KINtO Jahrbuch zur Erforschung des frühen Films 14/15 Quellen und Perspektiven Sources and Perspectives Schulmädchenreport Lichtbilder von Maggi Colonial Discourse Skladanowsky's Welt-Theater Ominous Facts >F ake< in Early Non-Fiction Stroboscopic Effects Moving Pictures Before 1896 Karriere per Terminfilm Pfarrerstochter Henny Porten Alles über K/Ntop 1-14/15 Autoren-, Film-, Personenindex Stroemfeld!Roter Stern ISSN 1024-1906 KINtop 14h5 KINtop Jahrbuch zur Erforschung des frühen Films herausgegeben von Frank Kessler, Sabine Lenk, Martin Loiperdinger KINtop 14/15 Quellen und Perspektiven Sources and Perspectives Stroemfeld/Roter Stern KINtop Jahrbuch zur Erforschung des frühen Films ISSN 1024-1906 Herausgeber und Redaktion: Frank Kessler (Utrecht), Sabine Lenk (Düsseldorf) Martin Loiperdinger (Trier) Redaktionsbeirat: Paolo Cherchi Usai (Canberra) Thomas Elsaesser (Amsterdam) Andre Gaudreault (Montreal) Heide Schlüpmann (Frankfurt am Main) Redaktionsadresse: c/o Martin Loiperdinger Universität Trier, Medienwissenschaft D-54286 Trier e-mail: kintop@uni-trier.de http://www.uni-trier.de/-kintop KINtop is abstracted and/or indexed in: Film Literature Index; International Index to Film Periodicals (FIAF). Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme Ein Titeldatensatz für diese Publikation ist bei Der Deutschen Bibliothek erhältlich. KINtop 14/I5 Quellen und Perspektiven ISBN 10: 3-87877-794-9 ISBN 13: 978-3-87877-794-6 Copyright © 2006 Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main· Basel All Rights Reserved. Alle Rechte vorbehalten. Die Vervielfältigungsrechte der einzelnen Beiträge liegen bei den Autoren, alle Rechte an dieser Ausgabe beim Verlag. Satz: Mirjam Loch, Frankfurt am Main Druck: Nexus Druck, Frankfurt am Main Bitte fordern Sie unser kostenloses Gesamtverzeichnis an: D-60322 Frankfurt am Main· Holzhausenstr. 4 · e-mail: info@stroemfeld.de Inhalt Editorial 7 Ludwig Vogl-Bienek Eine Szene der Phantasmagorie - Idealtyp einer Projektionsaufführung 13 Ludwig Vogl-Bienek Box 8579- Wegweiser in eine terra incognita der Mediengeschichte 21 Torsten Gärtner The Sunday School Chronicle - eine Quelle zur Nutzung der Laterna magica in englischen Sonntagsschulen 2 5 Janelle Blankenship » Leuchte der Kultur« - lmperialism, lmaginary Travel and the Skladanowsky Welt-Theater 37 Yvonne Zimmermann Maggis Wandervortragspraxis mit Lichtbildern. Ein Schulmädchenreport aus der Schweiz von 1910 53 Martin Loiperdinger Biograph-Bilder vom Burenkrieg - Münchner Polizeizensur hört aufs Publikum 67 Martina Roepke » ••. doch auch bei anderen Beschauern wird das Bild Interesse erwecken ... « Filmkataloge als Rezeptionsanleitungen 77 Frank Kessler >Fake< in Early Non-Fiction 87 Sabine Lenk Vergnügungskomplex Adersstraße 17-19- Spurenlesen in Düsseldorfe r Bauakten 9 5 Niko de Klerk What the Papers say-The Case of the film-related Papers of Jean Desmet 1 1 3 Cornelia Kemp Kino im Rabinowlager 1 2 3 Bert Hogenkamp De Lichtstraal, the organ of the Dutch Union of Theatre and Cinema Employees (1916-1921) 127 Eric de Kuyper Der Stummfilm der ersten Jahrzehnte - Studiengegenstand oder Schauobjekt? 137 Joseph Garncarz, Michael Ross Die Siegener Datenbanken zum frühen Kino in Deutschland 151 Mariann Lewinsky Addio, KINtop 165 Deac Rossell The Public Exhibition of Moving Pictures before 1896 169 Martin Loiperdinger DES PFARRERS TöcHTERLEIN- ein Schlüsselfilm für die Karriere von Henny Porten 207 Matthew Solomon The »National«/»Nation« and Early Cinema- Report on the 2006 Domitor Conference 221 Die Redaktion hat erhalten 227 Autorinnen und Autoren 233 KINtop 1 -15: Inhaltsverzeichnisse 2 3 5 KINtop 1-15: Beiträge der Autorinnen und Autoren 242 KINtop 1 - 1 5: Buchbesprechungen 249 KINtop 1 -15: Filmindex 2 52 KINtop 1-15: Personenindex 280 Editorial Als 1992 die erste Ausgabe von K/Ntop, dem Jahrbuch zur Erforschung des frühen Films, erschien, wollten die Herausgeber ein Forum schaffen, »das regelmäßig über die Forschung und die Diskussionen im Bereich des frühen Kinos berichtet, das wichtige ausländische Artikel in deutscher Übersetzung veröffentlicht, deutschen Forschern Gelegenheit gibt, ihre Arbeit zu prä- sentieren, und das immer wieder auch englisch- oder französischsprachige Originalbeiträge publiziert«. Heute, fünfzehn Jahre später, können wir mit einem gewissen Stolz feststellen, daß uns dies weitgehend gelungen ist (nur die französischsprachigen Beiträge sind eine Ausnahme geblieben): Mit eini- gen Themenschwerpunkten, etwa zum frühen nicht-fiktionalen Film, zu den Aktualitäten, zu Aufführungsformen, zur Projektionskunst oder frühen Pro- grammen, haben wir sogar in mancher Hinsicht Neuland betreten. Renom- mierte internationale Filmhistoriker haben Beiträge geschrieben, die als Erst- veröffentlichung in K/Ntop erschienen sind. Zugleich haben wir auch immer wieder jungen Forschern die Möglichkeit geboten, ihre Arbeiten in K/Ntop der Fachöffentlichkeit vorzustellen. Tatsächlich war K/Ntop über viele Jahre international das einzige Periodikum, das sich ausschließlich dem Kino der Frühzeit widmete. Erst 2001 erschien die Zeitschrift Living Pictures, die nach vier Ausgaben eingestellt wurde, seit 2005 jedoch in Early Popular Visual Cul- ture eine Fortsetzung gefunden hat. Wenn wir nun mit der Doppelnummer 14/15 die letzte Ausgabe des Jahr- buchs K!Ntop vorlegen, so nicht, weil wir denken, daß für dieses Forum heute kein Bedarf mehr besteht. Ganz im Gegenteil, die hier veröffentlichten Beiträ- ge zeigen erneut, wie lebendig das Forschungsgebiet ist, und wie viele inter- essante Fragen noch unbeantwortet, wie viele Probleme noch ungelöst sind. Ebensowenig hat die Redaktion selbst das Interesse am frühen Kino verloren: Die Reihe K/Ntop Schriften wird fortgesetzt, mit Monographien sowie mit Sammelbänden, die das Prinzip des Jahrbuch-Themenschwerpunkts in loser Folge weiterführen werden. Die Gründe für unsere Entscheidung liegen einerseits im Organisato- rischen - wir konnten den jährlichen Rhythmus der Veröffentlichung nicht mehr aufrechterhalten -, andererseits im Finanziellen. Gelang es in der Zeit vor und unmittelbar nach' den »Hundert Jahre Kino«-Feierlichkeiten noch, von öffentlichen oder privaten Institutionen Förderung für ein Projekt wie K!Ntop zu erhalten, ist dies inzwischen nahezu unmöglich. Der Interessenten- kreis für ein derart spezialisiertes Periodikum ist wiederum zu begrenzt, um die Finanzierung über Abonnements und Verkauf sicherzustellen - zumal in einer Zeit, in der die Bibliotheken zu ständig weitergehenden Sparmaßnahmen 7 gezwungen werden. Weder die Redaktion noch der Verlag sehen sich unter diesen Voraussetzungen in der Lage, den Fortbestand eines verläßlich und regelmäßig erscheinenden Jahrbuchs zu gewährleisten. Die Erforschung des frühen Films und Kinos bleibt den Herausgebern jedoch ein wichtiges Anliegen, und die Fortführung von K/Ntop Schriften bietet die Voraussetzung dafür, daß im deutschsprachigen Raum weiterhin Bücher zu diesem Thema erscheinen werden. K/Ntop wird also immerhin in dieser Form weiterbestehen. Wer darüber informiert werden möchte, kann gern eine E-mail an die K/Ntop-Redaktion schicken, um in den Verteiler unse- res elektronischen K/Ntop Newsletter aufgenommen zu werden. Wir danken an dieser Stelle unseren Leserinnen und Lesern wie auch allen unseren Autorinnen und Autoren, ohne die dieses Jahrbuch nicht fünfzehn Jahre lang hätte existieren können. Unser Dank gilt vor allem auch dem Stroem- feld Verlag, der sich auf das Wagnis eines Periodikums zu einem so exotischen Gegenstand eingelassen hat und uns all die Jahre tatkräftig unterstützte. Im Rahmen der Reihe K!Ntop Schriften wird diese Zusammenarbeit fortgesetzt werden. Für die letzte K/Ntop-Ausgabe, die als Doppelnummer 14/r 5 eine Reihe von Beiträgen zum Thema Quellen und Perspektiven versammelt, haben die Her- ausgeber einen übergreifenden Schwerpunkt gewählt, um darauf hinzuweisen, daß die Mediengeschichte des frühen Films und Kinos noch viele Forschungs- felder bietet, die es verdienen, näher untersucht zu werden. Die englischspra- chigen Beiträge in dieser Ausgabe mögen verdeutlichen, daß Forschungen in diesem Bereich oft nur dann sinnvoll sind, wenn sie den internationalen Kontext - sowohl der zeitgenössischen Medienentwicklung wie der aktuellen Forschung - berücksichtigen. Inzwischen besteht weitgehend Konsens darüber, daß die Geschichte von Film und Kino in Europa nicht mit einer ,Geburt< am 28. Dezember 1895 im Souterrain des Grand Cafe in Paris begonnen hat. Die erste kommerziel- le Projektion von photographischen Reihenaufnahmen auf Zelluloidstreifen, seinerzeit ,Films< genannt, mittels des Cinematographe Lumiere fand mitten in einem Medienumbruch von Photographie und Projektionskunst statt. Dar- auf verweist einmal mehr der umfangreiche Beitrag von Deac Rassel! zu den Akteuren und zur Chronologie von Vorführungen ,bewegter Bilder<, die sich den stroboskopischen Effekt zunutze machten, bis Ende des Jahres 189 5. Ras- sel! ergänzt damit seine Chronology of Cinema 1889-1896, die I 99 5 als Ausga- be der Zeitschrift Film History (Val. 7, No. 2) erschienen ist. Mittlerweile wird auch zunehmend klar, daß die Projektionskunst in den Industrialisierungsregionen vieler Länder spätestens in den 188oer Jahren zu einem Massenmedium wurde und dies wenigstens bis zum Ersten Weltkrieg auch blieb - nicht zuletzt in Programmkombinationen mit kinematographi- schen Aufführungen. K!Ntop 14h5 eröffnet deshalb mit einem Themenblock 8 zur Projektionskunst: Am Beispiel einer Illustration zu Robertsons Phantas- magorien stellt Ludwig Vogl-Bienek Überlegungen zu den grundsätzlichen Parametern von Projektionsaufführungen an. Torsten Gärtner stellt exempla- risch Reichweite, Organisationen, Akteure und Programme des nichtkom- merziellen Sektors der Magie Lantern in England vor - anhand einer umfas- senden Auswertung entsprechender Veranstaltungsanzeigen und -berichte im Verbandsorgan der Sunday School Union, die sich dem außerschulischen Religionsunterricht widmete. Koloniale Diskurse in kommerziellen Projek- tionsaufführungen untersucht Vanelle Blankenship. Als Quellenkorpus die- nen ihr die gedruckten Programmankündigungen des Schaustellerunterneh- mens Carl Skladanowsky & Söhne, die - bisher weitgehend unbeachtet - im Nachlaß von Max Skladanowsky zugänglich sind. K!Ntop setzt damit Beiträ- ge von Ludwig Vogl-Bienek (K!Ntop 8) und Hauke Lange-Fuchs (K!Ntop 11) fort in der Absicht, mediengeschichtlich fundierte Forschungsergebnisse und Forschungsfragen zu den immer noch als Filmpionieren mißverstandenen Gebrüdern Skladanowsky zu veröffentlichen. Yvonne Zimmermann schließt den Themenblock zur Aufführung >stehender Lichtbilder< ab: Indem sie einen Schulaufsatz über einen Lichtbildervortrag der Firma Maggi präsentiert, macht sie auf eine kaum genutzte Quellengattung zur Publikumsgeschichte aufmerk- sam und öffnet Perspektiven auf ein verborgenes Feld der Mediengeschich- te, nämlich den nichtkommerziellen G:ebrauch von Diapositiven und später auch Filmen durch Privatfirmen für die Verkaufsförderung. In diesem Bereich reicht der Aufführungsmodus des frühen Attraktionskinos offenbar noch bis in die Tonfilmperiode hinein. Die Geschichtsschreibung der frühen Kinematographie hat sich zunächst mit den übrig gebliebenen Artefakten beschäftigt: mit den technischen Geräten zur Aufnahme und Wiedergabe von Filmen sowie vor allem mit den mehr oder minder fragmentarisch überlieferten Filmen selbst, die von den Filmarchiven erst von Nitratmaterial auf Safety-Film transferiert und teilweise aufwendig restauriert werden mußten, um sie überhaupt für die Forschung zugäng- lich zu machen. Da die Filme des frühen Kinos keine selbständigen Werke sind, sondern als Programmnummern - meist mit Sprecherkommentierung bzw. Musikbegleitung - projiziert wurden, stellt sich die Frage nach ihrem Aufführungszusammenhang gleichsam von selbst. Die Orte der Aufführung haben heute in der Regel anderen Baulichkeiten und Verwendungszwecken Platz gemacht. Ihre Geschichte läßt sich jedoch über erhaltene Archivalien oft noch recht gut verfolge~: Wie Sabine Lenk an dem Düsseldorfer Vergnü- gungskomplex Adersstraße 17-19 minutiös demonstriert, können Bauakten nicht nur über bauliche Veränderungen Auskunft geben, sondern auch über Besitzverhältnisse, über wechselnde Unterhaltungsangebote am selben Ort und nicht zuletzt über den Einfluß, den die Sicherheitsauflagen der Genehmi- gungsbehörden auf Gestaltung und Ausstattung von Projektionssälen haben. Zahlreiche Lokalstudien zur Kinogeschichte verwenden Bauakten, werten sie 9 in der Regel aber nur für ihre am Lokalen orientierten Erkenntnisinteressen aus. Eine systematische Untersuchung von Bauakten zur Mediengeschichte von Aufführungsorten steht für die Zeit des frühen Kinos noch aus. Indirekt geben Baupläne auch Aufschluß über Arbeitsbedingungen des Kinopersonals, das bisher wenig Aufmerksamkeit bei Filmhistorikern gefunden hat. Gewerk- schaftlich orientierte Zeitschriften bieten dazu reichhaltiges Quellenmaterial: Bert Hogenkamp zeigt an De Lichtstraal, dem Organ des Verbandes der nie- derländischen Theater- und Kinoangestellten, was das organisierte Personal unter maßgeblicher Beteiligung der Filmerklärer unternommen hat, um Kino- besitzern bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne abzutrotzen. Keinerlei Untersuchungen sind in der neueren Forschungsliteratur zu den Frontkinos des Ersten Weltkriegs zu finden. Cornelia Kemp präsentiert ein Amateurphoto aus einem Privatalbum, das ein Soldat von einem aus rohen Baumstämmen gezimmerten Frontkino an der Ostfront gemacht hat. In die- sem Bild scheint auch verborgene Publikumsgeschichte auf, denn der Photo- graph war auch mutmaßlicher Zuschauer in dem provisorischen Kino, das er abgelichtet und in sein Erinnerungsalbum aufgenommen hat. Insgesamt hat das Publikum von allen am frühen Kino beteiligten Akteuren die wenigsten Spuren hinterlassen. Abgesehen von den Rechnungsbelegen der Kinobesitzer für die Ermittlung der Vergnügungssteuer finden sich in Behördenakten hin und wieder spärliche Hinweise - vor allem dann, wenn das Publikum auffällig wurde. Wie Martin Loiperdinger an Münchner Polizeiberichten zeigt, konn- ten politisch unerwünschte Mißfallensäußerungen ohne weiteres ein Verbot der entsprechenden anstößigen Bilder bzw. Filme nach sich ziehen - daß die Staatsgewalt die öffentliche Ruhe und Ordnung auf diese Weise wiederher- stellte, gab den Protesten nachträglich recht. Indirekte Hinweise zum zeit- genössischen Filmverständnis des Kinematographenpublikums lassen sich mitunter Artikeln der Branchenpresse zu strittigen Fragen entnehmen: Frank Kessler untersucht, auf welche Weise ein Artikel aus dem Jahr 1906 den Begriff »Fake« verwendet, wobei einmal mehr deutlich wird, wie wichtig es ist, die Terminologie der Zeit historisch zu rekonstruieren. Welche Filme wann und wo auf die Leinwand geworfen wurden, darüber entschied nicht zuletzt die Distribution, über deren Akteure und Strukturen in der Zeit des frühen Kinos recht wenig bekannt ist. Verkaufs- und Verleih- kataloge des Filmangebots einzelner Herstellerfirmen gelangen erst in jüngster Zeit in den Blick der Forschung. Filmkatalogen der Dresdner Ernemann AG für Heimkino-Vorführungen entlockt Martina Roepke Rezeptionsanleitungen fürs Familienpublikum. Geschäftskorrespondenzen von Filmverleihern sind in der Regel komplett vernichtet worden - mit Ausnahme des einzigartigen Nachlasses von Jean Desmet, zu dem lvo Biom bereits zwei K!Ntop-Arti- kel (K!Ntop 3 und K!Ntop 11) beigesteuert hat. Diesmal stellt Nico de Klerk aus der Sicht eines publikumszugewandten Archivs Überlegungen an, wie die Geschäftsbriefe von Desmet und seinen Kunden für unterschiedliche kultur- 10 geschichtliche Bedürfnisse erschlossen und zugänglich gemacht werden kön- nen. Wie sich Filme aus den r9roer Jahren heutzutage als Event für Kinoliebha- ber inszenieren lassen, das zugleich den historischen Kontext wieder aufschei- nen läßt und Aufmerksamkeit für die untergegangene Kultur des frühen Kinos weckt, diskutiert Eric de Kuyper an Aufführungsprojekten der Cinematheque Royale de Belgique. Als Instrument für die künftige Forschung stellen Joseph Garncarz und Michael Ross die reichhaltigen Siegener Datenbanken zum frü- hen Kino in Deutschland vor. Online abrufbar sind in Bälde nicht nur die sogenannten Birett-Daten bis 1920, sondern auch Filmprogrammdaten und Standorte von Wanderkinos - Zukunftsmusik für mediengeschichtliche Kärr- nerarbeit, die dank der in den beiden letzten Jahrzehnten weit fortgeschritte- nen Restaurierungsarbeit der Filmarchive auf die sinnliche und ästhetische Sei- te des frühen Kinos keineswegs verzichten muß. Zum Schluß ruft uns Mariann Lewinsky ein persönliches Addio KINt op zu und klärt zugleich auf, was es mit dem geheimnisvollen Daumenkino in dieser Ausgabe auf sich hat. Nachzutragen bleibt, daß sich zuguterletzt noch ein Beitrag zu einem Film ergeben hat: Martin Loiperdinger untersucht DES PFARRERS TöcHTERLEIN, der in mehrfacher Hinsicht ein Schlüsselfilm für die Karriere von Henny Por- ten ist. Und Matthew Solomon berichtet vom diesjährigen Domitor-Kongreß in Ann Arbor, der dem Thema »The.>National,/>Nation< and Early Cinema« gewidmet war. Der Dank von Redaktion und Verlag gilt - ein letztes Mal - den Auto- rinnen und Autoren, die Ihre Beiträge für diese Ausgabe unentgeltlich zur Verfügung gestellt haben. Um den Leserinnen und Lesern die Orientierung in der Themenvielfalt des frühen Kinos zu erleichtern, sind dieser letzten Ausgabe von K!Ntop. Jahr- buch zur Erforschung des frühen Films ausführliche Verzeichnisse beigegeben: Neben den Inhaltsverzeichnissen aller erschienenen K!Ntop-Ausgaben fin- den sich alphabetisch geordnet die Beiträge der Autorinen und Autoren, die besprochenen Bücher sowie der Filmindex und der Personenindex von KIN- top r bis K!Ntop 14/r 5. Wir hoffen, daß K!Ntop mit diesen Gelegenheiten zum Nachschlagen noch lange in Gebrauch bleiben wird. Frank Kessler, Sabine Lenk, Martin Loiperdinger II Uue Sceuc d.: fanlasmn;orie, d'ap1'CS Moreau. H. Valentin, »Une Scene de fantasmagorie, d'apres Moreau«, Le Magasin Pittoresque, Paris 1849. Archiv: Illuminago LUDWIG VOGL-BIENEK Eine Szene der Phantasmagorie Idealtyp einer Projektionsaufführung Der Stich »Une Scene de fantasmagorie« illustriert einen Artikel des Magasin Pittoresque über die Phantasmagorien des Etienne-Gaspard Robertson (1763- 1837).1 Ich habe zwei Originalblätter vor mir, die ich bei einer Auktion erwor- ben habe. Da die Blätter aus dem Heft herausgetrennt wurden, sind mir Erscheinungsdatum und Ausgabennummer des Magazins nicht bekannt. Auf einem Blatt ist lediglich 1876 mit Bleistift vermerkt. Das Magasin Pittoresque wurde ab 1833 vonEdouard Charton (1807-1890) nach englischem Vorbild herausgegeben und erschien bis 1937.2 Es gehört zu den bekanntesten Zeitschriften der illustrierten Presse des 19. Jahrhunderts, die ihre Popularität der Verwendung von vielen Holzstichen verdankte, mit denen die Artikel illustriert wurden. Die vorliegende Abbildung wurde in der Literatur zur Geschichte der Laterna magica und des Films häufig wiedergegeben - allerdings mit unter- schiedlichen Datierungen: C. W. Ceram verwendet sie z.B. 1965 in sei- ner Archäologie des Kinos und gibt 184 5 als Erscheinungsdatum an.1 David Robinson bezeichnet dieses auch von Richard Balzer4 angegebene Datum als falsch. Seine 1993 erschienene lconography of the Magie Lantem nennt 1849 als Erscheinungsdatum.S Da die Maße, die Robinson angibt (107 x 75 mm), nicht mit denen unserer Ausgabe (145 x 105 mm) übereinstimmen, ist davon auszugehen, daß das Motiv mehrfach veröffentlicht und auch in anderen Grö- ßen nachgestochen wurde. Es war nicht ungewöhnlich, daß die gleichen Moti- ve und sogar dieselben Druckstöcke international von verschiedenen Blättern verwendet wurden.6 Die technischen Illustrationen des hier genannten Arti- kels finden sich z.B. auch in Cassel's Illustrated Family Paper (1860).7 Die Bildlegende verweist auf eine Vorlage »nach Moreau«, die sich nicht ermitteln ließ. In der Sekundärliter,atur war keine Erwähnung zu finden. Möglicher- weise stammt sie von Gustave Moreau, einem symbolistischen Maler, der von 1826 bis 1898 in Paris gelebt hat. Robertson wurde 1763 in Lüttich als Etienne-Gaspard Robert geboren. 1798 präsentierte er in Paris Geistererscheinungen mit speziell eingerichteten Projektionsapparaten. Diese sogenannten Phantasmagorien wurden von ihm zu großer Perfektion entwickelt. 1837 ist er in Paris gestorben.8 Der Text des Artikels berichtet von Robertsons dramaturgisch ausgefeilten Inszenierungen, 13 von ihrer wachsenden Popularität in Paris und ihrem pekuniären Erfolg. Die Behandlung der Technik konzentriert sich auf das wichtigste Projektions- verfahren Robertsons, das er lange geheimhielt, um den Erfolg seines Unter- nehmens zu sichern. Die Beschreibung seines Apparats als »eine Art Laterna magica« setzt das grundlegende Verfahren der Projektion von Lichtbildern als bekannt voraus und wendet sich der spezifischen Konstruktion zu, die Robertson als fantascope bezeichnet hat. Das Gerät wurde auf einem fahrba- ren Untersatz nahe der lichtdurchlässigen Projektionsfläche plaziert und dann während der Projektion zurückgezogen, um das Lichtbild kontinuierlich grö- ßer werden zu lassen. Eine Blende im Objektiv sorgte für den Ausgleich der Helligkeit und verminderte die anfängliche Unschärfe. Für die Zuschauerin- nen und Zuschauer entstand der Eindruck, die projizierte Gestalt würde sich aus einer scheinbaren Raumtiefe auf sie zu bewegen. Umgekehrt konnte eine Figur in der Feme verschwinden. Aufbau und Funktion des Apparats und der Bildbewegung illustriert der Artikel des Magasin Pittoresque mit fünf techni- schen Abbildungen in Spaltenbreite. Die Hauptillustration »Une Scene de fantasmagorie« nimmt die volle Breite des zweispaltigen Satzspiegels ein. Sie bezieht sich wie der Artikel auf Robertsons phantasmagorische Projektionsaufführungen im Allgemeinen: Sie zeigt das räumliche Arrangement, Positionen und Haltungen der Akteure und die dominante Anordnung des Apparats - nichts betont die Besonderheit einer spezifischen Situation, alles zeigt Prinzip. Diese generalisierende Behandlung des Themas wirkt so klar, daß sie über das Beispiel von Robertsons Phan- tasmagorien weit hinausgeht: Sie läßt die elementare Anordnung und die inneren Relationen der Präsentation von Licht-Bild-Projektionen gewisser- maßen idealtypisch hervortreten. Eben diesen idealtypischen Strukturen wid- met sich meine Betrachtung dieser Bildquelle aus dem 19. Jahrhundert. Mein Erkenntnisinteresse an dieser Illustration bezieht sich auf ein fundamentales Gestaltungsprinzip in der Geschichte der visuellen Medien: die Inszenierung wandelbarer Lichtbilder als dramaturgisches Zentrum von Projektionsauffüh- rungen, deren Historie von der frühen Neuzeit bis heute reicht.9 Die Aufteilung der Bildfläche und das räumliche Arrangement Das Bild erscheint vertikal geteilt. Diese Teilung unterstützt zunächst den Eindruck, daß sich hier zwei Seiten eines Geschehens gegenüberstehen. Die Projektionsfläche teilt den Bildraum in zwei Einzelräume auf, die unterschied- lichen Akteuren zugewiesen sind: der linke Raum dem Operateur mit dem Projektionsapparat, der rechte Raum den Zuschauerinnen und Zuschauern. Das Geschehen selbst umfaßt jedoch drei Bereiche, denen jeweils genau ein Drittel der längs geteilten Bildfläche entspricht: den Operateur mit seinem Gerät, die Bilderscheinung der Projektion und das Publikum. Die Projek- tionsfläche scheidet die beiden Räume einerseits klar voneinander, bleibt aber für den horizontalen Verlauf des Geschehens durchlässig. Der Raum links im Bild ist kastenförmig in sich abgeschlossen und wird vom Streulicht der Projektion erhellt. Hier dominiert ein technischer Apparat, dessen Licht auch das Gesicht des Mannes erhellt, der ihn handhabt. Abge- sehen von dem Schemel, auf dem er steht, wirkt alles karg und sachlich. Von hier geht ein Lichtkegel aus, der sich allerdings von dem einer gewöhnlichen Laterne unterscheidet: Die offenbar gut informierten Leserinnen und Leser wissen, daß er die Erscheinung des projizierten Lichtbilds auf der anderen Seite leuchtend hervortreten läßt. Der Raum rechts im Bild wirkt dunkel, das Geschehen wird von der hel- len geisterhaften Gestalt auf der Projektionsfläche beherrscht. Die Blicke des Publikums bleiben gebannt auf diese Erscheinung gerichtet, wobei die mei- sten erschrocken zurückweichen. Die Projektionsfläche ist mit Stoff drapiert, damit ihr Rahmen die Illusion nicht stört. Der Faltenwurf der Draperie und die Polstersessel deuten eine dekorative Raumgestaltung auf dieser Seite an. Die geflügelten Geisterköpfe an den Wänden betonen das gespenstische Ambiente der Veranstaltung, bleiben aber im Hintergrund der Darstellung.10 Am rechten Bildrand ist der Raum nicht begrenzt: Schemenhaft angeschnittene Figuren lassen ein größeres Publikum erahnen. Die Akteure des Geschehens Die Darstellung der Zuschauerinnen und Zuschauer dieser »Scene de fan- tasmagorie« zeigt unterschiedliche Haltungen angesichts der bewegten Bilderscheinung. Die Frauen sind alle in emotioneller Erregung dargestellt, Gesichtsausdruck und Körperhaltung signalisieren Erschrecken. Den Män- nern sind differenzierte Haltungen zugeschrieben: Einer wirkt wie die Frauen ganz erschrocken, ein anderer ballt die Faust zum Kampf und hat den Kopf nach vorn gereckt, während der Skeptiker mit verschränkten Armen seinen prüfenden Blick auf das Lichtbild richtet." Gegenüber, durch die Leinwand abgeschirmt von den Zuschauerinnen und Zuschauern, steht leidenschaftslos, konzentriert und aufmerksam der Mann am Apparat. In seinen Händen liegt die Gestaltung der Projektion und des Aufführungsgeschehens, die Ausgangspunkt für die Seherlebnisse des Publi- kums ist. Als einzelne Figur kennzeichnet er die einheitliche Bestimmtheit zielgerichteten Handelns auf seiten der Herstellung des Geschehens, antipo- disch dazu wird das Publikum mit seinen unterschiedlichen Reaktionen als unbestimmt offene Größe dargestellt. Von beiden Seiten aus sind die Blicke auf die Projektionsfläche gerichtet. Sie erfassen jedoch etwas sehr Verschiedenes: Für den Operateur am Apparat ist die Bilderscheinung ein Ergebnis von Planung, Gestaltung und Ausfüh- rung, das ständig zu kontrollieren ist. Für die Zuschauerinnen und Zuschauer ist sie ein überraschendes, erregendes Seherlebnis. Jenachdem ob und wie weit die projizierte Figur als Wirklichkeit wahrgenommen wird oder wenigstens dafür steht, kann sie quasi selbst die Rolle eines Akteurs im Geschehen ein- nehmen. Die Illustration zeigt einen Blick durch die Wand, der beide Seiten in ihrem Verhältnis zueinander erkennbar macht. Sie stellt der Leserschaft aufklärend einen analytischen Beobachterstandpunkt zur Verfügung. Aus dieser Position kann die gespenstische Gestalt als produzierte Illusion identifiziert werden. Im Zuschauerraum stellt sich die Situation anders dar: Die Reaktionen lassen zunächst den Eindruck entstehen, daß die meisten Anwesenden unmittelbar ihrer Wahrnehmung trauen und das Wesen aus der Geisterwelt tatsächlich auf sich zukommen sehen. Um das eigene Erlebnis als Illusion interpretieren zu können, würden sie wenigstens minimale Kenntnisse über die Wirkungswei- se der apparativen Anordnung und über den virtuellen Charakter der Licht- bild-Erscheinung benötigen. Andererseits werden sie als Publikum in einem Aufführungsereignis gezeigt, für das sie laut Text auch noch Eintritt bezahlt haben. Sie müssen also bereits vorab genügend über seine kunstvoll gestalteten Qualitäten gewußt haben, um darauf zu vertrauen, daß sie heil wieder heraus- kommen. Apparat und Lichtbild Die Illustration zeigt die Anordnung, die der Apparat dem Geschehen vorgibt. Sie bestimmt die Achsen der unterschiedlich ausgerichteten Aufmerksamkeit, welche die Akteure links und rechts dem Ereignis entgegenbringen. Die Projektionsfläche, der zentrale Schauplatz des Geschehens, wird im Text »rideau« (Vorhang) oder »miroir« (Spiegel) genannt. Damit ist ihre dop~ pelte Funktion im Arrangement der Rückprojektion bezeichnet: Als Vorhang verbirgt sie den Apparat und wie in einem Spiegel erscheinen darauf virtuel- le Figuren und Dinge. 12 In der optischen Branchenliteratur des 19. Jahrhun- derts wird sie in dieser Verwendung auch als »Schirm«, »ecran« bzw. »screen« bezeichnet. 13 Vom Projektionsgerät, das der Operateur bedient, geht der Lichtkegel aus, der das in ihm enthaltene Lichtbild auf der Projektionsfläche erscheinen läßt. Das unterscheidet den Lichtkegel der Projektion definitiv von demjenigen aus gewöhnlichen Laternen oder Lichtquellen. Mit diesen wird Licht ausgesen- det, um Lebewesen oder Gegenstände durch Beleuchtung sichtbar zu machen: Erst die Reflektion auf der Oberfläche greifbarer Dinge gibt dem Licht eine Form, die von den Augen aufgenommen wird. Der Lichtkegel von Projek- tionslaternen trägt im Unterschied dazu bereits eine Form in sich, die auf der Projektionsfläche als Bild erscheint. Deren Gegenständlichkeit, das vom Pro- 16 jektionsstrahl angeleuchtete Tuch, bemerkt das Publikum nicht: Es ist in seiner Wahrnehmung ganz von der Bilderscheinung eingenommen. Das Projektionsgerät selbst erscheint als geschlossenes Gehäuse, das alle weiteren Bestandteile enthält, um die Erscheinung hervorzubringen. Es war der Leserschaft des Magasin pittoresque im Prinzip als Laterna magica bekannt. Dem Verfasser des Artikels erschien es unnötig zu erläutern, daß der Operateur in seiner rechten Hand den Rahmen eines Bildes hält, das selbst nicht zu sehen ist, weil es im Innern des Gehäuses steckt. Gewöhnlich wird das Glasbild, das in den Projektionsapparat gesteckt wird, gleichgesetzt mit dem Lichtbild, das von hier seinen Ausgang nimmt und auf der Projektionsfläche erscheint. Das im Gerät steckende Ursprungs- bild mit einem Durchmesser von etwa 10cm wäre· jedoch viel zu klein, um beim Publikum Reaktionen auszulösen, wie sie die rechte Seite der Illustra- tion zeigt. Angesichts der beachtlichen Größe des Lichtbildes (d er Text spricht immerhin von drei bis vier Metern) ist ein Erschrecken schon eher nachvoll- ziehbar - der starke Effekt beruht aber vor allem auf dem scheinbaren Her- annahen der gespenstischen Gestalt durch die kontinuierliche Vergrößerung des Bildes. Eine Wandelbarkeit dieser Art ist dem Glasbild, gebunden an seine Materialität, nicht eigen. Die Bilder auf den beiden Seiten des Lichtkegels der Projektion sind miteinander verknüpft, aber nicht miteinander identisch. Ihre visuellen Erscheinungsformen bilden eine Differenz. Diese Differenz ist es, die der Operateur so aufmerksam handhabt, um das optimale Lichtbild zu gestalten. Auf das Glasbild im Apparat hat er Zugriff - was er auf dem Schirm sieht, ist schon Ergebnis: Er hat nur wenig Zeit, Korrekturen vorzunehmen, Bilder auszutauschen und die nächsten Wandlungen einzuleiten. Aber läßt sich ein Glasbild, ein Artefakt, das während seiner bestimmungs- gemäßen Verwendung für die Projektion eines Lichtbilds gar nicht zu sehen ist, überhaupt als ,Bild< ansprechen? Es handelt sich doch offensichtlich um ein inhaltliches und gestalterisches Element der apparativen Anordnung, die wir Projektion nennen: Ein sichtbares Bild muß daraus erst noch hervorgehen - und im Fortgang der Aufführung eine wandelbare Folge von Lichtbildern. Die dafür ausgewählten und nacheinander in den Apparat eingesetzten Bildeinhei- ten nehmen also jeweils die Funktion einer vorab produzierten >technischen Bildinformation< ein. Die Lichtbilder wiederum lassen sich nach ihrem Schau- platz in der Anordnung der Projektion als »Schirmbilder« bezeichnen oder auch als ein »Schirmbild« in variablen Wandlungszuständen. Das technische Verfahren für das Herannahen des Geistes wird in der Abbildung nur durch die Rädchen unter dem fantascope angedeutet, auf den erforderlichen Aktionsraum wird verzichtet. Die prinzipielle Darstellung der Strukturen hat Vorrang vor empirischen Genauigkeiten. Der Effekt selbst wird graphisch in ein plastisches Heraustreten der Figur aus der Projektionsfläche umgesetzt und mit der Bewegung des Publikums in Beziehung gebracht. Die geisterhafte Gestalt aus dem Projektionsapparat tritt geradezu sinnbildlich 17 an die Wahrnehmung und Empfindung der Menschen heran. Erst in deren Inneren, nicht auf dem Schirm, vollendet sich die Gesamtheit des inszenierten Geschehens. Perspektiven Als Robertson am Ende des 18 . Jahrhunderts in Paris große Publikumserfolge mit seinen Phantasmagorien erzielte, lag die Attraktion nicht im grundlegen- den Verfahren der Projektion, sondern in seiner spezifischen Verwendung, in technischen Details und einer herausragenden Qualität der Inszenierungen. Enzyklopädien wie die von Johann Georg Krünitz stellten zu dieser Zeit unter dem Stichwort »Laterna magica« bereits ein umfangreiches technisches und gestalterisches Wissen für die Handhabung von Projektionen zur Verfü- gung.14 Im Laufe des 19.Jahrhunderts wurde dieses Potential mit wachsender Häu- figkeit genutzt und in seinen Ausformungen auf vielfältige Weise variiert. Das Spektrum reichte von großen Veranstaltungen mit vielen hundert Besuchern bis zur privaten Aufführung im Kinderzimmer, von Theatern und Vergnü- gungsstätten bis in Unterrichtsräume und Kirchen. Eine wachsende Zahl von Unternehmen erzielte gute Umsätze mit Herstellung und Vertrieb von Pro- jektionsapparaten und Glasbildern für Vorführungen unterschiedlicher Art. Organisationen der Volksbildung, der religiösen Mission und der Wohlfahrt nutzten das Medium systematisch für ihre Zwecke.15 Die Forschung in diesem Bereich der Mediengeschichte hat es zu weiten Teilen mit einer terra incognita zu tun. Sie benötigt analytische Instrumente, die eine adäquate Untersuchung der Quellen in ihrem jeweiligen historischen Kontext gewährleisten. Deshalb habe ich diese Bildquelle aus dem mittle- ren 19. Jahrhundert gewählt, um einen Idealtyp von Projektionsaufführun- gen nachzuzeichnen, der einen langen historischen Zeitraum überspannt. Ich sehe in der Differenz zwischen technischer Bildinformation und variablem Lichtbild das wesentliche Prinzip von Projektionsmedien. Von diesen beiden Eckpunkten ausgehend schlage ich vor, Quellenanalysen auf das performative Geschehen auszurichten, um von hier aus die unterschiedlichen Rollen seiner Akteure zu bestimmen und die elementare Anordnung zu untersuchen, die vom Apparat vorgegeben wird. 16 Als Beispiel möchte ich die Untersuchung von Glasbildern für die Projek- tion nennen. Zunächst sind sie nichts als Bildchen, die man gegen das Fenster halten oder auf ein Leuchtpult legen kann. Erst ihre Analyse als technische Bildinformationen im Kontext der Anordnung eines Projektionsapparats rückt ihr performatives Potential wieder ins Blickfeld. Durch die theoretische Einordnung in eine idealtypische Projektionsaufführung werden sie mit den wandelbaren Lichtbildern in Verbindung gebracht, die sie potentiell enthal- 18 ten, die ihnen aber nicht unmittelbar anzusehen sind. Auf dieser Grundlage sind sie mit überlieferten Berichten oder über idealtypische bzw. praktische Rekonstruktionen von Aufführungen in die Mediengeschichtsschreibung ein- zubringen. Abschließend ein Blick auf die Verbindung der »Scene de fantasmagorie« mit heutigen Kinosälen. Die Übereinstimmung wesentlicher Elemente der ideal- typischen Anordnung des Apparats ist noch deutlich zu erkennen: Die variab- len Lichtbilder auf dem Schauplatz Projektionsfläche entfalten ihre illusionäre Wirkung wie das alte Schirmbild, auch wenn das Projektionsgerät nun hinter dem Publikum in einer Kabine verborgen wird. Die Differenz von technischer Bildinformation und Lichtbild ist nach wie vor das Prinzip des Apparats, auch wenn sich bildliche und mechanische Gestaltungsformen gravierend verändert haben. Aber ausgerechnet die entscheidende Veränderung nimmt die Illustration aus dem 19. Jahrhundert in einer eigenartig visionären Weise vorweg. Es ist die Trennung der Personen, die das Ereignis gestalten, vom Publikum. Sie hat in der dargestellten Form seinerzeit nicht stattgefunden. Die Aufführung war immer mit dem Auftritt von Personen verbunden: Sie haben die Bilder beglei- tet, auch wenn es zu ihrer Kunst gehörte, sie im richtigen Moment alleine wirken zu lassen; sie haben Texte gesprochen, gesungen oder musiziert. Erst durch den Film wurde nach und nach eine mediale Form in das Projektions- geschehen eingeführt, bei der nur noch das Schirmbild einer überall wieder- holbaren, automatisch ablaufenden Aufführung einem unbestimmt adressier- ten Publikum gegenübersteht. Die illustrative Reduktion auf den Mann am Apparat, auch wenn er hier das Geschehen noch ganz in der Hand hat, macht ahnungsvoll deutlich: Das mediale Arrangement, das die gesamte Produktion hinter dem Schirm verbirgt, war als eine Möglichkeit in den historischen For- men schon angelegt. Der Operateur erinnert bereits an die Rolle des Vorfüh- rers, der als letzter Vertreter der Produktionsseite am Ort des Geschehens, verborgen und ohne gestalterischen Einfluß, den automatischen Ablauf kon- trolliert. Umgekehrt ist kein historischer Grund zu erkennen, dieses Ergebnis als zwingend oder als das einzig mögliche anzusehen. Anmerkungen 1 » La fantasmagorie. Le physicien Robert- sie tatsächlich als bewegte Projektionen ein- son «, Magasin Pittoresque, Paris o.J., S. p- gesetzt, die verborgen geführt wurden. 53· Dieser Artikel befindet sich im Illumi- 11 Der Prototyp des Cineasten, der sich nago-Archiv (www.illuminago.de). Gedanken über die Herstellung des special 2 Vgl. den zugehörigen Eintrag auf der effect macht. In der Tat berichtet der Text Website der Bibliotheque nationale de von Geheimnissen um den Apparat und France http://gallica.bnf.fr/anthologie/noti- ihren Verrat im späten 18.Jahrhundert: Hier ces/01218.htm (4.6.2006). geht es allerdings um Geschäftsgeheimnisse 3 C. W. Ceram, Eine Archäologie des und längst nicht mehr um das Geheimwis- Kinos, Rowohlt, Hamburg 1965. S. 36-37. sen von Eingeweihten, das in früheren Zei- 4 Richard Balzer, Optical Amusements: ten noch eine Rolle gespielt haben mag. Magie Lanterns and Other Transforming 12 Diese Begriffe wurden auch im Deut- Images, Watertown, Ma., 1981. schen für diese Konstellation verwendet: 5 David Robinson, The Lantern Image. »Der Vorhang oder Spiegel. Iconography of the Magie Lantern 1420- Bei der öffentlichen Vorführung von Nebel- 1880, Magie Lantern Society, Nutley 1993, bildern ist es störend und nicht gebräuch- Eintrag 176, S. 55 . lich, die Bilder so an der Wand zu zeigen, 6 Ulla Wischermann erwähnt z.B., daß dass der Operateur sich mit seinem Appa- das deutsche Pfennig-Magazin hauptsäch- rate im Zuschauerraume befindet, sondern lich auf die Druckstöcke des englischen er theilt, wenn es kein Theater hat, den Saal Penny-Magazine zurückgegriffen hat. Vgl. durch, und setzt eip.en sogenannten Spiegel Ulla Wischermann, Frauenfrage und Presse. zwischen seine Apparate und die Zuschau- Frauenarbeit und Frauenbewegung in der er. [ ... ] Weil sich die Bilder hierauf gleich- illustrierten Presse des 19. Jahrhunderts, K. sam abspiegeln, so ist aus einem solchen G. Saur, München 1983. S. 14-15. Vorhange der Name Spiegel entstanden.« 7 Siehe Robinson (Anm. 5), Eintrag 203, (W. Bahr, Der Nebelbilder-Apparat, seine s. 60. Handhabung und die Anfertigung transpa- 8 Vgl. Mike Bartley, »Robertson, Etienne- renter Glasbilder, Leipzig 1875, S. 25) Gaspard«, in: David Robinson, Stephen 13 Eine Etymologie medienhistorischer Herbert, Richard Crangle (Hg.), Encyclo- Begriffe steht bisher nicht zur Verfügung. paedia of the Magie Lantern, Magie Lan- Mir ist der Begriff »Schirm« in deutschen tern Society, London 2001, S. 256-257; vgl. Texten seit den 187oer Jahren aufgefallen. außerdem das Kapitel »La fantasmagorie« 14 Vgl. Johann Georg Krünitz, Oekono- in Laurent Mannoni, Le grand art de La misch-technologische Encyclopädie, oder all- lumiere et de l'ombre - archeologie du cine- gemeines System der Staats-Stadt-Haus- und ma, Nathan, Paris 1994, S. 135-168. Landwirtschaft, und der Kunstgeschichte in 9 Dieser Artikel setzt auf dem heutigen alphabetischer Ordnung. Stichwort Latema Stand Überlegungen zur Geschichte der magica in Band 65, Berlin 1794, S. 467-522. Projektion als performatives Medium fort, Zugänglich über: www.kruenitz1.uni-trier. die ich in KINtop 3 angestellt habe. Vgl. .de Ludwig Vogl-Bienek, »Die historische 1 5 Vgl. den Beitrag von Torsten Gärtner Projektionskunst - Eine offene geschicht- in diesem Band. liche Perspektive auf den Film als Auffüh- 16 Ich vermeide an dieser Stelle den Ter- rungsereignis«, KINtop J (1994), S. 11-32. minus »Dispositiv«, um Konfusionen zu 10 In Robertsons Aufführungen wurden vermeiden. 20 LUDWIG VOGL-BIENEK Box 8579 - Wegweiser in eine terra incognita der Mediengeschichte Ein unscheinbares Kästchen, das Karin Bienek vor vielen Jahren auf einem Londoner Flohmarkt gefunden hat, verweist uns auf noch wenig erforschte Areale der Mediengeschichte: auf weit verbreitete Projektionsaufführungen im ausgehenden 19. Jahrhundert mit dem Ziel, die soziale Situation zu themati- sieren und zu beeinflussen, oft verbunden mit christlicher Missionstätigkeit, sowie auf die Integration der Kinematographie in diese Aktivitäten. Die kleine Box in den Maßen 1 1 5 x 8 5 x II o mm diente dem sicheren Trans- port von maximal 16 Glasbildern für d.ie Projektion. Die äußere Erscheinung mit den rund geschabten Ecken macht den Eindruck einer häufigen Nutzung. Zwei Etiketten an der Seite und auf dem Deckel geben Auskunft über Her- kunft und Verwendung der Box: Auf dem Etikett an der Seite befinden sich 21 die Aufdrucke: »Property of the Church Army Lantern Department. 14 Edge- ware Road London, W.«, und: »W e are not responsible for Cash and Orders enclosed in Parcels«. Der Inhalt ist handschriftlich angegeben als: »4M68 / 16 Slides«. Die Nummer der Box ist 8579. Das Etikett auf dem Deckel nennt als Herkunft: »From The Curch Army Lantern & Cinema Dept. 14 Edgeware Road London, W. 2.«. Hier ist der Inhalt handschriftlich vermerkt als »Chr 3« mit den Titeln »Old Mother Hubbard« und »Mouse Story«. In einer Ecke ist die Warnung »GLASS/WITH CARE« aufgedruckt. Es handelt sich offensichtlich um eine Verleih-Box der britischen Church Army, die sich der inneren Mission unter den armen und ausgeschlossenen Teilen der Bevölkerung widmete und in der Wohlfahrtspflege tätig war. Sie unterhielt ein eigenes »Lantern Department«, eine Abteilung also, welche Projektionsaufführungen institutionell mit den benötigten Mitteln ausstattete. Die Beschriftungen der Etiketten lassen einen systematischen Verleihbetrieb erkennen. Solide Aufmachung, gedruckte Etiketten, Codes für die Bilder- serien und Numerierung der Box machen deutlich, daß hier ein umfangrei- ches Medienangebot zu handhaben war. Der Hinweis auf Geldtransfers legt nahe, daß der Service des Lantern Department nicht kostenfrei zur Verfügung stand. Verleih-Box für Glasbilder zur Projektion, The Church Army, Lantern & Cinema Department, ca. 1890, Archiv: Illuminago 22 Der Vergleich beider Etiketten zeigt einen Wandel in der Medienpraxis der Church Army durch Integration der Kinematographie. Das Kästchen selbst repräsentiert Kontinuität. Es ist ein Beispiel dafür, daß der frühe Film bei Auf- führungen der Church Army nicht alleine war: Er teilte sich oft die Leinwände mit anderen Lichtbildern, deren Ursprung im Projektionsapparat nicht auf dem kinematographischen Mechanismus beruhte. Quellen wie dieses Kästchen haben den Blick von Sammlern und einigen Historikern auf Organisationen wie die Church Army gelenkt. Beispielhaft sei auf den Eintrag von Ann Hecht in der Encyclopaedia of the Magie Lantern (herausgegeben von David Robinson et. al., London 2001, S. 68-69) verwie- sen. 23 WEEK EVENING ENTKRTAlNME-NfS FOR BUNDA Y BOHOOLS, BANDS O.F BOPE, &o., LN lONDON aND TRE .PROVINOES. LECT ·URES, lLLUSTRAT.E:D DY 8UP8RJOR OXY-RYDROGEN DISSOLVING VIEWS, EXWBtTED BY TB!il AID OJI' SUPERIOR 'l'RIPLE APPARATUS. For plaoes wUhin the Metropo!Hnn Distriot, LeoLnrers will bo provided wben desired. In Provinoio.l Towus ~he exbibitions will be oonducted by expetieuoed operators, and full descript.ious o! the Views pro- vided for the assisto.nce of Loco.l Lecturers, l?IRST CLASS LANTERN SLIDES. In complele Sets, witb or wHbout SC I O PT ICON LA NT ERN S1 Lent on blre to Bchools and SocleLies in London and the Pro· vinces, LIST OF BUBJEOTS OF DISSOLVING VIEWS AND LANTERN' BLID.ES :- The Land of the Stars and Sttipes. Sketches or Amcrican Lite and ~ceuery. London : Past s.nd Present. With Illustrations ef Cnrious Uustoms, A Huliday ·rr1p Round the Wclsh Coast. With Illnstrntlons ot llfatory nnd Customs. Martin Luther, His Life and Times. With Views of tbe prlucipal l..)ltiu counectetl wltlt Lbe llcsfonnatiuu. China and the Chinese. Peeps nt ln-tloor aud Ottt-door m„ in the Lnud or the PJgtatl. Tempcrance Truths and Triumphs. A. lecture specially euita1,1e for Baude of Hupe 11nd '1'e1uvern~ccs Meetings. Llfe in the East, Orieutal mnnntrs nud customs illnatrnti,c of 8crlpture. Hualds of thc Gospel on the Dark Continent. Ä Missionary Lecture on AiticR. Cheerful Chats ln an Artist's Studio. Wanderings by the Sea. .From Sheerne.53 to Ll\lld's End. Half Hours at the Old Manor House. The Pilgrim's Piogress, With Sceoes iu the Llfe of John Bunyau. Childrcn of London Strects. lllusLmttug fonr popular Storiea: Pictorial Rau1bles and Firesidc bketches. Boys and Girls of England. Numerou;i ~ceol!i3 ol 1uvenlle Life. Pictorial Medley. A Jnveolle Entertdinment. A Vlsit to Our Picture Gallery. For Proepeotus and Terms npply io Mr. IT. GlTUNS, ; 60, Old Balley, London, E.C• . The Sunday School Chronicle, 12.2.1886 TORSTEN GÄRTNER The Sunday School Chronicle - eine Quelle zur Nutzung der Laterna magica in englischen Sonntagsschulen Untersuchungen zur Nutzung der Laterna magica am Ende des 19. Jahrhun- derts können sich dem Forschungsgegenstand auf unterschiedlichen Wegen nähern. Ob man, wie Mike Simkin, Stephen Herbert oder Terry und Debbie Borton' Veranstaltungshinweise für einen begrenzten Untersuchungsraum, wie Stephen Bottomore2 die Mediennutzung einer einzelnen Person oder wie Alan Burton3 den Medieneinsatz einer ausgewählten Institution als Vorgehens- weise wählt- man kommt nicht umhin, einen engen Untersuchungsrahmen zu setzen, um sich in der Vielzahl von möglichen Quellen nicht völlig zu verlie- ren. Das Forschungsprojekt an der Universität Trier zum »Einsatz visueller Medien in der Armenfürsorge in Großbritannien und Deutschland um 1900« beschränkt sich auf den inhaltlich-methodisch motivierten und systematischen Einsatz der Laterna magica in Kontexten der sozialen Arbeit.4 Wochenzeitun- gen britischer Wohltätigkeitsorganisationen erwiesen sich für unsere Unter- suchungen als wertvolle Informationsquelle mit einer überraschend hohen Dichte an Veranstaltungsdaten. Exemplarisch stelle ich in diesem Beitrag einen Zwischenstand der Auswertung des erstmals 1874 erschienenen Sunday School Chronicle vor, in dem die Sunday School Union jeweils freitags, auf durch- schnittlich 16 Seiten, ihren Leserinnen und Lesern zum Preis von einem Penny Tips und Hilfestellungen für die Gestaltung des Unterrichts in den verschiede- nen Klassen einer Sunday School zu bieten versuchte. f?ie Sunday School Union Die 1802 in London gegründete Sunday School Union ist ein Zusammen- schluß zahlreicher Sunday Schools verschiedener Konfessionen, deren Haupt- quartier sich ab 1856 in Old Bailey 55/56, einer kleinen Straße unweit der St. Paul's Kathedrale in der City of London befand. Ursprünglich auf den Großraum London beschränkt, breitete sich das Sunday School Movement schnell in ganz Großbritannien aus. Die in zahlreichen Großstädten gegrün- deten Sunday School Unions orientierten sich inhaltlich und organisatorisch am Londoner Mutterhaus.! 25 Mit der Einrichtung staatlicher Tagesschulen und der Einführung der all- gemeinen Schulpflicht änderte sich spätestens ab 1870 die inhaltliche Ausrich- tung der Sunday Schools. Während zunächst die Vormittagsklassen für säkula- ren, in erster Linie alphabetisierenden Unterricht und die Nachmittagsklassen für religiösen Unterricht verwendet wurden, konzentrierten sich die Sunday Schools ab Mitte der 186oer Jahre ausschließlich auf die religiöse Erziehung der Schüler.6 Allerdings diente das Studium der Bibel auch weiterhin der Festi- gung der in den Tagesschulen durchgeführten Alphabetisierung. Trotz eines Rückgangs der Schülerzahlen ab Anfang der 18 7oer Jahre erreichte die Sun- day School Union auch 1901 noch landesweit ca. 6 Mio. Schüler. Um ihren religiösen Einfluß auf die Erziehung der Schüler aufrechtzuerhalten, nutzte die Sunday School Union die an Freizeitbeschäftigungen armen Abende der Wochentage für lehrreiche Unterhaltungsformen/ Sie setzte hierfür verschie- dene Visualisierungsmethoden ein, wobei den seinerzeit modernsten Bildme- dien hohe Bedeutung zugemessen wurde.8 Aus den Jahrgängen 1874-1910 des Sunday School Chronicle liegen uns 3 712 Erwähnungen zum Einsatz der Laterna magica vor.9 Diese verteilen sich auf wöchentliche Programmhinweise für die jeweilige Folgewoche sowie auf kurze Veranstaltungsrückblicke unter der Rubrik »Sunday School Intelligen- ce«. Zudem erfahren wir aus Werbungen von einem eigenen Sunday School Union Lectures Department. Ich möchte in diesem Beitrag darstellen, welche Informationen uns die verschiedenen Rubriken liefern können. Hierbei werde ich zuerst auf die Werbungen des Sunday School Union Lectures Department eingehen, um anschließend das Informationspotential der Programmhinweise und Veranstaltungsberichte anhand eines Dozenten und einer Glasbilderserie aufzuzeigen. Werbungen des Sunday School Union Lectures Department Das Sunday School Union Lectures Department befand sich im Hauptquar- tier der Sunday School Union, in dem mindestens eine Lecture Hall für Ver- anstaltungen zur Verfügung stand. Das Lectures Department plante, entwarf, vertrieb und koordinierte Unterrichtseinheiten, in denen Visualisierungsme- thoden zum Einsatz kamen: von Tafelbildern über Kostümierungen bis zu Veranstaltungen mit Panorama, Laterna magica oder Kinematograph. Diese Unterrichtseinheiten wurden für verschiedene Veranstalter beworben, in erster Linie für Sunday Schools und Bands of Hope. 10 Die Veranstalter konnten Pro- jektionsapparate incl. Zubehör und Glasbilderserien sowie nach Bedarf auch erfahrenes Personal gegen eine Mietgebühr anfordern. Das Lectures Department belieferte vor allem interessierte Wohltätigkeits- organisationen in einem Umkreis von 150 Meilen zum Mutterhaus. Minde- stens 2400 der erwähnten 3712 Veranstaltungen mit Einsatz von Projektions- laternen fanden in London selbst oder im Großraum London statt. Während für Veranstalter im Großraum London auf Wunsch die komplette Gestaltung der Unterrichtseinheit übernommen wurde, das Lectures Department also die Geräte, Glasbilderserien sowie den Lecturer" und den Operateur12 für die Bedienung der Laterna magica stellte, erhielten die Veranstalter in der Provinz ergänzend zum Equipment maximal einen Operateur und eine schriftliche Erläuterung der Glasbilderserien zur Vorbereitung der Unterrichtseinheiten durch einen Lecturer vor Ort. Obwohl das Lectures Department interessierten Veranstaltern die Zustel- lung eines Prospekts mit Preisliste anbot, wurden bis Mitte der 189oer Jahre im Sunday School Chronicle häufig auch einzelne Glasbilderserien beworben. Die Auswertung dieser Werbungen erlaubt die zumindest teilweise Rekon- struktion des Serienbestands der Sunday School Union, z. T. mit Angabe des Datums der Ersterscheinung und der Bilderzahl je Serie.ri Demnach verfügte das Lectures Department über einen stetig wachsenden Bestand, der 1893 min- destens 67 Serien vor allem mit Reisen, religiösen Inhalten, sozialen Themen und Temperenz-Themen umfaßte. Die Sunday School Union trat selbst nicht als Bilderproduzent in Erscheinung. Vermutlich bezog sie ihre Bilderserien zumindest teilweise von der United Kingdom Band of Hope Union, die selbst in der Bilderproduktion tätig war.'4 Offenbar richteten sich die Veranstalter nach den Werbungen des Lectures Department: Das bedeutet, daß die Sunday School Union den Verleih einzelner Serien gezielt steuern konnte. 1s Programme und Veranstaltungsberichte Im Sunday School Chronicle finden sich Ankündigungen für Aufführungen von Lichtbildern in den Rubriken »Sunday School Notices« und »Lectures with Dissolving Views«.16 In der Regel kann ihnen Wochentag und Ort der Veranstaltung, die Uhrzeit des Veranstaltungsbeginns, meist der Name des Lecturer sowie der Titel der verwendeten Glasbilderserie entnommen werden. Die Programmspalte für die Woche vom 19. bis 25. Januar 1884 führt z.B. ins- gesamt 16 Veranstaltungen mit Einsatz einer Laterna magica auf. Leider geben diese Einträge keine Hinweise zum Verlauf der Veranstaltung, zum Publikum oder sonstige aufschlußreiche Angaben. Allerdings finden sich in nahezu jeder Ausgabe des Sunday School Chronicle auch Veranstaltungsrückblicke. Wäh- rend die Programmhinweise fast ausschließlich Veranstaltungen im Großraum London ankündigen, berichten die Rückblicke überwiegend von Veranstal- tungen aus anderen Ortschaften und Städten. Nur in wenigen Fällen rekurriert der Sunday School Chronicle mit einem Rückblick auf eine zuvor angekündigte Veranstaltung. So kündigt in der abge- bildeten Programmspalte die Rubrik »Sunday School Notices« ein »Senior Scholars' Entertainment« mit dem Vortrag eines gewissen Luther Hinton zum SUNDAY SCHOOL UNION '.NOTIOES .FOR WEEK ENDING JANUARY 26m. • 111. L'EOTURF: HALt., 65 l\ntl 68, 014 Balley. Datly l-2, l.Ud-day Pmycr IIeetlng. Jd:ONUAY, 7.30-81&.-&Dv.1.ll!JaD Ganx Cu1s, 8.llit-t.O.- E.t.11m:1tr.1.ay GBDK 01.ASS. Concluctor, Jilr. A. J, DA SILVJ., TUESD.lY, 7.S0.-8111111oa 8cBOLAU' B11TJ1n.u111M1111T11, LE0Tt1BB," Martin Luther, bis Life and Timaa," W118traW . wlth the s. s. Un(O& DbllolTlng Vlen. }Ir, L'OTBBB. BIIITOI', TBORBDlY, 7.90-8.111.-Al>vilfcm HnJ.H' Cuss. 8.11-9.0, -ELKlll.1'1TARY HDREW CLAIIS. Oondnclor Mr. D.11.1.UBI.Lt. The Sunday School Chronicle, 18.1.1884 Thema »Martin Luther, his Life and Times« an, der mit Sunday School Union Dissolving Views illustriert werden sollte.' 7 Bereits eine Woche später berich- tet ein Rückblick von dieser Veranstaltung: On Tuesday evening the subject of the lecture was »Martin Luther: His Life and Times«. lt was illustrated by the Sunday School Union Dissolving Views, and the lecture was delivered by Mr. Luther Hinton, Mr. Brain presiding. As the lecturer recounted the noble deeds of the great reformer, and his brave re- sistance of the powers of evil, the audience showed their appreciation of the earnest and interesting manner in which that remarkable history was brought before them by marked attention and frequent applause. The lecture throughout was of such a character as to stimulate the young people present to stand up boldly for the right, and, trusting in Almighty God, not to fear what man could do them. A very hearty vote of thanks was accorded to Mr. Hinton at the close.18 Die Veranstaltung wird zwar als »Entertainment« angekündigt, der Rück- blick bezeichnet sie jedoch als »Lecture«, worauf auch die geschilderten Inhalte hindeuten. Der Bericht läßt vermuten, daß Luther Hinton an diesem Abend quasi als Gastdozent diese Klasse der Sunday School besuchte. Mar- tin Luther diente offenkundig als Anschauungsbeispiel, um die Schüler zu religiöser Standfestigkeit anzuhalten. Über das Publikum erfahren wir, daß es in diesem Fall aus Senior Scholars bestand. Als solche wurden ehemalige Schüler bezeichnet, die im Hauptquartier der Sunday School Union zu späte- ren Sunday School Teachers ausgebildet wurden. '9 Der zum Schluß erwähnte Applaus deutet auf Zufriedenheit mit dem Vortrag hin. Der Zeitpunkt der Veranstaltung Ende Januar spricht eher für einen guten Besuch der Veranstal- tung.20 Weitere Hinweise zu dieser Lecture erschließen sich durch Berichte über andere Veranstaltungen, durch Auswertungen des vom Forschungspro- jekt gesammelten Datenmaterials sowie die Zuhilfenahme von Sekundärlite- ratur. 28 Exemplarisch soll hier der Frage nachgegangen werden, ob die Quelle Sunday School Chronicle weitere Hinweise zur Person von Luther Hinton und zu der vorgeführten Bilderserie liefern kann. Handelt es sich bei Luther Hinton um einen eigens engagierten Showman? Ist die Glasbilderserie Martin Luther, His Life and Times eine oft gezeigte Unterrichtseinheit oder handelt es sich um eine einmalige Aufführung der Serie? Eine Auswertung der Erwähnungen im Sunday School Chronicle ergibt, daß Luther Hinton durchaus als Professioneller bezeichnet werden kann. Unter den insgesamt 305 Lecturers, die zwischen 1874 und 1910 nament- lich erwähnt werden, rangiert er mit insgesamt 189 Veranstaltungeii auf dem vierten Platz. Nur 34, d. h. rund 12 % aller namentlich genannten Lecturers werden öfter als zehnmal erwähnt. Auf sie entfallen mit insgesamt 2171 Nen- nungen ca. 59 % aller Vorführungen. Luther Hinton erweist sich somit als ein erfahrener Lecturer der Sunday School Union. Ein ähnlich deutliches Profil ergibt sich bei der Häufigkeitsverteilung der erwähnten Glasbilderserien, zu denen in über 92 % der Veranstaltun- gen Informationen vorliegen. Sie verteilen sich auf insgesamt 308 Bilderseri- en, von denen sich 68 klar dem Bestand der Sunday School Union zuweisen lassen. Auf diese 68 Serientitel entfallen 2·670 der insgesamt 3 769 Nennun- gen." Demnach handelt es sich bei mindestens 71 % der Vorführungen um Bilderserien des Lectures Department.22 Glasbilderserien der Sunday School Union benutzten vor allem die im Sunday School Chronicle besonders häufig genannten Lecturers, die von den Veranstaltern mitgebucht werden konnten und vermutlich zum engeren Mitarbeiterstamm des Sunday School Union Lectures Department zählten. Dies traf mit hoher Wahrscheinlichkeit auch für Luther Hinton zu. Die Glasbilderserie Martin Luther, bis Life and Times, die zum Serienbe- stand des Sunday School Union Lectures Department gehörte, wird in Ankün- digungen und Berichten von Veranstaltungen insgesamt 182 mal erwähnt. Gemeinsam mit der Glasbilderserie Wanderings by the Sea - from Shearness to Land's End nimmt sie bei der Nennung von Serien im Sunday School Chro- nicle die Spitzenposition ein. Außer diesen beiden werden lediglich die Glas- bilderserien Boys and Girls of England, China and the Chinese, H eralds of the Gospel on the Dark Contine,nt, Ireland and the lrish, Our English Bible: Its History and Defenders und Pilgrim 's Progress öfter als 100 mal erwähnt. Bei der Veranstaltung am 22.Januar 1884 setzte also ein erfahrener Lecturer des Sunday School Union Lectures Department eine der am häufigsten vorge- führten Glasbilderserien ein. Luther Hinton war sogar ein absoluter Experte für die Lecture »Martin Luther - His Life and Times«, eine der meistgefragten der Saison 1883/84: Seitdem die Glasbilderserie Martin Luther, bis Life and Times im Herbst des Jahres 1879 in das Programm des Sunday School Union Lectures Department aufgenommen worden war;J hatte Luther Hinton diese Bilderserie bis zur erwähnten Veranstaltung mindestens 49 mal für die gleichnamige Lectu- re benutzt. Allein in der Saison 1883/84 trat er mindestens 18 mal damit auf. Bei den insgesamt 182 Nennungen der Glasbilderserie Martin Luther, bis Life and Times ist Luther Hinton 64 mal als Lecturer aufgeführt. Seine am zweit- bzw. dritthäufigsten genannten Kollegen kommen zusammen auf fast genau so viele Einsätze der Luther-Serie. Das verbleibende knappe Drittel von Aufführungen dieser Serie verteilt sich auf zahlreiche, meist nur einmal genannte Personen, wohl Mitarbeiter derjenigen Veranstalter, die lediglich die Luther-Serie mit Text und eine Laterna magica, jedoch keinen Lecturer anforderten. Neben den 64 Aufführungen von Martin Luther, bis Life and Times zeich- nete er verantwortlich für 60 von insgesamt 8 5 genannten Aufführungen der Glasbilderserie London - Ancient and Modern'4 sowie für 23 von insgesamt 40 »Lectures with the Microscope/Polariscope« mit dem Titel »Marvels of Science«. In beiden Fällen wird kein anderer Lecturer auch nur annähernd so häufig erwähnt. Die übrigen 46 Lectures von Luther Hinten entfallen auf das Panorama Wonders of the World sowie die sechs Glasbilderserien Pilgrim 's Progress, Wanderings by the Sea, Sketches of Anima! Life, Tame and Wild, Tower of London to Westminster Abbey und Scenes and Stories of London Life. Neben Werbungen finden sich im Sunday School Chronicle auch Rückblik- ke auf Lectures von Luther Hinton, aus denen sein Aufführungsstil erkennbar wird. So wird seine Lecture mit der Glasbilderserie London - Ancient and Modern am 23.Januar 1883 wie folgt beschrieben: · On Tuesday evening Mr. Luther Hinton gave a very interesting lecture on »London, as it was, and as it is.« The lecture hall was crowded, and the lecture was listened to with great attention. lt was illustrated with a splendid set of dissolving views, exhibited by one of the triple lanterns specially made for the Sunday School Union. The chief points of interest in and around the city were shown, and the marked contrast of their appearance in the 141h and 151h centuries and the present time was very striking. Among the views were those of the Tower, Traitors' Gate, Custom House, London Bridge, Bank of England, Royal Exchange, Guildhall, General Post Office, St. Paul's Cathedral and Cross, Smithfield, Temple Bar, Temple Church, Somerset House, Village of Charing, Charing Cross Hotel and Station, Westmin- ster Bridge, Lambeth Palace, Houses of Parliament, and Westminster Abbey. As illustrating the customs of bygone days, there were views of the stocks, Titus Oates in the Pillory, Preaching at St. Paul's Cross, Burning in Smithfield, a »Charlie«, and early English costumes. The lecture was delivered with great vivacity, and was full of humour, while now and again some words of good advice were given to the young folks present. At the close the lecturer was very heartily applauded and cor- dially thanked. As usual, Mr. Nicols officiated as chairman.zs Auch diese Vorstellung fand im Rahmen des Senior Scholars' Entertainment am hierfür üblichen Wochentag und zur bekannten Uhrzeit in der Lecture Hall in Old Bailey statt. Der ungewöhnlich ausführliche Rückblick nennt ein- zelne Bilder, die auf der Leinwand erschienen, und macht detaillierte Angaben 30 zum Vortragsstil von Luther Hinton. Er verstand es offenbar, seine Ratschläge dem zahlreich erschienen Publikum humorvoll zu vermitteln.'6 Am 18. März 1884 präsentierte Luther Hinton für das Senior Scholars' Entertainment die Glasbilderserie Sketches of Anima! Life, Tame and Wild. Drei Tage später hebt der Sunday School Chronicle in seinem Rückblick erneut den unterhaltsamen Vortragsstil von Luther Hinton hervor: The lecture on Tuesday evening was given by Mr. Luther Hinton, the subject being, »Sketches of Anima! Life, Tarne and Wild.« The lecture was illustrated by the Sun- day School Union dissolving views, and was full of point and interest. In addition to information respecting the habits and nature of the several animals, the lecturer gave various anecdotes of a humorous and interesting character, and concluded by drawing attention to the skill and wisdom displayed by the Creator in all His works. A very hearty vote of thanks was given to the lecturer.'7 Am 19.Januar 1882 gab Luther Hinton in der St.John's Hall in Forest Hill im Südosten Londons eine Lecture mit der Serie Wanderings by the Sea - from Shearness to Land's End, die vermutlich 74 Glasbilder umfaßte.'8 Der Sunday School Chronicle schreibt in seinem Rückblick: On Thursday, Jan. 19th, a most interesting and instructive lecture, emitled, »Wan- derings by the Sea«, was given by Mr. Luther Hinton, of the Sunday School Union; the lecture was illustrated by about fifty splendid dissolving views representing the dockyards and sea-side resorts from the Medway to Land's End. The !arge hall ad- joining St. John's Church was quite full, and a most enjoyable evening terminated with a hearty vote of thanks to the lecturer.'9 Die Serien Sketches of Anima! Life, Tame and Wild und Wanderings by the Sea - from Shearness to Land's End verwendete Luther Hinton mindestens 10 bzw. 13 mal für gleichnamige Lectures. Luther Hinton trug die vier durch beispielhafte Zitate genannten Th'emen insgesamt 147 mal vor. Die verblei- benden 12 Ankündigungen für Vorträge Luther Hintons mit Laterna magica entfallen auf die Serien Tower of London to Westminster Abbey, The Pilgrim 's Progress, Our English Bible - !ts History and Defenders und Scenes and Sto- ries of London Life. Obwohl uns nur vier ausführliche Veranstaltungsschilde- rungen zu seinen Vorträgen vorliegen, decken diese beispielhaft 92 % seines Repertoires mit Einsatz der Laterna magica ab. Zu keinem anderen Lecturer der Sunday School Union liefert der Sunday School Chronicle eine vergleich- bare Dichte an Schilderungen seiner Aufführungspraxis im Rahmen seiner Tätigkeit. Leider finden sich weder zu den insgesamt 303 aufgeführten Veranstaltun- gen mit Panoramen noch zu den insgesamt 40 erwähnten Veranstaltungen mit Microscope bzw. Polariscope detaillierte Berichte, und damit auch keinerlei Hinweise darauf, wie Luther Hinton in immerhin 32 Veranstaltungen (neun mal mit Panorama und 23 mal mit Microscope) agiert hat. 31 Was läßt sich abschließend zu dem Dozenten Luther Hinton und damit auch hinsichtlich der geschilderten Aufführungsereignisse festhalten? Luther Hinton verfügte über einen umfangreichen Erfahrungsschatz hinsichtlich der Aufführung von Lichtbildern. Sein Vortragsstil scheint daran orientiert gewe- sen zu sein, die Unterrichtsinhalte auch unterhaltsam zu präsentieren. Sofern die Veranstaltungsberichte nicht beschönigend formuliert wurden, sicherte er sich mit diesem Stil vermutlich die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer und Zuschauer, sorgte eventuell für nachhaltigere Lernerfahrungen und steigerte die Bereitschaft seines Publikums, auch zukünftig ähnliche Veranstaltungen zu besuchen. Er hatte wahrscheinlich bis zu seinem vermuteten Ausscheiden im Jahr 1893 innerhalb des Sunday School Union Lectures Department den Status eines Spezialisten für mindestens drei Veranstaltungen, nämlich zwei mit Einsatz von Lichtbildern und einer unter Verwendung eines Oxyhydrogen Microscope. Entsprechend routiniert wird er diese Veranstaltungen durchge- führt haben, vor allem was die Interaktion mit dem Publikum betrifft. Fazit Anhand der angeführten Beispiele läßt sich aus meiner Sicht erkennen, welch großes Potential die vorliegende Quellenart allgemein und der Sunday School Chronicle im Besonderen zur Ermittlung der Nutzung der Laterna magica im untersuchten Kontext in sich trägt. Zum Einsatz der Verwendung der Laterna magica innerhalb der Sunday School Union bedarf es weiterer Auswertun- gen des vorgestellten Datenmaterials sowie des Abgleichs dieser Daten mit ergänzendem Quellenmaterial. Sich abzeichnende Karrieren, Werdegänge und Spezialgebiete zahlreicher Dozenten des Sunday School Lectures Depart- ment, Aussagen zu möglichen Kooperationspartnern, zu Kriterien der eigenen Erfolgsmessung sowie zur dramaturgischen Gestaltung der Veranstaltungen bedürfen weiterer Auswertungen sämtlicher Aufführungsberichte und des Vergleichs mit Protokollbüchern und anderen Dokumenten der Buchhaltung der Sunday School Union. Gleiches gilt für eine detaillierte Rekonstruktion der Arbeitsweise und des Glasbilderbestands des Sunday School Lectures Department. Für viele der angeführten Orte bzw. Stadtteile lassen sich Auf- führungshäufigkeiten ermitteln und mit Bevölkerungsstatistiken vergleichen, so daß genauere Erkenntnisse über die Publika gewonnen werden können. Durch Vergleiche mit Geschäftszahlen in Jahresberichten der Sunday School Union können quantitative Angaben zur Aufführungsdichte geprüft und ggf. korrigiert werden. Wie jedoch, trotz all dieser noch anstehenden Arbeiten, mit den vorge- stellten Beispielen bereits deutlich wurde, lassen sich anhand der Werbungen, Programmhinweise und Veranstaltungsberichte in der organisationseigenen Wochenpresse Aussagen zur Aufführungsdichte, zum Publikum, zur didak- 32 tischen Aufbereitung, zu den Veranstaltern und Lecturers sowie zu den ver- wendeten Glasbilderserien treffen. Es liegen somit Informationen zu zentralen Parametern vor, welche die Aufführungen von Lichtbildern unter Verwendung der Laterna magica klar als wichtiges Medium im letzten Viertel des 19. Jahr- hunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts erkennen lassen. Zudem wird vor allem durch den systematischen und regelmäßigen Einsatz dieses Projek- tionsmediums deutlich, daß es sich nicht um ein Randphänomen handelt. Wie dargestellt beschränken sich die genannten Zahlen zur Veranstaltungsdichte weitgehend auf den Großraum London und auf lediglich eine Organisation der schulisch-religiösen Bildungsarbeit. Wie etwa der Einsatz der Laterna magica in den Sunday School Unions anderer englischer Städte praktiziert wurde, bleibt genauer zu erforschen. Berichte aus dem Sunday School Chroni- cle zeigen, daß auch dort Vorführungen mit Lichtbildern stattfanden. Gleiches gilt für mindestens sechs weitere englische Organisationen aus den Bereichen der Genossenschaften, der schulisch-religiösen Erziehung, der Temperenz- Bewegung und der christlichen Missionierung, zu denen ebenfalls reichhaltige Quellen vorliegen. Durch ihre Auswertung wird es möglich sein, eine Über- sicht zum Einsatz von Lichtbildern im Kontext sozialer Arbeit in England zu gewinnen und unterschiedliche Verwendungsformen von Projektionsmedien bei den einzelnen Organisationen zu ermitteln Anmerkungen 1 Mike Simkin beleuchtet die kulturelle of Lantern Life - Lantern Presentations in Bedeutung der Laterna magica im 18. und and around Hastings in Early 1881«, S. 185- 19. Jahrhundert in Birmingham. Stephen 192; Terry Borton, Debbie Borton, »How Herbert liefert für die erste Jahreshälfte many american lantern shows in a year?«, 1881 eine eindrucksvolle Auswertung der S.105-115. örtlichen Tagespresse zu Veranstaltungen 2 Stephen Bottomore beschreibt den Ein- mit Lichtbildern in Hastings, die Teil eines satz der Laterna magica in Gottesdiensten Forschungsprojekts der britischen Magie des Church Army-Gründers Wilson Carli- Lantern Society zur Nutzung der Later- le zwischen den 188oer und 192oer Jahren. na magica in der Saison 1880/81 ist. Terry Sein Augenmerk liegt allerdings vor allem und Debbie Borton versuchen eine Hoch- auf dessen Rolle als Filmpionier. Vgl. Ste- rechnung des gesamten Magie' Lantern phen Bottomore, »Projecting for the Lord Show-Aufkommens im Jahr 1895 inner- - the work of Wilson Carlile«, Film History, halb der USA auf der Grundlage lokaler Vol. 14, No. 2 (2002), S. 195-209. Erhebungen in Middletown/Connecticut. 3 Vgl. Alan George Burton, The British Vgl. Richard Crangle, Mervyn Heard, Ine Consumer Co-operative Movement and van Dooren (Hg.), Realms of Light - Uses Film, Manchester University Press, Man- of the Magie Lantem from the 17th to the chester 2005. Für ein Kapitel zum Einsatz 2 ISt Century, The Magie Lantern Socie- von Laterna magica und Kinematograph um ty, London 2005, darin die Beiträge: Mike 1900 hat Burton die Wochenzeitung Co- Simkin: »Birmingham and the Magie Lan- operative News ausgewertet. tern«, S. 77-85; Stephen Herbert, »A Slice 4 Das Forschungsprojekt »Einsatz visuel- 33 !er Medien in der Armenfürsorge in Groß- (wie z.B. Gambling) aufzeigten. Sie schlos- britannien und Deutschland um 1900« ist sen sich 1847 zur United Kingdom Band of angesiedelt im Sonderforschungsbereich Hope Union zusammen. Ihr Hauptquartier 600 »Fremdheit und Armut« an der Uni- befand sich in unmittelbarer Nachbarschaft versität Trier. des Mutterhauses der Sunday School Uni- 5 Nachdem sich die Londoner Sunday on. Sie umfaßte 1897 knapp 22000 Einzel- School Union im Zuge des städtischen organisationen mit einer Gesamtmitglieder- Wachstums in mehrere, einzelnen Bezir- zahl von ca. 3 Mio. Kindern und Jugend- ken zugeordnete Abteilungen untergliedert lichen. Vgl. Frederic Smith, The Jubilee hatte, entsprach das Mutterhaus der West of the Band of Hope Movement, United London Auxiliary und bot laut Cliff »home Kingdom Band of Hope Union, London to the Sunday School Movement across the 1897, s. 221. world«. Vgl. Philip B. Cliff, The develop- 11 Einschlägige Wörterbücher überset- ment of the Sunday School Movement in zen die englische Bezeichnung »lecturer« England 1780-1980, Cambridge University mit »Dozent« bzw. »Vortragender«. Da Press, Cambridge 1986, S. 133. sich bislang noch nicht mit Sicherheit sagen 6 Die Sunday School Union trat damit in läßt, ob die im Sunday School Chronicle als Konkurrenz zur Church of England. Diese »lecturers« benannten Personen ausschließ- hatte sich, nach jahrzehntelanger Mitglied- lich Vorträge hielten oder gleichzeitig auch schaft, mit Entstehung der Tagesschulen aus die Funktion des die Laterna magica bedie- der Sunday School Union zurückgezogen nenden Operateurs innehatten, werde ich und erteilte Religionsunterricht im Rahmen die englische Bezeichnung beibehalten, um des Lehrplans der Tagesschulen. Eingrenzungen des Aufgabenbereichs durch 7 Vgl. Cliff (Anm. 5), S. 143. die Übersetzung zu. vermeiden. 8 Zwischen 1874 und 1882 finden sich 12 Die Veranstaltungsrückblicke im Sun- im Sunday School Chronicle insgesamt 304 day School Chronicle vermitteln den Ein- Veranstaltungsankündigungen für »L ectures druck, daß die Lecturers in den meisten Fäl- with Panorama«, zwischen 1874 und 1910 len gleichzeitig als Operateure tätig waren. insgesamt 3712 Erwähnungen des Einsat- Während zwischen dem Lecturer, der den zes der Laterna magica und von 1897 bis Vortrag hält, und dem Operateur, der die 1906 insgesamt 338 »Cinematograph Lec- Projektionslaterne bedient, nur vereinzelt tures«. unterschieden wird, erscheint die Trennung 9 Die Zahl der Veranstaltungen mit Later- dieser Funktionen bei den häufig genannten na magica liegt vermutlich noch höher als Lecturers überhaupt nicht. die aufgeführten 3712 Einsätze: So finden 13 Einschränkend hierzu bleibt anzumer- sich im Sunday School Chronicle zwischen ken, daß uns leider ebensowenig ein Ori- 1885 und 1891 zusätzlich 40 »Lectures with ginal-Katalog zum Abgleich vorliegt wie the Miscroscope«, bei denen mikroskopi- konkrete Nennungen von Serientiteln ab sche Präparate qua Projektion der ganzen Mitte der 189oer Jahre. Klasse gezeigt wurden. Außerdem waren 14 Zahlreiche Artikel des Sunday School einige als »Lecture with Panorama« titulier- Chronicle sowie Werbungen der United te Veranstaltungen vermutlich doch Auf- Kingdom Band of Hope Union deuten auf führungen mit Laterna magica. inhaltliche Nähe und enge Zusammenar- 10 Als Band of Hope (Gruppe der Hoff- beit. Da die Band of Hope Union Glasbil- nung) bezeichneten sich die Kinder- und der produzierte, liegt die Vermutung nahe, Jugendabteilungen zahlreicher Temperenz- daß die Sunday School Union zumindest Vereinigungen, die Kindern und Jugend- teilweise ihre Bilderserien dort bezog. lichen eine Freizeitgestaltung ohne Alkohol 15 Es fällt auf, daß diejenigen Glasbilder- oder andere potentiell ruinöse Betätigungen serien, die sehr oft im Sunday School Chro- 34 nicle beworben wurden, auch am häufigsten anschließend bis Mitte Mai abzuebben. in den Aufführungsberichten genannt wer- 21 Daß die Gesamtzahl aller erwähnten den. Glasbilderserien höher ausfällt als die der 16 Bei »Dissolving Views«, zu deutsch Veranstaltungen, liegt daran, daß öfter auch »Nebelbildern«, handelt es sich um Auf- zwei, drei oder vier Glasbilderserien in einer führungen von Lichtbildern mit Über- Veranstaltung aufgefühn wurden. blendungseffekten, wie sie zumindest in 22 Die Titelauswertung der Glasbilder- der Sunday School Union im gesamten serien wird dadurch erschwert, daß die im Untersuchungszeitraum Standard waren. Volltext als bekannt vorausgesetzten Titel Überblendungen wurden durch den gleich- zum Teil in Abkürzungen erscheinen, die zeitigen Einsatz mehrerer einstrahliger nicht immer eindeutig sind. oder einer mehrstrahligen Laterna magi- 23 The Sunday School Chronicle, London, ca erzeugt. In englischsprachigen Quellen 19.9.1879, s. 478. wird die Bezeichnung oft synonym für 24 The Sunday School Chronicle zeigt 93 Aufführungen von Lichtbildern mit Later- Aufführungen mit Lichtbildern zum Thema na magica verwendet. London unter sechs ähnlichen Titeln an, die Die Rubrik »Lectures with Dissolving sich auf eine Version oder mehrere Versio- Views« des Sunday School Chronicle eduhr nen einer Glasbilderserie oder auf mehrere mehrmals Veränderungen und Umbe- verschiedene Glasbilderserien beziehen nennungen, was die Auswertung zum Teil können: London, Ancient and Modern; erheblich erschwerte: Bis 1891 wurden die Ancf,ent and Modern London; London, as it Veranstaltungen getrennt nach verwende- was and as it is; London - Old and New; tem Medium angekündigt. Ab 1894 wurden London - Past and Present; London and sie zu einer Rubrik »Forthcoming Event« Westminster - Past and Present. zusammengefaßt, blieben jedoch durch 2 5 The Sunday School Chronicle, London, Nennung des verwendeten Mediums klar 26. l. l 883, S. 48. voreinander unterscheidbar. 1891 wurde 26 London - Ancient and Modern wird die Nennung der verwendeten Medien über am 22.10.1877 erstmals in einem Programm ein Jahr lang ganz unterlassen. Eine erstaun- im Sunday School Chronicle aufgeführt, mit liche Ausnahme bilden die Jahrgänge 1891 Luther Hinton als Lecturer, der hier zum bis 1893, in denen die Unterscheidung nach ersten Mal in Zusammenhang mit Later- verwendetem Medium sehr zum Leidwesen na magica genannt wird. In den Monaten der heute Forschenden aufgehoben wird, zuvor taucht sein Name sechsmal bei Pan- um nach knapp 1 Y2 Jahren unvermittelt orama-Veranstaltungen auf. wieder eingefühn zu werden. 27 The Sunday School Chronicle, London 17 The Sunday School Chronicle, London, 21.3.1884, s. 144 18. I. 1884, s. 36. 28 1887 und 1888 bewirbt das Lectures 18 The Sunday School Chronicle, London, Department im Sunday School Chronic- 25. I. 1884, s. 48. le zahlreiche ausleihbare Glasbilderserien 19 Die als »Senior Scholars' Entertain- unter Angabe der Anzahl der Glasbilder pro ment« titulienen Veranstaltungen fanden in Serie. Als Vergleichszahlen liegen einzelne der Regel einmal pro Monat, stets an einem Erwähnungen in Aufführungsberichten vor, Dienstag statt. Vgl. Cliff (Anm. 5), S. 133. die zum Teil erheblich niedriger ausfallen. 20 Veranstaltungen mit Lichtbildern Ob es sich dabei um bewußte Weglassungen waren eine saisonale Erscheinung. Die handelte, ob die Serien nachträglich erwei- zeitnahen Werbungen im Sunday School tert wurden bzw. durch Beschädigungen Chronicle beginnen zwischen Ende Sep- reduziert wurden, ist nicht erkennbar. tember und Mitte Oktober, haben zwischen 29 The Sunday School Chronicle, London November und März ihren Höhepunkt, um 27. I. 1882, s. 46. 35 KIUST. &LL•SALONGEN. PROGRAM: Löl'd.agen den 8 Augustt 1896. hpellmüt&rt: Re!T OJm. DAtrBI. ·10. 2.ac, •• JIS,1 :I. • 1:· lntAga-Mal'llCI} ....................... , ............ .. . ·crnu~" 2. Onverture till ,Mnritana, .. .............. .......... \\"11.lliwe. 1:! The 5 Sisters W:interburn, 1) ;.rn~arti:-;.li-r. ..,, lle ftuomrpn], 111l,1hl.:1 liladi:1torrrPa l 1 ROSARIO & RAFAEL. 1i . BrödermanaJr.a. Opera.kvartetton. • Pro.r. 1\11:C>R.J:EU.:X:. • 1.-,. fr:un•t,illnu,~ ,if el,·Lln•l-1 W JAttoJXJ.ill.nt.nsa.r.._ "~''" Dr fritbiof Nan11111 Nordpol.ditcl. f