zeitschrift für medienwissenschaft 2/2018 gesellschaft für medienwissenschaft (hg.) zeitschrift für medienwissenschaft 1 9KLASSE 2/2018 — BILDNACHWEISE KLASSE S. 9 Screenshot aus: Beatstakes: I Do, Regie: Sander Houtkruijer, S. 69 N.N.: Hochgelobt die Schrankwand, in: Haus und Heim, Nr. 11, Produktion: Bears Calling, D 2017, mit freundlicher Genehmigung, 1964, 6; Preisrätsel der Woche, in: HörZu, Nr. 48, 1955, 55; Werbean­ youtube.com/watch?v=iXz3lGEuWO0, gesehen am 2.8.2018 zeige des Möbelherstellers Musterring, in: HörZu, Nr. 39, 1961, 60 (Orig. in Farbe) S. 74 – 79 Screenshots aus: Augenblicke. Gesichter einer Reise [Visage, Village], S. 23, 25, 31, 32, 34 Screenshots aus: Naked Attraction, Produktion: Regie: Agnès Varda und JR, Frankreich 2017, mit freundlicher Genehmi­ Studio Lambert (Channel 4), 2016 (Orig. in Farbe) gung, Copyright: ©Agnès Varda­JR­Ciné­Tamaris, Social Animals 2016 S. 39 Michael Vandergucht: Edward Ward, 1710 (Royal Armouries S. 80 Pressefoto von Agnès Varda und JR, Copyright: © Agnès Varda­JR­ Museum), en.wikisource.org/wiki/Author:Edward_Ward#/media/File:Ned_ Ciné­Tamaris, Social Animals 2016 (Orig. in Farbe) Ward_by_Michael_Vandergucht.jpg, gesehen am 2.8.2018; The London S. 84 Alex Strasser: Filmentwurf, Filmregie, Filmschnitt. Gesetze und Beispiele, Spy, Part I, Third Edition, London 1700 Halle (Saale) 1937 (Filmbücher für Alle 3), 36 S. 41 John Sturt: Sir Isaac Bickerstaff, 1710. Frontispiz in einer Buchausga­ S. 90 Screenshots aus: Ludi als Kinoamateur, Regie: Friedrich Kuplent, be des Tatler, London (ohne Datierung) 9,5 mm, AT 1930, stumm, Österreichisches Filmmuseum S. 42 Aus: Judith Drake (anonym): An Essay in Defence of the Female Sex, S. 116 Screenshots aus: PewDiePie: MY NEW SETUP!, dort datiert London 1696 17.7.2018, youtube.com/watch?v=TX_NPrR1878, gesehen am 1.8.2018 S. 43 Aus: The Female Tatler, Nr. 21, 22.8.1709 (Orig. in Farbe) S. 45 Aus: Thomas Brown: The Works of Mr. Thomas Brown, the fourth and S. 121 Screenshots aus: PewDiePie: MY SETUP TOUR 2018 v2, last volume, London 1730 dort datiert 9.1.2018, youtube.com/watch?v=A9rOTxy_Aps, gesehen am 1.8.2018 (Orig. in Farbe) S. 53 Screenshots aus: Rise Above. The Tribe 8 Documentary, Regie: Tracy Flannigan, USA 2003 (Orig. in Farbe) S. 59 Albumcover: Snarkism von Tribe 8, Produktion: Alternative Tentacles, USA 1996 (Orig. in Farbe) S. 66 Werbeanzeige des Möbelherstellers Welle, in: HörZu, Nr. 44, 1954, Falls trotz intensiver Nachforschungen Rechteinhaber_innen nicht 38; Werbeanzeige des Geräteherstellers Kuba, in: HörZu, Nr. 48, 1954, berücksichtigt worden sind, bittet die Redaktion um eine Nachricht. 31; N.N.: Wohnkultur – eine Phrase?, in: Haus und Heim, Nr. 1, 1966, 7 — — EDITORIAL Medienwissenschaft zu betreiben bedeutet immer auch, sich zu fragen, was die Voraussetzungen und Bedingungen der eigenen Forschung sind. Die Medialität von Dingen und Ereignissen wird häufig erst in der Beschäftigung mit ihrer Theorie und Geschichte, ihrer Technik und Ästhetik freigelegt. In diesem Sinne betreibt die ZfM eine kulturwissenschaftlich orientierte Medienwissenschaft, die Untersuchungen zu Einzelmedien aufgreift und durchquert, um nach politischen Kräften und epis- temischen Konstellationen zu fragen. Unter dieser Prämisse sind Verbindungen zu internationaler Forschung ebenso wichtig wie die Präsenz von Wissenschaftler_innen verschiedener disziplinärer Herkunft. Die ZfM bringt zudem verschiedene Schreibweisen und Textformate, Bilder und Gespräche zusammen, um der Vielfalt, mit der geschrieben, nachgedacht und experimentiert werden kann, Raum zu geben. Jedes Heft eröffnet mit einem SCHWERPUNKTTHEMA , das von einer Gastredaktion k onzipiert wird. Unter EXTRA erscheinen aktuelle Aufsätze, die nicht auf das Schwerpunktthema bezogen sind. DEBATTE bietet Platz für theoretische und / oder (wissenschafts-)politische Stellungnahmen. Die Kolumne WERKZEUGE reflektiert die Soft- und Hardware, die Tools und Apps, die an unserem Forschen und Lehren mitarbeiten. In den BESPRECHUNGEN werden aktuelle Veröffentlichungen thematisch in Sammelrezensionen diskutiert. Die LABORGESPRÄCHE setzen sich mit wissenschaft- lichen oder künstlerischen Forschungslaboratorien und Praxisfeldern auseinander. Von Gebrauch, Ort und Struktur visueller Archive handelt die BILDSTRECKE. Aus gegebenen Anlässen konzipiert die Redaktion ein INSERT. Getragen wird die ZfM von den Mitgliedern der Gesellschaft für Medienwissenschaft, aus der sich auch die Redaktion (immer wieder neu) zusammensetzt. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich an der ZfM zu beteiligen: (1) die Entwicklung und redaktionelle Betreuung eines S chwerpunktthemas, (2) die Einreichung von Aufsätzen und Reviewessays für das Heft und (3) von Buchrezensionen und Tagungsberichten für die Website. Die Veröffentlichung der Aufsätze erfolgt nach e inem Peer- Review-Verfahren. Alle Beiträge sind im Open Access verfügbar. Auf w ww. zfmedienwissenschaft.de befinden sich das Heftarchiv, aktuelle Besprechungen und Beiträge in den Web-Extras, der Gender- Blog sowie genauere Hinweise zu Einreichungen. — ULRIKE BERGERMANN, DANIEL ESCHKÖTTER, PETRA LÖFFLER, KATHRIN PETERS, FLORIAN SPRENGER, STEPHAN TRINKAUS, THOMAS WAITZ, BRIGITTE WEINGART — INHALT Editorial KLASSE 10 U L R I K E B E R G E R M A N N / A N D R E A S E I E R KLASSE Einleitung in den Schwerpunkt 22 T H O M A S WA I T Z Begehren des Marktes «Naked Attraction» und Phantasmen der Klassenlosigkeit 36 S T E P H A N G R E G O RY Ranking, Sorting, Classing Klassifikation und Klassenkampf um 1700 48 AT L A N TA I N A B E Y E R Anders zuhören Tribe 8s ästhetische Praktiken: «Disidentification» und queere Klassenpolitiken 62 M O N I Q U E M I G G E L B R I N K Von «Idiotenlaternen» und «Kulturmaschinen» Klassenspezifische Vermöbe- lung von Fernsehapparaten in den 1950er / 60er Jahren im interkulturellen Vergleich 72 D O R O W I E S E Augenblicke. Gesichter einer Reise von JR und Agnès Varda als Repräsentation der «Klasse ohne Privilegien» 82 S A N D R A L A DW I G Von der Arbeit am Film Die österreichische Amateurfilmkultur der Zwischenkriegszeit 93 R U T H S O N D E R E G G E R Doing Class Hochschulzugang, Kunst und das Gewürz-Andere 101 M A R L E N E S T R E E R U W I T Z im Gespräch mit ASTRID DEUBER-MANKOWSKY Klassensprachen. Punkt. EXTRA 113 S I M O N S T R I C K Alt-Right-Affekte Provokationen und Online-Taktiken 126 AU TO R _ I N N E N — KLASSE I Do, Screenshot aus: Beatstakes: I Do, Regie: Sander Houtkruijer, D 2017 (Orig. in Farbe) KLASSE — Einleitung in den Schwerpunkt «I want my accent back.» 1 «Nowadays it is fashionable to talk about race or gender; the uncool subject is class. It’s the subject that makes us all tense, nervous, uncertain about where we stand.» 2 «We won with young. We won with old. We won with highly educated. We won with poorly educated. I love the poorly educated.» 3 Prozesse der Klassifizierung sind nicht nur auf Kapitalsorten, sondern auch auf Medien angewiesen – sie passieren in Medien und sind selbst medial. 1 Susan Leigh Star über ihr An­ Klassifizieren heißt die Grenzen zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem kommen an der Stanford University: «[B]y 9:00 the next morning my bzw. Wahrnehmbarem und Nichtwahrnehmbarem zu bearbeiten. Einteilen accent disappeared […] annihilation und zuordnen, Kategorien bilden und voneinander abgrenzen finden nicht I feared. There is nothing in the words / working class that tastes of this jenseits, sondern stets innerhalb von Milieus statt, die diese Vorgänge ermög- confusion.» Dies.: I Want My Accent lichen, nahelegen, mehr oder weniger wahrscheinlich machen und von ihnen Back, in: Sinister Wisdom, A Journal of Words and Pictures for the Lesbian zugleich verändert werden.4 Wissensformen, Existenzweisen und Regierungs- Imagination in All Women, Vol. 16, technologien sind dabei im Spiel, Berechnungen, Erzählungen und Erfahrun- 1981, 20 – 23, hier 21. 2 bell hooks: where we stand: gen, Fiktives und Dokumentarisches, Ästhetisches und Politisches, Humanes class matters, New York, und Nichthumanes. Kurz: Klassifizieren ist ein grundlegend performativer Abingdon / Oxon 2000, vii. 3 US­Präsident Donald Trump, Akt, der theoretisches Wissen wie praktisches Know-how erfordert und be- 23.2.2016. reitstellt. Seine menschlichen Akteur_innen sind geprägt von einer klassis- 4 Zum ‹Milieu› vgl. Michael Vester: Die Gesellschaft als Kräftefeld: tisch organisierten Herkunft, die weitgehend unterthematisiert geblieben Klassen, Milieus und Praxis in der ist, sei es, weil es ‹die Arbeiterklasse› im tradierten nationalstaatlichen Sinne Tradition von Durkheim, Weber und Marx, in: Florian Huber, Christian nicht mehr zu geben scheint bzw. sie sich mit anderen Formen sozialer Mar- Wessely (Hg.): Milieu. Umgebungen kierungen wie Rassismus stark überlagert, oder weil beispielsweise im aka- des Lebendigen in der Moderne, München 2017, 136 – 175. demischen Bereich seit ‹Bologna› die Zugänge zur Hochschulbildung und 10 ZfM 19, 2/2018 Hochschulkarriere nochmals auf die gesellschaftlichen, weißen, männlichen Eliten verengt wurden. Es ist der Akt des Klassifizierens, der für die Medienwissenschaft in epis- temologischer und praxeologischer, populär- und hochkultureller, macht- und potenziell auch selbstkritischer Hinsicht relevant ist. Klasse, darum soll es im Folgenden gehen, ist ein Ergebnis eines mehr oder weniger expliziten Tuns, das ohne Medien nicht auskommt. Insofern sich Medienwissenschaft für die komplexen Wechselverhältnisse zwischen Konstitution und Unterwanderung interessiert, sind die historischen und gegenwärtigen Entwicklungen und Pro- blematisierungen des Klassenbegriffs von Interesse, insbesondere seine Ver- komplizierungen als intersektionale Kategorie.5 Klassen 6 sind heute nicht mehr nur im Antagonismus von Kapital und Arbeitskraft zu denken, sondern in den neuen Formen der Prekarität, in denen körperliche, psychische und materielle Ressourcen kapitalisiert werden, und sie zeigen sich mehr denn je als gegen- 5 Vgl. Michael S. Kimmel, Abby L. Ferber (Hg.): Privilege. A Reader, derte und rassifizierte; Medien bilden das ab, sie arbeiten daran mit oder auch New York, London 2016; Encarnación dagegen, sie zeigen und problematisieren auch die nationalen und globalen Gutiérrez­Rodríguez, Kien Nghi Ha, Jan Hutta u. a.: Rassismus, Klas­ Spaltungen von superreich und arm. senverhältnisse und Geschlecht an Inwiefern befördert die Gebrauchsweisen von, das Nachdenken über bzw. deutschen Hoch schulen. Ein runder Tisch, der aneckt, in: sub / urban, das Kritisieren von Medien soziale Klassifizierungen? Welche Funktion über- zeitschrift für kritische stadtforschung, nehmen Film, Fernsehen und sogenannte soziale Medien in Akten der sozia- Nr. 4, H. 2 / 3, 2016, 161 – 190. 6 Die Begriffsherkunft seit len Klassifizierung? Welche Formen impliziten und / oder expliziten Klassen- 1890 und ihre Verschränkung wissens stellen sie bereit? Und was alles kann überhaupt zum M edium der mit Kriminalanthropologie und Eugenik sowie ihren Zusammen­ Klassifizierung werden? Am Beginn der europäischen Klassengesellschaften hang mit «Schulklassen» und ihrer um 1700 seien es Prozesse des Kopierens, Vervielfältigens und Nach äffens sozialen Segregation erläutert Andreas Kemper: ‹Unterklasse› als gewesen, die in den Massenmedien Presse, Kaffeehaus und Club die Durch- Korrektionsanstalt – Zur Herkunft setzung des «Classings» begleiteten, so Stephan Gregory.7 Was erbt die des Begriffs underclass, in: Beiträge des Instituts für Klassismusforschung, Medienw issenschaft davon? In welcher Weise ist das, was als inhaltlich reprä- August 2013, klassismusforschung. sentativ oder valide gilt, schon klassifiziert und gegendert, bevor spezifische wordpress.com/2013/08/25/unterklasse- als-korrektionsanstalt/, gesehen am Forschungsinteressen überhaupt artikuliert werden? 10.7.2018. Neue Klassen, deren Namen noch zur Debatte stehen, entstehen zur Zeit 7 Vgl. Stephan Gregory: Class Trou- ble. Imitation und Klassenkampf um global entlang von Ökologie und Ressourcenverteilungen zwischen dem 1700, Paderborn (in Vorbereitung). Globalen Norden und dem Globalen Süden. Im Rahmen einer «kapitalisti- 8 Die Politische Ökologie unter­ sucht globale Herrschaftsstrukturen schen Weltökonomie» beleben bioökonomische Programme die Industrien der Gegenwart, z. B. Nord­Süd­ der westlichen Nationen und tragen durch die Umwidmung und Enteignung Politiken der Auslagerung von Klimawandelmaßnahmen, etwa zur von Agrarflächen zur Vertiefung einer klassenförmigen Nord-Süd-Spaltung Dekarbonisierung, in den Globalen bei, klassenförmig schon durch die klassische Verteilung von Produktions- Süden. Im Rahmen einer «kapita­ listischen Weltökonomie» beleben mitteln / Kapital und dem Zu-Markte-Tragen von Körpern und natürlichen bioökonomische Programme die Ressourcen.8 Der Klassenkampf hängt von einer neuen Geologie ab, schreibt Industrien der westlichen Nationen und tragen durch die Umwidmung Bruno Latour.9 Dass diese Geschichte unsere Medien mit den Ressourcen- und Enteignung von Agrarflächen strömen des Kolonialismus bis zur heutigen Müllzirkulation verbindet, fasst zur Vertiefung einer klassenförmi­ gen Nord­Süd­Spaltung bei. Sean Cubitt mit der Formel «Finite Media»: Was heute «Umwelt» heißt, 9 Vgl. Bruno Latour: Das entstand mit dem Kapitalismus und bringt bis heute neue Klassen hervor. Die t errestrische Manifest [Où atterir? Comment s’orienter en politique, Ausbeutung der ‹indigenen Klassen› für die Mobiltelefone und Computer 2017], Berlin 2018, 75. SCHWERPUNKT – KLASSE 11 ULRIKE BERGERMANN / ANDREA SEIER des Globalen Nordens muss durch einen Mediengebrauch verändert wer- den, der Umwelt neu sieht und die Güter für alle zugänglich macht.10 Be- griffe wie «imperiale Lebensweise» untersuchen diese Prozesse, auch in ih- ren gegenderten, rassifizierten und klassifizierten Dimensionen, wobei zu überlegen wäre, ob das Klassenkonzept einer nationalökonomischen sozialen 10 Vgl. Sean Cubitt: Finite Media. S chichtung nicht nur in Bezug auf die Produktionsmittel zu internationalisie- Environmental Implications of Digital Technologies, Durham 2017. Danke ren ist, sondern auch in der Entstehung neuer Menschengruppen, die ‹bunt- für den Hinweis an Markus Stauff. scheckige Haufen›, wenn nun auch ohne die Möglichkeiten einer Romanti- 11 Vgl. Ulrich Brand, Markus Wissen: Imperiale Lebensweise. Zur sierung, hervorbringen.11 Ausbeutung von Mensch und Natur Die Klassifizierung und die Klasse der Proletarier, das Lumpenproletari- im globalen Kapitalismus, München 2017. Den Klassenbegriff diskutieren at, die ehrhaften Handarbeiter, den Pöbel, die Fabrikarbeiter_innen verfolgt beide in: dies.: Emanzipation Patrick Eiden-Offes Poesie der Klasse in ihren realitätsmächtigen Diskurszu- unter Bedingungen der imperialen Lebensweise, in: Prager Frühling, schreibungen, Selbstinterpretationen, marxistischen Analysen, Beschimpfun- März 2018, prager-fruehling-magazin. gen, literarischen Imaginationen, als verkörperte Erfindungen und kollektiv de/de/article/1418.emanzipation-unter- bedingungen-der-imperialen-lebens geteilte Erfahrung.12 Im Vormärz noch a motley crew, wurde der Proletarier weise.html, ges ehen am 15.7.2018. im 19. Jahrhundert (nach Friedrich Engels) ein Sammelbegriff für die, die 12 Vgl. Patrick Eiden­Offe: Die Poesie der Klasse. Romantischer ihre Arbeitskraft verkaufen, in Abhängigkeit und mehr oder weniger großer Antikapitalismus und die Erfindung des Armut leben. «Aus dem ‹buntscheckigen Haufen› des Vormärz-Proletariats Proletariats, Berlin 2017. 13 Ebd., 34. formiert sich das immer fester gefügte Kollektiv einer national bestimmten, 14 Ebd., 38. männlich-erwachsenen, weißen Arbeiterklasse»,13 das dann bei Karl Marx in 15 «Wenn Marx in den Grundrissen 1857 / 8 schreibt, dass der Arbeiter im­ den 1850er Jahren festgeschrieben wird, sich gewerkschaftlich organisieren mer ‹virtueller Pauper› bleibe, dann wird und als ‹Sozialpartner› reglementieren lässt. Nach einem Jahrhundert, steht heute, wenigstens der Tendenz nach, auch in den Metropolen die der «Hochzeit der Klassen: 1860 – 1960»,14 verschwindet in den 1970er Jah- Aktualisierung dieser Virtualität auf ren eine so formierte Arbeiterklasse; das neue Proletariat oder Prekariat hat dem Programm. […] Die Moderne, die im Vormärz ihre Gestalt gewinnt, wieder Ähnlichkeiten mit dem des Vormärz und seinen unreglementierten ist immer noch unsre, aber sie zer­ unsicheren Arbeitsverhältnissen, die eine strukturelle Überqualifikation der fällt in der Gegenwart und wird uns unwiderruflich fremd.» Ebd., 37. Arbeitskraft (im Vormärz etwa der Textilarbeiter_innen) mit systematischer 16 Vgl. ebd., 334. Stephan Gregory Überausbeutung verbinden. Die heutige Proletarisierung verbindet sich nicht schreibt in seiner Rezension, dass «Eiden­Offe selbst ein Stück ‹Poesie mehr mit einer Klassenidentität.15 Wenn heute die prekären Arbeiter_innen der Klasse› geschaffen hat», in: ohne freie Zeit, die Krisenverlierer_innen und Migrant_innen das Über- H-Soz-Kult, 7.6.2018, hsozkult.de/ publicationreview/id/rezbuecher-28328, flüssigmachen ihrer Arbeitskraft erleben und sich ein «neues Proletariat der gesehen am 15.7.2018. Gegenwart» formiert, findet Eiden-Offe in ihren Äußerungen wieder eine 17 Sabrina Habel: Klasse, Frauen, in: Merkur, Jg. 72, H. 828, «Poesie der Klasse» (mit ihren Mythen der Maschinenstürmer und Sozial- Mai 2018, 72 – 80. rebellen, der Unterbrechung der «Prosa der Verhältnisse» und ihrer Unvor- 18 Friedrich Engels zit. n. ebd., 75. 19 Vgl. Silvia Federici: Caliban and hersehbarkeit, mit virtuell exzessiven Momenten und dem Enthusiasmus des the Witch: Women, the Body and Primi- romantischen Antikapitalismus 16). tive Accumulation, Wien 2012 [2004]; dies.: Aufstand aus der Küche – Repro- Ging es bei Eiden-Offe um die Prosa, das Narrativ der Klasse, so liest duktionsarbeit im globalen Kapitalismus Sabrina Habels in Engels’ Ursprung der Familie, des Privateigentums und des und die unvollendete feministische Revolution, Münster 2012. Staats (1884) das Drama der Ablösung der Klassenbegriffe, mit Marx die letzte 20 Vgl. Habel: Klasse, Frauen, 80. Komödie und das Reflexionsmedium des Bürgertums, als nicht so lustig für die Vgl. Cornelia Klinger, Gudrun­Axeli Knapp, Birgit Sauer (Hg.): Achsen Klasse der Frau, die mit der Durchsetzung der monogamen Ehe im «ersten der Ungleichheit. Zum Verhältnis von Klassengegensatz» situiert wird.17 Am Ursprung der monogamen Ehe steht der Klasse, Geschlecht und Ethnizität, Frankfurt / M., New York 2007. Sieg des Privateigentums und des Grundbesitzes über das Gemeineigentum, 12 ZfM 19, 2/2018 EINLEITUNG IN DEN SCHWERPUNKT und der Erhalt der neuen Form von Reichtum ist nur mit Kindern möglich, die nur die eines bestimmten Mannes sein können, um ihn zu beerben – die Monogamie bezeugt die Durchsetzung des Patriarchats. «Er ist in der Fami- 21 Vgl. Österreichische Zeitschrift lie der Bourgeois, die Frau repräsentiert das Proletariat.» 18 Engels bezeichnet für Geschichtswissenschaften, Nr. 25: Die ‹Stämme› der Akademie, die Abhängigkeit des Weibes vom Manne nicht als kapitalistische Errungen- hg. v. Albert Müller, 2014. schaft, sondern als Wiederkehr der Formen des Vorbürgerlichen, der Sklaverei 22 Vgl. hooks: where we stand. Das gilt auch für die Theoriebildung. oder Leibeigenschaft – die Ehe sei als Form der Klassenunterdrückung erfun- Vgl. María do Mar Castro Varela: den, der Geschlechtscharakter sei eigentlich ein Klassencharakter, gegründet ‹Klassenapartheid›. Klassenherr­ schaft postkolonial perspektiviert, auf der historisch ersten Form der Arbeitsteilung. Die Arbeiterklasse besteht in: Kurswechsel, Nr. 4: Klasse – Klas­ nicht einfach aus weißen angestellt arbeitenden Männern, sondern ist viel in- sismus – Klassenkampf, hg. v. Assimina Gouma, Vina Yun, 2015, homogener, schon das Manifest der Kommunistischen Partei sah das Proleta- beigewum.at/kurswechsel/jahrespro riat in allen Klassen; eine Person kann mehrfach proletarisiert und pauperisiert gramm-2015/heft-4-klasse-klassismus- klassenkampf/, gesehen am 10.7.2018. werden – vor allem Frauen. Der Antagonismus verläuft nicht mehr zwischen 23 Auf die breite angloamerika­ Bürgertum und Proletariat, sondern zwischen potenziell Proletarisierbaren und nische Forschung der Cultural Studies nach Richard Hoggarts The den Pauper. Silvia Federici hat die marxistische Figur der ‹ursprünglichen Ak- Uses of Literacy, 1957, können wir kumulation› in ihrer Ausblendung der Haus- und Reproduktionsarbeit, aber nur verweisen; deutschsprachig vgl. Andrea Seier, Thomas Waitz auch der Sexarbeit, Erziehung und Gesundheitsversorgung gelesen, die aller- (Hg.): Klassenproduktion. Fernsehen als erst die zu verkaufende Ware Arbeitskraft ermöglichten; die Entstehung des Agentur des Sozialen, Münster 2014; Moritz Ege: ‹Ein Proll mit Klasse›. Mode, Kapitalismus ist nicht ohne die ‹Hexenverfolgung› zu sehen.19 Heute ist der / die Popkultur und soziale Ungleichheiten Sans-Papier eine zeitgemäßere Reflexionsfigur für das Vorhandensein der Pe- unter jungen Männern in Berlin, Frank­ furt / M. 2013; u. v. a. ripherie im Zentrum als es die Frauen sind. Dem Pauper müsste die Solidarität 24 Vgl. Seier u. a.: Klassenproduk- der Proletarisierbaren gelten.20 tion, 7 – 23. June Dery, Andra Press (Hg.): Media and Class. TV, Film, and Digital Culture, London 2017; Sudeep Dasgupta, Policing the people: Television studies and the problem Universität und Klassen of ‹quality›, in: NECSUS, European In welchem Verhältnis stehen Medienwissenschaft und die «Stämme der Aka- Journal of Media Studies, dort datiert 10.10.2015, necsus-ejms.org/policing- demie»? 21 Auch die Medienwissenschaft ist Effekt von Wissensökonomien, the-people-television-studies-and-the- die Kulturgeschichte, Wahrnehmungstheorien und Philosophie von Cultural, problem-of-quality-by-sudeep-dasgupta/, gesehen am 10.7.2018. Gender und Queer Studies trennen, und ‹altes Europa› von Alltagskultur.22 Die 25 Vgl. Pierre Bourdieu: Entwurf Bezugnahme auf Kulturgeschichte oder Cultural Studies, Medienkunst oder einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kaby- Reality-Fernsehen generiert unterschiedliches kulturelles Kapital, auch wenn lischen G esellschaft, Frankfurt / M. das Fach mit dem Ziel angetreten ist, die Unterscheidungen von Hoch- und 2009; Heiko Christians, Matthias Bickenbach, Nikolaus Wegmann Populärkultur zu problematisieren.23 Auseinandersetzungen mit sogenanntem (Hg.): Historisches Wörterbuch des Quality-TV scheinen solche Distinktionen eher zu befördern, anstatt sie zu be- Mediengebrauchs, Bd. 1 – 2, Köln, Weimar, Wien 2015 / 2018; Hilmar fragen.24 Die deutschsprachige Medienwissenschaft mag in der Lehre durchaus Schäfer (Hg.): Praxistheorie. Ein mit Elementen der Cultural Studies arbeiten – im Selbstverständniskanon der soziologisches Forschungsprogramm, Bielefeld 2016; Stuart Hall, Richard Fachgeschichte sind sie hingegen unterrepräsentiert. Richard Hoggarts Uses of Hoggart: The Uses of Literacy and the Literacy untersuchte 1957 Populärkultur, Alltagskultur, Massenkultur (Comics, Cultural Turn [1957], in: International Journal of Cultural Studies, Vol. 10, Kino, Zeitungen, Anzeigen, pulp ...), wie im Untertitel angekündigt als «Aspects Nr. 1, 2007, 39 – 49. Didier Eribon of Working Class Life». Was vor einem halben Jahrhundert zum Katalysator für kritisierte, Hoggart habe zwar die Arbeiterkultur gegen den Konsum­ eine neue Forschungsrichtung wurde, scheint heute ohne das Untersuchungs- kapitalismus verteidigt, aber dabei objekt obsolet, taucht allerdings im Interesse an Praxistheorien und embodied traditionelle Geschlechterbilder beibehalten. Vgl. ders.: Gesellschaft knowledge wieder auf, auch in der Suche nach den «Uses of Mediacy».25 als Urteil, Berlin 2017, 205 – 237. SCHWERPUNKT – KLASSE 13 ULRIKE BERGERMANN / ANDREA SEIER Betroffenheit ist innerhalb und außerhalb der Medienwissenschaft zur Ka- tegorie non grata erklärt. Parteilichkeit der Forscher_innen steht spätestens seit dem szientifizierten 19. Jahrhundert der wissenschaftlichen Erkenntnis entgegen, und die europäischen Nachkriegsversuche, den Arbeiter_innen, den Frauen und anderen akademisch Unterrepräsentierten einen Ort zu ge- ben, schrieben diesen gleich wieder eine solche Authentizität zu, dass sie als akademische Subjekte in der Überlagerung von Sprecher_innenposition und Forschungsthema anhaltend festzufahren drohen. Rudolf Stichwehs Univer- sitätsgeschichte rekonstruierte die Zuschreibungen an Klassenzugehörigkeit als Kriterium für akademische Zugangs- und Sprechweisen und Rey Chow die Zirkulation von «kulturellem Kapital» als direkte Bedingung und Output von Studiengängen.26 Diese Arbeiten verweisen auf das Problem der (Un-)Sichtbar- keit von Positionalität: Wo sich eine Perspektive nicht mitsprechen muss, weiß 26 Vgl. Rudolf Stichweh: Wissen- sie sich einer hegemonialen Normalität zugehörig. Pierre Bourdieus soziolo- schaft, Universität, Professionen: sozio- logische Analysen, Frankfurt / M. 1994, gischer Selbstversuch beschrieb – u. a. am Beispiel seiner Antrittsvorlesung am 209 f.; Rey Chow: Ethics after Idealism: Collège de France – die Wirkmächtigkeit universitärer Rituale, deren impli- Theory – Culture – Ethnicity – Reading, Bloomington 1998, 7 et passim. zite Zielsetzung in der Reproduktion sozialer Macht besteht.27 Auch mit bell 27 Vgl. Pierre Bourdieu: Ein sozio- hooks lässt sich nachvollziehen, inwiefern akademische Karrieren von race-, logischer Selbstversuch, Frankfurt / M. 2017, 120. class- und g ender-Kategorien durchkreuzt werden. Ihre Auseinandersetzungen 28 hooks: where we stand, 37; mit schwarzen Eliten und weißer Armut sind in Bezug auf die Frage («where Vgl. Bildpunkt. Zeitschrift der IG Bildende Kunst, Nr. 43: Class Matters, 2017. we stand») besonders aufschlussreich: 29 Eribon: Gesellschaft als Urteil, 205 – 237. 30 Jo Littler verfolgt die realitäts­ At no time in my years as a student did I march in a graduation ceremony. I was not mächtige Figur der Meritokratie proud to hold degrees from institutions where I had been constantly scorned and sha- in der Geschichte politischer und med. I wanted to forget these experiences, to erase them from my consciousness. […] sozialwissenschaftlicher Diskurse, When I finished my doctorate I felt too much uncertainty about who I had become. insbesondere die Umdeutung einer sozialistischen zu einer neolibera­ […] There would always be contradictions to face. There would always be confron- len Gebrauchsweise, um diese in tations around the issue of class. I would always have to reexamine where I stand.28 medialen Fortschrittsparabeln im Reality­TV, bei Social­Media­Stars und mumpreneurs zu untersuchen. Zahlreiche Studien der letzten Jahre und Initiativen wie «First Generations» Vgl. dies.: Against Meritocracy. (früher «Arbeiterkinder») verweisen auf die Undurchlässigkeit des (insbeson- Culture, power and myths of mobility, New York, Abingdon / Oxon, 2018. dere deutschen) Hochschulsystems und sie machen damit deutlich, dass soziale 31 Vgl. Mike Laufenberg: Soziale und kulturelle Klassifizierungsprozesse stattfinden oder sich sogar noch zuspit- Klassen und Wissenschaftskarrieren. Die neoliberale Hochschule als zen, auch wenn sie nicht als Klassenkampf oder, wie Didier Eribon vorschlägt, Ort der Reproduktion sozialer Un­ als «soziale Gewalt» 29 thematisiert, sondern als «soziale Differenz» oder «Un- gleichheiten, in: Nina Baur, Cristina Besio, Maria Norkus, u. a. (Hg.): Wis- gleichheit» diskutiert werden. Soziale Klassifizierungen und die mit ihnen sen – Organisation – Forschungspraxis, einhergehenden Selbst- und Weltverhältnisse werden allerdings auch dann Weinheim 2016, 530 – 625, hier 580. 32 Vgl. Laufenberg: Soziale wirksam und erneuern sich fortlaufend, wenn sie begrifflich unartikuliert oder K lassen, 591, mit Bezug auf Studien entdramatisiert bleiben oder in Aufzählungen gesellschaftlicher Markierungen von 2013 und 2015. Vgl. Christina Möller: Als Arbeiterkind zur Profes­ nur mitgenannt werden. sur?, in: Forschung und Lehre, Nr. 6, «Meritokratie», eine Herrschaft entsprechend von Verdiensten, heißt die Juni 2014 (über eine intersektionale Studie in NRW), und Marco Maurer: Idee davon, wer in der Akademie verdientermaßen zu Posten kommt: 30 diejeni- Du bleibst, was du bist – Warum bei gen, die sich in Selbstverwaltung und peergruppenbasierter Qualitätssicherung uns immer noch die soziale Herkunft entscheidet, München 2015. mit ihren Leistungen durchsetzen. Damit, so Soziologe und Genderforscher 14 ZfM 19, 2/2018 EINLEITUNG IN DEN SCHWERPUNKT Mike Laufenberg, werden strukturelle Chancenungleichheiten legitimiert, die realiter nicht nur individueller Leistung, sondern kulturellen und politischen Praktiken der Statusreproduktion dominanter sozialer Klassen und Subjekti- vierungsformen folgen; 31 was als Leistung zählt, ist in Bildungsbiografien von Kindheit an klassenspezifisch geprägt. Habitus und Sprache, Wohnorte und Mobilität, Erfahrungen mit Reisen oder kulturellen Institutionen wie The- 33 Laufenberg: Soziale Klassen, atern und Museen, Netzwerkbildung und Praktikumsmöglichkeiten durch 596, 604; die Begriffe leiten auch finanzielle Unterstützung spielen eine Rolle; schon die Gruppe der studen- die Münchner Soziologin Angela Graf, die die deutsche «Wissen­ tischen Hilfskräfte stammt zu fast drei Vierteln aus «ökonomisch stark pri- schaftselite» untersucht und darin vilegierten Familien», beim Studienabschluss sind Kinder aus nichtakademi- weiter in «Wirtschafts­» und «Bil­ dungsbürgertum» unterscheidet, schen Haushalten durch Berufstätigkeiten schon anderthalb Jahre älter als der so Boris Holzer: Ungleiche Wis­ Durchschnitt (ein Negativkriterium für weitere Auswahlprozesse), die Promo- senschaft, in: Frankfurter Allgemeine Ze itung, 31.10.2016, faz.net/-ibq- tionsneigung sinkt in dieser Gruppe mit dem Alter r apide, und von den Juni- 8m6y5, gesehen am 15.7.2018. orprofessuren sind nur noch 7 % mit Bildungsaufsteiger_innen besetzt.32 Dass 34 Vgl. Ulrich Heublein, Julia Ebert, Christopher Hutzsch u. a.: weitere Karrierepositionen sich entsprechend verengen, bis die sogenannte Zwischen Studienerwartung und «Positionselite» (Leiter von Max-Planck-In stituten, Leibniz-, Helmholtz- Studienwirklichkeit, Studie im Auftrag des Deutschen Zentrums für gesellschaften, Präsident_innen von DFG, Wissenschaftsrat oder HRK) und Hochschul­ und Wissenschaftsfor­ «Prestigeeliten» (Nobelpreisträger_innen u. a.) zu einem guten Teil wieder aus schung, in: Forum Hochschule, Nr. 1, 2017, dzhw.eu/pdf/pub_fh/fh-201701. Professor_innenkindern besteht, erscheint wie ein Naturgesetz, eine Folge der pdf, gesehen am 15.7.2018. Bis 2020 entsprechenden Akkumulation auch von kulturellem und sozialem Kapital.33 wird die größte und weitgehend unbesteuerte Erbschaftswelle der Mit ‹Bologna›, der Verschulung und Disziplinierung von Studienwegen, wur- Geschichte (jährlich etwa in der den Suchbewegungen, Nachholzeiten, Akklimatisierungsphasen für Bildungs- Höhe des gesamten Bundeshaus­ halts von 250 Milliarden Euro) die aufsteiger_innen nochmals beschnitten, und schon in den MA-Studiengängen Schere auch der Bildungszugänge sinkt der Anteil an Studierenden aus den so genannten bildungsfernen Haus- weiter vertiefen. Das Wiki How to Prep for Grad School While Poor mit halten. Die Mercatorstiftung untersuchte die Situation 2016 für Studierende detaillierten Anweisungen von Karra mit Migrationshintergrund, die oft «Erstakademiker» sind und daher doppelt Shimabukuro explodierte 2017 und wurde im Februar 2018 in einen benachteiligt – 43 % von ihnen brechen das Studium ab.34 Blog überführt: howtogradschool whilepoor.blogspot.com, gesehen am 10.7.2018. 35 Gegen die Abwertung der Digitale Wissensklassen Massenkultur und ihrer nicht­ bürgerlichen Konsument_innen am Nicht nur die tradierten Institutionen, sondern auch die neue digitale Arbeit Beispiel von Mode argumentiert werden hier zentral. Nach den durch die Frankfurter Schule attestierten Ver- die Künstlerin Ines Doujak mit der Ausstellung Not Dressed blendungen der K ulturindustrie arbeiten die Prosumer_innen nun an der Pro- For Conquering. Zum Erobern falsch duktion von W aren mit, die Teile ihrer Subjektivität sind. Bourdieus ‹feine Un- gekleidet, WKV Stuttgart 2017. Vgl. Brennende Fragen, Interview terschiede› leben ebenso grob wie diversifiziert fort – das symbolische und das mit Sonja Eismann, in: Missy kulturelle Kapital folgt immer stärker der sozialen Spaltung, die in Bildungs- Maga zine, Nr. 111, 2016. 36 Vgl. im Oktober 2017 der biografi en von Kindern beginnt und in medialen Distinktionsgesten nicht erste kollektive kritische Zusam­ e ndet.35 In der Gig Economy (wo Arbeit nur ‹von Gig zu Gig› bezahlt wird) menschluss der Foodora­Fah­ rer_innen, organisiert durch eine könnten ver netzte Handys zur Überwachung der Mitarbeiter_innen füh- WhatsApp­Gruppe aus Berlin ren – oder zur Selbstorganisation auch da, wo die Gewerkschaften das nicht Friedrichshain, Bernd Kramer: Der Arbeitskampf begann bei WhatsApp, mehr hinbe kommen.36 in: Die Zeit, 27.10.2017, www.zeit. Die Rede von der «Facebook- oder Twitterrevolution» sei richtig, aber aus de/arbeit/2017-10/kurierfahrer-foodora- arbeitsbedingungen-gewerkschaft- ganz anderen Gründen als gedacht – Jodi Dean geht es um politische Kämpfe protest, gesehen am 15.7.2018. SCHWERPUNKT – KLASSE 15 ULRIKE BERGERMANN / ANDREA SEIER der knowledge class, die vom kommunikativen Kapitalismus ausgebeutet werden, bezahlt oder unbezahlt, als Datenlieferant_innen, als outgesourcte Gewalt- video-Löscher_innen …: 37 Diese Ereignisse [Gezi, Occupy, der Arabische Frühling, Black Lives Matter, NoG20] haben gemeinsam, dass sie neue Klassenkämpfe sind. Die Menschen, die auf die Straße gehen, verelenden im Kommunikativen Kapitalismus. […] Im Kom- munikativen Kapitalismus ist die Kommunikation zum Produktionsmittel gewor- den. Ein Beispiel: Immer wenn wir unsere Smartphones, Laptops, Tablets benutzen, wird alles, was wir produzieren, zu einer Ressource für das Kapital, also die Daten, die für Google so wertvoll sind, die sie speichern und für Werbung weiterverkaufen, die sie auswerten, um Muster zu finden, mit denen sie dann neue Geschäftsmodelle kreieren, die sie dann als Plattformen und Wissen an andere Unternehmen verkau- fen können. Egal, wie wir elektronisch kommunizieren, jemand anderes besitzt das, was daraus entsteht.38 37 Vgl. Jodi Dean: Communicative Widerständige Arten der Smartphonenutzung können zwar eine Form von Ent- Capitalism and Class Struggle, eignung der Produktionsmittel darstellen. Die Ergebnisse verleiben sich große in: spheres. Journal for Digital Cultures, Vol. 1: Politics after Networks, Technologieunternehmen allerdings wieder ein. Dean fordert daher: «Google, November 2014, spheres-journal.org/ Facebook und Amazon müssen enteignet und kollektiviert werden.» 39 communicative-capitalism-and-class- struggle/, gesehen am 10.7.2018. 38 Nina Scholz: ‹Google, Face­ book und Amazon kollektivieren›, I nterview mit der Medientheore tik­ Begriffsarbeiten erin Jodi Dean, dort datiert De­ Geht es gegenwärtig etwa um Trump-Wähler_innen oder prekäre Lebensver- zember 2017, rosalux.de/publikation/ id/38156/google-facebook-und-amazon- hältnisse, Gewohnheiten der Mediennutzung oder gesunde Ernährung, finden kollektivieren, gesehen am 15.7.2018. häufig Klassifizierungen statt, ohne dass der Begriff der Klasse explizit verwen- 39 Ebd. 40 Vgl. Peter Linebaugh, Marcus det wird. Ohne implizite Akte des ‹Classings› sind Auseinandersetzungen über Rediker: Die vielköpfige Hydra. Die Themen dieser Art allerdings kaum denkbar. verborgene Geschichte des revolutionären Atlantiks [The Many-Headed Hydra, Wurden Klassenverhältnisse im Postmarxismus durch Begriffe wie Schich- 2002], Hamburg 2008. ten, Felder, Milieus, Multituden und Prekariat ersetzt, um gegenwärtigen kapi- 41 «[Z]unächst galt es [so], die Masse der ‹Elenden› zu spalten (in­ talistischen Organisationsformen und den undeutlicher gewordenen Grenzen dem insbesondere der Bauernschaft z wischen Arbeit und Nichtarbeit gerecht zu werden, oder das «Proletariat» und den ‹traditionellen› Handwer­ kern die Qualität der nationalen durch Bilder einer «vielköpfigen Hydra»,40 so sind mehr oder weniger gleich- Authentizität, der Gesundheit, der zeitig Konzepte einer medialen Klassengesellschaft prominent geworden. Moral, der rassischen Integrität zugesprochen wurde, die genau D. h., über Klassen wird durchaus gesprochen, aber nicht explizit, und nicht im Widerspruch zur Pathologie der im ökonomisch-materialistischen Sinne, sondern im Rahmen einer Auseinan- Industriearbeiter stand); sodann waren die Merkmale der ‹arbeiten­ dersetzung über Medienpraktiken bzw. Medienkonsum, über Geschmacksur- den Klassen› insgesamt, also die teile (‹Niveau /-losigkeit›) und Ästhetiken. Gefährlichkeit und die Erblichkeit, auf die Fremden zu übertragen, Auch wenn alle drei Begriffe, race, class, gender, als analytische Raster in insbesondere auf die Einwanderer Umlauf sind, so überwiegen doch die Auseinandersetzungen mit race und und die Kolonisierten.» Etienne Balibar, Immanuel Wallerstein: gender als Grundlage für Produktions- und Rezeptionsformen, für epistemo- Rasse – Klasse – Nation, Hamburg, logische Strukturierungen bis hin zu Möglichkeitsbedingungen der Wissen- Berlin 1998, 254. Vgl. das Sympo­ sium am HKW Berlin: Gefährliche sproduktion. Etienne Balibar und Immanuel Wallerstein zeigten in ihrem Konjunkturen. Zur Aktualität Klassiker Rasse – Klasse – Nation 1998, wie Rassismus konstitutiv für die Aus- von Balibar / Wallersteins Rasse, Klasse, Nation, 15.–17.3.2018. bildung von «Rasse», «Staat» und «Volk» ist.41 Diversifizierungen des alten 16 ZfM 19, 2/2018 EINLEITUNG IN DEN SCHWERPUNKT Kapital-vs.-Arbeiter-Antagonismus durch Angestellte, Freie, Prekäre, Ar- beitslose, durch Differenzierungen nach Geschlecht, Alter, Kultur etc., nach Kategorien wie Reproduktionsarbeit und care work haben die Auseinanderset- zung mit Klassen fragen ausdifferenziert, allerdings auch unterbestimmt. Die sogenannte soziale Spaltung in Reiche und Arme, national wie global, und Slogans wie «We are the 99 %» mit Blick auf die Verteilung des Reichtums verweisen nun auf einen Mangel an Begriffen. Die strategische Wiederver- wendung des Klassenbegriffs, während sich Arbeitsstrukturen, der globale Kapitalismus, der Finanzmarkt und ihre Medien seit 100 Jahren umfassend verändert haben, steht daher für eine Skandalisierung der Klassenvergessen- heit und / oder für den Beginn einer Neubestimmung. Im Jubiläumsgeburtstagsjahr von Karl Marx lassen sich wieder vermehrt Be- züge zur Marx’schen Theoriebildung beobachten, manchmal allerdings mit der Tendenz, den Primat des Ökonomischen gegen sogenannte Identitätspolitiken auszuspielen, anstatt diese Felder konstruktiv miteinander zu verbinden. Lässt sich über soziale Klassifizierung sprechen, ohne linke Melancholien (Wendy Brown) zu befördern? Könnte eine Aktualisierung der Klassenfrage gelingen, die ihrer Dethematisierung etwas entgegensetzt, ohne dabei die Unterschei- dung von Haupt- und Nebenwidersprüchen zu erneuern? Die Klassenfrage neu zu denken hieße, sie nicht in einen (neoliberalen) Primat des Ökonomischen einzutragen, sondern sie gerade nicht losgelöst von anderen Trennungs- und Fluchtlinien zu erörtern. Notwendig für diesen Schritt ist die Suche nach Anschlüssen und Anknüp- fungspunkten, etwa das Insistieren auf Fragen des Materialismus, die in der Auseinandersetzung mit Materialitäten jeglicher Art nicht aufgehen. Während die gegenwärtigen Anstrengungen, das Soziale neu zu bestim- men, vor allem Dingen, Artefakten und Tieren (als das Andere des Sozia- len / Menschlichen) zu neuen Sichtbarkeiten und Sagbarkeiten zu verhelfen, rutschen soziale Markierungen tendenziell ins Unsagbare. Nicht nur globale Finanzmärkte und digitale Formen des Kapitalismus, auch neue relationale Ontologien weisen auf komplexe soziale Beziehungen hin, während beste- hende (und neu entstehende), ebenso wirkmächtige Relationen tendenziell aus dem Blick geraten. Klassenfragen werden angesichts dieser Entwicklun- gen unter einer Reihe alternativer Begrifflichkeiten, unter denen ‹Prekarität› wohl der prominenteste ist, eher mitgedacht als spezifisch adressiert. Wird das Leben selbst als gefährdet betrachtet, d. h. grundsätzlich von Rahmung und Anerkennung abhängig, dann werden ökonomische Verhältnisse als eine Relation neben anderen gefasst und stehen in zweierlei Hinsicht unter Ver- dacht: zu unübersichtlich, um noch unter dem stabilen Gegensatz der Klassen subsumiert zu werden, und gleichzeitig zu vorhersehbar, weil von der Persis- tenz klassenspezifischer Differenzen im Sinne von Distinktion, Lebensstil, Ausgrenzung zwar weiterhin auszugehen ist, die Effekte aber als hinreichend bekannt gelten. Hinzu kommt: Abhängigkeit, Enteignung und Ausgesetztsein SCHWERPUNKT – KLASSE 17 ULRIKE BERGERMANN / ANDREA SEIER werden im Rahmen sozialer Ontologien nicht an das fehlende Verfügen über Produktionsmittel gekoppelt, sondern produktiv umgedeutet: Wechselseitige Abhängigkeiten und Verschränktheiten (von Menschen, Dingen, Natur, Tech- nologien, Infrastrukturen und Materialitäten) fordern dazu auf, Gefährdung, Schutzlosigkeit, körperliche Integrität, Begehren, Arbeit und soziale Zugehö- rigkeit neu und grundlegend zu bedenken. Wie aber lässt sich eine positive Umdeutung von Enteignung produktiv machen? Verstellt sie nicht gerade den präzisen Blick auf Klassenfragen, auf den Eribons Rückkehr nach Reims so nachdrücklich insistiert? 42 Zu Recht hat die Philosophin Athena Athanasiou in ihrem Dialog mit Judith Butler davor gewarnt, die unterschiedlichen Bedeu- tungsnuancen von Enteignet-Sein und Enteignet-Werden zu vermischen oder «ontologisch zu demarkieren»: Obgleich beide Bedeutungen von Enteignung zusammenhängen, gibt es keine on- tologische kausale oder chronologische Beziehung zwischen dem ‹Enteignet-Sein einerseits› – das auf eine primordial angelegte Beziehungsförmigkeit verweist, die auf einer fundamentalen Ebene von Unterwerfung eine konstitutive Verschiebung im Selbst erkennen lässt, das heißt bestimmte Arten der Verwerfung und präemp- tiver Verluste in der Subjektkonstitution – und dem ‹Enteignet-Werden› anderer- seits – einer abgeleiteten Situation, die mit dem erzwungenen Entzug von Land oder Rechten, dem Verlust der Lebensgrundlagen oder der Deprivation von Ansprüchen und kollektiven Zugehörigkeiten einhergeht.43 Die Klassenfrage auf der Höhe der Zeit anzugehen, könnte heißen, die von Judith Butler nahegelegte produktive Hinwendung zu Verletzbarkeit und Enteignung zu befördern, ohne jedoch diejenigen Klassifizierungen aus dem Blick zu verlieren, die Eribon zu Recht als soziale Gewalt thematisiert. D. h., gerade dann, wenn Konzepte von Gesellschaft sich jenseits der Begrenzun- gen auf Menschliches entwickeln, erscheint es notwendig, den Begriff der Materialität nicht nur vordergründig auf Stoffliches, Artefakte und Dinge zu beziehen, sondern spezifische gesellschaftliche Materialitäten in diese neuen Konzepte einzutragen.44 Anstatt einer Wiederbelebung des Primats des Öko- nomischen zuzuarbeiten, ginge es darum, ein neues Verständnis von Klassen- fragen zu entwickeln, in dem Mikro- und Makroperspektiven, Identitäts- und 42 Vgl. Judith Butler: Raster Klassenfragen, Materialitäten und Materialismen nicht in Konkurrenz zu- des Krieges. Warum wir nicht jedes Leid e inander geraten. beklagen, Frankfurt / M. 2010; Didier Eribon: Rückkehr nach Reims, Frankfurt / M. 2016. 43 Judith Butler, Athena A thanasiou: Die Macht der Enteigne- Zu den Beiträgen ten, Zürich, Berlin 2014, 18. Dass der Vorgang des Klassifizierens auch ohne konkreten Klassenbegriff 44 Vgl. Brigitte Bargetz: Writing out ‹the Social›? Feministische auskommt, belegen die hier versammelten Beiträge. Vom Amateur- und Materialismen im Streitgespräch, Avantgardefilm zum Reality-Fernsehen, von historischen Vorläufern des in: Christine Löw, Katharina Volk, Imke Leicht u. a. (Hg.): M aterial turn: Klassenbegriffs zu gegenwärtigen queer-feministischen Lektüren, von der Feministische Perspektiven auf Mate- Ausdifferenzierung von Medienmöbeln bis hin zu Klassensprachen und rialität und Materialismus, Opladen, Berlin 2017, 133 – 152. Hochschulpraktiken werden Formen impliziter und expliziter Klassifizierung 18 ZfM 19, 2/2018 EINLEITUNG IN DEN SCHWERPUNKT und ihre Effekte diskutiert. Die Beiträge verweisen auf die mediale Dimen- sion des Klassifizierens, indem sie performative Praktiken der Des- / Artiku- lation von Klassenfragen in den Blick nehmen. Und sie zeigen auf, dass auch der Vorgang des undoing class, der in der Regel nicht emanzipatorischen, son- dern konservativ-bewahrenden Zielsetzungen folgt, nur mit performativem Aufwand herzustellen ist. In seiner Auseinandersetzung mit der britischen Reality-Gameshow Naked Attraction verweist etwa THOMAS WAITZ darauf, wie im Reality-Fernsehen, in dem Klassendifferenzen eine nicht unerhebliche Rolle spielen, diese mit großem Aufwand dethematisiert und in Fragen von Eigentlichkeit, Privat- heit und vermeintlich klassenlose Formen des Begehrens überführt werden. Die Datingshow wird dabei als Symptom für gegenwärtige Regierungstech- nologien gelesen, in denen Konzepte von Privatheit und Intimbeziehungen entworfen werden, die sich vermeintlich außerhalb von Marktlogiken und Klassendi fferenzen ansiedeln. Ausgerechnet die televisuelle Thematisierung von Nacktheit, Begehren und Privatheit trägt zur Herstellung dieses Konzepts in spezifischer Weise bei und erlaubt damit einen Ausblick auf die «Klassen- produktionen des Fernsehens». Der Beitrag von STEPHAN GREGORY nähert sich dem Begriff der Klasse aus historischer Sicht und setzt sich mit der Geschichte bzw. V orgeschichte des Klassenbegriffs auseinander. Während die klassifikatorische Aufteilung von Menschen im 17. Jahrhundert noch als ein ‹von oben› oktroyiertes Herr- schaftsverfahren erkennbar und entsprechenden Widerständen ausgesetzt ist, wird sie in den neuen Medien der Öffentlichkeit von 1700 (Presse und Kaffee- haus) zu einer auch ‹von unten› akzeptierten und weitergetragenen Praxis. Der Beitrag stellt eine ‹Popkultur der Klassifikation› vor, durch die das Prinzip der klassenförmigen Sortierung von Menschen gesellschaftsfähig wird. Aber auch die kämpferische Wende des Klassenbegriffs deutet sich darin bereits an, so dass sich in den untersuchten Passagen ausgewählter Zeitschriften die spätere Geschichte des Klassenbegriffs schon abzeichnet. Der Beitrag von ATLANTA INA BEYER fragt anhand einer Auseinander- setzung mit der queer-feministischen Punkband Tribe 8 nach dem Verhältnis zwischen Klassen- und Identitätspolitiken, die in gegenwärtigen Analysen häu- fig als getrennte Felder auftreten. Mithilfe eines Re-framings, in dem Texte, Gesang und Kontroversen um einen ihrer Auftritte neu gelesen werden, legt der Beitrag die implizite Artikulation von Klasse bzw. Klassenthemen anhand der «ästhetischen» Einsätze der Band frei. Dadurch können, so Beyer, «Dis- identifikationen» mit einem vermeintlich einheitlichen Subjekt Frau bzw. L esbe aufgezeigt und nach Potenzialen für Aushandlungen um Klassenpoliti- ken mit «queer-feministischer Differenz» gefragt werden. Mit einer vergleichenden Analyse von Fernsehmöbeln in den USA und der BRD diskutiert der Aufsatz von MONIQUE MIGGELBRINK die Potenziale der Fernsehwissenschaft, um unter Bezugnahme auf kulturwissenschaftliche SCHWERPUNKT – KLASSE 19 ULRIKE BERGERMANN / ANDREA SEIER Ansätze zur Materialitätsforschung das Zusammenspiel von Fernsehapparat und Möbeldesign als Aushandlungsort sozialer Asymmetrien zu untersuchen. Als wichtiger Bezugsraum des Fernsehens im Wohnraum wird die Schrank- wand auf ihre unterschiedlichen kulturellen Kontextualisierungen hin fo- kussiert. Während sie sich in der BRD nur sehr langsam von ihrer Funktion als Aufbewahrungsort von Büchern löst und diese Loslösung eine vehemente Auseinandersetzung über klassenspezifische Lebensstile impliziert, gilt in den USA die Schrankwand als Signifikant einer florierenden Freizeitkultur. Wer- den in der Bundesrepublik Deutschland Fragen von Lebensstilen, Tradition und Hochkultur anhand des Mobiliars thematisiert, gilt die Schrankwand in den USA als Speicher für m oderne Konsumkultur, mit der Fortschritt und ein freizeitorientierter Lifestyle verknüpft sind. DORO WIESE beschäftigt sich mit dem Dokumentarfilm Augenblicke. G esichter einer Reise von JR und Agnès Varda, der, so die These, die Aufmerk- samkeit auf jene Klasse richtet, die keine Privilegien hat. Der Film thematisiert die Arbeits- und Lebensbedingungen einer Landbevölkerung, denen gemein- hin die darstellende und vertretende Repräsentation fehlt. Darüberhinaus wer- den durch den Rückgriff auf Traditionen der Straßenkunst und der Arbeiter_ innenfotografie alternative Formen zur Herstellung von Gemeinschaftlichkeit und Öffentlichkeit entwickelt. Die ästhetischen Strategien des Films von Agnès Varda untersucht WIESE mit Bezug auf Marx und Rancière. Auch im Beitrag von SANDRA LADWIG werden Klassenfragen an das M edium Film herangetragen. Im Zentrum steht die Auseinandersetzung mit Amateurfilmen, die insbesondere dadurch gekennzeichnet sind, dass in ihnen Bilder von Arbeit fehlen. Amateurfilme, so Ladwig, sind nahezu synonym für Aufnahmen von und in der Freizeit. Der Beitrag fragt nach den klassenbe- stimmenden Faktoren in der frühen österreichischen Amateurfilmkultur und diskutiert in diesem Zusammenhang die unterschiedlichen Zielsetzungen von organisierten Filmklubmitgliedern im Vergleich zu den Praktiken früher Fami- lienfilmer_innen. Das Verhältnis von Arbeit und Freizeit ist in dieser verglei- chenden Untersuchung der Fokus. RUTH SONDEREGGERs Beitrag «Doing Class» stellt das Forschungspro- jekt Art.School.Differences vor, das Ungleichheiten und Normativitäten an drei Schweizer Kunsthochschulen untersucht hat. Darüber hinaus diskutiert der Beitrag die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse über die drei sowohl for- schenden als auch beforschten Kunsthochschulen hinaus. Im Fokus steht dabei die Frage, wie wenig Institutionskritik zu Zeiten sich vermarktender Hoch- schulen geduldet wird, selbst wenn die jeweiligen Institutionen diese Kritik in Auftrag gegeben haben und eigentlich stolz auf ihre damit demonstrierte O ffenheit sein könnten. Ein Gespräch mit der österreichischen Schriftstellerin und Regisseurin MARLENE STREERUWITZ, das ASTRID DEUBER-MANKOWSKY geführt hat, schließt den Schwerpunkt zum Thema Klasse ab. Streeruwitz diskutiert 20 ZfM 19, 2/2018 EINLEITUNG IN DEN SCHWERPUNKT darin, inwiefern die Verschränkung von Klassen- und Geschlechterfragen einen zentralen Ausgangspunkt ihrer Arbeiten darstellt. Die Bearbeitung von Stoffen und Motiven der Prekarisierung, von Neoliberalismus und «Austrianness» als auch ihre spezifische Arbeitsweise, die «Dekonstruktion der Unterhaltungspro- dukte», die durch den reflexiven Umgang mit medialen Kulturtechniken wie dem bürgerlichen Roman, dem bürgerlichen Drama oder dem Dirndl getragen wird, zeichnen sich dadurch aus, dass sie Klassen- und Geschlechterfragen mitei- nander in Beziehung treten lassen. Im Gespräch wird nicht zuletzt das Verhältnis zwischen gesellschaftlichen Strukturen und singulären Erfahrungen problemati- siert sowie die Frage, wie «Klassensprachen» Biografien durchwirken.45 Die Praktiken der sozialen Klassifizierung in den Blick zu nehmen, die in und / oder durch Medien in die Welt kommen, könnte eine Aufgabe der Medienw issenschaft sein. Nicht nur denjenigen zuzuhören, die sprechen, wie subaltern sie auch immer sein mögen, sondern auch das Schweigen derjenigen wahrzunehmen, die keine Stimme und keine mediale Verstärkung haben, wäre 45 Für das umsichtige Korrektorat der Beiträge danken wir Louise Haitz für dieses Vorhaben ein notwendiger Schritt. und Stefan Schweigler. — U L R I K E B E R G E R M A N N , A N D R E A S E I E R SCHWERPUNKT – KLASSE 21 T H O M A S WA I T Z BEGEHREN DES MARKTES — «Naked Attraction» und Phantasmen der Klassenlosigkeit Die britische Reality-Gameshow Naked Attraction 1 beginnt mit einer Sequenz, in der ein weiblicher Voice-over-Kommentar das Konzept des Pro- gramms erläutert. «Dating online has been a nightmare», so ein männlicher Akteur – ein Schnitt, die Wischgeste eines Fingers auf dem Display eines Smartphones. Wir vernehmen wieder den Voice-over-Kommentar: «Status symbols, online profiles and the clothes we wear can all get in the way of fin- ding our perfect mate», bevor ein weiteres Testimonial – eine junge Frau – zu sehen ist: «I can look at a guy and go, yeah, he fit[s], and when he comes to be naked around, then … [Pause] okay, maybe not». Zu nah und halbnah kadrierten Einstellungen, die zeigen, wie Kleidungsstücke von Körpern glei- ten und sich Personen schrittweise mehr entblößen, insistiert der Voice-over- Kommentar: «But what would happen if we were stripped of all the things that usually define us? In this dating show we go back to basics and start where good dates often end: naked.» Auf den ersten Blick scheint Naked Attraction ein weiteres Beispiel für ein Reality-TV, das meist als ‹voyeuristisch›, ‹geschmacklos› oder b ürgerliche 1 Naked Attraction, Studio Schamgrenzen überschreitend kritisiert wird.2 Hier lässt sich beispielhaft z eigen, Lambert (Channel 4), seit 2016. 2 Beispielhaft zum Start des wie Programme des Reality-TV in Fragen nach dem P rivaten, nach I ntimität deutschen Franchise: Jan Zier: und Begehren die Klassenförmigkeit von G esellschaft p roblematisieren. Da- Nackt und ehrlich: RTL2 startet eine Genital­Dating­Show, in: Der Stern, durch erweist sich Fernsehen einmal mehr als «Agentur des S ozialen», «die in dort datiert 7.5.2017, stern.de/kultur/ wesentlicher Hinsicht damit beschäftigt ist, soziale Differenz zu problematisie- tv/naked-attraction--so-ist-die-neue- dating-show-von-rtl2-7444988.html, ren und in eigensinniger Weise evident zu m achen».3 gesehen am 22.5.2018. Naked Attraction ist zudem ein Format, mit dem das Fernsehen den eige- 3 Andrea Seier, Thomas Waitz: Zur Einleitung, in: dies. (Hg.): nen Stellenwert in einem sich verändernden Medienumfeld thematisiert. K lassenproduktion. Fernsehen als So etwa gleich zu Beginn, wenn die Plattform Tinder Erwähnung findet A gentur des Sozialen, Münster, Wien 2014, 7 – 24, hier 8 f. und behauptet wird, dass «Dating kompliziert geworden» sei, weil digitale 22 ZfM 19, 2/2018 Medientechnologien wie Social Networking Sites und eine ihr un- terstellte strukturelle Unaufrich- tigkeit – die «Hüllen der Äußer- lichkeit» – dem ‹wahren› Begehren entgegenstünden. Diese Hüllen auch buchstäblich fallen zu las- sen – das ist das Versprechen von Naked Attraction, dessen ‹Reiz› auf der schrittweisen, aber immer fron- talen und detaillierten Zurschau- stellung von Körpern (einschließ- lich bildfüllender primärer und sekundärer Geschlechtsmerkmale) beruht. Sie ist begleitet von einem wohlwollend kommentierenden Sprechen Abb. 1 – 9 Screenshots über die Unterschiedlichkeit von Körperformen und die, so wird immer wieder aus: Naked Attraction, Studio Lambert (Channel 4), insistiert, zu bejahende Vielfalt der individuellen Körper und Sexualitäten der seit 2016 Teilnehmer_innen – ein Sprechen, das auf eine naive Variante des sex-positive movements rekurriert, wo Sexualität nicht als Austragungsort gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse, sondern als Feld vorgeblich selbstbestimmter Lebensstil- entscheidungen konturiert wird.4 In all dem folgt das Programm einem Phantasma: Der Imagination eines Naturzustandes, eines authentischen Lebens und einer unverstellten Sichtbar- keit, die, mit den genuinen Mitteln des Fernsehens hervorgebracht, ein Be- gehren ermöglichen sollen, das auf das ‹Eigentliche› der Körper und, in Folge, der Seelen der Akteur_innen, die sich im Rahmen der Gameshow auf ein Paar reduzieren, zielt. Dieses Begehren der Eigentlichkeit, dessen Entfesselung das Programm wiederkehrend zum Thema macht, situiert sich dabei in einer Ge- sellschaft, die, so wird behauptet, die Schranken von race und gender überwun- den hat: Die Spielleiterin und Moderatorin, Anna Richardson, thematisiert sich selbst als bisexuell, und sowohl ethnische Unterschiede als auch Formen von dis / ability scheinen in der bonbonbunten, halbtransparenten Welt von Naked Attraction in einer liberalen, individualistischen, multikulturellen und scheinbar inklusiven Gesellschaft schmerzlos aufgehoben: «Jeder Körper ist schön, alles ist am rechten Fleck, so, wie die Natur uns geschaffen hat», so Richardson zu Beginn ihrer Begrüßung. So, wie die Natur uns geschaffen hat – wie ist das diskursive Ereignis e iner solchen Aussage möglich? Was liegt ihr voraus? Wie muss eine Gesellschaft beschaffen sein, in der eine solche Aussage Sinn beanspruchen kann? In Naked Attraction erscheint die Rede vom ‹Naturzustand› als Chiffre für die vermeint- 4 Vgl. Elisa Glick: Sex Positive. liche Klassenlosigkeit von Gesellschaft, die es durch die enthüllenden V erfahren Feminism, Queer Theory, and des Mediums wie das enthüllende Handeln aller Subjekte (seien sie Akteur_ the Politics of Transgression, in: Feminist Review, Vol. 64, Frühjahr innen oder Zuschauer_innen) offenzulegen gelte. 2000, 19 – 45. SCHWERPUNKT – KLASSE 23 THOMAS WAITZ Klassenanalysen Wer von Klassenverhältnissen spricht, spricht vielleicht mit Weber, mögli- cherweise mit Bourdieu, aber stets in Bezug auf Marx.5 Für den Marxismus ergeben sich Klassenzugehörigkeiten an der Stellung einer Gruppe im Pro- duktionsprozess; hier lasse sich die Zugehörigkeit einer Person oder Grup- pe zu einer Klasse ablesen. Die Stellung ist allerdings nicht einfach gegeben, sondern Effekt von politischen, sozialen und ökonomischen Kämpfen, begin- nend mit jenem der «sogenannten ursprünglichen Akkumulation», die Marx als «Eroberung, Unterj ochung, Raubmord, kurz Gewalt» 6 beschreibt. Diese Kämpfe, die bis heute allgegenwärtig sind, finden nicht nur im vermeintlich ‹Großen› und ‹Grundsätzl ichen› der Ökonomie statt, sondern durchziehen den Alltag aller Menschen. Ihre konkrete und grundsätzliche Erfahrung stellt der Zwang zur Lohnarbeit dar. Doch – darauf haben vor allem spätere Autor_ innen hingewiesen – zugleich, und von der materialistischen Perspektive un- trennbar, werden solche Kämpfe in den symbolischen Praktiken, über die sich Gesellschaft begreift, wirksam. So haben etwa Bourdieus Analysen verdeut- licht, wie in «symbolischen Beziehungen» 7 Klassenförmigkeit hergestellt, verhandelt und re-aktualisiert wird – auch und gerade dann, wenn dies den Akteur_innen nicht bewusst ist. Viele der gegenwärtigen Bezugnahmen auf Marx’sche Theorie eint die An- nahme, dass Klassenförmigkeit immer auf mehreren Ebenen konstruiert und «nicht ausschließlich durch neue Produktivkräfte und veränderte Produktions- verhältnisse hervorgebracht» 8 wird, sondern auch in den konkreten, alltagswelt- lichen Erfahrungen Einzelner, in Gruppenzusammenhängen, in ökonom ischen Bedingungen, in den Modellen und Konzepten von Wissenschaft, die Klassen- 5 Im 3. Band des Kapitals findet verhältnisse, so Bourdieu, «herauspräpariert» werden.9 Aus einer solchen Per- sich etwa ein Kapitel mit dem Titel spektive ist Klasse nicht faktisch gegeben oder eine unbefragbare Grundlage «Die Klassen»; es endet unvermittelt nach anderthalb Seiten mit Engels von Gesellschaft, sondern eine emergente Kategorie, deren eben nur scheinbar editorischer Notiz: «Hier bricht das ‹zugrundeliegenden› Wissensformen soziale Konstruktionen darstellen und als Ms. ab», MEW 25: 893. 6 MEW 23: 742. solche immer schon Effekte von Klassenverhältnissen, die sie bloß zu beschrei- 7 Pierre Bourdieu: Zur Soziologie ben vorgeben, sind. der symbolischen Formen, Frankfurt / M. 1970, 57. Für die medien- und kulturwissenschaftlichen Perspektiven (deren deutsch- 8 Sebastian Friedrich: Für eine sprachige mehrheitlich vorzogen, Klassenverhältnisse zu ignorieren 10) und ‹Neue Klassenpolitik›, in: ak – analy- se & kritik – Zeitung für linke Debatte auch die folgende Untersuchung sind vor allem jene Ansätze produktiv, die und Praxis, Nr. 627, 16.5.2017, 1. materialistische Sichtweisen und symbolische Praktiken in Bezug zueinander 9 Pierre Bourdieu: Sozialer Raum und ‹Klassen›, Frankfurt / M. 1985, 12. setzen. Einen solchen Ansatz stellt der im Kontext der Neuen Sozialen Bewe- 10 Vgl. David James: Is There gungen entwickelte Begriff des ‹Klassismus› dar.11 Ausgangspunkt der theore- Class in this Text? The Repression of Class in Film and Cultural Studies, tischen Perspektive bildet die Erkenntnis, dass Ungleichheit und Ausbeutung in: Toby Miller, Robert Stam (Hg.): soziale Gruppen in je unterschiedlicher Weise betreffen. Das Konzept des A Companion to Film Theory, Oxford 1999, 182 – 201. Klassismus antwortet darauf, indem es dazu auffordert, ein komplexes Bündel 11 Einen Überblick bieten Andreas sozialer Vorgänge in den Mittelpunkt politischer Analysen zu stellen, nämlich Kemper, Heike Weinbach: Klassis- mus. Eine Einführung, Münster 2009. Diskriminierungs- und Unterdrückungsformen, welche die Klassenförmigkeit 24 ZfM 19, 2/2018 BEGEHREN DES MARKTES von Gesellschaft produzieren und re-aktualisieren, ohne die materialistischen Einflüsse an der Verfertigung von Klassenverhältnissen zu negieren und das eine dem anderen unterzuordnen. Soziale Einteilungen werden auf der Basis von Zuschreibungen von außen als auch von Selbstzuschreibungen sozialer G ruppen konstruiert – ein Prozess, für den die Funktionsstelle der Medien von offensichtlicher Bedeutung ist.12 Mit anderen Worten: Materielle Ungleichheit allein begründet noch nicht Diskriminierung und Unterdrückung, sondern d iese entsteht dort, wo die Stellung einer Person oder Gruppe innerhalb des Produktionssystems Grundlage für kulturelle Unterscheidungen ist.13 Es geht um Aberkennungsprozesse auf ökonomischer wie kultureller, politischer, insti- tutioneller und individueller Ebene. Unterdrückung und Diskriminierung sind nicht allein symbolische Prak- tiken, sondern haben als performative Akte weitreichende Konsequenzen. Seit vielen Jahren belegen Daten des deutschen Bundesinstituts für Bau- und Stadtforschung und des Robert-Koch-Instituts, dass arme Menschen eine ge- ringere Lebenserwartung haben. So sterben Männer, die weniger als 60 % des mittleren Einkommens verdienen, knapp elf Jahre früher als Männer, die über 12 Vgl. Thomas Waitz: ‹Unter­ 150 % und mehr verfügen. Zahlreiche weitere Studien bestätigen diese Ergeb- schichtenfernsehen›. Eine Regie­ rungstechnologie, in: kultuR- nisse für andere europäische Länder.14 Die Gründe dafür sind – und dies ist Revolution – zeitschrift für angewandte entscheidend – allerdings nicht in einem im Vergleich mit reicheren Personen diskurstheorie, Nr. 55, 2009, 55 – 59. 13 Vgl. Kemper u. a.: Klassismus, 7. devianten Lebensstil zu suchen, etwa vermeintlich schlechteren Ernährungs- 14 Vgl. Les Mayhew, David Smith: gewohnheiten oder geringerem Gesundheitsbewusstsein, wie eine bürgerliche An investigation into inequalities in adult lifespan, dort datiert Mai Sichtweise nahelegt, sondern allein in der Tatsache und der ‹Erfahrung› des 2016, online unter cass.city.ac.uk/__ geringen sozialen Status selbst.15 data/assets/pdf_file/0011/316100/ ILCCASS-LEANDI-REPORT_final_25_ Klassismus lässt sich beschreiben als eine «Realität von Verfolgung, 04_16.pdf, gesehen am 22.5.2018. Unterdrückung, Diskriminierung, Ausgrenzung und Widerstand».16 An 15 Das legen auch Versuche mit Menschenaffen nahe. Vgl. Noah Stelle der von großen Männern – die allesamt selbst entweder einer engen Snyder­Mackler, Joaquín Sanz, ges ellschaftlichen Gruppe entstammen oder doch zumindest durch d iese Jordan N. Kohn u. a.: Social Status Alters Immune Re gulation and Res­ Gruppe Anerkennung erfahren haben – entwickelten Begriffe, die an ein klas- ponse to Infection in Macaques, in: senstrukturiertes, patriarchales Herrschaftssystem geknüpft sind, experimen- Science, Vol. 354, 2016, 1041 – 1045, DOI: 10.1126/science.aah3580. tiert die Analyse des Klassismus mit einer offenen Begriffsverwendung, die 16 Kemper u. a.: Klassismus, 11. SCHWERPUNKT – KLASSE 25 THOMAS WAITZ analytische Beschreibung, Flexibilität, permanente Überprüfung und Verän- derung der Terminologie und eine grundlegende Sensibilisierung für neue Sichtweisen beabsichtigt.17 Klassistische Perspektiven teilen die maßgeblichen Grundannahmen und das Anliegen marxistischer Theorie. Dazu gehört insbesondere die Über- zeugung, dass Klassenverhältnisse stets mit Ausbeutung einhergehen. Hierin grenzt sich der Klassenbegriff deutlich von ‹Schichtungs›-, Milieu- oder ähn- lichen Konzepten sozialer Differenz ab. Zudem sind Klassenverhältnisse im Marxismus explizit antagonistisch konstruiert. Anders als etwa das in der bür- gerlichen Sozialwissenschaft weit verbreitete Konzept der ‹Schichten› kommt der Klassenbegriff – zumindest noch bei Marx selbst, jedoch schon nicht mehr bei Bourdieu – ohne eine topografische Metaphorik von ‹oben› und ‹unten›, von ‹hochstehend› und ‹niedrigstehend› aus. Und schließlich sind klassisti- sche Ansätze interventiv: Sie verfolgen das Ziel, Theorie- und Analysearbeit zu leisten, die zur Beseitigung von Diskriminierung und Ungleichbehandlung dienen – und zwar nicht, indem verdeckende Sprachregelungen eingeübt oder gesellschaftliche Ressourcen ‹sozialpartnerschaftlich› umverteilt werden, son- dern durch eine Beseitigung der Ursachen von Unterdrückung und Ausbeu- tung, eine radikale Änderung von Eigentums- und Herrschaftsverhältnissen. Privatheiten als Klassenproduktion Naked Attraction befasst sich mit Aspekten, die üblicherweise als ‹privat› markiert sind: Begehren, Körperpolitiken, vor allem aber die ‹Idee› der bürgerlichen In- timbeziehung. Kennzeichnend für diese ist die Auffassung – oder vielmehr der Wunsch –, dass das Feld des Privaten, zumal die Intimität von Liebesbeziehung und Familie, den Zumutungen des Marktes enthoben bleibt. Demgegenüber hat Jürgen Habermas in Strukturwandel der Öffentlichkeit 18 zu zeigen versucht, dass der Raum des Privaten gegenüber dem Kapitalismus keineswegs residual ist: Mit dem Aufstieg des Bürgertums und seiner Innerlichkeitskultur sei Privatheit zum Ort der Subjektkonstitution geworden, geknüpft an patriarchale Vorstellungen von ‹Familie› 19 oder auch die Geschichte der europäischen Stadt.20 Die Privat- 17 Vgl. Kemper u. a.: Klassismus, sphäre als Ort der intersubjektiven Selbstbejahung galt und gelte dem Bürger- 14 f. tum bis heute, so Habermas, als «ursprünglicher» und «reiner» Lebensbereich, 18 Vgl. Jürgen Habermas: Struk tur- wandel der Öffentlichkeit. Untersuchun- der frei von Marktstrukturen sein soll. Und doch: «Die Idee, die sich die klein- gen zu einer Kategorie der bürgerlichen familiale Intimsphäre von sich selber macht, kollidiert allerdings mit den realen Gesellschaft, Frankfurt / M. 1990. 19 Vgl. ebd., 107. Funktionen der bürgerlichen Familie», denn diese spiele «ihre genau umschrie- 20 Vgl. Hans­Paul Bahrdt, bene Rolle im Verwertungsprozess des Kapitals».21 Ulfert Herlyn: Die moderne Großstadt. S oziologische Überlegung zum Städte- Sowohl das bürgerliche Konzept von Privatheit als auch die Kritik von bau, Opladen 1961, 87. H abermas beruhen jedoch auf einer statischen und letztlich normativ wirken- 21 Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit, 111. den Vorstellung dessen, was privat ist.22 Diese Vorstellung hat eine medienthe- 22 Explizit normativ konzipiert oretische Dimension: Privatheit kann nur dort sein, wo Medien nicht sind, sie auch in: Beate Rössler: Der Wert des Privaten, Frankfurt / M. 2001. erscheint als individuell zur Verfügung stehender Rückzugsort gegenüber einer 26 ZfM 19, 2/2018 BEGEHREN DES MARKTES ‹übergriffigen›, ‹invasiven› Überwachung und Entgrenzung, die an medientech- nische Zugriffe gebunden ist: «Most often, privacy is seen as an informational bubble surrounding individuals that must be protected against external and undesired intrusions from the state, private companies, or even other persons motivated by their curiosity».23 Ein solches Verständnis von Privatheit hat wie alle normativen Konzepte den Nachteil – oder, je nach Sichtweise und Klassen- zugehörigkeit: den Vorteil –, dass es auf naturalisierenden oder zumindest essen- zialisierenden Redeweisen fußt, welche die machtvollen Weisen, mit d enen das Privatheitsdispositiv verfertigt wird, die Interessen und Dringlichkeiten, die an seine Etablierung und Durchsetzung geknüpft sind, mit einem Wort: die Macht- effekte, die ihm vorausliegen und von ihm ausgehen, verunklart. Doch wie Menschen leben, welche Formen von Intimbeziehungen etwa als wertvoll oder auch nur wünschenswert erachtet werden, wie sie ihre K örper gestalten, was erstrebenswerte Ziele im Leben zu sein scheinen – was das über- haupt sein kann: ein ‹eigenes Leben› –, das alles ist einerseits privat, und es ist Ausdruck und Voraussetzung zugleich von Klassenverhältnissen. Die ge- genwärtig hegemoniale Form des Kapitalismus in liberal-demokratischen Gesellschaften, der Neoliberalismus – nicht zuletzt in seiner gegenwärtig dominanten, «putativen», das heißt auf Entsolidarisierung beruhenden und strafenden Form 24 –, ist denkbar widersprüchlich, was solche Formen der Klassenproduktion betrifft. In seinen ideologischen Erzählungen benötigt er Diskriminierungsformen, Nichtanerkennungs- und Abwertungsverfahren zur Legitimation gewaltiger ökonomischer Ungleichheit, deren Zunahme eine unvermeidliche Folge seiner inneren Logik ist, wie nicht erst in den vergange- nen Jahren – etwa von Thomas Piketty 25 – gezeigt worden ist. Zugleich – und dies erscheint nicht ohne Ironie – gaben neo liberale Politiker_innen in der 23 Sami Coll: Power, Know­ Vergangenheit vor, den Menschen, so die Rhetorik, von Klassenverhältnissen ledge, and the Subjects of Privacy: zu ‹befreien›, und «jedem einzelnen Individuum die Möglichkeit [zu] bieten, Understanding Privacy as the Ally of Surveillance, in: Information, seine eigenen Potentiale zu entwickeln»,26 wie es etwa im 1999 veröffentlichen Communication & Society, Vol. 17, Schröder-Blair-Papier heißt. Nr. 10, 2016. 24 Vgl. William Davies: The New Um jene Klassenproduktionen, die sich an Privatheit knüpfen, nachvollzie- N eoliberalism, in: new left review, hen zu können, erscheint es mir hilfreich, einen Vorschlag von Sami Coll 27 Vol. 101, September / Oktober 2016, 121 – 134. aufzugreifen, der Privatheit unter Bezug auf Michel Foucault als Macht / Wis- 25 Vgl. Thomas Piketty: Das Kapital sens-Komplex fasst. Die normative, wissenschaftliche Rede von Privatheit, die im 21. Jahrhundert, München 2014. Vgl. dazu in kritischer Perspektive: materiellen Möglichkeitsbedingungen, die Privatheitsfunktion zu generieren, Stephan Kaufmann, Ingo Stützle: und die klassistisch operierenden Werturteile darüber, was als ‹angemessene› Kapitalismus. Die ersten 200 Jahre. Thomas Pikettys ‹Das Kapital im oder ‹gelingende› Privatheit erscheint – was etwa Formen von Intimität und 21. Jahrhundert›, Einführung, Debatte, Nacktheit sind, die ins Private und nicht ins Fernsehen gehören –, lassen sich Kritik, Berlin 2015. 26 Gerhard Schröder, Tony Blair: als Elemente einer dispositiven Struktur begreifen, innerhalb derer Privathei- Der Weg nach vorne für Europas ten verfertigt werden. Sozialdemokraten, in: Hans­Jürgen Arlt, Sabine Nehls (Hg.): Bündnis für Die Regulierung – oder besser: Regierung – von Privatheit (durch Ge- Arbeit. Konstruktion – Kritik – Karriere, setzgeber, Rechtsprechung, Regime der Sichtbarkeit oder des Datenschutzes) Opladen 1999, 288 – 300, hier 299. 27 Vgl. Coll: Power, Knowledge, oder auch die Etablierung einer an Privatheit geknüpften Subjektpolitik ist and the Subjects of Privacy. SCHWERPUNKT – KLASSE 27 THOMAS WAITZ gegenwärtig von einer individualistischen Anrufung gekennzeichnet, die uns allen täglich begegnet und die, so Coll, lautet: «You have privacy, you must protect it, and we will tell you how to do it.» 28 Ein Beispiel hierfür findet sich etwa in den Strategien, mit denen Internetnutzer_innen angeleitet werden, Verantwortung für ‹ihre› Datenspuren zu übernehmen. So erläutert der Intern etdienstleister Google in einem eigens eingerichteten Portal zum Thema Datenschutz, «Daten helfen uns Tag für Tag, unsere Dienste für Sie zu optimieren», und versichert: «Wir schützen Ihre Daten – und Sie haben die Kontrolle».29 D iese Versiche- rung findet sich – sprachlich stets leicht variiert – immer wieder in den Online- angeboten großer Anbieter, etwa wenn die notwendige Mitwirkung der Nut- zer_innen am Datenschutz angeboten, zugleich aber auch eingefordert wird. In Googles Datenschutzportal heißt es dazu weiter: Wir nutzen Daten, um unsere Dienste so individuell wie möglich zu gestalten, aber Sie entscheiden, welche Art von Daten wir erfassen und verwenden dürfen. […] Prüfen Sie die folgenden Einstellungen und legen Sie fest, welche Daten wir zur Optimierung der Google-Dienste nutzen dürfen.30 Privatheit ist in solchen Anrufungen nicht der Gegenentwurf von Überwa- chung und Kontrolle, sondern deren Teil, ein «partner in crime».31 Damit l ieße sich eine solch konturierte Privatheit als ökonomisch bedeutsames, in der ver- meintlich ‹freiwilligen› und ‹selbstbestimmten› Arbeit der Nutzer_innen her- gestelltes Produkt beschreiben.32 Diese Privatheit muss immer wieder – und zwar in spezifischer, nämlich der Ausbeutung zugänglicher Weise – verfertigt werden, ist doch ihr scheinbares Vorhandensein und ihre problemlose Verfüg- barkeit die Voraussetzung für zahlreiche Geschäftsmodelle einer digitalen Öko- nomie. Als Macht / Wissens-Komplex gefasst, ist Privatheit jedoch gerade nicht ‹vorhanden›; vielmehr wird deutlich, dass ihre Verfertigung immer wieder aufs Neue und in zugleich bestimmter, machtvoller Weise angereizt werden muss, realisiert in Daten-Assemblagen.33 28 Coll: Power, Knowledge, and Das Signum, unter dem diese Verfertigung gegenwärtig in neoliberalen the Subjects of Privacy, 4. 29 N.N.: Google Datenschutz, Gesellschaften geschieht, ist eine individualistische ‹Sorge› um Privatheit. privacy.google.com/intl/de/take-control. Diese Sorge generiert und adressiert Privatheitssubjekte, die in einem gou- html?categories_activeEl=sign-in, gesehen am 22.2.2018. vernementalen Sinne einer Care-Arbeit nachgehen, welche um die perma- 30 Ebd. nente Herstellung, Bearbeitung und Problematisierung von Privatheit an- 31 Coll: Power, Knowledge, and the Subjects of Privacy, 4. geordnet ist. Zugleich existieren zahlreiche normative und klassenförmige 32 Vgl. Mark Andrejevic: The Vorstellungen über ‹gute›, ‹gelingende›, ‹problematische› oder ab zuwertende Work of Being Watched. Intera ctive Media and the Exploitation of Formen der Privatheit. Sich der Erfassung von Daten in Kund_innen- Self­Disclosure, in: Critical Studies bindungsprogrammen entziehen zu können, setzt voraus, in der materiell pri- in Media Communication, Vol. 2, 2002, 230 – 248. vilegierten Lage zu sein, die ökonomischen Vorteile einer Kund_innenkarte 33 Vgl. Tyler Reigeluth: Warum ausschlagen zu können; und wer diejenigen abwertet, die als Akteur_innen an ‹Daten› nicht genügen. Digitale Spuren als Kontrolle des Selbst und einer Gameshow wie Naked Attraction teilnehmen und ihre private parts, so als Selbstkontrolle, in: Zeitschrift scheint es, ‹offenbaren›, mag in der Auseinandersetzung damit Distinktions- für Medienwissenschaft, Nr. 13, 2015, 21 – 34. gewinne erzielen. 28 ZfM 19, 2/2018 BEGEHREN DES MARKTES Fernsehen als Agentur des Sozialen Fernsehen erweist sich nun einerseits als Schauplatz – der Fernsehwissenschaft- ler John Hartley spricht von einem «training ground» 34 – klassistisch wirkender Problematisierungen des Privaten. Und zugleich ist es als Medium selbst Teil von Privatheits- und Klassenverhältnissen, und zwar in dreifacher Hinsicht. Die erste betrifft die Stellung des Fernsehens als eine Medientechnologie, die sich im privaten Haushalt verortet. Indem der Fernseher aufgrund seiner Situation ein Teil der privaten Sphäre seiner Nutzer_innen ist, begleiten das Medium von Beginn an Fragen nach dem Privaten.35 «Das neue Medium traf […] nicht auf einen bereits etablierten Raum familiärer Privatheit, in dem der Umgang mit ihm lediglich eingeübt werden musste. Vielmehr konstituierten sich Fernsehen und Familie an- und miteinander im Rahmen einer intensiven Diskursivierung in Werbung, Printmedien und dem Fernsehen selbst.» 36 Fernsehen ist daher auch nicht einfach ein unproblematisches ‹Fenster zur Welt› oder zum ‹priva- ten Leben› seiner Akteur_innen. Durch das bestimmt, was Hartley eine «Ideo- logie der Häuslichkeit» 37 nennt, steht es in einem privilegierten Verhältnis zur Privatheit: Es ist infolge seiner dispositiven Struktur immer schon Teil des pri- vaten Lebens seiner Nutzer_innen. Die zweite Hinsicht betrifft eine soziale Zuschreibung, die unmittelbar mit Fragen der Klassenproduktion verknüpft ist: die Tatsache, dass Fernsehen und seine Nutzer_innen üblicherweise als kulturell niedrigstehend abgewertet werden. Einer der Gründe liegt darin, dass Fernsehen normative Modelle von Gesellschaft, Lebensführung und Selbst in Frage zu stellen vermag – so auch in Bezug auf normative Vorstellungen von Privatheit. Eine bürgerliche Kon- zeption, die Privatheit als den Gegensatz zur Öffentlichkeit denkt und vor der Invasion des Anderen behüten will, muss durch das Fernsehen zwangsläufig he- 34 John Hartley: Democratain­ rausgefordert werden. Denn zum einen ist in einer solchen Fassung jedwede ment. Television and Cultural Citizenship, in: ders.: The Uses of Privatheit unmittelbar dort aufgehoben, wo mit dem Fernsehen (und dem Television, London, New York 1999, Fernseher) ein eigenlogisches Regime der Sichtbarkeit einzieht, welches den 154 – 188, hier 178. 35 Vgl. Thomas Waitz: Privat / Fern­ Raum der Intimität entgrenzt. Ob der Fernseher etwa ins Schlafzimmer gehört, sehen. Fernsehen, Bürgerlichkeit ist eine Frage, deren Erörterung mittlerweile nur dadurch an Dringlichkeit ver- und die Konstruktion des Privaten, in: Stefan Halft, Hans Krah (Hg.): loren hat, weil sich das Smartphone als wesentlich handlichere Medientechno- Diskurs Privatheit. Strategien und Trans- logie erwiesen hat. Zum anderen: Wenn wir annehmen, dass Privatheiten als formationen, Passau 2013, 63 – 84. 36 Andrea Seier: Fernsehen der Macht / Wissens-Komplex immer wieder neu verfertigt, verworfen oder bear- Mikropolitiken: Televisuelle Formen beitet werden müssen, kommt dem Fernsehen eine gouvernementale Bedeu- der Selbstführung, in: Hanne Loreck, Kathrin Mayer (Hg.): Visuelle tung zu. Es stellt Modelle von Verhaltensweisen, Werturteilen, Mikropolitiken Lektüren – Lektüren des Visuellen, in Konkurrenz, adressiert diese als nicht voraussetzungslos und zeigt Strategien Berlin 2008, 293 – 302, hier 299. 37 John Hartley: Die Behausung ihrer Verhandlungsfähigkeit und Veränderbarkeit auf. In der latenten Unent- des Fernsehens. Ein Film, ein Kühl­ schiedenheit, die damit einhergeht, begründen sich anhaltende bürgerliche schrank und Sozialdemokratie, in: Ralf Adelmann, Jan O. Hesse, Judith Vorbehalte gegenüber dem Fernsehen. Keilbach u. a. (Hg.): Grundlagen- Die dritte Hinsicht betrifft schließlich die Dimension der P rogramme. texte zur Fernsehwissenschaft. Theorie, Geschichte, Analyse, Konstanz 2002, Denn seit mehr als 20 Jahren werden Fragen nach Privatheit und deren 253 – 280, hier 263. SCHWERPUNKT – KLASSE 29 THOMAS WAITZ vermeintliche Bedrohung durch das Fernsehen insbesondere mit Blick auf eine bestimmte Programmform diskutiert: das «Lifestyle-Television».38 Begehren des Marktes Wie viele Reality-Gameshows kennzeichnet auch Naked Attraction, solche Strukturen wettbewerblicher Konkurrenzverhältnisse in den Kontext lebens- weltlicher Bereiche zu übertragen, die den Logiken eines marktförmigen Zu- griffs enthoben scheinen. Im vorliegenden Fall betrifft dies den Bereich der Anbahnung romantischer Liebe und der Anreizung sexuellen Begehrens. In einer solchen Übertragung identifiziert Wendy Brown die maßgebliche Logik des Neoliberalismus: Neoliberalism [is] a governing rationality through which everything is ‹economized› and in a very specific way: human beings become market actors and nothing but, every field of activity is seen as a market, and every entity (whether public or private, whether person, business, or state) is governed as a firm. Importantly, this is not simply a matter of extending commodification and monetization everywhere – that’s the old Marxist depiction of capital’s transformation of everyday life. Neoliberalism construes even non-wealth generating spheres – such as learning, dating, or exer- cising – in market terms, submits them to market metrics, and governs them with 38 Charlotte Brunsdon, Catherine market techniques and practices. Above all, it casts people as human capital who Johnson, Rachel Moseley u. a.: must constantly tend to their own present and future value.39 Factual Entertainment On British T elevision: The Midlands TV Re­ search Group’s Project, in: European Formate wie Naked Attraction lassen sich daher als Verhandlungen lesen, Journal of Cultural Studies, Vol. 4, innerhalb derer neoliberale Denkweisen und Selbstverhältnisse ihre Evidenz Nr. 1, 2001, 29 – 62; Su Holmes, Deborah Jermyn (Hg.): Understanding erhalten. Kapitalismus – als «kognitiver»,40 «emotionaler» 41 oder «affektiver» 42 Reality Television, London, New Kapitalismus gefasst – beschreibt insofern ein kulturelles Programm, dessen York 2004. 39 Wendy Brown: Undoing the Logiken und Anrufungen «tief in das kulturelle Unbewusste eingesickert» 43 Demos. Neoliberalism’s Stealth Revolu- sind und dessen politische Rationalität sich auf der Mikroebene als Produktion tion, Cambridge, London 2015, 33. 40 Carlo Vercellone: From Formal von Subjektivität vollzieht. Subsumption to General Intellect. Die israelische Soziologin Eva Illouz hat in vielen ihrer Arbeiten das Ideal Elements for a Marxist Reading of the Thesis of Cognitive Capitalism, der romantischen Liebe als «ideologische Figur» analysiert. Als Vorstellung in: Historical Materialism, Vol. 15, ziele sie in das Herz des bürgerlichen Privatheitskonzepts, denn sie v erorte 2007, 13 – 36. 41 Eva Illouz: Gefühle in Zeiten sich «zwischen Interessen und Gefühlen, Selbstsucht und Selbstlosigkeit, des Kapitalismus, Frankfurt / M. 2007. die in der Unterscheidung zwischen öffentlicher und privater Sphäre ver- 42 Isabell Lorey, Klaus N eundlinger (Hg.): Kognitiver körpert ist».44 Wie das bürgerliche Konzept der Privatheit insgesamt, wird Kapitalismus, Wien 2012. die romantische Liebe in ihrer hegemonialen Form als der Öffentlichkeit 43 Philip Mirowski: Untote leben länger. Warum der Neoliberalismus des Marktes gegenüberstehend problematisiert. Im Kapitalismus kämen, so nach der Krise noch stärker ist, I llouz, zwei Parteien – die Personen sind, anders als im Liebesideal, letzt- Berlin 2015, 97. 44 Eva Illouz: Der Konsum der lich austauschbar – explizit auf der Grundlage von Eigeninteresse und gegen- Romantik. Liebe und die kulturellen seitigem ökonomischen Nutzen zusammen. Im Gegensatz dazu seien in der Widersprüche des Kapitalismus, Frankfurt / M. 2007, 37. romantischen Liebe zwei Individuen in der Fähigkeit miteinander verbunden, 45 Edward Shorter: Die Geburt «Spontaneität und Einfühlungsvermögen in einer erotischen Beziehung zu der modernen Familie, Reinbek bei Hamburg 1977, zit. n. ebd., 26. verwirklichen».45 30 ZfM 19, 2/2018 BEGEHREN DES MARKTES Die Liebe biete, so Illouz, eine «kollektive Utopie, die quer zu allen sozia- len Teilungen verläuft und diese transzendiert».46 Zugleich bilde sie das Feld, wo d iese «Teilungen und kulturellen Widersprüche ausgetragen» würden: «Die Vor- stellungen, die unsere romantische Imagination bestimmen, beharren auf dem unteilbaren Recht auf Leidenschaft, sie widersetzen sich den üblichen Anordnun- gen und Teilungen nach Geschlecht, Klasse oder nationaler Zugehörigkeit.» 47 Bemerkenswert mit Blick auf die gegenwärtige Kultur ist nun jedoch ge- rade nicht, dass so etwas wie ‹Liebe›, ‹Begehren› oder die ‹Idee› der bürger- lichen Intimbeziehung plötzlich marktförmig würden – der Markt also in das ‹private Leben› der Subjekte einbräche. Tatsächlich, so Illouz, müsse die Mo- derne und die Durchsetzung des Kapitalismus als Geschichte einer bestimm- ten Ausprägung und Nutzbarmachung immer schon kulturell verfertigter Emotionen verstanden werden – gefasst als eine Energie, «die zugleich Ko- gnition, Affekt, Bewertung, Motivation und den Körper impliziert».48 Wenn Naked Attraction das Begehren seiner Akteur_innen als marktförmig organi- siert und dessen diskursive Anreizung ausstellt, dann ist das historisch Neue etwas anderes, nämlich, dass diese Ausstellung auch einem bürgerlichen Pub- likum Lust zu bereiten vermag. Es kann sie goutieren und sich ihr hingeben, zugleich aber in der Erfahrung der televisuellen Situation Potenzial für klas- sistische Abgrenzung generieren: mittels Affekten, Werturteilen und Diskri- minierungsformen und einer Selbstversicherung bürgerlicher ‹ Werte› – nicht zufällig ein ökonomischer Begriff. Und tatsächlich zeichnet die Lust an einem Programm wie Naked Attraction ja gerade die Unverhohlenheit aus, mit der eine marktförmige Wettbewerbs- situation geschaffen wird, in der sich die gesellschaftliche Tendenz und die Spielregeln der Gameshow wechselseitig überbieten. Dieses Begehren kennt vor allem ein Ziel: die ‹Eigentlichkeit› von Körpern und Seelen. Naked Attraction bestimmt ein eigentümlicher Widerspruch: Immer wieder finden sich im Programm filmische Segmente – zumeist Animationssequenzen, 46 Ebd., 26. die biologische Vorgänge, Ergebnisse statistischer Erhebungen oder natur- 47 Ebd., 35. 48 Illouz: Gefühle in Zeiten des wissenschaftlicher Erkenntnisse visualisieren –, die eine ‹wissenschaftliche Kapitalismus, 10. SCHWERPUNKT – KLASSE 31 THOMAS WAITZ Einordnung› von Begehren, der ‹natürlichen Ursachen› für die Bevorzugung bestimmter körperlicher Merkmale oder auch der ‹unbewussten Anteile› in der Wahl von Partner_innen im Konzept der romantischen Liebe leisten. Hier wird immer wieder ein ‹Naturzustand› beschworen, hier finden sich zahllose Essenzialismen und Biologismen, Verweise auf eine binäre, heteronormative Geschlechterordnung, die, auch wenn es in Naked Attraction durchaus homo- oder bisexuelle Akteur_innen gibt, den Normalitätshorizont aller Erklärungs- modelle bildet. Ein Beispiel dafür ist etwa eine Sequenz, in der die Körperbe- haarung einer Akteurin thematisiert wird. Diese Tatsache ist offenbar nicht nur der Rede wert; neben einen kurzen Dialog zwischen Spielleiterin und Akteur_ innen tritt eine Filmsequenz, in dem die Nützlichkeit von Körperbehaarung biologistisch erklärt wird und in der Bevölkerung gegenwärtig vorherrschen- de Einstellungen zur Entfernung solcher Haare vorgestellt werden. In einer ausladenden Geste präsentiert die Akteurin ihre behaarten Achseln und Vulva, woraufhin die beiden männlichen Akteure, die ihr im Studiosetting ebenfalls unbekleidet gegenüberstehen, mit Applaus reagieren. Nachdem die Spielleite- rin ihre Überraschung ob dieser Reaktion zum Ausdruck gebracht hat, äußert einer der Akteure: «You can do what you think with your own body. And I think if you can wear that and you’re proud of it, then you are just the person that you are.» Zwar entspricht das Vorhandensein von Körperbehaarung im Intimbereich nicht gegenwärtig hegemonialen Vorstellungen von Schönheit.49 Doch die Ausstellung der Bejahung und Selbstbestimmung, die dem Verzicht auf eine Entfernung scheinbar zugrunde liegt, wird modelliert, so die Logik des Programmes, als Ausdruck eines Selbstverhältnisses, das selbst dann, wenn es gängige Erwartungen unterläuft, Attraktivität zu generieren imstande ist. Diese Attraktivität – die titelgebende «Naked Attraction» – beruht, anders als etwa in make over-Formaten, nicht auf der (Re-)Produktion präfigurierter 49 Vgl. Ada Borkenhagen, Vorstellungen von Schönheit, sondern auf der Anreizung eines Begehrens, das Elmar Brähler: Die nackte Scham. Theoretische und empirische auf die vermeintliche Selbstbestimmung, Freiheitsspielräume und Authentizi- Aspekte des aktuellen Trends zur tät der Subjekte zielt. Noch 2006 kommt Illouz in ihrer Analyse von Dating- weiblichen Teil­ bzw. Vollintimrasur, in: psycbosozial, Nr. 112, 2008, 7 – 11. portalen wie match.com zu dem Schluss: «Im Netz sind folglich diejenigen am 32 ZfM 19, 2/2018 BEGEHREN DES MARKTES erfolgreichsten, die sich über ihre sprachliche Originalität und ihre physische Konventionalität auszeichnen» – wobei sie mit Letzterem die «Übereinstim- mung mit den etablierten Richtlinien für Schönheit und Fitness» fasst.50 Das Beispiel von Naked Attraction vermag hingegen zu verdeutlichen, dass dies – gut zehn Jahre später – nicht mehr der primäre Anreiz für die diskursive Produktion von Begehren sein muss. Neben normative Vorstellungen von Schönheit, die gleichwohl weiterhin wirksam sind, treten Selbstbestimmung, Selbstbearbeitung und die Ausstellung der scheinbaren Gestaltbarkeit des Körpers, der erst durch die Insignien dieser Arbeit – Körpermodifikationen wie Tätowierungen, Pier- cings, Body Building, vor allem aber: ein bejahendes Selbstverhältnis – zum ‹ei- genen› wird. Das sich so konstituierende Verhältnis ist das einer vermeintlichen Verfügbarkeit: Bejaht – und im Probehandeln der Gameshow: belohnt – wird, wer, einem «grausamen Optimismus» 51 folgend, die Formen der Fremd- und Selbstzurichtung als selbstbestimmte Entscheidung ausstellt: eine Ausstellung, die in einer bedeutungsvollen Rede kulminiert, der zufolge das Subjekt einen eigenen Körper nicht hat, sondern über ihn vielmehr verfügt. Naked Attraction ist ein vielsagender Titel. Denn der Begriff ‹naked› meint im Englischen nicht nur ‹nackt›, er bedeutet in einem übertragenen Sinne auch ‹unverhüllt›, ‹unverstellt›, ‹tatsächlich›, ‹eigentlich›. Aber was ist hier ‹eigentlich›, was ‹unverstellt›, welche ‹Hüllen› fallen? Es sind Klassengegen- sätze, die Klassenförmigkeit von Gesellschaft schlechthin, die nicht nur ein- fach negiert, sondern deren vermeintliche Abwesenheit mit großem Aufwand hergestellt wird. «We were born this way» – jene Aussage, mit der einer der Akteure seine scheinbar selbstbestimmte Einwilligung in die Teilnahme an der Gameshow und die Verfertigung seines ‹nackten› Körpers begründet, ist in mehrfacher Hinsicht irreführend. Nicht nur die Selbstzurichtungen der S eele, die Formung seines athletischen Körpers, die vielfältig ausgestellten Körpermodifikationen wie Piercings und Tätowierungen, über die fast alle Akteur_innen verfügen, sprechen dagegen, dass die Körper, durch televisuelle Verfahren der Enthüllung ihrer gesellschaftlichen und individuellen Formung vermeintlich enthoben, so geboren worden sind. In der Negation von sozialer Herkunft, von jedweder Form einer gesellschaftlichen Produktion und dem phantasmatischen Rekurrieren auf die nackte Unverstelltheit und ‹Eigent- lichkeit› der Körper und Seelen, artikuliert sich der Traum einer neoliberalen G esellschaft, die keine Klassen mehr kennt. Oder, wie der ehemalige b ritische Premier minister Tony Blair in seiner Rede am 28. September 1999 auf dem Parteitag der Labour Party, zwei Jahre nach dem Sieg von New Labour, in einem berühmten Diktum verkündete: 50 Illouz: Gefühle in Zeiten des Kapitalismus, 125. 51 Vgl. Lauren Berlant: Cruel And it is us, the new radicals, the Labour Party modernised, that must undertake Optimism, Durham 2011. this historic mission. To liberate Britain from the old class divisions, old structures, 52 Tony Blair: o. T., in: The Guardian, dort datiert 28.9.1999, old prejudices, old ways of working and of doing things, that will not do in this theguardian.com/politics/1999/sep/28/ world of change.52 labourconference.labour14, gesehen am 22.2.2018. SCHWERPUNKT – KLASSE 33 THOMAS WAITZ Die Idee der Eigentlichkeit, der nakedness, die es nur herauszuarbeiten gilt, ist eine permanente Anrufung, mit der die Subjekte des Neoliberalismus konfron- tiert sind, und zwar gerade dort, wo sie sich als ‹privat› entwerfen: «Sei einfach du selbst.» In dieser Form – oder in geringer sprachlicher Variation – findet sich diese Anrufung überall: in der Werbung, als Inschrift auf Kaffeetassen, als vielfach geteiltes Meme. Sie ist so häufig aufzufinden, an so vielen Orten präsent, dass der Gedanke naheliegt, unsere Gesellschaft sei davon besessen. Die Anrufung, einfach man selbst zu sein, ließe sich als neoliberaler Imperativ der Selbstbestimmung und Selbstgestaltung lesen. Doch dies hieße, zu kurz zu greifen. Als Chiffre wird sie erst dann verständlich, wenn wir sie als Ausweis einer «Individualisierungsideologie» deuten, «die alles Kollektive als Zwang denunziert, Lebensglück als Privatangelegenheit definiert und Einsamkeit pro- duziert hat».53 Denn eine Person, die einfach nur sie selbst ist – «just the person that you are» –, die ist vor allem eines: kein_e Angehörige_r einer wie auch immer gearteten Klasse. Die Herstellung einer vermeintlich klassenlosen Gesellschaft, von der New Labour träumte, ist in den popkulturellen Anrufungen, für die Naked A ttraction nur ein Beispiel unter vielen ist, zur Aufgabe an jede_n Einzelne_n delegiert worden – gleichsam privatisiert. Dass dieses Phantasma scheitern muss, weil es von der Klassenförmigkeit von Gesellschaft absieht, macht s eine permanente Erneuerung für den Kapitalismus umso attraktiver, denn sie r esultiert für das Individuum in einer niemals endenden Arbeit an sich und am Sich – eine Arbeit, die der Ausbeutung zugänglich gemacht wird. Und doch steckt die Problematisierung, welche diese Anrufung repräsentiert, auch voller Widersprüche. Denn im Zentrum des Imperativs «Sei du selbst» steht nicht mehr das für die bürgerliche Vorstellung von Privatheit noch bestim- mende Konzept der Autonomie, die noch stets eine Überschreitung, Um- kehrung oder zumindest Erweiterung dessen, was eine Person ‹eigentlich› zu sein vermag, in Aussicht gestellt hat. Die Anreizung einer Subjektpolitik der Eigentlichkeit geht daher auch mit einer maßgeblichen Re-Konstruktion des 53 Friedrich: Für eine ‹Neue Klassenpolitik›, 1. Privatheitsdispositivs einher: An die Stelle von Autonomie tritt das Begehren 34 ZfM 19, 2/2018 BEGEHREN DES MARKTES nach Authentizität,54 und die ist wiederum auf mediale Formen, über die sie zu generieren scheint, angewiesen. Subjektivitäten haben Unpassförmigkeiten und Bruchstellen.55 Dies verbin- det sie mit dem Neoliberalismus und seinen Anrufungen, die sich gerade dort, wo sie von Klassenverhältnissen schweigen, als klassenförmig erweisen. Den Kapitalismus in seinem Funktionieren zu analysieren heißt, von der Annahme abzurücken, dass er funktioniert. Seine inneren Widersprüche – Widersprüche, wie die etwa in der Paradoxie einer Klassenlosigkeit behauptenden Klassen- 54 Zur Diskussion dieses produktion, wie sie in Naked Attraction kenntlich wird – können und müssen G egensatzes vgl. Rössler: Der Wert vielmehr der Ausgangspunkt für eine medien- und kulturwissenschaftliche des Privaten, 109 ff. 55 Vgl. Mirowski: Untote leben Analyse sein, die sich als Beitrag zu seiner Abschaffung versteht. länger, 99. — SCHWERPUNKT – KLASSE 35 S T E P H A N G R E G O RY RANKING, SORTING, CLASSING — Klassifikation und Klassenkampf um 1700 Vom Umgang mit Klassen Vom gesellschaftlichen Klassenbegriff wird gewöhnlich gesagt, dass er ‹im Vor- 1 Vgl. z. B. Asa Briggs: The Lan­ guage of ‹Class› in Early Nineteenth feld› der Französischen Revolution das Licht der Welt erblickt habe.1 Als einer Century England, in: dies., John seiner Ursprünge gilt die ökonomische Lehre der französischen Physiokraten, Saville (Hg.): Essays in labour history 1886 – 1923 in memory of G D H Cole, in der zum ersten Mal der Gegensatz von ‹produktiven› und ‹sterilen› Klassen London 1967 – 71, 43 – 73, hier 43. formuliert wurde.2 Eine andere, von Foucault ins Spiel gebrachte Genealogie Ähnlich Harold James Perkin: The Origins of Modern English Society führt den Marx’schen Klassenbegriff und insbesondere die Idee des Klassen- 1780 – 1880, London, New York 2002, kampfes auf die sich in der Frühen Neuzeit herausbildende Ideologie eines «Ras- 2. Auflage, 22: «The word itself be­ gan to come into use in the second senkampfs» zurück 3 – eine suggestive Idee, die jedoch kaum durch historische half of the [18th] century». Indizien gestützt wird. Wesentlich besser zu belegen ist die Herkunft des moder- 2 Vgl. Niklas Luhmann: Zum Begriff der sozialen Klasse, in: nen Klassenb egriffs aus den naturwissenschaftlichen Sortierverfahren der Frühen ders.: Soziale Differenzierung: Zur Neuzeit. In der ersten umfangreichen Abhandlung zum Klassenbegriff, die 1965 Geschichte einer Idee, Wiesbaden 1985, 119 – 162, hier 120: «Die Rückfüh­ in der DDR erschien, findet sich der Hinweis, dass es «fortschrittlich[e] Bürger» rung von sozialen Klassen auf ihre waren, die die Klasse «zu einem legitimen wissenschaftlichen Teilungsbegriff» Stellung zum Produktionsprozeß ist zuerst von den Physiokraten gemacht hatten, und dass es wiederum «die Bourgeoisie» war, die «auf einer be- vorgeschlagen worden.» stimmten Stufe ihrer Entwicklung den naturwissenschaftlichen Begriff Klasse auf 3 Vgl. Michel Foucault: In Ver- teidigung der Gesellschaft. Vorlesungen die Gesellschaft übertrug» – und zwar gerade deshalb, weil er so gut «das Moder- am Collège de France (1975 – 1976), ne, Aggressive» der bürgerlichen Weltaneignung zum Ausdruck brachte.4 Frankfurt / M. 1999, 94: «[B]ereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhun­ Tatsächlich kam es den Menschen des 18. Jahrhunderts noch ganz selbstver- derts wurde diese Transformation ständlich vor, dass Klasse und Klassifikation etwas miteinander zu tun haben. des Rassenkampfes in Klassenkampf von Thiers durchgeführt». So erklärt der Schriftsteller Karl Philipp Moritz im Jahr 1786: «Aber so fängt 4 Rudolf Herrnstadt: Die Entde- man erst spät an, nachdem man schon sehr lange Conchylien, Schmetterlinge ckung der Klassen. Die Geschichte des Begriffs Klasse von den Anfängen bis und allerlei Gewürme klassifiziert hat, auch das menschliche Elend in Klassen zu zum Vorabend der Pariser Julirevolution ordnen.» 5 Mit dem Erstarken des sozialen Klassendiskurses im 19. Jahrhundert 1830, Berlin 1965, 104. 5 Karl Philipp Moritz: Das geriet der Zusammenhang jedoch in Vergessenheit; an die Geburt der K lasse menschliche Elend, in: ders.: Werke aus dem Geist der naturgeschichtlichen Klassifikation wollte der Marxismus in zwei Bänden, Bd. 2, hg. v. Jürgen Jahn, Berlin, Weimar 1973, 243 – 247, aus naheliegenden Gründen nicht gerne erinnert werden. Wer, wie Adorno, hier 243. darauf aufmerksam machte, «daß Klasse selbst […] strukturell ein Bürgerliches 6 Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie, Frankfurt / M. 1973, 378. sei»,6 musste das Gefühl haben, ein kleines schmutziges Familiengeheimnis 36 ZfM 19, 2/2018 auszuplaudern. Noch unangenehmer als die Erwähnung der bürgerlichen Ab- kunft aber musste die Frage sein, wie denn eigentlich Begriff und Politik der Klasse mit den Verfahren der wissenschaftlichen Klassifikation in Verbindung stehen. Denn daraus konnte sich der Verdacht ergeben, dass auch das scheinbar so selbstverständliche Prinzip der gesellschaftlichen Klassenteilung nicht ein- fach gegeben ist, sondern vielmehr auf bestimmte willkürliche Setzungen und Kriterien, auf historisch kontingente Verfahren und Praktiken der Klassifizie- rung zurückgeht. Zum anderen stellt sich damit die Frage, inwiefern der Begriff der Klasse, trotz aller Versuche, ihn mit einer Aura von Kampf, Bewegung und Solidarität zu umgeben, an die bürokratischen Sortierverfahren der klassischen Episteme und der absolutistischen Staatsverwaltung gebunden blieb. Um das Prinzip ‹Klasse› besser zu verstehen, gehe ich in einem Buch, das hoffentlich bald fertig sein wird, der Frage nach, wie und durch welche tech- nischen und medialen Mechanismen sich in der englischen Gesellschaft des 17. und frühen 18. Jahrhunderts das Prinzip der Klassenteilung durchsetzt. Ge- zeigt werden soll, wie im Gefüge der sozialen Beziehungen eine neue Form der Einteilung wirksam wird, die sich nicht mehr an das überkommene Muster von Standespositionen hält, sondern einer neuen, willkürlich gesetzten Ordnung der Klassifikation gehorcht. In diesem Werden der sozialen Klasse spielen sehr verschiedene Diskurse und Instanzen eine Rolle: die republikanischen Verfas- sungsentwürfe der Bürgerkriegszeit, die das antike Modell der Reichtumsklassen zu reaktualisieren versuchen; das koloniale Projekt einer Neuvermessung und Neuaufteilung Irlands; die Wissenschaft der Politischen Arithmetik mit ihren bevölkerungspolitischen Planspielen und steuerpolitischen Reformvorschlägen; schließlich eine neue, sich nach der ‹Glorious Revolution› durchsetzende Re- gierungsweise, die sich auf Zahlen und Statistiken gründet. In diesen Entwick- lungen, die sich im Lauf des 17. Jahrhunderts vollziehen, beschränkt sich die Wirksamkeit der klassifikatorischen Aufteilung allerdings auf ‹von oben› aufok- troyierte Praktiken, die entsprechenden Widerständen ausgesetzt sind, ablesbar an den häufigen Angriffen auf das Klassifizierungspersonal, auf Landvermesser, Volkszähler, Rekrutierungsoffiziere oder Steuereintreiber. Umso größere Bedeutung kommt daher den vielfältigen und verstreuten Prak- tiken zu, durch die sich das Prinzip der klassenförmigen Sortierung von Dingen und Menschen im gesellschaftlichen Feld zu verbreiten beginnt, durch die es all- mählich zu einem auch ‹von unten› akzeptierten Maßstab der gesellschaftlichen Neuaufteilung wird. Dies ist ein Prozess, der einiges mit der Medienrevolution um 1700 zu tun hat, mit dem Aufkommen einer Reihe von ‹Massenmedien›, die zugleich als ‹Klassenmedien›, als Medien zur Einübung und Durchsetzung klassifikatorischer Praktiken verstanden werden können. Pamphlete, News, Kaf- feehaus, Club, Zeitschriften und periodische Presse treten in der zweiten H älfte des 17. Jahrhunderts als wahre Social Media in Aktion: Medien einer neuen Ge- selligkeit, die die überkommenen ständischen Hierarchien mit einem verwir- renden Dickicht neuer Abgrenzungen und Unterscheidungen überziehen. Der SCHWERPUNKT – KLASSE 37 STEPHAN GREGORY mit diesen neuen Medien eröffnete Kommunikationsraum, der mit dem Begriff «bürgerliche Öffentlichkeit» eine vielleicht etwas zu behäbige Bezeichnung ge- funden hat, stellt nicht zuletzt ein Testgelände und einen Kampfplatz der sozi- alen Klassifizierung dar; hier wird in einer Art von gesellschaftlichem «Probe- handeln» 7 das Prinzip ‹Klasse› eingeübt. Der vom Urteil des Publikums («the Publick» 8) beherrschte Raum ist bereits von den Zeitgenoss_innen als eine unab- lässig ratternde Differenzmaschine verstanden worden, ein Apparat, der laufend neue Unterscheidungen erzeugt: Geschmacksurteile, die zugleich soziale Positi- onierungen sind; moralische Urteile, die zugleich politische Parteinahmen sind; Identitätsfeststellungen, die zugleich Ortszuweisungen sind. Die im Folgenden vorgestellten Szenen aus dem Medienleben von 1700 beleuchten einen entscheidenden Moment im Prozess der Durchsetzung des Klassenprinzips: In den periodischen Zeitschriften der Jahrhundertwende wird Klassifizierung nicht nur laufend und stillschweigend betrieben, das Verfahren der klassifikatorischen Einordnung wird vielmehr selbst zur Medienattraktion, zu einem Gegenstand der Reflexion und zum Auslöser eines ironisch betrie- benen Klassifikationssports. Klassifizierung, eben noch als Herrschaftspraxis erkennbar, wird zum Gesellschaftsspiel; es ist, mit anderen Worten, eine Pop- kultur der Klassifikation, durch die das Prinzip der klassenförmigen Sortierung von Menschen gesellschaftsfähig wird.9 Der London Spy Mit dem essayistischen Monatsblatt The London Spy (1668 – 1700) entwickelt der 7 Vgl. Sigmund Freud: Formulie­ rungen über die zwei Prinzipien Journalist Edward (Ned) Ward eine neuartige Form der Stadtbeschreibung, des psychischen Geschehens [1911], die darauf zielt, im irreduziblen Chaos der Metropole wenigstens provisori- in: ders.: Studienausgabe, Bd. 3: Psychologie des Unbewussten, sche Möglichkeiten der Orientierung zu schaffen. Wards Reportageserie greift Frankfurt / M. 1975, 13 – 24, hier 20. einen literarischen Kunstgriff auf, der durch Giovanni Paolo Maranas L’espion 8 «The Publick is the Nicest and most Severe Critick in the World», turc (1684) populär geworden war: Als außenstehender Beobachter fungiert erklärt im Jahr 1700 der Satiriker hier ein Gelehrter vom Lande, der in einem Anfall von Übermut der «itching Tom Brown und hebt die Wandel­ barkeit und rastlose Aktivität dieser inclination […] to visit London» nachgegeben hat und nun mit «Wonder and Urteilsinstanz hervor: «[I]t is fond Amazement» durch «our Metropolis» taumelt.10 of Novelties, it daily changes all its Fashions of acting, its Language Auch wenn Ward die Stadt als ein höllisches Durcheinander präsentiert, so and its Modes.» Thomas Brown: zeigt er doch zugleich, dass ihre Bewohner_innen Wege gefunden haben, um Amusements Serious and Comical, Calculated for the Meridian of London, mit der Unordnung umzugehen; sie haben Formen der Zeichenlektüre und der London 1700, 157. kategorialen Einordnung entwickelt, die es ihnen ermöglichen, sich im Gewirr 9 Die Analogien zur heutigen Spaßkultur der Selbstklassifizierung der städtischen Erscheinungen zurechtzufinden. Wer es gelernt hat, die Zeichen liegen auf der Hand, vgl. Andreas zu lesen, dem erscheint eine belebte Promenade als «the best Living Library, to Bernard: Komplizen des Erkennungs- dienstes. Das Selbst in der digitalen instruct Mankind, that ever you met with».11 Die wichtigste Lektion in Wards Kultur, Frankfurt / M. 2017. Vademecum für Städtebewohner_innen gilt dem Erwerb einer gleichsam in- 10 Edward Ward: The London- Spy. Compleat in Eighteen-Parts, tuitiven Klassifikationsfähigkeit. Nach Art eines Sports wird im London Spy ein London 1703, 2. Spiel der Gattungszuordnung betrieben. Angesichts eines ungewöhnlichen Vor- 11 Edward Ward: The London Spy. Part I, London 1700, 3. Auflage, 155. kommnisses erkundigt sich der Besucher, was es mit diesem «cluster», «parcel», 38 ZfM 19, 2/2018 RANKING, SORTING, CLASSING «pack» oder jener «multitide» auf sich habe, und sein stadterfahrener Freund teilt umgehend mit, wel- cher «sort» oder «kind» die jewei- ligen Menschengruppen zuzuschla- gen sind und auf welcher Stufe des Wohlstands oder des Elends sie ver- ortet werden müssen. Zweifellos geht es bei Ward, wie schon in den burlesken Taxo- nomien der Renaissance, vor allem darum, die humoristischen Effekte der klassifikatorischen Zuordnung auszubeuten: Es ist lustig, es schafft intellektuelle Befriedigung, den Nebenmenschen auf einen allge- mein bekannten Typus zu reduzie- ren. Darüber hinaus jedoch wird im London Spy das klassifikatorische Verfahren selbst zum Motor des Witzes. Wards Abb. 1 Edward (Ned) Ward, Autor Satire trifft nicht einzelne Stadtbewohner_innen, und wenn sie eine bestimmte des London Spy (1698 – 1700) Gattung (wie z. B. die «Beaus») ins Visier nimmt, handelt es sich niemals um Abb. 2 The London Spy, Part I, den Versuch einer detaillierten Charakterbeschreibung. Gegenstand der belus- 3. Auflage, London 1700 tigten Betrachtung ist vielmehr das Gewimmel der Unterschiede, der gesamte Mechanismus der subkulturellen Ausdifferenzierung, der die Londoner_innen in eine unübersehbare Vielzahl einzelner, jeweils merkwürdiger Stämme spal- tet. So lässt sich der London Spy als eine Komödie der Klassifikation betrach- ten – auch wenn das Wort «Klasse» bei Ward noch nicht auftaucht. Tom Browns Amusements Den Begriff der Klasse in das satirische Sortierspiel der Jahrhundertwende ein- zuführen, bleibt einem anderen überlassen. Thomas (Tom) Brown, ein mit Ned Ward befreundeter Autor, veröffentlicht 1700 seine Amusements Serious and Comi- cal, eine Publikation, die offenbar dazu gedacht ist, an den Markterfolg des L ondon Spy anzuknüpfen. Den Zeitgenoss_innen fiel nicht auf, dass es sich über weite Strecken um das Plagiat eines französischen Buchs handelte, das ein Jahr zuvor unter dem Titel Amusemens Sérieux et Comiques erschienen war. So lasen sie als eine treffende Beschreibung von London, was eigentlich auf Paris gemünzt war: LONDON is a World by it self. We daily discover in it more New Countries, and surprizing Singularities, than in all the Universe besides. There are among the Londoners so many Nations differing in Manners, Customs, and Religions, that the Inhabitants themselves don’t know a quarter of them.12 12 Brown: Amusements, 18. SCHWERPUNKT – KLASSE 39 STEPHAN GREGORY Weil dies nun mal die aus Frankreich übernommene Leitmetapher seines Buchs ist, verwendet Brown als Begriff zur Sortierung der Stadtbevölkerung in erster Linie das Wort «Nation», dies jedoch schon mit der Implikation von herablassender Beurteilung, von «déclassement», die etwas später den Einsatz des Klassenbegriffs prägen wird: Nay, how many different Nations are there of our English Ladies. In the first place there is the Politick Nation of your Ladies of the Town. Next the Savage Nation of Country Dames. Then the Free Nation of the Coquets. The Invisible Nation of the Faithful Wives, (the worst Peopled of all.) The Good-Natur’d Nation of Wives that Cuckold their Husbands, […] The Warlike Nation of Intriguing Ladies. The Fearful Nation of –, but there are scarce any of them left. The Barbarous Nation of Mothers-in-Law.13 Browns Hang zum Plagiat ist es zu verdanken, dass nun auch der Klassenbegriff in das Vokabular der englischen Gesellschaftsbeschreibungen Eingang findet. In den französischen Amusements war anlässlich der Beschreibung des Pariser Hofes von «courtisans de la première classe» 14 die Rede. Bei Brown gerät das Wort an einer anderen Stelle in den Text. Mit dem gleichen misogynen Unter- ton, mit dem er zuvor die «Ladies» in «Nationen» eingeteilt hatte, benutzt er nun auch den Einteilungsbegriff Klasse und spricht von einer «Class of Irregu- lar Women».15 Sir Isaac Bickerstaff, Esq., Zensor von Großbritannien Die von Ned Ward und Tom Brown begonnene ironische Sortierung der L ondoner_innen in Habitus- und Lifestyleklassen wird bald darauf in syste- matischerer Weise fortgeführt. Die von Richard Steele und Joseph A ddison herausgegebene Zeitschrift The Tatler (1709 – 1711) hat sich der Reform der ö ffentlichen Sphäre verschrieben. Hintergrund dieser Anstrengungen ist die Etablierung eines neuen, standesübergreifenden Konsenses, in dem sich m oneyed wealth und landed wealth, aufstrebende Bourgeoisie und alter Landbe- sitz, unter dem Titel einer polite society zusammenschließen und als neue ge- sellschaftliche Führungsschicht etablieren.16 Eine wesentliche Rolle in der Konstitution dieser Kultur der politeness spielt die moralische Erziehung ihrer Mitglieder, eine sozialp ädagogische Aufgabe, die auf den Imperativ der ständi- gen wechselseitigen Beobachtung und Verhaltenskorrektur hinausläuft. Der Tatler bringt dieses Spiel der Dauerbeurteilung zur Darstellung – in iro- nischer Form, aber deswegen nicht weniger wirksam. Organisiert wird es durch den fiktiven Herausgeber namens Isaac Bickerstaff, Esq. Mit der gequälten 13 Brown: Amusements, 58. Miene eines unbestechlichen Moralisten macht er sich daran, die unüberseh- 14 Charles Rivière Dufresny: bare Vielfalt von Skurrilitäten, aus denen sich der menschliche Kosmos zusam- Amusements sérieux et comiques, Paris 1921 [1699], 66. mensetzt, in eine klassifikatorische Ordnung zu bringen. Der Redeweise der 15 Brown: Amusements, 59. naturgeschichtlichen Taxonomien folgend werden die Vertreter_innen sonder- 16 Vgl. Terry Eagleton: The function of criticism, New York 2005 [1984], 12. barer Verhaltensweisen nach «species» geordnet: «The world is so overgrown 40 ZfM 19, 2/2018 RANKING, SORTING, CLASSING with singularities in behaviour, and method of liv- ing, that I have no sooner laid before mankind the absurdity of one species of men, but there starts up to my view some new sect of impertinents that had before escaped notice.» 17 Alternativ zu «species» verwendet Bickerstaff mindestens ebenso oft das Wort «class»: «[T]his Personage would make a great Figure in that Class of Men which I distinguish under the Title of Odd Fellows»; 18 «this class of modern wits I shall reserve for a chapter by itself»; 19 «A Defence of awkward Fellows against the Class of the Smarts»; 20 «The fellows of this class are very frequent in the repeti- tion of the words ‹rough› and ‹manly›»; 21 «there is none but those of his own class who do not laugh at and avoid him»,22 etc. Der Begriff Klasse wird hier unverblümt als In- strument zur willkürlichen Einteilung von Men- schen eingesetzt – und dies nicht, wie es zuvor der Fall war, innerhalb eines Spezialdiskurses der Alter- tumsgeschichte, der politischen Philosophie oder der Steuerpolitik, sondern in einer von Tausenden von Menschen gelesenen galanten Zeitschrift. Auch wird das Wort Klasse hier keineswegs aus Versehen oder wie nebenbei benutzt; der Begriff wird viel- mehr ausdrücklich eingeführt und begründet. In Tatler Nr. 162 berichtet Bickerstaff von einem neuen, höchst nützlichen Amt, das Abb. 3 Die Figur des Isaac er eingerichtet und gleich selbst übernommen habe: «I at last resolved to erect B ickerstaff, Esq.: Frontispiz zu einer Buchausgabe des Tatler, a new office, and for my encouragement, to place myself in it. For this reason, I London (ohne Datierung) took upon me the title and dignity of Censor of Great Britain».23 Mit Blick auf die römische Geschichte hält Bickerstaff die Ordnungsfunktion des Zensoramts fest: «[I]t consisted in making frequent reviews of the people, in c asting up their numbers, ranging them under their several tribes, disposing them into proper 17 Richard Steele: Nr. 166, in: classes, and subdividing them into their respective centuries.»24 ders. The Tatler, Bd. III, hg. v. George A. Aitken, London 1898 – 1899, Obwohl der Begriff des Zensors eine eher autokratische Verfahrensweise 273 – 278, hier 273. nahelegt, ist das Klassifikationsspiel, das sich auf dieser Grundlage entfaltet, 18 Steele: The Tatler, Bd. I, Nr. 34, 277 – 283, hier 281. durchaus vielstimmig, d. h. auf Publikumsbeteiligung angelegt. Die gewöhnli- 19 Steele: The Tatler, Bd. II, Nr. 77, che Dramaturgie beginnt damit, dass Isaac Bickerstaff von einem_r Leser_in 200 – 205, hier 203. 20 Steele: The Tatler, Bd. II, Nr. 60, über bestimmte merkwürdige Vorkommnisse des gesellschaftlichen Lebens 74 – 80, hier 80. unterrichtet wird. Seine Dienstleistung besteht dann darin, diese Erscheinun- 21 Steele: The Tatler, Bd. IV, Nr. 244, 242 – 247, hier 245. gen in seiner Klassifikation des Sozialen unterzubringen. Bickerstaff berichtet 22 Ebd., 246. aber auch von vorgeblichen Einordnungsproblemen und bittet die Leser_in- 23 Joseph Addison: The Tatler, Bd. III, Nr. 162, 255 – 259, hier 255. nenschaft um Mithilfe bei der Klassifizierung ungewöhnlicher Charaktere: «It 24 Ebd., 256. SCHWERPUNKT – KLASSE 41 STEPHAN GREGORY would be a very great obligation, and an assistance […], if any one would please to inform in what class […] to place the author of the following letter.» 25 Angeblich bitten auch die Leser_innen selbst um Einordnung: «SIR, […] the favour I beg of you is, to know, […] in what part or class of men in this town you will place me. Pray send me word what I am, and you shall find me, Sir, Your most humble Servant, JEFFRY NICKNACK.» 26 Und schließlich werden diejenigen, die sich mit der Bitte an Bickerstaff wenden, das Verhalten anderer zu rügen, umgehend selbst klassifiziert: «The pretensions of this correspondent are worthy a particular distinction: he cannot indeed be admit- ted as a ‹pretty›, but is, what we more justly call, a ‹smart fellow.›» 27 Anders als man denken könnte, verbirgt sich keinerlei dekonstruktive Absicht hinter Addisons und Steeles ironischem Classing. Es liegt nicht in ihrem Interesse, die Willkürlichkeit gesellschaftli- cher Ordnungen offenzulegen, die Konstruiertheit sozialer Positionen vorzuführen oder die Wandel- barkeit der Identitäten hervorzuheben. Wenn ihnen an der Ständeordnung etwas missfällt, so jedenfalls nicht die Vorstellung, dass jede_r seinen_ihren an- gestammten Platz habe. Diese Idee ist ihnen viel- mehr so wichtig, dass sie sie auf die Klassenordnung zu übertragen versuchen: Abb. 4 The Compleat Beau, Frontispiz zu Judith Drake As I was saying, there is a class which every man is in by his post in nature, from (anonym): An Essay in Defence of which it is impossible for him to withdraw to another, and become it. Therefore it is the Female Sex, London 1696 necessary that each should be contented with it, and not endeavour at any progress out of that tract.28 Die Idee, dass kein Wesen seine von der Natur vorgegebene «Stelle» verlassen dürfe, erklärt die spezifischen Obsessionen und Besorgnisse, die Bickerstaffs Klassifikationsspiel heimsuchen. Wenn es darum geht, mithilfe des Klassenbe- griffs eine stabile, quasinatürliche Ordnung des Sozialen festzuhalten, so müs- 25 Steele: The Tatler, Bd. I, Nr. 35, sen all jene Elemente ein Ärgernis darstellen, die sich einer eindeutigen Merk- From Tuesday, June 28, to Thursday, June 30, 1709, 284 – 291, hier 289. malsbestimmung entziehen oder durch ein willentliches Verwirrspiel falsche 26 Steele: The Tatler, Bd. I, Nr. 27, Zuordnungen erzeugen. 1709, 222 – 230, hier 228. 27 Steele: The Tatler, Bd. I, Nr. 26, Im Tatler tritt die Unsicherheit der Einteilung auf zwei Feldern als be- 1709, 214 – 222, hier 217. sonders störend hervor: dem der sozialen Ortsbestimmung und dem der 28 Steele: The Tatler, Bd. IV, Nr. 206, 64 – 69, hier 67. geschlechtlichen Zuordnung. Dabei ist es mehr oder minder die gleiche 42 ZfM 19, 2/2018 RANKING, SORTING, CLASSING Klientel, die in beiden Hinsichten für Ärger sorgt. Die «pretty fellows» scheinen Isaac Bickerstaff vor allem deshalb so zu beschäftigen, weil sich hier verschiedene Formen der Uneindeutigkeit über- lagern. So lässt sich angesichts des Betragens der «hübschen Burschen» nicht auf Anhieb sagen, ob die Überschreitung der geschlechtlichen oder die der sozialen Grenzen eine größere Rolle spielt, ob ihre effeminierten Verhaltensweisen oder ihr Gen- tleman-Mimicking den größeren Frevel darstellt. Ein Blick auf die vorrangigen Objekte der Sortier- tätigkeit hinterlässt aber den Eindruck, dass die Geschlechterverwirrung Bickerstaff mehr Kummer bereitet als die Standesüberschreitung. 29 Abb. 5 The Female Tatler, Nr. 21 (erste Ausgabe mit Crackenthorpe-Signet) Der Female Tatler Unter den zahlreichen Nachahmungen des Tatler war der Female Tatler am er- folgreichsten; er hielt sich von Juli 1709 bis März 1710. Die fiktive Herausge- berin, «Mrs. Crackenthorpe, a Lady that knows every thing», knüpfte explizit an Bickerstaffs Zensorrolle an, jedoch mit einer charakteristischen Neugewich- tung der Beurteilungskriterien. Die für den Tatler so wichtige Einhaltung der Geschlechtergrenzen ist für den Female Tatler kein so dringendes Thema; hier scheint sich die Naturalisierung der Geschlechterkategorien und damit das, was man mit Thomas Laqueur als ‹Erfindung› des biologischen Geschlechts be- zeichnen kann,30 noch nicht durchgesetzt zu haben, oder genauer gesagt: Es regt sich Widerstand gegen das – vom Tatler mitbetriebene – Normalisierungs- unternehmen, für das nicht mehr so sehr der Stand, sondern in erster Linie das Geschlecht einen festen «post in nature» darstellt.31 Überhaupt erscheinen die Identitätskategorien im Female Tatler als weniger fest gefügt, sie stellen, wie Anthony Pollock bemerkt hat, keine «unvermeidlich bindenden ontologischen oder essentiellen Charakteristika» dar; sie werden 29 Zur Konzentation des Tatler eher im Sinn arbiträrer, wenngleich «gesellschaftlich notwendiger Konstruk- auf «gender characteristics» vgl. tionen» eingesetzt.32 Dies gilt allerdings eher für die Geschlechterdifferenz, Michael McKeon: Historicizing Patriarchy. The Emergence of Gender nicht so sehr für die Statusunterschiede. Darin hebt sich der Female Tatler am Difference in England, 1660 – 1760, deutlichsten von Steeles und Addisons Blatt ab. Die liberale, whigistische Posi- in: Eighteenth-Century Studies, Vol. 28, Nr. 3, 1995, 295 – 322, hier 313. tion des Tatler erlaubt eine Lockerung der Standesgrenzen, fixiert und naturali- 30 Vgl. Thomas Walter Laqueur: siert aber gleichzeitig die Geschlechtergrenzen; die konservative Tory-Position Making Sex. Body and Gender from the Greeks to Freud, Cambridge 1990, 149: des Female Tatler lässt sich ein Spiel mit den Geschlechtsrollen gefallen, erweist «Sometime in the eighteenth century, sich aber humorlos, wenn es um die gesellschaftliche Hierarchie geht. Auf diese sex as we know it was invented.» 31 Steele: The Tatler, Bd. IV, Weise geschieht es, dass ein Kaffeehaus-Magazin vor allem um die Feinheiten Nr. 206, 64 – 69, hier 67. der geschmacklichen und sexuellen Identitäten kreist, während eine Frauen- 32 Anthony Pollock: Gender and the Fictions of the Public Sphere zeitschrift die Frage des sozialen Unterschieds aufwirft. 1690 – 1755, New York 2009, 96. SCHWERPUNKT – KLASSE 43 STEPHAN GREGORY Weil die Hauptbesorgnis von Mrs. Crackenthorpe den Problemen der ge- sellschaftlichen Positionierung gilt, bekommt hier das Spiel mit der Klasse eine andere Färbung als bei Isaac Bickerstaff, der eher die verbotenen Reize der Ge- schlechterüberschreitung im Blick hat. Die Aufmerksamkeit des Female Tatler konzentriert sich vor allem auf die Nachahmungssucht der «inferior Classes», die sich «in their Habits of Mind, as well as Body» die Distinktionszeichen der «Better Sort» aneignen.33 Diese «Deceitfulness of […] Appearance» untergräbt zunehmend die «Distinction of Rank», von der doch alle wissen, dass sie «highly necessary for the Oeconomy of the World» ist.34 Offenbar hat das Bewusstsein dieser Gefahr die Autor_innen des Female Tatler dazu gebracht, die Formen mi- metischer Standesüberschreitung genau zu beobachten und festzuhalten. Ihrer 33 The Female Tatler, Nr. 1, alarmierten Wahrnehmung verdanken wir die folgende Szene eines Status- 1709, 1 – 2. 34 The Female Tatler, Nr. 17, Voguing, die sich im Oktober 1709 in Jacob’s Coffee-house abgespielt haben soll: 1709, 1. 35 The Female Tatler, Nr. 42, 1709, 1. To Mrs. Crackenthope. 36 Die politischen und sozialre­ MADAM, formerischen Schriften Daniel Defoes bieten zahlreiche Belege für IN your Paper of October 5. You have, I think, very properly advis’d Mechanicks to eine sozialanalytische Verwendung observe a Decorum in their Dress, and ’tis indisputably equally as requisite, that they des Klassenbegriffs; hier finden sich shou’d observe the same in their Airs. In this Latter, the Automatarius Faber, is as ri- einschlägige Formulierungen wie diculous and singular as in the former […]. He pretends a Politeness in his Discourse «classes of people», «the middle class of Mankind» oder «the inferior of News, and thinks himself among Mr. Bickerstaff’s Class of Smart Fellows. I was at Class of People». Jacob’s the other Night, and standing at the Barr, with a nonpareil Air in the Step, in 37 Mandeville setzt in seiner Fable bolts our Champion, my Lord Duke, and the Alderman, they took a turn or two in of the Bees wiederholt den Klassen­ the Coffee-Room, then assum’d to themselves a whole Seat. Come, says one of them, begriff ein. Entscheidender ist, dass er das soziale Gefüge nicht mehr Voulez vous, My Lord Duke, one Pinch of Orangeree? My Lord commends it with ten als organischen «Body Politick», thousand sort Bon’s, and calls for a Dish of Water […]. They call’d for the written sondern als «Gesellschaft» begreift, and printed Papers with an audible Voice; damn’d Jacob’s tardy Waiters, curs’d the als «whole society», die allerdings Candles, and saluted each other at every Word, with my Lord, Duke, Alderman, &c. zugleich eine geteilte, in Klassen ge­ spaltene Gesellschaft ist. Mandeville After I had stay’d about an Hour, and was quite tir’d with their ridiculous Nonsensi- war sich bewusst, dass die «inferior cal Chat, and was just going: up starts the Major; Come, says he, to my Lord; Voulez classes» mit den «superior classes» vous aller elle est deux heure. My Lord reply’d aloud, De tout mon Cœur, and then the notwendig im Streit liegen müssen, three royal Champions march’d towards the Barr, and fumbling a considerable time, und er hat auch den Klassenhass 35 der Armen auf die Reichen als eine at last depos’d two Copper Griggs, and sallied out. unvermeidliche Gegebenheit be­ trachtet: «The grosser Sort of them it often affects so violently, that if they were not with­held by the Fear of Die Ambivalenz der Klasse the Laws, they would go directly and Die beschriebenen Szenen sind zunächst einmal nur dazu geeignet, etwas über beat those their Envy is levell’d at, from no other Provocation than what die allmähliche Durchsetzung klassifikatorischer Gesellschaftsbeschreibungen that Passion suggests to them.» zu Beginn des 18. Jahrhunderts zu sagen. Mit dem späteren sozialen Klassenbe- Bernard Mandeville: The Fable of the Bees [Passage, die in der Auflage griff, insbesondere dem Marx’schen, scheinen sie nichts zu tun zu haben. Den- von 1723 hinzugefügt wurde], in: noch lässt sich sagen, dass es genau diese etwas lächerlichen Sortierspiele, diese Phillip Harth (Hg.): The fable of the bees, London 1989, 51 – 259, hier 160. klassifikatorischen Fingerübungen sind, aus denen der spätere, mit dem Ernst 38 Thomas Brown: Amusements der Entscheidung und der Konfrontation bewehrte Klassenbegriff hervorgehen Serious and Comical. The 2d. Edition, with Large Improvements, London 1702, 8. wird. Zwischen dem Tanz der feinen Unterschiede und der sich im Kampf als 39 Ebd. solche konstituierenden Klasse liegt kein unüberwindlicher Abgrund. Der Klas- 40 Ebd., 9. 41 Ebd., 24. senbegriff, der eben noch der wissenschaftlichen Einordnung, dem modischen 44 ZfM 19, 2/2018 RANKING, SORTING, CLASSING classing, der symbolischen Distinktion oder der iro- nischen Überhebung gedient hat, kann im nächsten Moment zu einem Instrument der sozialen Analyse, der kollektiven Bewusstwerdung oder auch des ge- meinsamen Kampfes werden. Nach geläufiger Auf- fassung geschieht dies ‹um 1800›; Ansätze zu einer solchen Verwandlung lassen sich aber auch schon ‹um 1700› finden, insbesondere bei Daniel Defoe 36 und Bernard Mandeville.37 Hier soll nur kurz auf den schon genannten Tom Brown eingegangen werden. Dieser bewies an sich selbst, dass sich der Einsatz des Klassenbegriffs nicht auf die verächtliche Sortierung anderer beschrän- ken muss. In der zweiten Auflage seiner Amusements (1702) schiebt er im Vorwort eine Erklärung ein, warum das Buch keine Widmung enthalte. Dies habe nichts mit einem Mangel an « Panegyrick» zu tun oder damit, dass er den gewissen «Knack of dignifying and distinguishing Such as do not deserve it» nicht mehr beherrsche.38 Vielmehr seien aus ver- schiedenen Gründen alle früheren Patronage-Bezie- hungen in die Brüche gegangen, sodass er künftig darauf verzichten werde, Komplimente über das Le- ben derer zu machen, die ihn und andere «Men of my profession» nicht für «worth living» befänden.39 In diesem Zusammenhang rechnet sich Brown selbst ausdrücklich einer «Klasse» zu, nämlich jener der Vorstadtliteraten, die, ohne das Wohlwollen eines adligen Gönners zu genießen, auf die Marktverwer- tung ihrer Fähigkeiten angewiesen sind: «However I am one of the first of the Abb. 6 The Poets condition, suburbian Class, that has ventur’d out with an Amusement of this Bulk, without aus: The Works of Mr. Thomas Brown, Fourth and last Volume, making application to a Noblemans Porter».40 Darin liegt zweifellos ein Hauch London 1730 von «Klassenbewusstsein», ein Zugehörigkeitsgefühl, das sich nicht mehr auf die Sicherheit einer Standesposition, sondern auf die Gemeinsamkeit einer pre- kären ökonomischen Lage gründet. Als literarischer Selbstunternehmer hatte Brown ein gutes Gespür für das Funktionieren der neuen, kapitalistischen Ökonomie, die in seinen Schriften unter dem Namen «Trade» firmiert. In seinen Amusements spottet er über die neue merkantile Klasse und ihr «mystery of Trade»: «A Term unintelligible to Foreigners, and that none truly understand the Meaning of, but those that practice it.» 41 Zugleich lässt er seinen indianischen Weggefährten (der of- fenbar als Fachmann für Idolatrie betrachtet wird) eine Art Fetischkritik der Wertvergesellschaftung formulieren: «What cannot you be content, says our SCHWERPUNKT – KLASSE 45 STEPHAN GREGORY Indian, cannot you be content to Idolize Riches that are useful to you? Must you likewise Idolize the Rich, who will never do you a Farthings-worth of Kindness?» 42 Sehr genau zeichnet Brown nach, wie sich in der gesellschaftli- chen Wahrnehmung der Reichtum als allein ausschlaggebendes Differenzkri- terium durchsetzt; alle anderen Unterschiede werden von der Beurteilung nach dem Geldwert überlagert oder außer Kraft gesetzt. So wird von einer gesell- schaftlichen Veranstaltung, einem «City circle» berichtet, in dem «all sorts of persons» verkehren und in dem «great Liberty» herrscht. In dieser gemischten Runde spielen die Unterschiede des Standes keine Rolle mehr; doch ist zu se- hen, wie sich hier ein neuer Mechanismus der Unterscheidung durchsetzt, der nicht weniger machtvolle Formen der Anziehung und der Abstandnahme nach sich zieht als das alte System der hierarchischen Unterordnung. Verwundert bemerkt Browns «indian», wie sich allmählich immer mehr Gäste um einen reichen Stutzer versammeln, während umgekehrt ein vernünftiger Redner ge- schnitten wird, sobald er als arm erkannt wird: «I observe, the Company Files off from him by degrees, to another part of the Room, and now he is lest alone by himself. Wherefore say I to my self, Do they shun him thus? Is his Breath Contagious, or has he a Plague-Sore running upon him?» 43 An anderer Stelle arbeitet Brown noch deutlicher heraus, wo im London von 1700 die neue gesellschaftliche Scheidelinie gesehen wird. Es ist kennzeichnend, dass in dem von ihm inszenierten Rededuell zwischen einem arroganten Reichen und einem empörten Armen, der als «a Poor Poet, without a Name» 44 vorge- stellt wird, erneut der Klassenbegriff ins Spiel kommt. An Fortuna, die Göttin des Schicksals, gerichtet, erklärt der reiche dem «Conde de la Titulado»: «Glory, Wealth and Power, have always been by you as the inferiour Classes of Men made for our life and Pleasure».45 Wenn Fortuna diese Bevorzugung zurücknehme und den Armen Gerechtigkeit widerfahren lasse, schade sie nur sich selbst, «for in that Sentence you pronounce your own Doom, and are your Self involved in our Ruin».46 Auf diese zynische Rechtfertigung der Ungleichheit antwortet der arme Poet mit einer vehementen Verurteilung der lasterhaften Reichen («The whole Oeconomy of their Brain is corrupted» 47) und einem leidenschaftlichen Plädoyer für die Machtübernahme der tugendhaften Armen: «From all these Examples it is plain, that those, who are Bred in Poverty, and have a thorough Acquaintance with it, are the fittest to come into Power […]». 48 42 Brown: Amusements, 146. 43 Ebd. Natürlich kann man sagen, dass es sich auch hier, bei dieser rhetorischen 44 Thomas Brown: A Declamation battle zwischen arm und reich, nur um ein Spiel handele. Es handelt sich aber against Wealth and Quality, in Praise of Poverty, in: ders.: The Works of um ein neues Spiel, das sich von den geschmäcklerischen Sortierübungen der Mr. Thomas Brown, Bd. 1, London 1712, polite society ein gutes Stück entfernt hat. Während es dort nur darum ging, 112 – 135, hier 112. 45 Thomas Brown: A Declamation innerhalb einer vorgegebenen Ordnung die Plätze zu verteilen, wird hier die in Praise of Hereditary Quality and Möglichkeit sichtbar, dass ein Teilungsbegriff eingesetzt wird, um das System Wealth, in: ders.: The Works, 106 – 111, hier 110 f. der Einteilung selbst anzugreifen. Zumindest für einen Moment wird hier ein 46 Ebd. Klassenkampf denkbar, bei dem es nicht nur um die Einordnung in eine höhere 47 Ebd., 123. 48 Ebd., 135. Klasse geht, sondern um die Aufhebung der klassifikatorischen Beurteilung. 46 ZfM 19, 2/2018 RANKING, SORTING, CLASSING Die Situation bleibt jedoch ambivalent, und das liegt keineswegs nur da- ran, dass Tom Brown ein Spaßmacher ist, bei dem man nicht sicher sein kann, wie ernst eine Äußerung zu nehmen ist. Der Klassenbegriff wird auch in seiner weiteren Geschichte zwischen den hier sichtbar gewordenen Polen, zwischen ‹Klassifikation› und ‹Klassenkampf›, hin- und herschwanken. So wie er dazu eingesetzt werden kann, ökonomische Ungleichheit zur Sprache zu bringen und eine Gemeinsamkeit der Unterdrückten zu schaffen, so kann er auch jeder- zeit ‹rückfällig› werden und sich erneut in den Dienst der wertenden Abgren- zung und distinguierenden Beurteilung stellen. Diese Ambivalenz kennzeich- net auch die spätere, marxistische Geschichte des Klassenbegriffs: einerseits die großzügige Geste der Inklusion (Proletarier_innen aller Länder!), der Ruf zur Klasse als Fanal zur Aufhebung aller Klassen; 49 andererseits das Einsetzen klein- licher Sortierverfahren, die Reinigung der Arbeiter_innenklasse von a llem, was nach ‹Lumpen› und ‹Kleinbürgern› aussieht, die Zementierung von Klassen- 49 Die Möglichkeit einer inklusio­ identität im bürokratischen Sozialismus. Wenn in heutigen Diskussionen die nisistischen, weitherzigen Klassen­ Bemühung hervortritt, das gute alte Klassenprinzip zu reaktivieren, sei es, um konzeption hat Patrick Eiden­Offe am Beispiel des Vormärz­Proletariats Handlungsmacht zurückzugewinnen, sei es, um andere, üblere Einteilungswei- demonstriert: Patrick Eiden­Offe: sen zurückzudrängen, so sollte die historische Hypothek des Begriffs zumindest Die Poesie der Klasse. Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des bedacht werden. Proletariats, Berlin 2017. — SCHWERPUNKT – KLASSE 47 AT L A N TA I N A B E Y E R ANDERS ZUHÖREN — Tribe 8s ästhetische Praktiken: «Disidentification» und queere Klassenpolitiken 1 Ende 2017 kam mit Yony Leysers Queercore. How to Punk A Revolution 2 eine Dokumentation in die Kinos, die die Geschichte von Queercore, einer queeren Strömung im Punk, beleuchtet. In Leysers Film wird auch Lynnee Breedlove interviewt, Sänger bzw. damals noch Sängerin 3 der Band Tribe 8, die sich 1990 1 Ich möchte zunächst Lia Becker in San Francisco gründete und dort 2005 wieder auflöste. Die Band wird nicht herzlich danken für die produktiven Diskussionen über den gemeinsam nur Queercore, sondern auch der bekannteren, feministischen Punkbewegung entwickelten Begriff «Klasse mit der Riot Grrrls zugeordnet. Anfang der 1990er Jahre artikulieren diese neuen D ifferenz», der in diesem Beitrag noch eine prominente Rolle spielen Punkpolitiken ihren enormen Frust auf die gesellschaftlichen Zustände. Im vo- wird, und für ihre immense Unter­ rangegangenen Jahrzehnt war die christliche Rechte in den USA erstarkt und stützung meiner Arbeit. 2 Queercore. How to Punk a Revolu- sorgte mit ihrer Anti-Abtreibungs-Politik, der Stimmungsmache gegen Aids- tion, Regie: Yony Leyser, D 2017. erkrankte, Homosexuelle und sozial Marginalisierte für einen politischen und 3 Er_sie trat damals noch unter dem Namen Lynn Breedlove auf, kulturellen Backlash.4 inzwischen hat er Namen und Prono­ Tribe 8 lösten mit ihren sexpositiven, oft spektakulären Entwürfen viele Kon- men verändert. 4 Vgl. Atlanta Ina Beyer: Tribe 8, troversen auch innerhalb lesbisch-feministischer Szenen aus. Seit etwa Mitte in: Jonas Engelmann (Hg.): Damaged der 1970er Jahre hatten Themen wie Pornografie, Sadomasochismus oder Goods. 150 Einträge in die Punkgeschich- te, Mainz 2016, 278 – 280, hier 279. Penetration zu erbittert geführten innerfeministischen Grabenkämpfen, soge- 5 Vgl. Lisa Duggan: Sex Wars. nannten Sex Wars, geführt.5 Die Band bezog gegenüber BDSM 6-Praktiken eine Sexual Dissent and Political Culture, New York 2006 [1996], 1; Volker eindeutig positive Haltung. Die meisten Mitglieder identifizierten sich mit dem Woltersdorff alias Lore Logorrhöe: eher maskulinen lesbischen Genderentwurf der butch; Leslie Mah, eine der Queer Theory und Queer Politics, in: Utopie Kreativ, Nr. 156, 2003, Gitarrist_innen, bezeichnete sich als feminine femme-Lesbe. 914 – 923, hier 914 f. Elisabeth Joyce beschreibt die Zusammensetzung von Tribe 8 als « racial 6 Die Abkürzung steht für die sexuellen Praktiken: Bondage and mixture of women – African American, Asian American, Euro-American – of Discipline (Fesselung und Disziplin), middle class and blue collar background with little or no higher educa- Dominance and Submission (Dominanz und Unterwerfung), Sadism and tion.» 7 Aus Interviews mit Bandmitgliedern entnehme ich, dass sie vor al- Masochism (S / M). lem aus der unteren Mittel- und der Arbeiter_innenklasse kommen. Ihre 7 Elisabeth Joyce: Postfeminism as Recombinant Fragment, in: Birgit künstlerischen Praktiken scheinen an der Oberfläche jedoch zunächst wenig Haas (Hg.): Der postfeministische über ‹Klasse› preiszugeben. Dies ist in queerfeministischen Politiken eher Diskurs, Würzburg 2006, 105 – 126, hier 113. die Regel: Themen um Gender und Sexualität rücken in den Mittelpunkt, 48 ZfM 19, 2/2018 Klassenidentifikationen dagegen werden ausgeblendet. So werden auch die ästhetischen Praktiken queerer Subkultur vorrangig als Aushandlungen um Gender- und sexuelle Praktiken, Identitäten und Politiken gelesen und analy- siert. Ich möchte eine andere Lesart vorschlagen. Ich gehe davon aus, dass in queerer Subkultur eine komplexe Artikulati- on / Des-Artikulation von Klasse stattfindet. Um diese aufspüren zu können, ist es nötig, die in der politischen wie wissenschaftlichen Debatte häufig reprodu- zierte, aber unproduktive Dichotomie zwischen Identitäts- und Klassenpoliti- ken aufzulösen, die den Blick auf die vielfachen und widersprüchlichen Ver- schränkungen beider verstellt. Durch ein «Re-Framing»,8 in dem ich kritisch an die Re-Artikulation des Klassenbegriffs in den britischen Cultural Studies und in queerer Theorie 9 anknüpfe und in dem ich den Blick auf die im Zuge der Aidskrise entstehenden neuen queeren Politiken der Wut 10 richte, will ich die Spuren der zugleich abwesenden und anwesenden ‹Klasse› in den ästheti- schen Praktiken von Tribe 8 freilegen. Durch ein doppeltes Lesen ausgewählter Arbeiten der Band (Songtexte, Ge- sangstechniken und Kontroversen um einen Auftritt) werden – so meine The- se – Praktiken der «disidentification» 11 mit lesbisch-feministischer Bewegung und Subkultur deutlich, die Klassendifferenzen wahrnehmbar machen und e inen ermächtigenden Umgang mit Gewalterfahrungen und Traumata ermög- lichen. Die Verortung der ästhetischen Praktiken von Tribe 8 im Kontext neuer queerer Politiken der Wut zeigt, wie sie zur Erweiterung von Allianzen margi- nalisierter Gruppen beitragen. Durch die Perspektivverschiebung weg von der dichotomen Gegenüberstellung von Klassenidentität vs. queerer Identität hin zum Konzept «Klasse mit queer-feministischer Differenz» können das trans- formatorische Potenzial in queerer disidentification wie auch historisch spezifi- sche Grenzen sexueller Politiken aufgezeigt werden. Spannungen im Material Der Song Manipulate,12 einer der ersten veröffentlichten Songs der Band aus dem Jahr 1992, zeigt das Spannungsverhältnis auf, in dem sich Tribe 8 zu den 8 Unter dem Begriff «Re­Framing» Diskursen der lesbisch-feministischen Kultur bewegen. Entlang von Text und verstehe ich in diesem Text – ab­ Gesangsweisen lassen sich einige Konflikte nachzeichnen. Im Intro des Stücks geleitet von engl. to reframe – die Neujustierung der Analyseperspek­ setzen die Musiker_innen zum gemeinsamen Gesang an: tive auf die ästhetischen Politiken der Band. 9 Vgl. Rosemary Hennessy: Profit Women’s love is so friendly and Pleasure. Sexual Identities in Late Women’s love like herbal tea Capitalism, New York 2018 [2000]. 10 Vgl. Woltersdorff: Queer Theory Women’s love it empowers me und Queer Politics, 915. 11 Vgl. José Esteban Muñoz: Disidentifications. Queers of Color Ihre Stimmen klingen grölend, aggressiv, sie nerven und sind keineswegs and the Performance of Politics, freundlich-weich oder liebevoll, wie es der Songtext nahelegen könnte. Tatsäch- M inneapolis 1999. 12 Manipulate, erschienen auf: lich wird eher geschrien als gesungen. Im Text geht es um die ermächtigende Pig Bitch, USA 1992. SCHWERPUNKT – KLASSE 49 ATLANTA INA BEYER Wirkung der Liebe unter Frauen. Begriffe wie «friendly» und «herbal tea» wirken klischeehaft, sind im US-amerikanischen Kontext der Band jedoch leicht als Anspielung auf lesbischen Separatismus und die damit häufig ver- bundene musikalische Tradition der Women’s Music erkennbar.13 Diese bildete in den USA seit den 1960er Jahren den ersten popkulturellen Kontext, in dem offen über lesbisches Leben, Begehren und Sexualität gesungen wurde.14 Ihre Verfechterinnen setzten auf lesbischen und feministischen Separatismus, der zu einer enormen Zunahme der von Frauen gemachten Musik führte.15 Festi- vals wie das Michigan Womyn’s Music Festival (MWMF) wurden mit der Absicht gegründet, einen safe space, einen sicheren Ort für die Musik von Frauen und die Entwicklung weiblicher Kultur zu schaffen. Doch während dadurch neue Entfaltungsmöglichkeiten und Erfahrungsräume entstanden, entwickelten sich 13 Die Protagonist_innen der Women’s Music kritisierten die Abwe­ auch neue Normen, die begrenzend wirkten. In der Suche nach dem radika- senheit von positiven Images von len Bruch mit den Mustern der hegemonial-patriarchalen Kultur wurden zum Weiblichkeit in der populären Musik und fehlende Chancen für Frauen im Teil dogmatische Vorstellungen davon entwickelt, was Frauen vermeintlich Musikgeschäft. Nicht nur mit musi­ schadete und was sie ermächtigte. Entwürfe einer neuen Weiblichkeit reichten kalischen Inhalten, auch durch den Aufbau unabhängiger Produktions­ zum Teil so weit, dass den patriarchalen Strukturen die essenzialistische Vor- und Distributionsstrukturen wollten stellung einer eigenen, besseren und weniger unterdrückerischen S exualität sie der patriarchalen Kultur, inner­ halb derer Mainstream­Pop­Musik gegenübergesetzt wurde, die andere Formen lesbischer Gender- und Sexuali- existierte, direkt entgegentreten. tätsentwürfe ausschloss.16 Siehe dazu: Martha Mockus: Music, Women’s, in: Bonnie Zimmerman Ich lese die gesangliche Performance von Tribe 8 zu Beginn des Stückes als (Hg.): Lesbian Histories and Cultures. An Intervention in die Kontroversen um Sexualität, die sich mit den Sex Wars deut- Encyclopedia, New York, London 2012, 521 – 524, hier 522. lich zugespitzt hatten. Vor dem Hintergrund dieser Weiterentwicklungen muss 14 Vgl. ebd., 521. auch der Auftritt der Band 1994 auf dem MWMF betrachtet werden.17 Einige 15 Vgl. Reebee Garofalo: Rockin’ the Boat. Mass Music and Mass Teilnehmer_innen hatten den Auftritt der Band durch Proteste verhindern Movements, Cambridge 1992, 244. wollen. Sie warnten davor, dass Tribe 8 Gewalt gegen Frauen propagiere.18 16 Vgl. Alice Echols: Cultural Feminism. Feminist Capitalism and Besonders zwei Punkte hätten Anlass dafür gegeben: S / M-Elemente in der the Anti­Pornography Movement, Show und Breedloves Dildo-Performance, die als Ritual zu jedem Tribe 8-Auf- in: Social Text, Vol. 7, 1983, 34 – 53, hier 35. tritt gehörte 19 – während des Songs Frat Pig, in dem es um kollektive Rache- 17 Vgl. Evelyn McDonnell: bzw. Kastrationsfantasien nach einer Vergewaltigung geht, holte Breedlove Queer Punk trifft Womyn’s Music, in: Anette Baldauf, Katharina einen Dildo, den er im strap-on 20 unter der Hose trug, heraus, schnitt ihn mit Baumgartner (Hg.): Lips, Tits, Hits, einem Messer ab und warf ihn in die Menge. Ann Cvetkovich beschreibt in Power. Popkultur und Feminismus, Wien, Bozen 220 – 227; Katja Kailer, ihrer inspirierenden Analyse, wie die Bandmitglieder auf die Vorwürfe reagier- Anja Bierbaum: Girlism. Feminismus ten, indem sich einige von ihnen selbst als Überlebende von Gewalt zu erken- zwischen Subversion und Ausverkauf, Berlin 2002; Ann Cvetkovich: An nen gaben und erklärten, wie ihnen die Musik und ihre Auftritte ermöglichten, Archive of Feelings. Trauma, Sexuality, einen Umgang mit Aggressionen und Schmerz zu finden.21 Im Workshop, den and Lesbian Public Cultures, Durham, London 2003. die Band nach dem Konzert anbot, gaben viele Besucher_innen an, ihre Mei- 18 Vgl. McDonnell: Queer Punk nung über die Performance geändert zu haben, als sie erkannten, dass die Band trifft Womyn’s Music, 226. 19 Vgl. Beyer: Tribe 8, 287 f. sexualisierte Gewalt adressiere, nicht promote.22 20 Das ist eine Gürtelkonstruk tion, Das Festival bildet einen Knotenpunkt in der Organisation der lesbisch- mit deren Hilfe Dildos z. B. um die Hüfte geschnallt werden können. feministischen Kultur, die Tribe 8 in Manipulate thematisieren. Während 21 Vgl. Cvetkovich: An Archive Cv etkovich die transformatorischen Potenziale kollektiver Auseinandersetzun- of Feelings, 85. 22 Vgl. ebd., 86. gen um Traumata betont, lassen sich im Song durchaus auch Provokationen 50 ZfM 19, 2/2018 ANDERS ZUHÖREN gegenüber Diskursen dieser Kultur ausmachen. Während der Text Assoziati- onen zu den Texten der Women’s Music hervorruft,23 zeigt der grölende Gesang, dass sich die Band hier auch abgrenzen will. Jedoch beschreibt Breedlove, wie er selbst früher viel Women’s Music gehört habe. In Manipulate mache er sich auch über sich selbst lustig: Ich trinke viel Kräutertee […] ich verehre die Göttin … ich bin genauso wie die, über die ich mich da lustig mache. Wenn wir ‹Manipulate› ansagen, dann sagen wir vorher alle zusammen [mit weicher Stimme]: ‹Laßt uns zu einem Kreis der Heilung zusammentreten!› Die Leute sind beleidigt, weil sie denken, daß ich die anderen ver- arsche, aber das stimmt nicht. Ich vereine in mir all diese verschiedenen Widersprü- che; das tun wir alle.24 Aus der Interviewpassage wird deutlich, dass sich die Textbotschaft nicht allein nach außen auf kritisierte lesbische Zusammenhänge und ihre Politiken richtet. Stattdessen richtet Breedlove den Blick auch auf sich selbst bzw. schreibt sich in dieses Kollektiv ein. Die Performance kann so als humorvolle Weise ver- standen werden, sich selbst und anderen einen Spiegel vorzuhalten. Besonders heilsam wirkt dieser Gesang indes nicht. Im Gegenteil ist er disharmonisch, Töne werden verfehlt, Gesangslinien driften zum Teil auseinander. Er erzählt eine andere Geschichte als der Text. Daher gehe ich davon aus, dass das Kon- zept «Harmonie» als solches problematisiert wird. Auch die Vorstellung har- monisch-lesbischer Gemeinschaft wird hier unterlaufen, weil die Stimmen den Text durch die starke Betonung von Inkohärenzen und des Nichtharmonischen in einer Weise bearbeiten, die seine Aussagen unglaubwürdig erscheinen lassen. Ich lese das Zusammenspiel von Text und spezifisch entworfener Gesangsweise als Versuch einer Destabilisierung der Normen, die lesbische Gemeinschafts- und Identitätsvorstellungen prägen und die einige Entwürfe privilegieren, wäh- rend sie andere abwerten. 23 Hier zwei Beispiele: Alix Dobkin Identitätsbildungen und Subjektivierung sind immer miteinander verwo- veröffentlichte 1973 das bedeutende ben und kollektive Prozesse. Dies zeigt sich in (sub-)kulturellen Gemein- Album Lavender Jane Loves Women. Im Song View From Gay Head heißt schaften, in denen bestimmte Identitätsanteile, die in der breiteren Öffent- es im Refrain: «Lesbian, living in lichkeit ausgeblendet oder abgewertet werden, stärker leb- und verhandelbar no­man’s land. Lesbian, lesbian, any woman can be a lesbian». Mit über werden. Das Zusammenspiel aus Text und Gesangsweise lässt sich mit einem 500 000 verkauften Exemplaren wur­ Begriff von José Muñoz als Praxis der disidentification deuten. Er charakteri- de Cris Williamsons Album The Chan- ger and the Changed (1975) zu einem siert diese als strategische Weise der Selbstinszenierung, die sich hegemonial der populärsten Alben der Women’s zur Verfügung stehenden Identifikationsangeboten weder komplett anpasst Music. Der Song Sweet Woman darauf macht lesbisches Begehren explizit noch diese verwirft, sondern sie durch taktische, partielle Bezugnahmen quasi in Zeilen wie: «Sweet woman, risin’ von innen heraus umarbeitet: 25 Zwischen den Polen von Identifizierung und inside my glow, I think I’m missin’ you, Singin’ to me them soft words, Gegenidentifikation ermöglicht Disidentifikation eine dritte, ausgehandelte Takin’ me to your secret». Position, in der die Anrufungen des Subjekts neu verhandelt werden kön- 24 Andrea Juno: Angry Women. Die weibliche Seite der Avantgarde, nen.26 Im Rückgriff auf diese Strategie können die Musiker_innen Norma- St. Andrä­Wördern 1997 [1996], 77. lisierungen kritisieren und damit eine veränderte Position für sich innerhalb 25 Vgl. Muñoz: Disidentifications, 120. der kritisierten Szenen aushandeln. 26 Vgl. ebd., 83. SCHWERPUNKT – KLASSE 51 ATLANTA INA BEYER Im weiteren Verlauf des Stücks übernimmt Breedlove allein den Gesang. Nun bricht der Text um, von freundlicher Frauenliebe zu expliziten BDSM- Fantasien, die voller Machtdynamiken sind: I just wanna manipulate my girlfriend, I just wanna play games with her head. I want her to do some mental push ups, I want her to apologise and beg. Während das Begehren zum Ausdruck gebracht wird, die Partnerin zu mani- pulieren, zu kontrollieren, werden wiederkehrend Schuldgefühle beschrieben: «It’s a sin, it’s so wrong, I feel guilty as fuck», dann wieder offensiv zurück- gewiesen: «I don’t give a fuck what you think». Breedlove bezieht eine kon- fliktreiche und schuldbeladene Außenseiterposition, die er zum Teil offenbar jedoch auch gern einnimmt. Nahe liegt, den Text so zu deuten, dass er provo- zieren und durch die Benennung des «girlfriends» explizit lesbisch markierte BDSM-Praktiken verhandelbar machen möchte. Explizite Repräsentationen von klassenbezogenen Themen sind in Tribe 8s ästhetischen Praktiken nicht erkennbar, wenn man diese als einfaches Ab- bild oder Ausdruck bereits geformter, einheitlicher Klasseninteressen und -identitäten begreifen will. Die britischen Cultural Studies haben aufgezeigt, dass ein solches Verständnis reduktionistisch ist. Die in dieser Denktradition entstandenen Analysen zu Klasse und Kultur bieten – wie ich im Folgenden aufzeige – Anknüpfungspunkte, reichen aber nicht aus, um im Rahmen eines Re-Framing das komplexe Verhältnis queer-feministischer ästhetischer Prakti- ken zur ‹Klassenfrage› neu zu lesen. (Des-)Artikulation von Klasse mit Differenz. Grenzen der Cultural Studies Die britischen Cultural Studies brachen mit dem bis dato im Marxismus ver- breiteten Modell des Verhältnisses von ästhetischer Praxis und Klassenidentität. Anknüpfend an die Hegemonie-Theorie Antonio Gramscis analysierten sie, wie verschiedene gesellschaftliche Gruppen und Klassenfraktionen perma- 27 Vgl. z. B. Stuart Hall u. a.: nent um Richtung, Werte und Normalität des gesellschaftlichen Lebens rin- Subcultures, Cultures, and Class, in: Stuart Hall, Tony Jefferson gen. Diese Kämpfe um Hegemonie, um Gestaltungsmacht, die sie (auch) als (Hg.): Resistance through Rituals. Klassenkämpfe verstehen, werden in den kulturellen, symbolischen und poli- Youth Subcultures in Post-War Britain, London 1982 [1975], 9 – 74; Dick tischen Formen des sogenannten Überbaus ausgetragen.27 Für die britischen Hebdige: Subculture: The Meaning of Forscher_innen ist Kultur immer (auch) ein Aushandlungsfeld konfligierender Style, London 1997 [1979]; Stuart Hall: Gramscis Erneuerung des Klasseninteressen. Frühe Studien der Cultural Studies gingen häufig dennoch Marxismus und ihre Bedeutung für von einem Klassenverständnis aus, das weniger intersektional ausgerichtet war. die Erforschung von ‹Rasse› und Ethnizität, in: ders.: Ideologie, Kultur, Seit etwa 1975 zeichnete sich eine Wende im Denken über das Verhältnis von Rassismus. Ausgewählte Schriften, Klasse, Identität und Differenz ab und darüber, wie Kämpfe um Hegemonie Bd. 1, hg. u. übers. v. Nora Räthzel, Hamburg 2004 [1989], 56 – 91. entsprechend interpretiert werden können. Zunehmend wird in den Arbeiten 52 ZfM 19, 2/2018 ANDERS ZUHÖREN erkennbar, dass in den vielfältigen und dezentralen gesellschaftlichen Ausein- Abb. 1 / 2 Tribe 8 auf dem andersetzungen um Hegemonie keineswegs der Bezug auf eine Klasseniden- Womyn’s Music Festival. Konzert mit Dildo-Performance von tität im Mittelpunkt stehen muss: Vielmehr artikulieren sich in unterschied- Lynnee Breedlove. Screenshots lichen gesellschaftlichen Situationen die Konflikte sehr verschieden und aus: Rise Above. The Tribe 8 Docu- mentary, Regie: Tracy Flannigan, werden durch andere Auseinandersetzungen, etwa um Rassismus, Sicherheit USA 2003 oder Religion, überlagert.28 Die Ansätze verdeutlichen, wie hegemoniale Herrschaft gerade auf der relativen Unsichtbarkeit, Einhegung und Verschiebung von Klassenkonflik- ten beruht. Im Nachkriegsgroßbritannien hatten steigende Löhne und ein vom Sozialstaat gespanntes Sicherheitsnetz die Lebensweise größerer Teile der Arbeiterklasse verändert. Dies führte zu der Sichtweise, dass der Klassen- konflikt vermeintlich beigelegt, die Arbeiterklasse magisch verschwunden sei. Der neu entstehende Sozialtyp der Jugend(-lichen) wurde medial zur vermeintlich klassenlosen Metapher ‹sozialen Wandels› (v)erklärt 29 und die spektakulären Subkulturen als Ausdruck eines Generationenkonflikts gedeu- tet. Die Cultural Studies betonten dagegen die Herkunft von Teds, Mods und später der Punks aus der Arbeiter_innenkultur. Subkulturen wurden in den Untersuchungen als Widerstandsformen begriffen, mithilfe derer ihre Mitglieder symbolische Kämpfe um Hegemonie austrugen. Die Jugend- lichen suchten darin Antworten «to the problems posed by a framework of 28 Vgl. Stuart Hall: Ideologie und Ökonomie: Marxismus ohne bourgeois institutions but that response is the response from a working class Gewähr, in: ders.: Ideologie, Identität, experience of those i nstitutions».30 Repräsentation. Ausgewählte Schriften, Bd. 4, hg. v. Juha Koivisto u. Dick Hebdige präzisierte die Bedeutung der Stilpraktiken, mit der die Ju- Andrea Merkens, Hamburg 2004 gendlichen gegen ihre Klassen- und andere Weisen der Unterdrückung rebel- [1983], 8 – 33. 29 Vgl. Hall u. a.: Subcultures, lierten.31 Schon früh kritisierten Feminist_innen wie Angela McRobbie und Cultures, and Class, 9, 18. Jenny Garber die Ausblendung der Geschlechterdifferenz in den Studien und 30 Paul Corrigan, Simon Frith: The Politics of Youth Culture, in: zeigten das enge Verständnis von Klassenidentität als männlich (und, wie hier Stuart Hall, Tony Jefferson: Resistance zu ergänzen ist, als weiß und heterosexuell) auf. In den Untersuchungen zur Through Rituals, London 1993 [1975], 195 – 204, hier 199. Kultur von Arbeitermädchen rückte die häusliche Sphäre und die Bildung von 31 Vgl. Hebdige: Subculture. SCHWERPUNKT – KLASSE 53 ATLANTA INA BEYER Fankulturen in den Fokus.32 Wurde Kultur von Williams als gesamte Lebens- weise, als «whole way of life» 33 begriffen, machten die feministischen Untersu- chungen eine klassenspezifische Lebensweise zugleich als geschlechtsspezifisch geformt verstehbar. Differenzen unter Mädchen werden jedoch auch hier aus- geblendet, etwa durch den implizit heteronormativen Fokus der Studien.34 Arbeiter_innen- und Mittelklassekulturen wurden im Rahmen der Cultural Studies insgesamt als je homogen konzipiert. Besonders problematisch ist die Zuordnung von gay subculture zur Mittelklasse, die Klassendifferenzen inner- halb dieser Gruppe unsichtbar macht. Die Analysen prägte eine eigentümliche Widersprüchlichkeit: Während kulturelle Praktiken als komplexe Artikulation von Klassenkonflikten wahrnehmbar wurden, blieb zugleich außen vor, welche Kämpfe um Hegemonie, um das Verhältnis von Klasse und Differenz innerhalb dieser kulturellen Felder stattfinden. In anderer Weise wird dieses Verhältnis spätestens seit den 1960ern im US-amerikanischen Kontext diskutiert. Wichtige Beiträge lieferten hier be- sonders schwarze Feminist_innen wie Angela Davis, bell hooks oder auch die Autor_ innen des Combahee River Collective. Letztere prägten den Begriff der « identity politics»: Die Autor_innen betonten die Notwendigkeit, die e igene Identität gegen eine feindliche, sie auslöschende Umgebung sichtbar zu ma- chen, und zugleich wandten sie sich gegen ein essenzialistisches Verständnis. Sie zeigten dagegen das umkämpfte Spannungsverhältnis von Fremdzuschrei- bungen und dem durch Mehrfachzugehörigkeiten und -positionierungen in sich 32 Vgl. Angela McRobbie, Jenny überlagernden Macht- und Herrschaftsverhältnissen geprägten Selbst auf.35 Garber: Girls and Subcultures. An Aus einer kritischen queeren Perspektive legt Lisa Duggan problematische Exploration, in: Hall u. a. (Hg.): Resistance Through Rituals, 209 – 222. Effekte der zunehmenden Institutionalisierung und Professionalisierung von 33 Vgl. Raymond Williams: Teilen der identitätspolitischen Bewegungen dar.36 Zugleich wertet sie die in Culture is Ordinary, in: Jim McGuigan (Hg.): Raymond Williams einem anderen US-Diskurs – dem der liberalismuskritischen Linken – häufig on Culture and Society. Essential anzutreffende Gegenüberstellung von Klassen- vs. Identitätspolitiken als zu Writings, London 2014 [1968], 1 – 18. 34 Vgl. Judith (Jack) Halberstam: pauschal. In diesen Debatten, die sich eher auf einer Metaebene der Kritik an In A Queer Time and Place. Trans- Identitätspolitik nähern, finden trotz des anderen zeit-räumlichen K ontextes gender Bodies, Subcultural Lives, New York 2005, 161. ähnliche Grenzziehungen statt wie in den britischen Cultural Studies. So 35 Vgl. Linda Garber: Identity geht etwa Wendy Brown mit Identitätspolitiken des Feminismus und der gay P oetics. Race, Class and the Lesbian- Feminist Roots of Queer Theory, New l iberation hart ins Gericht: 37 Die politische Durchschlagskraft US-amerikani- York 2001, 99 f.; Keenga­Yamahtta scher Identitätspolitiken seit den 1970er Jahren sei mit einer Re-Naturalisie- Taylor: How We Get Free. Black F eminism and the Combahee River rung von Kapitalismus verbunden.38 Die «invisibility and inarticulatedness of Collective, Chicago 2017, 8 f. class» 39 sei kein historischer Unfall, sondern konstitutives Moment der Identi- 36 Vgl. Lisa Duggan: The Twilight of Equality? Neoliberalism, Cultural tätspolitiken, die dem liberalen Diskurs verhaftet blieben und die durch kapita- Politics, and the Attack on Democracy, listische Gewalt, Rassismus und Patriarchat erlittenen Verletzungen am norma- Boston 2003. 37 Vgl. Wendy Brown: Wounded tiven Ideal der Mittelklasse messen.40 In diesem Sinne repräsentiere Attachments, in: Political Theory, Vol. 21, Nr. 3, 1993, 390 – 410. [middle class] the normalization rather than the politicization of capitalism, the de- 38 Vgl. ebd., 394. 39 Ebd., 395. nial of capitalism’s power effects in the ordering of social life, the representation of 40 Vgl. ebd., 394 f. the ideal capitalism to provide the good life for all […].41 41 Ebd. 54 ZfM 19, 2/2018 ANDERS ZUHÖREN Diese Kritik an Politiken, die auf Inklusion, Gleichberechtigung und staat- liche Anerkennung pluraler Identitäten ausgerichtet sind, leuchtet ein. Aber nicht alle Identitätspolitiken orientieren sich am Mittelklasseideal, wie z. B. die bereits genannten Positionierungen und Debattenbeiträge schwarzer Feminist_innen zeigen. Duggan prägte den Begriff der «Homonormativität»,42 um damit in den 1990er Jahren in schwul-lesbischen Bewegungen entstehende Politiken zu be- schreiben, die mit ihren Forderungen, u. a. nach der Homoehe, auf eine priva- tisierte, depolitisierte, in Domestizität und Konsum verankerte schwul-lesbische Kultur zielten und Fragen nach Verteilungsgerechtigkeit ausblendeten.43 Sie fordert eine stärkere Differenzierung zwischen solchen normalisierenden An- sätzen und radikalen antirassistischen, queeren, feministischen Ansätzen, deren Umverteilungskämpfe auf Redistribution von Ressourcen ‹nach unten› zielten. Eine Perspektivierung von Kultur als gesamter Lebensweise, die Identi- tät, Klasse und Differenz in ihrer Verschränkung analysiert, müsste – anders 42 Vgl. Lisa Duggan: The Twilight als die früheren Cultural Studies und ohne die Dichotomie von Klassen- vs. of Equality? Neoliberalism, Cultural Politics, and the Attack on Democracy, liberale Identitätspolitiken zu reproduzieren – aufzeigen, durch welche Kon- Boston 2003, 65. fliktdynamiken Klasse historisch spezifisch artikuliert und überlagert wird, 43 Vgl. ebd. Den zunehmenden N ormalisierungskurs beschreibt welche komplexen und mehrfachen Identitäten und Disidentifikationen sich auch Woltersdorff. Er sei gekenn­ in diesen Auseinandersetzungen bilden. Es geht kurz gesagt darum, «Klasse zeichnet durch die zunehmende Institutionalisierung der politischen mit Differenz» zu denken. Bewegung der Schwulen und Lesben, die lobbypolitische Orien­ tierung und die Verengung ihrer R epräsentationen, «die stillschwei­ Re-Framing part I: butch / femme-Dynamiken gend ihre weißen, mittelständischen und männlichen Vertreter zur Butch / femme-Dynamiken und sexuelles Power-Play gaben innerhalb der (les- Norm machte». W oltersdorff: Queer bisch-)feministischen Bewegung wiederholt Anlass zu Diskussionen um Klasse Theory und Queer Politics, 914. 44 Vgl. Leslie Feinberg: Stone Butch und lesbische Identität. Blues, Los Angeles 1993. Leslie Feinbergs Klassiker Stone Butch Blues machte lesbische Lebensweisen 45 Vgl. Elizabeth Lapovsky K ennedy, Madeline D. Davis: Boots und heterogene Genderentwürfe in der Arbeiter_innenklasse einer breiteren Le- of Leather, Slippers of Gold. The ser_innenschaft zugänglich.44 Für lesbische Arbeiter_innen waren die Bars und History of a Lesbian Community, London 2014 [1993], 5. Privatpartys wichtige Orte, um andere Frauen treffen und Lieb- oder Freund- 46 Die Entwürfe von Lesben aus schaften mit ihnen knüpfen zu können.45 Der Bezug auf die Genderrollen butch der Mittelklasse waren dagegen häu­ fig diskreter, u. a. auch deswegen, und femme hatte in diesen lesbischen working-class communities eine bedeutende weil sie Angst hatten, ihre Karrieren Rolle.46 Das Spiel damit machte es möglich, sich in der Öffentlichkeit stärker zu verlieren, würde ihre Homosexua­ lität entdeckt. Vgl. Lillian Faderman: wahrnehmen zu können, und ging mit der Entwicklung spezifischer Begehrens- Odd Girls and Twilight Lovers. A History praktiken einher.47 Auf diese ‹lesbische Ahnengeneration›, die zum Teil als poli- of Lesbian Life in Twentieth-Century America, New York 1991, 473 ff. tischer Vorläufer der modernen LGBTIQ-Bewegung gilt,48 beziehen sich Tribe 8 47 Vgl. Kennedy u. a.: Boots of in ihren Entwürfen und machen sie – wieder – zum Ausgangspunkt, um F ragen Leather, Slippers of Gold, 5. 48 Vgl. ebd., 1. der Sexualität zu thematisieren. Denn in den 1980er Jahren warfen Cherrie 49 Vgl. Hollibaugh u. a.: What M oraga und Amber Hollibaugh der feministischen Bewegung vor, Lesbischsein We’re Rollin Around in Bed With. Sexual Silences in Feminism: vor allem als politisches bzw. intellektuelles Konzept zu fassen. Umschifft würde A Conversation toward Ending die Frage der lesbischen Sexualität, insbesondere die Machtdynamiken in sexuel- Them, in: Heresies. A Feminist Publi- cation on Art and Politics, Vol. 3, 1981, len Praktiken von butches und femmes.49 Dadurch würden die Erfahrungen ganzer 58 – 62, hier 59. SCHWERPUNKT – KLASSE 55 ATLANTA INA BEYER Communitys abgewertet. Ihr race- und Arbeiter_innenklassenhintergrund, der maßgeblich ihre Identifikationen mit diesen Rollen und Dynamiken beeinflusst, habe aber große Bedeutung für ihr politisches Selbstverständnis.50 Während also vordergründig sexuelle Praktiken und lesbische Geschlechter- entwürfe den Streitpunkt innerhalb der feministischen Bewegung bilden, lassen sich diese Streite aus einer anderen Perspektive auch als rigide und an Mittel- klasse-Lebensweisen orientierte Fehlkonzeption eines einheitlichen feministi- schen Subjekts betrachten. Vor diesem Hintergrund kann das Zusammenspiel aus Text und Gesang in Manipulate neu gelesen werden: Die schon angesprochene disidentifikatorische Strategie ermöglicht es den Musiker_innen, in einheitliche Subjektvorstellun- gen zu intervenieren. Damit ist auch verbunden, Klassenerfahrungen, die in lesbisch-feministischen Bewegungen an den Rand gedrängt wurden, wieder mit in den Fokus zu rücken. In einzelnen Songs treten die Klassendynamiken in den Auseinanderset- zungen um butch / femme-Dynamiken expliziter hervor: Der Song Neanderthal Dyke 51 greift zunächst Diskussionen um patriarchale Schönheitsstandards auf, deren Erfüllung häufig sehr femininen Lesben (femmes) zum Vorwurf gemacht wurde: «Patriarchal standards of beauty is what my pc girlfriend will have me refuting». Als pc – also politisch korrektes – girlfriend wird in zugegebenerma- ßen stereotypisierender Weise die Figur der verurteilenden Lesbe wahrnehm- bar, die ein Problem mit den Entwürfen hat. Dann jedoch rücken an Bildungs- privilegien geknüpfte Klassendifferenzen in den Fokus: «Neanderthal Dyke, Neanderthal Dyke, Never read Dworkin, I ride a big bike, Feminist theory gets me uptight, Get in some heels and lipstick and I’ll spend the night». Die US-amerikanische Feministin Andrea Dworkin, auf die hier angespielt wird, war eine der populärsten Pornografie-Gegnerinnen und polarisierte innerhalb der feministischen Sex Wars. Ich lese sie hier als Sinnbild für jene Diskurse innerhalb des lesbischen Feminismus, die Tribe 8 kritisieren. Wendungen wie «I ride a big bike» oder Begriffe wie lipstick und heels codieren in Neanderthal Dyke die Identitäten von butch und femme; spezifischer noch werden Bezüge zwischen butch-Identität und der cis-männlichen, maskulinen Figur des Bi- kers – und damit einer historischen Subkultur, deren Basis ebenfalls junge Arbeiter bildeten – hergestellt. Der Begriff Neanderthal Dyke selbst macht in zweifacher Hinsicht auf die dadurch ‹uralt› wirkenden lesbischen Entwürfe butch und femme aufmerksam. Einerseits würdigt er ihre lange Geschichte, an- dererseits tauchen sie als das Ausgemusterte, scheinbar andere populärer, auch theoretischer Debatten auf, die maßgeblich Zielrichtungen und Gesellschafts- verständnis des Feminismus der Zeit formten. Der Text kritisiert damit auch die in diesem Zusammenhang wirkmächtigen Bildungsprivilegien, die Zugang 50 Vgl. Hollibaugh u. a.: What zu Deutungs- und Gestaltungsmacht des- / organisieren. Butch- und femme- We’re Rollin Around in Bed With, 62. Identitäten und sexuelle Dynamiken werden so zum Ausgangspunkt gemacht, 51 Neanderthal Dyke, erschienen auf: Pig Bitch, USA 1992. um Konflikte zuzuspitzen: 56 ZfM 19, 2/2018 ANDERS ZUHÖREN «My political consciousness is fried, I’m not exactly woman identified», singt Breedlove. Hervorgehoben wird im weiteren Song sowohl, dass nicht alle diesel- ben intellektuellen Voraussetzungen haben, um an bestimmten feministischen Diskursen überhaupt teilnehmen zu können, als auch die Tatsache, dass die da- rin ausgehandelten impliziten Normen von akzeptablen und nichtakzeptablen Genderentwürfen letztlich Mittelklassenormen sind. Die Abgrenzungsfolie ei- ner intellektualisierten lesbischen Mittelklasse, der die prollige Inszenierung als motorradfahrende, sexuell direkte butch in schematischer Weise entgegengesetzt wird, reproduziert Klischees und ist ambivalent. In der rotzigen Formulierung «Pseudo-intellectual slut, you went to school, did you learn how to fuck?» wird eine anti-intellektuelle Haltung deutlich. Das Mittel textlicher Provokation wird zugleich ausgereizt, um die Kombination aus Mittelklassedistinktion und Ab- wertung nichtkonformer Sexualität in drastischer Weise zurückzuweisen. Kom- plizierter noch wird es dadurch, dass in Subkulturen Zeichen, die vermeintli- che workingclassness codieren, auch unabhängig von ökonomischer Herkunft zur Selbststilisierung als z. B. authentisch oder rebellisch eingesetzt werden können. Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass sich Tribe 8 eben nicht linear auf männ- liche Arbeiterklasse beziehen, sondern sich auch in Beziehung zur Tradition der dykes on bikes, lesbischer Biker_innen, setzen. Part II: Sexualität und Trauma – Gender und class in Tribe 8s Politik der Gefühle Durch das Aufbrechen einheitlicher Subjektvorstellungen kann die Band dazu beitragen, Erfahrungen der Differenz im Spannungsfeld von Feminismus, Les- bischsein und Klasse zu artikulieren. Dies ist aber nur dadurch möglich, dass sie ihren Platz als Teil der lesbisch-feministischen Bewegung nicht aufgibt. Viele Arbeiten der Band beziehen sich auf die gewaltvollen Strukturen, die weibliche Sexualität prägen. Cvetkovich positioniert Tribe 8 als Teil lesbischer öffentlicher Kulturen, die Sexualität und Paarintimität aus dem Schlafzimmer holten und sie, gerade ohne die Gefahren von Sexualität zu ignorieren, zum Fokus kollektiver Auseinandersetzungen um BDSM-Praktiken, Dildogebrauch oder butch / femme-Dynamiken machten.52 Die Praktiken von Tribe 8 ermöglichen, wie bereits diskutiert, spezifische Zugänge zu Traumata. Sie verwehren sich dagegen, Überlebende sexualisierter Gewalt als Opfer darzustellen. Die öffentlichen Kulturen, die sich um lesbische Sexualität geformt haben, werden als Ressource für wütende und humorvolle Antworten auf Traumata genutzt.53 Die Performancepraktiken und Inhalte der Texte attackieren die Trennung von öffentlich und privat und begehren gegen die damit verbundenen Machtverhältnisse auf. Im Workshop, in dem nach dem Konzert nochmal ‹über alles geredet› werden kann, werden Perspektiven und Erfahrungen kollektiv verhandelt und geteilt. Dass der wütende Zugang der 52 Vgl. Cvetkovich: An Archive of Feelings, 4. Band zunächst auf so starke Abwehr traf, zeigt – neben der Wirkmächtigkeit 53 Vgl. ebd., 13. SCHWERPUNKT – KLASSE 57 ATLANTA INA BEYER ihrer Provokation – auch die Grenzen ‹legitimer› Auseinandersetzungsformen in der feministischen Bewegung auf, die dazu beitragen, eine Hegemonie wei- ßer, gebildeter Feminist_innen 54 zu sichern. Für Menschen, die keinen Zugang zu den in den USA oft teuren Therapien haben, können die subkulturellen Öffentlichkeiten, die um Traumata entste- hen und die Zirkulation von Wissen ermöglichen, eine wichtige Ressource sein. So gibt Breedlove im Workshop u. a. Tips, wie Dildos kostengünstig b esorgt und für kathartische, heilsame Zwecke eingesetzt werden können.55 Die Etablierung einer subkulturellen Öffentlichkeit lässt sich in diesem Sinne als eine Politik kollektiver Umverteilung von Wissen und Zugang zu R essourcen verstehen, die Selbstermächtigung nicht an ökonomische Privi- legien knüpft. Dabei ist jedoch kritisch zu reflektieren, dass Öffentlichkeit selbst, auch in subkultureller, gegen-hegemonialer Form, kein machtfreier, sondern von Klassenverhältnissen durchzogener Raum ist. Die Entstehung lesbisch-feministischer Öffentlichkeiten ist auch an das Werteverständnis derer geknüpft, die sie produzieren. Habitus, Bildungsprivilegien, Form und Inhalt von Aussagen und Gesten prägen, wer sich im öffentlichen Ort des Workshops selbstverständlicher wohlfühlt oder daran überhaupt teilnehmen mag. Über die genauen Machteffekte kann an dieser Stelle nur spekuliert werden. Fest steht, dass an dem Festival Menschen mit unterschiedlicher Klassenpositionierung teilnahmen und Teilnehmer_innen den Workshop als ermächtigend beschrieben. Part III: queere Politiken der Wut und Allianzen Tribe 8s spezifische Aneignung des sexpositiven Ansatzes und die Re-Artikulati- on von butch- und femme-Identitäten bzw. -Dynamiken sind nur vor dem Hin- tergrund neuer queerer Politiken der Wut im Kontext der Aidskrise begreifbar. Bis 1990 waren bereits mehr als 100.000 Menschen an Aids gestorben, auch da nicht genügend staatliche Gelder in die Erforschung der Krankheit und Ge- genmaßnahmen investiert wurden. Die Reagan-Administration weigerte sich, Aids und das Ansteckungsrisiko mit HIV als gesamtgesellschaftliches Problem anzuerkennen. Als gefährdet wurden allein ohnehin marginalisierte Randgrup- pen dargestellt: «Schwarze, Schwule, Prostituierte, Junkies».56 Ihnen wurde 54 Vgl. Audre Lorde: The Uses of Anger. Women Responding to vorgeworfen, durch vermeintlich unverantwortliche Lebensführung selbst Ver- Racism, in: dies.: Sister Outsider. antwortung und Schuld für eine mögliche Erkrankung zu tragen.57 Essays and Speeches, Berkeley 2007 [1981], 83 – 88, hier 83. Die Aidskrise verdeutlichte, dass manchen Leben mehr Wert beigemessen 55 Vgl. Cvetkovich: An Archive of wurde als anderen. Sie zeigte auch, wie Homophobie und Rassismus mitbe- Feelings, 86. 56 Woltersdorff: Queer Theory stimmten, wessen Leid und Traumata zählten und öffentlich anerkannt wur- und Queer Politics, 914. den oder nicht.58 Ohnmacht angesichts der politischen Nichthandhabung der 57 Vgl. ebd. 58 Vgl. Cvetkovich: An Archive of Krise motivierte maßgeblich die Wut im ästhetischen Ausdruck der Band. Feelings, 5. Das spiegelt sich exemplarisch in der Interviewaussage des Tribe 8-Gitarristen 59 Auch Howard bevorzugt mitt­ lerweile das männliche Pronomen. Silas Howard: 59 58 ZfM 19, 2/2018 ANDERS ZUHÖREN [I]n that age, that era, anyone over a certain age in that scene was a rare thing, because so many people died. […] It was this mind-blowing thing that we were in the wake of. I feel like that informed all of our activism and urgency.60 In diesem Kontext wurde der Be- griff «queer» angeeignet, um neue politische Identitäten zu entwer- fen.61 Mit spektakulär inszenierten lesbisch-sexuellen BDSM-Praktiken rückte die Band explizit Formen von Sexualität in die Öffentlichkeit, die (der ‹christlichen Mehrheit›) als pervers galten. In ihren ästhetischen Strategien setzten Tribe 8 somit auf Konfrontationen, wie sie seinerzeit in den neu entstehenden Queer- Aktivismen häufiger zu beobachten sind, etwa in den Praktiken von Gruppen wie Queer Nation. Stereotype, negative Zuschreibungen an ‹perverse Homosexualität›, aber Abb. 3 Cover des Albums auch an ‹wütende Feminist_innen› werden von Tribe 8 nicht zurückgewiesen, Snarkism der Band Tribe 8, USA 1996 sondern affirmiert, angeeignet und ausdrücklich zum Ausgangspunkt politi- scher (Selbst-)Entwürfe gemacht: Queer und der konfrontative Feminismus der Band sollen als Gefahr für die homophobe Politik und liberale Assimilation wirkmächtig werden und zugleich die in sexistischer, heteronormativer All- tagskultur virulente Zuschreibung der Machtlosigkeit an Frauen angreifen. Die Strategien zielen darauf ab, passivierende Gefühle der Scham und des Leids in 60 Eric Torres: Q&A: Silas Howard Wut und Handlungsfähigkeit zu wenden. on the Unthinkable Bambi Lake and Im Rückblick erscheinen die homophoben Politiken im Kontext der Aids- San Francisco’s History of Fringe, Queer Art, in: Pitchfork, dort datiert krise und liberale schwule und lesbische Identitätspolitiken als zwei Seiten einer 23.9.2015, pitchfork.com/thepitch/908- «Nekropolitik», als Politiken des ‹Sterben-Machens›, «for those who are un- qa-silas-howard-on-the-unsinkable- bambi-lake-and-san-franciscos-history- assimilable into liberal regimes of rights and representation and thus become of-fringe-queer-art/, gesehen am disposable».62 Diese Nekropolitik hat mit dem Abbau des Wohlfahrtsstaats, mit 20.2.2018. 61 Vgl. Annamarie Jagose: Queer fehlender Gesundheitsversorgung und der Repression marginalisierter Com- Theory. Eine Einführung, Berlin 2001, munitys eine starke rassisierte Klassendimension. Mit der Clinton-Administ- 123 f. 62 Jin Haritaworn, Adi Kuntsman, ration vollzieht sich, was Nancy Fraser retrospektiv als Übergang zum «pro- Silvia Posocco (Hg.): Queer Necropoli- gressiven Neoliberalismus» 63 bezeichnet: Schwul-lesbische Forderungen nach tics, New York 2014, 1 f. 63 Vgl. Nancy Fraser: Für eine gesellschaftlicher Anerkennung und mehr Rechten wirken nun zunehmend neue Linke oder: Das Ende des erfolgreich, sie haben sich aber auf einen formalen Begriff von Gleichstel- progressiven Neoliberalismus, in: Blätter für deutsche und internationale lung verengt. Die Frage sozialer Gerechtigkeit bleibt außen vor. Die queeren Politik, Nr. 2, 2017, 71 – 76. SCHWERPUNKT – KLASSE 59 ATLANTA INA BEYER Politiken der Wut zeichnet dagegen aus, dass sie Anerkennung von Leid und Gewalt erfahrungen nicht von der Forderung nach einer Umverteilung von Ressourcen und Macht zugunsten derer trennten, denen Zugang dazu in der herrschenden Klassenordnung verwehrt bleibt.64 Anstatt die Anerkennung von Leid oder die Integration in staatliche Appa- raturen zu fordern, stellen Tribe 8 in Form ästhetischer Mikropolitiken Fragen nach der gesellschaftlichen Verteilung von Macht ins Zentrum und diskutie- ren nicht allein Hegemonien außerhalb, sondern gerade auch innerhalb lesbi- scher, feministischer und LGBTIQ-Bewegungen. Statt die wenig produktive Trennung in Klassen- und Identitätspolitiken zu reproduzieren, lassen sich die ästhetischen Praktiken von Tribe 8 so auch als Ausdruck von Deutungskämpfen verstehen: darum, was feministische Politiken sein und wen sie ansprechen bzw. mitdenken könnten und sollten. Utopisches Potenzial und Grenzen in Tribe 8s kulturellen Politiken Das Re-Framing hin zu Klasse mit queerer Differenz ermöglicht es aber auch, die Grenzen dieser Politiken, deren Ausgangspunkt die eigene Erfahrung und Positionierung in den Auseinandersetzungen um Sexualität ist, zu diskutieren. Auch Tribe 8 stoßen an ‹identitätspolitische Grenzen›: Lesbisch-feministische Klassenerfahrungen mit Differenz werden sichtbar und zuvor vorrangig les- bische Allianzpolitiken erweitert. Die differenten Erfahrungen, die aus den spezifischen Verschränkungen von gender- und class- mit race-Zugehörigkeiten resultieren, werden dagegen weniger explizit thematisiert. Die Frage der Aus- handlungen von Hegemonie wird nicht völlig bis in die unterschiedlichen Er- fahrungen der Bandmitglieder mit Klasse und Rassismus hin zugespitzt. Auch der sexradikale Diskurs, innerhalb dessen die Band sich bewegt, muss kritisch reflektiert werden. Denn der Bezug auf BDSM-Praktiken allein macht keine queere Klassen- politik aus. Im Gegenteil kann darin implizit das Verständnis eines ‹freien Individuums› als Agent_in sozialer Veränderung und damit gerade ein bür- gerliches Subjektverständnis reproduziert werden.65 Welche Privilegien ver- knüpfen sich damit, queere Sexualität feiern zu können? Rosemary Hennessy richtet den Blick auf den globalisierten Zusammenhang von Klassenverhält- nissen und die gesellschaftliche Arbeitsteilung, durch die spezifische Lebens- weisen und damit Formen des Lebens von Sexualität möglich werden. Queere Sexualität ist Teil dieser herrschaftsförmigen, kapitalistischen Arbeitsteilung, die weder ohne noch allein durch queer-feministische Allianzpolitiken über- wunden werden kann.66 Das Re-Framing der Praxis von Tribe 8 legt so Widersprüche offen und im 64 Vgl. Duggan: The Twilight of Equality?, xii. Rückblick auch die Frage nach spezifischen Konjunkturen queerer Allianzpoli- 65 Vgl. Hennessy: Profit and tiken nahe. Vor dem Hintergrund des progressiven Neoliberalismus, dem auch Pleasure, 181. 66 Vgl. ebd. Teile der LGBTIQ- wie der Frauenbewegung zugerechnet werden müssen, 60 ZfM 19, 2/2018 ANDERS ZUHÖREN kann der Blick auf Tribe 8 und die queeren Politiken der Wut heute in einer veränderten politischen Konjunktur verschärfter sozialer Ungleichheit und des erstarkten Rechtspopulismus dazu inspirieren, Klassenkonflikte innerhalb sozialer Bewegungen und der Queercommunity zuzuspitzen.67 Das Re-Fra- ming kann dazu beitragen, Tribe 8s in Auseinandersetzung mit lesbischer und feministischer Kultur ermächtigenden Umgang mit Trauma, Leid und Scham im Kontext heutiger Debatten um Klasse und «Scham» neu zu lesen.68 V olker Woltersdorff plädiert in kritischer Auseinandersetzung mit Didier E ribon d afür, dass das Sprechen über Scham eine «Triebfeder für eine intersektiona- 67 Vgl. Volker Woltersdorff: le Klassenpolitik» sein könnte.69 Kulturelle und ästhetische Politiken können Für eine queerfeministische Klassen­ politik der Scham, in: Luxemburg. dazu beitragen, unterschiedliche Erfahrungen mit Gewalt, Ausschlüssen, Mar- Gesellschaftsanalyse und linke Praxis, ginalisierung und Ausbeutung repräsentierbar und damit kollektiv reflektier- Spezialausgabe: Neue Klassenpoli­ tik, 2017, 54 – 61, hier 58. bar zu machen. Sie könnten im besten Fall dabei helfen, Zugehörigkeiten und 68 Vgl. Didier Eribon: Rückkehr Differenzen und damit neue Allianzen marginalisierter Gruppen und inner- nach Reims, Frankfurt / M. 2016; Didier Eribon: Gesellschaft als Urteil. halb der vielfach fragmentierten Arbeiter_innenklasse vorstellbar zu machen, Klassen, Identitäten, Wege, Berlin 2017. um Solidarität zu entwickeln – über unterschiedliche Erfahrungen und Positi- 69 Woltersdorff: Für eine q ueerfeministische Klassenpolitik onierungen hinweg. der Scham, 60. — SCHWERPUNKT – KLASSE 61 M O N I Q U E M I G G E L B R I N K VON «IDIOTENLATERNEN» UND «KULTURMASCHINEN» — Klassenspezifische Vermöbelung von Fernsehapparaten in den 1950er / 60er Jahren im interkulturellen Vergleich Technische Medien, wie etwa Grammophone, Plattenspieler oder Radios, tre- ten auch als Möbel in Erscheinung. Dem lässt sich am besten am Phänomen der Fernsehmöbel nachgehen – in den Fernsehwissenschaften sind seit den 1990er 1 Siehe insbesondere Lynn Spigel: Make Room for TV: Television and Jahren zahlreiche Arbeiten entstanden, die die diskursive, technisch-apparative the Family Ideal in Postwar America, und inhaltliche Differenzierung des Mediums Fernsehen in den Blick nehmen C hicago 1992; dies.: Welcome to the Dream house. Popular Media and und dabei auch die Integration von Fernsehapparaten als Möbel in den Wohn- P ostwar Suburbs, Durham 2001; raum beobachten.1 Wie Lynn Spigel in ihrer einschlägigen Studie Make Room C ecilia Tichi: Electronic Hearth: Creating an American Television Culture, for TV herausarbeitet, gelten Fernsehmöbel in den USA der Nachkriegsjahre New York 1991. als Symbol eines modernen und mittelschichtsspezifischen Wohnens. Offene 2 Sowohl in den USA als auch in der BRD werden Fernsehapparate Grundrisse, weitläufige Panoramafenster mit dramatischen Ausblicken sowie als Möbel gestaltet, um Frauen ein schlichtes und schmuckloses Interieur werden in der Vorstadtarchitektur zu in der Rolle als Konsumentinnen für die neue Medientechnik zu räumlich-dinglichen Verbündeten von Fernsehapparaten erhoben. interessieren. Siehe weiterführend Hieran anschließend fokussiert der vorliegende Beitrag kulturspezifische Spigel: Make Room for TV; Monique M iggelbrink: Fernsehen und Wohn- Differenzen von Fernsehmöbeln und entsprechenden Einrichtungspraktiken kultur. Zur Vermöbelung von Fern- zwischen den USA und der BRD. Die weiterführende These ist, dass ein sol- sehgeräten in der BRD der 1950er- und 1960er-Jahre, Bielefeld 2018. ches komparatistisches Verfahren Klasse als Analysekategorie schärft. Während 3 Dieses Verständnis von Gender-Aspekte im Mediengebrauch von Fernsehmöbeln in der BRD und den Gehäusen als Orten der Vermitt­ lung wird systematisch vertieft USA sehr ähnlich verhandelt werden,2 stellt sich dieses Verhältnis für die Ka- in dem Sammelband Gehäuse: tegorie Klasse anders dar. Wie der Beitrag zeigt, liegt die Tatsache, dass die Mediale Einkapselungen, in dem eine medienkulturwissenschaftliche Verhäuslichung des Fernsehens in der BRD und den USA klassenspezifisch Perspektive auf Gehäuse entwickelt divergiert, weniger in den technischen Funktionsweisen des Mediums selbst wird. Vgl. Christina Bartz, Timo Kaerlein, M onique Miggelbrink, begründet, sondern vielmehr darin, dass sich das Fernsehen zu einer jeweils Christoph Neubert: Zur Medialität unterschiedlichen Wohnkultur in Beziehung setzt. von Gehäusen. Einleitung, in: dies. (Hg.): Gehäuse: Mediale Einkapselun- Ausgehend von dieser Beobachtung wird das Gehäuse von Fernsehappara- gen, Paderborn 2017, 9 – 32. ten im Weiteren als Schnittstelle verstanden: 3 Eine Medientechnik muss An- 4 In Bezug auf außerhäusliches Fernsehen siehe hierzu etwa schluss herstellen an die Umwelt, in der sie auftaucht.4 In diesem Sinne lässt Anna McCarthy: Ambient Television: sich das Gehäuse als Schauplatz der Vermöbelung des Fernsehens begreifen, Visual Culture and Public Space, Durham 2001. über das es sich in die Wohnumwelt einfügt. Seine Möbelhaftigkeit entkoppelt 62 ZfM 19, 2/2018 den Fernsehapparat von technischen Vorgaben und bindet ihn an Einrich- tungspraktiken und an Fragen der Wohnlichkeit. Dementsprechend sind mit Fernsehmöbeln nicht nur die qua Gehäuse vermöbelten Geräte selbst gemeint, sondern auch weitere Möbel im Zusammenhang mit dem Fernsehen, wie etwa Fernsehsessel und Schrankwände. Die Sphäre des Wohnens und Einrichtens ist seit jeher mit schichtspezifischen Dingen, Praktiken und Aushandlungen verbunden.5 Am Gehäuse und an korrelierenden Einrichtungspraktiken zeigt sich, dass Fernsehapparate schichtspezifisch vermöbelt werden, was diese Figur besonders interessant für medienkulturwissenschaftliche Analysen macht, die nach sozialen Asymmetrien von Medien(-gebrauch) fragen. Einem solchen Ansatz geht der vorliegende Beitrag in drei Schritten nach. Im ersten Teil werden Fernsehmöbel als Teil eines Häuslichkeitsdispositivs in den 1950er / 60er Jahren entworfen. Diese Überlegungen setzen sich von stärker technikzentrierten Dispositivtheorien zu Medien ab und fokussieren stattdessen 5 Siehe etwa Adelheid von die unterschiedlichen Architekturen und Einrichtungen, zu denen sich das Me- Saldern: Von der ‹guten Stube› zur dium Fernsehen in Beziehung setzt und mit denen jeweils ein klassenspezifisches ‹guten Wohnung›. Zur Geschichte des Wohnens in der Bundesrepublik Setting angesprochen ist. Im zweiten Teil wird anhand des Begriffs der «Wohn- Deutschland, in: Archiv für Sozial- kultur» dargelegt, wie sich der technikkritische Tenor in der BRD im genann- geschichte, Nr. 35, 1995, 227 – 254. 6 Siehe insbesondere Knut ten Untersuchungszeitraum an einer Kulturtechnik des Wohnens aufhängt. Der Hickethier: Dispositiv Fernsehen. dritte Teil setzt dann ganz konkret an den Einrichtungen des Fernsehens an: Im Skizze eines Modells, in: montage AV, Nr. 1, 1995, 63 – 84; Thomas Gegensatz zum eindeutigen Versprechen von Modernität und Lifestyle in den Steinmaurer: Tele-Visionen. Zur Theorie USA werden Fernsehapparate in der BRD qua ihres Gehäusedesigns im Zusam- und Geschichte des Fernseh-Empfangs, Innsbruck 1999. menspiel mit weiteren Möbeln im Wohnraum als Arbeiter_innenm edium refe- 7 Vgl. hierzu insbesondere renziert. Darin begründet sich auch das widersprüchliche Verhältnis von Fern- Jean­Louis Baudry: Das Dispositiv: Metapsychologische Betrachtung sehapparaten zur Schrankwand, die in der BRD – im Gegensatz zu den USA – in des Realitätseindrucks, in: Psyche, erster Linie für Tradition und eine spezifisch deutsche (Hoch-)Kultur steht. Es Nr. 11, 1994 [1975], 1047 – 1074. 8 Matthias Thiele: Vom sind solche Verbindungen und Trennungen von Fernsehapparaten und Wohn- Medien­Dispositiv­ zum Dispositiv­ kultur, die sie als Klassenmarker in Erscheinung treten lassen. Netze­Ansatz. Zur Interferenz von Medien­ und Bildungsdiskurs im Klima­Dispositiv, in: Julius Othmer, Andreas Weich (Hg.): Medien – Bil- dung – Dispositive. Beiträge zu einer Häuslichkeitsdispositiv: Architekturen und Einrichtungen des Fernsehens interdisziplinären Medienbildungs- In der deutschsprachigen fernsehwissenschaftlichen Forschung wird das forschung, Wiesbaden 2015, 87 – 108, hier 87. M edium Fernsehen in zahlreichen Arbeiten als Dispositiv beschrieben.6 In An- 9 Andrea Seier: Un / Verträg­ lehnung an Jean-Louis Baudrys Kino-Dispositiv 7 geht es in diesen Studien dar- lichkeiten. Latours Agenturen und Foucaults Dispositive, in: Tobias um, die räumlich-apparative Anordnung des Fernsehens daraufhin zu befragen, Conradi, Heike Derwanz, Florian wie sie an der Konfiguration bestimmter Subjekttypen Anteil hat. Hiervon zu Muhle (Hg.): Strukturentstehung durch Verflechtung. Akteur-Netzwerk- unterscheiden sind «medienkulturwissenschaftliche […] Dispositiv-Netze»- Theorie(n) und Automatismen, Ansätze,8 die die «Stabilität technischer Prozesse stets als Ergebnis der Ver- M ünchen 2013, 151 – 172, hier 163. 10 Zur gouvernementalen flechtung von Diskursen, Praktiken und Apparaturen […] begreifen».9 Funktion des frühen Fernsehens In Anlehnung an diese medienkulturwissenschaftlichen Anwendungen des vgl. Markus Stauff: Zur Gouverne­ mentalität der Medien. Fernsehen Dispositiv-Begriffs 10 scheint es sinnvoll, danach zu fragen, zu welchen Dispo- als ‹Problem› und ‹Instrument›, sitiven sich das Medium Fernsehen im Zeitraum seiner Integration in bundes- in: Daniel Gethmann, ders. (Hg.): Politiken der Medien, Zürich 2005, deutsche Haushalte in Beziehung setzt. In den 1950er / 60er Jahren antworten 89 – 110, hier 97 ff. SCHWERPUNKT – KLASSE 63 MONIQUE MIGGELBRINK neben den Architekturen insbesondere die jeweils spezifischen häuslichen Ein- richtungen auf nachkriegsspezifische Notstände, die sich im interkulturellen Vergleich jedoch auf jeweils unterschiedliche Art und Weise im Häuslichkeits- dispositiv artikulieren. In der fernsehwissenschaftlichen Literatur wird gerade die Vorstadtkultur der USA als Grund für den Erfolg des Mediums Fernsehen beschrieben: Das Fernsehen schafft eine audiovisuelle Verbindung zwischen Vorstadt und Zen- trum.11 Wie Lynn Spigel darlegt, gehen von den suburbs als dominanter Nach- kriegsarchitektur in den USA spezifische soziale Formationen aus, die vor a llem die Familie als schichtübergreifendes Ideal des Zusammenseins betreffen, das insbesondere vom Medium Fernsehen getragen wird.12 Bereits hier zeigt ein interkultureller Vergleich an, dass dieser Konnex zwischen Fernsehen und Vorstadt(-architektur), der mit Raymond Williams’ Theorem der mobile privati- sation angesprochen wird, in der Bundesrepublik weniger stark ist. Zwar installiert sich Häuslichkeit auch im gesellschaftlichen Wiederaufbau der Nachkriegs-BRD als neuer Wert einer sich etablierenden Mittelschichtsge- sellschaft. Statt weitläufiger und fließender Grundrisse, wie sie die US-ameri- kanischen open plan-Architekturen kennzeichnen, und welche auch bald den so- zialen Wohnungsbau in der BRD informieren, präferieren Wohnungssuchende jedoch geschlossene Wohnformationen.13 Anders als in den USA manifestiert sich das Ideal der Häuslichkeit insbesondere am zentrumsnahen sozialen Woh- nungsbau, der entgegen seiner Bezeichnung «vor allem für junge, aufstiegsori- entierte Ehepaare und Familien […] einen akzeptablen Start in der zu erwar- tenden ‹Wohnkarriere›» 14 bieten soll. In der Bundesrepublik trifft das Medium Fernsehen also auf eine stärker nach sozialer Schicht ausdifferenzierte Wohn- kultur, als Spigel es im Hinblick auf die US-amerikanischen suburbs beschreibt. Fernsehen und Wohnkultur 11 Vgl. Raymond Williams: Im Zuge der häuslichen Umbruchsituationen etablieren sich in BRD und USA T elevision. Technology and Cultural Form, New York 1975 [1974], 24 ff. verschiedene Diskurslinien, in denen beständig verhandelt wird, wie man lieber 12 Vgl. Spigel: Make Room for wohnen möchte. Im Unterschied zu den in den USA diskursiv dominanten TV, 33. Spigel zeigt, dass das Ideal der Häuslichkeit historisch s uburbs fallen die Wohnszenarien der BRD heterogener aus: Ob in Mietskaserne, weiter zurückreicht, bis in den Hochhaus oder Einfamilienhaus – überall geht es darum, nach der sogenannten Viktorian ismus. In der Nachkriegs­ gesellschaft werden Sexualität Stunde null eine neue Dingkultur in Umlauf zu bringen, der zumindest vorder- und familiäres Zusammensein gründig die Funktion zuzukommen scheint, mit alten Werten und Traditionen jedoch deutlich homogener geda cht als zu eben dieser Zeit. zu brechen.15 Insbesondere in Einrichtungs- und Frauenzeitschriften, aber auch 13 Siehe etwa die Wohnstudie in Programmzeitschriften wird ein kulturelles Imaginäres verhandelt, das am Grete Meyer­Ehlers’: Wohnerfahrun- gen. Ergebnisse einer Wohnungsunter- Dispositiv der Häuslichkeit massiv mitwirkt. suchung, Wiesbaden 1963, 350. In solchen dingbezogenen Diskursen werden insbesondere die ‹neuen› häusli- 14 von Saldern: Von der ‹guten Stube› zur ‹guten Wohnung›, 235. chen Einrichtungen vorangetrieben, wie etwa Anbaumöbel und flexibles Inventar. 15 Vgl. N. N.: Wo und wie möchten Aller Beengtheit des Wohnraums und der Flexibilität der Möbel zum Trotz, wird Sie lieber wohnen?, in: HörZu, Nr. 24, 1951, 40 f. das ‹neue› Wohnen in der BRD widersprüchlich rückgebunden an den Begriff 64 ZfM 19, 2/2018 VON «IDIOTENLATERNEN» UND «KULTURMASCHINEN» der «Wohnkultur», der gerade auf Tradition und Bestand verweist. Auch wenn der Begriff durchaus kontrovers diskutiert und unterschiedlich ausgelegt wird,16 so meint eine zentrale Facette von Wohnkultur «das geschmackvolle Wohnen, wobei Kultur als Vertrautheit mit Theater, Literatur, Malerei, Musik und gutem Benehmen begriffen wird.» 17 In dem Artikel «Wohnkultur – eine Phrase?», der 1966 in der Einrichtungszeitschrift Haus und Heim erscheint, soll ein Goethe- Zitat weiter Aufschluss geben über dieses Modewort: «‹Des Menschen Wohnung ist sein halbes Leben, der Ort, wo er sich niederläßt, die Luft, die er einatmet, be- stimmen seine Existenz.›» 18 In diesem Verweis deutet sich bereits an, dass das Pa- radigma der häuslichen Sesshaftigkeit, wie es gemeinhin am Medium Fernsehen und seiner Rolle im Wohnraum festgemacht wird, stärker von einer spezifisch deutschen Wohnkultur als vom Technisch-Apparativen selbst herzuleiten ist. Unter dieser Perspektive erscheint das Wohnen als zentrale Kulturtechnik, die es zu lehren und lernen gilt. Während ‹Wilde› hausen, machen zivilisier- te Menschen aus ihrer Wohnung ein dauerhaftes Heim, und zwar qua Besitz bzw. Eigentum.19 In einem Verweis auf die archaische Kulturtechnik des Acker- baus wird das Wohnen im weiteren Verlauf des genannten Artikels als Grenz- ziehung zwischen innen und außen beschrieben, die in den 1950er / 60er Jahren «die unsterbliche Idee des trauten Heims» 20 hervorbringt: «Wenn die Wohnung eines Menschen ein Raum des Heimischseins, des Vertrautseins mit drinnen 16 Zur Debatte siehe beispielhaft etwa Hans Kruschwitz: Wohnkultur, und draußen ist, also gleichsam eine Zelle im Bauplan der Welt, dann wird das in: Hermann Wandersleb (Hg.): Wohnen darin […] zu einem Quell des Wohlbehagens.» 21 Das Heimische und Handwörterbuch des Städtebaus. Bd. 3: R-Z, Stuttgart 1958 / 59, 1635 f. Vertraute scheint dabei der fortschreitenden Technisierung der Haushalte, wie 17 N. N.: Wohnkultur – eine sie sich mit den 1950er Jahren stark bemerkbar macht, diametral entgegenzuste- Phrase?, in: Haus und Heim, Nr. 1, 1966, 2 – 10, hier 2. hen und den technikkritischen Tenor zu begründen, der in dem hier geprägten 18 Ebd., 8. Konzept von Wohnkultur mitschwingt: «Im Zeitalter der Technik, besonders in 19 Vgl. ebd. 20 Wie sie Elisabeth Bronfen als unserer Wirtschaftswunderwelt, kommt es darauf an, aus Konsumenten wieder zentrale Idee der Re­Imagination der Menschen zu machen» 22 – und zwar zuhause. In diesem Sinne erscheinen das 1950er / 60er Jahre in der Fernseh­ serie Mad Men beschreibt, vgl. dies.: Medium Fernsehen und fernsehspezifische Praktiken eher als Bedrohung klassi- Mad Men, Zürich 2016, 130. scher Kulturtechniken, wie sie etwa das Lesen und Musizieren darstellen.23 21 N. N.: Wohnkultur – eine Phrase?, 10. 22 N. N.: Unsere Wohnung formt den Menschen, in: Haus und Heim, Nr. 3, 1961, 2 – 7, hier 3. Gehäuse: ‹gute Stuben› und Schrankwände 23 Bevor in den 1980er Jahren Dieser Ausschluss des Mediums Fernsehen aus der Sphäre der Wohnkultur liegt Diskurse aufkommen, die Fernsehen explizit als Kulturtechnik begreifen, vor allem darin begründet, dass das Fernsehen, das in den ersten Jahren s einer werden Praktiken des Fernsehens weitreichenderen Integration in bundesdeutsche Wohnungen vor allem in in sogenannten Fernsehfibeln verhandelt. Siehe etwa Karl Tetzner, Selbstständigen- und Angestelltenhaushalten vorzufinden ist,24 schnell mit der Gerhard Eckert: Fernsehen ohne Ge- Arbeiterkultur assoziiert wird. In zeitgenössischen Diskursen zum Fernsehen heimnisse, München 1954; Christian Doelker: Kulturtechnik Fernsehen. scheint, wie oben bereits im Hinblick auf die fernsehspezifischen Architekturen Analyse eines Mediums, Stuttgart 1989. dargestellt, weniger die Vorstadt, sondern mehr der Arbeiter, der sich feierabend- 24 Vgl. Knut Hickethier: Geschichte des deutschen Fernsehens, Stuttgart lich in seiner ‹guten Stube› vor den Fernsehapparat setzt, konstitutiv für die Ver- 1998, 112. Hickethier bezieht sich häuslichung des Fernsehens zu sein. In diesem Sinne ist denn auch der ermü- hier auf Gerhard Goebel: Wer sieht das Fernseh­Programm?, in: dete Arbeiter – «der da mit Hausschuhen und Strickweste bekleidet sitzt, seine Fernsehen, Nr. 2, H. 1, 1954, 7 – 12. SCHWERPUNKT – KLASSE 65 MONIQUE MIGGELBRINK 1 2 Abb. 1 Schrankmöbel im Stil des ‹Gelsen- kirchener Barock› (1954) Abb. 2 Fernseh- und Musikmöbel im Stil des ‹Gelsenkirchener Barock› (1954) Abb. 3 Schrankwand mit hinter Holzpaneelen versteckten technischen Medien (1966) 3 66 ZfM 19, 2/2018 VON «IDIOTENLATERNEN» UND «KULTURMASCHINEN» Bratkartoffeln und sein Bier konsumiert» 25 – der Bezugspunkt einer fernsehspe- zifischen Kulturkritik. Dieser Argumentation zufolge sind sein «äußerer […] Zustand», d. h. seine physische wie psychische Erscheinung, und die «Umge- bung»,26 also seine Wohnung, nicht kompatibel mit der kulturtechnischen Leis- tung des Wohnens. Neben der negativen Assoziation des Arbeiters als unreinlich und ungepflegt wird dabei auch auf seine intellektuellen Fähigkeiten abgehoben. Die in den 1950er Jahren aufkommende Bezeichnung «Idiotenlampe / -laterne» ist eine «[a]bfällige Wortbildung von Fernsehgegnern: das Fernsehprogramm ‹erleuchtet› den Geist nur von Idioten.» 27 Im Fernsehlicht leuchtende Fenster verraten bereits von der Straße aus, dass die Bewohner_innen gerade fernsehen. Der Nichtkonsum von Geräten und Programm wird damit zum Distinktions- merkmal erhoben. Eine an das Wohnen rückgebundene Klassenpolitik und der entsprechende Klassismus, wie er von den genannten Einrichtungszeitschriften ausgeht, stützt sich hier massiv auf technikkritische Aspekte. Diese Verbindung von Fernsehapparaten und Arbeiter_innenwohnen wird seitens der Industrie aufgegriffen und in ein klassenspezifisches Gehäusedesign übersetzt. Entsprechend dem schweren Einrichtungsstil der ‹guten Stube› stehen die ersten Apparate, die es Ende 1953 mit Start eines regelmäßigen Pro- gramms zu kaufen gibt, in der Regel auf Füßen und sind verkleidet mit hoch- glanzpolierten Gehäusen aus Vollholz. Man könnte Mitte der 1950er Jahre meinen, dass man es nicht so sehr mit Fernsehapparaten, sondern mit Miniatur- Schrankmöbeln im Stil des sogenannten ‹Gelsenkirchener Barock› zu tun hat 25 Heinz Kerneck: Beziehung zwischen Kultur, Massenmedien und (vgl. Abb. 1, 2). Hiermit ist ein Möbelstil benannt, der sich durch w uchtige, fur- Gesellschaft, in: Rundfunk und Fern- nierte Schrankmöbel auszeichnet, die erstmals während der 1930er Jahre und in sehen, Nr. 10., H. 3, 1962, 225 – 231, hier 228; zu diesem «populäre[n] der Nachkriegszeit noch einmal vermehrt produziert werden. Wie sich in einer Bild vom fernsehenden Zuschauer» Befragung von Bergarbeiter_innenfamilien herausstellt, werden diese Möbel siehe auch Hickethier: Geschichte des deutschen Fernsehens, 61. auch als «Knolli-Bolli-Stil» bezeichnet.28 «Knolli-Bolli» ist zu dieser Zeit eine 26 Kerneck: Beziehung zwischen umgangssprachliche Bezeichnung für Kartoffelknollen; 29 beide werden als etwas Kultur, Massenmedien und Gesell­ schaft, 228. ‹typisch Deutsches› empfunden. Es ist auffällig, dass mit dieser Bezeichnung ge- 27 Heinz Küpper: Idiotenlampe, nau das von Kerneck beschriebene fernsehspezifische Setting und eine entspre- in: ders.: Wörterbuch der deutschen Umgangssprache. Bd. 5, 10000 chende Kritik an der sozialen Figur der Arbeiter_innen angesprochen ist. neue Ausdrücke von A-Z: Sachschelten, In US-amerikanischen Vorstadt-Architekturen findet Fernsehen nicht in einem Hamburg 1967, 117. 28 Vgl. Hans Paul Bahrdt: Wie abgeschlossenen Raum wie der ‹guten Stube› statt, sondern in weitläufigen Wohn- leben die Bewohner neuer Stadtteile zimmern.30 Ein zentraler Bezugspunkt des Fernsehens im häuslichen Raum ist mit und wie wollen sie eigentlich leben?, in: Baukunst und Werkform: Monats- Beginn der 1950er Jahre die von Designer George Nelson entworfene storagewall, schrift für alle Gebiete der Gestaltung, eine modulare und flexibel zusammenfügbare Schrankwand, die schnell von popu- Nr. 6 / 7, 1952, 56 – 63, hier 60. 29 Vgl. Heinz Küpper: Knolli­ lären Möbelherstellern adaptiert und in Einrichtungszeitschriften als Lösung für Bolli, in: ders.: Wörterbuch der deut- eine expandierende Dingkultur zuhause vorgestellt wird.31 Mit Beginn einer sich schen Umgangssprache, 139. 30 Vgl. Spigel: Make Room ausdifferenzierenden Wohnkultur wird die Schrankwand auch in der BRD als eine for TV, 21. Art Zweitgehäuse für Fernsehapparate zu einer zentralen häuslichen Verbündeten 31 Vgl. Lynn Spigel: Object Lessons for the Media Home: From des Fernsehens. In Einrichtungszeitschriften wird die Schrankwand in den 1960er Storagewall to Invisible Design, in: Jahren als zentrale Instanz der Kulturtechnik Wohnen verhandelt. Dieser Status Public Culture: Bulletin of the Center for Transnational Cultural Studies, Vol. 24, ergibt sich daraus, dass die Schrankwand – etwa zeitgleich mit aufkommenden Nr. 3, 2012, 535 – 576, hier 537. SCHWERPUNKT – KLASSE 67 MONIQUE MIGGELBRINK Diskursen zu Formen und Funktionen des Computers als Kommunikationsme- dium 32 – zu einer Art Speicher von Wohnkultur erhoben wird (vgl. Abb. 3): Bücher, große Kunstwerke, Atlanten, Fotos, aber auch Radios, Lautsprecher, Plattens pieler, Fernsehapparat und sogar die Hausbar, all diese verschiedenen im Wohnraum notwendigen Dinge sind am zweckmäßigsten in einem Einbauschrank unterzubringen, den sich der Bewohner nach Maß, seinen persönlichen Bedürfnissen entsprechend, anfertigen lassen kann.33 Wie das Zitat verdeutlicht, finden auch mit Unterhaltung assoziierte Medien (Radios, Lautsprecher, Plattenspieler, Fernsehapparat, Hausbar) einen Platz in der 32 Vgl. Michael Friedewald: Schrankwand; gleichzeitig gehören sie nicht selbstverständlich zu den darin ver- Konzepte der Mensch­Computer­ wahrten Dingen der Hochkultur und Bildung (Bücher, Kunstwerke, Atlanten). Kommunikation in den 1960er Jahren: J. C. R. Licklider, Douglas Löst sich die Schrankwand in der BRD nur langsam von ihrer Funktion als Engelbart und der Computer Aufbewahrungsort primär von Büchern, so beherbergt sie in den USA von An- als Intelligenz verstärker, in: Technik- geschichte, Nr. 67, H. 1, 2000, fang an ein breites Spektrum an Konsumobjekten. Neben den obligatorischen 1 – 24, hier 10. Büchern, Vasen und Skulpturen, wie sie auch in der Bundesrepublik vorzufin- 33 N. N.: Wohnkultur – eine Phrase?, 6. den sind, beinhalten die abgebildeten Schrankwände auch Signifikanten des 34 Vgl. Spigel: Object Lessons for florierenden außerhäuslichen Freizeitsektors, wie Tennis- und Golfschläger.34 the Media Home, 546. 35 Raymond Williams ordnet die Generell scheint es, als herrsche in den USA ein größerer Bedarf an Stauraum zunehmende Popularität des Fernse­ für eine expandierende Dingkultur von consumer durables (langlebigen Konsum- hens im häuslichen Raum im Umfeld von Investitionen in eine Reihe von gütern).35 Insgesamt fungiert die Schrankwand in den USA weniger als Speicher Haushaltsgegenständen ein, die im von mit elementaren Kulturtechniken verknüpften Artefakten 36 (und gedulde- Kontext der Ära der consumer durables seit den 1920er Jahren insbesondere ter technischer Medien), sondern als Speicher für moderne Konsumkultur, mit US­amerikanische, britische, deut­ der weniger Wertvorstellungen wie Tradition und Hochkultur, sondern Fort- sche und französische Märkte fluten. Vgl. Williams: Television, 26. schritt und ein freizeitorientierter Lifestyle verknüpft sind. 36 Anfang der 1980er Jahre wird In ihrer Funktion als Speicher eines breiten Spektrums von Konsumobjek- der Begriff der Kulturtechniken in der Pädagogik relevant, wo Lesen, ten wird die Schrankwand in den USA schnell zum paradigmatischen Möbel Schreiben und Rechnen als elemen­ für die Kleinfamilie. Spigel beschreibt, wie sie zur Lösung für alle Räume des tare Kulturtechniken bezeichnet werden, die an ein humanistisches vorstädtischen Wohnens avanciert: Sowohl in der Eingangshalle, im Esszimmer, Bildungsideal geknüpft sind. in der Küche, im Schlafzimmer, Wohnzimmer als auch in den Kinderzimmern Vgl. Harun Maye: Kulturtechnik, in: Christina Bartz, Ludwig Jäger, soll das Medienmöbel Ordnung in die jeweilige sich ausdehnende Ausstattung Marcus Krause, Erika Linz (Hg.): bringen.37 In der BRD hingegen wird die Schrankwand explizit mit dem Wohn- Handbuch der Mediologie. Signaturen des Medialen, München 2012, zimmer zusammengedacht. Mit der großen Schrankwand wird denn auch die 142 – 148, hier 142. Einrichtungspraxis der ‹guten Stube›, zu der sich das Fernsehen ursprünglich 37 Vgl. Spigel: Object Lessons for the Media Home, 567. als Arbeiter_innenmedium in Bezug setzt, obsolet. Stattdessen wird das Wohn- 38 Vgl. Christina Bartz: Ein richten, zimmer, das bis in die 1950er Jahre nur dem Wohnen vorbehalten war, zu einem in: Matthias Bickenbach, Heiko Christians, Nikolaus Wegmann Mediennutzungszimmer.38 In diesem Zusammenhang kommt der Schrankwand (Hg.): Historisches Wörterbuch in der BRD neben der Speicherfunktion auch die eines «Displays» zu. Es geht des Mediengebrauchs, Wien 2014, 195 – 208, hier 203. darum, mit dem Möbelstück selbst, aber auch mit den darin befindlichen Din- 39 Vgl. N. N.: Hochgelobt gen, ein wenig zu repräsentieren (vgl. Abb. 4): 39 «Denn der Wohnraum ist heute die Schrankwand, in: Haus und Heim, Nr. 1, 1964, 6. der Repräsentationsraum schlechthin geworden. Hier dokumentieren wir unse- 40 N. N.: Wie groß soll der ren Geschmack, unseren Status.» 40 Wie Spigel herausstellt, steht die Schrank- Wohnraum sein?, in: Haus und Heim, Nr. 10, 1968, 3. wand in den USA gerade für eine Unsichtbarmachung der darin aufbewahrten 68 ZfM 19, 2/2018 VON «IDIOTENLATERNEN» UND «KULTURMASCHINEN» 4 5 6 Abb. 4 Schrankwand als Speicher und Reprä- sen tat ionsinstanz von Wohnkultur (1964) Abb. 5 «[M]it einem praktischen Bücherfach ausg estattete Fernsehtruhe» (1955) Abb. 6 Überwachte Schrankwand (1961) SCHWERPUNKT – KLASSE 69 MONIQUE MIGGELBRINK Dingkultur.41 Wie Abbildung 3 zeigt, werden technische Medien wie Platten- spieler, Radio- und insbesondere Fernsehapparate auch in der BRD im Falle des Nichtgebrauchs hinter bedienbaren Holzpaneelen versteckt. Der Ausstellungs- modus, der mit den Dingen der Hochkultur verknüpft ist, scheint in der BRD je- doch stärker zu sein, was darin begründet sein mag, dass es sich bei der Schrank- wand um ein historisch etabliertes Möbel im Wohnraum handelt.42 Es ist die Verbindung mit der Schrankwand, die das Fernsehen gewisserma- ßen räumlich-materiell zur «Kulturmaschine» 43 erhebt. Der Stellplatz von Fern- sehapparaten in der Schrankwand läge dann nicht ausschließlich im Platzmangel 41 Vgl. Spigel: Object Lessons in bundesdeutschen Wohnungen begründet, sondern auch in der Allianz mit den for the Media Home, 537. 42 Der Bücherschrank stellt darin verwahrten Büchern und hochkulturell aufgeladenen Ausstellungsstücken. einen historischen Vorläufer der Das Medium Fernsehen erscheint vermittelt über die hier skizzierten Praktiken Wohnzimmerschrankwand dar, der bereits Mitte des 18. Jahrhunderts des Einrichtens als Kulturgut, wie es Fernsehintendant Werner Pleister 1952 in als Teil einer spezifisch männlich­ der Programmeröffnungsrede des offiziellen Sendebetriebs des NWDR charak- bürgerlichen Einrichtungspraxis aufkommt. Vgl. Wolfgang Weinhold: terisiert.44 Dieser Status des Fernsehens als «Kulturmaschine» wäre mit Blick Vom Herrenzimmer zur Wohnwand. auf die Schrankwand gerade nicht ausschließlich auf den Kulturauftrag des öf- Eine Bestandsaufnahme, in: möbel kultur, Nr. 7, 1985, 30 – 33, hier 32. fentlich-rechtlichen Rundfunkprogramms zurückzuführen, sondern ergibt sich 43 Siehe Knut Hickethier: vielmehr über eine ganz bestimmte Anordnung von Medien und Möbeln im Der Fernseher. Zwischen Teilhabe und Medienkonsum, in: Wolfgang Wohnraum. Während das Medium Buch und das Medium Fernsehen auf der Ruppert (Hg.): Fahrrad, Auto, Ebene der Kulturtechniken zu Konkurrenten werden – und, wie Cecilia Tichi Fernsehschrank. Zur Kulturgeschichte der Alltagsdinge, Frankfurt / M. 1993, im Hinblick auf die USA herausstellt, in populären Diskursen gerade als mitein- 162 – 235, hier 164. Hickethier be­ ander unversöhnlich dargestellt werden 45 –, sind sie im Wohnraum widersprüch- zieht sich hier auf Arnold Schwenge­ ler: Kulturmaschinen, in: Fernsehen, lich miteinander Verbündete. Diese Allianz zeigt sich nicht zuletzt im Design Nr. 4, H. 9, 1956, 481 ff. von Fernsehmöbelmodellen, deren Gehäuse direkt unter dem Bildschirm «ein 44 Vgl. Werner Pleister: Deutsch­ land wird Fernsehland, in: Michael praktisches Bücherfach» 46 aufführen (vgl. Abb. 5). Grisko (Hg.): Texte zur Theorie und Ausgehend von Schrankwand-Fernsehmöbeln lassen sich im interkulturellen Geschichte des Fernsehens, Stuttgart 2009 [1953], 87 – 93, hier 89. Vergleich verschiedene Formen der häuslichen Einkapselung, d. h. der Abschot- 45 Vgl. Tichi: Electronic Hearth, 176. tung des Wohnens vom Außen, herleiten. Als Umschlagplatz für eine moderne 46 Preisrätsel der Woche, in: HörZu, Nr. 48, 1955, 55. Dingkultur, die immer auch auf außerhäusliche Aktivitäten verweist, steht die 47 Judy Attfield legt anhand des Schrankwand in den USA für das Bild der gastlichen Geselligkeit,47 die sich nach modernen Couchtischs dar, wie dieser in der unmittelbaren Nach­ außen hin öffnet. In der Bundesrepublik steht die Schrankwand hingegen für eine kriegszeit erst in den USA und dann nach innen gerichtete Form der Gemütlichkeit, deren Referenz an die außerhäus- in Großbritannien zum Symptom­ möbel eines sich etablierenden liche Lebenswelt über die Werke der (Hoch-)Kultur gleichzeitig wieder auf innere gesellschaftlichen Bildes von convi- Kontemplation verweist. «Behaglich wohnen» 48 meint hier eine Abschottung nach viality, d. h. einem ungezwungenen und gastlichen Beisammensein zu­ außen. In einer Werbeanzeige des ostwestfälischen Möbelherstellers Musterring hause, avanciert. Vgl. dies.: Design wird dieser Aspekt in ein eindringliches häusliches Dingarrangement übersetzt as a Practice of Modernity: A Case for the Study of the Coffee Table in the (vgl. Abb. 6): Neben dem Familienvater, der auf einem Fernsehsessel thront, wacht Mid­Century Domestic Interior, zusätzlich ein deutscher Schäferhund über die Schrankwand und die darin befindli- in: Journal of Material Culture, Vol. 2, Nr. 3, 1997, 267 – 289. chen Gegenstände wie Bücher, Dokumente, Skulpturen und einen Fernsehapparat. 48 «Millionen haben es wie­ Während die Rolle der Frau darin besteht, häusliche Routinen wie die der Kinder- derentdeckt: Schönstes Hobby unserer Zeit: Behaglich wohnen!», betreuung und Essenszubereitung am Laufen zu halten, zeigt sich der Familienva- Werbeanzeige des ostwestfälischen ter abgetrennt von dieser Sphäre der Hausarbeit als Wächter über ein spezifisch Möbelherstellers Musterring, in: HörZu, Nr. 39, 1961, 60. deutsches Kulturerbe und den damit einhergehenden Anschluss nach außen. 70 ZfM 19, 2/2018 VON «IDIOTENLATERNEN» UND «KULTURMASCHINEN» Schluss Der interkulturelle Vergleich von Medien(wohn)kulturen führt zu unterschied- lichen Ergebnissen hinsichtlich Klassenspezifik im Design und Gebrauch von Fernsehapparaten als Möbel. Ein Medienvergleich, der von der Medientechnik ausgeht, lässt nur schwer auf soziale Asymmetrien rückschließen. Begreift man das Medium Fernsehen jedoch als Teil eines weitreichenderen Dispositivs und geht etwa von der häuslichen Möbelkultur statt von der Medientechnik aus, werden Machtstrukturen sichtbar, die insbesondere die soziale Kategorie Klasse betreffen. Einen integralen Faktor im vorliegenden historischen Vergleich einer Fern- sehmöbel betreffenden Medien- und Wohnkultur stellen das Gehäusedesign und korrelierende Einrichtungspraktiken dar. Wechselt man nun von histori- schen zu aktuellen Gestaltungen von Fernsehapparaten, so haben diese auf den ersten Blick wenig zu tun mit den hier vorgeführten klassenspezifischen Ver- möbelungen und Wohnkulturen. Flachbildfernseher erinnern weniger an Mö- belstücke, sondern lassen vermittelt über ihre Anbringung an der Wohnwand vielmehr an eine tatsächliche Umsetzung der Metapher des ‹Fensters zur Welt› denken, als welches Pleister das Medium Fernsehen in seiner Eröffnungsrede des Sendebetriebs beschreibt.49 Wurden Fernsehapparate in Schrankwänden der 1950er / 60er Jahren noch versteckt, scheinen aktuelle Wohnwandsysteme komplett auf sie bezogen, wenn nicht ausschließlich für sie gebaut zu sein. Dieser Ausstellungsgrund liegt nur auf den ersten Blick darin begründet, dass das einst ‹neue› bzw. störende Medium nun längst zum konstitutiven Bestandteil häuslicher Einrichtungen zählt. Bei genauerer Betrachtung scheint der Grund hierfür eher in einem Dispositivwechsel zu liegen. Begreift man Fernsehapparate in ihren aktuellen Gestaltungen weniger als Fenster, sondern als Wandbilder, ist nicht so sehr die Sphäre des Hauses – und eine entsprechende Möbelkultur – der relevante Bezugspunkt des Fernsehens, sondern vielmehr die Kunst. Mit der Transformation zum hochauflösenden Flachbildfernseher gehen für Gender- 49 Vgl. Michael Grisko: Einleitung [zu] Werner Pleister: Deutschland und Klassenfragen relevante neue kulturelle Assoziationen des Fernsehens ein- wird Fernsehland, in: Grisko: Texte her.50 Über dem Kamin hängend und gerahmt von weiteren Bildern wirken Fern- zur Theorie und Geschichte des Fernse- hens, 85 f., hier 85. sehschirme zu Beginn dieser Entwicklung in den USA selbst wie high art.51 Im 50 Vgl. Michael Z. Newman, Unterschied zum Fenster steht das «virtuelle Wandbild» 52 als Referenzrahmen Elana Levine: Fernsehbilder und das Bild des Fernsehens, in: montage AV, für reine Ästhetik. In dieser Deutung lassen sich Fernsehapparate einordnen Nr. 1, 2012, 11 – 40, hier 12 f. in ein Kunst-Dispositiv. Aktuelle Diskurse rund um Streamingplattformen wie 51 Vgl. ebd., 21. Und auch hier zeichnen sich weitere kulturelle Netflix begreifen das Medium Fernsehen nicht so sehr als Vermittler von Live- Differenzen ab, ist doch der Kamin Ereignissen in den eigenen vier Wänden – wie es die etablierte Fenstermetapher als Bezugspunkt für die Verhäus­ lichung des Fernsehens in der BRD nahelegt –, sondern vielmehr als Kunstgegenstand. Im Sinne des On-demand- weitaus weniger relevant. Schauens wird Fernsehen zur künstlerischen Praxis, während der konventionelle 52 Siegfried Zielinski: Nicht mehr Kino, nicht mehr Fernsehen, in: Programm-Flow als sogenanntes Unterschichtenfernsehen stigmatisiert wird. Es Georg Haberl, Gottfried Schlemmer sind solche Dis- / Kontinuitäten in den klassenspezifischen Zuschreibungen, die (Hg.): Die Magie des Rechtecks. Filmästhetik zwischen Leinwand und in einer medienvergleichenden historischen Perspektive zutage treten. Bildschirm, Wien 1991, 41 – 58, hier 49. — SCHWERPUNKT – KLASSE 71 D O R O W I E S E AUGENBLICKE. GESICHTER EINER REISE — von JR und Agnès Varda als Repräsentation der «Klasse ohne Privilegien» Die Filmemacherin Agnès Varda und der Straßenkünstler JR zeigen im Doku- mentarfilm Augenblicke. Gesichter einer Reise,1 wie sie französische Land be- wohner_innen fotografieren, die Ausdrucke großformatig auf verschiedenen Fassaden anbringen, die eigene Recherchearbeit und das Filmen. Zudem wer- den die fotografierten Protagonist_innen im Verlauf des Films zu ihrem Ver- hältnis zu den Fotografien befragt, die Interviews sind Teil des Filmgeschehens. Die Filmhandlung entwickelt sich gemäß des Genres Road Movie, basiert also scheinbar auf dem Zufall der Begegnung, wenngleich die Orte des Geschehens von Anfang an feststehen: die ländlichen Gebiete Frankreichs und seine Be- wohner_innen sollen aufgesucht werden. JR und Varda beginnen eine Reise in den Norden, Nordosten, Nordwesten und den Süden der Republik Frankreich. Der bunte Reigen an Begegnungen, der sich auf der Leinwand entfaltet, ist jedoch keinesfalls so unstrukturiert, wie die Filmemacher_innen es vorgeben. Der Film ist für Varda, die zum Zeitpunkt der Aufnahmearbeiten 88 Jahre alt ist, eine Zeitreise: einerseits in die Vergangenheit, bringen einige der aufge- suchten Schauplätze doch Erinnerungen an ehemalige, nun verstorbene Weg- gefährt_innen hervor. Andererseits reist Varda einer Zukunft entgegen, die vom Zusammenarbeiten mit JR geprägt ist. Und so ist das Thema der möglichen Gemeinsamkeiten, des Zusammen- seins, der Freundschaft, der Kooperation, der Solidarität – kurz der Gemein- schaft – die thematische Klammer, die den Film zusammenhält. Wie wir sehen werden, vermittelt der Film eine gegenseitige Verbundenheit der Filmenden und Gefilmten durch seine Medienpraktiken, vor allem durch seinen Rück- 1 Augenblicke. Gesichter einer griff auf die Ästhetik der Straßenkunst und der Arbeiter_innenfotografie. Als Reise (Visages, Villages), Regie: Agnès Varda, JR, F 2017. fertiges Produkt zirkuliert der Film darüber hinaus ortsübergreifend in einer 2 Jacques Rancière: Die Aufteilung größeren Öffentlichkeit und bringt auch für das Kinopublikum die hegemo- des Sinnlichen. Die Politik der Kunst und ihre Paradoxien, Berlin 2008, 27. niale «Aufteilung von Identitäten, Tätigkeiten und Räumen» durcheinander.2 72 ZfM 19, 2/2018 Varda und JR stellen mit ihrem Film eine Aufteilung des Sinnlichen in Frage, die Jacques Rancière zufolge die Teilhabe am politischen Geschehen bestimmt, indem sie festlegt, wer sich Gehör zu verschaffen vermag und wer nicht gehört wird.3 Durch die Verweise auf Vardas Wegbegleiter_innen und die experimen- telle Zusammenarbeit verknüpft der Film erinnerte Geschichte, gegenwärtige Darstellung und zukunftsweisende Praktiken. Augenblicke. Gesichter einer Reise ist eine Repräsentation in der doppelten Bedeutung des Wortes, auf die Gayatri Chakravorty Spivak hingewiesen hat. Als politische Vertretung und als ästhe- tische Darstellung 4 verweist dieses unausgewiesene Archiv auf die Frage nach Klassen. Zudem lässt sich die Situation der Landbevölkerung, die Varda in ih- rem Film befragt, mit jener der Parzellenbauern und -bäuerinnen vergleichen, die Karl Marx in dem Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte beschreibt: U nter der Herrschaft von Napoleon III. zwischen 1848 und 1870 hatten diese keine ( darstellende und vertretende) Repräsentation, keine gemeinsam entwi- ckelte Analyse der eigenen Situation, kein geteiltes (Klassen-)Bewusstsein.5 Im 18. Jahrhundert verschwand die mittelalterliche und frühneuzeitliche All- mende als ein gemeinsam verwalteter Produktionsraum vollständig aus Frank- reich.6 Im 19. und 20. Jahrhundert geriet das Land zunehmend in Abhängigkeit vom industriellen Sektor und von der Stadt als Wirtschaftsraum. Gleichzeitig verschwand in Westeuropa das Landleben als das hegemoniale Leitbild; es setzte eine «kulturelle Deagrarisierung» ein, die den ländlichen «Wirtschaftsweisen, den Gesellschaftsformen, den Herrschaftspraktiken und den kulturellen Deu- tungsmustern» 7 wenig Bedeutung zumisst und mit einer «starre[n] Fixierung auf Tradition und Besitzstandswahrung» einhergehen kann.8 Gerade weil JR und Varda ihre Protagonist_innen als Expert_innen ihrer eigenen Situation in den Mittelpunkt des Bildes rücken, sie aus ihrer Vereinzelung lösen und in eine Ge- meinschaft einbetten, unterbrechen sie die von Marx umschriebene Dynamik. 3 Vgl. ebd. Marx schreibt: 4 Vgl. Gayatri Chakravorty Spivak: Can the Subaltern Speak?, in: Die Philosophin. Forum für feministische Insofern als Millionen Familien unter ökonomischen Existenzbedingungen l eben, Theorie und Philosophie, Nr. 14, die ihre Lebensweise, ihre Interessen und ihre Bildung von denen der andern Klas- H. 27, 2003, 42 – 59, hier 43 – 47. sen trennen und ihnen feindlich gegenüberstehen, bilden sie eine Klasse. Insofern 5 Vgl. Karl Marx, Friedrich Engels: nur ein lokaler Zusammenhang […] besteht, die Dieselbigheit ihrer Interessen keine Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in: dies.: Werke (MEW), Gemeinsamkeit, keine nationale Verbindung und keine politische Organisation un- Bd. 8, Berlin 1960, 111 – 207. ter ihnen erzeugt, sind sie keine Klasse. Sie sind daher unfähig, ihr Klasseninteresse 6 Vgl. Marc Bloch: French Rural im eigenen Namen, sei es durch ein Parlament, sei es durch einen Konvent geltend History. An Essay on its Basic Characte- zu machen. Sie können sich nicht vertreten, sie müssen vertreten werden.9 ristics, London 2015 [1966]. 7 Gunther Mai: Die Agrarische Transition. Agrarische Gesellschaf­ Vor dem Hintergrund der Klassenkämpfe in Frankreich, die erst in die Wahl ten in Europa und die Herausfor­ und dann in den anschließenden Staatsstreich von Napoleon III. im Jahr 1851 derungen der industriellen Moderne im 19. und 20. Jahrhundert, in: mündeten, geht es hier um die Klasse der französischen Parzellenbauern und Geschichte und Gesellschaft. Zeitschrift -bäuerinnen, die durch ihre Napoleonverehrung maßgeblich zum Erfolg der für Historische Sozialwissenschaft, Nr. 33, H. 4, 2007, 471 – 514, hier 485. napoleonischen Machtergreifung beitrugen. Marx analysiert ihr Wahlverhal- 8 Ebd., 505. ten als eine «Reaktion des Landes gegen die Stadt»,10 das sich durch die Wahl 9 Marx u. a.: Der achtzehnte Brumaire, 198. von Louis Bonaparte an der von Paris aus herrschenden Elite der zweiten 10 Ebd., 131. SCHWERPUNKT – KLASSE 73 DORO WIESE Abb. 1 – 6 Screenshots aus: Französischen Republik – «die hohe Finanz, die große Industrie, der große A ugenblicke. Gesichter einer Reise Handel, d. h. das Kapital mit seinem Gefolge von Advokaten, Professoren und (Visages Villages), Regie: Agnès Varda, JR , F 2017 Schönrednern» 11 – habe rächen wollen. Diese Rache kehrte sich jedoch un- ter Napoleon III. gegen sie selbst, da sie durch ein System von Hypothekar- schulden, Abgaben- und Steuererhöhungen noch weiter in die ohnehin ekla- tant fortschreitende Armut getrieben wurden. Marx’ Analyse ist insofern für JR und Vardas Film relevant, als dass alle Schauplätze des Films in Regionen liegen, in denen es ebenfalls eine «Reaktion des Landes gegen die Stadt» ge- 11 Marx u. a.: Der achtzehnte Brumaire, 139. geben hat. In den verarmten Industrieregionen im Norden und Nordosten 12 Vgl. Marie­José Kolly, Alexandra Frankreichs, in den nordwestlichen Hafenstädten sowie im ländlichen, struk- Kohler: Die Ergebnisse Macrons und Le Pens in der Übersicht, in: turschwachen Süden entlang der Mittelmeerküste stimmte die Bevölkerung NZZ, dort datiert 8.5.2017, nzz.ch/ in der Präsidentschaftswahl 2017 zu einem großen Teil für den rechtspopu- praesidentenwahl-in-frankreich-die- ergebnisse-macrons-und-le-pens-in-der- listische Front National (FN).12 Analysen der FN-Wähler_innenschaft haben uebersicht-ld.1289908, gesehen ergeben, dass weder «Gender, Religiosität, Familienstand noch ökonomische am 16.2.2018. 13 Daniel Stockemer: The Front Schwierigkeiten in Form von Arbeitslosigkeit eine Rolle für die FN-Wähler_ National in France. Continuity and innenschaft» gespielt haben.13 Viel entscheidender ist ein ländlicher Wohnsitz, Change Under Jean-Marie Le Pen and Marine Le Pen, Cham 2017, 89, dazu ein geringer Bildungsstand und eine generelle Unzufriedenheit mit dem Übers. Doro Wiese (DW). politischen System der repräsentativen Demokratie, welche als Vertretung und 14 Vgl. Simon Bornschier: Why a Right­Wing Populist Party Emerged Ansammlung korrupter Eliten angesehen wird.14 Der FN steht also für anti- in France but not in Germany: Clea­ demokratische Tendenzen ein, die mit dem Ruf nach einer autoritären Regie- vages and Actors in the Formation of a New Cultural Divide, in: European rung verbunden sind, nicht unähnlich der Situation im Frankreich des Jahres Political Science Review, Vol. 4, Nr. 1, 1851. Darüber hinaus propagiert die Partei ausgesprochen xenophobe und 2012, 121 – 145; Michel Bussi, Jérôme Fourquet: Élection présidentielle nationalistische Haltungen, die möglicherweise ihren Wähler_innen eine Gel- 2007: Neuf cartes pour comprendre, tungsmacht versprechen, die sie durch die globalen Entwicklungen des Kapi- in: Revue française de science politique, Nr. 57, H. 3, 2007, 411 – 428. talismus verloren haben. 74 ZfM 19, 2/2018 AUGENBLICKE. GESICHTER EINER REISE Durch die Wahl der Filmschauplätze ist es daher, wie Richard Brody her- vorgehoben hat, nahezu unausweichlich, dass – in einer früheren Bergarbeiter_innenstadt oder in ei- ner im Verschwinden begriffenen bäuerlichen Region – einige der Leute, die sich fröhlich und bereitwillig haben filmen lassen, Unterstützer_innen von Frankreichs rechtsextremem Front National sind. Sie tragen dementsprechend denselben Hass und dieselben Vorurteile mit sich herum, die die Partei befördert.15 Die parteipolitische Orientierung der interviewten Protagonist_innen kommt allerdings nirgends im Film zur Sprache. JR und Varda untersuchen Produk- tionsverhältnisse, inklusive ihres eigenen Films, die sie auf unaufdringliche Weise in einen geschichtlichen und sozialen Kontext stellen. Wenn also die Land- und Ziegenwirtschaft, der Bergbau, die Fabrik, der maritime Transport ebenso thematisiert werden wie die Recherchearbeiten, die Herstellungs- und Aufnahmebedingungen von Fotografie, Film und Wandbild, werden mediale Formen und dargestellte Inhalte einer historisch-materialistischen Analyse unterzogen. Darüber hinaus stellt der Film einen zeitübergreifenden Zusam- menhalt seiner Protagonist_innen überhaupt erst her und greift somit in die «Beziehungen zu den Seinsweisen und den Formen der Sichtbarkeit» ein,16 15 Richard Brody: Agnès Varda wenn er geschichtliche Kontexte bereitstellt, Formen der Gemeinsamkeit von and JR’s ‹Faces Places› Honors Ordi­ nary People on a Heroic Scale, in: The Lebens- und Arbeitsverhältnissen erkundet – und möglicherweise mit dieser New Yorker, dort datiert 10.10.2017, Erkundung allererst produziert. Die verschiedenen medialen Praktiken, die newyorker.com/culture/richard-brody/ agnes-varda-and-jrs-faces-places-ho der Film intradiegetisch zeigt, und jene, die der Film als Medium ist, die im nors-ordinary-people-on-a-heroic-scale, Film eingesetzten künstlerischen Formen wie die Gruppenfotografie, das Pla- gesehen am 16.2.2018, Übers. DW. 16 Rancière: Die Aufteilung des katieren im öffentlichen Raum, das filmische Inszenieren einer fortwährenden Sinnlichen, 27. SCHWERPUNKT – KLASSE 75 DORO WIESE Selbstanalyse und -reflexion erlau- ben es zudem, dass alle Beteilig- ten sich zueinander in Beziehung setzen und Solidarität zeigen kön- nen. Die Vereinzelung sorgte laut Marx’scher Analyse dafür, dass ge- sellschaftliche Gruppen sich nicht selbst vertreten können, sondern vertreten werden müssen. In ge- wisser Weise konstituiert der Film somit die Repräsentation einer dif- fusen Klasse, die ich hier in Anleh- nung an Didier Eribon als «Klasse ohne Privilegien» kennzeichnen möchte.17 Die im Film dargestellten künstlerischen Praktiken und die künstlerischen Praktiken des Films sind für diese Klasse ohne Privilegien wegweisend, weil sie ein geteiltes Bewusstsein einer sozialen Situation erschaffen, die sich vor al- lem durch die Abwesenheit von Privilegien auszeichnet. Es ist der Film selbst, welcher der «Klasse ohne Privilegien» eine Repräsentation gibt. Die «Klasse ohne Privilegien» könnte sich sonst aufgrund ihrer Heterogenität nur im Ge- gensatz zu anderen Klassen konstituieren, die wiederum über soziales, intel- lektuelles, materielles Kapital verfügen. Eine der ersten Exkursionen, die JR und Varda unternehmen, hat die Berg- bauregion in Frankreichs Norden zum Ziel. Varda hat eine Reihe von histo- rischen Postkarten gefunden, die Bergarbeiter darstellen, und sie will sehen, wie es heute in der Region aussieht. Vor Ort hören die Filmemacher_innen, dass es eine Straße mit alten, leerstehenden Bergarbeiter_innenhäusern gibt, die abgerissen werden sollen. Dort treffen sie Jeanine, die letzte Bewohnerin der Straße. In ihrer Erinnerung betont sie die harte Arbeit unter Tage, erinnert sich aber auch mit viel Wärme in der Stimme an ihren Vater, der jeden Mor- gen mit einem langen Baguette in der Tasche unter Tage ging und den Kin- dern bei seiner Rückkehr Brotreste gab: «Ach, was für ein Fest war das dann! Das Brot war, mit Salz bestreut, so unendlich lecker.» Inspiriert von den ihnen zugetragenen Erzählungen beginnen JR und Varda, überlebensgroße Vergrö- ßerungen der historischen Fotografien auf die Häuserwände zu plakatieren. Wie sie betonen, wollen sie den Bergarbeitern und ihren Familien Respekt zollen. Die Aktion zieht viele Menschen an, die sich auf der Straße versam- meln und die Fotos kommentieren. Ähnlich wie Jeanine haben sie nur noch Kindheitserinnerungen, wenn sie über den Bergbau sprechen, denn die Kohle- produktion ist mittlerweile eingestellt, was zur Verarmung der Region führte. Einig sind sich alle, dass Bergbau ein enorm schwerer Beruf gewesen sei, und doch sind sie stolz darauf, wie ihre Familien in der Vergangenheit ihr Leben gemeistert haben. Vermittelt durch das Filmen, Interviewen und das Kleben 17 Didier Eribon: Rückkehr nach Reims, Berlin 2009, 66. hat sich so eine kleine Gemeinschaft geformt, die der Gegenwart eine geteilte 76 ZfM 19, 2/2018 AUGENBLICKE. GESICHTER EINER REISE Vergangenheit hinzuzufügen hat, der Ehre gebührt. Wenngleich das Handwerk schwer war, ist auch deutlich, dass Menschen nach der Arbeit unter Tage der Rücken gewaschen und dass Brot gemeinsam gegessen wurde: Niemand war allein, das Schicksal war geteilt, ganz anders als die heutige Isolation, die ent- lang von Bildern filmisch vermittelt wird, die Jeanines einsamen Verbleib in einer langen Straße mit leeren Häusern dokumentieren. Mit ihrer Erinnerung und Geschichte steht Jeanine nach der Plakataktion nicht mehr allein; zudem wird sie mit einer überlebensgroßen, an ihr Haus geklebten Fotografie ihrer selbst geehrt, zur Verdeutlichung ihrer Held_innentat, sich der Hausräumung zu widersetzen. Wenn Monumente traditionell die Herrscher_innen dieser Welt abbilden, so wird in Augenblicke. Gesichter einer Reise die Geschichte der ‹kleinen Leute› gleichzeitig hergestellt und zum Vorschein gebracht, vergrö- ßert, auf filmischem Material festgehalten und sowohl im Film als auch durch den Film zum Gegenstand der Betrachtung und Reflexion, der Erinnerung und Erzählung gemacht. Dadurch entsteht eine Wissensarchitektur, die einer mo- numentalen Herrschaftsgeschichte widerspricht. Die Strategie, überlebensgroße Fotografien in den öffentlichen Raum der Straße zu bringen – von JR als «Fotograffiti» bezeichnet 18 –, schließt hier an eine 18 Elizabeth Day: The Street Art of JR, in: The Guardian, dort der wichtigsten Eigenschaften von Straßenkunst an: Gemeingüter zu produzie- datiert 7.3.2010, theguardian.com/ ren, durch die «Menschen sich als Öffentlichkeit definieren und die zum Ge- artanddesign/2010/mar/07/street-art- jr-photography, gesehen am genstand von Gesprächen und Debatten, Definitionen und Verhandlungen über 16.2.2017, Übers. DW. geteilte Angelegenheiten werden können».19 Sie steht damit einer Entwicklung 19 Sally Sargeson: The Contested Nature of Collective Goods in East entgegen, die sich in den letzten Jahrzehnten global durchgesetzt hat, der Priva- and Southeast Asia, in: dies. (Hg.): tisierung des öffentlichen Raumes durch Kommerzialisierung und zunehmende Collective Goods, Collective Futures in Asia, New York 2007, 153 – 165. Kontrolle von Seiten der Regierenden. Straßenkunst verweist auf die geteilte Übers. DW. SCHWERPUNKT – KLASSE 77 DORO WIESE Nutzung des öffentlichen Raums. Es ist zwar möglich, private statt öffentliche Schulen zu besuchen oder Wasser aus eigens gekauften Flaschen statt aus der Leitung zu trinken, aber der öffentliche Raum wird regelmäßig durchkreuzt, weshalb die Teilnahme an ihm beständig verhandelt werden muss.20 Straßen- kunst kann zu einer (Wieder-)Aneignung des öffentlichen Raumes beitragen. Sie kann Menschen dazu aktivieren, ein Kunstwerk gegenüber anderen zu ver- teidigen, Spenden für Kunstschaffende einzusammeln oder an Kunstaktionen mitzuwirken. In Augenblicke. Gesichter einer Reise wird diese Form der Aktivie- rung von Passant_innen in der allerersten Fotograffiti-Aktion verdeutlicht. Für diese Aktion fahren JR und Varda mit ihrem Kleintransporter, dessen Ladefläche als Fotoautomat dient, in einen kleinen Ort und bitten Passant_innen, sich mit einem Baguette – vor das Gesicht gehalten, zwischen die Zähne geklemmt – auf- nehmen zu lassen. Diese Porträtfotos werden instantan in Überlebensgröße aus- gedruckt und so nebeneinander geklebt, dass sich das Ende einer Baguettestange mit dem Anfang der nächsten verbindet, in einem visuellen Band zwischen den Bewohner_innen. Gab es diesen Verbund zuvor? Fest steht, dass die F otografie Verbundenheit schafft, als visuelles Thema, aber auch durch die öffentlichen Produktions- und Ausstellungsbedingungen. Voller Neugier versammeln sich Menschen vor JRs Kleintransporter, nehmen bereitwillig an der Fotoaktion teil und freuen sich über die Gelegenheit des Zusammenseins. Aus Passant_innen sind Teilhaber_innen des öffentlichen Raums geworden, in den sie sich durch 20 Vgl. Luca M. Visconti, John die visuelle Repräsentation gemeinsam einschreiben. F. Sherry, Stefania Borghini, Laurel Anderson: Street Art, Sweet Art? Die Tradition der Arbeiter_innenfotografie wird dadurch aufgerufen, dass Reclaiming the ‹Public› in Public Menschen in ihren Tätigkeitsfeldern aufgenommen werden, als Bauer auf Place, in: Journal of Consumer Research, Vol. 37, Nr. 3, 2010, 511 – 529. dem Feld, als Kellnerin in einem Café. Theoretischer Ausgangspunkt für die 78 ZfM 19, 2/2018 AUGENBLICKE. GESICHTER EINER REISE Arbeiter_innenfotografie war in den 1920er Jahren die Annahme, dass «die Welt der Bourgeoisie und die Welt der Arbeiter_innen voneinander getrennte Erfahrungsbereiche seien; dass die bürgerliche Fotografie ungeeignet sei, um die Essenz der proletarischen Existenz einzufangen; und dass Arbeiter_innen, beeinflusst von der bürgerlichen Ästhetik, von proletarischen Ideologien ent- fremdet seien».21 Dadurch sollte den Arbeiter_innen die eigene Lebensrealität als kollektive Erfahrung kritisch zurückgespiegelt werden, um sie potenziell zu politischen Aktionen zu motivieren.22 An Stelle von Familien wird in der Arbeiter_innenfotografie zur Dokumentation des sozialen Lebens oftmals eine Gruppe aufgenommen, wobei das Verhältnis von fotografierender Per- son und dargestellter Gruppe durch den «Zweck der Aufnahme als im positi- ven Sinn geteilt verstanden wird».23 Am deutlichsten kommt die Bezugnahme auf die Arbeiter_innenfotografie in Augenblicke. Gesichter einer Reise zum Tra- gen, wenn JR und Varda Menschen in einer Streusalzfabrik aufnehmen, durch deren Schichtdienst nicht alle Arbeiter_innen gleichzeitig vor Ort sind. JR und Varda bitten daher die einzelnen Schichten, sich als Gruppe aufzustellen und ihre Hände in eine Richtung zu recken: die Frühschicht nach links, die Spätschicht nach rechts. 21 Karin B. Ohrn, Hanno Hardt: Gegenüberliegend auf eine Fabrikmauer montiert, sehen die entsprechen- ‹Who Photographs Us?› The den Fotos so aus, als wären die Arbeiter_innen Pflanzen, die einander entgegen Workers’ Photography Movement in Weimar Germany, Vortrags­ wachsen, als ob die jeweils andere Schicht die Sonne sei, nach der sich gereckt manuskript Jahrestreffen der und gestreckt wird. Durch dieses Motiv wird verdeutlicht, dass die Fabrik von Association for Education in Journalism, Boston, dort datiert 13.8.1980, vielen betrieben wird, die einander für die Produktion benötigen: Die Früh- eric.ed.gov/?id=ED193668, gesehen und die Spätschicht halten gemeinsam die Fabrik am Laufen. Da die Auf- am 16.2.2018, 10, Übers. DW. 22 Vgl. ebd. nahmesituation Teil des Films ist, wird zudem ersichtlich, wie viel Spaß die 23 Ebd., 18. SCHWERPUNKT – KLASSE 79 DORO WIESE Abb. 7 Agnès Varda und JR vor Fabrikarbeiter_innen beim Fototermin haben. Als die Fotos hängen, werden den von ihnen porträtierten einzelne Personen gebeten, sich für die Filmkamera auf den Fotos zu identi- A rbeiter_innen (Orig. in Farbe) fizieren. Sie stellen sich vor ihren Platz, erzählen von ihrer Arbeit und weisen sich mit dem Foto im Hintergrund als Teil eines Ganzen aus. Ich habe am Anfang dieses Aufsatzes die These aufgestellt, dass JR und Vardas Augenblicke. Gesichter einer Reise es schafft, einer diffusen «Klasse ohne Privilegien», die sich aufgrund ihrer Heterogenität nur in Abgrenzung zu an- deren Klassen mit sozialen, materiellen, intellektuellen Privilegien definieren kann, eine filmische Repräsentation zu geben. Varda und JR nutzen das zukunftsweisende Potenzial des Dokumentar- films, um eine Gemeinschaft zu evozieren, die geteilte Arbeits- und Lebens- verhältnisse reflektiert. Sie folgen damit Hito Steyerls Forderung an den kritischen Dokumentarfilm, der «den Blick auf die Welt freigibt», indem er gerade nicht das zeigt, «was vorhanden ist», sondern vielmehr eine «Pers- pektive der Zukunft» einnimmt.24 Der Film adressiert ein utopisches Poten- zial, weil es ihm nicht darum geht, die Realität zu dokumentieren, sondern offenzulegen, dass das Dokumentarische eine Konstruktion ist, die nicht nur «Wissen über die Vergangenheit vermitteln kann, sondern über das Poten- zial verfügt, eine mögliche und bessere Zukunft zu antizipieren».25 Es ist die fortwährende Konstruktion und das Abgleichen von persönlichen Wahrneh- 24 Hito Steyerl: Die Farbe der mungen und Wahrheiten, die diese Form von Zukünftigkeit gewährleistet. W ahrheit. Dokumentarismen im Kunst- Denn Augenblicke. Gesichter einer Reise fokussiert sich nicht allein auf geteil- feld, Wien 2008, 15 f. 25 Paolo Magagnoli: Documents te Arbeits- und Lebensverhältnisse, die durch die Herstellung von Privat- of Utopia: The Politics of Experimental heit und Öffentlichkeit, Produktion und Produkt sowie durch hegemoniale Documentary, New York 2015, 68, Übers. DW. Machtverhältnisse oftmals im Hintergrund verschwinden, sondern kreiert 80 ZfM 19, 2/2018 AUGENBLICKE. GESICHTER EINER REISE neue Möglichkeiten für die Analyse von Lebens- und Arbeitsverhältnissen, die Alternativen zu jenen Dynamiken bereitstellen, im Zuge derer sich viele der Landbewohner_innen Frankreichs der rechtsextremistischen Partei FN zuwenden. Wie Didier Eribon in Rückkehr nach Reims beschreibt, sind so- wohl die Kämpfe und Traditionen der Arbeiter_innenbewegung als auch die «spezifischen Lebensbedingungen», «Hoffnungen und Wünsche» der Ar- beiter_innen aus der «politischen Repräsentation und den kritischen Diskur- sen» verschwunden.26 Dass Teile seiner Familie nun nicht mehr die kommu- nistische Partei, sondern den FN wählen, sieht er als Folge einer negativen Selbstaffirmation, die dem Fehlen einer positiven politischen Repräsentation und dem Wunsch, «ihrem Standpunkt Gehör zu verschaffen», entspringt.27 Augenblicke. Gesichter einer Reise kann als Versuch gesehen werden, diesem Verschwinden der «Klasse ohne Privilegien» aus Darstellung und Vertretung entgegenzutreten und ein neues Bildgedächtnis anzulegen, das in der Zukunft 26 Eribon: Rückkehr nach Reims, 81 f. zur Verfügung stehen wird. 27 Ebd., 87. — Augenblicke. Gesichter einer Reise (Visages, Villages) läuft seit März 2018 in den Kinos und wird voraussichtlich im Dezember auf DVD (Universum Film) erscheinen. SCHWERPUNKT – KLASSE 81 S A N D R A L A D W I G VON DER ARBEIT AM FILM — Die österreichische Amateurfilmkultur der Zwischenkriegszeit Dampfende Waggons verfolgen mechanisch geleitet ihren vorbestimmten Weg, vorerst auf Schienen und schließlich an massiven Stahlbaukonstruk- tionen hängend. Nun werden die Kohleladungen ausgekippt und weiter- befördert innerhalb des gigantischen Gaswerkes, über das der Filmamateur Friedrich Kuplent in seinem «Industriefilm» Gas (AT 1933) berichtet. Die zwischen diesen Transportprozessen vereinzelt arbeitenden Menschen verlie- ren sich in den Totalaufnahmen und doch sind sie es, welche die Abläufe erst ermöglichen. Auch die Episode von der Gasverwendung in verschiedenen anderen Fabriken und Betrieben (Großwäscherei, Schlachterei, Großküche, Druckerei) zeigt die technischen und somatischen Vorgänge aus zurückhal- tender Distanz. Die Werktätigen verblassen zu Miniaturen der Schaltstellen 1 Bisherige Recherchen zeigen, dass vor allem die frühe österrei­ zwischen den rauchenden Maschinen und dem Produkt, zu anonymen Räd- chische Amateurfilmpraxis eine chen im Getriebe. Kuplents Film ist ein seltenes Beispiel dafür, dass sich vorwiegend männliche Domäne war; der Unterstrich soll einerseits den Filmamateur_innen in der Zwischenkriegszeit das Sujet der klassen- und exis- geschlechtsspezifischen Charakter tenzbestimmenden Lohnarbeit und deren Alltag im (sub)urbanen Raum zu der Filmpraxis betonen und an­ dererseits den (wenigen) Filmama­ eigen machen.1 teurinnen den ihnen zustehenden Erste Beobachtungen und Sichtungen im Amateurfilmbestand des Öster- Raum geben. 2 Das Forschungsprojekt reichischen Filmmuseums (ÖFM) 2 verdeutlichen, dass der eigene Arbeitsplatz «Doing Amateur Film. Soziale und von Amateur_innen nur sehr vereinzelt im Register der gewählten Filmstoffe ästhetische Praktiken im österreichi­ schen Amateurfilm der 1920er­ bis auszumachen ist. Klassenzugehörigkeit begründet sich somit in der frühen 1980er­Jahre» wird von Sarah Lauß, Amateurfilmkultur weniger über sichtbare Produktionsverhältnisse respektive Michaela Scharf und Sandra Ladwig in Kooperation mit der Universität Lohn- und Reproduktionsarbeit. Vielmehr verkörpern, visualisieren und für angewandte Kunst Wien, dem rhythmisieren Amateurfilme Erfahrungen der Freizeit. Die Amateur_innen Österreichischen Filmmuseum und dem Ludwig Boltzmann Institut weisen durch ihre Arbeit am Film Freizeitkultur als Ort der Aushandlung, für Geschichte und Gesellschaft rea­ der Bewusstseinsbildung von Klasse aus. Im Folgenden wird diese Filmtätig- lisiert und von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften keit in Dialog mit der zeitgenössischen Ratgeberliteratur als kulturelle P raxis im Rahmen eines Doc­team­Stipen­ nachgezeichnet. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Klubfilmer_innen, diums (Okt. 2016 – Sept. 2019) gefördert. die sich in ihrer Organisationsform von den Familienfilmer_innen deutlich 82 ZfM 19, 2/2018 unterscheiden. Die Organisierung und Strukturierung des Filmens selbst, so meine These, bestätigt den Bezug auf ‹bürgerliche› Wertvorstellungen als (Rettungs-)Versuch der Identitäts- und Standortbestimmung in der von ero- dierenden Klassengegensätzen geprägten Zwischenkriegszeit. Vom Filmen in der Freizeit «As things are, Spare Time is a time when we have a chance to do what we like, a chance to be most ourselves.» 3 Mit zunehmender Freizeit entwickelt sich dieser Lebensbereich spätestens seit dem Ende des Ersten Weltkriegs zu einem gesellschaftlich wie individu- ell relevanten Erfahrungsraum, der politisch und moralisch aufgeladen – von christlich-sozialen über völkisch-nationalistische bis hin zu sozialistischen Diskursen – verhandelt wird. Die Einrichtung einer demokratischen Republik, die wirtschaftlichen Entwicklungen mit zunehmend komplexen hierarchischen Abhängigkeitsverhältnissen und Veränderungen hin zu einer rationalisierten Produktionsweise, die Aufhebung des Adels, die Entstehung einer «industri- ellen Reservearmee der Angestellten»,4 die Herausbildung massenkultureller Freizeitangebote ebenso wie die erstarkende Arbeiter_innen- und Frauenbe- wegung stellen das Bürgertum als starre, undurchlässige Klasse in Frage. In der Freizeitkultur finden diese Erschütterungen und (Neu-)Konfigurationen ihren Niederschlag insofern, als dass Klassenverhältnisse sozial differenzier- ter, ambivalenter und dynamischer in Erscheinung treten. Über neu entste- hende Aktivitäten und Konsumkulturen segmentieren sich (geschlechts- wie klassenspezifische) Vorstellungen von und Erfahrungen in der Freizeit, die von produktiver Selbstverwirklichung und -optimierung über Bildungs- und Reproduktionsarbeit bis zur Erholung und Entspannung reichen.5 Organisier- tes Klubfilmen scheint im Rahmen dieser einschneidenden gesellschaftlichen 3 Voice­over­Kommentar in dem Dokumentarfilm: Spare Time, Regie: Transformationen im Produktions- und Reproduktionsbereich Vorstellungen Humphrey Jennings, UK 1939. von einer bürgerlichen Lebensform zuzuarbeiten, wobei die (verschollene) 4 Siegfried Kracauer: Die Ange- stellten. Aus dem neuesten Deutschland, bürgerliche Klasse restituiert werden soll.6 Frankfurt / M. 2016, 13. Anhand der Kategorien Home Movie (Familienfilm) und Klubfilm lassen sich 5 Chris Rojek: Decentring Leisure. Rethinking Leisure Theory, London zwar die heterogenen Amateurfilmpraktiken differenzieren; diese sind jedoch 1999; ders.: Capitalism and Leisure in der konkreten Filmpraxis häufig durchlässig: Während es etwa äußerst en- Theory, London 2014 [1985]. 6 Vgl. zu der Lebenshaltung gagierte und ambitionierte Familienfilmer_innen gab, die aufwendige Spielfil- und den Kulturbedürfnissen me produzierten, verfolgten manche Filmklubmitglieder kaum ihre filmische der Angestellten: Kracauer: Die An - gestellten, 92 ff. Weiterentwicklung. Was Amateurfilmpraktiken unterscheidet, ist nicht nur ihr 7 Dabei überlagern sich zuweilen sozialer Rezeptionskontext, sondern auch die Produktionsästhetik: Während auch die schöpferische Nutzung des Mediums und registrierende Auf­ die einen mit der Kamera vor allem aufzeichneten und dokumentierten, also zeichnung: Vgl. Charles Tepperman: nichtfiktionale Filmchroniken produzierten, nutzten andere die Möglichkeiten Amateur Cinema. The Rise of North American Moviemaking, 1923 – 1960, des Films als Erzählmittel und Experimentierwerkzeug.7 Oakland 2015, 169 – 192. SCHWERPUNKT – KLASSE 83 SANDRA LADWIG Im Home Movie wird über «kine matografische Fehler» oder einen fehlenden «roten Faden» hin- weggesehen, weil die Evokation ge- meinsamer wie individueller Erin- nerungen für die Beteiligten zentral ist.8 Die häufig inkohärente, frag- mentarische Narration und «man- gelhafte» Gestaltung zeugt davon, dass sich der Familienfilm üblicher- weise nicht am industriellen Film- schaffen orientiert, da gemeinsame Erlebnisse und Lebensgeschichten im Vordergrund stehen. Der per- formative Akt der Familienfilm- praxis stellt Film und nicht zuletzt Familie (wieder) her und spiegelt gewissermaßen das privatisierte und emotionalisierte Familienkonzept als tragendes bürgerliches Leitbild in der Gesellschaft wider.9 Wieder- kehrende Darstellungen von der Abb. 1 In der Ratgeberliteratur fürsorglichen und liebevollen Mutter, Erzieherin und Ehefrau verweisen dabei galt das Motiv der (Lohn-)Arbeit zum einen auf die geschlechtsspezifische Rollenverteilung und zum anderen auf durchaus als «filmenswert» die polarisierten Geschlechtscharaktere, die das uneingelöste Gleichheitsver- sprechen der Aufklärung in Bezug auf die Geschlechter markieren.10 Familienfilme reproduzieren nicht nur aufgrund ihrer stereotypen Gestal- 8 Vgl. Roger Odin: Reflections tung familiale Ideologie, auch das Ausgesparte konstruiert die trügerischen on the Family Home Movie as Document. A Semio­Pragmatic Ap­ Erzählungen, die sich vorwiegend als Antithesen zum Alltag darstellen.11 proach, in: Patricia R. Zimmermann: In eskapistischer Manier wird ein Leben frei von ökonomischen Zwängen Mining the Home Movie. Excavations in Histories and Memories, Berkeley imaginiert: Das Gewohnte und Belastende ist im Familienfilm zensuriert, viel 2008, 255 – 271. eher thematisiert er die «Idylle des modernen bürgerlichen Lebens, v oller 9 Vgl. Alexandra Schneider: Die Stars sind wir. Heimkino als filmische Freude und Glück».12 Was den kleinen Film, den Schmalfilm, vom klassi- Praxis, Marburg 2004, 65 ff. schen Erzählkino, dem dokumentarischen Film und der Filmkunst abhebt, 10 Vgl. Andreas Gestrich: Geschich- te der Familie im 19. und 20. Jahrhun- ist, dass selbst bei vorausgehender Planung Erleben und Dokumentation zu- dert, Berlin, Boston 2013, 4 ff., 36 ff. sammenfallen: Fiktion, Vorstellungskraft und Wirklichkeit verbinden sich im 11 Vgl. Odin: Reflections, 61 f. 12 Schneider: Die Stars sind wir, 11. Amateurfilm zu einer schwer entwirrbaren Erzählung davon, wie es gewesen In einigen Amateurfilmen aus der sein könnte.13 NS­Zeit manifestiert dagegen der darin visualisierte Reichsarbeits­ Anders als die Familienfilmer_innen beziehen sich die Klubfilmer_innen dienst die (propagierte) Aufhebung auf den professionellen und kommerziellen Film. Der institutionelle Rahmen der Klassengesellschaft in der antisemitischen, ‹produktiven Volks­ einer Film-Gemeinschaft impliziert zudem einen halböffentlichen Vorführ- gemeinschaft›. Vgl. Willi Nißler: Wir kontext. Insbesondere Klubfilmer_innen befinden sich in einem hoch orga- haben gelernt!, in: Der Kino-Amateur, Nr. 8, H. 3, 1. März 1935, 58 ff. nisierten, künstlerischen «Regime»,14 die Mitglieder streben «höhere» Ziele 84 ZfM 19, 2/2018 VON DER ARBEIT AM FILM als «Gelegenheitsoperateure», Erinnerungs- und Familienfilmer_innen an. Scheint die Familienfilmpraxis überwiegend einem individuellen oder sehr begrenzten gemeinschaftlichen sozialen Bedürfnis nach bewegter Erinnerung zu entspringen und in eben dieser Erinnerungszusammenkunft aufzugehen, so vollzieht sich in der Klubfilmaktivität die Wandlung vom Zeitvertreib zum 13 Vgl. zu den Filmformaten 35, Wettkampf, der ein weitaus regelkonformeres und planvolleres Handeln ein- 16, 9, 5, 8 mm: Hellmuth Lange: Wir filmen mit 9 ½, Halle (Saale) 1942 fordert.15 Klubangehörige sind wettbewerbsorientiert, wollen die eigene Leis- (Filmbücher für alle 8), 9 – 13. tung vorführen und weiterentwickeln, wie sich bei den folgenden Ausführun- 14 Ob Ryan Shand mit diesem Begriff ‹nur› das System an gen zum Klub der Kinoamateure Österreichs (KdKÖ) zeigen wird. Gestaltungsnormen im Filmklub beschreibt oder auch auf Jacques Rancières Ansatz des ästhetischen Regimes verweist, bleibt unklar. Vgl. Der Klub der Kinoamateure Österreichs (KdKÖ)16 Ryan Shand: Theorizing Amateur C inema. Limitations and Possibilities, Der Produktionsästhetik eines Amateurfilms ist die anvisierte Aufführung meist in: The Moving Image. The Journal of the schon eingeschrieben, wobei sich das Publikum je nach Gattung hochgradig Association of Moving Image Archivists, Vol. 8, Nr. 2, 2008, 36 – 60, hier 54. unterscheidet. Die Filme wurden tendenziell nicht für die Projektion im öf- 15 Vgl. Roger Caillois: Die Spiele fentlichen Lichtspielhaus produziert, jedoch zeigt ein Blick in die Geschichte und die Menschen. Maske und Rausch, Stuttgart 1960, 37 ff.; Alexandra des KdKÖ, dass die nichtprofessionelle Filmtätigkeit kein ausschließlich priva- Schneider, Wanda Strauven: Film­ tes Vergnügen war.17 Auch wenn Familienfilme bei Wettbewerben eingereicht spielerei. Digitale Home Movies von Kindern, in: Ute Holfelder, Klaus und im Verein gezeigt wurden, kritisieren die Mitglieder des Klubs in ihren Schönberger (Hg.): Bewegtbilder und Mitteilungen 1935 eine Vermengung beider Amateurfilmpraktiken: «Die für Alltagskultur(en). Von Super 8 über Video zum Handyfilm. Praktiken von Ama- den Autor sicherlich höchst wertvollen Familienbilder bleiben für den Unbe- teuren im Prozess der gesellschaftlichen teiligten gänzlich nichtssagend und wirken geradezu störend: ein Beispiel für Ästhetisierung, Köln 2017, 203 – 221. 16 Frühe Mitglieder des KdKÖ die Zwiespältigkeit des Amateurs.» 18 bildeten keine homogene sozio­ Handbücher und Zeitschriften entwerfen Bilder von und für Amateur_in- ökonomische Klasse, entstammten aber tendenziell den oberen Ein­ nen, die spezifisch bürgerliche Werte vermitteln: Die Anstrengungen der kommensgruppen. ernsthaften, lernenden und «vorwärtsstrebenden» Filmer_innen, über den 17 Vgl. dazu die Urania­Vorführun­ gen des KdKÖ: Aus den Vereinen. Familienkreis hinauszuwachsen, werden schließlich von Erfolg gekrönt sein.19 Klub der Kinoamateure Österreichs, Organisierte Klubangehörige wetteifern innerhalb anerkannter Genres wie Wien 3., in: Der Kino-Amateur. Offiziel- les Organ des Klubs der Kino-Amateure Spielfilm, Reportage oder Reisebericht in nationalen wie internationalen Kon- Österreichs, Sitz Wien, Nr. 7, H. 3, kurrenzen um eine gute Platzierung und orientieren sich offensichtlich an 1. März 1934, 92. 18 Der Kino-Amateur. Offizielles Standards der professionellen Filmproduktion. Aus diesen spezifischen Kenn- Organ des Klubs der Kino-Amateure zeichen der Klubkultur ergeben sich folgende Überlegungen: Gerade weil sich Österreichs, Sitz Wien, Nr. 8, H. 5, 1. Mai 1935, 146. Angehörige des Filmklubs an der Schnittstelle von öffentlich und privat be- 19 Vgl. Alex Strasser: Filmentwurf, wegen, lastet auf ihren Aktivitäten ein Legitimationsdruck, dem mit sozialer Filmregie, Filmschnitt. Gesetze und Beispiele, Halle (Saale) 1937 (Film­ Distinktion gegenüber dem Familienfilm begegnet wird. Dabei sind die ästhe- bücher für alle 3), 12 ff.; Friedrich tischen Praktiken der Filmenden im Klub ständig unter Leistungs- und Beweis- Kuplent: Vom Schnitt, vom Kleben und der Montage des Films. Winke zwang, was auch einer bürgerlichen Konzeption von Arbeit entspricht.20 Be- für Kino­Amateure aller Formate, wertungsmaßstäbe, die vom industriellen (und mitunter vom experimentellen) in: Der Kino-Amateur, Jg. 6, Nr. 2, 1. Februar 1933, 37 – 41. Film ausgehen, leiten und beeinflussen das Selbstverständnis des Klubs und so- 20 Vgl. Bernhard Schäfers: mit auch die filmischen Arbeiten der Amateur_innen. In ihre Konzeption von Die bürgerliche Gesellschaft. Vom revolutionären bürgerlichen Subjekt zur Freizeit ist das Arbeitsethos als grundlegende und notwendige Voraussetzung Bürgergesellschaft, Wiesbaden 2017, integriert, als Arbeit an sich selbst und als Arbeit an der (Film-)Form, wobei 17 ff.; Rojek: Capitalism and Leisure Theory, 61 – 74; ders.: Decentring die Einhaltung der Regeln des Filmsportes eine Steigerung des Erfolges und Leisure, 45 – 47. SCHWERPUNKT – KLASSE 85 SANDRA LADWIG des ästhetischen Genusses verspricht.21 Die Freizeit der Amateur_innen – und damit ihre ästhetischen Praktiken – unterstehen gewissermaßen einer zweck- mäßigen und rationalisierten Lebensform, die nun jene Vorstellungen imple- mentiert, die zuvor auf die Arbeitswelt bezogen waren: Bildung, individuelle Leistung und Aufstiegsstreben. Der Lebensbereich der Lohnarbeit weist einen zunehmend verschwindenden klassenspezifischen, eigenständigen Bestand auf (in der Betriebshierarchie sind alle formell gleich Lohnabhängige), während sich in der Freizeit eine durch gemeinsame Werte und Leitbilder begründete Freizeit- bzw. Amateurfilmkultur konstituiert. Die «bürgerliche Kultur» kann dabei als Ensemble von Werten und Verhaltensstilen gefasst werden, die jedoch schon im Laufe des 19. Jahrhunderts zunehmend klassenübergreifend wirksam sind.22 Tendenziell verleiht organisiertes Filmen in der Freizeit einem in Be- drängnis geratenen bürgerlichen Individuum nun Bedeutung und Spielraum, indem es seine unsicher gewordene Existenz über die Vereinsgemeinschaft und mittels einer kultivierten Freizeitaktivität stabilisiert.23 Mit der zunehmenden Institutionalisierung in den 1930er Jahren wächst allmählich die Amateurfilmbewegung: Der Gründer des KdKÖ Carl M. Kotlik sieht Amateurfilm als (noch nicht entsprechend anerkannten) Sport, wichtigen 21 Vgl. Christa Reim: Erziehung zum filmischen Sehen, in: Der Kulturfaktor und Mittel zur «Völkerverständigung»; durch den internationalen Kino-Amateur, Nr. 11, H. 10, Oktober Austausch wird der nationalen Bewegung zugearbeitet als auch dem_der Ein- 1938, 268; Strasser: Filmentwurf, Filmregie, Filmschnitt, 13. zelnen Geltung verschafft.24 Konkurrenz und Wettbewerb basieren im Film- 22 Vgl. Hermann Bausinger: klub auf der durch (Selbst-)Disziplin hergestellten Leistung und Anerkennung Bürgerlichkeit und Kultur, in: Jürgen Kocka (Hg.): Bürger und Bürgerlichkeit des Individuums durch die anderen Angehörigen der Gemeinschaft. Die Mit- im 19. Jahrhundert, Göttingen 1987, gliedschaft im Klub diene der «gedeihliche[n] Fortentwicklung der Arbeit des 121 – 142, hier 121 f. 23 Vgl. Siegfried Kracauer: 104. einzelnen», wobei vermehrt an die künstlerische Leidenschaft der Filmama- Die Biographie als neubürger­ teur_innen appelliert wird.25 liche Kunstform, in: ders.: Aufsätze 1927 – 1931, Schriften 5, 2, Frank­ Das KdKÖ-Mitglied Hans Innerhofer erläutert den Wert individueller Tat- furt / M. 1990, 195 – 199, hier 195 ff. kraft wie folgt: 24 Vgl. Carl M. Kotlik: Die Ama­ teurkinobewegung in Österreich, in: Der Österreichische Amateur-Filmer, Nicht der Besitz einer raffinierten Spezialkamera, sondern nur eine besondere Nr. 1, März 1934, 4 – 7. Vgl. dazu auch: N. N.: Kinoamateure sind schöpferische Kraft hebt uns aus der Masse empor. […] Hier stehe ich und ich muß Freunde des Films, in: Der Wiener von diesem Standorte meine eigene Individualität fixieren. […] Nicht nur der gute Film, Nr. 1, H. 17, 1. September 1936, Einfall, sondern erst die Umsetzung in die filmische Tat zeigt den Meister. […] Was 3. Unter österreichischer Mitwirkung uns Österreicher im besonderen Maße aber verpflichtet, ist unser künstlerisches An- konstituiert sich 1931 die UNICA 26 (Union Internationale du Cinéma sehen in der ganzen Welt. d’Amateur) als internationaler Zusammenschluss, von dem bis Hier wird deutlich, dass Kreativität noch anderen, höheren Zielen genügen soll heute Wettbewerbe und Zusammen­ künfte organisiert werden. als nur dem, die eigene Individualität und ästhetische Artikulation auszubilden, 25 Hanns Plaumann: Die Ama­ schließlich steht die nationale Reputation auf dem Spiel. Der individuelle Aus- teurfilmbewegung in Europa, in: Der Kino-Amateur, Nr. 8, H. 10, 1. Oktober druck, so Innerhofer, diene vor allem der Repräsentation Österreichs. Es gälte 1935, 265 – 268, hier 268. den Amateurfilm als verhältnismäßig junge Ausdrucksform «im Dienste unse- 26 Hans Innerhofer: Der Kino­ amateur am Scheideweg, in: Der rer Heimat» mitzuprägen.27 Das organisierte Filmen in der Freizeit entspringt Kino-Amateur, Nr. 9, H. 11, 1. Novem­ einem übergeordneten kulturellen Geltungsbedürfnis, aus dem schließlich auch ber 1936, 297 – 300, hier 298 ff. 27 Ebd., 300. die Bedeutung für das Individuum resultiert. Zusammenfassend lässt sich der 86 ZfM 19, 2/2018 VON DER ARBEIT AM FILM KdKÖ als nationaler Zusammenschluss ausmachen, der sich, von preisgekrön- ten Amateur_innen des Klubs vertreten, in der internationalen Konkurrenz be- haupten soll; appelliert wird hier an eine Amateur_innenidentität, die in der ambivalenten Spannung zur Vereinsgemeinschaft hervorsticht und in dieser Verbindung an einer nur vage definierten, gesellschaftlichen Entwicklung des Films teilhat. Die Veröffentlichungen des KdKÖ in der Zwischenkriegszeit zeigen, dass schöpferische Individualität sich durch den Bezug auf Kulturan- sprüche von Verein und Nation vollzieht und damit zugleich ein bürgerliches Konzept beschreibt: Kreative Persönlichkeit wird wechselseitig durch den übergeordneten Anspruch genährt und bringt diesen damit wiederum hervor.28 Klasse und Amateurfilmpraktiken Die Masse der Angestellten unterscheidet sich vom Arbeiter-Proletariat darin, dass sie geistig obdachlos ist. Zu den Genossen kann sie vorläufig nicht hinfinden, und das Haus der bürgerlichen Begriffe und Gefühle, das sie bewohnt hat, ist eingestürzt, weil ihm durch die wirtschaftliche Entwicklung die Fundamente entzogen worden sind. Sie lebt gegenwärtig ohne eine Lehre, zu der sie aufblicken, ohne ein Ziel, das sie erfragen könnte. Also lebt sie in Furcht davor, aufzublicken und sich bis zum Ende durchzufragen.29 Die Beschäftigung mit historischem Amateurfilmmaterial erfordert auch eine Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen und individuellen Konzeption von Freizeit. Wie diese Zeit organisiert wird, ist keineswegs eine freie Ent- scheidung, sondern von klassenspezifischen Vorstellungen und Hierarchien ge- 28 Vgl. zur Ausrichtung der bürgerlichen Familie an den Werten prägt.30 Neben diesen Zeitstrukturen beeinflusst die selbstbestimmte Praxis des der Nation: Schäfers: Die bürgerliche (Amateur-)Filmens vor allem die «Ästhetik der Ökonomie» 31 hinsichtlich einer Gesellschaft, 24. 29 Kracauer zum «Asyl der Ob­ «effizienten» Gestaltung und Zeitordnung, aber auch in Bezug auf die notwen- dachlosen» in: Die Angestellten, 91. dige Auswahl aufzeichnungswürdiger Momente des Lebens. Amateurfilm(en) 30 Vgl. Zu Haus­ und Theoriear­ beit von Frauen: Heike Klippel: Zeit ist ein exklusives und kostspieliges Vergnügen, das jedoch denen, die es sich ohne Ende. Essays über Zeit, Frauen leisten konnten, verschiedenste technische Möglichkeiten bietet, von der Her- und Kino, Frankfurt / M., Basel 2009, 94 – 132. Zu Max Weber: Rojek: stellung einfacher «lebender Familienchroniken» 32 bis hin zu aufwendigeren Ca pitalism and Leisure Theory, 61 – 74. Produktionen mit Trickaufnahmen. Die Klubfilmkultur erfordert und verbindet 31 Mark Neumann: Amateur Film. Automobility and Cinematic Aesthe­ ökonomisches (sich das Filmen leisten zu können) und soziales Kapital (Mit- tics of Leisure, in: Laura Rascaroli, gliedschaft / Gruppenzugehörigkeit) sowie objektiviertes (Amateurfilmapparatur) Barry Monahan, Gwenda Young (Hg.): Amateur Filmmaking. The Home und inkorporiertes kulturelles Kapital (angeeignete Kenntnisse im Umgang mit Movie, the Archive, the Web, New York Kamera-, Montage-, Projektionstechniken).33 Frühe Amateurfilmproduktio- 2014, 51 – 64, hier 52. 32 Wolfgang Jaensch: Hallo! nen werden nicht nur aufgrund der hohen Anschaffungs- und Materialkosten Sie filmen noch nicht? Kurzgefasste An- zumeist sorgfältig geplant. Der Umstand, dass belichtetes Filmmaterial weder leitung für Amateur-Kinematographie, Berlin 1928, 8. gelöscht noch überschrieben werden kann, setzt ebenfalls Kalkül voraus, was das 33 Vgl. Pierre Bourdieu: Amateurfilmschaffen (im Unterschied zu heutigen medialen Praktiken) maß- Ökonomisches Kapital – kultu­ relles Kapital – soziales Kapital, geblich beeinflusst. Eher Maschine denn Werkzeug, erfordert die Handhabung in: Dorothee Kimmich, Schamma der Amateurfilmapparatur Training wie strukturierte Beschäftigung. Die Kon- Schahadat, Thomas Hauschild (Hg.): Kulturtheorie, Bielefeld 2010, trolle, die bei handwerklichen Tätigkeiten noch prägend war, erodiert bei der 271 – 286, hier 275 – 279. SCHWERPUNKT – KLASSE 87 SANDRA LADWIG industriellen ebenso wie bei der nichtindustriellen Filmproduktion durch die Komplexität der Maschine.34 Bei aller Beschränkung und Voraussetzung erlau- ben jedoch die ästhetischen Praktiken des Filmens die reale, standardisierte Zeit und somit auch die erlebte Freizeit neu zu ordnen, umzuorganisieren und zu rhythmisieren, um letztlich von ihr zu erzählen, ob im ausgearbeiteten Spiel- film oder im fragmentarischen Urlaubsfilm der Familie. Amateurfilmer_innen vergewissern sich des eigenen Sehens und hinterlassen folglich eine Setzung, die das Geschehen vor der Kamera und den Akt des Sehens fixiert. Der Film verwandelt nicht nur die dreidimensionale materielle Wirklichkeit in eine zwei- dimensionale Fläche, sondern im aufzeichnenden Vorgang des Sehens findet, wie von Siegfried Kracauer beschrieben, zugleich eine (subjektiv) ordnende und gliedernde Tätigkeit statt. Filmen ermöglichte den frühen Amateur_innen mit- tels der Arbeit am Film, sich selbst ins Bild zu setzen und die materielle Wirk- lichkeit auf das für sie Wesentliche zu reduzieren oder sogar in das Unwirk- liche und Unvorstellbare vorzudringen. Ähnlich den Fotograf_innen sehen auch Amateurfilmer_innen die Dinge in und mit ihrer Seele.35 Amateurfilmen erfüllt, formt und fokussiert das Zeiterleben und ermöglicht – im Gegensatz zu anderen Freizeitpraktiken – den Rückgriff auf die moments of being, die sich durch Diffe- renz zur Routine und zum Alltag definieren.36 In den 1930er Jahren schreibt der Handbuchautor Hans Carl Opfermann zur Differenz zwischen Filmen als Lohnarbeit und dem «Kinosport»: «Wir haben dem Berufsmann jedenfalls etwas voraus, was für den Enderfolg ausschlaggebend ist: Unsere große Liebe und unermüdliche Begeisterung zum Filmen, die unge- trübt vom Zwang des täglichen Broterwerbs der Freude unserer freien Stunden dienen darf.» 37 Opfermann stellt die Begeisterung und Liebe zum Filmen dem Zwang des Broterwerbs noch gegenüber, doch in der Praxis der frühen, organi- sierten Amateur_innen wird der fremdbestimmte Zwang bereits überführt in ein selbstgewähltes Verlangen nach Verbesserung, nach Optimierung der Filmtätig- keit, die ‹Erfolg› verspricht. Die Strukturierung und Organisierung des Film(en)s im Klub führt Arbeit in diese Freizeit- und Medienpraxis ein, wodurch reines Aufzeichnen zugunsten von Gestaltung überwunden werden soll. Während für 34 Vgl. Vrääth Öhner: Spezia­ Familienfilmer_innen tendenziell das Filmen in nichts an Arbeit erinnern soll, lisierte Fragmentierung. Zu den technischen Bedingungen der setzen die Klubfilmer_innen diese unter anderen Vorzeichen fort. Ob es an der Einbildungskraft im frühen Amateur­ technischen Schwierigkeit von Innenaufnahmen liegt, dass Amateurfilmer_in- film, in: Zeitschrift für Kulturwissen- schaften, Nr. 2: Vorstellungskraft, hg. nen selten die eigene Stellung im Produktionsprozess visualisierten, oder der v. Siegfried Mattl, Christian Schulte, mit Arbeitsteilung und Spezialisierung einhergehende Entfremdungsprozess 2014, 51 – 60, hier 54 ff. 35 Vgl. Siegfried Kracauer: Theorie (vom Produkt ihrer Arbeit wie von der Tätigkeit) dazu beigetragen hat, kann des Films. Die Errettung der äußeren wohl nicht eindeutig geklärt werden. Wenn Entfremdung der hauptsächliche Wirklichkeit, Frankfurt / M. 2015, 41. 36 Vgl. Aleida Assmann: Ist die Grund für die auffällige Abwesenheit von Lohnarbeit in Amateurfilmen ist, Zeit aus den Fugen? Aufstieg und Fall so kann die Freizeit als jener Bereich der Kompensation ausgemacht werden, des Zeitregimes der Moderne, München 2013, 34 ff. dem nun das zugeschrieben wird, was die Abhängigkeit von und Verankerung 37 Hans Carl Opfermann: in scheinbar verselbstständigten ökonomischen Verhältnissen verhindert: eine Das Filmen ist so schön, Halle (Saale) 1938, 55. selbstbestimmte Tätigkeit. Die Filmklubaktivität überführt das entfremdete und 88 ZfM 19, 2/2018 VON DER ARBEIT AM FILM mit Auflösung konfrontierte (in dieser Zeit fast ausschließlich männliche) Indivi- duum in eine Sphäre, die es ihm erlaubt, eigenständig an einer Gemeinschaft zu partizipieren, welche einmal national, ein anderes Mal international argumen- tierend Selbstverwirklichung über das Filmen fordert und fördert. Nicht nur ist die (freie und schöpferische) Entfaltung des Selbst in der Vereinsgemeinschaft in hohem Maße von der Anerkennung durch andere abhängig und reglementiert. Auch verdeutlicht sich die trügerische Erwartung, Freizeit als jenen (produktiv) zu füllenden Raum so strukturieren und organisieren zu können, dass die im Verschwinden begriffene bürgerliche Klasse durch die in ihr verfochtenen Wer- te restituiert werde.38 In den Diskursen zum Amateurfilm wird der Begriff des Sportes mitsamt den sozialen Implikationen von Erfolg und Misserfolg in die Konzeption dieser Frei- zeitbeschäftigung integriert. Die Ambition zum Filmen ist spätestens mit der Organisierung im Filmklub als ein Messen der Fähigkeiten zu definieren, das in den Wettbewerben der Filmklubs seine radikalste Zuspitzung erfährt. Die fach- liche Resonanz und der soziale (auch klubübergreifende) Zuspruch ist zentraler Aspekt bei der Produktivität der Klubfilmer_innen, sodass die Medienp raxis der frühen Amateur_innen zwischen Freiheit und Erwartungsdruck, künstlerischem Ausdruckswollen und rigiden Gestaltungsnormen, die ihm erst gültige Form ge- ben sollen, oszilliert. Der Legitimationsdruck, dem sich frühe Amateur_innen ausgesetzt sehen, fördert Strukturen wie Wettbewerbsdenken, Leistungsprinzip und Individualismus, die das verhältnismäßig freie Schaffen, zwar nicht in öko- nomische, doch aber in Verwertungslogiken drängt. Die vermeintliche Freiheit von ökonomischen Zwängen bei der Produktion eines Amateurfilms stellt sich, nicht zuletzt wegen der damit verbundenen Ausgaben, als eine eingeschränkte dar; auch führen Formen der Anerkennung (symbolisch, sozial wie auch finanziell) im Rahmen von Amateurfilmwettbe- werben die Abstraktion des Tauschprinzips wieder ein.39 Der Wert des Films wird im Agon des Amateurfilms bestimmt und gegen Anerkennung, gegen Preisauszeichnungen getauscht. Auch wenn Amateurfilme im konkurrierenden Klubwesen keine Warenförmigkeit im ökonomischen Sinne annehmen, so fin- den trotzdem Prozesse des Tausches, der Wertbestimmung statt. Diese Arbeits- strukturen von Filmklubs können als Reproduktionszyklen verstanden werden, die sich laut Heike Klippel strukturell und funktional durch ihren produkti- ven Überschuss auszeichnen: Gewesenes und Anerkanntes wird erhalten (das 38 Vgl. Kracauer: Die Angestellten, erreichte Niveau der Amateur_innen und die Orientierung an Standards der 81 f. 39 Hier knüpfe ich an Überle­ professionellen und kommerziellen Filmproduktion), jedoch tritt an die Stelle gungen von Siegfried Mattl und des Alten und Singulären nun ein Neues, Nichtidentisches (die ästhetischen Vrääth Öhner an, vgl. dies.: Ästhetik des Möglichen. ‹Der grüne Kakadu› Formen des Filmtextes) und ermöglicht somit Wandlung und Fortschritt der als Bricolage heterogener Traditi­ strukturellen Entwicklung des Klubs.40 Festgestellt wird immer wieder ein be- onen, in: Siegfried Mattl, Carina Lesky, Vrääth Ohner, Ingo Zechner achtliches Niveau, auf welchem die vor allem an Wettbewerben teilnehmen- (Hg.): Abenteuer Alltag. Zur Archäologie den Amateur_innen sich bewegen. Der Maßstab ist hierbei ausgerichtet an des Amateurfilms, Wien 2015, 71 – 86, hier 76 f. zeitgenössischen professionellen Filmformen (Reportage, Spielfilm, Reisefilm, 40 Klippel: Zeit ohne Ende, 14 – 21. SCHWERPUNKT – KLASSE 89 SANDRA LADWIG abstrakter Film) und verweist mithin auf ein Mo- ment der Reproduktion, das dem Prozess der Film- herstellung der Klubamateur_innen inhärent ist. Die Orientierung an diesen etablierten Formen fördert ein dynamisches Fortbestehen der Er- zähl- und Gestaltungsweisen des ‹großen› Films im Amateurklubwesen – dynamisch deshalb, weil Amateurfilmpraktiken durch ihre Verschieden- heit vom professionellen Bereich diesen Formen immer wieder ein produktives Neues, Anderes, Eigenes hinzufügen (sowohl formal durch Format oder Montage als auch inhaltlich durch Sujet oder Narration oder durch eine kollektive Arbeitsweise). Aufgrund ihres vielfältigen kulturellen Gebrauchs nimmt Amateurkinematografie nicht zwangsläufig eine oppositionelle oder nachahmende Haltung zu professionellem oder künstlerischem Filmschaffen ein, vielmehr positioniert sie sich als Parallelkultur.41 Die Abweichung ist dabei weniger als programmati- sche Differenz zu verstehen, sondern speist sich aus den bastelfreudigen Arbeitsweisen der frühen Ama- teurfilmkultur, aus der Bricolage. Die ästhetischen Praktiken des KdKÖ unterminieren jedoch – ent- gegen der bisher konturierten ‹bürgerlichen› Arbeit am Film – mitunter bürgerliche Wertvorstellungen: Erfindungsreichtum und Experimentierfreudigkeit, spielerische und kreative Verwirklichung von Ideen und kollektive Produktionsstrategien betonen, dass die Strukturierung von Freizeit auch jenseits eines zweckrationalen Handelns liegen kann. Leider sind bisher kaum Amateurfilme aus der Zwischenkriegszeit ausfindig gemacht worden, die gesichert Arbeiter_innen zugeordnet werden kön- nen; die wenigen Aufnahmen von Maifeiern und Abb. 2 – 4 Screenshots aus: anderen Massenereignissen in der Zwischenkriegszeit könnten ebenso als Auf- Ludi als Kinoamateur, Regie: tragsarbeiten der Partei entstanden sein.42 Die Grenzen der Produktions- und Friedrich Kuplent, 9,5 mm, AT 1930, stumm, 9 Min. In den Verwendungsweisen scheinen insbesondere in diesem Bereich zwischen Ama- ‹bürgerlichen› Amateurfilm- teurfilm, (semi-)professionellem Film, Dokumentar-, Werbe- und Propagan- praktiken des KdKÖ finden sich mitunter ambivalente Strukturen: dafilm fließend zu sein. Der Bund der sozialistischen Arbeiterfilmer, von dem Die Filmgroteske unterminiert bisher nur paper trails nachgewiesen sind, positioniert sich Anfang der 1930er als Gemeinschafts-/Vereins- film gewissermaßen das bürger- Jahre entgegen der skizzierten Linie des KdKÖ: Hier wird weniger Individua- liche, individualistische Kultur- lismus gefördert als vielmehr das Privileg Filmen nun für (alle) Arbeiter_innen verständnis des Klubs zugänglich gemacht: 90 ZfM 19, 2/2018 VON DER ARBEIT AM FILM Wenn auch normalerweise das Selbstaufnehmen von Kinofilmen nicht eben wohlfeil ist, so ist es doch das Verdienst des Bundes, das Filmen für seine Mitglieder derartig verbilligt zu haben, daß man ruhig sagen kann: Filmen ist nicht teurer als photogra- phieren! Die gemeinsame Materialbeschaffung, vollständige Umstellung auf Selbst- ausarbeitung, gemeinsamer Besitz von Arbeitsgeräten und Maschinen und sorgfälti- ge Schulung haben es ermöglicht, zu diesem Resultat zu kommen.43 Zwei Parallelen lassen sich in den Diskursen dieser beiden Zweige des Ama- teurfilms erkennen: Sowohl der bürgerliche KdKÖ als auch der Bund der so- zialistischen Arbeiterfilmer erachteten technische Kenntnisse für eine schöp- ferische Filmtätigkeit als notwendig und griffen zudem ähnliche Genres, wie Natur- und Sportaufnahmen, Ausflugsfilme oder Reportagen, auf. Was aber die beabsichtigte Wirkung und übergeordnete Nutzung betrifft, so sind die Ziele unterschiedlich: Der Bund der sozialistischen Arbeiterfilmer versteht Amateurkinematografie nicht nur als persönliche Liebhaberei, sondern als Kampfmittel im Dienste des Sozialismus.44 Die Filme sollten die Wirklichkeit zeigen und im Interesse der Arbeiter_innenschaft sein. Die Schriften der sozi- alistischen Bildungszentrale und des Bundes der sozialistischen Arbeiterfilmer lassen – nach anfänglicher Skepsis gegenüber dem neuen Medium Anfang der 1930er Jahre – Vorstellungen vom Film als Propagandamittel und Medium der 41 Vgl. Öhner: Spezialisierte Aufklärungsarbeit erkennen, das vom «schlechten» Unterhaltungsfilm und Fragmentierung, 57; Shand: Theori­ zing Amateur Cinema, 55 ff. von bürgerlichen Vergnügungspraktiken distanziert schließlich seiner sozialen 42 Vgl. Ludwig Boltzmann Institut Bestimmung, dem politischen (Klassen-)Kampf, zugeführt werden müsse.45 für Geschichte und Gesellschaft (Hg.): Stadtfilm Wien. Die große Der zu erobernde Filmsport sollte als «echter Arbeitersport» die kollektive Demonstration der Wiener Arbeiter­ und kollektivierte Arbeit am Film in den Dienst der politischen Aufklärung schaft am 12. November 1927, http://stadtfilm-wien.at/film/136/, ge­ s tellen. Die Vorspiegelung einer Scheinwirklichkeit war zentraler Kritikpunkt ehen am 19.4.2018. an der bürgerlichen Kultur, der eine realistische Darstellung des Arbeiter_ 43 Die Jahresversammlung der Arbeiterfilmer, in: Arbeiter-Zeitung, innenlebens, der «Wirklichkeit», vorgezogen wurde. Ein Vergleich mit der Nr. 45, H. 185, 5. Juli 1932, 8. Arbeiter_innenfotografie der 1920er und 1930er Jahre zeigt, dass der gefor- 44 Vgl. Arbeiter-Zeitung, Nr. 45, H. 44, 13. Februar 1932, 8. Sowie: derten Bildsprache des «sozialen Sinns», dem kollektiven Einsatz der Kame- Das Kleine Blatt, Nr. 6, H. 180, ra als erzieherische, scharfe geistige Waffe im Kampfe des Proletariats nicht 30. Juni 1932, 10. 45 Vgl. Josef Weidenholzer: Auf nachgekommen, sondern viel eher Motive der bürgerlichen Welt – einer Kul- dem Weg zum ‹Neuen Menschen›. tur des Besitzes und individualistischen Persönlichkeitskultur – mitgeschleppt Bildungs- und Kulturarbeit der öster- reichischen Sozialdemokratie in der w urden: Die Fotografien bezeugen eine (verständliche) Flucht vor dem Alltag Ersten Republik, Wien 1981, 207 ff. und der sozialen Wirklichkeit, die sich somit kaum von bürgerlichen Lichtbil- 46 Vgl. Anton Holzer: Vorwärts! Die österreichische Arbeiterfoto­ dern unterscheiden.46 grafie der Zwischenkriegszeit, in: Die organisierten ‹bürgerlichen› Amateur_innen suchten in ihrer Freizeit Fotogeschichte, Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie, Nr. 33, sich selbst vergewissernd und verwirklichend, kompetitiv, nachahmend, eska- H. 127, 2013, 17 – 30, hier 22. Nach pistisch, selten experimentierend und manchmal humoristisch ihren Weg als Hermann Bausinger verweist die wechselseitige Bezugnahme zum Parallelkultur zwischen industriellem Kino und Filmkunst. Über privatistische einen auf die ‹Kulturfähigkeit› der Belange hinaus sollte an einer gesellschaftlichen Filmkultur partizipiert wer- Arbeiter_innen und zum anderen auf den in der bürgerlichen Aufklä­ den, wobei grundlegende politische, soziale oder ästhetische Transformationen rung entwickelten Gedanken der durch die Vereinigung der Interessen im Klub und die Arbeit am Film kaum klassenübergreifenden Bildsamkeit. Vgl. Bausinger: Bürgerlichkeit und angestrebt wurden. Der Blick ist wiederholt auf das vom professionellen Kino Kultur, 133 f. SCHWERPUNKT – KLASSE 91 SANDRA LADWIG Erreichte und Etablierte gerichtet, was einer Identität der Amateurfilmbewe- gung ebenso zuarbeitete wie der Leistung des Individuums. Frühe Amateur- filmpraktiken sind von einer arbeitsfunktionalen Logik geprägt, die sie ebenso aufgreifen wie durchkreuzen. Trotz aller Abgrenzungsversuche weisen die ästhetischen Praktiken der Ar- beiter_innen und des KdKÖ ambivalente Durchlässigkeit auf: Während zu- mindest für die proletarische Fotografie das Übernehmen bürgerlicher Motive geltend gemacht werden kann, so nutzten ‹bürgerliche› Filmamateur_innen kollektive Produktionsstrategien, um das Gemeinschaftsgefühl im Verein zu stärken. Einerseits wurde die Unabhängigkeit von ökonomischen Zwängen gegenüber dem Berufsfilm betont, andererseits schien der radikale Regelbruch in Form einer eigenständig entwickelten, emanzipierten Amateurfilmkultur kaum möglich, womit sich die Amateurfilmpraktiken in der Zwischenkriegs- zeit als Freizeitkultur zu erkennen geben, in der die Auseinandersetzungen um klassenspezifische Wertvorstellungen und Standortbestimmungen anhand des Film(en)s noch ausgetragen werden. — 92 ZfM 19, 2/2018 R U T H S O N D E R E G G E R DOING CLASS — Hochschulzugang, Kunst und das Gewürz-Andere Die Herausgeberinnen des ZfM-Schwerpunkts zu Klassenfragen haben mich gebeten, ein Forschungsprojekt zu besprechen, in das ich mehrfach involviert bin. Es geht um das 2016 abgeschlossene Projekt Art.School.Differences, das «Un- gleichheiten und Normativitäten» an drei Schweizer Kunsthochschulen unter- 1 Ich gehörte zum International sucht hat.1 Die Ergebnisse dieser Studie liegen seit November 2016 in Form Advisory Board des Projekts und bin eines abschließenden Projektberichts online vor und weisen weit über die Ein- auch deshalb alles andere als eine neutrale Kommentatorin, weil und Ausschlussmechanismen dreier Schweizer Kunsthochschulen 2 hinaus. Mit ich selbst an einer Kunstakademie explizitem Bezug auf ihre gesamtgesellschaftlichen – tendenziell globalen – Rah- arbeite und ein dementsprechend großes Interesse an den Ergebnissen menbedingungen gibt diese Studie Einblicke in die gegenwärtigen L eben (pre- des Projekts hatte. kärer) Kunst-, Medien- und Wissensarbeiter_innen.3 Genauer gesagt: Es ist der 2 Untersuchte Hochschulen und zugleich Fördergeber sind: nur scheinbar gänzlich immaterielle Kreativitäts- und Wissenskapitalismus, der Haute Ecole d’Art et de Design den größeren Kontext bildet, auf den der Schlussbericht kontinuierlich hinweist (HEAD – Genève), Haute Ecole de Musique (HEM Genève­Neuchâtel), bzw. den er zur Kenntlichkeit entstellt. So legt der Streit über die Ergebnisse Zürcher Hochschule der Künste der Studie u. a. offen,4 wie wenig Institutionskritik zu Zeiten sich (mit Erfolgs- (ZHdK). Darüber hinaus wurde die Projektarbeit durch das Staats­ meldungen) vermarktender Hochschulen selbst dann geduldet wird, wenn die sekretariat für Bildung, Forschung jeweiligen Institutionen diese Kritik in Auftrag gegeben haben und eigentlich und Innovation (SBFI) im Rahmen des Bundesprogrammes Chancen­ stolz auf ihre damit demonstrierte Offenheit sein könnten. gleichheit von Frauen und Männern an den Fachhochschulen 2013 – 2016 gefördert. 3 Vgl. Philippe Saner, Sophie Analysieren und intervenieren Vögele, Pauline Vessely; unter Mitarbeit von Tina Bopp, Dora Borer, Was mich in Bezug auf Art.School.Differences von Anfang an fasziniert hat, ist Maëlle Cornut, Serena Dankwa, die Praxis der so involvierten wie selbstkritischen Institutionskritik. Damit C armen Mörsch, Catrin Seefranz, Emma Wolukau­Wanambwa: m eine ich zunächst, dass diese Forschung aus der Initiative einer Lehrenden der Schlussbericht Art.School.Differences. Z ürcher Hochschule der Künste, Prof. Dr. Carmen Mörsch, heraus entstanden Researching Inequalities and Normativi- ties in the Field of Higher Art Education, ist und daher nur in zweiter Linie eine Auftragsforschung dreier Hochschulen hg. v. Institute for Art Education, genannt werden kann, der Tatsache zum Trotz, dass die Studie von den drei Zürich, November 2016, Eintrag im Projektblog, blog.zhdk.ch/artschool beforschten Institutionen mitfinanziert wurde. Die drei Hochschulen sind von differences/schlussbericht/, diese der Notwendigkeit dieser Beauftragung von innen heraus aufmerksam gemacht und alle weiteren genannten Online­ quellen gesehen am 12.5.2018. und überzeugt worden. Darüber hinaus war es dem Forschungsprojekt von 4 Vgl. Anm. 6. SCHWERPUNKT – KLASSE 93 RUTH SONDEREGGER Anfang an wichtig, nicht nur ‹über› Studierende und lehrende Kolleg_ innen und ihren institutionellen Kontext zu forschen, sondern mit ihnen – gemäß dem Ansatz der Ko- bzw. Aktionsforschung, welche der Methodologie der P articipatory Action Research folgt.5 Durchaus selbstkritisch heißt es zu diesem Ansatz jedoch schon in der Ein- leitung zum Schlussbericht: 5 Vgl. Orlando Fals­Borda, Mohammad Anisur Rahma: Action and Knowledge. Breaking the Monopoly Die im Rahmen der partizipativen Aktionsforschung in Anspruch genommene Auf- with Participatory Action Research, lösung der Trennung in Subjekte (Forschende) und Objekte (Beforschte) wurde New York 1991. zwar nicht aufgelöst, trotzdem konnten wir zu einer Differenzierung des Verhält- 6 Saner u. a.: Schlussbericht Art. nisses von Forschenden und Beforschten und zu einer Vervielfachung der Formen School.Differences, im Folgenden mit der Sigle «Sch» zitiert. der Wissensproduktion beitragen. […] Überlegungen zur Bedeutung und zum Ver- 7 Vgl. dazu insbesondere hältnis von sozial- und kulturwissenschaftlicher Forschung, partizipativen Methoden Emma Wolukau­Wanambwa: «An und politischen Interventionen innerhalb der untersuchten Institutionen waren für analysis of marketing strategies unser Vorhaben besonders wichtig. (Sch 4) 6 and promotional materials», Kap. 7, Sch 361 – 396. 8 Bei aller Kritiknotwendigkeit Die grundsätzliche Stoßrichtung von Participatory Action Research geht erstens muss man den drei beteiligten Bil­ dahin, Institutionen nicht nur zu beforschen, sondern zu transformieren bzw. dungsinstitutionen zweifellos zugu­ tehalten, dass sie sich bereit erklärt stärker noch – so zumindest der Anspruch von Art.School.Differences – in sie zu haben, sich kritisch untersuchen intervenieren (vgl. ebd.). Zweitens ist dieser Ansatz von der Überzeugung getra- zu lassen und dies auch finanziell zu ermöglichen. Offensichtlich haben gen, dass Institutionen sich nur dann wirklich und nachhaltig verändern, wenn die beteiligten und beauftragenden die in der jeweiligen Institution Tätigen die Veränderungen wollen und genug Kunsthochschulen aber nicht mit der Art von Forschung und Intervention Fantasie, Fähigkeiten und Möglichkeiten besitzen, um die entsprechende Trans- gerechnet, die ihnen dann in der formation auch tatsächlich herbeizuführen. Verordnete Veränderungen von oben Form des Schlussberichts inklusive konkreter Anleitungen für «Hand­ hingegen – meist werden sie heute Reformen genannt – funktionieren nur, so- lungsfelder» (Kap. 10, Sch 420 – 429) lange es Zwang gibt. Und auch unter Zwang sind ihre Erfolge häufig nur mäßig. zur Kenntnis gebracht wurde. Das machen die – ebenfalls auf dem Blog Die Forscher_innen von Art.School.Differences sind sich mehr als bewusst, dass veröffentlichten – und ihrerseits ein partizipatorischer Ansatz zum «Forschen im Widerspruch» (Sch 6) führt, und äußerst kritischen Stellungnahmen der drei Hochschulen deutlich. Das zwar in mehrfacher Hinsicht. So will Art.School.Differences den besten Intentio- International Advisory Board hat da­ nen der beforschten Institutionen zuarbeiten – Intentionen, wie sie mit Bezug auf rauf seinerseits mit einer Metakritik reagiert, die ebenfalls auf dem Inklusion und Diversität insbesondere in den Dokumenten der institutionellen Projektblog veröffentlicht wurde, Selbstdarstellung artikuliert werden –,7 dieselben Institutionen zugleich aber Stellungnahme des International Ad- visory Bord zu den Stellungnahmen der auch kritisieren.8 Hinzu kommt das offen ausgetragene Problem des Zeitdrucks. HEAD – Genève, der HEM und der ZHdK Während Ko-Forschung zeitintensiv und prozessorientiert ist, war das Projekt zum Schlussbericht des Forschungs- projektes ‹Art.School.Differences›, Art.School.Differences von Anfang an durch eine – auch finanzielle – Deadline und dort datiert 28.11.2016, blog.zhdk.ch/ die Verpflichtung auf Ergebnisse gerahmt.9 Bemerkenswert ist schließlich auch, artschooldifferences/files/2016/ 10/Meta_Stellungnahme_International wie selbstreflexiv und -kritisch das Projektteam mit der Spannung zwischen der AdvisoryBoard_neu.pdf. Selbstverpflichtung gegenüber der institutionellen Intervention einerseits und 9 Diese Spannung wird insbeson­ dere in Kap. 8 reflektiert, das mit dem Anspruch auf (sozial-)wissenschaftliche Objektivität andererseits umgeht dem Zitat von Adelmann «Action und dies auch im Schlussbericht immer wieder thematisiert. research is not for the impatient» (Sch 397) beginnt. Zum Konflikt Das zeigt sich auch im bewusst gewählten und begründeten Methoden- zwischen «Zielorientierung versus mix. Um dem Anliegen der nachhaltigen institutionellen Veränderung durch Prozessorientierung» vgl. Sch 401. 10 Zur Ko­Forschung wurden Forschung Rechnung zu tragen, wurden im Rahmen von A rt.School.Differences Studierende und Lehrende der drei quantitative Analysen der Daten der Hochschuladministrationen sowie des sta- untersuchten Kunsthochschulen über einen Call eingeladen. tistischen Bundesamtes, Beobachtungen der Aufnahmeverfahren, qualitative 94 ZfM 19, 2/2018 DOING CLASS Interviews und Analysen der Curricula sowie Infomaterialien der drei betei- ligten Kunsthochschulen von Anfang an mit sogenannten Ko-Forschungs- 11 Im Sommer erscheint ein fünf­ teiliger Reader zu Begriffen, Metho­ projekten im Sinn der Aktionsforschung verbunden. Diesem Ansatz zufol- den und theoretischen Ansätzen, mit ge ist es entscheidend, dass die Ko-Forschenden selbst entscheiden, wozu sie denen gearbeitet wurde, auf dem Blog und als Buch im Peter Lang Ver­ forschen wollen – bei Art.School.Differences allerdings eingeschränkt in Bezug lag Zürich. Die Reader fokussieren auf das Rahmenthema «Ungleichheiten und Normativitäten im Feld der ter- die Themen: 1. Ungleichheiten und Normativitäten im Feld der Kunst­ tiären Kunstausbildung»; und dass sie die Kooperation mit wissenschaftlichen hochschule erforschen; 2. (De­) Expert_innen (in diesem Fall die Mitarbeiter_innen von Art.School.Differences) Konstruktionen der Kunsthochschu­ le: Soziologien der Bildung und der nur bei konkretem Bedarf als Ressource für die eigenen Anliegen nutzen.10 Das Kunst; 3. (De­)Kolonisierung der wurde von den Projektmitarbeiter_innen keineswegs als Vorwand verstanden, Kunsthochschule: Methoden femi­ nistischer post_kolonialer Kritik und die Ko-Forscher_innen ganz auf sich allein gestellt zu lassen. Vielmehr wurde der Anti­Diskriminierung; 4. (De­) ihnen angeboten, sich in Workshops unterschiedliche Forschungsmethoden, Privilegierung der Kunsthochschule: weiss­Sein, Migration, Klasse und Theorien (insbesondere der Ungleichheit und Normativität) sowie theoreti- Geschlecht zwischen Diversity und sche Konzepte anzueignen.11 Internationalisierung; 5. (De­) Normalisierung der Kunsthochschu­ Dieser ‹Input› blieb aber keine Einbahnstraße. Im Zuge des Ko-Forschungs- le: Ableismus, Körperlichkeit und prozesses wurde vielmehr klar: Zwar hatten sich die Ko-Forscher_innen – alle- Politiken der Repräsentation. 12 Zur eigenen Darstellung der samt Lehrende und Studierende der drei beteiligten tertiären Bildungseinrich- Arbeit des Kollektivs vgl. Sophie tungen – bislang nicht als Bildungsforscher_innen verstanden, doch sie brachten Vögele: Swiss Art School Jungle, Ein­ trag im Projektblog, dort datiert jede Menge praktische Erfahrungen und Wissen um Ungleichheiten und Nor- 31.10.2017, blog.zhdk.ch/artschooldiffe mativitäten an ihren jeweiligen Kunsthochschulen mit, fügten also zum Projekt- rences/2017/10/31/netzwerktagung-akt ionsforschung-1-bildersprache-web-hgk/. design von Art.School.Differences durchaus neue Fragestellungen, methodische 13 Vgl. Coko Nuts Collective: Ansätze und – vor allem – Interventionsmöglichkeiten hinzu. Stellvertretend für How to Survive in the Swiss Art School’s Jungle auf Vimeo: vimeo.com/ die vielfältigen Interventionsvorschläge, die aus den Ko-Forschungen heraus ge- user41476773; Übersicht der ver­ macht wurden, sei hier auf die Clips des Coko Nuts Collective verwiesen.12 Dieses schiedenen Ko­Forschungsprojekte auf dem Projektblog, blog.zhdk.ch/ Kollektiv von Ko-Forscher_innen hat auf der Grundlage von Interviews visu- artschooldifferences/ko-forschung/. elle Handlungsanleitungen zum Überleben von Studierenden aus sogenannten 14 Vgl. Catrin Seefranz, Philippe Saner: Making Differences: Schweizer Drittstaaten an Kunsthochschulen in zehn Episoden produziert und auf Vimeo Kunsthochschulen. Explorative Vorstudie, allen Interessierten zur Verfügung gestellt.13 Die Serie trägt den Titel How to Januar 2012: blog.zhdk.ch/artschool differences/files/2013/11/Making_ Survive in the Swiss Art Schools’ Jungles und ist ohne Zweifel auch für (ausländi- Di fferences_Vorstudie_Endversion.pdf. sche) Studierende jenseits von Kunsthochschulen sehr hilfreich – ebenso wie für Sie schließt ihrerseits an eine Studie zu den Ausschlussmechanismen die Lehrenden, die wohl noch viel weniger um die Herausforderungen wissen, des Aufnahmeverfahrens des mit denen benachteiligte Studierende im Alltag konfrontiert sind. Studienzweigs Bildende Kunst an der Akademie der bildenden Künste Wien an: Barbara Rothmüller: BewerberInnen-Befragung am Institut für bildende Kunst 2009, Akademie Klassenfragen der bildenden Künste Wien, Februar Dass Klassenfragen an Kunsthochschulen eine eminente Rolle spielen, hatte 2010, akbild.ac.at/Portal/organisation/ uber-uns/Organisation/arbeitskreis-fur- schon die Pilotstudie gezeigt, welche Art.School.Differences zugrunde liegt, 14 gleichbehandlungsfragen/endbericht.pdf. nicht zuletzt weil sich dort in Interviews gezeigt hatte, dass die meisten Be- Eine weitere wichtige Referenz­ studie zur englischen Situation von fragten beim Stichwort «Diversität» an die in ihren Augen mehr oder weniger Kunst­ und Designhochschulen, auf abgehakte Geschlechterfrage denken, während etwa die Aspekte von class und die Art.School.Differences sich häufig bezieht: Penny Jane Burke, Jackie race unthematisiert bleiben bzw. auf Nachfrage als irrelevant erachtet werden. McManus: Art for a Few. Exclusion and Vor dem Hintergrund dieser Vorstudie verfolgte Art.School.Differences von An- misrec ognition in art and design higher education admissions, National Arts fang an das Ziel, die verschiedenen Achsen der Ungleichbehandlung in ihren Learning Network, London 2009. SCHWERPUNKT – KLASSE 95 RUTH SONDEREGGER (verstärkenden) Wechselbeziehungen zu untersuchen. Das Projekt ist hiermit dem Ansatz der intersektionalen Ungleichheitsforschung verbunden. In diesem Sinn schließt schon die Einleitung des Schlussberichts mit folgendem Zitat von Dipti Bhagat und Peter O’Neill zum Anspruch, nicht nur zu erforschen, «how class works as a barrier, but how socio-economic privilege works to thicken and complicate the barriers of age, disability, gender, race and sexuality. Thus, work to widen participation in Higher Education must address the totality of these barriers to offer real, structural change.» 15 Meines Erachtens ist Art.School.Differences in Sachen intersektionaler Un- gleichheitsforschung geradezu exemplarisch. Der Ausgangspunkt des Projekts ist dabei ein mit Pierre Bourdieu weit verstandener Klassen-Begriff: Im Unter- schied zum marxistischen, «auf zwei antagonistische Klassen» ausgerichteten Verständnis gehe es heute, so die Verfasser_innen des Schlussberichts, um die Einteilung gesellschaftlicher Gruppen aufgrund ihrer verfügbaren Ressourcen in einer bestimmten hierarchischen Gesellschaftsordnung. Damit sind jedoch auch Prozesse der Nicht-Anerkennung auf politischer, institutioneller oder individueller Ebene verknüpft, die in Schicht- oder Milieukonzepten meist nicht berücksichtigt werden. Angehörige einer jeweiligen Klasse verfügen aufgrund der unterschied- lichen Verteilung von ökonomischen (Vermögen, Einkommen etc.), kulturellen (Wissen, Diplome etc.), sozialen (Netzwerken, Beziehungen etc.) und anderen, feld- spezifischen Ressourcen nicht nur über unterschiedliche Teilhabechancen in den einzelnen gesellschaftlichen Bereichen, sie machen auch spezifische, damit verknüpf- te Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen […]. (Sch 13) Auf dieser methodischen Grundlage haben die quantitativen Analysen, die Beo- bachtungen sowie die qualitativen Interviews im sozialwissenschaftlichen Teil von Art.School.Differences deutlich gemacht, dass das ökonomische und sym- 15 Dipti Bhagat, Peter O’Neill (Hg.): Inclusive Practices, Inclusive bolische Kapital der Eltern von an Kunsthochschulen Aufgenommenen noch Pedagogies. Learning from Widening beträchtlich höher ist als das ohnehin schon weit über dem gesellschaftlichen Participation Research in Art and Design Higher Education, London 2011, Durchschnitt liegende Kapital der Eltern von Studierenden an Universitä- 21, online unter guildhe.ac.uk/ukadia/ ten.16 Schlüsselt man das Elternkapital derjenigen, die an den drei untersuchten wp-content/uploads/sites/3/2013/ 11/Inclusive_Practices_Inclusive_Peda Schweizer Kunsthochschulen einen Studienplatz erhalten haben, näher auf, gogies.pdf. so zeigt sich einerseits, dass die tendenziell in Teilzeit arbeitenden M ütter der 16 Vgl. Kap. 5.1.6: «class matters: Herkunftsmilieus der Studierenden», akzeptierten Studierenden über hohes symbolisches Kapital verfügen, während Sch 149 – 154. Zu einem ähnlichen die Väter umfangreiches ökonomisches Kapital mitbringen. Oder anders ge- Ergebnis kam schon die Studie von Barbara Rothmüller, vgl. dies.: sagt: Die in Kunsthochschulen aufgenommenen Studierenden kommen in der BewerberInnen-Befragung, 35 – 45. Mehrzahl aus Familien, in denen eine stark gegenderte Arbeitsteilung vor- 17 Den Erhebungen von Art.School. Differences zufolge impliziert das aber herrscht (vgl. Sch 153). Und das wiederum macht deutlich, inwiefern finan- nicht (mehr), dass Studierende mit zielle Privilegien bei der Zulassung zum Kunststudium durch Privilegien des derartigen Privilegien nicht arbeiten oder sich nicht um Stipendien familiären Umsorgtwerdens verstärkt werden; und dies alles um den offenbar kümmern müssten, um das Studium gewollten Preis einer traditionell heterosexuellen Arbeitsteilung.17 zu finanzieren. Das wirft natürlich ein noch verheerenderes Schlaglicht Seit der Durchsetzung der sogenannten Bologna-Reform verengen sich auf die Situation jener Studieren­ die sozialen Hintergründe bzw. Privilegien in Richtung derartiger Eltern- den, die sich ohne diese Privilegien durchschlagen müssen. biografien sogar zunehmend und Studierende mit dem doppelt privilegierten 96 ZfM 19, 2/2018 DOING CLASS Elternhintergrund dominieren die Kunsthochschulen immer stärker. Diese Verengung macht paradoxerweise jedoch das Begehren der Institutionen auf ein ethnisch und / oder kulturell Anderes nur umso größer – ein Anderes, das zugleich exotisiert und domestiziert wird. Der Schlussbericht umschreibt dieses Konzept von Andersheit mit einem Zitat von bell hooks: «ethnicity becomes spice» (Sch 394). Dieses Gewürz-Andere soll zwar aufregend, aber jeweils so verfasst sein, dass die bestehenden institutionellen Regeln und Arrangements nicht verändert werden müssen. In diesem Sinn heißt es im Schlussbericht: «Sobald die soziale, ökonomische, gesundheitliche etc. Situation dieser an- deren Studierenden und ihre spezifischen Erfahrungen jedoch zu Reibungen innerhalb der Institution führen, verschiebt sich der Diskurs von Heterogeni- tät, Vielfalt und Bereicherung hin zu einer Behandlung von ‹Problemfällen›.» (Sch 256). So wird Menschen mit Migrationserfahrungen beispielsweise vorge- worfen, dass sie sich zu wenig mit der Hochschule identifizieren (vgl. Sch 259) oder die ‹richtigen› künstlerischen bzw. theoretischen Referenzen nicht ken- nen.18 Ähnliches gilt in Bezug auf (ältere) Studierende, die aufgrund von Betreu- ungspflichten nicht bereit bzw. schlicht nicht in der Lage sind, die Kunsthoch- schule zu ihrem möglichst uneingeschränkten Lebensmittelpunkt zu machen (vgl. Sch 415). Besonders schwierig ist der Zugang zu Kunsthochschulen der Studie zufolge für in der Schweiz aufgewachsene Menschen mit Migrationser- fahrungen. Sie entsprechen dem Begehren nach fremden Gewürzen offenbar überhaupt nicht und sind extrem unterrepräsentiert (vgl. Sch 158). Migrations- erfahrungen als zusätzliches Wissen zu werten, liegt Hochschulvertreter_innen in den Aufnahmekommissionen demnach gänzlich fern. Zusammengefasst heißt das: Art.School.Differences führt eindringlich vor Augen, wie Privilegien in puncto ökonomisches und symbolisches Kapital von hetero- normativen Geschlechtermustern gestützt werden. Und je mehr diese Privilegien in den letzten zehn Jahren zur Voraussetzung, ja Norm eines Kunststudiums ge- 18 Nach der Analyse dieser Ausschlusstaktik in einem Team von worden sind, desto stärker formiert sich das Begehren nach einem so wilden wie Ko­Forscher_innen empfiehlt das domestizierbaren Anderen. Zwar werden Diversität und Internationalisierung in Coko Nuts Collective (vgl. Anm. 12) am Ende der 7. Episode von Rat­ den Selbstbeschreibungen und Werbebroschüren der analysierten Kunsthoch- schlägen für ausländische Studieren­ schulen großgeschrieben. Doch die diesbezüglichen Absichtserklärungen sind de, die eigenen Referenzen offensiv in Umlauf zu bringen: «Sharing your eigentlich eher Garanten des Gegenteils, scheinen sie doch von der Überzeugung artistic references makes knowledge getragen, dass Diversität gerade in Sachen race und Klasse nichts an den bestehen- flow.», vgl. dies.: How to Survive. 19 Vgl. Sara Ahmed: On Being den Strukturen verändern und nichts kosten darf, sondern ein Gnadenakt seitens Included. Racism and Diversity in der Vertreter_innen der Mehrheitsgesellschaft ist. Dieses Ergebnis bestätigt eine Institutional Life, Durham, London 2012, 116 f. These von Sara Ahmed, die von Diversitätserklärungen als non-performatives ge- 20 Ebd. 101; vgl. diesbezüglich sprochen hat; d. h. von Ankündigungen, die das bloße Vortäuschen eines Willens auch die Auseinandersetzung des Projekts Art.School.Differences zur Umsetzung produzieren. Oder anders gesagt: Nichtperformative Sprechakte mit Melissa Steyns Ansatz der sorgen dafür, dass sich an der Zusammensetzung der Studierenden und Lehren- Critical Diversity Literacy als Fähigkeit, «unterschiedliche gesellschaft­ den nichts verändert und der Schein des Umsetzens von Diversitätsbekenntnissen liche Positionierungen und die trotzdem gewahrt wird.19 In Ahmeds Worten: «[W]riting documents and having damit verbundenen Privilegien oder Benachteiligungen überhaupt good policies becomes a substitute for action».20 wahrzunehmen» (Sch 68 f.). SCHWERPUNKT – KLASSE 97 RUTH SONDEREGGER So kommt Art.School.Differences in Beantwortung der Ausgangsfrage nach Ungleichheiten und Normativitäten an Kunsthochschulen schließlich zum Ergebnis: Gesamtgesellschaftlich betrachtet wird in den Kunsthochschulen also gerade nicht die Herstellung von sozialem ‹Ausgleich› und ‹Aufstieg› angestrebt, die beobacht- baren Tendenzen weisen vielmehr die (Re-)Produktion von Differenzen und damit von Ungleichheiten in zweierlei Hinsicht auf: Auf der sozialen Ebene die Differenz zwischen aufgenommenen und abgelehnten Kandidat_innen der Hochschulen einers- eits, auf der Ebene der materiellen Praktiken die Klassifikation in legitime, d. h. staatlich förderungswürdige und auszubildende und nicht-legitime Praktiken. Daran anschließend stellt sich demnach weniger die Frage, ob die Kunsthochschulen Un- gleichheiten reproduzieren, sondern ob sie darin – im Vergleich zu anderen Bildungs- institutionen – nicht vielmehr als besonders ‹effizient› zu bezeichnen sind. (Sch 411) Umso absurder mag angesichts dieses Befunds erscheinen, dass den Erhebungen von Art.School.Differences zufolge das Kunstfeld in den Augen seiner Protago- nist_innen weiterhin – wie auch schon Bourdieu (für seine Zeit) herausgefun- den hatte – als eines gilt, das sich von der Ökonomie fern hält, ja als Gegenteil des Ökonomischen angesehen wird. Nicht ohne Grund sprechen die Forscher_ innen von Art.School.Differences mit Bourdieu auch von einer «‹anti-ökonomi- schen› Haltung» des Kunstfelds.21 Denn im Widerspruch zur Leugnung der ökonomischen Dimension ihres Felds affirmieren sowohl Lehrende als auch Studierende von Kunsthochschulen so ökonomische Logiken wie die der Kon- kurrenz, des Wettbewerbs und der Vermarktlichung ziemlich uneingeschränkt. Das zeigt insbesondere die Auswertung der qualitativen Interviews mit Stu- dierenden und Lehrenden zur Bedeutung von Aufnahmeprüfungen. Die Ana- lyse dieser Interviews legt Denk- und Affektstrukturen frei, welche Logiken des ‹Kreativitätskapitalismus› im weitesten Sinn verdeutlichen. Die hohen Investi- tionen nämlich, die ein Kunststudium mit sich bringt und zu denen sich dann noch schlechte Jobaussichten gesellen, werden von Studierenden mit der be- sonderen Qualität bzw. dem Stichwort «Exzellenz» des Studiums sowie mit der 21 Vgl. Kap. 5.1.7.: «Eine anti­ ökonomische Haltung – Motive zur exklusiven Betreuung an Kunsthochschulen gerechtfertigt. Worin diese Exzel- Studienwahl», Sch 154 f. lenz bestehen soll, wird jedoch weder inhaltlich expliziert noch reflektiert. Als 22 Zur Frage, inwiefern Kunst­ hochschulen eine Katalysatorenrolle ihre unhinterfragte Garantie gelten strenge Aufnahmeprüfungen sowie kleine, bei der Einführung von Aufnahme­ familiäre Klassen – also eine im Vergleich mit sogenannten Massenuniversitä- prüfungen an Universitäten gespielt haben, vgl. Barbara Rothmüller: ten exklusive Betreuungssituation.22 Chancen verteilen. Ansprüche und Praxis Umgekehrt fungiert das fetischisierte ‹Passen› zu einer familiären Klasse universitärer Zulassungsverfahren, Wien 2011. neben dem nicht weniger mysteriösen Verfügen über ‹Talent› als wichtiger 23 Vgl. dazu Sch 294 f. sowie Auswahlgrund von Studierenden im Rahmen der Aufnahmeprüfungen. So tra- Herbert Kalthoff: Doing / undoing class in exklusiven Internatss chulen. gen die unterschiedlichsten Akteur_innen im Feld der tertiären Kunstausbil- Ein Beitrag zur empirischen Bil­ dung zu einem Prozess bei, den Art.School.Differences im Anschluss an Herbert dungssoziologie, in: Werner Georg (Hg.): Soziale Ungleichheit im Bildungs- Kalthoff als doing class bezeichnet.23 Es geht dabei um ein Affirmieren und system. Eine theoretisch- empirische Sicheinfügen im Sinn der Konstruktion einer möglichst homogenen, familien- Bestandsaufnahme, Konstanz 2006, 93 – 122. artigen Passungsgemeinschaft, die sich darin bestärkt, eine Gemeinschaft der 98 ZfM 19, 2/2018 DOING CLASS Talentiertesten zu sein, wenngleich beim Talentecheck in erster Linie faktisch bestehende Normativitäten bestätigt worden sind. Das doing class im Sinn der Reproduktion von bestehenden Normen und Privilegien in unterschiedlichen Kapitalsorten spielt häufig selbst dort noch eine große Rolle, wo man sich dem Wortlaut nach von einem Meisterklassendenken verabschiedet hat, das Art.School.Differences zufolge aber im habituellen Alltagshandeln weiterlebt. D. h.: Man performt uneingestandenerweise immer noch das (Meister-)Klas- sensystem als eines der Reproduktion von Privilegien. Damit wird aber auch die Klassenfrage im ökonomischen Sinn noch einmal relevant: Denn die zeit- aufwändige und emotional intensive Performance des doing class ist vor allem dann nicht zu leben bzw. wird im Aufnahmeprozess jenen abgesprochen, die ‹nebenher› – d. h. neben der Klasse, die alles fordern darf und muss – lohn- arbeiten müssen oder Pflegeverpflichtungen haben: «Es sind in erster Linie Kandidat_innen und Studierende mit Arbeits- und Betreuungsverpflichtungen ohne ‹solide finanzierten Background› oder gesundheitlichen Problemen, die diese Verfügbarkeit für die Klassenfamilie nicht oder nur teilweise einlösen können.» (Sch 301) Aber nicht nur Aufnahmeprüfungen werden mit Verweis auf ihre Exzel- lenzsicherung gutgeheißen und ihre Abschaffung als etwas vollkommen Un- denkbares erfahren.24 Als Exzellenzsicherung gilt den Erhebungen von Art. School.Differences zufolge zunehmend auch die möglichst große Schere zwi- schen der Zahl der Bewerber_innen einerseits und der der Akzeptierten auf der anderen Seite. Das vermenge sich mit der Zementierung eines künstleri- schen Kanons: Denn mit dem Glauben an einen derart formalen und zugleich mythischen Indikator der Exzellenz befördern (Kunst-)Hochschulen einen nur scheinbar freien Markt, der nach den Logiken von Wettbewerb und Kon- kurrenzkultur funktionieren soll, der aber letztlich Bildungsprivilegien und einen Kanon reproduziert, als dessen Zentrum der euro-amerikanische Raum verstanden wird: «Das internationale Renommee funktioniert entlang ganz bestimmten transnationalen Zentrums-Peripherie-Strukturen. Der Euro- Amerikanische Raum wird dabei als Zentrum gesetzt, an dem sich der ‹Rest› in der Peripherie orientieren muss, um die entsprechende Anerkennung zu erhalten.» (Sch 357) Wo also Exzellenz überhaupt ‹expliziert› wird, geschieht dies nicht anhand von diskutierbaren, inhaltlichen Kriterien, sondern mit Bezug auf die Währun- gen von Wettbewerbssiegen und Rankingpunkten. Deshalb werben (Kunst-) Hochschulen in ihren Selbstdarstellungen – zuvorderst auf Websites – zuneh- 24 «Es zeigte sich, dass die mend mehr mit dem Gewinnen von Drittmitteln und anderen Wettbewerben Frage, ob sie sich eine Kunsthoch­ schule auch ohne Zulassungsprüfun­ oder Preisen (im Fall von Kunsthochschulen auch von Residencies oder Ausstel- gen vorstellen könnten, bei vielen lungsbeteiligungen), welche die hauseigenen Studierenden und Lehrenden er- Dozierenden den Status von etwas Unsagbaren, quasi Undenkbaren hat­ kämpft haben. Mit diesen und anderen kompetitiven Marketingstrategien passen te.» (Sch 177). Vgl. im Schlussbericht sich (Kunst-)Hochschulen der meist als von außen aufgezwungen dargestellten den Abschnitt 5.2.4. «Legitimations­ muster zur Begrenzung der Studien­ Vermarktlichung des tertiären Bildungssektors nicht nur an. Sie tragen vielmehr plätze», 173 – 179. SCHWERPUNKT – KLASSE 99 RUTH SONDEREGGER massiv zu genau derartigen Konkurrenzverhältnissen bei bzw. verstärken sie und damit auch die mysteriöse Währung Exzellenz – der Tatsache zum Trotz, dass gerade das Feld der Kunst sich so gerne als ökonomiefern präsentiert. Art.School.Differences zufolge ist auch der kontinuierliche Ausbau von Kom- munikations- und Marketingabteilungen an (Kunst-)Hochschulen als Teil der vom tertiären Bildungssektor selbst vorangetriebenen Vermarktlichung zu verstehen; einer Vermarktlichung, mit der auch der «Druck zur Visibilität» (Sch 272) Einzug hält. Damit ist gemeint, dass Universitäten sich zunehmend über mediale Berichte von Auszeichnungen ihrer Studierenden und Lehren- den als ‹exzellent› verkaufen. Dabei werden die Studierenden und Lehrenden ihrerseits instrumentalisiert – nämlich dadurch, dass sie zum durchaus auch ökonomisch verwerteten Kapital von Bildungsinstitutionen werden, ohne da- für finanziell entschädigt zu werden. In diesem Sinn zitiert der Schlussbericht eine Lehrperson: Dass die Kommunikation sooo die Überhand nimmt am Image der Schule und sie auch bestimmt und zensiert, das ist wirklich … […] es ist schon [so], dass sich jede Schule mit einer Kommunikationsabteilung pariert, die es nie vorher gab und das ist ein grosser Bestandteil der Arbeit der Schule: Das Image irgendwie zu preisen und die Studenten masslos zu instrumentalisieren darin, deren Arbeit, deren Preise, deren Stipendien, öffentliche Auftritte, was weiss ich, deren Leistung als Alumni. Das alles ist eine Grossmaschine für Kommunikation extern, [um] für neue Studen- ten zu werben, aber auch als Ort super sexy zu sein. (Sch 272 f.) — 100 ZfM 19, 2/2018 M A R L E N E S T R E E R U W I T Z im Gespräch mit A S T R I D D E UB E R -M A N K O W S K Y KLASSENSPRACHEN. PUNKT. — Astrid Deuber-Mankowsky Als dieses Heft zum Schwerpunkt Klasse noch in der Planung war, hast du am 22. Juli 2017 an einer Veranstaltungsreihe Klassen- sprachen 1 teilgenommen. Du hast diese Veranstaltung auf deiner Homepage als «Klassensprachen.», also mit einem Punkt angekündigt. Marlene Streeruwitz Zuerst einmal war es nostalgisch seltsam, dass mit diesem Begriff Klassensprachen. eingeladen wurde. Es ist ja nun so, dass ich bei meiner Arbeit all diese politischen Begriffe der Emanzipation der 60er und 70er Jahre in aller Alleinheit immer zur Grundlage genommen hatte. Für mich schloss sich also eine Art Kreis. Das bringt der Punkt nach Klassensprachen auch grammatikalisch zum Ausdruck. A. D. Hast du einen Vortrag gehalten, einen Text vorgelesen, ein Gespräch geführt? M. S. Ich fürchte, ich habe alle drei Textsorten benutzt. Ich habe eine jüngere Kollegin, Hanne Lippard, und ihr Werk vorgestellt. Ein Vortrag ergab sich aus der Erklärung, welchen Weg die Entwicklung meiner Sprache und meines Spre- chens genommen hat. Gelesen habe ich aus Der Abend nach dem Begräbnis der besten Freundin.2 Dieser Text ist ins Englische übersetzt und war deshalb Hanne Lippard zugänglich, die auf Englisch schreibt. Es ist aber gleichgültig, aus wel- chem meiner Texte ich läse. Es geht immer um die Entwirrung dessen, was ich die Verquickung all der Sprachen ins Sprechen einer Person nennen würde. A. D. Kannst du etwas mehr über die Entwicklung deiner Sprache und des Sprechens sagen? M. S. Interessanterweise habe ich den Umweg über die Sprachen der militärischen 1 Die Veranstaltungsreihe Klassen- Besatzung meines Landes nach dem Zweiten Weltkrieg genommen. So studierte sprachen fand vom 20.7. – 17.9.2017 im Berliner Verein für Kunst­ ich Slawistik mit Schwerpunkt russische Literatur. Dafür musste ich Russisch und Kulturförderung District statt. lernen. Das war die Sprache der Besatzungsmacht. Die kleine Stadt, in der ich 2 Vgl. Marlene Streeruwitz: Der Abend nach dem Begräbnis der besten aufgewachsen bin, war das Hauptquartier der russischen Armee in Österreich. Freundin., Frankfurt / M. 2008. SCHWERPUNKT – KLASSE 101 MARLENE STREERUWITZ | ASTRID DEUBER-MANKOWSKY Bis zu meinem fünften Lebensjahr war es Alltag, diese Sprache auf der Straße gesprochen zu hören, und es war die Sprache derer, die die Macht über uns aus- übten. Später dann, ich war ungefähr 30 Jahre alt und in einer tiefen Krise, ver- weigerte ich das Sprechen und vor allem das Lesen von Deutsch. Mehrere Jahre las ich überhaupt nur englischsprachige Texte und machte mich so theoretisch zweisprachig. Im Alltag musste ich ja weiter kommunizieren. Das Leben geht schließlich unerbittlich weiter, besonders wenn Kinder zu versorgen sind. Im Schreiben, mit dem ich begonnen hatte, war ich von dem Schock über- wältigt, nach dem Holocaust zu schreiben, und geriet da in einen Singsang. Eine Art lyrisch stotterndes Kindersprechen war das, die ich heute gar nicht mehr deuten kann. Am Ende konnte ich diese Sprachverwirrungen in einen Stil fassen, der die Bedeutungen transportieren kann, sich aber der hegemonialen Geschichte und der Geschichte der Hegemonie verweigert. So sind die Texte unzitierbar gemacht und sind in ihrer Zerbrochenheit unfähig, die Illusionen des Hegemonialen zu affirmieren. Bei der Veranstaltung Klassensprachen wurde sehr richtig festgestellt, dass ich mich mit der Zuwendung zum Englischen auch nur in eine andere Hegemonie begeben hätte. Das stimmt natürlich, und wie schon festgestellt, ist Englisch auch eine der Sprachen der Besatzungsmächte. Damals, Ende der 70er Jahre aber war das Englische eine Eroberung und damit ein Territorium, auf dem ich mich allein fühlen konnte. Der US-amerikanische realistische Roman war dann eine Brücke zur Literatur zurück. Ich musste ja die Tatsache bewältigen, dass nichts, was auf Deutsch geschrieben worden war, den Holocaust hatte ver- hindern können. Sich der Bedeutung aber nicht zu begeben und verständlich zu bleiben, das ist das Ergebnis der feministischen Grundierung. Ich musste ein sehen, und das war sehr schmerzhaft, dass ich mit den abstrakten Texten, die ich damals schrieb, nicht einmal mit mir selber kommunizieren konnte. Um also nicht stumm gemacht zu werden, fand die Rückkehr in das Deutsche statt. Ich empfand damals vor allem die hegemoniale Literatur einschränkend und knebelnd. Dagegen schrieb ich einmal an. Veröffentlichte aber nichts. A. D. Was genau meinst du mit «hegemonialer Literatur»? M. S. 60er Jahre: Konventioneller 19.-Jahrhundert-Roman: der Literatur- betrieb immer noch von den Tätern, den Nazis dominiert. Bis ‹1968› in Wien zustande kam, wurde eine hysterisch avantgardistische Libertinage entwickelt, die mit Zutrittsverweigerung einherging: Teilnahme, auch eine passive, war nur mit t otaler Zustimmung möglich. Für Frauen bedeutete das damals Unterwer- fung. Damit war körperliche Unterwerfung gemeint. Die Wiener Avantgarden der Wiener Gruppe und des Aktionismus waren direkte Antworten auf die Kul- tur des Kalten Kriegs, in den die Nazis als antikommunistische Mitstreiter_ innen wieder aufgenommen waren. Das waren Kämpfe um die Sprechmacht. Die sexistische Grundstruktur des Austrofaschismus und der Nazizeit wurde fraglos in die Avantgarden übernommen. Frauen waren für diese Künstler der 102 ZfM 19, 2/2018 KLASSENSPRACHEN. PUNKT. Tisch, auf dem im wörtlichen Sinn serviert wurde.3 Die ‹Befreiung› führte dann ja auch nur zur Füllung der Geldbörsen dieser Künstler. Im Sexismus der Avantgarden konnten sich dann später die reaktionären Kreise in Anerkennung dieser Avantgarden wohl und geborgen fühlen. Kanzler Schüssel hatte 2000 in seinem Büro ein großformatiges Bild von Nitsch hängen und ließ das auf allen Fotos sehen. Das war die hegemoniale Kultur, in der ich schrieb, aber nichts veröffent- lichte, aus Angst vor der Vernichtung durch die Öffentlichkeit. Es herrschte Ausschließung. Entweder gehörte Eine zur Kunst und nicht zur Gesellschaft oder zur Gesellschaft, und dann warst du in der Kunst nicht zugelassen. Das galt, bis der Avantgardismus durch die Anpassung an den Kunstmarkt in den 80er Jahren im kapitalistischen Markt und damit auch in der politischen An- erkennung angekommen war. Das war das erste Mal, dass ich zusehen konnte, wie eine Elite durch die Vortäuschung der Auflösung ihren Weiterbestand in transformierter Form sicherte. A. D. Die Initiatorinnen der Veranstaltungsreihe Klassensprachen, Manuela Ammer, Eva Birkenstock, Jenny Nachtigall, Kerstin Stakemeier und Stephanie Weber, stellen mit der Klassen- zugleich die Generationenfrage: Fragen der Übersetzung scheinen ihnen unvermeidlich, um, wie sie schreiben, das « Terrain von Antagonismen auszuloten, in dem sich die politischen Ortho- doxien der Vergangenheit mit den sozialen Brutalitäten der Gegenwart tref- fen».4 Welche Bedeutung misst du der Frage der Generation für eine politi- sche S ituierung zur Klassenfrage zu? M. S. Ich habe von Anfang an den Kampf gegen die politischen Orthodoxien und deren kulturelle Macht aufnehmen müssen. Dieser Kampf geht bis heute weiter. Als Feministin damals und mit einem unbedingten Würdebegriff, in den das Demokratische selbstverständlich eingeschlossen ist, war für mich ein induktives Vorgehen – damit meine ich ein Vorgehen, dass sich an der Wahr- nehmung einer einzelnen Person und von unten orientiert – die einzige Mög- lichkeit. Damit war die Feindschaft mit den Orthodoxien und Hegemonien dann schon begründet, und zugleich bildet die Klasse und die Klassenzugehö- rigkeit, wie ich am Anfang gesagt habe, eine beständige Grundlage des Schrei- bens. Die sozialen Brutalitäten damals waren der zu beschreibende Zustand 3 Vgl. Günter Brus: Aktionsskizze, und Gegenstand und sind jeweils in der Zeit eingebettet geblieben. Darin bin 1965, Inventarnummer G 633 / O, ich dann so heutig wie jede andere. Ich kann aber über die Möglichkeit zu Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien; Hermann Nitsch, vergleichen feststellen, wie unähnlich die Umstände historisch zueinander 45. Aktion, 1975, sechs Farbfoto­ sind, und sehe, wie sehr ich in der Zeit bleiben muss, um den aufgenommenen grafien, Inventarnummer MG 495 / 3, Museum moderner Kunst Stiftung Kampf weiterzuführen. Ludwig Wien. 4 Manuela Ammer u. a.: Klassen­ sprachen, 20.7. – 17.9.2017, A. D. Du hast dich in deinem Schreiben schon früh, zu Beginn dieses Jahr- archivierte Ankündigung der Ver­ tausends, mit dem zutiefst Prekären beschäftigt, dass das Leben von jun- anstaltungsreihe auf district-berlin. com/de/klassensprachen/, gesehen gen Frauen über immer nur befristete Beschäftigungsverhältnisse und ein am 28.4.2018. SCHWERPUNKT – KLASSE 103 MARLENE STREERUWITZ | ASTRID DEUBER-MANKOWSKY andauerndes heteronormatives Patriarchat bestimmt und sie in ein System von Abhängigkeiten einbettet. Ich denke etwa an den Roman Jessica, 30.5 Welche Rolle spielen in dieser literarischen Untersuchung der Prekarisie- rungsprozesse die Klassensprachen? M. S. Die soziale Brutalität in Jessica, 30. ist ja nun, dass Jessica mit den neo- liberal zerbrochenen Splittern einer middle-class-Aufsteigersprache sich selbst zureden muss, um ihr berufliches und persönliches Überleben zu garantieren. Dafür ist dann die Bewusstseinsstromtechnik das richtige Verfahren. Es geht ja um das Sprechen in der inneren Welt der Person und welche Sprachen da eingreifen und Zugang haben. A. D. Welche Bedeutung spielt es für diese Bewusstseinsstromtechnik, dass es Klassensprachen gibt, also Sprachen, über die sich Zugehörigkeit zu e iner Klasse herstellen und durch die zugleich Nichtzugehörigkeiten und die Un- möglichkeit von Klassenüberschreitungen garantiert werden – ungeachtet des Versprechens des öffentlichen Schulsystems, alle Kinder gleich zu be- handeln und in gleicher Weise an den Institutionen und gesellschaftlichen Einrichtungen partizipieren zu lassen? M. S. Eine realistische Anordnung muss die Klassensprachen ja abbilden. Die Frage ist doch nur, ob die in den Klassensprachen eingelassenen Machtverhält- nisse offengelegt werden. Das kann formal oder inhaltlich erfolgen. Ich tue das auf allen Ebenen. Die realistische Komposition der Romanfigur als einziges Wahrnehmungszentrum mit einer spezifischen Sprechweise bringt Strukturen wie Klassensprachen in der jeweils persönlichen Ausformung zur Erscheinung. Das ist ein antisoziologisches Verfahren, das die Romanfigur für die Dauer des Romans allen Zuordnungen entreißt. Das Politische ist das Sehenkönnen, wie das gesamte Lebensinventar und alle Zurichtungen zusammenwirken, den Klassenstatus herzustellen, ohne dass das von der Person selbst zur Kenntnis genommen werden muss oder überhaupt werden kann. Das Politische ist dann wiederum das Lesenkönnen eines solchen Texts. Schreiben und Lesen werden einander in diesem Vermögen im Politischen ähnlich. Als selbst links denkende Person sehe ich immer deutlicher die Inkongru- enzen von soziologischen Diagnosen in der Politik und den unzulänglichen Möglichkeiten der Person, in den abgeforderten Lebensrealitäten sich zurecht- zufinden. Wie wir immer deutlicher sehen können, handelt es sich um kultu- relle Schichtungen, die dem kritischen Blick auf sich selbst im Wege stehen. Klassensprachen sind ein grundlegender Aspekt davon, der ins Bewusstsein gehoben werden muss. Die Auswirkungen des Klassensprechens sind in jeder Person anders und können nur exemplarisch verhandelt werden. Diese Ver- handlungen, wie etwa anhand einer Figur im Roman, sind dann das Politische. Die Literatur ist der Ort, an dem die Zusammensetzungen im Einzelnen und von unten, immer aus der Perspektive der einzelnen Person untersucht werden 5 Vgl. Marlene Streeruwitz: Jessica, 30., Frankfurt / M. 2004. können und nicht abgleitet werden müssen. 104 ZfM 19, 2/2018 KLASSENSPRACHEN. PUNKT. A. D. Politischer Feminismus und die Klassenfrage schließen sich also nicht aus? M. S. Im Gegenteil, sie sind auf die komplizierteste Weise verquickt. Das haben die Orthodoxien der 1970er Jahre nicht nur nicht erkannt, sondern sie haben sich dieser Erkenntnis geradezu in den Weg gestellt. Aufgrund dieser Verqui- ckung mit den Klassenfragen ergibt sich die Notwendigkeit, ein stetes revolu- tionäres Begehren zu entwickeln, aus dem sich in der Praxis je angemessene künstlerische Verfahrensweisen ableiten. Jede Behauptung gelungener Revolu- tion wäre eine Lüge. Aber ebenso wäre jede Behauptung eines vollkommenen Versagens einer Emanzipation falsch. Die literarischen Bewusstseinsstromtech- niken bilden das Zeitbasierte dieses Prozesses ab, und die Versprachlichung ist die einzige Möglichkeit, diesen Prozess zugänglich zu machen. A. D. Du bist bekannt dafür, dass du Stellung nimmst für einen politischen Feminismus – eines deiner schönsten Bücher trägt den Titel Wie bleibe ich FeministIn – und gegen die immer stärker werdende extreme Rechte in Österreich. Seit deiner Teilnahme an den Donnerstagsdemonstrationen 2000 gegen die Regierungskoalition der ÖVP mit der FPÖ von Jörg Haider denkst du über Formen des demokratischen politischen Widerstandes nach, der Ge- fühle wie Trauer und eine Erfahrung von Gemeinschaft umfassen soll, die nicht ausgrenzend ist. Viele kennen deine Artikel und öffentlichen Auftritte, Interviews und Stellungnahmen, weniger vielleicht deine Wahlkampfroma- ne, mit denen du seit 2006 die Wahlkämpfe in Österreich 2006, 2008, 2016 und 2017 begleitet und exploriert hast. Es geht dir mit diesen Fortsetzungs- romanen um die Auslotung von politischen Entscheidungen im wirklichen Leben. Die Titel der Romane lauteten So wird das Leben (2016), Das Leben geht weiter (2008), So ist das Leben (2006). Du nennst es «Darstellung von Politik in Form literarischer Schicksale».6 Im ersten Wahlkampfroman ging es z. B. um das Schicksal einer 30-jährigen promovierten Ärztin, die in Wien 6 Marlene Streeruwitz: So ist das in e inem Nagelstudio arbeitet, weil sie keinen Ausbildungsplatz erhalten hat. Leben. Der Fortsetzungsroman zum M. S. Das ist ja, was ich meine, wenn ich von exoterischer, induktiver Vorgangs- Wahlkampf., Eintrag auf der Website der Autorin, dort datiert 18.8.2006, weise spreche. In den Wahlkampfromanen wird nur einfach erzählt, wie die ge- marlenestreeruwitz.at/werk/so-ist-das- setzlichen Rahmenbedingungen gelebt werden müssen. Wie in den einzelnen leben-ankundigung-2006/, gesehen am 27.3.2018. Leben jeweils die Vorschriften und Maßnahmen wirksam werden. Es geht doch 7 Die letzten Tage der Zweiten Repu- nur darum zu beschreiben, warum eine Person in einer Ambulanz nicht mehr blik. ist ein «Wahlkampfdrama» zum Wahlkampf 2017. Ab dem 14.9.2017 behandelt wird: weil das Geld in der Finanzkrise 2007 für die Banken ausgege- setzte Streeruwitz jeden Donnerstag ben wurde und deshalb für das Gesundheitssystem nicht mehr vorhanden ist. in Erinnerung an die Donnerstags­ wandertage des Jahres 2000 gegen 2017 habe ich zu den Nationalratswahlen ein Wahlkampfdrama geschrieben. die schwarz­blaue Regierung einen Der Titel Die letzten Tage der Zweiten Republik 7 verweist auf die Brisanz dieser Akt auf ihre Homepage. Vgl. Marlene Streeruwitz: Die letzten Tage der Wahl. Für mich ist mittlerweile interessant, dass mich diese Brisanz in das Dra- Zweiten Republik. Ankündigung, ma zurückgeworfen hat. Es ging offenkundig darum, die Täter wieder vorzu- Eintrag auf der Website der Autorin, dort datiert 3.9.2017, marlenestreeru führen und deren Zynismus zu zeigen. Das wiederum spiegelt meine eigene witz.at/werk/die-letzten-tage-der- Verzweiflung über die Zustände wider, dass ich die Erzählung verlasse und in 2-republik-drama-in-3-akten-mit-alles- veraendernden-folgen/#0, gesehen die Schilderung verfalle. am 27.3.2018. SCHWERPUNKT – KLASSE 105 MARLENE STREERUWITZ | ASTRID DEUBER-MANKOWSKY A. D. Lassen sich denn die Täter so einfach benennen? Und warum ist die Frage der Klasse wieder so aktuell geworden? Handelt es sich um einen n euen Klassenkampf oder um eine Wiederauflage des alten? M. S. Wie du weißt, habe ich zu Beginn der 90er Jahre hauptsächlich Theater- stücke geschrieben. Im Gegensatz zum klassischen Drama habe ich dabei nicht den Konflikt vorgeführt, sondern wiederum die Auswirkungen der Konflik- te ganz am Ende der Interdependenzketten. Anfang der 90er Jahre, nach der deutschen Wiedervereinigung, hätte es ja die Möglichkeit gegeben, Demokra- tie so zu verbessern, dass sie dieses Ende der Interdependenzketten erreicht hätte. Das war nicht der Fall. In einem umfassenden Vorgang der Neolibera- lisierung der Kultur selbst wurde der Konflikt in die Personen hineinverlegt. Deshalb war die Rückkehr zum Roman auch politisch begründet. Es ging da- rum, diese Konfliktverlagerung zu erforschen und zu fragen, was das für den Prozess der demokratischen Emanzipation bedeutet. Dieser Vorgang der qua- sidemokratischen Ermächtigung der Person verlagerte ja auch den Klassen- kampf in die Person selbst. Ein Zustand, den ich als Feministin schon in den 70er Jahren zu erkennen gelernt habe. Diese quasidemokratische Ermächti- gung trifft in der Person auf die dieser Person möglichen Bewegungsformen in ihrer inneren Welt. Die Klasse spielt hier wiederum eine ausschlaggeben- de Rolle. Es ist ja die Kultur der Person die Grundlage der Entscheidungen. Diese Kultur beruht auf allen Prägungen. Klasse ist da wiederum offenkundig handlungsstiftend. Aber anders als im 19. Jahrhundert sind die Klassenzugehö- rigkeiten nicht mehr identitätsstiftend, sondern die Klassenwidersprüche sind in die neoliberal konfigurierten Personen der Dienstleistungsgesellschaft ein- geschrieben. Diese sind zugleich Unternehmer_innen und Dienstleister_innen. Diese Widersprüchlichkeiten werden in der aktuellen Wiederentdeckung der Klasse geleugnet und auf die eine Seite – Unternehmer_in – oder die andere Seite – Dienstleister_in – aufgelöst. In allen Fällen eröffnen Prägungen und Bildung die Möglichkeiten. Die Auswahl der Zugehörigkeit erfolgt aber nicht durch äußere Gegebenheiten oder Zwänge, sondern aufgrund einer Entschei- dung für eine der nach innen gelegten Klassen und Identitäten. Auch des Ge- schlechts. Die Möglichkeiten der inneren Welt einer Person entscheiden also. Damit können, wie es gegenwärtig geschieht, auch die Täter wieder sichtbar auftreten. Die Kultur der Person äußert sich dann in altmodischer Offenkun- digkeit wie im 19. Jahrhundert. Aus diesem Grund kann das bürgerliche Dra- ma die Beschreibung leisten. Vielleicht wird das bürgerliche Drama sogar die einzige Möglichkeit, die Verhältnisse zu sezieren. In Die letzten Tage der Zweiten Republik. wird vorgeführt, wie es zur Gründung der Liste Kurz gekommen sein mag. Mein persönliches Wissen und die Erfahrung aus zwei Politikerfamilien positionieren mich besonders nahe an einem solchen Geschehen. Vielleicht ist das auch der Paradigmenwechsel, der mit dem Ergebnis dieser Wahl besiegelt worden ist. Der von der Neoliberalität nach innen verlegte Klassenkampf wird von einem Teil der Wahlberechtigten nach außen gestülpt und findet seinen 106 ZfM 19, 2/2018 KLASSENSPRACHEN. PUNKT. Widerhall in der radikalen Rechten. Es soll wieder eine Gemeinschaft herge- stellt werden, in der über Repräsentation die einzelne Person eingegliedert ist. Mit dieser Delegation des Klassenkampfs an die radikale Rechte ist auch die Aufgabe des demokratischen Einzelseins verbunden und es wird ganz egal, was die einzelnen Personen erleiden. Es wird ja ein höherer Wert konstruiert, des- sen Wohlergehen oder Leid über alle regiert. Deshalb war es jetzt einmal not- wendig, die Personen zu zeigen, die diese Repräsentation durchsetzen wollen, und deren Motive zu untersuchen. Eine solche Untersuchung ist die klassische Vorgangsweise des bürgerlichen Dramas. A. D. Es gibt ja nicht nur Klassensprachen in der Kunst, sondern auch die Kunst als eine Klassensprache. Kunst als Klassensprache wäre eine Kunst, die den Kunstbegriff auf die bürgerliche Kultur bezieht, k lassischerweise der Oper. Wie verhalten sich dein Inbezugsetzen von ästhetischer Form und Momentaufnahme des politischen Klassenkampfes zu dieser Frage der «Kunst als Klassensprache»? M. S. Da kann ich nur auf meine jedes Jahr stattfindende Auseinandersetzung mit den Salzburger Festspielen hinweisen. Während es in den 80er Jahren noch zu- mindest Verständnis für die heftige Kritik an dieser staatlich subventionierten Operninstitution gab, bin ich mittlerweile damit allein. Trotzdem werde ich bei der Ablehnung dieser Kunsthegemonien bleiben. Schon allein, weil in diesen Kunstsprachen sich das Kulturell-Christliche so mit dem Klassendarstellenden verbindet, dass jede Erinnerung an Klassenkampf ausgelöscht werden kann. Das wird dann jeden Abend neu hergestellt. Ich werde also weiterhin wie in den 90er Jahren verlangen, dass aus dem Wiener Burgtheater ein öffentliches Gym und aus der Staatsoper ein öffentliches Schwimmbad gemacht wird und dass alle Festspiele geschlossen werden. Aus Bayreuth wissen wir doch, was Festspiele an Politik enthalten. Solche Zusammenrottungen reaktionär antidemokratischer Kunstwerke stellen in ihrer Repräsentation der Vormoderne und des Feudalen sentimentale Häfen des Antidemokratischen dar. Zumindest sollte nicht das Geld aus den Steuern eines demokratischen Staats dafür aufgewendet werden. A. D. Die Medienwissenschaft beschäftigt sich in Anlehnung an die Cultural Studies mit Phänomenen der Populärkultur, Celebrity Culture, Fan Culture, aber auch sogenanntem Unterschichtenfernsehen. In vielen von deinen Romanen gibt es Anspielungen auf Fernsehsendungen, Reality TV, Kranken- haus- und Arztserien und Popmusik. Dein früher Roman in drei Folgen, Lisa’s Liebe.,8 kommt in der ersten Auflage in der Aufmachung eines Kioskroman- heftchens daher. Mit einem Bild von dir in den Alpen auf dem Umschlag. M. S. Hier fügt sich nun der Begriff der Globalisierung ein. Der Film war ja immer schon in ‹hohe› und ‹niedrige› Kultur von Hollywood und Arthouse eingeteilt. Hier geht es um ein weltweites Geschäft, und die Disney C ompany 8 Vgl. Marlene Streeruwitz: Lisa’s Liebe. Roman in drei Folgen. formuliert in ihrem mission statement ja das Ziel der Weltbeherrschung auf dem Frankfurt / M. 1997. SCHWERPUNKT – KLASSE 107 MARLENE STREERUWITZ | ASTRID DEUBER-MANKOWSKY Gebiet der Unterhaltungsindustrie. Diese globalisierte Dominanz machte es uns in den 80er Jahren leicht, den kritischen Blick auf die Unterhaltungsin- dustrie zu lenken und dabei die eigene, regionale Unterhaltungskultur mit zu untersuchen. Wiederum war es die feministische Position, die hier die Zusam- menhänge und Wechselwirkungen zwischen Globalisierung und Unterhal- tungskultur diagnostizieren musste. Hier interessierte mich immer am meisten die westlich-christliche Position, die die Unterhaltungsprodukte faconierten und faconieren,9 und das wiederum weltweit. Klassensprachen werden hier sub- textuell elitenverstärkend eingesetzt. Die Formen dieser Verstärkung sind mitt- lerweile globalisiert und können z. B. in den Fernsehserien beobachtet werden. Ich habe immer die Collage als Mittel der Dekonstruktion der Unterhaltungs- produkte eingesetzt. Von Anfang an in Collagen, diesem Groschenroman und vor allem in meinen Hörspielen. Selbstverständlich könnten auch die Romane als Collagen gelesen werden. Was ich mir vorwerfe, ist, dass ich mich verleiten ließ, die Kritik an der Unterhaltungsindustrie weniger heftig und aggressiv auf- rührerisch zu formulieren. In meinen letzten Vorlesungen Das Wundersame in der Unwirtlichkeit.10 bin ich zu dieser Kritik aber wieder zurückgekehrt. Ich kann vielleicht erst heute die ungeheure Wirkungsmacht der Unterhaltungsindustrie sehen. Übrigens betrifft das auch und vor allem die Unterhaltungsprodukte des 19. Jahrhunderts wie etwa Karl Mays Romane. A. D. Gleichzeitig spielen diese Formate in deiner Literatur, vor allem in den Hörspielen, in denen Zitate aus der Oper mit Populärmusik und Werbespots kombiniert werden, eine wichtige Rolle. Sie spielen diese Rolle, weil sie Ge- fühle und Affekte mobilisieren: Liebe, aber auch Scham. Taucht bei dir auch die Scham über die Herkunft, über die Herkunft aus der Arbeiterklasse auf? M. S. Da fällt mir Yseut. ein. Mein letzter Roman. Yseuts Lebensentscheidungen werden von der Scham über die Unzulänglichkeit ihrer Herkunft bestimmt. Sie versucht verzweifelt, den Ansprüchen ihres bürgerlichen Manns gerecht zu werden, der wiederum den Forderungen seiner eigenen Klasse nicht Genüge tun kann. Ein anderes Beispiel wäre die Hauptfigur in Kreuzungen.11 Ein Mann, elternlos im Heim groß geworden, für den Klassensprachen die Möglichkeit der Zugehörigkeiten bedeuten. Diese Figur ist eine neoliberale Selbstkonstruk- tion, sie benutzt Klassensprachen als Instrument dieser Selbstkonstruktion im wörtlichen Sinne von «Selfmademan». Klassensprachen sind hier dann auch Instrument seiner Wahrnehmung, seiner Machtausübung und des Spiels mit der Scham der anderen. Am Ende ersetzt das Geld auch die Klassensprachen. Diese Figur ist am Ziel, wenn sie so reich ist, dass sie nur noch über Geld kom- 9 Faconieren: österreich. für muniziert und die Klassensprachen in seinem Sprechen zum reinen Ornament formen, ausgestalten. geworden sind. Im Wahlkampfdrama 2017 Die letzten Tage der 2. Republik. sagt 10 Vgl. Marlene Streeruwitz: Das Wundersame in der Unwirklichkeit. Neue der Markengründermilliardär, der seinerseits aus der Arbeiterklasse stammt: Vorlesungen, Frankfurt / M. 2017. «Mittlerweile habe ich genug Geld, das alles zu verachten. Das kann ich mir 11 Vgl. Marlene Streeruwitz: Kreuzungen., Frankfurt / M. 2008. leisten. Verstehst Du. Leisten. Das ist das wichtige Wort.» 108 ZfM 19, 2/2018 KLASSENSPRACHEN. PUNKT. A. D. In anderer Weise zum Thema werden Klassendifferenzen in jenen Romanen, in denen du entlang literarischer Schicksale die politischen Hin- tergründe der österreichischen Gesellschaft und ihrer Geschichte auslotest. Ich denke an Partygirl. oder auch an den eben schon erwähnten Roman Kreuzungen. Was interessiert dich am österreichischen Adel? Ist das eine Fortsetzung der «Elitenforschung»? M. S. Das ist Elitenforschung und Elitendekonstruktion. Es geht doch immer noch darum, die Standardikonografie des bürgerlichen Romans zu dekonstru- ieren. Denn die Aufgabe des bürgerlichen Romans ist nichts anderes als die Unterdrückung des Klassenkampfs und damit zugleich jeder anderen Eman- zipation, also auch der Geschlechteremanzipation. Dank des kulturellen Kanons in unseren Gesellschaften sind wir ja weiterhin mit der bürgerlich-christlichen Kultur und ihren Derivaten der verschiedenen Zeiten konfrontiert. Immer noch geht es um die Wahrheit einer gesamthaften Lebenswirklichkeit und ge- gen eine ideologisch motivierte Auswahl von Ausschnitten. Nur der unablässige Blick auf die Romanfigur ist in der Lage, etwa die Wahrheit des Geschlechts zu formulieren. Die bürgerliche Methode, einen geschlossenen Erzählstrang zu behaupten, dabei aber Teile auszuschneiden und wegzulassen, ist Lüge durch Auslassung. Die Verschweigung von zu Erzählendem bedeutet die Verschwei- gung von Wahrheit. Dieses Verschweigen ist doch genau die Technik, mit der das Patriarchat unbenannt je neu hergestellt werden kann. Andererseits kön- nen ebensolche Auslassungen Sexismen und Rassismen transportieren. Das ist wiederum ein Beispiel dafür, wie eine Methodenanalyse zu keinem eindeutigen Ergebnis kommen kann. Es geht wiederum nur, Fall für Fall durchzuarbeiten, um die Politik eines Texts offenzulegen. A. D. Und wie ist diese Form des bürgerlichen Romans mit der G eschichte der österreichischen Monarchie verbunden? Über den österreichischen Katholizismus? Du hast ein Institute for Critical Studies of Austrianness ge- gründet und den Begriff der Postmonarchie geprägt. Erklärt der Begriff der Postmonarchie das Ergebnis der letzten Wahlen, die den radikalen Rechten eine Mehrheit von 60 % gebracht hat? M. S. Zuerst einmal gibt es lange keine österreichische Literatur. Das, was in den Schulen als deutsche Literatur unterrichtet wird, umfasst vor allem den deut- schen Sturm und Drang, deutsche Klassik und Romantik. Ich bin also kultu- rell zum Teil Deutsche. Erst die jüdische Emanzipation der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat das hervorgebracht, was österreichische Literatur genannt wird. Freud. Schnitzler. Kafka. Roth. Hoffmannsthal. Zweig. Diese Literatur ist immer perspektivisch und nie national wie etwa Thomas Mann. Das hat auch damit zu tun, dass es keinen österreichisch-deutschsprachigen Nationalismus gibt. Das bezieht sich auf die Geschichte des 19. Jahrhunderts und die Nati- onalbewegungen in Ungarn, Polen etc., die damals alle zu Österreich gehör- ten. Die deutschsprachigen Österreicher_innen sind jene, die sich nicht über die SCHWERPUNKT – KLASSE 109 MARLENE STREERUWITZ | ASTRID DEUBER-MANKOWSKY Zugehörigkeit zu einer ungarischen, tschechischen etc. Sprachgemeinschaft einer National-Befreiungs- und Absetzungsbewegung von Österreich anschlie- ßen konnten und sich damit anders identifizierten mit dem Rest-Österreich. Und wie genau das ging, wie es mit der katholischen Kirche und deren Verhält- nis zum Staat zusammenhängt, ist die Frage, der das Institut nachgeht. Der alles zusammenfassende und alle einhüllende Wert für die deutschsprachigen Öster- reicher_innen war die Figur des österreichischen Kaisers. Der Kaiser repräsen- tierte alle Gefühle und war Projektionsobjekt für sie, die in anderen Kulturen wie etwa in Ungarn im Nationalismus ihren Ausdruck fanden. Die erastianisch 12 funktionierende katholische Kirche verlieh diesen Gefühlen die moralische Be- stätigung in der Formulierung des Kaisers als von Gott eingesetzter weltlicher Autorität. Diese ‹Elternschaft› von weltlicher und himmlischer Herrschaft hat die Personen der Monarchie zutiefst geprägt und auch ihre Bereitschaft begrün- det, sich im Ersten Weltkrieg für diese ‹Elternschaft› töten zu lassen. Es ist d iese kulturelle ‹Elternschaft›, die ich in meinem Institut untersuche. Ich möchte herausfinden, wie weit und wie sehr diese Elternschaft postchristlich die Kul- tur beherrscht und die Neigung zu faschistischen Lösungen gefördert hat. Im- mer wieder ist von einer melancholischen Heimatlosigkeit des Österreichers zu hören. Das lässt auf eine vaterlose Männlichkeit schließen, bei der die Figur des Monarchen als Gründungsmythos einer solchen Männlichkeit sehr gut in Frage käme. Der österreichische Adel ist in seinem Widerstand gegen das Erzhaus, also die Familie der Habsburger, interessant. Jedenfalls wurde in dem Dualismus von katholischem Erzhaus und machthungrigem Adel jedes Aufkeimen von Re- volution konsequent erstickt. Wie ja sowohl Erzhaus und Adel die Reaktion in Europa anführten. Die Angst vor den Massen oder die Angst vor der Revolution konnte dann bis in die Arbeiterklasse wirksam werden, wie die Ereignisse des Jahres 1934 schließen lassen. A. D. Du sagst also, dass die Arbeiter_innenklasse und ihre politische Re- präsentation antirevolutionär eingestellt waren? Wie prägt dies, was du «Austrianness» nennst? M. S. Die Geschichte der Jahre 1933 und 1934 erzählt uns von einer Politik des Zögerns, Zurückhaltens und endgültigen Aufgebens der Linken in Österreich. So wurden in den gewaltsamen Auseinandersetzungen des Jahres 1934 die Waf- fenlager des republikanischen Schutzbunds von den Sozialisten nicht geöffnet und die Waffen nicht ausgegeben. Daraus schließe ich auf eine innere Zensur der führenden Männer der Linken, die sich die Revolution nicht zumuteten. (Dazu ist es interessant, Jura Soyfer zu lesen. Etwa So starb eine Partei.) Mich in- teressiert, wie so eine Zensur entsteht, und auch das war ein Grund, mir dieses Institut auszudenken. Ursprünglich begannen diese Überlegungen in den 80er Jahren mit der Frage, wieso das Dirndl immer noch so gerne getragen wur- de, wo doch im Jahr 1938 etwa in Salzburg ein «Dirndltrageverbot für Juden» 12 Erastianisch bedeutet, dass die Kirche dem Staat unterstellt ist. erlassen wurde und sich das Tragen von Dirndln aus dieser Tatsache heraus 110 ZfM 19, 2/2018 KLASSENSPRACHEN. PUNKT. verbieten würde. Deshalb habe ich im Jahr 2000 als Protestaktion gegen die damals schwarzblaue Koalition von ÖVP und FPÖ 20 Dirndl aus Österreich ausgeschafft und in einer Performance mit dem Titel Niedertracht im Haus des Lehrers am Berliner Alexanderplatz in Demokratie unterwiesen. Mein eigenes Hochzeitsdirndl aus dem Jahr 1972 habe ich dabei zerschnitten. Diesen poli- tischen Abschied vom Dirndl habe ich mit Polaroid und Video dokumentiert und kann ihn so jederzeit wiederholen. Es ist ja ein langer Weg von den eman- zipatorischen Wünschen und Vorhaben einer Person bis zur inneren Überein- stimmung und der Möglichkeit, diese Wünsche und Vorhaben in aller Eman- zipation zu leben. Immerhin ist es aber auf diesem Weg möglich, der ersehnten Freiheit nahe zu kommen. — SCHWERPUNKT – KLASSE 111 — EXTRA S I M O N S T R I C K ALT-RIGHT-AFFEKTE — Provokationen und Online-Taktiken «All the messages are emotional.» LAURENT BERLANT, Trump, or Political Emotions Für den englischen Begriff prank gibt es keine angemessene Übersetzung. Ein ‹Streich› im Deutschen trägt leicht altmodische Konnotationen. Er assoziiert Kinder, eine vielleicht kleinstädtische Umgebung, ein unschuldiges Verwirr- spiel mit den Routinen der Ewachsenenwelt ohne ernste Konsequenz. ‹Klingel- streich› und ‹Bubenstreich› gibt das Online-Wörterbuch leo.org als Ä quivalente mit altbackener Geschlechtsspezifik aus. Die Begriffe klingen nach kleiner Welt, in der Jungs eben tun, was Jungs so tun. Prank in der Internetsphäre ver- bindet diese Intimität mit globaler Reichweite und extremer Sichtbarkeit, denn das Internet ist «just a world passing around notes in a classroom», wie TV- Talker Jon Stewart einmal sagte. Im Folgenden vergleiche ich zwei pranks aus dem derzeitigen Kulturkampf, der von der US-amerikanischen Alt-Right lanciert wird. Beide zirkulierten im vergangenen Jahr und erzielten aus dem virtuellen Raum heraus emotional und politisch folgenreiche Effekte. Zur Begriffsklärung: Alt-Right (alternative right), geprägt vom weißen Supre- matisten Richard Spencer, bezeichnet ein informelles Netzwerk aus Vertreter_ innen von Ethnonationalismus, Demokratiefeindlichkeit, Antifeminismus und Rassismus.1 Die Alt-Right ist von den politischen Feldern, die als ‹Rechtspo- pulismus› oder ‹klassischer› Neofaschismus kanonisiert sind, weder personell noch ideologisch sauber zu trennen: Die unscharfe Verhandlung dieser Ideolo- geme ist Charakteristikum der neuen Rechten. Alt-Right bezeichnet im ameri- kanischen Kontext primär eine onlinebasierte Bewegung, die dissidentisch zur etablierten Politik und Parteienlandschaft steht, links wie rechts. Die Alt-Right geriert sich als intellektuelle, transgressive und mediensteuernde Avantgarde zur Reinstallation weißer, männlicher Vorherrschaft. Ihre Verfahrensweise, so 1 Vgl. George Hawley: Making meine These, ist die Produktion von Affekt und die Arbeit am Affekt. Sense of the Alt-Right, New York 2017. EXTRA – KLASSE 113 SIMON STRICK Der Vergleich zweier pranks – des YouTubers PewDiePie und einer online organisierten Posteraktion – soll aufzeigen, dass die Sprach-, Aufmerksam- keits- und Netzwerkspiele innerhalb sozialer Medien nicht nur ‹ambivalent› und vieldeutig sind, wie Milner und Phillips in ihrer Studie zu Antagonismen im Internet 2 ausführen. Vielmehr wird deutlich, dass konventionalisierte Ver- haltensweisen und Affekte der Social Media – wie Trolling, Ironie, humoris- tischer Kommentar, metamediale Produktion – mittlerweile im Flächeneffekt 2 Vgl. Whitney Phillips, Ryan dorthin tendieren, wo wir gemeinhin ‹rechts› oder ‹rechtspopulistisch› situie- M ilner: The Ambivalent Internet: Mischief, Oddity, and Antagonism ren. Der unternehmerische Aspekt ist hier nicht zu unterschätzen: Es ist für Online, C ambridge 2017. ‹politisch neutrale› YouTuber wie PewDiePie äußerst lukrativ, Provokationen 3 Vgl. Nancy S. Love: Back to the Future: Trendy Fascism, the Trump zu produzieren und affektiv durchzuarbeiten, die jenen nationalistischen und Effect, and the Alt­Right, in: New rassistischen Positionen nahestehen, die im zweiten Beispiel urhebend sind. Political Science, Vol. 39, Nr. 2, 2017, 263 – 268. Als Affektarbeiter in der nervösen Aufmerksamkeitsökonomie der Plattform 4 N. N.: The 100 Most Influential kommen ihm und der Alt-Right die Aufregung um Rassismus zur Produkti- People, in: TIME Magazine, dort datiert 21.4.2016, time.com/ on authentischer Gefühle gerade recht – rechter Populismus und «flirting with collection/2016-time-100, gesehen fascism» 3 sind emotional, diskursiv und finanziell sinnvoll. Die Abonnent_ am 28.6.2018. 5 Vgl. Gabriele Dietze, Simon innen zahlen und view counts steigen nicht trotz, sondern wegen der ausgelösten Strick: Aufstand der Betamännchen, Kontroversen unbeirrt. in: Gender Blog, Zeitschrift für Medien- wissenschaft, dort datiert 18.12.2017, zfmedienwissenschaft.de/online/blog/der- aufstand-der-betamännchen, gesehen am 28.6.2018. PewDiePie 6 PewDiePies geschätzte Der ‹Streich›, den PewDiePie am 11. Januar 2017 als Video veröffentlichte, Einnahmen pro Video liegen bei 21.000 USD, das Jahreseinkommen erreichte ein Millionenpublikum. PewDiePie, bürgerlich Felix Kjellberg, ist bei 11 Millionen USD. Sponsoren seit Dezember 2013 fast ununterbrochen der populärste YouTube-Kanal (der- sind z. B. MTV, der Computerher­ steller Razer und Disney. Vgl. Bill zeit 63 Millionen Abonnent_innen). Für die Videoplattform sind seine tägli- Roberts: How much does PewDiePie chen Vlogs und Videos so zentral wie der ‹Tatort› für die deutsche Fernseh- make? Full YouTube Earnings Report!, in: Vloggergear, dort datiert landschaft. Laut Time Magazine 4 ist Kjellberg einer der 100 einflussreichsten 8.11.2017, vloggergear.com/how- Menschen der Welt, und er kann als Protagonist jenes Online-Milieus juveniler much-does-pewdiepie-make, gesehen am 28.6.2018. Männlichkeiten bezeichnet werden, die Gabriele Dietze und ich an anderer 7 Ausnahme: Marcus Maloney, Stelle die ‹Betamännchen› genannt haben.5 Trotz seiner Reichweite und Popu- Steven Roberts, Alexandra Caruso: ‹Mmm … I love it, bro!›: Perfor­ larität 6 ist der 29-jährige Schwede akademisch fast nicht rezipiert.7 mances of masculinity in YouTube Das fragliche Video 8 zeigt PewDiePie in seinem Aufnahmestudio, als er die gaming, in: New Media & Society, Vol. 20, Nr. 5, 2018, 1697 – 1714. Internetplattform Fiverr entdeckt, um sie ‹humoristisch› zu rezensieren. Das 8 PewDiePies originaler Upload israelische Unternehmen der sogenannten Gig Economy bietet eine Plattform, wurde infolge der Kontroverse von dessen Kanal entfernt, findet sich ähnlich wie Uber oder Amazons Mechanical Turk, auf der Nutzer_innen die aber in zahlreichen Re­Uploads Dienstleistungen von Menschen auf der ganzen Welt erwerben können, begin- auf YouTube und anderen Portalen wieder, youtube.com/watch?v=jGPq nend beim Gebot von fünf Dollar, einem fiver. D3Pnl2o&frags=pl%2Cwn, gesehen Kjellberg entscheidet sich dafür, dem indischen Anbieter Funny Guys ein am 10.7.2018. Kjellberg selbst hat mehrere Entschuldigungs­ und Angebot zu machen, dessen Selbstbeschreibung lautet: «We are funny guys. Relativierungsvideos hochgeladen, Me and my cousins have good skills in making videos. We make funny videos, die das Video zitieren und somit teilweise öffentlich machen. H appy birthday wishes, promoting your business / product, Website advertising 9 Funny Guys: Selbstbeschrei­ and any promotional videos. Your satisfaction is our success.» 9 Kjellberg gibt bung, in: Fiverr, fiverr.com/funnyguys, gesehen am 28.6.2018. den Auftrag, dass ein Schild mit der Aufschrift «Death To All Jews – Subscribe 114 ZfM 19, 2/2018 ALT-RIGHT-AFFEKTE to Keemstar» hochgehalten werden soll. Nach der live erfolgten A uftragsabgabe surft er weiter durch die Angebote und bewertet schließlich die Ergebnisse. Der Schnitt verbirgt, dass mehrere Tage zwischen Auftrag und Lieferung ver- gangen sind – das Video präsentiert den gesamten Vorgang in einer 15-minü- tigen Collage. Zuletzt sehen wir einen reaction shot: eine Einstellung, in der das gelieferte Video der Funny Guys unten links als Insert läuft, während wir im größeren Rest des Bildes Kjellbergs vermeintliche Echtzeit-Reaktion sehen. Der Funny-Guys-Film zeigt zwei Männer mit bloßem Oberkörper und kurzen Hosen vor einem Wald. Sie haben Christbaumdekorationen um die Hälse ge- legt. Die Männer lachen zunächst längere Zeit und streiten sich dann um eine Papierrolle. Der linke gewinnt die Auseinandersetzung, entrollt das Papier mit der Aufschrift «DEATH TO ALL JEWS» und spricht die Worte: «Subscribe to Keemstar».10 Beide Männer lachen und tanzen. Im simultanen reaction shot sehen wir einen zunächst skeptischen PewDiePie («I paid for this?!»), der das unbeholfene Tanzen und Lachen der Funny Guys nicht überzeugend findet. Als das Schriftband entrollt wird, hält er sich ‹im Schock› die Hand vor den Mund. Seine Augen sind weit aufgerissen. Als das Fiverr-Video zu Ende ist, ringt Kjellberg nach Worten, ein Schnitt zeigt sein Gesicht nun größer. Sein Blick ist auf den Monitor vor ihm gerichtet, nur kurz 10 Keemstar ist ein Konkurrenz­ schaut er in die Kamera. Er sagt: «I am sorry. I didn’t think they would actually kanal von PewDiePie und bekannt für seine häufige Verwendung do it. I feel partially responsible.» Mit einem weiteren jumpcut fährt die Kamera von Beleidigungen bis hin zu hate wieder heraus und ein erstes, befreiendes Lachen ist hörbar. Kjellberg fährt fort speech. Vgl. dazu Synge: Keemstar, in: knowyourmeme, dort datiert und bewertet auf der Fiverr-Homepage das Ergebnis mit den Worten: «I mean 21.3.2016, knowyourmeme.com/ I’ve got to give them five stars for an outstanding experience because at least memes/people/keemstar, gesehen am 28.6.2018. they did what I asked.» Zum Abschluss des Videos kommt er zum emotionalen 11 Vgl. Olga Goriunova: New Fazit des pranks und nimmt eine Art Live-Bewertung der eigenen Aktion und media idiocy, in: Convergence, Vol. 19, Nr. 2, 2013, 223 – 235. der sich anschließenden Gefühle vor: 12 Demonetarisierung bedeutet, dass YouTube bestimmte Kanäle, I don’t feel good. I don’t feel too proud of this, I’m not gonna lie. I’m not antisimetic Produzent_innen oder auch einzelne Videos von möglichen Einnah­ [sic], or whatever it’s called, okay so don’t get the wrong idea. It was a funny meme, men durch Werbung ausschließt. and I didn’t think it would work, okay. I swear I love jews, I love ’em. YouTube behält sich die Maßnahme für «nicht­werbefreundliche Inhalte» Der Studienabbrecher Kjellberg hat eine Karriere und ein Geschäftsimperium vor. Für die hier diskutierten You­ Tube­Entrepreneurs bedeutet dies aus exaggerated emoting gebaut, dem übertriebenen Ausstellen exaltierter Emo- empfindliche Umsatzeinbußen, auch tion. PewDiePies Brand ist eine Art Klassenclown des Internets, der juvenile wenn die meisten von ihnen über Zweit­ und Drittfinanzierungen (z. B. Reaktionsmuster überdreht und übertrieben durchspielt. Die pranks, die sich Patreon.com) verfügen. Demoneta­ innerhalb der Genres und Routinen virtueller Hypermedialität fabrizieren las- risierung wird seit der Einführung als informelle ‹Zensur› seitens der sen, gehören seit Jahren zu Kjellbergs Unterhaltungsformat. Auf seinem Kanal Plattform diskutiert. Vgl. YouTube: finden sich viele ähnliche Videobeiträge, in denen er die möglichen Verdre- Richtlinien für werbefreundliche Inhalte, support.google.com/youtube/ hungen heutiger Aufmerksamkeitsökonomien ausstellt und das Internet zum answer/6162278?vid=0-1220299 Transgressionsinstrument umwidmet. Olga Goriunova hat solche Online-Phä- 005482-1529840735822, gesehen am 28.6.2018; vgl. Rolfe Winkler, nomene hilfreich als «New Media Idiocy» betitelt.11 Jack Nicas, Ben Fritz: Disney Severs Kjellberg wurde in der Folge von YouTube demonetarisiert,12 von seiner Ties with YouTube Star PewDiePie after Antisemitic Posts, in: Wall Street Fangemeinde unter dem Hashtag #FreePewDiePie verteidigt und von Journal, 14.2.2017. EXTRA – KLASSE 115 SIMON STRICK PewDiePie in seinem Studio-Setup (2016) 116 ZfM 19, 2/2018 ALT-RIGHT-AFFEKTE neofaschistischen Portalen wie The Daily Stormer als Held der Meinungsfreiheit gefeiert. Er selbst veröffentlichte mehrere Entschuldigungsvideos zum Vorfall und produzierte in der Folge Beiträge, die den Nazi-Vorwurf quasi-affirmativ ‹durcharbeiten›.13 Diese unmittelbaren Reaktionen zum Video sind für die hier verfolgte Lektüre weniger interessant als der Gefühlskern des ‹Bubenstreichs›, den Kjellberg im Finale des Videos darbietet. Der kommunizierte Affekt ist komplex und gehört in den Bereich der ambivalenten und gemischten Gefühle, welche Sianne Ngai 14 überzeugend als Mediationen zwischen ästhetischer Erfahrung und politischem Diskurs herausgearbeitet hat: Sprachlosigkeit ist vermengt mit Scham; Erstaunen über das Ergebnis vermischt mit diebischer Freude am gelungenen Konventi- onsbruch by colonial proxy. Eine Transaktion innerhalb der neokolonialen Gefüge des Globalkapita- lismus – ein weißer Medienprotagonist der ersten Welt beauftragt namenlose Akteure of Color der dritten Welt mit der Aussprache von antisemitischen Parolen – ruft einen komplexen Affekt hervor, der vor allem eine Einfühlung der Zuschauer_innen in die Position des privilegierten Diskurskontrolleurs erreicht. Diese Position ist rassifiziert, denn sie situiert PewDiePie als den A kteur, der über den affektiven Gehalt der transgressiven Sprachhandlung zu entscheiden vermag. Im Rückgriff auf Ngais Konzept der animatedness (Belebt- heit) lässt sich der racial discourse entschlüsseln: Mit animatedness beschreibt sie einen Mangel an unabhängigem Handlungswillen, der rassisierten Subjekten in kolonialen und neokolonialen Settings zugeschrieben wird. «[T]his perceived 13 Vgl. PewDiePie: The Hitler Si­ lack of agential vitality renders [racialized] figures not inert but ‹mechanical› mulator (ad), dort datiert 10.3.2017, youtube.com/watch?v=E5qK9w8tDOI, […]. This fantasy of the racialized body […] suits an industrial economy in gesehen am 10.7.2018. which bodies of color are set into motion like the commodities they produce, 14 Vgl. Sianne Ngai: Ugly Feelings, Harvard, London 2007. and their individual feeling serves only as unmarketizable excess.» 15 Kjellbergs 15 Kyla Schuller: The Biopolitics of antisemitische Bauchrednernummer inszeniert racial bodies als mechanische Feeling. Race, Sex, and Science in the 19th Century, Durham 2018, 14. Puppen, deren funny antics selbst unauthentisch sind und – wichtiger – auf 16 Hardt / Negri sowie Paolo Virno Kommando des weißen und männlichen Diskurskontrolleurs ausgeführt wer- haben das Konzept der «immateri­ ellen» oder «affektiven Arbeit» für den. Der reaction shot setzt die weiße Aufnahme rassisierten Gehorsams ins Bild spätkapitalistische Gesellschaften und diktiert den richtigen Affekt fürs Publikum: Scham, Schock, Freude und geprägt. In diesen wird nicht nur eine Dienstleistung verkauft, ironische Moderation der diskursiven Übertretung – kurz, eine Vermischung sondern auch ein dazugehöriges von Affekten der Schuld und Unschuld, der Nähe und Distanz, die sich mit der Gefühl, ein affektiver Mehrwert des Produkts. Todd Reeser argumentiert, inszenierten Entdeckung der eigenen Diskursmacht verbinden. Es geht also um dass neben der Wohlfühlökonomie Kjellbergs Inszenierung der eigenen whiteness, gedacht als Machtposition inner- eine weitere entstanden ist, die vor allem Gefühle des discomfort und halb eines strukturell rassistischen Gefüges. der awkwardness als Dienstleistungen Dass Kjellberg beim betreffenden Video die Konsequenzen nicht voll im produzieren. Vgl. Todd Reeser: Pro­ ducing Awkwardness. Affective Labor Blick hatte, kann angenommen werden, auch wenn solches Unwissen immer and Masculinity in Popular Culture, ein Teil der Performance ist: Seine im Schockmoment ausgestellte Naivität in: Mosaic: an interdisciplinary critical journal, Vol. 50, Nr. 4, 2017, 51 – 68. suggeriert Unschuld und authentisches Gefühl – wichtigstes Kapital des You- 17 Vgl. PewDiePie: I’m banned, Tube-Vloggers als Affektarbeiter in der virtuellen Aufmerksamkeitsökono- dort datiert 22.1.2017, youtube. com/watch?v=61686cq6s7c&frags=pl% mie.16 Dieses und die anschließenden Reaktionsvideos 17 loten die emotionalen 2Cwn, gesehen am 28.6.2018. EXTRA – KLASSE 117 SIMON STRICK Spielräume des prankster aus, dessen wirtschaftliches Modell darin besteht, im virtuellen Raum Situationen herzustellen, auf deren Existenz dann mit excessive emoting (Überraschung, Scham usw.) geantwortet werden kann. Diese Emotionsp rodukte werden veröffentlicht und monetarisiert. YouTube-Vlogger sind in erster Linie Gefühlsarbeiter_innen, die aus virtuellen Automatismen und Datenströmen Fühlbares herstellen und verkaufen. Affekt ist das Produkt dieses Industriezweiges. «It’s okay to be white» In der Nacht zum 1. November 2017 tauchten an mehreren US-amerikani- schen und kanadischen Universitäten (u. a. Ohio, Moorhead, New Orleans, Silver Spring, Cambridge, Harvard, Alberta) und an anderen Orten minima- listisch gestaltete Zettel auf, die in schwarzer Schrift verkündeten: «It’s okay to be white». Die Poster gingen auf eine im Internetforum 4chan lancierte A ktion zurück, in der ein_e anonyme_r Nutzer_in am 31. Oktober 2017 folgenden Text gepostet hatte: Game Plan: 1. anons organize here and elsewhere, print out uniform posters; 2. put on silly halloween costume for anonymity; 3. posters go up on campuses (and else- where) across the world on halloween night; 4. the next morning, the media goes completely berserk; 5. normies tune in to see what’s going on, see the posters saying ‹it’s okay to be white› and the media & leftists frothing at the mouth; 6. normies realize that leftists & journalists hate white people, so they turn on them; 7. cre- dibility of far left campuses and media gets nuked, massive victory for the right in the culture war, many more /ourguys/ spawned overnight; IMPORTANT REMIN- DERS: The point is to have MAXIMUM CONTRAST between how evil the media portrays t hese posters, and how clearly benign they are to normies.18 Die Posteraktion, hier abgekürzt als IOTBW, zog konträre Reaktionen nach sich, vergleichbar mit PewDiePies Fiverr prank: Örtliche Polizeiagenturen kündigten eine strafrechtliche Untersuchung der Vorfälle an, Student_innen- gruppen entfernten die Poster, protestierten gegen «rassistische Sprachge- walt» und veröffentlichten Bilder auf Twitter mit dem Hashtag #HateCrime. Universitätsl eitungen, etwa die Dean of Students Marcia Sells von der Harvard 18 Der Originalbeitrag scheint Law School, richteten Presseerklärungen an die Öffentlichkeit: mittlerweile gelöscht. Ein Screenshot findet sich unter: Don: It’s Okay to Be White, in: knowyourmeme, dort [The stickers] were intended to divide us from one another. HLS will not let that datiert 2.11.2017, knowyourmeme.com/ happen here. We live, work, teach, and learn together in a community that is stron- memes/its-okay-to-be-white, gesehen ger, better, and deeper because of our diversity and because we encourage open, res- am 28.6.2018. 19 Zit. n. Thomas Williams: pectful, and constructive discourse.19 Harvard Law Dean Denounces ‹Okay to Be White› Stickers on Campus, Alle landesweiten Fernsehsender berichteten über die Vorfälle und versuchten in: breitbart.com, dort datiert 6.11.2017, breitbart.com/big-govern mehrheitlich, die Aktion mit der rechtsextremen Alt-Right-Szene in Verbin- ment/2017/11/06/harvard-law-dean- dung zu bringen. Die Ausnahme bildete Fox News, deren Kommentator Tucker denounces-okay-to-be-white-stickers-on- campus, gesehen am 10.7.2018. Carlson eine wohlmeinende Interpretation des Slogans verteidigte und die 118 ZfM 19, 2/2018 ALT-RIGHT-AFFEKTE antirassistischen und distanzierenden Kommentare seiner Kolleg_innen als «an- ti-white racism» angriff.20 Die deutsch-österreichische identitäre Rechte nahm die Aktion positiv auf und schrieb sie Mike Enoch zu, einem bekannten rechts- extremen Aktivisten, der u. a. den Podcast The Daily Shoah produziert.21 Was bei PewDiePies prank als spontan-naives Entdecken der eigenen Dis- kursmacht inszeniert wird, materialisiert sich bei der Aktion als taktisch lan- cierte Manipulation von Diskursräumen durch eine Diskursguerilla von rechts. IOTBW ist ein prank, der einem Klingelstreich ähnlich die Routinen poli- tisch empfindlicher Öffentlichkeiten – Universitäten und Mainstream-Medi- en – auslösen und gegen die Sensibilitäten vermeintlicher weißer Normalbür- ger_innen ausspielen möchte. Die Fabrikation von Empörung und Kritik wird provoziert, um eine Selbstdenunziation der politischen Gegner hervorzurufen, die sich durch einen Kritikreflex und Gefühlswallungen gegen einen vermeint- lich ‹harmlosen› Satz ins diskursive Abseits manövrieren sollen. Das postuliert zumindest der game plan. Vorausgesetzte_r Leser_in des Statements und der Reaktionenkaskade ist the average white American, der_die sich in der Folge sei- ner_ihrer Normalität und okayness beraubt 22 und von jenen ausgegrenzt fühlen soll, die sagen: «it’s not okay to say ‹it’s okay to be white›». Wie schon bei PewDiePies antisemitischer Aktion werde ich hier nicht den 20 Vgl. N. N.: Tucker Carlson ‹Diskurswert› des Statements «It’s okay to be white» in den zeitgenössischen defends 4chan’s ‹it’s okay to be white› campaign, in: Mediamatters USA erläutern. Die relative Aussagelosigkeit des Satzes ist sein Hauptmerkmal. for America, dort datiert 3.11.2017, Wie mehrere Kommentator_innen allerdings betont haben, wurden die Poster mediamatters.org/video/2017/11/03/ tucker-carlson-defends-4chans-its-okay- u. a. neben Gedenkstätten für die Opfer rassistischer Gewalt in den USA plat- be-white-campaign/218454, gesehen ziert oder in direkter Nähe zu universitären Vertretungen von Studierenden of am 28.6.2018. 21 Vgl. Johannes Poensgen: It’s Color und antirassistischen Initiativen. Sie waren also tangential zum semanti- Okay to be White, in: Blaue Narzisse, schen Gehalt Akte einer performativ-rassistischen Gewalt. dort datiert 14.11.2017, blauenarzisse. de/its-okay-to-be-white, gesehen am Wichtiger als die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Phrase ist ein Ab- 28.6.2018. schreiten der affektiven Einbettung des pranks. Neben den erwartbaren (und in 22 Vgl. Lauren Berlant zu Donald Trump: «Here is the thesis of this der Tat erwarteten) Gesten der Empörung, der Kritik und auch des Abwiegelns piece, which is about the contem­ interessiert hier vor allem, wie die ‹Diskurskontrolleur_innen› der diversen be- porary United States. People would like to feel free. They would like the teiligten Messageboards und Internetforen affektiv reagiert haben. Der gefühls- world to have a generous cushion kommunizierende reaction shot zu dieser Aktion ist daher nicht in den kritischen for all their aggression and inclina­ tion. They would like there to be a Berichterstattungen oder Solidaritätsbekundungen zu suchen, die sich anschlossen. general plane of okayness governing Die Hauptemotionen, welche die Unterstützer_innen des pranks zur Schau social relations. It is hard for some to see that the ‹generous cushion stellten, waren Abgeklärtheit, Coolness und Überlegenheit: Ein Plan hatte funk- for aggression› might conflict with tioniert, jemand war auf den Klingelstreich am Haus der Political Correctness the ‹general plane of okayness.›» Vgl. Lauren Berlant: Trump or hereingefallen, ein Sieg wurde errungen. Im Reddit-Forum /nostupidquestions/ Political Emotions, in: Supervalent wurde die Aktion ausgiebig diskutiert («Is the It’s okay to be white campaign ra- Thought, dort datiert 4.8.2016, supervalentthought.com/2016/08/04/ cist?») und z. B. von Nutzer Kerath am 2. November 2017 wie folgt kommentiert: trump-or-political-emotions, gesehen am 28.6.2018. 23 Das Kürzel «/pol» bezieht It’s a simple sentence that was meant to start a game. A game that the only winning sich auf das Internetforum reddit. move is not to play. And yet, they played it anyway, proving to everyone that it’s com/r/pol/, das als Sammelpunkt für viele neurechte Tendenzen und indeed NOT okay to be white. Master’s play from /pol,23 the game was won before Akteure gilt. EXTRA – KLASSE 119 SIMON STRICK it started. The only thing alt-left is going to achieve now is more people standing against their twisted ideals.24 Nutzer hong2hong schrieb: The left have no way to win this game. If they attack, /pol win because it show that they are racist. If they keep silent, /pol win, because it show to people that its okay to be white. Dont hate your white self / group / people. Whatever the left choose, /pol get the last laugh. 4D chess everyone.25 Wer schon einmal critical race theory oder verwandte Theoriekomplexe un- terrichtet hat, wird sich erinnert fühlen: Es gibt fast immer diesen einen männlichen Studenten, der sich spitzfindig eine Provokation innerhalb der Diskussions parameter ausgedacht hat und diese solipsistisch erläutert. Mittels möglichst viel high theory wird ein transgressives Argument errichtet, das die ‹impliziten Tabus› eines Seminars entschleiern soll. Übersicht, Kontrolle und Manipulation von Theorie und Debatte zeitigen ein Belohnungsgefühl – man hat ein ‹meisterhaftes Spiel› gemacht. Angesichts solcher Selbstverliebtheiten wird unser theoretisches Instrumentarium oftmals stumpf – die Diskussion lohnt nicht, weil das Argument ‹leer› ist, ‹ausgedacht›. Wichtig ist, so findet man als Lehrende_r schnell heraus, nur der affektive Gewinn des Provokateurs, erfolgreich polarisiert und den Diskurs manipuliert – gespielt – zu haben. Jede mögliche Reaktion bedient diesen Affekt. Red-Pill-Momente und whiteness IOTBW thematisiert Ngais oben genanntes Konzept der animatedness auf an- dere Weise: Der Mangel an agential vitality (Fremdsteuerung) wird hier für ‹die Öffentlichkeit› selbst konstruiert. Die Aktion evoziert die Reaktions- und Sprechgewohnheiten westlicher Öffentlichkeiten als leere Routinen, unecht, manipulierbar, mithin fremdsteuerbar. Wie der Klingelstreich die Automatis- men der bürgerlichen Welt ausnutzt, um Verwirrung dieser Routinen zu erzie- 24 Aconserva3: Is the It’s Okay len, so ist die rassistische Transgression darauf ausgerichtet, die Aufregungs- to be White Campaign Racist?, in: Reddit.com, dort datiert 2.11.2017, punkte medialer Öffentlichkeiten anzureizen. Die öffentliche Meinung wird als reddit.com/r/NoStupidQuestions/ Kulisse und Automatismus benutzt, um durch Transgression Empörungswellen comments/7aad2d/is_the_its_okay_to_ be_white_campaign_racist, gesehen zu fabrizieren, gegen die man sich dann affektiv positionieren kann. ‹The liberal am 28.6.2018. left› wird hier als ebenso mechanisch, manipulierbar und unfunny vorgestellt 25 Ebd. ‹4DChess› ist ein Internetkürzel für eine Ideologie, wie die bodies of color im vorherigen Beispiel. nach der die Trolle und Betamänn­ IOTBW sollte einen Präzedenzfall produzieren, der den vermeintlichen To- chen des Internets einer höheren Logik und Intelligenz folgen als talitarismus und Bias der Öffentlichkeit (gleichgesetzt mit ‹the left›, ‹the media›, sogenannte normies oder sheep. ‹political correctness›) bewiesen werden kann. Da es immer eine Reaktion geben Vgl. Don: Trump is playing 4D Chess, in: knowyour meme, dort datiert wird, sehen sich die Manipulateur_innen in ihrer Überlegenheit immer bedient. 20.7.2017, knowyourmeme.com/memes/ Und da sie sich immer überlegen fühlen können, ist die Faktizität einer ‹mecha- trump-is-playing-4d-chess, gesehen am 28.6.2018. nisierten›, verblendeten und damit ‹unterlegenen› Öffentlichkeit immer schon 120 ZfM 19, 2/2018 ALT-RIGHT-AFFEKTE PewDiePie in seinem Studio-Setup (2018) EXTRA – KLASSE 121 SIMON STRICK bewiesen. Ob Zirkelschluss oder Diskursmanipulation, 4chan- und Reddit-Sym- pathisant_innen fühlen sich doppelt ins Recht gesetzt. Die Alt-Right bezeich- net solche «Realisierungseffekte» 26 und Beweisschwellen als Red-Pill-Momente: Situationen, in denen ein Mensch den ‹linken Verblendungszusammenhang / die marxistisch-feministische Weltverschwörung› erkennt und zu den zentralen Ideen der neuen Rechten (Ethnonationalismus, Antifeminismus, Xenophobie, Demo- kratieskepsis usw.) gewissermaßen konvertiert wird. Im Anschluss stellt sich die Frage, welchen Status whiteness in beiden Bei- spielen hat – implizit-performativ bei PewDiePie, explizit bei #IOTBW. Diese Frage berührt den Aspekt, inwiefern solche Phänomene, die generell als Inter- net Trolling 27 gefasst werden, Bestandteile eines neurechten, rassistischen und ethnochauvinistischen Alt-Right-Diskurses sind. Mit ‹white› rufen beide pranks eine Diskursposition auf, die als ‹faktisch prekarisierte› vorgestellt werden soll. Der nicht nur akademischen Problematisierung von whiteness als rassistisch legitimierter Machtposition und white supremacy als ausschließender Struktur- hegemonie wird hier ein affektiver Kern des being white auf- oder entgegen- gesetzt. Die pranks beschwören Weiß-Sein als gesellschaftlich bedrohte, dis- kriminierte Subjektposition. Dieser Entwurf spielt mehr im Register ‹Klasse› als in jenem der ‹Ethnie›: ‹White› wird artikuliert als jene Position, die gesell- schaftlich primär durch Drangsalierung, Zensur und eine verweigerte okayness bestimmt ist. ‹White› sei die Klasse der im öffentlichen (verblendeten) Diskurs Verfolgten und Benachteiligten. Mit dieser affektiven Konstruktion von whiteness wird ein identitätspolitisches Sprechen als ‹white person› ermöglicht, das dem Vorwurf des Rassismus auswei- chen kann, weil es weniger um ‹Rassenbewusstsein› als um ‹Klassengefühle› geht. Das ist die Ummünzung der kritischen Kategorie whiteness zur a ffektiven Iden- tifizierung als white – Basis neurechter und ethnonationalistischer Agitation. Sie läuft als Gewinnstrategie bei beiden pranks mit, angesiedelt auf verschiedenen Ebenen und amplifiziert von spezifischen medialen und gesellschaftlichen Ge- gebenheiten. Letztlich handeln beide pranks mit einem weißen Subjekt, das zu- gleich bedroht und diskurskontrollierend, metapolitisch und hochverletzbar auf- gestellt ist. Dieses phantasmatische weiße Subjekt ist Surplus des Vabanquespiels 26 Im Sinne eines ‹Real­Werdens›: der Diskursguerilla. Mit diesem Ergebnis kann u. a. eine der Grundannahmen Die Zirkulation von diskursiven zum Phänomen des Trolling kritisiert werden, derzufolge Online-Trolle gesell- M anövern zeitigt eine reale Situation und bringt ebenjene Öffentlichkeit schaftliche Antagonismen aufgreifen, verschärfen und transgressiv zuspitzen und hervor, in die sie eingreifen wollen. damit gesellschaftliche Wirklichkeiten ‹reflektieren›: «These sort of antagonistic Vgl. Michael Warner: Publics and Counterpublics, in: Public Cu lture, memes weaponize existing cultural logics, and thus reflect the antagonisms per- Vol. 14, Nr. 1, 2002, 49 – 90. vasive in embodied spaces as well.» 28 Der Befund wäre umzudrehen: Die affekti- 27 Phillips, Milner: The Ambivalent Internet. Vgl. auch Angela Nagle: ven Einbettungen rechter Trollingmanöver p roduzieren und realisieren eben jene Kill All Normies: Online Culture rassistischen Verkörperungen und Identitäten als Waffen gesellschaftlicher Spal- Wars from 4Chan and Tumblr to Trump and the Alt-Right, Winchester, tung. Ergebnis ist nicht nur eine ‹virtuelle› Verzerrung des Diskurses, sondern Washington 2016, 106 ff. ein identifikationsstiftendes Gefühl der Unterdrückung, das sich an scheinbaren 28 Phillips, Milner: The Ambivalent Internet, 37, Herv. SStr. Fakten festmachen kann: eine fühlbare ‹weiße› Gegenöffentlichkeit. 122 ZfM 19, 2/2018 ALT-RIGHT-AFFEKTE Drei Vorschläge: Against Atmosphere Ich möchte drei Konsequenzen dieser Lektüren vorschlagen, die kritischen Ansätzen zur Alt-Right helfen sollen. Erstens: Die Alt-Right ist ein affektives Kontinuum. Rechtsextreme Agitation und das (finanziell äußerst lukrative) rechte ‹role playing› von Medienprotago- nisten wie PewDiePie sollten nicht mehr trennscharf in hate speech und iro- nische Appropriation – also in ‹Nazis› und ‹Ironisierende› – sortiert werden. Beide Beispiele nutzen ähnliche Diskursmanipulationen und Affektroutinen, die zentral an der Konstruktion von Situationen arbeiten, in der eine ‹subalter- ne› weiße Identität sich gewissermaßen von selbst artikuliert. Aus dieser Sicht sind die Alt-Right, ihre juvenilen Streichkolleg_innen und deren Manöver we- niger einem ‹rechten Gedankengut› bzw. ‹inhaltsleerem Trolling› verpflichtet, sondern arbeiten gemeinsam an weißer Gefühlsproduktion und der medialen Herstellung rassistisch antagonisierender Atmosphären. Was die Rechte selbst als (ironisches oder kritisches) Ausloten der angeblich bedrohten Meinungs- freiheit propagiert, bewirkt im Effekt eine Verknappung des Sa gbaren und der Diskursmöglichkeiten.29 Zweitens: Die Alt-Right ist keine Kritik. Die Guerillataktiken der Alt-Right sind für sich selbst uninteressant, weshalb ihnen das Belohnungsmoment der Kritik- oder Kulturleistung zu entziehen ist. Eine ebensolche Belohnung voll- zieht z. B. Angela Nagle, die in ihrer vielzitierten Studie Kill All Normies zu rechten Trollen, chauvinistischen Betamännchen und provokativen Nerds diese als Kritikbewegungen und Gegenöffentlichkeiten zu einem ‹linken Konsens› 29 Als Beispiel für die Realien­ beschreibt. Die Rechte biete, so Nagle, die derzeit einzige «exciting, fun and produktion dieser Diskurse lässt sich courageous» Alternative zu linken Partikularkritiken und cliquenhafter Identi- die im Mai 2018 in London organi­ sierte Großdemonstration ‹Day for tätspolitik, die sie als «anti-free speech, anti-free thought, anti-intellectual […] Freedom› anführen, auf der zahlrei­ movement» 30 bezeichnet. Solche Reiz-Reaktionsmodelle sind verkürzend und che Meinungsführer der Alt­Right zu mehreren tausend Menschen gegen selbst bereits Resultat der Antagonisierungen, die von rechts betrieben werden. Migrationspolitik und weiß­briti­ Dass die Diskursspiele der Alt-Right für Nagle einen Eros der Transgression schen Kulturverlust sprachen – ein wichtiges Vernetzungstreffen der und der Kritik beanspruchen können, zeigt vor allem deren atmosphärische neuen Rechten aus USA und Europa. Hegemonie an. Solange die neurechte Diskursguerilla als Agentur für ‹inter- Anlass des Protests war die Verurtei­ lung des YouTube­Pranksters Count essante Überschreitungen› von Diskursgrenzen betrachtet wird, an denen die Dankula zu einer Geldbuße, der Verfehlungen und Verhärtungen eines (vermeintlich monolithischen) linken seinem Mops beigebracht hatte, die Pfote zum Hitlergruss zu heben. Vgl. Projekts ablesbar werden, tragen wir zur rechten Affekthegemonie bei. N. N.: London Holds ‹Day of Free­ dom› Protest Aimed to Protect Free Speech, in: Sputniknews, dort datiert Drittens: Die Alt-Right ist keine ‹Hass›-Bewegung. Ebenso wie Trolling eine 6.5.2018, sptnkne.ws/hzM5, gesehen ungeeignete, weil entpolitisierende Beschreibung ist, wirkt das generell für am 28.6.2018. 30 Nagle: Kill All Normies, 113. rechts vorbehaltene Emotionsetikett verkürzend: ‹Hass› zieht sich, wie P ansy 31 Vgl. Pansy Kathleen Duncan: K. Duncan anhand zahlreicher Beispiele ausführt,31 als roter Faden durch die The Uses of Hate. On Hate as a Political Category, in: M / C Journal, Mainstreamverhandlung neofaschistischer Kräfte. Duncan argumentiert, dass Vol. 20, Nr. 1, 2017, o. S. EXTRA – KLASSE 123 SIMON STRICK diese Zuweisung von ‹Hass› als Charakteristikum der Alt-Right aber vor allem ein «rhetorical projectile» zur bequemen Komplexitätsreduktion und Distan- zierung ist: «a constellation from which hate emerges as, a) inherently proble- matic, b) localizable to the ‹alt-right›, and, c) the primary engine of the various activities and expressions we associate with them.» 32 Duncans Plädoyer gegen die Verkürzung der neuen Rechten auf eine singuläre Emotion und für eine komplexe Analyse der «economic, social, political and affective forces that energize it» schließe ich mich an: Die besprochenen Beispiele zeigen nicht nur auf, wie wenig die Aktionen und Interventionen der Alt-Right auf ‹Hass› als auslösende Emotion reduziert werden können, sondern weiter, wie banal, aus- gedacht, juvenil und zugleich überlegt, marktorientiert, technikaffin und affekt- zentriert der Diskurs um Antifeminismus, Ethnonationalismus, white racial pri- de und Xenophobie auftritt. Die neue Rechte oder Alt-Right ist mithin ‹casual›, d. h. affektiv, atmosphärisch, intim und – innerhalb der durch Klicks, view counts und andere Quantifizierungsmechanismen börsenähnlichen digitalen Öffent- lichkeit – so effektiv wie lukrativ. Wie der Exkurs zu whiteness in beiden Beispie- len außerdem zeigt, bedient sich die neue Rechte adaptiv und kolonisierend an klassisch linken Instrumentarien wie der Identitätspolitik, mit affektiven, und d. h. realen, Folgen. Eine Konsequenz also ist, dass die notwendige, kritische Gegenbewegung zum Kulturkampf von rechts ihre eigenen Codes unterbre- chen sollte – Duncan spricht hier von «critical code-breaking» –, um den hege- monialen Affekten der Alt-Right entgegenzutreten. An diese drei Konsequenzen möchte ich eine kurze, methodische Überle- gung anschließen. Hauptziel des Vergleichs war nicht, populäre YouTuber wie P ewD iePie dem Rechtsextremismus zuzuschlagen. Ich sehe darin jedoch kein kategoriales Problem, denn beide Kanäle arbeiten auf dieselben Effekte hin. Der Punkt ist dabei, dass eine Analyse der Online-Rechten auch auf diese E ffekte abstellen muss und nicht nur auf die Frage, wer ‹rechts denkt›. Die For- schung zu neurechten Bewegungen in den sozialen Medien und anderswo wird weitgehend mit veralteten Parametern der Personalpolitik geführt: Es geht um Köpfe und Figuren, die gefährliches Gedankengut und hate speech verbreiten. Einschlägige Veröffentlichungen zum Thema Alt-Right unternehmen daher oft eine Inventarisierung der Akteur_innen.33 Implizit in diesem Modell ist eine Vorstellung von rechtsgerichteten Menschen als lokalisierbare Träger_innen von ‹infektiösen› Ideen und Denkstrukturen, die sich epidemisch verbreiten. Diese personelle bzw. epidemologische Methodik ist angesichts der hier disku- tierten Netzwerkeffekte des Internetzeitalters schwierig geworden. 32 Duncen: The Uses of Hate. 33 Vgl. die «hate map» des Dem epidemologischen Modell muss eine andere Analyserichtung hinzuge- Southern Poverty Law Center fügt werden, die sich um interpersonelle, strukturelle, momentane und identifi- (splcenter.org/hate-map) oder die vom antifaschistischen pressearchiv und kationsstiftende Affekte kümmert. Die derzeitige Alt-Right-Bewegung besteht bildungszentrum berlin e.v. (apabiz) weniger aus Ideolog_innen als Gefühlsarbeiter_innen: Sie schaffen informelle betriebene Website rechtesland.de, beides gesehen am 10.7.2018. und provisorische Affektgruppen, bündeln punktuell Aufmerksamkeiten und 124 ZfM 19, 2/2018 ALT-RIGHT-AFFEKTE realisieren Antagonismen. Sie schaffen also Atmosphären, die im Flächenef- fekt das vollziehen, was die Vordenker_innen dieser postmodernen Rechten als ‹Metapolitik› bezeichnet haben: «die Besetzung von Feldern im vorpoli- tischen Raum».34 Intention und Effekt der Alt-Right-Strategien ist also ein diskursiver Klimawandel im Wortsinn – Verknappung und Extremisierung des Sagbaren, Intensivierung der Gefühlsräume, schnelle Wechsel von heißen (Wut) und kalten (Übersicht, Coolness) Affekten. Die rassistische Rechte pro- voziert extremtemperierte Debatten, sie profitiert von strategisch geplanten 34 Karlheinz Weißmann, zit. n.: Diskursbeben und Flutwellen der Empörung.35 Ihr Ziel ist ein apokalyptisches Andreas Speit: Der Oberintellek­ tuelle, in: taz, 21.4.2018, www.taz.de/ und tödliches Diskursklima. !5399096/, gesehen am 28.6.2018. Wir sind also nicht primär Epidemiolog_innen, die eindämmen und kurie- Vgl. auch: Massimiliano Capra C asadio: The New Right and Meta­ ren, um das ‹Normale› (Wir) und das ‹Pathologische› (die Rechten) klar vonein- politics in France and Italy, in: Journal ander geschieden zu halten.36 Die kritische Gegenbewegung zur neuen Rechten for the Study of Radicalism, Vol. 8, Nr. 1, 2014, 45 – 86. sollte sich einer ‹Klimaforschung› verschreiben, welche die atmosphärischen 35 Vgl. Sylvia Hurtado: The Extremismen in unseren media environments beschreibt und nach Lösungen Campus Racial Climate: Contexts of Conflict, in: The Journal of Higher Edu- sucht. Wir alle sind den Folgen des diskursiven Klimawandels ausgesetzt, auch cation, Vol. 63, Nr. 5, 1992, 539 – 569. wenn sie nicht für alle gleich tödlich sind: Der Klimawandel fordert Opfer along 36 Vgl. Sander Gilman, James Thomas: Are Racists Crazy? How Preju- racial lines,37 womit Rassismus im Anthropozän zur menschgemachten Naturge- dice, Racism, and Antisemitism Became walt aufgestiegen ist. Wir müssen nach Wegen suchen, dem klimatischen und Markers of Insanity, New York 2016. 37 Vgl. W. A. Baldwin: Resilience atmosphärischen Rassismus in unseren medialisierten Öffentlichkeiten etwas and race, or climate change and the entgegenzusetzen. Einzelne Wettermacher zu denunzieren oder argumentativ uninsurable migrant. Towards an anthroporacial reading of ‹race›, in: kaltzustellen, ändert am Klimawandel wenig. A hard rain’s a-gonna fall. Resilience, Vol. 5, Nr. 2, 129 – 143. — Dieser Beitrag wurde gefördert von der Volkswagen­Stiftung EXTRA – KLASSE 125 — AUTOR_INNEN Ulrike Bergermann ist seit 2009 Professorin für Medien­ Monique Miggelbrink ist wissenschaftliche Mitarbeiterin wissenschaft an der HBK Braunschweig; zuvor SFB am Institut für Medienwissenschaften der Universität «Medien und kulturelle Kommunikation» Köln, Lise­ Paderborn. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit Meitner­Habilitationsstipendium («Wissensprojekte. Ky­ dem Möbel­Werden von Medien, Einrichtungszeit­ bernetik und Medienwissenschaft»), Vertretungsprofessu­ schriften als historiografischen Quellen, Fernsehen als ren in Bochum, wissenschaftliche Mitarbeit in Paderborn. Kulturtechnik und den Einrichtungen des Computers. GfM­Vorstand 2007 – 2011, DFG­Lenkungsgremium Medi­ Letzte Publikation: Monique Miggelbrink: Fernsehen und enwissenschaft 5 / 2010 – 10 / 2017 und Redaktionsmitglied Wohnkultur. Zur Vermöbelung von Fernsehgeräten in der BRD der Zeitschrift für Medienwissenschaft. Schwerpunkte: Gen­ der 1950er- und 1960er Jahre, Bielefeld (transcript) 2018; der Studies, Postkoloniale Theorie, Wissenschaftstheorie. C hristina Bartz, Timo Kaerlein, Monique Miggelbrink, Publikationen etc.: www.ulrikebergermann.de. Christoph Neubert (Hg.): Gehäuse: Mediale Einkapselun- gen, P aderborn (Fink) 2017. Atlanta Ina Beyer promoviert an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Ihr Dissertationsprojekt beschäf­ Andrea Seier ist Professorin für Medienwissenschaft an tigt sich mit ästhetischen Politiken in queerem Punk. der Universität Wien, zuvor Vertretungsprofessorin für Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Queer The­ Medienwissenschaft an der Universität Konstanz. 2013 ory, queere Ästhetik und Cultural Studies. Zuletzt veröf­ Habilitation mit der Arbeit «Mikropolitik der M edien». fentlichte sie Lexikoneinträge zu den Bands Tribe 8 und Forschungsschwerpunkte: Gouvernementalität und Team Dresch in: Jonas Engelmann: Damaged Goods. 150 Ein- Medien, Mikropolitik, Gender und Medien. Veröffent­ träge in die Punkgeschichte, Mainz (ventil verlag) 2016, lichungen u. a.: Hg. mit Kathrin Peters: Gender & 278 – 280 bzw. 287 – 289, sowie: Queer Punk Politics. M edien-Reader, Zürich, Berlin (diaphanes) 2016; Hg. mit An Introduction, in: Barbara Paul u. a. (Hg.): Perverse Thomas Waitz: Klassenproduktion. Fernsehen als Agentur des A ssemblages. Queering Heteronormativity Inter / medially, S ozialen, Münster, Hamburg (LIT) 2014. B erlin (Revolver) 2018. Ruth Sonderegger ist Philosophin und unterrichtet Stephan Gregory war von 2010 bis 2016 Juniorprofessor an der Akademie der bildenden Künste Wien. Zu ihren für Mediale Historiographien an der Bauhaus­Universität Fo rschungsinteressen gehören: (Kolonialgeschichte der) Weimar und arbeitet dort seit April 2018 an einem DFG­ Ästhetik, kritische Theorien und Widerstandsforschung. finanzierten Projekt zu «Verrat und Subjektivität». Nähe­ res unter www.von-anderen-medien.de. Marlene Streeruwitz ist Freie Texterin und Journalistin, Freiberufliche Autorin und Regisseurin. Literarische Ver­ Sandra Ladwig studierte Theater­, Film­ und Medienwis­ öffentlichungen ab 1986. Lebt in Wien, London und New senschaft an der Universität Wien und arbeitet derzeit im York. Geboren in Baden bei Wien (Niederösterreich). Rahmen eines DOC­team­Stipendiums von der Öster­ Studium der Slawistik und Kunstgeschichte. reichischen Akademie der Wissenschaften an ihrer Dis­ www.marlenestreeruwitz.at sertation «Freizeit als Phänomen der Moderne im öster­ reichischen Amateurfilm der 1920er­ bis 1980er­Jahre». www.medientheorie.ac.at/wordpress/?portfolio=mag-sandra- ladwig&lang=de 126 ZfM 19, 2/2018 Simon Strick ist Amerikanist, Autor und Theatermacher. Er promovierte zum Konnex von Schmerz, race und Gender. Sein Forschungsprojekt, gefördert von der Volks­ wagenstiftung, untersucht die affektiven Botschaften und Mechanismen in der Onlinepräsenz identitärer rechter Bewegungen. Er arbeitet außerdem an einer Edition zur amerikanischen Eugenik sowie einem Buch zur Reprä­ sentation geistiger Behinderung im US­Kino bis 1960. Mit Susann Neuenfeldt leitet er das Berliner Performance­ kollektiv PKRK. Thomas Waitz arbeitet am Institut für Theater­, Film­ und Medienwissenschaft der Universität Wien und ist Redak­ tionsmitglied der Zeitschrift für Medienwissenschaft. For­ schungsschwerpunkte: Ästhetik, Theorie und Politik der Medien; Kapitalismus und Klassengesellschaft; Theorie und Analyse medialer Verfahren. Doro Wiese, PhD, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Düsseldorf. Sie lehrt und forscht zu den Wechselwir­ kungen zwischen gesellschaftlichen Bedingungen und künstlerischen Ausdrucksformen. In ihrer Monografie The Powers of the False, Evanston (Northwestern Univ. Press) 2014, zeigt sie, wie Literatur den Lesenden eine vergessene, verdrängte oder nichterzählbare Geschichte glaubwürdig macht. In F – Faust, Hamburg (Textem) 2018, reflektiert sie über die gegenwärtigen Bedingungen für widerständige politische Aktionsformen. AUTOR_INNEN – KLASSE 127 — BILDSTRECKE Die Initiative Beratung und Information für Frauen (BIFF) im Frauenzentrum Berlin- West gab 1974 eine Übersetzung von Hogie Wyckoffs Solving Women‘s Problems Through Awareness, Action, and Contact heraus. Die Broschüre Anfänge einer feministischen Therapie bietet eine Anleitung zum Aufbau eigener Problemlösungsgruppen. Heute arbeiten FORT (Frauen organisieren Radikale Therapie), MRT (Männer machen Radikale Therapie) und queere RT-Gruppen in ähnlicher Weise. Im Rahmen der Gesundheitsbewegung und insbesondere der feministischen Frauen*- Gesundheitsbewegung entstanden zahlreiche Beratungs angebote. Telefondienste und Notübernachtungsstellen wurden geschaffen, Selbstverteidigungs- und Wendo-Kurse angeboten, Gruppentreffen zur Selbsthilfe, Selbstuntersuchung und Therapie fanden statt. Erstmals entstanden ambulante Pflegedienste und gründeten sich Projekte wie der Berliner Krisendienst oder SEKIS (Selbsthilfe Kontakt- und Informationsstelle). In den 1970er und 1980er Jahren waren mehr als 80 % der Gynäkolog*innen in der BRD männlich. In Selbsthilfekursen erlernten und erprobten Frauen vaginale Selbstuntersuchung und tauschten sich über eigene Erfahrungen aus. Mit der Gründung des ersten feministischen Frauengesundheitszentrums (FFGZ) in Europa, der Herausgabe der Selbsthilfezeitschrift Clio und Publikationen wie dem F rauenhandbuch von Brot und Rosen oder dem H exen geflüster erarbeiteten Frauen* sich gemeinsam feministische Perspektiven auf ihre K örper, ihre reproduktiven Rechte, auf Verhütung, Sexualität und Abtreibung. Unser Dank gilt den Protagonist*innen der Gesundheitsbewegung, die uns in Gesprächen von ihren Erfahrungen berichteten, Ansätze und Praktiken in Workshops mit uns weitergegeben und uns Publikationen, Dokumente und Materialien der Bewegung geliehen haben. In unserer Recherchebibliothek sammeln wir Publikationen der Gesundheitsbewegung und der zweiten Welle der Frauenbewegung. Dabei konzentrieren wir uns momentan auf Westdeutschland und Westberlin. Bildnachweis: Collagen Feministische Gesundheitsrecherchegruppe/Inga Zimprich 2018 unter Verwendung von Materialien aus der Ausstellung Practices of Radical Health Care, District, Berlin 2018 und der Recherchebibliothek der Feministischen Gesundheitsrecherchegruppe. F E M I N I S T I S C H E G E S U N D H E I T S R E C H E R C H E G R U P P E — Praktiken radikaler Gesundheitsfürsorge Vorgestellt von MICHAELA RICHTER Seit 2015 widmet sich die von drei Berliner Künstlerinnen – Julia Bonn, Alice Münch und Inga Zimprich – betriebene Feministische Gesundheitsrecherchegruppe einem wichtigen Kapitel der jüngeren Geschichte Berlins, das die im Zuge der Frauenbewegung formulierte Gesellschaftskritik und die politischen Umbrüche ab 1968 aus einem speziellen Blickwin- kel beleuchtet: der Frage radikaler Gesundheitsfürsorge. In den 1970er und 1980er Jahren entstanden an der Schnittstelle von feministischen Initiativen und Hausbesetzer_innenszene in Westberlin zahlreiche Gruppierungen, die die Unzulänglichkeiten sowie autoritären Züge des bestehenden Gesundheitssystems kritisierten und Alternativen entwickelten. Unabhängige Gesundheitszentren wurden ge- gründet, autonome Beratungsangebote und Selbsthilfegruppen organisiert sowie Anlei- tungen zur Selbstuntersuchung und biomedizinische Informationen bereitgestellt. Das 1981 in einem besetzten Gebäude in Kreuzberg eingerichtete HeileHaus etwa pro- duzierte im DIY-Verfahren, mit Schreibmaschine und Kopierer, das Magazin Doktorspiele, mit dem über Abhilfe bei in der Besetzer_innenszene grassierenden Hautkrankheiten eben- so informiert wurde wie über Möglichkeiten im Umgang mit Menstruationsproblemen, Vor- und Nachteile verschiedener Verhütungsmethoden oder therapeutische Anwendungs- möglichkeiten von Wildkräutern. Ähnliche Themen lagen der Clio zugrunde – die vom 1976 gegründeten Feministischen Frauen Gesundheitszentrum herausgegebene «Periodische Zeitschrift zur Selbsthilfe» klärte in Schwerpunktheften u. a. über Abtreibung, Menopause und alternative Heilmethoden auf. 1983 brachte Ulf Mann, Mitglied eines Apothekerkol- lektivs am Viktoriapark, sein Gesundheitsbuch heraus: Auf über 1.000 Seiten präsentierte es gesammelte und kommentierte Artikel zur Krankheitsbehandlung und -vorbeugung. Von Frauen in Eigeninitiative organisierte Gesprächstherapien in Kleingruppen (Frauen organisieren Radikale Therapie – FORT), Ausbildungen für autonome Sanitäter_innen sowie vom Berliner Infoladen Arbeit und Gesundheit (BILAG) durchgeführte Studien zur Humanisierung von Arbeitsbedingungen waren weitere Elemente einer Gesundheitsbe- wegung, die die Basis für einen selbstbestimmten Umgang mit dem eigenen Körper schaf- fen, normative Behandlungsmethoden und ihre Neutralität in Frage stellen und sich nicht zuletzt staatlichen Vorgaben und Kontrollen entziehen wollte. Die Feministische Gesundheitsrecherchegruppe stellt ihre Arbeit mit umfänglichen Dokumentationsmaterialien sowie in Zeitzeug_innengesprächen vor, die Eingang in Dis- plays und erweiterte Collagen finden, ebenso wie in selbstpublizierten Zines. Darüber hinaus kreiert die Gruppe mit auf persönlichem Erleben basierenden Workshops, Dis- kussionsrunden, Text- und Körperübungen einen Austausch, der den vermittelnden und selbstermächtigenden Charakter der untersuchten Initiativen widerspiegelt. Und auch mit eigenen Selbsthilfe-Instrumenten, wie etwa einer Anleitung zum Ausfüllen des Antrags zur Aufnahme in die Künstlersozialkasse, aktualisiert die Gruppe die Frag e nach den gesell- schaftlichen Implikationen von Krankheit, Solidaritätsstrukturen und ihrer Politisierung. — Seit 2015 widmet sich die von drei Berliner Künstlerinnen – Julia Bonn, Alice Münch und Inga Zimprich – betriebene Feministische Gesundheitsrecherchegruppe einem wichtigen Kapitel der jüngeren Geschichte Berlins, das die im Zuge der Frauenbewegung formulierte Gesellschaftskritik und die politischen Umbrüche ab 1968 aus einem speziellen Blickwin- kel beleuchtet: der Frage radikaler Gesundheitsfürsorge. In den 1970er und 1980er Jahren entstanden an der Schnittstelle von feministischen Initiativen und Hausbesetzer_innenszene in Westberlin zahlreiche Gruppierungen, die die Unzulänglichkeiten sowie autoritären Züge des bestehenden Gesundheitssystems kritisierten und Alternativen entwickelten. Unabhängige Gesundheitszentren wurden ge- gründet, autonome Beratungsangebote und Selbsthilfegruppen organisiert sowie Anlei- tungen zur Selbstuntersuchung und biomedizinische Informationen bereitgestellt. Das 1981 in einem besetzten Gebäude in Kreuzberg eingerichtete HeileHaus etwa pro- duzierte im DIY-Verfahren, mit Schreibmaschine und Kopierer, das Magazin Doktorspiele, mit dem über Abhilfe bei in der Besetzer_innenszene grassierenden Hautkrankheiten eben- so informiert wurde wie über Möglichkeiten im Umgang mit Menstruationsproblemen, Vor- und Nachteile verschiedener Verhütungsmethoden oder therapeutische Anwendungs- möglichkeiten von Wildkräutern. Ähnliche Themen lagen der Clio zugrunde – die vom 1976 gegründeten Feministischen Frauen Gesundheitszentrum herausgegebene «Periodische Zeitschrift zur Selbsthilfe» klärte in Schwerpunktheften u. a. über Abtreibung, Menopause und alternative Heilmethoden auf. 1983 brachte Ulf Mann, Mitglied eines Apothekerkol- lektivs am Viktoriapark, sein Gesundheitsbuch heraus: Auf über 1.000 Seiten präsentierte es gesammelte und kommentierte Artikel zur Krankheitsbehandlung und -vorbeugung. Von Frauen in Eigeninitiative organisierte Gesprächstherapien in Kleingruppen (Frauen organisieren Radikale Therapie – FORT), Ausbildungen für autonome Sanitäter_innen sowie vom Berliner Infoladen Arbeit und Gesundheit (BILAG) durchgeführte Studien zur Humanisierung von Arbeitsbedingungen waren weitere Elemente einer Gesundheitsbe- wegung, die die Basis für einen selbstbestimmten Umgang mit dem eigenen Körper schaf- fen, normative Behandlungsmethoden und ihre Neutralität in Frage stellen und sich nicht zuletzt staatlichen Vorgaben und Kontrollen entziehen wollte. Die Feministische Gesundheitsrecherchegruppe stellt ihre Arbeit mit umfänglichen Dokumentationsmaterialien sowie in Zeitzeug_innengesprächen vor, die Eingang in Dis- plays und erweiterte Collagen finden, ebenso wie in selbstpublizierten Zines. Darüber hinaus kreiert die Gruppe mit auf persönlichem Erleben basierenden Workshops, Dis- kussionsrunden, Text- und Körperübungen einen Austausch, der den vermittelnden und selbstermächtigenden Charakter der untersuchten Initiativen widerspiegelt. Und auch mit eigenen Selbsthilfe-Instrumenten, wie etwa einer Anleitung zum Ausfüllen des Antrags zur Aufnahme in die Künstlersozialkasse, aktualisiert die Gruppe die Frag e nach den gesell- schaftlichen Implikationen von Krankheit, Solidaritätsstrukturen und ihrer Politisierung. — Michaela Richter ist Leiterin der Kommunikation und Kunstvermittlung sowie Kuratorin im Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.), jüngst erschien die Katalog­ publikation zur von ihr kuratierten Ausstellung Mess with Your Values (Verlag Walther König, Köln 2018). Zuvor war sie u. a. tätig für District, Berlin, das RealismusS tudio der neuen Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK), Berlin, und das Zentrum für Künstlerpublikationen, Bremen. Von 2012 bis 2017 arbeitete sie zudem als Redak­ tionsassistentin für die ZfM. Die Feministische Gesundheitsrecherchegruppe (Julia Bonn, Alice Münch, Inga Zimprich) entwickelt seit 2015 feministische und selbstermächtigende Perspek­ tiven auf Gesundheit. Ihre künstlerischen Recherchen münden in Workshops, Heften, Ausstellungen und einer Recherchebibliothek. www.feministische-recherchegruppe.org Eine Vielzahl von Aktionsformen der Gesundheitsbewegung befasste sich mit s ubjektiven Aspekten von W ohlergehen, wie E rnährungsweisen oder anderen individuellen Bedingungen psychischer und körperlicher Gesundheit. An der Schnittstelle zur Hausbesetzer*innenszene entstanden auch Entwürfe alternativer Gesundheitsinstitutionen wie der Gesundheitsladen, Praxis- und Apothekerkollektive oder das HeileHaus. Das HeileHaus war Badestube der N achbarschaft, bot täglich gesunde M ahlzeiten an und veröffentlichte in der Zeitschrift D oktorspiele G esundheitstipps für Hausbesetzer*innen. Es bietet auch heute alternative Gesundheitsversorgung und Bademöglichkeiten an. Nach der Idee der italienischen Arbeiter*innenmedizin der 1960er und 1970er Jahre organisierte der Berliner Infol aden für Arbeit und Gesundheit (BILAG) Beratungsangebote für Arbeitnehmer*innen. Die Organisator*innen untersuchten mittels Befragungen subjektive Einstellungen zum Arbeitsschutz, aber auch Hindernisse bei dessen Durchführung. Insbesondere geschlechtsspe zi fische Rollenvorstellungen (Man darf nicht wehleidig sein lautet der Titel eines von den BILAG-Organisator*innen herausgegebenen Buches) prägten gesundheitsschädliche E instellungen in der Arbeitskultur. In den 1980er Jahren veröffentlichte Ulf Mann das Gesundheitsbuch: eine 1.150 Seiten umfassende Sammlung von Gesundheitstipps, alternativen Ansätzen und Hausmitteln. Ulf Mann war damals Teil des Apothekerk ollektivs am Viktoriapark. Es hatte sich zum Ziel gesetzt, eine Apotheke politisch, als Ort der Beratung und Bildung im Umgang mit Arzneimitteln zu betreiben. Aus der Zeitschrift Doktorspiele