium für Finanzen, Amt für Betriebsneuord- nung über die Enteignung der „Firma Boehner-Reklame-Film“. BArch B, Bestand Ministeri- um für Finanzen DNI, 114952. '* Groschopp, 1984, wie Anm. 12, 5. 57, Scholz, wie Anm. !4. 15 Bei den alliierten Luftangriffen auf die Stadt Dresden am 13. Februar 1945 wird das Zentralbüro der Boehner-Film in der Innenstadt zerstört und ein Großteil der Firmenunterlagen vernichtet. Eberhard Boehner, der zweite Bru- der von Fritz Boehner und Leiter der Werbeabteilung, kommt bei dem Bom- benangriff um. Angesichts der in Richtung Dresden vorrückenden Frontlinien erhält Fritz Boehner im Februar 1945 von der Mars-Film'’ den Auftrag, den Betrieb in eine sichere Zone zu verlagern."®Dem Schutz der vom Militär beschlagnahmten Filmtechnik, speziell der stereoskopischen Geräte, kommt große Dringlichkeit zu, damit diese nicht in die Hände der Alliierten fallen. Der Versuch, die Filmproduktion zu retten, bewahrt die übriggebliebenen Mitarbeiter überdies vor einem Fronteinsatz in den letzten Kriegstagen. Der Zielort der Teilverlagerung am 9. März 1945 ist Wirsberg bei Neuen- markt in Oberfranken - kleinstädtisch und unbedeutsam ein „sicherer Ort weit weg von allen Umständen“.'” Nach der Besetzung der Region durch die amerikanischen Truppen Anfang April und dem alliierten Verbot jeglicher deutscher Filmbetätigung erlischt die Firma mit Kriegsende im Mai 1945. Die nach Wirsberg mitgereisten 27 Personen - Mitarbeiter und Angehörige - so- wie die Technik, Arbeitsmaterialien und Filmkopien?’ kommen in einer stillge- legten Steinmetzfabrik am Ortsrand unter. Das Team um Fritz Boehner emirt- schaftet sich über die Dauer von einem Jahr die Mittel für das Überleben durch den Verkauf von Spielzeug- und Souvenirgegenständen, die mit den vielen mitgebrachten Materialien für die Zeichenanimation selbst angefertigt werden. Derweil bemüht sich Boehner bei den alliierten Stellen um eine eigene Li- zenz zur Filmherstellung. „Der pfiffige und geschäftstüchtige Boehner hatte zudem - die Entwicklung voraussehend - die englischsprachige Kopie eines abendfüllenden Boehnerfilms für die HAPAG, Wir FAHREN nacH Amerika (1938), aus Dresden mitgenommen, der als Reisewerbefilm die USA natürlich verlok- kend und von der Schokoladenseite zeigte.” Mit dieser Filmkopie fahren Fritz Boehner und Richard Groschopp?! 1945/46 nach Bad Homburg ins amerikani- sche Hauptquartier, um Kontakt mit dem Filmoffizier aufzunehmen. Ihnen wird mitgeteilt, dass bei Vorlage eines Drehbuches, das die Kriegsschuld der ? Der am 21.12.1942 gegründeten staatsmittelbaren Mars-Film GmbH obliegt die Koordi- nation der militärfiimischen Produktionen für alle Wehrmachtstelle und der Waffen-S5. '® Gerd Scholz nach Aussagen von Ema Boehner (Scholz, wie Anm. 14). '? Scholz, wie Anm. 14. 2° Fritz Boehner nimmt auf der Flucht aus Dresden eine Reihe von Filmpositiven mit. Den Großteil lässt er allerdings bald in einem dem Notquartier in Wirsberg nahegelegenen Steinbruch verbrennen, da die Lagerung in den feuchten Fabrikräumen unmöglich ist. Da- bei wird auch politisch belastendes Material vernichtet (ibid). 2! Biografische Angaben siehe Anhang I. 16 Deutschen thematisiere, die Filmarbeit sofort begonnen werden könne. Ein angeblich sogleich angefertigtes Expos& bleibt jedoch unbeantwortet, die notwendige Lizenz steht weiterhin aus.” Perspektiven für die Rückkehr ins Filmgeschäft verspricht das Zusammen- treffen Fritz Boehners mit seinem ehemaligen Kameramann Erich Menzel?. Dieser hatte bereits im Dezember 1945 in Erlangen das „Institut für wissen- schaftliche Filme in Zusammenarbeit mit der Universität Erlangen” gegrün- det. Die renommierte medizinische Fakultät der Hochschule bietet dem Film- hersteller Räumlichkeiten und Aufträge. Fritz Boehner stellt Erich Menzel ab Anfang 1947 leihweise seine Filmtechnik, insbesondere tricktechnische Gerä- te für die medizinischen Filme, zur Verfügung. Mitarbeiter der Boehner-Film finden bei Erich Menzel Anstellung. Fritz Boehner selbst akquiriert für das Institut, nimmt Kontakt mit ehemaligen Großkunden der Boehner-Film auf und wird auf diesem Wege wieder filmgeschäftlich tätig. Im Unterschied zu Erich Menzel besitzt er ein viel stärker kaufmännisch geprägtes Interesse an der Filmherstellung. Divergierende Ansichten über die Filmproduktion führen schließlich zur Beendigung der Zusammenarbeit; das Verhältnis zwischen den beiden Erlanger Filmproduzenten bleibt gespannt.” Die Währungsreform in den westlichen Besatzungszonen im Juni 1948 und das darauf folgende Wachstum im Warenangebot sowie der Zufluss von Fremd- kapital lässt die Zahl der lizenzierten Filmproduzenten stark steigen. Ab dem 21. September 1949 ist die Lizenzierung durch die Alliierten aufgehoben.” Fritz Boehner eröffnet am 1. Mai 1950 in Erlangen die „Boehner-Film Fritz Boehner“.° Geschäftsführerin wird die politisch unbelastete Witwe Eberhard Boehners, Erna Boehner. In Erlangen befindet sich der Sitz der Firmenverwaltung und Werbeabtei- lung. Die Produktion findet in Hamburg statt. Die aus Dresden mitgeführte Filmtechnik und die aufrecht erhaltenen Kontakte zu den ehemaligen Kun- den sind gute Voraussetzungen für die zukünftige Filmarbeit. Fritz Boehner hat Grund zur Zuversicht und gibt bei der amtsgerichtlichen Anmeldung seiner Firma im Dezember 1950 an: „Im heurigen Jahr wird sich mein Umsatz auf ca. 300.000.- DM belaufen. Das Gewerbekapital beziffert 22 Groschopp, Richard: Faszination Film. Ein Gespräch. Interview Ralf Schenk. In: Aus Theorie und Praxis des Films, Heft 3, 1987,5. 16 f. 2 Biografische Angaben siehe Anhang |. 2! Meyer; Ulfilas: Vergessene Filmstadt Erlangen. Illusionen aus der Provinz. In: Jürgen Sand- weg, Gertraud Lehmann (Hg.): Hinter unzerstörten Fassaden. Erlangen 1945-1955. Erlan- gen: Palm & Enke, Junge & Sohn 1996, 5. 914. 3 Siehe hierzu: Hauser, Johannes: US-amerikanische Filmpolitik im Nachkriegsdeutschland 1945-1955. In: Knut Hickethier (Hg.): Filmgeschichte schreiben. Berlin: Ed. Sigma Bohn 1989, S. 110. *€ Hugenottenplatz 5, ab 1953 Universitätsstraße 2, ab 1958 Loewenichstraße |. 17 sich auf rd. 100.000,- DM.“ Die Eintragung ins Handelsregister Erlangen er- folgt am 22. Januar 1951 (HRA 303). Im Jahr 1955 hat sich der Jahresumsatz der Firma bereits versiebenfacht und beträgt rund zwei Millionen DM. Der Be- triebswert erhöht sich bis Januar 1957 auf rund 450.000 DM.?’ Eine Fortsetzung der Filmarbeit dar Boehner-Film in Dresden wird durch die politischen Entwicklungen verhindert. Im Herbst 1945 erfolgt die Sequestrie- rung durch die Sowjetische Militäradministration auf Grundlage des Befehls Nr. 124, der die Beschlagnahme der Betriebe von Nazi- und Kriegsverbrechern regelt. Die Filmarbeit ist untersagt, überdies fehlen die technischen Voraus- setzungen. Das Filmstudio wird zum „Filmburg-Theater”, das Konzerte und Schauspielabende bietet. Zusätzliche Einnahmen werden durch Fremdaufträge an die Tischlerei sowie durch werbegrafische Arbeiten und die Diapositivre- klame erwirtschaftet.?® Der Antrag ehemaliger Mitarbeiter der Boehner-Film, den Betrieb in eine unabhängige sächsische Filmproduktion zu überführen, wird abgelehnt.?” Ein Vertragsentwurf vom 8. April 1946 zwischen der Deutschen Film AG (DEFA) in Gründung und der Boehner-Film Dresden legt die Zukunft des Betriebes fest: „im Rahmen des Aufbaus des neuen deutschen Films auf demokratischer, an- tifaschistischer Grundlage soll auch die Filmproduktion Sachsen in die neuen Organisationsformen mit einbezogen werden.”’’ Am 7. Juni 1946 wird der Be- trieb an die DEFA verpachtet. Die Verpachtung wird rechtmäßig nach dem Volksentscheid in Sachsen am 30. Juni 1946, der am 2. August 1946 zur Ent- eignung der Firma „Boehner Reklamefilm“ führt. Die überparteiliche Kommis- sion zur Durchführung des SMA-Befehls Nr. 97 begründet die Enteignung wie folgt: „Die Firma produzierte während des Krieges Lehrfilme für die Wehr- macht sowie Lehr- und Reklamefilme in nationalsozialistischem Sinne, Au- ßerdem wurden interne Kriegsereignisse für Studienzwecke aufgenommen.””! Die Boehner-Film geht als „Volkseigentum Boehner Film” in sächsisches Lan- deseigentum über. Der Filialbetrieb, bald „DEFA-Produktion Sachsen”, wird später dem DEFA- Studio für populärwissenschaftliche Filme unterstellt und produziert in wirt- schaftlicher Selbstständigkeit Wochenschaubeiträge, Kultur-, Lehr-, Werbefil- 7 Staatsarchiv Hamburg, Bestand 231-7, B 1985 Band !, Bl. 1, Bl.9, Bl. 23. 2° Arthur ]. Dinkel, Bericht über den Wiederaufbau der sächsischen Filmproduktion, 21.5.1948. BArch B, Bestand DEFA DR 117,21820. ? Aktennotiz, 15.3.1946. Sächs. Arch. D, Bestand Landesregierung Sachsen, Ministerium für Volksbildung, 2658. 3° Vertragsentwurf, 8.4.1946. Sächs. Arch. D, Bestand Landesregierung Sachsen, Ministerium für Volksbildung, 2658. ?! Protokoll Landesregierung Sachsen, Ministerium für Finanzen, Amt für Betriebsneuord- nung über die Enteignung der „Firma Boehner-Reklame-Film“. BArch B, Bestand Ministeri- um für Finanzen DNI, 114052. 18 me sowie Aufklärungs- und Propagandafilme. Ab dem 1. April 1955 beher- bergt das Filmgelände das DEFA-Studio für Trickfilme.” Der Kontakt zwischen Fritz Boehner und dem Haus in Gorbitz beschränkt sich auf seine Verbindung zu Ludwig Boehner, der bis ca. 1950 in Dresden bleibt und als Filmtechniker arbeitet. Die Filmproduktion der Boehner-Film findet ab 1950 in Hamburg statt, das sich in dieser Zeit zum drittwichtigsten Standort der westdeutschen Filmin- dustrie entwickelt. Ein Zentrum der sich ansiedelnden Film- und Fernseh- branche wird der Hochbunker I auf dem Hamburger Heiligengeistfeld. Zu den dort ansässigen Firmen gehört die Förster-Film, über deren Inhaber, dem frü- heren Personalchef der Boehner-Film Alfred Förster’, die Vermittlung von Räumen auf der IV. Etage im Hochbunker realisiert werden kann. In diesen richtet die Boehner-Film zwei größere und drei kleine Filmateliers sowie ei- nen Vorführraum, eine Werkstatt für die Herstellung von Studiobauten und ein kleines Trickstudio ein. Die wuchtigen Betonmauern des Bunkers erlau- ben den Ausbau eines komplett ausgerüsteten Tonstudios für Vollsynchron- aufnahmen, so dass die Firma Synchronisationsarbeiten und Rundfunk-Wer- beaufnahmen durchführen kann. In den produktionsreichsten Jahren sind in Hamburg rund 25 Mitarbeiter angestellt, dazu kommen noch freie Regisseure und Kameramänner. Die Leitung des technischen Betriebes obliegt Ludwig Boehner. Die Boehner-Film knüpft mit der Herstellung von Handpuppenfilmen und stereoskopischen Filmen an die Jahre vor 1945 an. Der Kurzwerbefilm verliert als Herstellungsbereich nach kurzer Blüte an Bedeutung zugunsten von In- dustrie- und Lehrfilm. Die Boehner-Film ist Mitglied der Vereinigung der In- dustriefilm-Produzenten e.V., der die zwanzig führenden Industriefilmherstel- ler Deutschlands angehören. Auftraggeber sind Großunternehmen, wie z.B. Shell, Continental, Volkswagen, Daimler Benz, Mannesmann und die Deutsche Lufthansa. In Kulturfilmen und politischen Bildungsfilmen wird die Situation der Kriegsvertriebenen und die Spaltung Deutschlands thematisiert. Mit der Herstellung von Fremdenverkehrsfilmen, nun über den südwestdeutschen Raum, führt die Boehner-Film bald eine ihrer Firmentraditionen fort. In den Jahren von 1952 bis 1964 arbeitet die Firma eng mit dem Filmher- steller EGP*in Frankfurt am Main zusammen. Durch diese Kooperation, durch Vertreter in München und im Rheinland sowie durch die von Fritz Boehner ? Zum Übergang von der Boehner-Film Dresden zum DEFA-Studio Dresden siehe: Eckardt, Andre: Wurzeln. In: Ralf Schenk, Sabine Scholze (Hg.): Die Trick-Fabrik. DEFA-Ani- mationsfilme 1954-1990. Berlin: Bertz, 2003, 5. 31-41, und Jordan, Günther u. Schenk, Ralf (Hg): Schwarzweiß und Farbe: DEFA-Dokumentarfilme 1946-1992. Berlin: Jovis, 1996. » Biografische Angaben siehe Anhang |. * Das Akronym steht für die Namen der Firmeninhaber Emi und Gero Priemel. 19 betriebene Akquisition von Hamburg und Erlangen aus ist die Boehner-Film in wichtigen bundesdeutschen Wirtschaftsgebieten sehr gut vertreten. Sie steckt im Gegensatz zur Zeit vor 1945 keine von ihr beherrschte Region mehr ab, sondern setzt auf eine gesamtwestdeutsche Präsenz. Mit dem Tod von Fritz Boehner am 29. Juni 1959 verliert die Firma ihren „Akquisitionsmotor”. Die Boehner-Film wird von Ludwig Boehner ausschließ- lich in Hamburg weitergeführt und am 1. Juli 1959 in die Kommanditgesell- schaft „Boehner-Film Fritz Boehner KG” umgewandelt, mit Erna Boehner als persönlich haftende Gesellschafterin und mit einigen Mitarbeitern, u.a. Kurt Engel’ und Gerd Scholz, als Kommanditisten.* Die Zahl neuer Aufträge und der Produktionen nimmt in den Folgejahren ab. Hinzu kommt, dass die Boehner-Film den wichtigen Übergang zur Fern- sehfilmproduktion verpasst - in einer Zeit, als der Werbefilm und Beipro- grammfilm aus den Kinos verschwindet. Am 24. August 1965 stirbt Ludwig Boehner. Die Nichte des Verstorbenen ist die Alleinerbin der Boehner-Film, die noch im gleichen Jahr Insolvenz anmeldet. Nach Aussagen von Gerd Sc- holz zeigte die Bielefelder Firma Film in Wissenschaft| und Technik Interesse daran, die Mitarbeiter der Boehner-Film und das Hamburger Studio zu über- nehmen, gab aber nach einem Jahr dieses Vorhaben erfolglos auf. Am 30. September 1966 wird ein Vergleichsverfahren zur Abwendung des Konkurses eröffnet; die Firma Boehner-Film erlischt am 25. Oktober 1967 nach 41 Jahren ihres Bestehens.” Die Firmenunterlagen und Filmmaterial be- wahrt nach der Schließung die Firma Geyer-Werke GmbH in Hamburg auf, die auch die Filmrechte besitzt.’®Das Filmmaterial gelangt von dort aus im Sommer 1985 in das Bundesarchiv-Filmarchiv Koblenz. 1990 erfolgt ein priva- ter Antrag auf Eigentumsrückgabe des Geländes der Boehner-Film auf dem Grundstück der Kesselsdorfer Strasse 208 in Dresden, der jedoch abgelehnt wird.?’Im Jahre 1996 gehen die Sicherungs-Rechte für den gesamten Filmbe- stand mit der Übernahme der Geyer-Werke durch die CineMedia Film AG Mün- chen an diese über.“ Zwischen den ehemaligen Mitarbeitern der Boehner-Film besteht weiterhin Kontakt. Nach Firmenende gibt es drei größere Treffen, zuletzt 2001, an de- nen ehemalige Mitarbeiter und Darsteller der Boehner-Film teilnehmen. » Biografische Angaben siehe Anhang I. ®° Handelsregister Amtsgericht Hamburg, HRA 61795, 7.10.1959. ’7 Staatsarchiv Hamburg, Bestand 231-7,B 1985 Band 3, Bl. | ff. 38 |bid. ° Scholz, wie Anm. 14. ” Auskunft Simone Kopf, CineMedia Film AG, 6.9.2001, 20 2.Aspekte einer Firmengeschichte 2.1. „Mehr Anerkennung!“ - Fritz Boehners Engagement für den Werbefilm Mitte der dreißiger Jahre gehört die Boehner-Film zum Kreis der wichtigsten deutschen Filmhersteller von Kultur- und Industriefilmen sowie von Werbefil- men mit Kurz- bis Spielfilmlänge. Sie beherrscht klar die Produktion und Ein- schaltung von Werbefilmen im mitteldeutschen Raum und erledigt Filmauf- träge für Großunternehmen aus ganz Deutschland. Im Jahre 1935 stellt Fritz Boehner mit Rückblick auf die Entwicklungsjahre des werbenden Films in Deutschland fest: „Es sind nicht allzu viele gewesen, die sich in den fünfzehn Jahren des eigentlichen Werbefilmaufschwunges in- tensiv um die Ausbreitung dieses Werbemittels bemüht haben. Ganz beson- ders schwer ist es auch gewesen, gerade für den Werbefilm das notwendige Verständnis in die in Frage kommenden Kreise zu tragen. ““! Zahlreiche Fachbeiträge und Aktivitäten von Fritz Boehner sind Beleg für sein stetiges Bemühen, den wirtschaftlichen Nutzen des Werbefilms zu propa- gieren und die notwendigen Voraussetzungen zu fordern und zu schaffen, um den Film zu einem Werbemittel von breiter Anerkennung zu machen. Fritz Boehners Engagement steht dabei gleichwertig im Dienste des Werbefilms und im Dienste seiner eigenen Firma. Das deutsche Werbefilmwesen erlebt nach seiner Gründerzeit infolge der Nachwirkungen des I. Weltkrieges einen jähen Entwicklungsstopp. Die wirt- schaftlichen Zwänge, die aus der katastrophalen ökonomischen Lage erwach- sen, entreißen ihm die Grundlagen; der Generalsekretär des VDR, Hans Kurt Rose, stellt 1925 fest: „Die Inflationszeit mit ihrem Warenhunger nahm der deutschen Reklame fast den letzten Rest ihrer Lebenskraft.““? Fritz Boehner erlebt diese Krise als Werbeleiter industrieller Großbetriebe in den Jahren von 1916 bis 1922 unmittelbar mit. Er arbeitet in dieser Position u.a. von 1918 bis 1920 bei den Wilhelm-Kaufmann-Textilwerken in Pirna. Aus beruflicher Notwendigkeit und fachlichem Interesse beschäftigt er sich immer intensiver mit dem Reklamewesen und zunehmend gezielt mit einer spezifi- schen Form dessen - dem Werbefilm. Die Verbindung von Werbung und Film *! Boehner, Fritz: Flmwerbung ausserhalb des Lichtspieltheaters. In: Die Deutsche Werbung, 2. Septemberheft 1935, 5. 1445. #2 Rose, Hans Kurt: Der „VDR' und seine künftigen Aufgaben. In: Fritz Boehner, Hans Seidel (Hg): Den Mitgliedern des Verbandes Deutscher Reklamefachleute zur Generalversamm- lung vom | I. bis 14. September 1925 in Dresden. Dresden: Ortsgruppe Dresden des VDR 1925,5.40. 21 ist, nach eigenen Aussagen, seit 1920 sein hauptberufliches Metier.“? Zu jener Zeit ist er bei den Textilwerken Sey & Hamm in Frankfurt am Main tätig. 1922 tritt Fritz Boehner den Direktorposten der Dresdner Filiale der Indu- striefilm AG an.“ Er betreut für den Industrie- und Werbefilmhersteller den ostsächsischen Raum. Der werbende Film hat trotz des Wiederaufblühens der Reklamewirtschaft in Folge der Währungsstabilisierung, die mit der Einführung der Rentenmark im November 1923 eintritt, noch Akzeptanzhürden zu überwinden, so z.B. bei den Besitzern der Lichtspielhäuser. Im Vorprogramm platziert, verliert Film- werbung häufig durch eine halbherzige Präsentation an Wirkung: „Zu bekla- gen ist, daß die Vorführung der Werbefilme so häufig ohne Musikbegleitung erfolgt, wodurch sie sich stimmungsmäßig nicht voll entfalten können. Vor- führungen bei halb erleuchtetem Saale sind so gut wie zwecklos und sollten nicht anerkannt werden.“ Die Emanzipation des Werbefilms als effektives Werbemittel wie auch als spezifische Filmgattung wird zum zentralen Ziel der beruflichen und außer- beruflichen Aktivitäten Fritz Boehners. Wie die Mitteilungsblätter der VDR- Ortsgruppe Dresden belegen, kanalisiert er diese Aktivitäten in einer enthu- siastischen und unablässigen Mitarbeit im VDR. Als sächsischer Vertreter der Fachorganisation nimmt Boehner im Juni 1924 am Internationalen Reklamekongress in London teil. Vor dem Hintergrund seiner dort gemachten Beobachtungen und in Analyse der zu dieser Zeit in Deutschland herrschenden Situation kommt er zu dem Schluss, dass eine all- gemeine qualitative Niveauanhebung bei der Reklameherstellung dringend erforderlich ist, um die gewünschte Akzeptanz zu erreichen. Unter der Überschrift „Mehr Anerkennung!“ fordert Boehner in seinem Be- richt, den Leitspruch des Kongresses „Wahrheit in der Reklame!“ zu überneh- men. Eine solche Art Ehrenkodex soll jedoch nicht nur in der Werbearbeit je- des Einzelnen gelten, sondern das Berufsfeld sei unter diesem Vorzeichen zu filtern: „Wahrheit in der Reklame‘ heißt aber nicht nur selbst nach diesem Grundsatz zu handeln, sondern vor allem dafür zu sorgen, daß unlautere und unfaire Elemente aus dem deutschen Reklamewesen ausgeschaltet werden. Reklamefachmann darf nur der sein, der die nötige Fachkenntnis besitzt! Die- ? Boehner, Fritz: (Kurzbiografie). In: Egon Jacobson, Kurt Mühsam: Lexikon des Films. Berlin: Verlag der Lichtbildbühne 1926, 5.21. “ Das Gründungsdatum der Industriefilm AG Berlin konnte nicht nachgewiesen werden. Eine erste Selbstanzeige der Firma erscheint im Juni 1920 (in: Film und Wissen, Juniheft, 1920, Anzeigenteil). Die Vermittlung des Direktorpostens geschieht wahrscheinlich auf Be- treiben des Vorstandsvorsitzenden der Industriefilm AG, Wilhelm Kaufmann, für den Fritz Boehner bereits in Pirna tätig war. “ Kupferberg, Christian Adt.: Der Werbefilm vom Standpunkt des Verbrauchers. In: Die Reklame, 2. Juniheft, 1927, 5.415. 22 se Veredlung unseres Berufs wird von selbst die gewünschte Anerkennung bringen!“ Um generell einen höheren Grad an Fachkompetenz in der Rekla- mewirtschaft zu erzielen, ist, nach Fritz Boehners Vorstellungen, der Kreis der Werbetreibenden auf kompetente Fachkräfte zu begrenzen. Der Gedanke der Sondierung des Konkurrenzfeldes und der Marktaufteilung mag hierbei keine unwesentliche Rolle gespielt haben. Die in scharfem Ton geäußerte Forderung nach Ausschaltung von „unfairen Elementen” ist der Ruf nach einer regulierenden Kraft, die außerhalb der Me- chanismen des freien Marktes steht und diesen ordnet. Möglicherweise sah Fritz Boehner darin die Rolle des VDR, ab 1929 Deutscher Reklame-Verband (DRV). Konsequent scheint aus dieser Sicht vor allem sein Schritt zum Sach- berater für das Werbefilmwesen im Nationalsozialistischen Werberat der deut- schen Wirtschaft. Diese Aufsichtsbehörde, die im September 1933 als Körper- schaft öffentlichen Rechts gegründet und dem Ministerium für Volksaufklä- rung und Propaganda unterstellt wird“, ist befugt, mittels Verordnungen das Werbewesen im Sinne des NS-Staates zu lenken, und sie hat das Recht, Fir- men die Werbegenehmigung zu entziehen und sie damit an der weiteren Ar- beit zu hindern. Ab Dezember 1935 wird die Fachschaft Kultur- und Werbe- film aus der Reichsfillmkammer“ herausgelöst und dem Werberat direkt unter- stellt. Dieser besitzt damit die völlige berufsständische Kontrolle über das Werbefilmwesen. Die Mitarbeit in diesem Gremium und das politisch konfor- me Auftreten von Fritz Boehner in den Jahren von 1933 bis 1945 sind vor dem Hintergrund seiner Forderung von 1925 durchaus erklärbar. Fritz Boehners Einschätzung der Lage des Werbewesens im Allgemeinen und des Werbefilms im Besonderen am Ende der zwanziger Jahre ist von Ambiva- lenzen gekennzeichnet. 1927 merkt er an: „Es gibt wohl heute nur wenig in- dustrielle Großbetriebe, die den Film als Werbemittel nicht kennen und *° Boehner, Fritz: Mehr Anerkennung! In: Ders., Hans Seidel (Hg.): Den Mitgliedern des Ver- bandes Deutscher Reklamefachleute zur Generalversammlung vom II. bis 14. September 1925 in Dresden. Dresden: Ortsgruppe Dresden des VDR 1925, 5.53. 7” Gesetz über Wirtschaftswerbung vom 12. September 1933 (RGBi.1, S. 625). Die bis da- hin existierende Dachorganisation DRV schaltet sich gleich, indem sie sich selbst auflöst und geschlossen am 18./19. August 1933 in die Nationalsozialistische Reichsfachschaft Deutscher Werbefachleute übertritt (Forster, Ralf: Der Werbefilm im Nationalsozialismus (Dissertationsschrift). Berlin: Technische Universität Berlin 2003, 5.47 ff). * Gründung der „Vorläufigen Filmkammer“ am 14. Juli 1933 (RGBi. |, 5. 483); Einfügung als Reichsfilmkammer in die am 22. September 1933 (RGBI.1,5.531) gegründete Reichskultur- kammer: siehe hierzu: Drewniak, Boguslaw: Der deutsche Film 1938-1945. Ein Gesamtüber- blick, Düsseldorf: Droste 1987, S. 70; Hagemann, Peter u. Wetzel, Kraft: Zensur. Verbotene deutsche Filme 1933-1945. Berlin 1978, S. 10. Filmschaffende mussten zwangsweise Mit- slied in den Fachschaften der Reichsfilmkammer sein. Der Entzug oder die Verwehrung der Mitgliedschaft (z.B. aus politischen oder rassischen Gründen) bedeutete das Arbeitsverbot in der Filmwirtschaft. 23 schätzen. Der Film ist ein notwendiger Bestandteil der Werbung geworden. Sehr oft ist jedoch bei einzelnen Firmen eine intensive Bearbeitung notwen- dig, bis der Entschluß zur Schaffung eines Filmes kommt.“ Hier mischen sich Aufbruchstimmung und Pessimismus gleichermaßen - eine zwiespältige Haltung, die in der Werbefilmbranche von vielen Seiten vertreten wird, wie zahlreiche Beiträge belegen, die im Juni 1927 im Sonderheft zum Werbefilm der VDR-Fachzeitschrift Die Reklame erscheinen. Mit missionarischem Eifer bemüht sich Fritz Boehner, Aufklärungsarbeit über das Reklamewesen zu leisten. Dabei nutzt er intensivst die VDR-Orts- gruppe Dresden, die als die zweitstärkste Ortsgruppe des Verbandes in Deutschland” gilt, als Plattform. Er organisiert von hier aus Gastvorträge zu Werbefragen und unterstützt diese mit seiner eigenen Vorführtechnik. Au- ßerdem wird er in zunehmenden Maße selbst als Referent aktiv, und zwar hauptsächlich zu Themen der filmischen Reklame. Im März 1927 leitet er ei- nen achtteiligen öffentlichen Lehrkurs mit dem Titel „Einführung in die Wer- bung“, der vom „von Boehner angeregten Bildungsausschuss der 0G Dresden” organisiert und in der Öffentlichen Handelslehranstalt in Dresden durchge- führt wird. Das von Fritz Boehner ausgearbeitete Curriculum beinhaltet Vor- träge zu theoretischen Fragen des Werbens, wie z.B. „Wert und Zweck der Werbung mit Laufbildern“ und „Verfehlte und richtige Werbung“. Praktischer Art ist ein Seminar, in dem die 45 Kursteilnehmer - „fast durchgängig Neu- linge in der Werbung” - unter Fritz Boehners Anleitung einen Werbeplan auf- stellen." Seine Erfahrungen und sein Wissen als Werbekaufmann stellt Fritz Boehner in stellenweise recht lehrmeisterhaftem Ton in Fachzeitschriften dar. Über- dies nutzt er in bester Manier des Werbefilm-Fachmannes das bewegte Bild als Mittel zur Aufklärung und Selbstdarstellung seiner Firma. Eine in dieser Zeit bereits gängige Selbstwerbeform großer Firmen der Werbefilmbranche adaptierend, veranstaltet er nachweislich ab 1930 Matineen in Filmtheatern, in denen Fachpublikum und allgemein Interessierte über den Werbefilm und seine Möglichkeiten informiert werden. Hierbei setzt er von seiner Firma her- gestellte Vortragsfilme ein, die zum Großteil eine Werkschau der Boehner- Film sind, um so die vermittelte Theorie sogleich praktisch zu veranschauli- % Boehner, Fritz: Der Großfilm der Industrie, sein Werden und seine Verwendung. In: Die Reklame, 2. Juniheft, 1927, 5.424. > Mitteilungsblatt der Ortsgruppe Dresden des DRV, Juni/September, 1931. >! Mitteilungsblatt der Ortsgruppe Dresden des VDR, Nr. 23, 1927. Bildungsarbeit im und über das Werbewesen durchzuführen, ist in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre ein großes Anliegen des VDR, dessen Bildungsausschuss vom 4. bis 9.Oktober 1926 eine „Wer beunterrichtliche Woche“ an der Handelsschule in Berlin organisiert. An dieser nimmt auch Fritz Boehner teil, er gewinnt dort Ideen für seine Bildungsarbeit im Rahmen der Ortsgruppe Dresden. 24 chen, ohne auf die Eigenwerbung zu verzichten. Eine solche „Boehner-Film- schau” findet am 5. Januar 1930 im Filmtheater Prinzeß in Dresden statt.” Der auf dieser Veranstaltung vorgeführte Film Warum em FırM?® soll die wer- bende Kraft des bewegten Bildes demonstrieren und beinhaltet dafür eine Kompilation von Ausschnitten aus Boehner-Film-Produktionen. Fritz Boehner erkennt auch die Notwendigkeit der Schaffung von wirt- schaftspolitischen Rahmenbedingungen für die Fortentwicklung des Werbe- wesens. Am 16. Februar 1927 nimmt er mit weiteren VDR-Vorstandsmitglie- dern an einer Protestkundgebung im Plenarsaal des Reichswirtschaftsrates in Berlin teil, um gemeinsam mit Abgeordneten des Reichstages und des preußi- schen Landtages sowie mit Vertretern der Behörden und Wirtschaft über eine Novellierung des preußischen Städtebaugesetzes zu diskutieren. Dabei geht es um die Verhinderung landesstaatlich geplanter Einschränkungen in der Außenreklame, die nach Ratifizierung in ganz Deutschland wirksam werden könnten. Für Fritz Boehner besteht das Erfordernis aber nicht nur darin, in solchen konkreten Einzelfällen aktiv zu werden. Sein Hinweis, dass in der Bauauf- sichtsbehörde alle Berufsstände mit Ausnahme des Werbewesens vertreten sind, verrät einen viel größeren Blickwinkel. Konsequenterweise fordert er die Stärkung der Position der Werbetreibenden durch deren generelle Einbin- dung in die Wirtschaftspolitik.°* Die Zielmarke seiner Bestrebungen sieht Fritz Boehner im amerikanischen Wirtschaftsleben erreicht. In seinem Bericht über den Besuch des Internatio- nalen Reklamekongresses in Detroit 1923 hebt er mehrfach den beachtlichen Rang des Reklamewesens in den USA vor, Beeindruckt berichtet Fritz Boehner von der kooperativen Haltung wirtschaftspolitischer Behörden, die er bei ei- nem gemeinsamen Besuch mit weiteren VDR-Mitgliedern im Handelsministeri- um in Washington beobachtet. Auskunftswillig werden die Kongressteilneh- mer dort mit umfangreichen Materialien und Informationen versorgt. Eine so geartete, werbefreundliche Informationspolitik muss in Deutschland als Basis für die Fortentwicklung der deutschen Reklamewirtschaft erst noch realisiert 52 Aus Dresdner Lichtspielhäusern. In: Dresdner Nachrichten, Nr. 8, 6.1.1930, 5. 5. Ebenfalls im Filmtheater Prinzeß findet am 13.3.1941 eine Jubiläumsschau mit dem Fılm 15 JAHRE BOEHNER-FıLm (kein Zensumachweis, 1941, |6mm, I41 m) statt (siehe hierzu: Entwicklung des Werbefilms — 15 Jahre BoehnerFilm. Besuch bei einem Werbeftlmunternehmen. In: Die Deutsche Werbung, Nr. 4, 1941, 5. 244 ff), Auch nach ihrer Neugründung |950 hält die Boehner-Film an solchen Filmschauen über die eigene Arbeit fest. So findet am 2.12.1956 eine Jubiläumsschau zum dreißigjährigen Bestehen der Firma im Filmtheater Tivoli in Nürn- berg statt (E. $.: Doppeljubiläum: Film und Werbung. In: Nürnberger Nachrichten, 4.12.1956). > Film-Credits: s. Anhang Il, Zensur/FSK/Jahr: 1930, 5. 115. °* Mitteilungsblatt der Ortsgruppe Dresden des VDR, Nr. 22, 1927. 25 werden. Große Bedeutung misst Fritz Boehner der in den USA praktizierten statistischen Sammlung von Wirtschaftsdaten bei, auf deren Grundlage er- folgreich Werbepläne aufgestellt werden können: „Hier sehe ich eine Aufga- be, durch die die deutschen Handelskammern mithelfen könnten, die Rekla- me auch in Deutschland zu dem machtvollen Faktor zu machen, den sie in Amerika zum Nutzen der dortigen Industrie darstellt.” Die Werbung scheint Fritz Boehner ebenso als maßgeblich kulturprägendes Element zu erfahren. In seinem filmischen Reisebericht Aur nach U.S.A.°° wird die VDR-Delegation beim Eintreffen des Schiffes in New York als erstes von einer Reklametafel begrüßt: „Nach zwei Tagen Fahrt weitab der amerikani- schen Küste entlang kommen wir an den New Yorker Hafen. Der erste Blick fällt auf eine riesige Wrigley-Reklame.”?’ Die näherrückende Freiheitsstatue, das viel zitierte, die Ankunft in Amerika symbolisierende Filmbild, folgt erst in einer der darauffolgenden Einstellungen und bekommt sekundäre Bedeu- tung zugeschrieben. Noch 1939 in dem Film Wır FAHREN NAcH AMERIKA? spricht aus den Bildern die Faszination, die die amerikanische Werbewelt auf Fritz Boehner ausübt. Der Film, „der vielen deutschen Volksgenossen ein klares Bild über das ‚Wunder- land Amerika’ vermitteln soll”?, präsentiert in einer bemerkenswerten Ein- stellungsfolge förmlich einen filmbildlichen Katalog von Straßenreklameta- feln. Sie dokumentiert die Allgegenwärtigkeit und die erstaunliche Ideen- und Gestaltungsvielfalt der Werbung in den USA und gehört innerhalb des Films zu einer der längsten Szenen, womit die Werbung gleichberechtigt ne- ben das Empire-State-Building, die Niagarafälle und die Ford-Werke gestellt wird. Im Rahmen eines Großwerbefilms für Amerika-Reisen mit dem Schiffs- reiseunternehmen Hapag wird damit der Reklame im amerikanischen Alltag ein enorm hoher Stellenwert beigemessen. Dies lässt erkennen, dass die er- lebte Reklamevielfalt selbst für Fachleute wie Fritz Boehner und seine Mitar- beiter überwältigend genug war, um sie dem deutschen Publikum in diesem außerordentlichen Umfang präsentieren zu wollen. Um eine Stärkung der Position des Werbewesens in Deutschland zu erzielen, besteht für Fritz Boehner eine der vordringlichsten Aufgaben darin, entspre- chende Interessenidentitäten zu erkennen und auszubauen. Bis Mitte der zwanziger Jahre erarbeitet er sich in Dresden eine Stellung, die es ihm er- laubt, das Verhältnis von Werbetreibenden, Behörden und Wirtschaftsvertre- tern zu harmonisieren. Er zeigt kommunalpolitisches Engagement als alleini- > Mitteilungsblatt der Ortsgruppe Dresden des DRV, Nr. 43, 1929. > Film-Credits: s. Anhang Il, Zensur/FSK/Jahr: 28.9.1928, 5. 114. 7 Zensurkarte B 20278. ° Film-Credits: s. Anhang Il, Zensur/FSK/]ahr: 6.1.1939, 5. 129. ”” [00 Tage Amerika. In: Film-Kurier, Nr 214, 13.9.1938, 5. 3. 26 ger Filmsachverständiger des Rates zu Dresden und vereidigter Sachverständi- ger für Kultur- und Werbefilm beim Landgericht Sachsen.°’In Personalunion ist er Vorstandsmitglied der Dresdner Kaufmannschaft, Leiter der Filmstellen der Sächsischen Einzelhandelsgemeinschaft und des Verbandes Sächsischer Industrieller sowie Vorstandsmitglied des VDR, der VDR-Ortsgruppe Dresden und des Bundes der Lehr-, Kultur- und Werbefilmhersteller. In diesen Rollen behauptet Fritz Boehner eine wertvolle und mächtige Mittlerfunktion zwi- schen dem Werbefilm und dessen potentiellen Interessentenkreisen. Das Ziel, auf diesem Wege auch eigene Geschäftsbestrebungen zum Erfolg zu führen, verliert er dabei nicht aus dem Auge. Als Direktor der ostsächsischen Filiale der Industriefilm AG in Dresden seit 1922 hat er beste Kontaktmöglichkeiten zur sächsischen Wirtschaft. Im Vor- stand des Filmherstellers sitzen eine Reihe von Industriellen und Fabrikbesit- zern aus Dresden und Umgebung sowie der Syndikus des Verbandes Sächsi- scher Industrieller.°! Ab 1924 ist der deutsche Werbefilmpionier Julius Pin- schewer Direktor der Industriefilm AG. Fritz Boehner wird dadurch mit den Strukturen und der Arbeitsweise bei der Pinschewer-Film vertraut, die sich später bei seiner eigenen Firma in ähnlicher Weise wiederfinden lassen. Hier- zu gehören: eine äußerst patriarchalische Führungsweise, die große Gewich- tung des Vertriebs und der Einschaltung von Filmen und eine große Band- breite in der Filmproduktion. Beide Filmproduzenten streben die Vereinigung künstlerischer und kaufmännischer Grundsätze in der Filmarbeit an, aller- dings besitzt Julius Pinschewer im Gegensatz zu Fritz Boehner ein sehr star- kes Interesse an filmkünstlerischen Belangen und übernimmt die Verantwor- tung der künstlerischen Leitung bei allen in seiner Firma produzierten Fil- men. Ein Unterschied in der Geschäftspraxis besteht zudem darin, dass der Berliner Filmhersteller auch durch Fusionen und Neugründungen versucht, wirtschaftlich zu expandieren. So übernimmt Julius Pinschewer im Mai 1925 die Industriefilm AG.% Fritz Boehner ist damit ab Ende 1925 nicht mehr de- ren Filialdirektor, aber die Geschäftsverbindungen, die er während der Aus- übung dieser Funktion knüpfen konnte, bilden das stabile Fundament für den Aufbau einer eigenen Firma, die er dann am 15. Januar 1926 mit der „Boehner-Reklame und Film - Fritz Boehner” gründet.‘ Das äußere Kennzei- *° Selbstanzeige. In: Die Reklame, 2. Juniheft, 1927, 5. 414; Mitteilungsblatt der Ortsgruppe Dresden des DRV, Winter, 1933. 6! Jahrbuch der Filmindustrie 1922/23. Berlin: Verlag der Lichtbildbühne 1923, 5. 85. 62 Julius Pinschewer ist im Aprit 1925 Alleininhaber der Industriefilm AG. Diese fusioniert am 28. Mai 1925 mit seiner Firma Werbefilm GmbH zur Pinschewer-Film AG (Amsler, An- dre: Wer dem Werbefilm verfällt, ist verloren für die Welt. Das Werk von Julius Pinschewer 1883-1961. Zürich: Chronos 1997, 5. 22). Zu Julius Pinschewer siehe auch: CineGraph — Lexikon zum deutschsprachigen Film. München: Edition Text+Kritik, 1984 ff, 3 Die Industriefilm AG befasste sich auch mit dem Verkauf von Filmapparaten (Jahrbuch 27 chen der weiteren Interessenbündelung in den Händen von Fritz Boehner ist die Tatsache, dass fast alle von ihm vertretenen regionalen Institutionen mit der Boehner-Film lange Zeit unter der gemeinsamen Adresse Bürgerwiese 23 firmieren. Seine Tätigkeit als Leiter der Filmstelle Dresdner Jahresschau hat dabei sowohl für die Profilierung des Reklamewesens als auch für den Aufbau der eigenen Firma einen besonders hohen Stellenwert.‘ Die Jahresschau Deutscher Arbeit Dresden Die Jahresschau Deutscher Arbeit Dresden, eine Ausstellungsreihe zwischen Industriemesse und Kulturschau, zieht in der Zeit ihres Bestehens von 1922 bis 1929 Aussteller und Besucher aus ganz Deutschland an.‘ Mit ihrer the- matisch breiten Streuung, einer jährlichen Laufzeit von sechs Monaten und der Möglichkeit zur umfassenden Selbstdarstellung bietet sie zahlreiche An- knüpfungspunkte und großen Anreiz für die unterschiedlichsten Interessen- gruppen. Renommierte deutsche Großunternehmen und sächsische Betriebe nutzen die Jahresschau, um ihre Produkte und ihren Wirtschaftszweig zu präsentieren.%Der Stadt Dresden dient sie als Werbefläche für ihr touristi- sches Potential. Die Einrichtung eines Ausstellungskinos auf dem Jahresschaugelände am Stübelplatz im Jahre 1923 sowie einer Jahresschau-Filmstelle im Jahre 1924 zeigt, dass auch dem Film als Werbemittel eine bedeutende Rolle zugewiesen wird. Der Presseleiter der Jahresschau, Heinrich Zerkaulen, unterstreicht 1931 rückblickend, wie wichtig die filmische Werbung für den Erfolg der Aus- stellung gewesen ist: „Immer stärkere Ausdehnung erfuhr die Filmreklame. Die Dresdner Jahresschau und die internationale Hygiene-Ausstellung schu- fen eine eigene Filmstelle, die in 52 Städten Deutschlands mit eigenen Groß- filmen und einer Reihe von Kurzfilmen für Dresdens Ausstellungen warben. der Filmindustrie 1923/25. Berlin: Verlag der Lichtbildbühne 1926, 5. | 16). Die Vermutung liegt nahe, dass Fritz Boehner auf dieser Grundlage den technischen Aufbau seiner eigenen Firma günstig betreiben konnte. # Auch nach 1950 ist Fritz Boehner in Verbänden und Organisationen der Filmwirtschaft engagiert: u.a. Filmwirtschaftlicher Beirat der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft e.V. (SPIO), 1954 Vorstand SPIO-Fachgruppe Kultur- und Werbefilm, 1956-58 SPIO-Werbeaus- schuss, WVerbefachverband Franken, Verband Deutscher Industriefilm Produzenten. # Literaturhinweis: Heinz, Ferdinand: Die Jahresschau Deutscher Arbeit - eine glanzvolle Epoche Dresdner Ausstellungstätigkeit. In: Dresdner Geschichtsverein e.V. (Hg.): Große Ausstellungen um 1900 und in den zwanziger Jahren. Dresden: 2000 (= Dresdner Hefte: Beiträge zur Kulturgeschichte, Heft 63), 5.53-61. „Dresden hat mit dieser siebenten Jahresschau eine Ausstellung geschaffen, mit der es neben Berlin, Köln und München sehr wohl wird bestehen können. Ueber 300 führende in der übergrossen Mehrzahl reichsdeutsche und nur zum geringen Teil sächsische Industrie- unternehmungen sind mit ihren technischen Musterleistungen auf dieser Ausstellung ver- treten.“ (Germania, Berlin, 17.5.1928). 28 Sie liefen auch in englischer Sprache auf den Schiffen der Hapag und des Nord- deutschen Lloyd.“ Hinzu kamen 3340 Diapositivreklame-Vorstellungen auf Schiffahrtslinien nach Nord- und Süd- amerika.” Vor Ort und deutschlandweit erlaubt die Jahresschau damit eine massive Öf- fentlichkeitsarbeit für den Film als Wer- bemittel. Außerdem ist sie der jungen Boehner-Film beim eigenen wirtschaftli- chen Aufbau und der Auftragsakquisiti- on sehr dienlich, da Fritz Boehner die Leitung der Jahresschau-Filmstelle ob- legt. Mit Hilfe der Vorstellungen im Ausstel- lungskino kann der gebürtige Erlanger den Vertretern der an der Messe teilneh- menden Firmen tagtäglich überzeugend demonstrieren, welche massenwirksame Kraft und welches verkaufsfördernde Po- tential die filmische Selbstdarstellung hat. Einen Kulminationspunkt der PR- Arbeit für das Reklamewesen bildet die 1927 durchgeführte Jahresschau „Das Papier“, auf der der VDR den Sachbe- reich „Das Papier in der Reklame“ be- treut. Maßgeblich ist Fritz Boehner an der Vorbereitung und Durchführung der VDR-Ausstellungstätigkeit beteiligt. Im Vorfeld führt er zunächst die notwendi- gen Verhandlungen mit den Veranstal- tern, in deren Ergebnis dem VDR kosten- los ein Ausstellungsraum zur Verfügung gestellt wird.°®Am Rande der Ausstel- lung findet dann am 11./12. Juni 1927 auch eine VDR-Vorstandssitzung statt. Eine der ersten Selbstanzeigen, November 1926. ° Zerkaulen, Heinrich: Zur Geschichte der Dresdner Ausstellungen, Propaganda und Wir- kung. In: Georg Seiring (Hg): 10 jahre Dresdner Ausstellungsarbeit und Jahresschauen deutscher Arbeit 1922-1929 und Internationale Hygiene-Ausstellung 1930/31. Dresden: Selbstverlag der Internationalen Hygiene-Ausstellung Dresden 1930/31,5. 88. 6 Mitteilungsblatt der Ortsgruppe Dresden des VDR, Nr. 17, 1926. 29 Fritz Boehner nutzt diese Gelegenheit, um mit einer Filmvorführung im Aus- stellungskino seine Person und Arbeit auch innerhalb dieses Führungskreises der Werbefachleute gut und profilierend in Szene zu setzen: „Herr Fritz Böh- ner hatte es verstanden, für diesen Zweck einen guten Film zusammenzustel- len. Originell und lustig war die Filmbegrüßung durch das VDR-Männchen und Fritz Böhner selbst, der auf dem Kühler eines schweren Autobusses an- rollte. Viel belacht wurden die ‚Werbekanonen‘, [...] hieran schloß sich eine Auswahl Ausschnitte aus wohlgelungenen Werbefilmen.”‘ Die Aufträge der Jahresschau und ihrer Aussteller geben der noch jungen Boehner-Film einen sicheren Rückhalt, um zielsicher in wachsendem Maße auf dem bewegten Markt der Werbefilmbranche tätig zu werden. Denn auf Grund der Regelmäßigkeit der Veranstaltung bedeuten die Aufträge der Jah- resschau zur filmischen Werbung und Dokumentation wie auch die Filmauf- träge, die in einem mittelbaren Zusammenhang mit der Ausstellung stehen, für die Boehner-Film eine relativ sicher zu kalkulierende Einnahmegröße. Die wirtschaftliche Verflechtung zwischen Filmstelle und Boehner-Film muss sehr eng gewesen sein. Bezeichnenderweise gibt es selbst in Publikationen aus jener Zeit Unschärfen in der Zuordnung von Filmtiteln.’°Die Überblen- dung von Kompetenzen - Fritz Boehner ist gleichzeitig Verantwortlicher für Filmfragen der Jahresschau und Inhaber der auftragnehmenden Firma - zeigt, wie der Erlanger durch die Bündelung von Verantwortlichkeiten in sei- nen Händen den Aufstieg seines eigenen Betriebes geschickt untermauert. Überdies hat die Jahresschau weiteren fördernden Einfluss auf die Filmar- beit der Boehner-Film. Bei der Gegenüberstellung der thematischen Schwer- punkte der einzelnen Jahresschauen mit den Inhalten der in den entspre- chenden Jahren produzierten Filme wird erkennbar, dass bei der Boehner- Film eine Vielzahl von Aufträgen für Werbe-, Kultur- und Industriefilme klar im Zeichen der Ausstellung stehen. Die Filme dienen einerseits zur Unterstützung der Präsentation der Firmen auf der Ausstellung. Themenverwandt zur Jahresschau „Das Papier” entsteht bei der Boehner-Film u.a. der Großwerbefilm Die TecHniKk IM Dienste DES DRUCKMASCHINENBAUS’! für die Schnellpressenfabrik AG in Coswig bei Dresden. Die Tageszeitung Dresdner Nachrichten gibt den Demonstrations- und Werbefilm Mitteilungsblatt der Ortsgruppe Dresden des VDR, Nr. 26, 1927. ”° Der Katalog des Bundes deutscher Verkehrsvereine schreibt der Boehner-Film Filmtitel zu, deren Herstellung nach Angaben der Zensurkarten auf die Filmstelle der Jahresschau zurückgeht (Im Film durch Deutschland. Berlin: Bund Deutscher Verkehrsvereine e.V. 1927, 5. 24 fs. auch: Entwicklung des Werbefilms — 15 Jahre Boehner-Film, wie Anm. 49, 5. 246). In Betracht zu ziehen ist, dass gerade in den Anfangsjahren der Boehner-Film die Kosten für die Filmprüfung über die Filmstelle abgerechnet werden, indem diese als Antragsteller und angebliche Ursprungsfirma die Filme bei der Prüfstelle vorlegt. ’! Zensur: 31.5.1927 - B 15820, 35mm, s/w, stumm, 1470 m. 30 DER WERDEGANG DER DRESDNER NACHRICHTEN” in Auftrag und führt diesen dann im ei- genen Ausstellungspavillon fortwährend vor.” Andererseits nutzen Auftraggeber den vorteilhaften Werbeeffekt aus, der entsteht, wenn das beworbene Produkt in irgendeiner Weise in einen denkba- ren Zusammenhang mit der aktuellen Jahresschau gebracht werden kann. Für den Zeitraum 1930/31 lassen sich mit Verweis auf die in jenen Jahren statt- findende IT. Internationale Hygieneausstellung in der Filmografie der Boeh- ner-Film auffällig viele Werbefilme sowie Kultur- und Industriefilme mit sehr deutlichen Bezügen zu volksgesundheitlichen Themen, wie z.B. Arbeits- schutz, hygienische Nahrungsmittelversorgung und gesunde Ernährung, fin- den. Mit der Ausstellung verbinden sich positive Werte wie „zeitgemäß“, „volkswirtschaftlich nützlich“, „seriös“. Eine thematische Anlehnung an die Ausstellung in den Kinowerbefilmen soll beim Publikum bewirken, dass es jene Werte auf das vorgestellte Produkt bzw. den Anbieter transferiert. Fritz Boehner nutzt die Jahresschau zweifelsohne, um seinen Kunden- stamm, den er teilweise bereits durch seine Arbeit für die Industriefilm AG und die Filmstellen sächsischer Wirtschaftsverbände aufgebaut hat, zu erwei- tern. Als Treffpunkt von Industrie und Handel mit überregionaler Bedeutung ist die Veranstaltung ein idealer Ort für neue Akquisitionen. Die stete Prä- senz mittels des Ausstellungskinos erlaubt der Boehner-Film, Überzeugungs- arbeit bei potentiellen, dem Film gegenüber jedoch noch skeptischen Wirt- schaftsvertretern zu leisten und die eigenen Filmprodukte an renommierter Stelle aufzuführen. ”* Interessenidentitäten während der NS-Zeit Fritz Boehner scheut bei seinem Engagement für den werbenden Film und für die weitere Konsolidierung der Boehner-Film ab 1933 auch nicht vor einer Annäherung an die NS-Ideologie zurück. Bereitwillig stellt er die Arbeit der eigenen Firma in den Dienst der nationalsozialistischen Propaganda. Die af- firmative Haltung gegenüber dem NS-Regime, die die Boehner-Film mit ihren Filmarbeiten in der Zeit von 1933 bis 1945 offenbart, ist vermutlich nicht po- litisch motiviert, sondern rein geschäftliches Kalkül. Nach Darstellung ehemaliger Mitarbeiter sei Fritz Boehner weitgehend un- politisch eingestellt und seine Parteimitgliedschaft in der NSDAP nur nomi- 72 Zensur: 31.5.1927- B 15819, 35mm, s/w, stumm, 450 m. 73 Sechste Jahresschau Deutscher Arbeit Dresden 1927. Das Papier - Amtlicher Führer. Dresden:Verlag der Jahresschau Deutscher Arbeit, 1927. 5. 179. ” Ein vergleichbares Messeengagement zeigen die Herstellerfirmen Hans Fischerkoesens und Julius Pinschewers, die die filmische Betreuung der Messe Leipzig respektive Berliner Ausstellungen übernehmen (Agde, Günter: Fimmernde Versprechen. Geschichte des deut- schen Werbefilms im Kino seit 1897. Berlin: Das Neue Berlin 1998, 5. 44). 3l neller Art gewesen.’’ Allerdings tritt er schon im Mai 1933, also sehr frühzei- tig nach Hitlers Machtantritt, in die Partei ein und stellt auch die Aufnahme- anträge für die anderen Repräsentationsfiguren der Boehner-Film, für seinen Bruder und technischen Leiter Ludwig Boehner und für den ersten Regisseur Kurt Engel. Mit karrieristisch geprägtem Weitblick werden die Zeichen der po- litischen Veränderungen schnell erkannt und die Forderung nach Unterord- nung akzeptiert. Im Betriebsleben der Boehner-Film wird jedoch Distanz zur NS-Ideologie ge- wahrt: „[Fritz Boehner und Ludwig Boehner] waren bemüht nur geschäftlich die Dinge, soweit es die Entwicklung zuliess, in Grenzen zu halten.”’* Die Boehner-Film übernimmt keine Formen der NS-Betriebsorganisation, die „5-6“ NSDAP-Mitglieder finden in der 60 Personen starken Belegschaft keine Agita- tionsbasis.’”’ Aus der Arbeit der Boehner-Film in den Jahren von 1933 bis 1945 gehen weder rassistische noch als kriegshetzerisch zu beschreibende Fil- me hervor. Aufträge hierfür liegen vor, können aber, nach Aussage von Lud- wig Boehner, abgelehnt oder durch mutwillige Herstellungsverzögerung ver- hindert werden.’ Gegenüber feineren Nuancen systemunterstützender Propa- ganda ist die Boehner-Film in ihrer Filmarbeit jedoch keineswegs sensibel. Pragmatisch nutzt die Boehner-Film die neuen politischen Umstände aus, um den eigenen wirtschaftlichen Aufstieg zu fördern. Fritz Boehner, bis 1933 Sachbearbeiter für das Werbefilmwesen im Reklameverband, übt die gleiche Funktion im Nationalsozialistischen Werberat der deutschen Wirtschaft aus und ist damit an der NS-gelenkten Gestaltung der deutschen Filmwirtschaft aktiv beteiligt (siehe oben). Identitäten zwischen den wirtschaftlichen Inter- essen der Boehner-Film und den Interessen der politischen Führung, den Film propagandistisch für die Selbstdarstellung und Verbreitung der NS-Welt- anschauung einzusetzen, versteht der Filmhersteller sehr schnell in Produkti- onsaufträge umzuwandeln. Bereits im Mai 1933 fertigt die Boehner-Film den Sonderbericht Drespen EHRT DIE Arseıt’° an, der Veranstaltungen und Kundgebungen der NS-Organisationen am 1.-Mai-Feiertag im Dresdner Stadtzentrum dokumentiert und in dem die Filmaufnahmen mit markigen Zwischentiteln kommentiert werden: „Ganz ” Als Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei bewegt sich Fritz Boehner vor 1933 im liberalen Umfeld, Seine Mitgliedschaft in der Erlanger Freimaurerloge „Libanon zu den 3 Tedern” deutet ebenfalls daraufhin, dass er der diktatorischen Unterdrückung des geisti- gen Lebens in der NS-Zeit innerlich kritisch gegenüberstand. ’° KPD-Gruppe Dresden Gorbitz an die KPD Stactteilleitung Ill, 22.8.1945, Sächs. Arch, D, Bestand Landesregierung Sachsen, Ministerium für Wirtschaft, 2949, Bl. 15. 77 |bid. ’8 Schriftliche Aussagen Ludwig Boehner, Sächs. Arch. D, Bestand Landesregierung Sachsen, Ministerium für Wirtschaft, 2949, Bl. 12 f. ? Film-Credits: s. Anhang Il, Zensur/FSK/lahr: 14.6.1933, 5. 117. 32 Dresden beteiligte sich einmütig an dieser gewaltigen Kundgebung. [...] Ge- schlossen marschieren wir in die neue Zeit.” Ebenfalls im Jahr 1933 entsteht ein Filmbericht über den Besuch des Führers der Deutschen Arbeitsfront, Dr. Robert Ley, in Begleitung des sächsischen Reichsstatthalters Martin Mutsch- mann bei der Sturm-Zigarettenfabrik in Dresden, Staarsrar Dr. Lev...®! Der Zi- garettenhersteller, der sich selbst als erster nationalsozialistischer Betrieb darstellt, ordert bei der Boehner-Film in diesem Zusammenhang den Indu- striewerbefilm STURM-ZIGARETTEN, EIN DEUTSCHER BEGRIFF, der am Filmende zum po- litisch bewussten Konsumverhalten aufruft: „Das nationale Deutschland raucht Sturm-Zigaretten! [...] Treue um Treue! Deutsche Männer, übt Diszi- plin! Raucht Sturm Zigaretten!”* In den Folgejahren produziert die Boehner-Film weitere Filme, die von einer fruchtbaren und wirtschaftlich vorteilhaften Zusammenarbeit mit dem NS- Instanzen zeugen. Für das sächsische Presseorgan der NSDAP, Der Freiheits- kampf, betreibt die Boehner-Film 1934 mit Du unn Deme Zermung® Filmwerbung. In dem Film Bauten ım NEUEN DeutschLann® wird im Auftrag der Reichsbahnzen- trale für den Deutschen Reiseverkehr die NS-Baupolitik in der Spannbreite von Reichsautobahn über SS-Ordensburg bis zu den Plänen zur monumenta- len Umgestaltung in Berlin propagiert. Verstärkt wird die Boehner-Film in den Jahren des II. Weltkrieges ein Propa- gandainstrument der NS-Politik. Völkische Töne, Durchhalteparolen, kriegs- wichtige Lehrfilme ebenso wie die Kriegswirklichkeit verleugnende Unterhal- tung bestimmen in jener Zeit die Filmarbeit. (siehe Kapitel 3.3.) Obwohl Fritz Boehner und seine Mitarbeiter innerbetrieblich Distanz zum Nationalsozialis- mus wahren können, sind eine Vielzahl der produzierten Filme deutlich dem politischen Kompromiss verpflichtet. So hat es Symbolcharakter, dass der ers- te Kameramann, Fritz Lehmann, in die SA eintritt, um auf diese Weise in den Besitz einer entsprechenden Uniform zu gelangen, die ihm bei einem Hitler- besuch in Dresden eine hervorragende Position für Filmaufnahmen direkt vor der Tribüne sichert.*'Im Auftrag des Films und vor allem seiner wirtschaftli- chen Verwertung wird bei der Boehner-Film die politische Bedeutung der ei- genen Filmarbeit verantwortungslos verdrängt. 9 Zensurkarte B 33942, 8! Zensur: 5.12.1933 - B 35195, 35mm, s/w, stumm, 61 m (weitere Zensuren nachgewie- sen). 5 Yensur: 4.1.1934 - B 35200, 35mm, s/w, stumm, 564% m (weitere Zensuren nachgewie- sen). ® Zensurkarte B 35200. * Film-Credits: s. Anhang Il, Zensur/FSK/ahr: 7.3.1934, 5. 118. 5 Film-Credits: s. Anhang I, Zensur/FSK/Jahr: 25.6.1941,5. 135. 8 Interview mit Fritz Lehmann, 31.10.2001, Ramelsloh. Fritz Lehmann wird nach II Mona- ten bereits wieder aus der SA wegen „schlechter Dienstauffassung” ausgeschlossen. Die Uniform behält er, sie ist der Arbeit bei weiteren Wochenschaueinsätzen dienlich. 33 2.2.Arbeitsorganisation Erfolgreich gelingt Fritz Boehner die Verflechtung der eigenen Geschäftsinter- essen mit dem wachsenden Interesse öffentlicher Einrichtungen und der Wirtschaft an der filmischen Selbstdarstellung. Sein zentrales Geschäftsprin- zip besteht darin, ausschließlich Auftragsarbeiten zu erledigen, d.h. die Pro- duktion eines Filmes erfolgt bei der Eoehner-Film nur dann, wenn die Finan- zierung vollständig durch einen oder mehrere Auftraggeber abgesichert ist. Peter Forster erinnert sich, dass Fritz Boehner wiederholt betonte, für den Aufbau der Firma keine einzige Mark Kredit aufgenommen zu haben und dass seine finanzielle Unabhängigkeit Ausgangspunkt und Ergebnis seiner jahre- langen Geschäftstätigkeit bildete. Das wirtschaftliche Risiko der Boehner- Film tendierte also gegen Null. Allerdings kann das heraufbeschworene mythische Bild des Selfmademan, der allein durch fleißige Akquisitionsarbeit zum erfolgreichen Filmproduzen- ten aufsteigt, nicht die Tatsache verdecken, dass erst das Zusammentreffen unterschiedlicher Komponenten, die in allen drei Geschäftsbereichen des Werbebetriebes - Akquisition, Produktion, Vertrieb - wirksam werden, das Fundament des Aufstiegs und der nachfolgenden wirtschaftlichen Stabilität der Firma bilden. Nicht zuletzt ist das künstlerisch und technisch leistungs- starke Mitarbeiterteam der Grundstein des Erfolges. Personalpolitik Hinsichtlich der Entwicklung von personellen Strukturen bei der Boehner- Film ist es unerlässlich vorauszuschicken, dass Fritz Boehner nur sehr gering- fügig selbst filmisch aktiv wird, nachweislich nur für die Filmdokumentatio- nen Aur nach U.S.A. von 1928 für die Boehner-Film und Erstes Sächsisches SÄN- GERBUNDES-FEST IN DRESDEN 20.-23. Jun 1925 für die Progreß-Film in Dresden. Ehemalige Mitarbeiter bekräftigen einstimmig, dass Fritz Boehner später nie Anteil an den Filmaufnahmen und deren Nachproduktion gehabt hat und sich ausschließlich der Geschäftsführung und Akquisition widmete. Der Firmenchef besitzt anfangs die Absicht, die Boehner-Film weitgehend als Familienbetrieb zu führen, um so die Personalfrage ökonomisch am effek- tivsten lösen zu können: „Fritz Boehners Vorstellung war: Er als Chef, der ak- quiriert, Ludwig Boehner der Kameramann und Eberhard Boehner der Regis- seur.”®So gehört es zu einer der ersten Aufgaben von Fritz Lehmann nach seiner Anstellung im Jahre 1933, den jüngeren Bruder des Firmenchefs, Lud- ® Interview mit Peter Forster, 25./26.11.2001, Kressbronn. Biografische Angaben zu Peter Forster siehe Anhang I. ® Film-Credits: s. Anhang Il, Zensur/FSK/Jahr: 30.6.1925, 5. 112. #9 Lehmann, wie Anm. 86. 34 wig Boehner, anzulernen. Dieser Plan wird sehr bald auf Grund mangelnder Begabung Ludwig Boehners, der dann Leiter des technischen Betriebes wird, fallengelassen.” Der Verantwortungsbereich des zweiten Bruders, Eberhard Boehner, ist weniger klar umrissen. Offiziell fungiert er als Leiter der Werbe- abteilung, er ist aber vielfach mit Aufgaben unterschiedlichster Art betraut. Fritz Boehner kommt nicht umhin, Fachpersonal einzustellen. Über den Mitarbeiterstab der Anfangszeit der Boehner-Film liegen sehr we- nige Informationen vor. Nach Angaben der Zensurkarten arbeiten in den er- sten Jahren Erven van Osen als Regisseur und Kameramann, Ralph Grauel als Regisseur und Heinz Kluth als Kameramann.°'In den dreißiger Jahren arbei- ten diese Mitarbeiter, wie den Reichskino-Adressbücher zu entnehmen ist, als freischaffende Filmkünstler im Berliner Raum. Fritz Boehner rekrutiert vor 1945 seine Fachkräfte kaum aus der Filmwirt- schaft oder dem Reklamewesen, sondern in erster Linie aus den Betriebs- zwecken der Werbefilmfirma dienlichen Nachbarbereichen, wie Theater, Foto- grafie oder Amateurfilm. 1927 tritt der vormalige Theaterregisseur und Büh- nenbildner Kurt Engel in die Firma ein. Er wird erster Spielleiter und wichtig- ster Entwickler von Drehbuchideen. Wahrscheinlich im gleichen Jahr wird auch Fritz Wollangk°? Mitarbeiter der Boehner-Film und übernimmt zunächst die Trickgestaltung. 1929 folgt Erich Barthel”’als Beleuchter und dann als As- sistent des 1930 hinzukommenden Kameramanns Erich Menzel. 1933 stößt Fritz Lehmann zur Boehner-Film und arbeitet dort anfangs als Fotograf, löst aber den im gleichen Jahr ausscheidenden Erich Menzel an der Kamera ab. Erich Barthel setzt dann seine Arbeit als Kameraassistent bei Fritz Lehmann fort. Ein weiterer Drehstab bildet sich heraus, nachdem 1935 der preisgekrön- te Amateurfilmer®* Richard Groschopp (Regie und Kamera) in die Firma ein- tritt. Ihm assistieren häufig Walter Conz und Karl Schröder als Kameramän- ner. Für die Boehner-Film ist es charakteristisch, mit wenigen und kleinen Film- stäben zu arbeiten. Die personelle Zusammensetzung der Filmstäbe ändert ”Ibid, 9! Erven Van Osen fertigt als einer der ersten Boehner-Film-Mitarbeiter den Bildbericht Die TAGE Der Rosen (Film-Credits: s. Anhang Il, Zensur/FSKJahr: 16.9.1926, 5. 112) an, der der Prüfstelle als von der Jahresschau-Filmstelle produziert vorgelegt wird und der einzige von ihm nachweislich im Kontext der Boehner-Film fertiggestellte Film ist. ”? Biografische Angaben siehe Anhang |. ” Biografische Angaben siehe Anhang |. 9 Für sein Stummfilmdrama mit Schachfiguren, dem | &mm-Sachanimationsfilm EiN£ KLEINE KÖNIGSTRAGÖDIE (keine Zensur nachweisbar), erhält Richard Groschopp u.a. den 1. Preis beim Deutschen Amateurfilm-Wettbewerb 1935 und beim 4. Internationalen Amateurfilm- Wettbewerb 1935, Der Film wird 1936 bei der Boehner-Film als gleichnamige 35mm-Ton- filmfassung mit der Musik von Fritz Wenneis nachgedreht. (Film-Credits: s. Anhang Il, Zen- sur/FSK/Jahr: 14.5.1936, 5. 122) 35 sich entsprechend den jeweiligen Produktionsansprüchen. Mitunter stellt Fritz Boehner Drehstäbe gezielt aus Mitarbeitern zusammen, die nicht harmo- nieren; das Kalkül des Firmenchefs: „Sie arbeiten besser und unterhalten sich nicht.”’° Der enorm hohe Arbeitsdruck, der bei der Boehner-Film infolge stän- dig wachsender Auftragszahlen existiert und die verhältnismäßig geringe Entlohnung führen zu innerbetrieblichen Spannungen. Zwischen den für die Boehner-Film arbeitenden Regisseuren besteht sowohl in der Zeit vor 1945 als auch in der Zeit nach 1950 ein ausgeprägtes Konkurrenzverhältnis.°° Die Erweiterung der Filmteams erfolgt ab Mitte der dreißiger Jahre in erster Linie durch die Ausbildung eines eigenen Nachwuchses. Es kann davon aus- gegangen werden, dass die Mehrzahl der nach 1933 an der Kamera tätigen Mitarbeiter von Fritz Lehmann und teilweise von Richard Groschopp ausgebil- det wurden. Viele von ihnen gehören nach 1945 zur.ersten Generation der DEFA-Studios für Dokumentar- und populärwissenschaftliche Filme.’’ Auch nach dem Neuanfang der Boehner-Film im Jahre 1950 wird dieses autorege- nerative Prinzip fortgesetzt. Die Funktion eines Ausbilders obliegt dann Peter Forster. Filmschaffende, wie Igo Martin-Andersen, die in der Filmindustrie bereits Erfahrungen sammeln konnten, werden vor 1945 kaum angestellt, unter an- derem um Lohndiskussionen zu unterbinden und höhere Herstellungskosten zu verhindern. Denn schließlich resultiert die Konkurrenzfähigkeit der Boeh- ner-Film auch aus einer Politik der Niedrigpreise, die Fritz Boehner in erheb- lichem Maße deshalb verfolgen kann, weil er seinen Mitarbeitern Gehälter zahlt, die unter den in der Branche üblichen Tarifen liegen und die damit die Produktionskosten niedrig halten. Entsprechende schriftliche Anfragen der Mitarbeiter an die Reichsfilmkammer belegen dies: 1940 weist Richard Groschopp darauf hin, dass er nach vierjähriger Tätigkeit, die Regie- und Ka- meraarbeiten umfasst, immer noch sein Anfangsgehalt von 350 RM bezieht, und deutet an, dass die Vergütung von Sonntagsarbeiten bei der Boehner- Film eine beständige Streitfrage darstellt.® Auch nach 1950 ist die Entloh- nung bei der Boehner-Film unangemessen. Gerd Scholz führt das Funktionie- ” Aus dem Nekrolog zum Tode von Fritz Boehner, verfasst von Boehner-Film-Mitarbeitern. (Unterlagen Peter Forster) ° Groschopp 1987, wie Anm. 22, 5. 12; Scholz, wie Anm. 14. 77 Siehe Anhang | und Biehl, Renate: Biographien und Filmographien. In: Günther Jordan, Ralf Schenk (Hg.): Schwarzweiß und Farbe. DEFA-Dokumentarfilme 1946-92, Berlin: Jovis 1996, 5. 383 ff. ° Brief Richard Groschopp an Reichsfilmkammer, 1.3.1940, BArch B, ehemalig BDT RKK 2600, Box 0070, File 14 Richard Groschopp. Zum Vergleich: Die Spitzenverdienste von Regisseuren der Ufa-Werbefilmabteilung lagen 1936 bei Monatsgehältern von 1.000 bis 2.000 Reichsmark, Kameraleute verdienten bis zu 750 RM, Richard Groschopps Gehalt für Drehbuch-, Regie-, Kamera- und Grobschnittarbeiten entspricht mit 350 RM ungefähr dem 36 ren einer solchen Betriebsführung vordergründig auf die Filmbesessenheit der Mitarbeiter zurück: „Fritz Boehrer hat immer die Leute geschätzt, die beses- sen waren. Die Leute an der Spitze der Produktion waren nicht angestellt und gingen um fünf Uhr nach Hause, das waren Besessene, wie Boehner selbst.“ Attraktive Preise für sehr gute Qualität waren das Ergebnis. Die Boehner-Film bildet in der Zeit vor 1945 einen abgeschlossenen Mikro- kosmos. Filmvorspanne, Zensurkarten und die zeitgenössische Filmpresse ver- raten nur einige Namen der an den Filmproduktionen hauptsächlich beteilig- ten Personen. Fritz Boehner ist bemüht, sein filmkünstlerisches Personal nur in begrenz- tem Maße bekannt werden zu lassen, um dieses nicht an die Konkurrenz zu verlieren: „Boehner hat uns völlig isoliert und abgeschirmt, so gut es irgend ging. Vor allem wollte er nicht, dass wir irgendeinen Kontakt mit der Berliner Filmindustrie hatten.“”Doch groß aufgezogene Matineen und Premierenver- anstaltungen sowie begeisterte Filmbesprechungen in Fachzeitschriften rufen das Interesse der Filmbranche am filmkünstlerischen Personal der Boehner- Film hervor. 1940/41 bemüht sich der Bergfilmregisseur Arnold Fanck, Fritz Lehmann, der zu diesem Zeitpunkt in Dresden keine Chancen für seine film- künstlerische Weiterentwicklung sieht, für die Riefenstahl AG in Berlin zu akquirieren. Der geplante Firmenwechsel scheitert am Widerstand Fritz Boeh- ners. Unter den verschärften Bedingungen der staatlich gelenkten Kriegswirt- schaft, die auch in der Filmwirtschaft spürbar werden, ist Fritz Lehmann von dessen Zustimmung abhängig: „Ich kam von Boehner nicht weg, seit Kriegs- beginn durfte keiner den Arbeitsplatz wechseln ohne Genehmigung des Ar- beitgebers.“!% Die Versuche des Betriebsleiters, Fritz Lehmann unter Ausnutzung der kriegsbedingten Umstände und mittels eigener guter Beziehungen innerhalb der Reichsfilmkammer zu halten, führen zu einem für beide Parteien glücklo- sen Ende. Nachdem bekannt wird, dass der Kameramann nicht nur für kriegs- wichtige Filmarbeiten sondern auch für die Erledigung von Werbeaufträgen eingesetzt wird, erlischt dessen Status als „unabkömmlich“ gestellter Wehr- pflichtiger, und er muss 1943 zum Militärdienst.'” Fritz Boehner verliert mit Fritz Lehmann seinen langjährigen ersten Kameramann, der bis dahin auch durch seine ingenieurtechnische Versiertheit maßgeblich zum Erfolg der Boehner-Film beigetragen hat. eines Beleuchters oder niedrig bezahlten Kameramanns bei der Ufa-Werbeabtetlung (Vgl. Bericht über die Prüfung per 31.5.36 und den anschließenden Zeitraum - bis 31.1.37 -. BArch B, Bestand Ufa-Werbefilm R 109 1,550). ” Lehmann, wie Anm. 86. 190 Lehmann, wie Anm. 86. '%! Lehmann, wie Anm. 86. 37 Nach 1950 werden die Arbeitsverhältnisse bei der Boehner-Film offenbar freizügiger gestaltet. Eine Vielzahl an Filmen entsteht in der Regie und Film- gestaltung von Erni und Gero Priemel, die gleichzeitig auch eine eigene Fir- ma, EGP-Film, mit einem der Boehner-Film vergleichbaren Produktionsprofil betreiben.'” Verstärkt werden freischaffende Regisseure und Kameraleute zur Filmproduktion herangezogen, von denen einige Erfahrungen aus früheren Filmtätigkeiten mitbringen.'® Da die Regisseure und Kameraleute der Boehner-Film eine ganze Reihe von Arbeitsschritten bei der Filmherstellung selbst durchführen, ist der filmpro- duktive Bereich nicht aufgebläht. Für Arbeiten wie Feinschnitt und Trick- zeichnung gibt es weitere Mitarbeiter, deren Aufgaben mehr technischer als gestalterischer Natur sind. Informationen über die gesamte Personalstruktur liefert die firmeneigene Hauszeitschrift Die Fiimmer-Post zumindest für die Mitte der fünfziger Jahre. Unter Einbeziehung von Lehrlingen und Volontären zeigen die Beschäftigtenzahlen für die verschiedenen Arbeitsbereiche Anfang des Jahres 1954, dass der Personalbestand für reine Verwaltungstätigkeiten deutlich schmal gehalten ist: 12 Personen erledigen Leitungs- und Buchhal- tungsaufgaben, 10 Personen arbeiten in der Werbe- und Einschaltabteilung, und 30 Personen sind mit der Filmherstellung (von Bühnenbau bis Regie) be- schäftigt.!% Für darstellerische Aufgaben werden Theaterschauspieler von Dresdner bzw. Hamburger Theaterkäusern eingesetzt, die in Einzelfällen die Arbeit bei der Boehner-Film erfolgreich als Einstieg in die Filmindustrie nutzen können. So bestreiten beispielsweise Karin Hardt und Carola Höhn vor ihrer Ufa-Karriere ihr Leinwanddebüt mit Werbefilmproduktionen der Boehner-Film für den Ver- lag Otto Beyer, Leipzig: in Freissıee Hänne!” bzw. in KLEIDER Machen Leure!%. Aber auch im Bereich der Darstellung hat Fritz Boehner die kostengünstigsten Lö- sungen im Auge, d.h. Spielszenen mit wenigen Personen und Arbeit mit am Drehort ausgewählten Laiendarstellern.'!?” Gerade letztere garantieren nach seiner Auffassung bei Industrie- und Kulturfilmproduktionen einen höheren 192 Biografische Angaben siehe Anhang I. '% Nach 1950 arbeitet die Boehner-Film mit vormaligen Kulturfilmregisseuren wie Hans Albert Lettow (biografische Angaben siehe Anhang |) und Gero Priemel zusammen. '* Die Belegschaft teitt sich Anfang 1954 wie folgt auf die Standorte auf: I0 Personen sind in Erlangen und 42 in Hamburg beschäftigt. (Die Flimmer-Post, Nr. |, 1954, 5. 7; Nr. 2, 1954, 5.11; Nr. 3, 1954, 5.8; Nr. 4, 1954,5. 11). 18 Film-Credits: s. Anhang Il, Zensur/FSK/Jahr: 30.9.1931,5. 116. 1% Film-Credits: s. Anhang Il, Zensur/FSK/jahr: 15.9.1933, 5. 117. 197 In der Regel ist die Anzahl der Darsteller in den Filmen der Boehner-Film begrenzt und meist auf eine Person oder ein Paar beschränkt. Der Großwerbefilm Wir MEISTERN DAS LEBEN (Zensur: 8.2.1941- B 54986, 35mm, s/w, Ton, 1370 m, Regie: Kurt Engel, Kamera: Fritz Leh- mann, Darsteller: Ruth Eweler, Hansi Wendler, Margarete Genske, Beatrice Randolf, Willi 38 Grad an Natürlichkeit und Glaubwürdigkeit: „Es hat sich herausgestellt, daß der Arbeiter an der Maschine, daß die Packerin im Packsaal und daß der Por- tier in seiner Loge viel bessere Filmschauspieler in ihrer Natürlichkeit sind, wie man glaubt. Alle Leute des Betriebes freuen sich, daß sie mitwirken dür- fen, um ihre Arbeit zu propagieren.”'® Mit der musikalischen Gestaltung werden freischaffende Filmkomponisten wie Fritz Wenneis, Walter Schütze, Werner Eisbrenner und Rudolf Perak be- auftragt. In den fünfziger und sechziger Jahren übernimmt neben Horst Dempwolff, Gerhard Trede und Heinz Jahr auch der durch die Vertonung der Karl-May-Verfilmungen bekannt gewordene Komponist Martin Böttcher die musikalische Untermalung einiger Kultur- und Industriefilme der Boehner- Film. Auftragsakquisition Die Akquisiteure der Boehner-Film operieren vom Dresdner bzw. Erlanger Hauptbüro und von Außenvertretungen der Firma aus, die vor 1945 in Berlin, Hamburg und Düsseldorf eingerichtet werden. Nach 1950 betrachtet Fritz Boehner die beachtliche geografische Distanz zwischen der Verwaltung in Er- langen und der Produktion Hamburg als eine durchaus vorteilhafte Ausgangs- lage, um die Boehner-Film neu zu etablieren. So entsteht ein weit reichender Einzugsbereich, der es erlaubt, in der gesamten Bundesrepublik präsent zu sein. Aufträge werden nun von Bayern bis Hamburg eingeholt, wobei Fritz Boehner als Hauptakquisiteur regelmäßig zwischen den beiden Firmenstand- orten pendelt. Weitere Vermittler operieren in Hamburg, München und im Rheinland.!® Durch die enge Zusammenarbeit mit der EGP-Film in Frankfurt am Main kann das Geschäftsfeld der Boehner-Film auf den südwestdeutschen Raum ausgedehnt werden. Der Aufbau und die Unterhaltung der Kontakte zu den wirtschaftlich stärk- sten Kunden der Boehner-Film konzentrieren sich in einem so hohen Maße auf den autokratischen Firmeninhaber, dass nach seinem Tode im Jahre 1959 eine gleichwertige Neubesetzung seiner Position scheitert. Das daraus resul- tierende Ausbleiben neuer bedeutender Akquisitionen wird zum Hauptgrund für das Ende der Boehner-Film im Jahre 1967. Peter Forster erläutert: „Boeh- ner hatte eine ungeschickte Geschäftspolitik, was sich letzten Endes nach seinem Tod sehr negativ ausgewirkt hat, denn die Firma war dann einfach Witte, UA: 16.2.1941 Ufa-Palast am Zoo, Berlin) im Auftrag der Voiksfürsorge bildet mit 22 Schauspielern von drei Dresdner Bühnen (Theater des Volkes, Komödienhaus, Landes- bühnen) eine der Ausnahmen (Fl.: Filme, die nicht im Kino laufen. In: Dresdner Anzeiger, Nr 111, 14.5.1941,$. 6). '® Boehner wie Anm. 49, 5.425. '® Scholz, wie Anm. 14. 39 zerblasen. Er hat versäumt, sich ein, zwei Leute heranzuziehen, die sein Ver- trauen hatten und die auch kompetent genug waren, eine solche Firma wei- terzuführen. Er war zu autokratisch. Er hat sich um jede Briefmarke geküm- mert.”?" Fritz Boehner besitzt ein enormes Geschick in seiner Akquisitionsarbeit. Ausgehend von dem Standpunkt, dass Werbung eine Investition in den zu- künftigen Gewinn ist, vermittelt er seinen interessierten Kunden wie auch in seinen publizierten Fürsprachen für den Werbefilm das Bild vom Filmherstel- ler als hilfreichen Geschäftsberater und weniger als Geschäftspartner. Aller- dings spielt für ihn nach der Auftragserteilung die klare Kompetenzabgren- zung eine wichtige Rolle: „Ist es nach Beratung und im gegenseitigen Ver- trauen zu einem Filmprojekt gekommen, dann ist es für eine weitere Zusam- menarbeit wünschenswert, daß man dem zu Rate gezogenen Filmhersteller auch das Filmprojekt von Anfang bis zum guten Ende überläßt. Ein allzuvie- les unentschlossenes Eingreifen bessert die Filmaufgabe nicht.”'!! Den Werbe- leitern der auftraggebenden Firma muss verdeutlicht werden, dass die fachli- che Kompetenz im Fall des Filmauftrags bei dem erfahrenen Filmhersteller legt. Filmproduktion Grundvoraussetzung für die schnelle und kostengünstige Filmherstellung durch die Boehner-Film ist die auffällig hohe Selbstständigkeit, die den Film- stäben gleichermaßen zugestanden und abverlangt wird. Die Mitarbeiter zeichnen sich durch eine Vielseitigkeit aus, die ein hohes technisches Ver- ständnis und erzählerisches Talent miteinander verbindet. Sie sind universell einsetzbar und erschließen sich neue Arbeitsfelder, so dass eine Reihe von Arbeitsschritten, oftmals von der Drehbuchentwicklung bis zum Schnitt, häu- fig in Personalunion erledigt wird. „[Kurt Engel] schrieb die Drehbücher, grundsätzlich über Nacht. Wenn ein Kunde kam, dann hatte er am nächsten Morgen das Ding auf dem Tisch. Und der Engel wartete gar nicht, bis das Okay vom Kunden kam - er ging sofort ins Atelier, fing an zu bauen, machte alles selbst. Er konnte jedes Handwerk, konnte malen und die Dekoration entwerfen, einfach alles. Er bereitete hundertprozentig vor, und dann konnte schon gedreht werden.”!? Das Vertrauen, das Fritz Boehner in seine Regisseure setzt, räumt diesen große Freiheiten ein. Entscheidend ist für ihn der Erfolg, d.h. ein zufriedener ''° P Forster, wie Anm. 87. II! Boehner, Fritz: Filmhersteller und Werbefachmann. In: Die Deutsche Werbung, Sonder- heft: Film, Dia und Ton, |, Dezemberheft, 1937,5. 1094. 112 Lehmann, Fritz: Zeitreise durch {fast) ein Jahrhundert. Interview Michael Gööck. In: Ca- meraMagazin, Nr. 6, Januar 2002, 5.17. 40 Kunde.!’’Im Anschluss an die Auftragserteilung durch eine Firma erfolgt die eigentliche Filmplanung und -besprechung im direkten Gespräch zwischen dem Auftraggeber und dem Regisseur bzw. Regiekameramann der Boehner- Film. Die Ideenentwicklung wird bei Filmaufträgen größerer Firmen meist von deren Werbeberatern angestoßen. So zeichnet beispielweise der stellvertre- tende Direktor der Volksfürsorge Hamburg, Paul Destrovsky, für die inhaltli- che Konzeption der bei der Boehner-Film in Auftrag gegebenen Großwerbefil- me für das Versicherungsunternehmen verantwortlich. In der Regel entwi- ckelt die Boehner-Film die Filmideen und Drehbücher aber selbst; Planung und gestalterische Umsetzung liegen damit in ein und denselben Händen. Anders als bei Großunternehmen wird die Durchführung dieser beiden Aufga- benfelder nicht mehreren Betriebsabteilungen übertragen. Im Gegensatz zu kleinen Filmherstellerfirmen hält bei der Boehner-Film eine auf das personel- le Mindestmaß beschränkte Verwaltungsabteilung geschäftsorganisatorische Aufgaben vom filmkünstlerischen Mitarbeiterstab fern. Scheinbar ohne inner- betriebliche Reibungsverluste ist die Boehner-Film ein zum besonders schnel- len Agieren fähiger Konkurrent in der Filmwirtschaft. Die Arbeitsorganisation bei der Boehner-Film wird in Fachkreisen wegen ihrer Effizienz gern als bei- spielhaft sowie als Erfolgsgrundlage des modernen mittelständischen Film- herstellers hervorgehoben: „Wahrscheinlich liegt hier ein Geheimnis des Er- folges. Bei Boehner wundert man sich, wie schön ein Rad ins andere greift, ohne großen Menschenaufwand, ohne bürokratische Verzettelung. Der Regis- seur ist der Mann, der das Entstehen eines Films vom Drehbuch her bis zur Ablieferung maßgebend gestaltet. Es ist wirklich sein Werk, für das er sich einsetzt. Rationelles Arbeiten kann man beim Boehner-Film lernen.”’'* Diese unkomplizierte Arbeitsweise befähigt den mittelgroßen Betrieb im Zeitraum von 1929 bis 1940 immerhin zu einem jährlichen Produktionsvolu- men von durchschnittlich 9.000 Filmmetern - selbst bei der vereinfachenden Kalkulation, die nur von 35mm-Filmmetern ausgeht, bedeutet dies einen Um- fang von jährlich knapp vier Spielfilmen. Um das Ausmaß voll zu erfassen, muss zusätzlich die hohe Anzahl an verschiedenen Sujets und Auftraggebern in Betracht gezogen werden - schließlich werden pro Woche etwa ein bis zwei Kurzwerbefilme hergestellt." Neben der Arbeitsorganisation unterliegen auch die einzelnen Schritte der Filmherstellung gezielt ökonomischen Prinzipien: „Die Frage ist ja, wie Boeh- ner so groß werden konnte, denn wir hatten dann ja sogar Kunden, die frü- her zur Ufa gingen. Das war nicht nur, weil wir gute Filme machten, sondern Boehner konnte die Ufa weit unterbieten. Erstens auf Grund der niedrigen Löhne, die wir bekamen. Zweitens war ein Film für Engel und mich geistig 13 Scholz, wie Anm. 14. 4 Entwicklung des Werbefilms -15 Jahre Boehner-Film, wie Anm. 52,5. 244. 5 Lehmann, wie Anm. 86. Al fertig, wenn das Drehbuch vorlag. Von wegen viel Schnittmaterial. Bei uns wurde der Schnitt im Atelier gemacht und nicht am Schneidetisch. Die Sa- chen wurden geprobt und dann gedreht - meist nur ein oder zweimal. Da- durch hatten wir einen ganz geringen Filmverbrauch. Und ein Filmmeter kos- tete damals soviel, wie unserer Oberbeleuchter als Stundenlohn bekam.”!" Die Filmmontage wird vom Regisseur oder Kameramann persönlich über- nommen. Der Feinschnitt liegt in den Händen einer bezeichnenderweise als Kleberin benannten Mitarbeiterin. Kultur- und Industriefilme werden grundsätzlich an Originalschauplätzen gedreht und somit teure Kulissenbauten umgangen. Dies erfordert Flexibilität und spontanen Ideenreichtum, wie die Dreharbeiten zum Fremdenverkehrs- film REISEN IM SCHÖNEN DEUTSCHLAND" belegen: Szenen, die im Abteil eines fahren- den Zuges spielen, werden in einem Eisenbahnwagen auf dem Abstellgleis in einem Dresdner Bahnbetriebswerk aufgenommen. Um die Zugbewegung zu simulieren, „hat man den Wagen mit dem hinteren Fahrgestell auf eine Dreh- scheibe gesetzt und nun stehen auf dem Rand der Scheibe kräftige Eisen- bahnarbeiter, die energisch im Takt auf und nieder wippen“.'"® Studioaufnah- men beschränken sich auf Innenraumszenen und zeichnen sich durch zweck- mäßig schlichte Kulissen aus, die in den eigenen Bühnenbauwerkstätten an- gefertigt und mehrfach verwendet werden. Der Erfindungsreichtum der Mitarbeiter bringt technische Verbesserungen in der eigenen Filmarbeit hervor, die die Herstellungszeiten zu verkürzen hal- fen. Probleme können schnell und unkompliziert bewältigt werden: „Wir wa- ren flexibel in jeder Beziehung gegenüber der Ufa. Wenn ein Motiv spontan eine Kamerafahrt verlangte, war dies mit dem Kamerawagen und der Aufnah- mebühne am Firmenauto schnell möglich; die Ufa hätte zwar