Die freie Bewegung derWorte ReinhardKahn, Michel Leiner:Waldi (BRD, 1979/80) FilmDokument 12, KinoArsenal, 3 I.August 1998 In Zusammenarbeit mit dem Bundesarchiv-Filmarchivund den Freundender Deutschen Kinemathek Einführung: MichaelWedel Wenn, wie Alexander Kluge einmal behauptete, es neben der offiziellen Ge¬ schichte des sogenannten neuen deutschen Films noch eine untergründige gibt, dann verbindet sich damit auch die Forderung,Produktionen aus dem experimentellenUntergrund des (west)deutschen Kinos der siebziger und achtziger Jahre einmal wieder zu ihrem Recht zu verhelfen. Ein geeignetes Beispiel für dieses ästhetische Experimentierfeldder offiziellen Filmgeschich¬ te wäre Reinhard Kahnsund Michel Leiners Filmessay Waldi als eine ebenso programmatische wie unbekanntgebliebenen Umsetzungder kritischen Film¬ ästhetik des UlmerInstituts für Filmgestaltung. Schon die Lebensläufe seiner Macher erscheinenim Rückblick exemplarisch für die Unwägbarkeiten, denen diese Generation ausgesetztwar: sowohl Kahn (geb. 1941 in Kassel) als auch Leiner (geb. 1942 in Augsburg) waren Studen¬ ten am UlmerInstitut (Leiner 1962/63 - 1966/67, Kahn 1963/64 - 1967/ 68), unternahmen 1966 ihre erste gemeinsameFilmarbeit und brachten es bis Mitte der achtziger Jahre auf 12 gemeinsameFilme; ferner weitere 4 Filme innerhalb der Produktionsgmppe Eppelwoi Motion Pictures (1968/69), der auch andere ehemalige UlmerStudenten angehören, wie z. B. Jeanine Meer¬ apfel und Ingeborg Nödiger. Während Leiner seit 1970 hauptberuflichals Ausstattungsdesignerim Verlag Stroemfeld/RoterStern tätig ist, geht Kahn im gleichenJahr nach Berlin und schließt sich dort der Basisgruppe Spandau als Fräser und Schlosser an, um anschließend zu seiner Mutter nach Nidda im Taunus zu ziehen und sich nach eigenen Angaben als Hausmeister sowie mit dem Lesen von Kriminalro¬ manen und Fernsehen zu beschäftigen. 1979 zieht Kahn nach Frankfurt, wo er auf Anregung Kluges die gemeinsameFilmarbeit mit Leiner wieder auf¬ nimmt. Waldi ist somit der erste Film nach fast zehnjährigerfilmischer Absti¬ nenz. Ausschlaggebend für den Rückzug aus dem Filmgeschäftwaren vor allem die veränderten politischen Rahmenbedingungendes Filmemachens, die ebenso kritischen wie skeptischenFilmemachern wie Kahn und Leinerweder den Sprung in die kommerzielle Spielfilmsparte noch den Schritt zum politi¬ schen Agitationsfilm erlaubte. Konkret spielten laut Kahn aber auch Schwie- 18 rigkeiten in der Veröffentlichungder Eppelwoi Motion Picture-ProduktionAm Ama Am Amazonas eine Rolle. „Als der Film 1970 fertig geschnittenwar, machten wir uns mit der Rolle auf die Reise nach Berlin, wo wir vergeblich versuchten, den Film bei der Berlinale unterzubringen.Der Leiter Dr. Bauer reagierte wohlwollend und ratlos. Auf der Filmmesse durfte der Film einmal gezeigt werden. Im Zuschauerraum saßen dann ein ausländischerBesucher, der kein Wort Deutsch verstand, und eine ältere Dame, die nur rein zufällig vorbeikam und einen Blick riskierte und am Ende der Veranstaltunggeweckt werden mußte." Auf weitaus größere Resonanzstieß zehn Jahre später Waldi, der im mitt¬ lerweile etablierten InternationalenForums des JungenFilms auf der Berlina¬ le gezeigt wurde und einige wache Interpretenfand: „Der Gefahr, in die abge¬ tretenen Stereotypen des Naturalismusoder der harmonischen Naturidylle zu geraten, sind die Regisseureentgangen durch Montagen, Aufrauhungen durch Zwischentexte,musikalischeMotive und rhythmische Formen. So bildet sich ein Faszinosum, das sich weniger durch die Kraft einzelner Filmbilder als durch einen fließendenSog der Montage herstellt zwischen Text und Bild. Ein Neubeginnfür zwei Regisseure, aber auch für das Genre, das zur Zeit am meisten strapaziert wird: der Literaturverfilmung." (Gertrud Koch) Das Buch zu Waldi entstand unter Verwendungvon Textauszügen aus „Der Wald" und „Lebenslauf"von Robert Walser, sowie Waldbegriffenaus einem rückläufigenWörterbuch und einem Bericht über Robert Walsers Tod in „Das Leben Robert Walsers" von Robert Mächler. Die kritische Auseinandersetzung mit den traditionellen Genres des Heimat¬ films und der Literaturverfilmung führt in diesem filmischen Essay über den Zusammenhang von Lebenswegund Landschaftswahrnehmung des schweizer SchriftstellersRobert Walser zu einer doppelten Gattungs-Verschiebung:vom narrativen Spielfilm zur offenen Form des non-fiction und hinsichtlich der Stoffvorlage vom Roman oder der Novelle/Kurzgeschichtezu marginalen Pro¬ saformen wie der ProsasMzze, der essayistischen Landschaftsbeschreibungbis hin zum begrifflichen Spiel mit Wörterbuch-Einträgenund medizinischen Be¬ funden. In der Absetzung vom traditionellen deutschen Erzählkino, seinen Illusions¬ formen und verkrustetenGattungsunterteilungenentsteht eine Mischform, die erzählende und dokumentarische Elemente unter dem Primat der Transpa¬ renz der eingesetztenfilmischen und literarischen Mittel verbindetund so beim Zuschauer eine kontemplative Aufmerksamkeit ohneAnspannung her¬ stellt, die den freien Ablauf der Assoziationenund gedankliche Logiksprünge zuläßt. Die ungewöhnliche Gattungsbezeichnung „Tonfilm"verweist gleich zu Be¬ ginn des Films auf die Gebundenheit an die filmischen Ausdrucksmittel,die 19 im historischen Rückgriff neben Bild, Ton, Musik und Kommentar auch Zwi¬ schentitel einschließen. Und auch den noch so ruhigen Bildfolgen der Wald¬ landschaftwird durch die von idiosynkratischensprachlichenDehnungen und schweizerischenDialektwendungen zusätzlich verfremdeten Walser-Zita¬ te des Kommentarsjeder „authentische"oder „dokumentarische" Charakter genommen: auch die „Wirklichkeit" dessen, was wir sehen, wird doppelt dis¬ kursiv gebrochen: durch das Medium des Tonfilmsund die Subjektivität eines Temperaments, das des SpaziergängersRobert Walser, dessen Tod während ei¬ nes Spaziergangs der Film am Ende simuliert. Die „freie Bewegung der Worte", wie sie in Alexander Kluges und Klaus Eders UlmerDramaturgien als dialektisches Mittel zur Entfaltungeines offe¬ nen Erfahrungs-und Assoziationsraumstheoretisch gefordert wird, findet hier im Jahr der Auflösung der Ulmer Schule ihr filmisches Epitaph. Waldi Produktion: Institut für Filmgestaltung,Ulm; Kahn/Leiner-Filmproduktion, Frankfurt am Main / Regie: Reinhard Kahn, Michel Leiner / Kamera: Reinhard Kahn / Sprecher: Janis Osolin Format: 16 mm, Farbe, 1:1.33, 845 m (= 77') Premiere: 9. 5. 1980, Frankfurt am Main (KommunalesKino) Kopie: Archiv Freunde der Deutschen Kinemathek, Berlin StiftungDeutsche Kinemathek Im Januar 2000 wird die Stiftung Deutsche Kinemathek(SDK) ins Filmhaus am Potsdamer Platz umziehen; die Eröffnung des Filmmuseumsist für 3uni 2000 vorgesehen. Umzugsbedingtbleibt die Bibliothek der SDK vom 1. April 1999 bis zum Frühjahr 2000 geschlossen; zwischen April und Mitte Juli 1999 ist sie aber mittwochs von 9.00 bis 16.30 Uhr für Buchausleihe und -rückgabe zugäng¬ lich. Bis zur Neueröffnung bleibt außerdem der BereichArchiv- und Sammlungs¬ bestände geschlossen. Derzeit werden die Bibliotheks- und Sammlungsbe¬ stände elektronisch erfaßt und für den Umzug vorbereitet. Das Fotoarchivund der Filmverleih bleiben noch bis Herbst 1999 geöffnet.