Rayd Khouloki [rezens.tfm] 2023/2 Diese Rezension ist erschienen in [rezens.tfm] 2023/2 | Veröffentlichungsdatum: 2023-11-16 https://rezenstfm.univie.ac.at/index.php/tfm/issue/view/2023-2 | doi:10.25365/rezens-2023-2-12 Rezension zu Andreas Veits: Narratologie des Bildes. Zum narrativen Potenzial unbewegter Bilder. Köln: Herbert von Halem Verlag 2021. ISBN: 978-3-86962-596-6. 338 Seiten, 32,00 €. von Rayd Khouloki Der Untertitel Zum narrativen Potential unbewegter Bil- der macht in seiner Bescheidenheit stutzig. Ist das nicht längst ein von der Narratologie zur Genüge erforsch- tes Feld? Ist es mitnichten, wie diese sehr lohnens- werte Studie von Andreas Veits zu Beginn bereits deutlich macht. Denn wie Veits in der Einleitung aus- führt, wurde die Motivation für eine dezidiert narra- tologische Erforschung unbewegter Bilder trotz deren Bedeutung in der Kulturgeschichte – so könnte zusammenfassend gesagt werden – zwischen der auf Stilgeschichte konzentrierten Kunstwissenschaft und der auf sequenzielle Repräsentationen wie Texte, Filme, Games fokussierten Narratologie zerrieben. So liegt der vorliegenden publizierten Dissertation ange- sichts des Gegenstands und der Fragestellung schon zwingend ein interdisziplinärer Ansatz zugrunde. Das theoretische Fundament dafür bilden die literaturwis- senschaftliche Narratologie sowie die Kognitionswis- senschaft und die narrative Psychologie. Damit wer- den sowohl die Seite des Gegenstands als auch die der Rezeption in den Blick genommen: "Um die Fragen zu beantworten, inwiefern und auf welche Weise Bilder erzählen können, bedarf es aus Sicht dieser Arbeit stattdessen einer Betrachtung von Eigenschaften der Bildrepräsentation sowie von Pro- zessen des Bildverstehens als analytische Einheit." (S. 21) Die Studie klärt zunächst, von welchem Verständnis von Bild ausgegangen wird. Veits entwickelt hier ein dezidiert "exklusives" Bildverständnis, was sich folge- richtig aus der Frage nach der Erzählhaftigkeit unbe- wegter Bilder ergibt (S. 40). Ein Bild wird hier als "'Fenster' in eine fiktive Welt" (S. 40) verstanden, die von den Rezipierenden als medial vermittelte konstru- iert und von der außermedialen Welt unterschieden wird. Diese Welthaftigkeit medialer Repräsentationen konstituiert, so Veits, die Voraussetzung für deren potenzielle Narrativität. Im Folgenden entfaltet Veits dann akribisch, dabei aber immer gut verständlich, die kognitionstheoretischen und narratologischen Grund- lagen. Zentrale Begriffe auf der kognitionstheoreti- schen Seite sind etwa "Schemata" und "Skripte". Die beiden Begriffe beschreiben verschiedene Ebenen der Wissens- und Erfahrungsstrukturierung, die bei der Betrachtung von Bildern aktiviert werden können. Schemata beziehen sich auf die Ebene der Objekter- kennung, während Skripte ganze Situationen und Handlungsabläufe umfassen können. Bei kognitionstheoretischen Argumentationen ist in der Regel die Übertragbarkeit von Ergebnissen der zu- grunde liegenden Studien auf künstlerische Artefakte ein Problem, da sich die entsprechenden Experimente Rayd Khouloki [rezens.tfm] 2023/2 Diese Rezension ist erschienen in [rezens.tfm] 2023/2 | Veröffentlichungsdatum: 2023-11-16 https://rezenstfm.univie.ac.at/index.php/tfm/issue/view/2023-2 | doi:10.25365/rezens-2023-2-12 auf einfache Reizkonstellationen beziehen und nicht auf fiktionale Welten. Veits aber gelingt die Verbin- dung verschiedener kognitionstheoretischer Erkennt- nisse zur Hypothesenbildung für eine Narratologie des unbewegten Bildes. Dazu trägt zwar auch die re- lative Reizarmut unbewegter Bilder im Vergleich etwa zum Film bei, was der reduzierten Komplexität im Ex- periment nahekommt und die Übertragung der kogni- tionstheoretischen Erkenntnisse nachvollziehbarer macht; vor allem aber überzeugt in diesem Zusam- menhang die differenzierte und anschaulich exempli- fizierte Darstellung der theoretischen Grundlagen durch den Autor. Die Brücke zur Narratologie bildet dann ein Kapitel zu verschiedenen Darstellungsmodi von Bildern. Damit sind verschiedene "Bildtypen" (S. 61) gemeint, die dann ausgehend vom Einzelbild noch in Formen von seriellen Bildtypen unterteilt werden. Auf dieser Basis kann im Folgenden jene Annahme in der Narratologie kritisch geprüft werden, der zufolge Zustandsverän- derung die Minimalbedingung für Narrativität bilde: Veits arbeitet sich hier an rigiden Positionen ab, die davon ausgehen, dass eine Zustandsveränderung mehr oder weniger direkt dargestellt sein müsse, um Narrativität zu erzeugen, und bringt in diesem Zusammenhang anschließend den Begriff der "Erfah- rungshaftigkeit" von Monika Fludernik in Stellung: Fludernik nimmt eine Wendung hin zu den Rezipi- ent*innen vor (S. 82ff), indem sie die Bedingung für das Verstehen medialer Deutungen in den Wissensbe- ständen der Rezipient*innen begründet sieht. Nach Fludernik entwickelt sich zwischen dem Medium und den Rezipient*innen ein Prozess der Erfahrungshaf- tigkeit, wenn zwischen den Wissensressourcen der Rezipient*innen und der medialen Darstellung eine Verknüpfung entsteht. Dieses Erfahrungswissen kann auf körperlicher Ebene, der Ebene des Bewusstseins und des Zeiterlebens bestehen (S. 82f). Hier kommen dann auch die Schemata ins Spiel, die als Wissensres- sourcen bei den Rezipient*innen durch Einzelbilder abgerufen werden können. Um die bisher entwickelten theoretischen Grundlagen seiner Studie weiter abzusichern, geht Veits noch auf die narrative Psychologie ein. Im Grunde geht es hier um eine grundsätzliche narrative Verfasstheit des Menschen im Austausch mit seiner Umwelt, die auch evolutionär begründet wird. Ob dieses Kapitel in sei- ner Ausführlichkeit notwendig gewesen wäre, um die Argumentation zu stützen, ist fraglich; interessant ist es aber allemal. Die Bestimmbarkeit des narrativen Potentials in unbe- wegten Bildern stellt eine zentrale Herausforderung dar, um die Anwendbarkeit des narratologischen Ansatzes auch für deren Analyse zu gewährleisten. Dem widmet Veits zwei weitere Kapitel. Etwa defi- niert Veits Formen von Aktivitätsdarstellungen nach den drei Dimensionen "kräftebezogen, räumlich und zeitlich" (S. 145ff). Auch hier überzeugt die Studie durch verschiedene Bildbeispiele mit Anschaulichkeit. Überhaupt werden in der Studie auch immer wieder Typologien aufgeführt, die eine gewisse Übersicht- lichkeit gewähren. An dieser Stelle sei außerdem noch der Begriff der Prozessualität erwähnt, den Veits ein- führt, um die Analyse von unbewegten Bildern auf deren narratives Potential hin auszurichten und den Begriff der Narrativität schließlich zu vermeiden. Veits definiert Prozessualität folgendermaßen: "Fiktive Situationen, die auf problemorientierte Ver- haltensweisen von Figuren verweisen, werden stets als 'prozesshafte' Verläufe rekonstruiert. Die Umset- zungsphase einer Problemlösung beinhaltet eine suk- zessiv fortschreitende Kette von Aktivitäten, die zur Problemreduzierung zielgerichtet ausgeführt werden. In Bezug auf die Nachvollziehbarkeit eines auf diese Weise verknüpften Verlaufs von Problemlösungs- schritten, die auf ein zu befriedigendes Bedürfnis aus- gerichtet sind, spreche ich von Prozessualität." (S. 190) Wie stark die Darstellung von den Rezipient*innen gewissermaßen aufgefüllt werden muss, damit sie als narrativ wahrgenommen wird, hängt auch vom Bild- typus ab. Bei seriellen Bildern, die mehrere Phasen zei- gen, muss eventuell weniger Aufwand betrieben wer- den als bei einem Einzelbild. Das und den Umstand, dass der Begriff der Narrativität in der Narratologie sehr unterschiedlich verwendet wird, führt Veits als Begründung für seinen Begriff des "narrativen Poten- tials" als Ziel der Analyse unbewegter Bilder an. Im letzten Kapitel werden die Kategorien dann anhand von Beispielanalysen erprobt, die durchaus Rayd Khouloki [rezens.tfm] 2023/2 Diese Rezension ist erschienen in [rezens.tfm] 2023/2 | Veröffentlichungsdatum: 2023-11-16 https://rezenstfm.univie.ac.at/index.php/tfm/issue/view/2023-2 | doi:10.25365/rezens-2023-2-12 auch den Anspruch haben, eine Typologie zu entwi- ckeln: "Gleichzeitig erlaubt es das Korpus, einen breit gefächerten Überblick über die verschiedenen Strate- gien zu gewinnen, die von Bilderproduzierenden ein- gesetzt werden, um narrative Deutungen zu evozie- ren." (S. 201) Die Analysen zeigen dann auch überzeu- gend die Anwendbarkeit der Kategorien auf. Die Anschlussfähigkeit der Analysen an weitere For- schungsperspektiven bilden zudem eine der großen Qualitäten von Veits' Buch, wobei nicht ganz klar wird, warum er diese stellenweise nicht stärker her- vorgehoben hat. So werden bei der Analyse des Gemäldes Die Wahrsagerin konsequent das Sujet und die Interaktion der Figuren mit den Kategorien der Aktivitätsdarstellung analysiert. Auf die auffällige Mimik der im Zentrum stehenden männlichen Figur geht der Autor allerdings nicht ein. Auch bleibt der Umstand, dass die einzige männliche Figur von lauter Frauen umringt und offenbar bestohlen wird, uner- wähnt – was aus heutiger, genderpolitisch sensibili- sierter Perspektive verstärkt Fragen aufwirft. Die analysierten Bilder sind ausreichend groß in Farbe abgedruckt und den Analysen jeweils vorangestellt, wodurch ein lästiges Blättern weitgehend entfällt. Das Buch ist insgesamt ansprechend gestaltet, das Schrift- bild gut lesbar und der Aufbau übersichtlich. Das gut strukturierte Inhaltsverzeichnis ermöglicht es, auch zentrale Begriffe schnell zu finden, was den fehlenden Index zwar nicht komplett ersetzen kann, aber immer- hin eine Orientierungshilfe darstellt. Mit der Narrato- logie des Bildes hat Andreas Veits wichtige Grundla- genforschung zum Verständnis unbewegter Bilder und deren Funktionsweisen geleistet. Darüber hinaus bietet die Studie ein effektives und anschlussfähiges Instrumentarium zur Analyse narrativer Potentiale unbewegter Bilder, das auch zahlreiche Anregungen für die Auseinandersetzung mit bewegten Bildern evoziert. Autor/innen-Biografie Rayd Khouloki Dr. phil., Jahrgang 1972, Studium der Erziehungswissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Promotion im Fachbereich Medienkultur an der Universität Hamburg zum filmischen Raum, Lehrbeauftragter an den Universitäten Hamburg, Flensburg und der Muthesius Kunsthochschule Kiel, seit 2018 Senior Lecturer am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien, Arbeitsgebiete: Filmgeschichte, Filmästhetik, Genretheorie. Publikationen: – "Interferenzen: Diegetischer Raum und Zuschauerraum in Peeping Tom". In: RABBIT EYE – Zeitschrift für Filmforschung (online) 2, 2010, S. 19–37. – "Männerliebe auf dem Brokeback Mountain – Der Western zwischen Konvention, Hybridisierung und Transformation". In: Hollywood Reloaded. Genrewandel und Medienerfahrung nach der Jahrtausendwende. Hg. v. Jennifer Henke/Magdalena Krakowski/et al., Marburg: Schüren 2013, S. 76–95. – "Verstörungen. Genretheoretische Überlegungen zum Horrorfilm Martyrs (F/CDN 2008, Regie: Pascal Laugier)". In: Genre-Störungen. Irritation als ästhetische Erfahrung im Film. Hg. v. Heinz-Peter Preusser/Sabine Schlickers, Marburg: Schüren 2019, S. 115–140. Onlineportal zur Filmanalyse (seit 2017): www.filmanalyse.at Dieser Rezensionstext ist verfügbar unter der Creative Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0. Diese Lizenz gilt nicht für eingebundene Mediendaten. Rayd Khouloki [rezens.tfm] 2023/2 Diese Rezension ist erschienen in [rezens.tfm] 2023/2 | Veröffentlichungsdatum: 2023-11-16 https://rezenstfm.univie.ac.at/index.php/tfm/issue/view/2023-2 | doi:10.25365/rezens-2023-2-12 [rezens.tfm] erscheint halbjährlich als e-Journal für wissenschaftliche Rezensionen und veröffentlicht Besprechungen fachrelevanter Neuerscheinungen aus den Bereichen Theater-, Film-, Medien- und Kulturwissenschaft; ISSN 2072-2869. https://rezenstfm.univie.ac.at https://rezenstfm.univie.ac.at/