Szenische Medien 59 Szenische Medien Stephanie Lehmann: Die Dramaturgie der Globalisierung: Tendenzen im deutschsprachigen Theater der Gegenwart Marburg: Schüren 2015 (Schriften zur Kultur- und Mediensemiotik, Bd.7), 372 S., ISBN 978389728946, EUR 38,– (Zugl. Dissertation an der Universität Passau, 2013) Katharina Pewny argumentierte, mit Schweiz verarbeitet werden, ohne dass dem Abrücken von der Vorstellung der Band einen lückenlosen Überblick der Alleinherrschaft des Dramentextes über Theaterinszenierungen zu die- als theaterkonstituierendem Faktor, sem Thema geben kann. Vielmehr also der Verschiebung vom vorformu- gehe es um die Frage, inwiefern man lierten Theatertext hin zur theatralen von einem Theater der Globalisie- Zeichenebene, sei eine Öffnung des rung sprechen könne, das nicht nur Theaters zu populärkulturellen For- zeitgenössische gesellschaftliche Dis- men und zu internationalem Thea- kurse aufgreife, sondern „auch einen ter aus verschiedenen Kulturkreisen innovativen Zugang zum Phänomen verbunden gewesen. Es handele sich Globalisierung findet“ (S.15). Die- dabei um Gegenstandsbereiche, „die sen Zugang reflektiert Lehmann in außerhalb des Kanons der westlichen ihrem Forschungsstand, der neben (europäischen) Hochkultur und ihrer den Arbeiten von Gerda Poschmann Geschichte als Nationaltheater lie- (Der nicht mehr dramatische Theatertext. gen“ (Das Theater des Prekären: Über Tübingen: Max Niemeyer, 1997) und die Wiederkehr der Ethik in Theater und Hans-Thies Lehmann (Postdramatisches Performance. Bielefeld: transcript, 2011, Theater. Frankfurt: Reclam, 1999) auch S.18). eine Überblicksdarstellung über die Von diesem Leitgedanken ist die Globalisierungsdebatte am Beispiel vorliegende Publikation geprägt, die von Ulrich Becks Publikation Was ist einen Überblick „über deutschspra- Globalisierung? Irrtümer des Globalismus chige Theatertexte und Inszenie- – Antworten auf Globalisierung (Frank- rungen“ geben will, „die sich mit dem furt: Suhrkamp, 1997) enthält. Die Phänomen der Globalisierung befas- Autorin arbeitet sich an Begriffen wie sen und zwischen 2000 und 2010 zur ‚Theatertext‘, ‚szenischer Text‘, ‚Insze- Uraufführung kamen“ (S.15). Gegen- nierung‘ und ‚Aufführung‘ ab, wobei stand der systematischen Untersu- die Theatertexte eben nicht als rein chung von Stephanie Lehmann sind literarische Phänomene betrachtet, die Themenfelder der Globalisierung, „sondern als für das Theater gedachte wie sie im zeitgenössischen Theater und am Theater umgesetzte Texte ana- in Deutschland, Österreich und der lysiert“ (S.27) werden. 60 MEDIENwissenschaft 01/2016 Im einleitenden Kapitel „Das und deren Wirkungen in realen Räu- Theater der Gegenwart“ setzt sich men ausloten. Wie auch immer solche die Verfasserin mit den wesentlichen Einschränkungen zu bewerten sind, Strukturveränderungen im zeitgenös- sie zeugen von der methodisch und sischen Theater auseinander. Dabei inhaltlich konsequent durchgeführten erfasst sie drei fundamentale Verände- Untersuchung. rungen: postdramatisches versus dra- Dieses Untersuchungsprinzip matisches Theater, Theatertext versus überzeugt auch bei der Festlegung der Theater und Medien versus Körper, die Themenkomplexe, die sich der Deterri- Lehmann dem Prozess der Globali- torialisierung, der globalen Ökonomie, sierung zuschreibt (vgl. S.36-69). Im der Glokalisierung und der Vernetzung Zentrum ihrer anschließenden Glo- widmen. Die einzelnen Komplexe erfas- balisierungsanalyse steht einleitend sen die Raumstrukturen der Deterri- die Reflexion dieses vieldimensionalen torialisierung, in denen die sozialen Begriffs, der in drei Bereichen – als Erfahrungen starken Veränderungen Interdiskurs, als Kommunikations- unterliegen. Die globale Ökonomie zielt Konzept und als ideologischer Kampf- sowohl auf die Darstellung und Steue- begriff – erläutert wird. Dabei gelangt rung von wirtschaftlichen Vorgängen sie zu der Einsicht, dass wesentliche wie auch auf die Einflüsse von ökono- Strukturen der Globalisierung auch mischen Werten auf die handelnden den theaterspezifischen Diskurs um Figuren. Der Komplex der Glokalisie- den Stellenwert derselben mitbestim- rung bewertet die dynamischen Bezie- men. hungen zwischen lokalen und globalen Der zentrale Teil der Untersuchung Ereignissen und die in Verbindung widmet sich zunächst der Auswahl der stehenden Grenzüberschreitungen. Stücke, die sich „mit der Wahrnehmung Der stärkste Eingriff in das Theater als von Raumdistanzen und von Zeit sowie binnenfiktionales System stellt die Ver- mit der Ausdehnung, Intensivierung, netzung dar, weil sie der „wuchernde[n] Beschleunigung und zunehmenden Theatralität“ (S.272) der ausgewählten Bedeutsamkeit von weltweiter Ver- Theaterstücke auch außerhalb des The- netzung“ (S.111) befassen. Von diesem aters folge. Auswahlprinzip, das sich ausschließlich Im abschließenden Kapitel reflek- auf Uraufführungen beschränkt, sind tiert Lehmann über das Theater der folgende Inszenierungsarten ausge- Globalisierung als politisches Theater. nommen: Stücke des interkulturellen Dabei geht es ihr nicht mehr um das Theaters, bei denen es um die reine Politische als Bühneninhalt, sondern Erweiterung europäischer Theaterpraxis um die Schaffung einer neuen poli- geht, wie auch Internet-Performances, tischen Ästhetik, in der das Verhältnis weil diese zwar geografisch entfernte von Zuschauer_innen und Darstel- Räume miteinander verbinden, jedoch ler_innen, die eigene Subjektivität lediglich technische und produktions- sowie die der Materialien und Dar- ästhetische Möglichkeiten ausschöpfen stellungsweisen (vgl. S.327) anders Szenische Medien 61 verhandelt wird. Kurzum: Das Theater Lehmanns Abhandlung, die im soll öffentlicher Diskursraum sein, in Anhang ein umfassendes Quellen- und dem der zerrissene Faden zwischen Literaturverzeichnis enthält, bezeugt Wahrnehmung und eigener Erfahrung einen von der politischen Praxis ausge- sichtbar wird. Auf diese Weise soll sich lösten Wandel in der deutschsprachigen eine, im Übrigen bereits in Ansätzen Theaterwelt. Umso lobenswerter ist praktizierte, Dramaturgie der Globa- diese Publikation, weil sie wesentliche lisierung herausbilden, die „nicht mehr Impulse verarbeitet, die von der The- auf kausal-logische Entwicklung setzt, aterpraxis kommend die Theorie der die durch Handlungen Einzelner aus- Globalisierung um wichtige Themen- gelöst werden“, sondern „im Gegenteil komplexe, wie globale Ökonomie und Zufälle, undurchschaubare Wirkungs- Vernetzung, erweitert. mechanismen […] (ein)setzt, um Ent- wicklungen auszulösen“ (S.343). Wolfgang Schlott (Bremen)