AUGENBLICK Konstanzer Hefte zur Medienwissenschaft 73 Arbeit 4.0 Zur Entgrenzung der Arbeit AugenBlick Konstanzer Hefte zur Medienwissenschaft Herausgegeben von Ursula von Keitz, Beate Ochsner, Isabell Otto, Bernd Stiegler und Alexander Zons In Zusammenarbeit mit Heinz B. Heller Eine Veröffentlichung der Arbeitsgruppe Medienwissenschaft im Fachbereich Literaturwissenschaft der Universität Konstanz Heft 73 Dezember 2018 Herausgeber und Redaktion dieser Ausgabe: Kevin Liggieri, Beate Ochsner und Alexander Zons Redaktionsanschrift: Universität Konstanz, FB Literaturwissenschaft – Medienwissenschaft Universitätsstraße 10, Fach 157, 78457 Konstanz http://www.uni-konstanz.de Schüren Verlag, Universitätsstr. 55, 35037 Marburg Drei Hefte im Jahr Einzelheft € 12,90, Doppelheft € 19,90 Jahresabonnement € 30,– Jahresabonnement für Studierende € 24,– Bestellungen an den Verlag Anzeigenverwaltung: Katrin Ahnemann, Schüren Verlag www.schueren-verlag.de © Schüren Verlag, alle Rechte vorbehalten Gestaltung: Erik Schüßler Umschlagabbildung: W-film / Lighthouse Home Entertainment Druck: Majuskel Medienproduktion, Wetzlar ISSN 0179-2555 ISBN 978-3-7410-0204-5 Inhalt Kevin Liggieri Einleitung Arbeit 4.0 – Zur Entgrenzung der Arbeit 5 Stefan Groth und Johannes Müske Arbeit 4.0 Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf Arbeit im Wandel 11 Urs Urban Vom Webstuhl zur Website Zur literarischen Produktion von Wissen über Arbeit heute 25 Dawid Kasprowicz Von alten Besen im System und neuen Körpern im Loop Bildgebungsverfahren in der Mensch-Roboter-Kollaboration 43 Kevin Liggieri Der Mensch im «Mittelpunkt» der Arbeit 4.0? Technikanthropologische Überlegungen von Konzepten zwischen ‹Mensch› und ‹Arbeit› in der digitalen Gesellschaft 59 Beate Ochsner und Harald Waldrich ‹Verspielte Arbeit› Arbeit und Spiel in der Digitalkultur 79 Alexander Zons Im Stahlbad Arbeit und Filmindustrie 95 Christoph Büttner Disziplinarregime 4.0? Über Techniken des Human Resource Managements in Work Hard Play Hard 115 Autorinnen und Autoren 129 Abbildungsverzeichnis 132 Kevin Liggieri Einleitung Arbeit 4.0 – Zur Entgrenzung der Arbeit Mit der Begriffs-Trias «Arbeit – Weiter – Denken» beschreibt das Bundesminis- terium für Arbeit und Soziales (BMAS) 2015 in ihrem Grünbuch das neue Feld der «Arbeit 4.0». Im Diskussionspapier des Grünbuches, zu dem die damalige Arbeitsministerin Andrea Nahles ein Vorwort verfasste, stand die Problematisie- rung von Arbeit im Wirkungsfeld von Digitalisierung, Globalisierung und demo- grafischen Wandel im Zentrum. Nahles verweist darauf, dass die Digitalisierung unsere «Fantasien und Innovationen» beflügele, «sie überrascht uns mit immer neuen Produkten und Geschäftsmodellen. Zugleich beginnen wir erst langsam zu verstehen, wie nachhaltig sie unsere Wirklichkeit bereits verändert hat, mit welcher Geschwindigkeit sie Medien, Wirtschaft und Alltagskultur durchdringt und völlig neu ordnet.»1 Die «Schnittstelle» dieser gravierenden Veränderungen sieht Nahles in der «Arbeit».2 Anders als bei der «Industrie 4.0», welche öffentlichkeitswirksam als Zukunftsprojekt im Rahmen der Hightech-Strategie auf der Hannover-Messe 2011 ausgerufen wurde, stehe hier der «Mensch» mit seinen «neuen Ansprüchen an die Organisation von Arbeit» im Mittelpunkt. Dabei ist «Individualisierung» für eine moderne Arbeitswelt das «Zauberwort»: «Wir wollen ein individuelles Leben.»3 Insbesondere die «Bedürfnisse» der Menschen sollen demzufolge bei die- ser Debatte berücksichtigt werden. Hierbei erfordere die «Revolution des Digitalen […] eine behutsame Evolution des Sozialen.»4 Die angeführten Bilder, Argumente und Rhetorik der Arbeitsministerin verweisen deutlich auf ein humanistisches Erbe, das im Bannkreis herkömmlicher Dualismen Arbeit und Mensch trennt, um den gezielten Zugriff von der einen auf die andere Seite zu ermöglichen. Wenn aber Arbeit als Dienstleistung in der heutigen Entwicklung größtenteils in tech- nischen Strukturen aufgeht und sich auch nur hier entfaltet, dann wird es schwie- rig Arbeits- und Lebenswelt ebenso eindeutig zu trennen, wie man es lange mit Natur und Technik versucht hat. Hier wird u. a. eine Technikökologie sichtbar, die von einer wechselseitigen Verfertigung von Arbeits- und Lebenswelt ausgeht, und damit das Individuum in unterschiedliche (teilweise subtile) Produktionsstruktu- ren einspannt. 1 Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Grünbuch. Berlin 2015, S. 6. 2 Ebd. 3 Ebd., S. 7. 4 Ebd., S. 8. 6 Einleitung Durch die neuen konkreten und epistemischen Umstände zeigt sich eine Ver- änderung der Arbeitsumwelt(en), die nicht nur Chancen für mehr Flexibilität und individuelle Arbeitsgestaltung bieten kann, sondern ebenso Risiken höherer Arbeitsbelastung, Entsubjektivierung und Entgrenzung birgt. Das auf die im Grün- buch gestellten Fragen antwortende Weißbuch des BMAS konstatiert daher zurecht eine «Verschiebung von vormals physischen zu überwiegend psychischen Anforde- rungen».5 Was macht man nun mit einem traditionellen Arbeitsbegriff, der sich aus einer körperlichen Arbeit ableitet?6 Im Unterschied zu früheren Arbeitsmodellen (Industrialisierung, Taylorismus, Fordismus, etc.)7 sind in der neuen Arbeitswelt des Technozäns Differenzen zwischen Anstrengung und Spiel/Freizeit, Mensch und Maschine, Individuum und Umwelt aber auch Physis und Psyche immer mehr auf- gehoben.8 Arbeit nimmt man nicht mehr nur mit ‹nach Hause› (Telearbeit), viel- mehr soll man als ‹Selbstmanager› oder ‹kreatives Subjekt› in seiner Arbeit hei- misch werden. Das Zuhause kommt in die Arbeit.9 Damit verändert sich zum einen die Arbeit ganz praktisch und zum anderen die emotionale Einstellung des Men- schen zu ihr. In Technologiekonzernen wie Google, Apple oder Facebook werden für die emotionale Neucodierung die work places mit Cafés, Restaurants, Eisdielen, Gyms, Spielhallen, Kliniken, Chiropraktikern, Fahrradwerkstätten, Schreinereien, Druckereien, Friseuren, Reinigungen, Kegelbahnen, Autowaschanlagen, Pedikü- ren oder sogar Kindergärten ausgestattet und kreieren damit ein partizipatorisches Arbeitsumfeld, welches eine effektive Belegschaft zu produzieren weiß. «Die Kon- flikte zwischen der Arbeit und dem Privatleben sollen», so die ehemalige Human Ressource Managerin von Google, Anne Weisberg, «mit Angeboten wie alternati- ven Transportmöglichkeiten oder Mahlzeiten, die abends mit nach Hause genom- men werden können, vermindert werden. Die Zusatzleistungen sollen die Pro- duktivität und Kreativität erhöhen und werden als wichtiger Teil der langfristigen Zukunftsfähigkeit betrachtet.»10 Die Arbeit soll nicht mehr als ausbeutende Ent- fremdung erlebt, sondern als menschliche Umwelt, die einen (bestenfalls) ‹kreativ› 5 Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Weißbuch: Arbeiten 4.0. Berlin 2017, S. 135. 6 Wie kann man den Arbeits- und Gesundheitsschutz beispielsweise an digitale und mobile Arbeit anpassen (Bildschirmarbeit etc.)? Vgl. zur Problemstellung wie sich nicht-körperliche Arbeit fil- misch repräsentiert Christoph Büttner: «Inmitten der Wirklichkeit entstand dieser Film.» Arbeiter- dokumentarfilme und das Bedürfnis nach Wirklichkeit. In: Alexander Zons (Hrsg.): Passionen des Realen. Bilder des Menschen zwischen den Kriegen (= Augenblick 69/70, 2018), S. 115–128. 7 Vgl. Frank Bunker Gilbreth, Lillian Moller Gilbreth: Die Magie des Bewegungsstudiums. Photogra- phie und Film im Dienst der Psychotechnik und der Wissenschaftlichen Betriebsführung. Herausgege- ben von Bernd Stiegler unter Mitarbeit von Alexander Müller. Paderborn 2012. 8 Vgl. Christina Vagt: Organismus und Organisation Physiologische Anfänge der Medienökologie. In: Medienökologie. Zeitschrift für Medienwissenschaft 14, 2016, S. 19–32. 9 Ganz praktisch passiert dieses durch eine ‹Iphonisierung› der Arbeitsumwelt in der Industrie 4.0. Durch den gehäuften Einsatz cyber-physischer Systeme im Arbeitsumfeld sollen sich Mensch und Maschine fast von allein verstehen (ob durch Sprache oder Gesten). 10 http://www.spiegel.de/karriere/jobs-im-silicon-valley-arbeiten-bei-google-facebook-everno- te-a-965811.html, 11.12.2018. Einleitung 7 erfüllt oder sich zumindest an den Menschen ‹flexibel› anpasst, verstanden werden. Arbeit wird, obwohl sie immer technischer ist, als ‹humanisiert› und ‹subjektiviert› stilisiert. Sie wird in der technischen Moderne selbst zu einer Art Haus- und Wirt- schaftsnetzwerk, das den Lebensmittelpunkt bildet. Moderne Arbeitsverhältnisse werden damit im wahrsten Sinne des Wortes nicht nur radikal ökonomisch, son- dern auch ökologisch bestimmend (von griech. οἶκος Haus, Heim). Die veränderte, wenn nicht gänzlich aufgehobene Grenze zwischen natürlicher Umwelt und tech- nisierter Arbeit verweist gleichzeitig auf die Auflösung des modernen Paradigmas von Arbeit. Immer mehr wird die Trennung von Arbeit und Leben/Freizeit unter dem Primat der Selbstoptimierung vorangetrieben,11 so dass in gewissem Sinne das Auflösen der Grenze auf eine Rückkehr in vormoderne Konzeptionen hindeutet. Was nun aber steckt hinter dem umkämpften Schlagwort «Arbeit 4.0», welches gleichzeitig Streitpunkt und Konsensbasis darstellt?12 Im Glossar des Bundesmi- nisteriums für Arbeit und Soziales findet sich eine konzise Definition, die (ähn- lich wie bei Industrie 4.0) auf die historische Entwicklung, welche stark von einem evolutionären Fortschrittsdenken geprägt ist, hinweist. So bezieht sich der Begriff «Arbeit 4.0» auf die vierte industrielle Revolution, rückt dabei aber nicht die tech- nischen Netzwerke und Objekte, sondern die «Arbeitsformen und Arbeitsverhält- nisse» in den Mittelpunkt. Der Begriff ist damit nicht nur auf den Industriesektor beschränkt, sondern umfasst die «gesamt[e] Arbeitswelt».13 Das Narrativ wird vom BMAS klar herausgestellt: ‹Arbeiten 1.0› bezeichnet die beginnende Industriegesellschaft vom Ende des 18. Jahrhunderts und die ersten Arbeiterorganisationen. ‹Arbeiten 2.0› sind die beginnende Massenproduktion und die Anfänge des Wohlfahrtsstaats am Ende des 19. Jahrhunderts. Die Industrialisierung brachte damals neue soziale Prob- leme mit sich, der zunehmende Druck der organisierten Arbeiterschaft bildete 11 Zum Zusammenhang bzw. der zunehmenden Verschaltung von Ökonomie und Ökologie vgl. Das Internationale Jahrbuch für Medienphilosophie. Themenheft zur Ökonomie/Ökologie, Band 4, 2018. Hrsg. von Dieter Mersch und Michael Mayer. Hier besonders Beate Ochsner: Oikos und Oikonomia oder: Selbstsorge- Apps als Technologien der Haushaltung, S. 123–146. Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie nimmt programmatisch die Visionen der «Arbeit 4.0» auf, da sich in der Digitalisierung die Chance biete, «enorme volkswirtschaftliche Potenziale freizusetzen: Bis 2025 könnte Europa durch die digitale Transformation einen Zuwachs von 1,25 Billionen Euro an indust- rieller Bruttowertschöpfung erzielen. Diese Chance gilt es zu nutzen.» Man sollte nun mit Blick hie- rauf die «Weichen» in Politik und Wirtschaft «richtig stellen», um die «Wertschöpfungspotenziale» nicht an andere Regionen zu verlieren. In dieser ökonomischen Sichtweise wird das humanistische Erbe ebenfalls in den Vordergrund gestellt: «Denn eines ist bei allem technischen Fortschritt sicher: ‹Der Mensch wird der Dreh- und Angelpunkt in unseren Industriebetrieben bleiben.›» Bundes- verband der Deutschen Industrie, Stellungnahme, https://www.arbeitenviernull.de/fileadmin/Futu- rale/Statements/PDFs/BDI.pdf, 11.12.2018. 12 Vgl. für die Gewerkschaftsdiskussionen u. a. http://www.dgb.de/themen/++co++1c8e9a74-cf17- 11e5-929e-52540023ef1a, 11.12.2018. 13 Dazu genauer Ver.di: https://innovation-gute-arbeit.verdi.de/suche?ZentralSearchPortlet.global_ search_input=Arbeiten+4.0&global_search_submit=, 11.12.2018. 8 Einleitung eine wichtige Grundlage für die Einführung der ersten Sozialversicherungen im Deutschen Reich. ‹Arbeiten 3.0› umfasst die Zeit der Konsolidierung des Sozialstaats und der Arbeitnehmerrechte auf Grundlage der sozialen Markt- wirtschaft: Arbeitgeber und Arbeitnehmer verhandeln sozialpartnerschaftlich auf Augenhöhe miteinander. Die Notwendigkeit der Wahrnehmung gemein- samer Interessen steht im Betrieb wie auch unter den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern insgesamt außer Frage. Später folgte die teilweise Rücknahme sozialer Rechte, auch angesichts des zunehmenden Wettbewerbsdrucks und der Öffnung nationaler Märkte. ‹Arbeiten 4.0› wird vernetzter, digitaler und flexibler sein. Wie die zukünftige Arbeitswelt im Einzelnen aussehen wird, ist noch offen. Eine Definition, die ebenso klar und normativ wie vage anmutet. Sie suggeriert mit ihren Versionsnummern (1.0, 2.0 … 4.0) eine Kontinuität und Fortschritts- erwartungen, verkennt dabei allerdings häufig die epistemischen und praktischen Brüche oder will sie zumindest nicht öffentlich eingestehen. Dagegen hat die 2010 eingesetzte Internet-Enquete-Kommission deutlich herausgestellt, dass «die Verän- derungen, die die Digitalisierung der Gesellschaft mit sich gebracht hat, tiefgrei- fend und unumkehrbar sind. Sie sind in ihren Auswirkungen vergleichbar mit den Umwälzungen der Industrialisierung im 19. oder der Erfindung des Buchdrucks im 16. Jahrhundert.»14 Umso interessanter erscheinen hierbei die Kontinuitätsbekun- dungen mit Blick auf anthropozentrische und humanistische Argumente. Wenn Sprache nicht nur entstanden ist, um zu beschreiben, sondern auch, um zu bewältigen, dann bekommen Begriffe wie «Arbeit 4.0» notwendigerweise eine gesellschaftliche Funktion. Begriffe nehmen in diesem Sinne nicht nur historische Kontexte auf (Taylorismus, Human Resource Management, Ergonomie, Humani- sierung der Arbeit etc.), sondern erschließen in ihrer Verwendung auch neue. Die Problematisierungsdiskurse rund um das Dispositiv «Arbeit 4.0» können – um es mit Ludwik Fleck zu sagen – insofern als «Schlagworte» und «Kampfrufe» gese- hen werden, die im wissenschaftlichen wie öffentlichen Diskurs eine erkenntnisrei- che wie auch fragliche Wirkung entfalten.15 Solche Schlagworte sind deswegen so bedeutungsvoll und einprägsam, weil sie über die Theorie und Logik hinausgehend fast «magische» emotionale Zustimmung evozieren.16 Auf diese Weise besitzt das Konzept «Arbeit» eine «projektiv[e] Funktion», die in den vorliegenden Artikeln in unterschiedlichen Disziplinen und Epochen untersucht werden soll. Die ange- führte Entgrenzung und Umweltlichkeit von Arbeit kann dabei nur interdisziplinär 14 Deutscher Bundestag: Drucksache 17/12550, Schlussbericht der Enquete-Kommission «Internet und digitale Gesellschaft» (05. 04. 2013). Berlin 2013, S. 41. 15 Ludwik Fleck: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv [1935]. Eingeleitet und herausgegeben von Lothar Schäfer und Thomas Schnelle. Frankfurt a. M. 1980, S. 59. 16 Ebd., S. 58. Einleitung 9 in den Blick genommen werden. Denn schon lange gehört Arbeit nicht nur zum Diskurs der Industrie, sondern schlägt sich in den unterschiedlichsten Disziplinen und Lebensbereichen nieder. Der Beitrag von Stefan Groth und Johannes Müske diskutiert in diesem Sinne einführend, wie empirisch-kulturwissenschaftliche Forschungsperspektiven zum Thema Arbeit 4.0 aussehen können und stellt dafür einige Themenfelder vor, wel- che die Fachdebatten in den letzten gut zwei Jahrzenten bestimmt haben und die auch für aktuelle Debatten um Arbeit 4.0 zentral sind: Flexibilisierungs-, Prekari- sierungs- und Entgrenzungsprozesse von Arbeit, Arbeit und Wissen im kognitiven Kapitalismus, Subjektivierung und Ästhetisierung von Arbeit sowie jüngst auch Fragen zu emotionalen Aspekten von Arbeit. Am Beispiel von vier Romanen aus den Jahren 2012–2018 lotet Urs Urban einer- seits die Funktionsweise von Arbeit und das Verhältnis aus, in das Arbeit den Men- schen zu seiner Umwelt setzt, um andererseits die literarischen Möglichkeiten und Bedingungen dieses Beziehungsgeflechtes und das auf diese Weise hervorgebrachte literarische Wissen über Arbeit in einer zunehmend technologisierten, globalisier- ten und digital re-organisierten Welt zu erkunden. Dawid Kasprowicz bearbeitet in seinem medienwissenschaftlichen Beitrag die visuellen Praktiken in der Mensch-Roboter-Kollaboration. Im Aufeinanderwir- ken maschineller und menschlicher Agenten in der industriellen Arbeit (zaunlo- ser Roboter etc.) kommt es zu einer radikalen Entgrenzung der Beobachter von Arbeit. Dieses geschieht, so arbeitet Kasprowicz heraus, durch den systematischen Verbund der Bildgebungstechniken, die sich sowohl in die Film- und Computer- spieleproduktion als auch in die Ergonomie und die Medizin erstrecken. Im Beitrag geht es demzufolge darum, eine medienwissenschaftliche Antwort auf die Frage zu geben, was es für den Begriff von Arbeit bedeutet, wenn maschinenlesbare und funktionsrelevante Bilder unseres Körpers produziert werden müssen, um Arbeit überhaupt stattfinden zu lassen. Der Text von Kevin Liggieri nährt sich dem Problem der Begrifflichkeit der «Arbeit 4.0» technikanthropologisch an und versucht das Menschenbild hinter dem humanistischen Vokabular herauszuarbeiten. Liggieri problematisiert dabei, wie im Zeitalter des Internets der Dinge dem Menschen als taktische Schnittstelle Bedeutung zukommt. Wieso argumentiert die gegenwärtige Technik- und Arbeits- forschung humanzentriert, anthropophil und holistisch (Mensch als ‹Ganzheit›)? Liegt hier eine reine humanistische Rhetorik vor oder sieht man vielmehr die Praxis einer effizienzzentrierten Technikgestaltung? Beate Ochsner und Harald Waldrich fragen nach der prekär werdenden Unter- scheidbarkeit von Arbeit bzw. Ernst und Spiel im Kontext sogenannter Serious Health Games, im Rahmen derer Behandlungs- und Therapieformen zu einer ‹spie- lerischen› (Selbst-)Managementaufgabe der Patient*innen/Spieler*innen geraten. Als weiteres Beispiel, dieses Mal aus dem Bereich der Entertainment Games, dienen die Service Games, anhand derer Prozesse der Gamification und/oder Workification 10 Einleitung und damit die Einschreibung in eine kapitalistisch organisierte Wertschöpfungs- kette sichtbar gemacht werden. Die letzten beiden Texte adressieren auf ganz unterschiedliche Weise das Ver- hältnis von Film und Arbeit. Alexander Zons wirft in seinem Beitrag einen kriti- schen Blick auf den Zusammenhang von Kulturproduktion, Arbeit und Neolibe- ralismus. Er sieht in der projektorientierten Filmproduktion, die in Hollywood in den 1950er-Jahren einsetzt, ein Modell für Formen der (Selbst-)Ausbeutung des kulturellen Kapitalismus und geht der Organisation von Arbeit in Hollywood bis in die Gegenwart nach. Christoph Büttner folgt ganz konkret einigen Hinweisen, die Carmen Losmanns Work Hard Play Hard (D 2012) ins Spiel gebracht hat. Der Film dokumentiert, wie Human Resource Mangement in Unternehmen zum Einsatz kommt. Büttner zeigt, in welche Tradition die dort behandelten Formen der Men- schenführung eingelassen sind und wie der Film den humanisierenden Rhetoriken zum Trotz ein Disziplinarsystem zeichnet. Die breite und interdisziplinäre Beschäftigung mit dem ambivalenten Prob- lemkomplex Arbeit 4.0 ist deswegen so interessant und erkenntnisfördernd, weil er, wie die Artikel beweisen, theoretisch und praktisch-medial zugleich ist, und damit immer eingebunden in das komplexe Wechselspiel von Theorie und Praxis, Humanismus und Kapitalismus, Selbstfindung und Entfremdung.17 Auf der einen Seite entwirft «Arbeit 4.0» also dezidiert ‹humanistische› und anti-rationalistische Menschenbilder, auf der anderen Seite werden allerdings gerade dadurch ökono- misch-kapitalistische Zugriffe auf das Individuum ermöglicht. Das vorliegende Heft will diese Zugriffe aufdecken und sich damit der Frage stel- len, was die angedeutete Entgrenzung (Öffnung, Flexibilität, Vernetzung, Digitali- sierung) auch als Subversion eines ‹Außen› der Arbeit bedeutet. Der Ort einer sinn- vollen (historischen wie systematischen) Kritik müsste vielleicht vielmehr in einem ‹Innen› mit Blick auf bestimmte Wissensformationen, Anthropologien und Struk- turen der neuen ‹Arbeit› gesucht werden. Wo zeigen sich traditionelle Semantiken als immer noch virulent? Wo tut sich eine Rationalisierungslogik auf? Wie intera- gieren Mensch-Mensch bzw. Mensch und Maschine und Maschine und Maschine in der neuen vernetzten, digitalen und flexiblen Arbeitswelt? Ergeben sich hier durch medientechnische Veränderungen auch neue Formen des Kapitalismus? 17 Vgl. aus ethnographischer Sicht Gerd Spittler: Anthropologie der Arbeit. Berlin 2016; zur kulturwis- senschaftlichen Sicht Ulrich Bröckling, Eva Horn (Hrsg.): Anthropologie der Arbeit. Tübingen 2002. Arbeit 4.0 11 Stefan Groth und Johannes Müske Arbeit 4.0 Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf Arbeit im Wandel Fabriken, die fast vollautomatisch Autos herstellen, autonom fahrende LKW, Droh- nen, die Pakete ausliefern, mit Sensoren versehene Roboter, die mit Lagerarbei- ter*innen ‹kooperieren› – die Liste der Beispiele ließe sich beliebig über die Sphä- ren von Produktion und Dienstleistungen hinaus bis hin zu Land- oder Geldwirt- schaft fortsetzen. Viele Berufe sehen sich starken Veränderungen ausgesetzt; gegen- über stehen sich gefragte Spezialistenberufe und von Deskilling oder Streichung bedrohte Tätigkeiten. Begrifflich spiegelt sich die gegenwärtige Neugestaltung der Arbeitswelt in Begriffen wie Digitalisierung, Internet of Things, Industrie 4.0 oder Arbeit 4.0 wider, die täglich in Presse, Politik, Fachjournalen und weiteren Alltags- kontexten diskutiert werden. Nicht nur technische Neuheiten, auch Hoffnungen und Befürchtungen, Risiken und Chancen der Digitalisierung und ihre Auswir- kungen auf die Arbeit der Zukunft werden thematisiert. Seinen paradigmatischen Klang erhält der Begriff ‹Arbeit 4.0› insbesondere durch seine Offenheit1: Ganz unterschiedliche Entwicklungen wie Arbeitsorganisation und -gestaltung, Automa- tisierung, Bildung, Dequalifizierung, Veränderungen globaler Märkte und weitere gesellschaftliche Themen bündeln sich unter dem Label. Tiefgreifende Wandlungsprozesse der alltäglichen Arbeitswelt zeigen sich abseits der schillernden Zukunftsvorstellungen schon heute. Der vorliegende Beitag stellt vor, wie empirisch-kulturwissenschaftliche Forschungsperspektiven zum Thema Arbeit 4.0 aussehen können. Die empirische Kulturwissenschaft, die auch unter den Bezeichnungen Kulturanthropologie, Europäische Ethnologie oder Volkskunde im deutschsprachigen Raum firmiert, beschäftigt sich in meist mikroanalytischen Studien mit alltäglichen Phänomenen in historischer Perspektive. Sie greift dabei auf einen dynamischen und breiten Kulturbegriff zurück, der Akteur*innen und die Aushandlung und Deutung von Praxen, Ordnungen und deren Materialisie- rungen in diversen Lebenswelten fokussiert. Der Schwerpunkt empirisch-kultur- wissenschaftlicher Perspektiven auf Arbeit 4.0 liegt auf der ethnografischen Erfor- schung von Arbeitsalltagen, bei der unterschiedlichste Phänomene rund um das Thema Arbeit qualititativ untersucht werden. Empirische Basis bilden selbst gene- rierte Daten (ethnografische Feldforschungsmethoden, z. B. qualitatives Inter- view oder teilnehmende Beobachtung) oder andere, auch historische Quellen (wie etwa (Firmen-)Archivalien oder Presseerzeugnisse). Die breite Perspektive und 1 Vgl. hierzu den Beitrag von Kevin Liggieri in diesem Heft. 12 Stefan Groth und Johannes Müske Materialbasis ermöglichen es, unterschiedlichste Phänomene zu untersuchen und den in einer Gemengelage aus Akteuren, Praxen und Diskursen vorhandenen All- tag entlang bestimmter thematischer Linien zu strukturieren. Im Folgenden werden wir einige dieser Themenfelder vorstellen, welche die Fachdebatten in den letzten gut zwei Jahrzenten bestimmt haben und die auch für aktuelle Debatten um Arbeit 4.0 zentral sind: Flexibilisierungs-, Prekarisierungs- und Entgrenzungsprozesse von Arbeit, Arbeit und Wissen im kognitiven Kapitalismus, Subjektivierung und Ästhe- tisierung von Arbeit sowie jüngst auch Fragen zu emotionalen Aspekten von Arbeit. 1 Von der Arbeiterkultur- zur Arbeitskulturenforschung Die Arbeitskulturenforschung entstand in den 1970er-Jahren als volkskundliche Arbeiterforschung / Arbeiterkulturforschung. Diese hatte das Ziel, den Beitrag der ‹anderen Kultur› unterbürgerlicher Schichten, zurückgehend bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, zur Gesamtkultur zu erforschen und sichtbar zu machen. Inspi- riert war dieser Ansatz von der britischen Sozialgeschichte bzw. den Cultural Stu- dies, verbunden z. B. mit den Namen Edward P. Thompson, Raymond Williams oder Stuart Hall, die damals im Fach zunehmend rezipiert wurden. Die Arbeiter- kultur geriet damit paradoxerweise zu einem Zeitpunkt in den Fokus der (west- deutschen) Volkskunde, als die Arbeiter, verstanden vor allem als Fabrikarbeiter, durch den einsetzenden Strukturwandel zunehmendend ‹verschwanden›. Vollends sichtbar wurde dieser Prozess mit dem Zusammenbruch des Sozialismus und der damit verbundenen rasanten Deindustrialisierung in Ostdeutschland: Der Arbei- terkulturforschung ging die Arbeiterkultur verloren, auch in theoretischer Hinsicht, denn ‹linke› Gesellschaftstheorien, auf die sich der Forschungsgegenstand gründen konnte, waren nun desavouiert. Die Arbeitskulturenforschung begann daher, die Arbeit selbst in den Blick zu nehmen, unabhängig davon, ob es sich um Arbei- ter*innen oder Angestellte, um Erwerbsarbeit oder andere Arbeitsformen (Fami- lienarbeit, Subsistenzarbeit) handelte. Mit der Emanzipation vom Paradigma der männlichen Berufsarbeit (begrifflich fassbar etwa im ‹Normalarbeitsverhältnis›) öffnete sich die Forschung zeitgleich für ethnografische Methoden. 1998 beschloss die 1979 gegründete Kommission Arbeiterkultur in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde ihre Umbenennung in ‹Arbeitskulturenforschung›. Untersucht wurden nun Unternehmenskulturen, Arbeitsmigration aber auch die Arbeit von Selbststän- digen, die Informatisierung der Arbeit und generelle Subjektivierungs-, Entgren- zungs- und Flexibilisierungsprozesse von Arbeit. Die historische Dimensionierung gegenwärtiger Phänomene bleibt ein zentraler Bestandteil der Arbeitskulturenfor- schung, da jene erst über den Rückbezug auf historische Verlaufsformen analysier- bar werden und als temporäre Erscheinungen längerer Entwicklungen verstanden werden müssen.2 2 Die zusammenfassende Darstellung folgt eigenen Recherchen und Peter Assion, Bernd Jürgen Arbeit 4.0 13 2 Entgrenzung, Flexibilisierung und Prekarisierung Entgrenzung, Flexibilisierung und Prekarisierung sind allgegenwärtige Schlag- worte im Zusammenhang mit dem Thema Arbeit, wobei es sich um Gemengela- gen handelt, die sich überschneiden, nicht nur die Arbeit betreffen und auf unter- schiedlichen Ebenen im Alltag stattfinden. Unter Prekarisierung wird generell die Auflösung bestimmter Standards verstanden (‹Normalarbeitsverhältnis› bzw. die sozialversicherungspflichtige Vollzeitanstellung, welche zumindest für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts für die männliche Bevölkerung in vielen Ländern des ‹Globalen Nordens› galt). Vermehrt sind ‹atypische› Beschäftigungsverhältnisse anzutreffen, insbesondere im Niedriglohnsektor, dessen enorme Ausweitung seit den 2000er-Jahren durch umfassende wirtschaftliche Veränderungen und politi- sche Reformprozesse vorangetrieben und ermöglicht wurde. Nicht immer bedeu- tet Prekarisierung auch Flexibilisierung (z.  B. von Arbeitszeiten) oder Entgren- zung (z. B. von Arbeit und Freizeit); auch werden die Veränderungsprozesse von den Beschäftigten selbst eingefordert (z. B. Gleitzeit, Home-Office). Insbesondere arbeitssoziologische Studien der subjektorientierten Soziologie und die ethnogra- fische Arbeitskulturenforschung haben zu diesen Themen zahlreiche empirische Untersuchungen vorgelegt, etwa zur Veränderung der Arbeit von Angestellten in Unternehmen und Behörden, in der Kreativ- und Wissensarbeit.3 Der Wandel der Arbeitswelt lässt sich insgesamt mit dem Konzept des ‹Post- fordismus› (im Gegensatz zum früheren Arbeitsparadigma des ‹Fordismus›) beschreiben.4 An die Stelle von Kontrolle und Zwang, versinnbildlicht im Leitbild Warneken: Arbeiterforschung. In: Rolf W. Brednich (Hrsg.): Grundriß der Volkskunde. Einführung in die Forschungsfelder der Europäischen Ethnologie. Berlin 2001, S.  255–289. Die Tagungsbände der 1979 gegründeten Kommission Arbeiterkultur in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde finden sich (jeweils mit Inhaltsverzeichnis und Einleitung) zusammengefasst unter: http://www. dgv-arbeitskulturen.de/publikationen, 1.10.2018. Themenfelder waren etwa Protestkultur, Arbei- terwohnungen, politische Organisation und andere Lebensstil-, Habitus- und weitere soziokultu- relle Aspekte der Arbeiterkultur. Zur Umbenennung der Kommission siehe Irene Götz, Andreas Wittel: Ethnographische Arbeitsforschung – zur Einführung. In: Dies. (Hrsg.): Arbeitskulturen im Umbruch. Zur Ethnografie von Arbeit und Organisation. Münster 2000, S. 7–15; Stefan Beck: Ethno- graphische Arbeits- und Organisationsforschung. Tagungsbericht. In: Zeitschrift für Volkskunde 95, 2, 1999, S. 265–268. 3 Z. B. Günter Voß, Hans J. Pongratz (Hrsg.): Subjektorientierte Soziologie. Opladen 1997; Manfred Seifert, Irene Götz, Birgit Huber (Hrsg.): Flexible Biografien? Horizonte und Brüche im Arbeits- leben der Gegenwart. Frankfurt a.  M. 2007; Gerrit Herlyn u. a. (Hrsg.): Arbeit und Nicht-Arbeit: Entgrenzungen und Begrenzungen von Lebensbereichen und Praxen. München 2009; Irene Hampp u. a. (Hrsg.): Mobilität und Mobilisierung: Arbeit im soziokulturellen, ökonomischen und politischen Wandel. Frankfurt a. M. 2010; Gertraud Koch, Bernd Jürgen Warneken (Hrsg.): Wissensarbeit und Arbeitswissen: Zur Ethnografie des kognitiven Kapitalismus. Frankfurt a. M. 2012; Manfred Seifert (Hrsg.): Die mentale Seite der Ökonomie: Gefühl und Empathie im Arbeitsleben. Dresden 2014. 4 Vgl. einführend Irene Götz: Fordismus und Postfordismus als Leitvokabeln gesellschaftlichen Wandels. Zur Begriffsbildung in der sozial- und kulturwissenschaftlichen Arbeitsforschung. In: Irene Götz u. a. (Hrsg.): Europäische Ethnologie in München. Ein kulturwissenschaftlicher Rea- der. Münster 2015, S.  25–52; Manfred Seifert: Arbeitswelten im Wandel: Zur Ethnographie der 14 Stefan Groth und Johannes Müske der Fließarbeit, tritt bei der zunehmend immateriellen Arbeit die selbstständige Arbeitsorganisation (Subjektivierung von Arbeit, s.u.).5 Dass Unternehmen die Arbeit ihrer Angestellten statt per Anweisung über Zielvereinbarungen steuern, ist ein jüngeres Phänomen und deutet auf einen «neuen Geist des Kapitalismus»6 hin, auch diskursiv in der Managementliteratur nachweisbar. Begleitet und überhaupt ermöglicht wird dieser neue Geist durch umfassende Technisierungsprozesse, die beispielsweise in der Logistikarbeit enorme Effizienzsteigerungen ermöglicht haben, wodurch standardisierte Arbeit zunehmend unter Druck gerät, während komplexe Problemlösungskompetenzen an Bedeutung gewinnen.7 3 Wissensarbeit und kognitiver Kapitalismus Der Bedeutungszuwachs, der Wissen und Kreativität in einer zunehmend infor- matisierten Arbeitswelt in vielfältigen Formen und in unterschiedlichen Berei- chen zukommt, wird aus unterschiedlichen Forschungsrichtungen mit dem Kon- zept des kognitiven Kapitalismus gefasst.8 Mit diesem übergreifenden Begriff wer- den Prozesse beschrieben, in denen sich die Modalitäten der Arbeitsorganisation, aber grundlegender auch Subjektivierungsformen verändern und Wissen in seinen unterschiedlichen Formen zu einer maßgebenden Ressource wird.9 Gertraud Koch und Bernd-Jürgen Warneken formulieren hierzu, dass «in Gesellschaften, die sich selbst in der Transition zu Wissensgesellschaften begreifen, […] Wissen als wesent- liche Ressource [gilt], die Wohlstand, Entwicklung und nachhaltig produktive Arbeitsbedingungen und Arbeitsauffassungen. In: Rheinisch-Westfälische Zeitschrift für Volkskunde 49, 2004, S. 57–94. 5 Vgl. mit weiteren Nachweisen z. B. Klaus Schönberger: «Ab Montag wird nicht mehr gearbeitet!» Selbstverwertung und Selbstkontrolle im Prozess der Subjektivierung von Arbeit. In: Gunther Hirschfelder, Birgit Huber (Hrsg.): Die Virtualisierung der Arbeit. Zur Ethnographie neuer Arbeits- und Organisationsformen. Frankfurt a.  M. 2004, S.  239–266; Frank Kleemann, Ingo Matuschek, Günter Voß: Zur Subjektivierung von Arbeit (Papers des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialfor- schung, 99–512). Berlin 1999, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-116668, 15.10.2018. 6 Luc Boltanski, Eve Chiapello: The New Spirit of Capitalism. London 2007. 7 Vgl. zur Flexibilisierung und Prekarisierung von Logistikarbeit z. B. Johannes Müske: Flexibilisie- rung als Entgrenzung: Technisierungsprozesse und die Veränderung von gewerblicher Arbeit. In: Herlyn u. a.: Arbeit und Nicht-Arbeit, S. 51–66; zur kreativen Problemlösungskompetenz vgl. Doris Blutner, Stephan Cramer, Tobias Haertel: Der Mensch in der Logistik: Planer, Operateur und Prob- lemlöser. In: TU Dortmund, Fachgebiet Techniksoziologie (Hrsg.): Soziologische Arbeitspapiere 13. Dortmund 2006, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-109662, 15.10.2018. 8 Yann Moulier-Boutang: Cognitive Capitalism. London 2012. 9 Vgl. einführend Isabell Lorey, Klaus Neundlinger: Kognitiver Kapitalismus. Von der Ökonomie zur Ökonomik des Wissens. Einleitung. In: Dies. (Hrsg.): Kognitiver Kapitalismus. Wien 2012, S. 7–55; vgl. für einen Blick auf die Rezeption des Konzeptes in der Empirischen Kulturwissenschaft Ste- fan Groth: Trends als Forschungsthema? Einordnung, Relevanz und Repräsentativität in der empi- risch-kulturwissenschaftlichen Themenbegrenzung. In: Timo Heimerdinger, Marion Näser-Lather (Hrsg.): Wie kann man nur dazu forschen? Themenpolitik in der Europäischen Ethnologie. Wien, erscheint 2019. Arbeit 4.0 15 Arbeit sichern hilft»10. Wissen ist aus einer kulturanthropologischen Perspek- tive kein genuin neuer Produktivfaktor, sondern stellt eher einen neuen Blick auf Arbeit und Organisationsformen der Arbeit dar. Der prinzipiellen Unbegrenztheit der Ressource Wissen steht ihre doppelte Gebundenheit gegenüber: Wissen wird durch Arbeit erzeugt und bedarf der Trägerschaft durch Menschen (oder Speicher- medien). Gebunden ist es durch seinen «prozessualen und praxisbezogenen» Cha- rakter wie auch durch die Tatsache, dass es als «implizit vorhandene Ressource» in vielen Fällen nicht kodifiziert ist.11 Entgegen der These einer starken Kodifizierung von Wissen und einer Ent- kopplung von Individuuen in Debatten um den kognitiven Kapitalismus machen Ansätze der Arbeitskulturenforschung deutlich, dass die soziokulturelle Eingebet- tetheit von Wissen ein wichtiger Aspekt in der Generierung von und im Umgang mit Wissen bleibt12. Dies ist auch für die unter dem Stichwort der Arbeit 4.0 dis- kutierten Entwicklungen ein wesentlicher Punkt, da die Vermittlung sowie der produktive Einsatz von Wissen immer auch kostenintensives Verständigungshan- deln erfordern. Der Begriff des «Wissensmanagements» steht exemplarisch für die koordinativen Herausforderungen, die mit der Ressource Wissen einhergehen.13 Die Koordination «geteilten und auf mehrere verteilten Wissens»14 und die «Impli- zitheit von Koordinations-Wissen»15 wird dadurch begrenzt, dass die Kooperation über Wissen als Ressource ebenso an Akteure und Körper gebunden ist und prak- tisches Wissen und Tätigkeitswissen darstellt.16 Die Annahmen einer ‹Entkörperli- chung› des Wissens ebenso wie der Möglichkeit der vollständigen Kodierung von Wissen, die im Zuge von Robotisierung und Digitalisierung thematisiert werden, erscheinen vor diesem Hintergrund problematisch. Ein Aspekt einer kulturwis- senschaftlichen Annäherung an Arbeit und Wissen liegt in der Erforschung der soziokulturellen und damit auch normativen Einbettung von Wissenspraxen. Wer Zugang zu welchen Wissensbeständen erhält und mit wem Wissen geteilt wird – dies regulieren Wissensregime. Sie sind damit Teil von Machtprozessen, in denen Informationsasymmetrien zwischen verschiedenen Akteuren bestehen. Metho- 10 Gertraud Koch, Bernd-Jürgen Warneken: Wissensarbeit und Arbeitswissen: Zur Ethnografie des kognitiven Kapitalismus. In: Dies.: Wissensarbeit und Arbeitswissen, S. 11–26, hier S. 11. 11 Ebd., hier S. 13. Stefan Beck spricht auch vom «Kollektiv-Index» des Wissens, das «an Akteure und deren Körper gebunden ist«, Stefan Beck: Anmerkungen zu materiell-diskursiven Umwelten der Wissensarbeit. In: Koch, Warneken: Wissensarbeit und Arbeitswissen, S. 27–39, hier S. 27. 12 Vgl. zur Wissensproduktion in der Volkskunde: Antonia Davidovic u. a. (Hrsg.): Volkskundliches Wissen. Akteure und Praktiken. Münster 2009. 13 Vgl. Stefan Groth: Situierte Knappheit: Kooperative und normative Dimensionen des Umgangs mit begrenzten Ressourcen. In: Markus Tauschek, Maria Grewe (Hrsg.): Knappheit, Mangel, Überfluss: Kulturwissenschaftliche Positionen zum Umgang mit begrenzten Ressourcen. Frankfurt a. M. 2015, S. 57–80. 14 Beck: Anmerkungen zu materiell-diskursiven Umwelten, hier S. 27. 15 Koch, Warneken: Wissensarbeit und Arbeitswissen, hier S. 12. 16 Vgl. Stefan Groth, Christian Ritter (Hrsg.): Zusammen arbeiten. Praktiken der Koordination und Kooperation in kollaborativen Prozessen. Bielefeld, erscheint 2019. 16 Stefan Groth und Johannes Müske disch bedeutet dies, dass Wissen und die Praxen des Umgangs damit nicht vollstän- dig durch Befragungen erschließbar sind und dass hier ethnographische Metho- den und eine praxistheoretische Perspektive auf die Kooperation um Wissen eine Möglichkeit darstellen, um die darin enthaltenen Verweise auf soziale Ordnungen zu entschlüsseln und die unterschiedlichen Formen von Wissen, die für Arbeit relevant sind – «kodifiziertes, kognitives und inkorporiertes, erfahrungsgestättigtes und situationsflexibles Wissen»17 – in den Blick nehmen zu können.18 4 Subjektivierung und Ästhetisierung von Arbeit Der Umgang mit solch verschiedenen Formen des Wissens und die Notwendig- keit für Arbeitnehmende, diese situativ und reflexiv zum Einsatz zu bringen und zu kombinieren, werden auch mit dem Begriff der Subjektivierung von Arbeit beschrieben. Im Zusammenhang der Entgrenzung und Flexibilisierung von Arbeit, in dem Wissen und damit andere Formen als körperliche Arbeit wichtig werden, bestehen für Arbeiternehmer*innen grössere Möglichkeit, sich in ihrer Subjektivi- tät in den Arbeitsprozess einzubringen und zu entfalten. Dem Individuum wird so zum einen ermöglicht, individuellen Präferenzen zu folgen und individuelle Fähig- keiten zu nutzen; zum anderen wird Subjektivierung jedoch auch als Anforderung formuliert, indem der umfassende Einsatz des Selbst in der Arbeit zur zwingenden Voraussetzung wird. Es reicht demnach nicht aus, Arbeitsaufträge ‹nach Vorschrift› zu erledigen, sondern es gilt, Prozesse der Arbeit selbst zu planen und zu opti- mieren. Diese Form der Arbeitsorganisation wird eher für Formen der Wissensar- beit als für die Fließarbeit angenommen, findet im Zuge von Subjektivierungspro- zessen aber auch Einzug in einfachere Produktionsarbeiten wie z. B. die Montage von Bilderrahmen.19 Selbstorganisation, Selbstführung und Arbeit am Selbst wer- den damit zu zentralen Aufgaben von Arbeitskräften.20 Wohlgemerkt unterliegen Arbeitsabläufe weiterhin der externen Kontrolle und Bewertung, die jedoch nicht 17 Koch, Warneken: Wissensarbeit und Arbeitswissen, hier S. 12. 18 Vgl. auch Jörg Niewöhner, Estrid Sørensen, Stefan Beck: Einleitung. Science and Technology Stu- dies – Wissenschafts- und Technikforschung aus sozial- und kulturanthropologischer Perspektive. In: Dies. (Hrsg.): Science and Technology Studies. Eine sozialanthropologische Einführung. Bielefeld 2012, S. 9–48. 19 Irene Götz: Ethnografien der Nähe  – Anmerkungen zum methodologischen Potenzial neuerer arbeitsethnografischer Forschungen der Europäischen Ethnologie. In: Arbeits- und Industriesoziolo- gische Studien 3, 1, 2010, S. 101–117, hier S. 107–109. 20 An dieser Stelle sei angemerkt, dass die tatsächliche Durchsetzung solcher Formen der Arbeitsor- ganisation durchaus umstritten ist und dass sich vielfach eine diskursive Überbetonung feststellen lässt. Vgl. Paul Thompson, Kendra Briken: Actually Existing Capitalism: Some Digital Delusions. In: Kendra Briken u. a. (Hrsg.): The New Digital Workplace. How New Technologies Revolutionise Work. Basingstoke, S. 241–263; vgl. auch Groth: Trends als Forschungsthema. Zur gesellschaftlichen Bedeutung der «Wissensökonomie» vgl. Paul Thompson, Bill Harley: Beneath the Radar? A Critical Realist Analysis of ‹The Knowledge Economy› and ‹Shareholder Value› as Competing Discourses. In: Organization Studies 33, 10, 2012, S. 1363–1381. Arbeit 4.0 17 länger nur die Erledigung klar konturierter Aufgaben, sondern die Bewältigung komplexer Aufgabenkonstellationen zum Gegenstand haben. Damit verbunden ist die Ausweitung von differenzierteren Kontrolltechniken und Evaluationsregimen aus dem Managementbereich auch auf andere Arbeitsbereiche. Das Kernproblem von Unternehmen, Arbeitszeit in Arbeitskraft (und damit potenzielle Wertschöp- fung) zu transformieren, ist nicht mehr nur Organisationsaufgabe und verlagert sich auf die Beschäftigten, die dafür ihr kulturelles und soziales Kapital inwertset- zen. Der Umgang mit Unsicherheiten und Risiken als ursprüngliches Aufgaben- feld von Betriebsleitung und Management wird über Subjektivierungsprozesse zum Teil auf Arbeitskräfte übertragen, die zudem die an sie gestellten Anforderungen zu einem bestimmten Grad selbst antizipieren müssen.21 Die eigene Arbeitskraft unternehmerisch zu verwalten, zu kontrollieren und bestmöglich einzusetzen wird zur wichtigen Kompetenz und Ressource.22 Der Soziologe Ulrich Bröckling spricht hier vom «unternehmerischen Selbst»23, das als Konzept ebenso wie die Figur des «Arbeitskraftunternehmers» von Voß und Pongratz24 in der Arbeitskulturenfor- schung aufgegriffen worden ist.25 Mit dem Fokus auf Subjektivierung ist eine stärkere Erforschung ästhetischer und kreativer Dimensionen von Arbeit verbunden. Die ursprüngliche Bindung von Kreativität an bestimmte Gruppen einer «creative class»26 weitet sich im wei- teren Verlauf auf andere Bereiche der Arbeitswelt aus und resultiert zunehmend in der Anforderung, kreativ zu sein, Neues zu schaffen und Formen der Arbeit sowie Organisationsstrukturen schöpferisch zu optimieren, was von Andreas Reckwitz 21 Vgl. etwa Kleemann, Matuschek, Voß: Zur Subjektivierung von Arbeit und Schönberger: «Ab Mon- tag wird nicht mehr gearbeitet!»; die Übertragung von Verantwortung auf Arbeitskräfte reicht unterdessen prinzipiell weiter zurück. So lässt sich am Beispiel der Stahlindustrie um 1900 zeigen, wie der Umgang mit Sicherheitsvorschriften zwar betrieblich vorgegeben wird, aber zu großen Tei- len als Eigenverantwortung von Arbeiter*innen konzipiert wird, vgl. Stefan Groth: ‹Kein sichereres Mittel existirt zur Abwehr von allem Lumpengesindel›: Zur Entwicklung von Sicherheits- und Kon- trollkonstellationen um 1900. In: Alexandra Schwell, Katharina Eisch-Angus (Hrsg.): Der Alltag der (Un)Sicherheit. Kulturwissenschaftlich-ethnographische Perspektiven auf die Sicherheitsgesellschaft. Berlin 2018, S. 36–63. 22 Vgl. den Beitrag von Christoph Büttner in diesem Heft. 23 Ulrich Bröckling: Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt a. M. 2007. 24 Günter G. Voß, Hans J. Pongratz: Der Arbeitskraftunternehmer. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 50, 1, 1998, S. 131–158. 25 Vgl. etwa Stefan Groth: Zwischen Ermöglichung und Begrenzung: Zur subjektiven Plausibilisierung des Mittelmaßes als normative Orientierung. In: Karl Braun, Johannes Moser, Christian Schönholz (Hrsg): Wirtschaften. Kulturwissenschaftliche Perspektiven. Marburg, erscheint 2019; Katrin Ame- lang: 3, 2, 1 … selbstständig? Inkonsistente Autonomien in Arbeits- und Lebensentwürfen mit eBay. In: kommunikation @ gesellschaft 7, 2006, 1–21; Martina Roethl: «Wir müssen immer versuchen, der Vermieterin die Arbeit zu erleichtern». Subjektivierungsprozesse, Arbeit, touristische Dienstleis- tungs‐Praktiken. Das Beispiel Privatvermietung Tirol. In: Seifert: Die mentale Seite der Ökonomie, S. 91–107. 26 Richard Florida: The Rise of the Creative Class. And How It’s Transforming Work, Leisure and Every- day Life. New York 2002. 18 Stefan Groth und Johannes Müske als «Kreativitätsdispositiv» verstanden wird.27 Die Aufforderung zur Kreativität zieht sich durch alle Berufsfelder und materialisiert sich in den ‹modernen› Büro- und Co-Working-Einrichtungen, die kreative Momente begünstigen sollen.28 In den in Diskussionen über Arbeit 4.0 referenzierten Transformationen von Arbeit und Ökonomie ist dieser Zwang zur Kreativität ein wichtiges Element, da erfolg- reiche Anpassungsleistungen als Voraussetzung für die Bewältigung gegenwärtiger Herausforderungen gerahmt werden. Dabei sind nicht nur die formale und organi- satorische Gestaltung von Arbeit angesprochen, sondern im Sinne einer «Ästheti- sierung von Arbeit» auch affektive und ästhetische Momente von Arbeit.29 6 Ausblick und Fazit: Gender, Technik, Arbeit und Nicht-Arbeit Kennzeichen subjektivierter Arbeit im Post-Fordismus ist demzufolge die Inwert- setzung der gesamten Person und aller verfügbaren Ressourcen für die Arbeit.30 Jüngere Forschungen zu Arbeit, informiert durch die Genderforschung, bestäti- gen diesen Befund grundlegend und geben darüber hinaus auch wichtige Impulse für die Erweiterung des Forschungsfeldes.31 Zum einen wenden sie sich auch als ‹nicht-kreativ› konnotierten Service-Tätigkeiten zu, etwa von Friseur*innen, Mes- sehostessen oder Pflegearbeiter*innen. Diese Dienstleistungen erfordern ein hohes Maß an professionalisierter ‹emotionaler Arbeit› und damit ebenfalls den Einsatz vielfältiger ‹soft skills›, Fähigkeiten, die eher Frauen zugeschrieben werden. Sie üben diese Arbeiten weit öfter aus als Männer; gleichzeitig ist das Einkommen nied- riger als in der als männlich konnotierten Industriearbeit. Ein weiteres Themen- feld ist die Arbeitsmigration, denn ein großer Teil der Pflege im privaten Bereich wird von osteuropäischen Frauen geleistet. Zum anderen lenkt die genderinfor- mierte Debatte den Blick auf das Thema der ‹Nicht-Arbeit› – Themen einer kultur- wissenschaftlichen Arbeitsforschung sind verstärkt auch Reproduktionsarbeit im 27 Andreas Reckwitz: Die Erfindung der Kreativität. Frankfurt a. M. 2012. 28 Vgl. z. B. die Beiträge in: Ove Sutter, Valeska Flor (Hrsg.): Ästhetisierung der Arbeit. Kulturanalysen des kognitiven Kapitalismus. Münster 2017. 29 Z. B. «sinnlich und emotional intensive Erfahrungen und Wahrnehmung», «ästhetisches Wissen» und «Fähigkeiten der Selbst-Präsentation» sowie das «Selbstverhältnis der Arbeitenden», vgl. Ove Sutter, Valeska Flor, Klaus Schönberger: Ästhetisierung der Arbeit. Eine Einleitung und ein Plädo- yer für die Überwindung der Dichotomisierung von ‹Sozialkritik› und ‹Künstlerkritik›. In: Sutter, Flor: Ästhetisierung, S.  7–29, hier S.  11. Vgl. hierzu ebenso den Beitrag von Beate Ochsner und Harald Waldrich in diesem Heft. 30 Es wäre allerdings zu fragen, ob diese sozial- und kulturwissenschaftliche Analyse nicht ihrerseits dem Narrativ einer allgemeinen Kommodifizierung und Mobilisierung aller Ressourcen aufsitzt, welches die spätkapitalistische Kulturkritik erfasst hat – empirisch lassen sich jedenfalls auch gegen- läufige Tendenzen ausmachen, etwa Teilzeitarbeit und ein stärkerer Fokus auf die ‹Work-Life-Ba- lance›, was auch immer darunter individuell verstanden wird. 31 Hier deutet sich ein neuer Themenschwerpunkt an, der bereits zu einigen Überblicksbänden und Dissertationen geführt hat, vgl. die Beiträge in: Getraud Koch, Stefanie Everke Buchanan (Hrsg.): Pathways to Empath. New Studies on Commodification, Emotional Labor, and Time Binds. Frankfurt a. M. 2013; Seifert: Die mentale Seite der Ökonomie. Arbeit 4.0 19 Haushalt und für die Familie und nicht zuletzt Subsistenzarbeit in der Erwerbs- losigkeit, die ja nicht immer auch Arbeitslosigkeit bedeutet. Hier trägt die empi- rische Erforschung der Arbeit, nicht nur in der kulturwissenschaftlichen, sondern auch in der soziologischen Arbeitsforschung, zur gesellschaftlichen Debatte rund um die Arbeit bei, schärft den Blick für kulturelle Komplexitäten abseits hegemoni- aler Diskurse zur Arbeit, die eben nicht nur als Vollzeiterwerbsarbeit zu verstehen ist. Weiter einzugehen wäre auf die Frage der Technik – was sich in der (medialen) Alltagswahrnehmung oft als unsteuerbarer ‹technischer Fortschritt› darstellt, zeigt sich bei genauerem Hinsehen vielmehr als ‹Ermöglichungspotenzial› von Technik, deren Design und Einsatzmöglichkeiten von bestimmten AkteurInnen und Inter- essen beeinflusst werden.32 Mit der Chiffre der Arbeit 4.0 wird die ‹Arbeit von morgen› politisch bearbeit- bar, hochgradig anschlussfähig medialisiert und dadurch auch Thema für Wissen- schaft und technologische Prozesse. Als Versprechen und Befürchtung ist Arbeit 4.0 in den Lebenswelten von Akteuren direkt verankert. Die Breite der referenzier- ten Aspekte betrifft prinzipiell Jeden und Jede, und alle sind direkt angesprochen. Die Transformationen, die imaginiert werden, erscheinen als so durchdringend und fundamental, dass Abgrenzungsstrategien nicht länger greifen. Im Rahmen der vierten «industriellen Revolution» geht es um «Arbeitsformen und Arbeitsver- hältnisse […] nicht nur im industriellen Sektor, sondern in der gesamten Arbeits- welt.»33 Zu sagen: «Das betrifft mich nicht, damit möchte ich nichts zu tun haben» ist in dem Moment, in dem Produktion und Konsumption materieller und imma- terieller Güter und Services ebenso wie die alltägliche Lebensführung und sozial- staatliche Rahmenbedingungen betroffen sind, nicht länger möglich. Unterdessen scheint das Neue an der Arbeit 4.0 nicht unbedingt neu zu sein, sondern insbeson- dere in der prognostizierten Intensität und Breite der Entwicklung zu liegen.34 Als politische Strategie oder als Marketing leuchtet die zentrale Setzung von Arbeit 4.0 als neues Phänomen im politischen und medialen Diskurs ein, vermag sie doch Policies zu legitimieren, Fördergelder zu verteilen und Anreize zu setzen. Viele der aktuell diskutierten Elemente sind in der Erforschung von Arbeitswelten längst Thema und reichen in ihren Grundkonfigurationen historisch teils weit zurück. Perspektivisch ließe sich ein Anschluss an den derzeitigen ‹Hype› um Arbeit 4.0 32 Klaus Schönberger: Technisierungsprozesse, Techniknutzung und der Wandel der Erwerbsarbeit. Anmerkungen zur Integration von kulturwissenschaftlicher Arbeitskulturen- und Technikforschung (unpubl. Manuskript, online über academia.edu), 2009; die feministische Debatte zu Technik und Geschlecht (in der es vor allem auch um Arbeit geht) reicht freilich weiter zurück, vgl. etwa Judy Wajcman: Feminism Confronts Technology. Cambridge 1991. 33 Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.): Weißbuch Arbeiten 4.0. Arbeit weiter den- ken. Berlin 2017, https://www.bmas.de/DE/Service/Medien/Publikationen/a883-weissbuch.html, 1.10.2018. 34 Dazu gehören etwa die Annahmen, dass Arbeit in bestimmten Jobs immer dichter organisiert (bspw. in der Logistik) wird und immer mehr Berufe von der Digitalisierung betroffen sein wer- den – auch eher standardisierte Bürotätigkeiten wie Buchhaltung oder Einkauf. 20 Stefan Groth und Johannes Müske daher als Reflexion über mögliche positive wie negative Auswirkungen dieser Ent- wicklungen gestalten. Über den Blick auf historische und gegenwärtige Realisie- rungen einiger wichtiger Elemente in diesem Zusammenhang werden diese nicht aus ihren historischen Verlaufsformen gelöst und eine Verdopplung diskursiver Zuschreibungen an das Thema wird vermieden. Urs Urban Vom Webstuhl zur Website Zur literarischen Produktion von Wissen über Arbeit heute 0 Die künstlerische Produktion von Wissen über Arbeit Das vermutlich um 1656 fertiggestellte Bild Las Hilanderas (Die Spinnerinnen) von Diego Velázquez (Abb.  1) galt dem Kunsthistoriker Carl Justi (1888) als «ältestes Arbeiter- und Fabrikstück» der (europäischen) Kunstgeschichte.1 Tat- sächlich ist im Vordergrund des Bildes eine Gruppe von Frauen dargestellt, die mit dem Spinnen von Wolle beschäftigt sind. Im Hintergrund des Bildes jedoch 1 Zur Deutungsgeschichte von Velázquez’ Bild vgl. Karin Hellwig: Aby Warburg und Fritz Saxl enträt- seln Velázquez. Ein spanisches Intermezzo zum Nachleben der Antike. Berlin 2015. Zu Justi hier S. 21 ff. Vgl. auch Carl Justi: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. 2 Bände. Bonn 1888, Bd. 1, S. 21 ff. 1 Diego Velázquez, Las Hilanderas, um 1656 22 Urs Urban öffnet sich der Raum und gibt den Blick frei auf etwas scheinbar ganz Anderes: auf eine Bühne nämlich, an deren Rückwand – durch seine Positionierung in der Mitte des Bildes und durch die Lichtregie besonders hervorgehoben – ein Tep- pich hängt, der die mythologische Szene vom Raub der Europa abbildet. Eben dieses Motiv, so erzählt es Ovid im 6. Buch der Metamorphosen, aber wählte Arachne für ihr Werkstück, als sie – nachdem sie sich damit gebrüstet hatte, min- destens ebenso gut weben zu können wie die Göttin der Webkunst – von dieser zum Wettstreit herausgefordert wurde: Als alte Frau verkleidet besucht Athene sie in ihrer Werkstatt und erteilt ihr eine Lektion in Demut, bevor sie sie in eine Spinne verwandelt. Wenn also nichts dagegen spricht, in Velázquez’ Bild auch eine Darstellung der Arbeit und des arbeitenden Menschen zu sehen – hier: von Frauen aus dem Volk, die mit Hilfe einfachen Geräts, eines Spinnrads, arbeitstei- lig einen Rohstoff verarbeiten –, so zeigt dieses Bild doch zugleich etwas Ande- res: die Hybris des Menschen, der glaubt, es mit seiner Hände Arbeit der göttli- chen Schöpfung gleich tun zu können. Vor diesem Hintergrund aber mag man auch in der älteren Frau, die im Vordergrund des Bildes mit leichter Hand das Spinnrad bedient und dabei dem Betrachter ein überraschend jung aussehendes Bein entgegenstreckt, Athene erkennen – und also das Bild in seiner Gesamtheit (wie Aby Warburg es nahelegt) als eine allegorische Darstellung begreifen, die die Selbstermächtigung des Menschen mittels Technik und Arbeit problematisiert. Da jedoch der Teppich im Hintergrund das Produkt der im Vordergrund ver- richteten Arbeit ist, ist das auf der zweiten Bildebene aufgegebene und hier auch gelöste Rätsel (die allegorische Kodierung) aus dem Inhalt der ersten Bildebene abgeleitet und also die Allegorie ohne die handwerkliche Tätigkeit der Spinner- innen (und im Übrigen ja auch des Künstlers, der uns das Bild zu sehen gibt) gar nicht denkbar. Das Kunstwerk, das vor der Selbstermächtigung des Menschen durch schöpferische Arbeit warnt (der Teppich, das Bild selbst), ist der Arbeit menschlicher Schöpferkraft geschuldet. Das Bild gibt mithin nur bedingt Aufschluss über die Arbeit und den arbei- tenden Menschen, und selbst wenn man, wie es ja möglich ist (und wie Justi es tat), die Arbeitsszene aus ihrem allegorischen Kontext herauslöst, so vermag es uns nichts über die Bedingungen von Arbeit und die Verfasstheit des arbeitenden Menschen der ‹Gegenwart› zu vermitteln: Heute stünde die Werkstatt in Mad- rid wohl leer und die Arbeit würde wohl eher am mechanischen Webstuhl und vor mehr oder weniger exotischer Kulisse, vielleicht in Bangladesch, verrichtet. Wenn Velázquez’ Bild hier gleich zu Beginn dennoch zur Sprache kommt, dann deshalb, weil es anschaulich verdichtet, was im Folgenden zur Diskussion gestellt werden soll – und zwar mit Bezug auf die Gegenwart: nämlich, zum einen, die Funktionsweise von Arbeit, die Verfasstheit des arbeitenden Menschen und die Art und Weise, wie die Arbeit den Menschen zu seiner Umwelt in Beziehung setzt, und, zum andern, die Bedingungen und Modalitäten der (literarischen) Repräsen- tation eben dieses Problemzusammenhangs; oder, weniger strukturalistisch und Vom Webstuhl zur Website 23 eher diskursanalytisch gesagt: das, was die Literatur über Subjekt und Objekt und die Modalitäten und Medien von Arbeit weiß, und die Art und Weise, wie sie die- ses Wissen hervorbringt.2 Dabei ist davon auszugehen, dass die Literatur heute andere Antworten auf diese Frage bereithält als Velázquez mit seinem vielleicht ersten «Arbeiter- und Fabrikstück» (auch wenn sie, wie wir sehen werden, auf genau dieses zurück kommt); denn Arbeit heute – wie sie etwa vom Bundesmi- nisterium für Arbeit und Soziales3 oder auch im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2018 («Arbeitswelten der Zukunft») unter dem Stichwort «Arbeit 4.0» verhandelt wird – ist in besonderem Maße bestimmt durch Flexibilisierung (der Grenze zwi- schen Arbeit und Nicht-Arbeit, Subjekt und Objekt der Arbeit), Globalisierung (Auslagerung von Produktionsprozessen und Einrichtung von Freihandelszonen) und Digitalisierung (computergesteuerte Abläufe in Produktion und Dienstleis- tung, Wissen und Kommunikation auf der Grundlage elektronischer Datenverar- beitung) – und die Literatur macht auf ihre Weise vorstellbar, denkbar und sagbar, wie der Mensch sich unter diesen Bedingungen als arbeitender in seiner Umwelt verortet. 2 In der Literatur tritt der arbeitende Mensch vielleicht erstmals in einem Roman in Erscheinung, der 63 Jahre nach der Fertigstellung von Velázquez’ Bild erschien: Robinson Crusoe (1719) muss arbei- ten, um nach dem Schiffbruch seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, und Defoe beschreibt diese Arbeit im Detail und mit besonderem Wohlwollen. Zu diesem Zeitpunkt war auch in der Literatur denk- und sagbar geworden, dass der Mensch eigene Interessen durchsetzt, ohne dabei moralisch illegitim (weil gegen das Gemeinwohl) zu handeln. Vgl. etwa Urs Urban: Die Ökonomie der Literatur. Zur Genealogie des ökonomischen Menschen. Bielefeld 2018, S. 25 ff. Dem Problem- zusammenhang ‹Literatur und Arbeit heute› widmet sich inzwischen eine ganze Reihe von Stu- dien; stellvertretend sei Balint 2017 genannt: Iuditha Balint: Erzählte Entgrenzungen. Narrationen von Arbeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Paderborn 2017 – hier ausführlich auch der Stand der Forschung (S. 7 ff.). Ein Forschungsstand zur Theorie der Arbeit kann (hier) unmöglich abgesteckt werden, vgl. aber exemplarisch (aus kultur- und medienwissenschaftlicher Perspektive) Jens Grim- stein, Timo Skrandies, Urs Urban (Hrsg.): Texte zur Theorie der Arbeit. Stuttgart 2015. Für die Lite- ratur – und das bedenken die Untersuchungen zur (deutschsprachigen) Gegenwartsliteratur oft zu wenig – spielt dabei die Technik eine wichtige Rolle, und zwar insbesondere da, wo sie sich auf ein ‹Gedankenexperiment› einlässt, das durchspielt, wie gegenwärtig sich abzeichnende Entwicklungen künftig das Leben des Menschen bestimmen könnten: also das, was die Science Fiction leistet, und was unter literarischen Gesichtspunkten gerade besonders interessant ist, weil der Unterschied zwi- schen ‹möglicher Welt› und gesellschaftlicher Wirklichkeit hier besonders groß ist. Siehe Stanislaw Lem [1986]: Philosophie des Zufalls. Zu einer empirischen Theorie der Literatur. Berlin 1988; Thomas Macho, Annette Wunschel (Hrsg.): Science & Fiction. Über Gedankenexperimente in Wissenschaft, Philosophie und Literatur. Frankfurt a. M. 2004. Schließlich arbeitet heute natürlich nicht zuletzt auch das Geld: an den Finanzmärkten, wo Gewinnerwartungen produktiv gemacht werden. Auch dieser Tatsache trägt die Literatur spätestens seit Beginn des 18. Jahrhunderts, besonders aber heute Rechnung: etwa mit den Romanen von Georg M. Oswald (Alles was zählt, 2000), Ulrich Peltzer (Das bessere Leben, 2015), Alexander Schimmelbusch (Hochdeutschland, 2018) – aber auch das Fernse- hen widmet sich mit der Serie Bad Banks (2018) dem Thema. Das soll jedoch an dieser Stelle nicht weiter zur Sprache kommen – weil es eben hier in erster Linie das Geld ist, das arbeitet, und nicht der Mensch. Vgl. hierzu auch Urban: Die Ökonomie der Literatur, 2018, S. 87 ff. 3 BMAS (Hrsg.): Grünbuch Arbeiten 4.0. Berlin 2015, BMAS (Hrsg.): Weißbuch Arbeiten 4.0. Berlin 2017. 24 Urs Urban 1 Arbeit gestern: Auf dem Weg in die postindustrielle Gesellschaft Der Webstuhl, der auf Velázquez’ Bild nicht zu sehen ist und doch früher oder spä- ter ins Spiel kommen muss, damit aus dem Garn, das im Vordergrund des Bildes gesponnen und aufgewunden wird, der Teppich im Bildhintergrund werden kann, basiert auf einem uralten und simplen technischen Dispositiv, dem Webrahmen, der im Laufe der Geschichte in zunehmend komplexe Maschinen integriert wurde, die man ab dem 19. Jahrhundert schließlich mit Dampf betrieb.4 Mit Hilfe dieser Webmaschinen ließen sich in kurzer Zeit große Mengen an Tuch herstellen, so dass die Nachfrage nach nicht industriell, sondern in mühsamer Heimarbeit produzier- ten Stoffen zurück ging, was zu einer extremen Verschlechterung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Weber führte, gegen die diese nicht selten gewaltsam auf- begehrten.5 In einigen Fällen glaubten die Weber sich dabei nicht anders helfen zu können, als durch den ‹Sturm› auf die Maschinen, in denen sie (Marx und Engels sagen: zu Unrecht6) den alleinigen Grund für die Prekarisierung der Arbeits- und Lebensbedingungen, in die sie sich eingelassen sahen, erkennen wollten.7 Der Sie- geszug der dampfbetriebenen Webmaschine ließ sich indes nicht aufhalten: Um die Wende zum 20. Jahrhundert war die Textilindustrie auch in Deutschland zu einem der wichtigsten Faktoren der Wirtschaft der Gesellschaft geworden. So auch im Falle eines Unternehmens aus Essen, das genau zu diesem Zeitpunkt die «maschi- nelle[n] Webstühle»8 (45) in Bewegung setzt: Das Vermögen der Tietjens war aus einem kleinen Betrieb herausgewach- sen, der am Anfang des 20. Jahrhunderts seine Maschinen angeworfen hatte. Webrahmen klapperten ineinander, Schiffchen zischten von links nach rechts. 4 Zur Technik- und Mediengeschichte des Webstuhls vgl. das äußerst instruktive Buch von Birgit Schneider: Textiles Prozessieren. Eine Mediengeschichte der Lochkartenweberei. Berlin, Zürich 2007, hier. S. 41 ff. 5 So etwa die schlesischen Weber im Jahr 1844 – vgl. hierzu natürlich das Stück von Gerhart Haupt- mann: Gerhart Hauptmann [1892]: Die Weber. Berlin 2008. Bereits in Goethes Roman Wilhelm Meisters Wanderjahre aus dem Jahr 1829 wird der Sorge über die möglichen Folgen der Industri- alisierung für den arbeitenden Menschen Ausdruck verliehen; dort heißt es – und zwar aus dem Mund einer Weberin, die Wilhelm genauestens über die technischen Voraussetzungen der Webar- beit und ihren Vertrieb unterrichtet (423): «Das überhandnehmende Maschinenwesen quält und ängstigt mich, es wälzt sich heran wie ein Gewitter, langsam, langsam; aber es hat seine Richtung genommen, es wird kommen und treffen.» Johann Wolfgang Goethe [1829]: Wilhelm Meisters Wan- derjahre. Frankfurt a. M. 1982, S. 434. Michael Spehr zitiert diese Stelle in seinem Buch: Maschi- nensturm. Protest und Widerstand gegen technische Neuerungen am Anfang der Industrialisierung. Münster 2000. 6 Marx und Engels standen dem technischen Fortschritt nicht generell kritisch gegenüber: Für sie resultieren die Probleme allein aus dem privaten Besitz der Produktionsmittel; diese gilt es daher nicht zu zerstören (das wäre schlicht reaktionär), sondern zu vergemeinschaften, damit sich der technische in gesellschaftlichen Fortschritt übersetzen lasse. 7 Vgl. Spehr: Maschinensturm, 2000. 8 Nora Bossong: Gesellschaft mit beschränkter Haftung. München 2012. Im Folgenden, wie die ande- ren Romane auch, im Text nur mit Angabe der Seitenzahl. Vom Webstuhl zur Website 25 Die erste Belegschaft bestand aus zwei ehemaligen Steinkohlearbeitern, […] einem entlassenen Kruppianer und drei Frauen, die schweigend die Fäden sor- tierten. Justus Tietjen, der Firmengründer, schritt wie ein Fürst durch die Rei- hen, gab Anweisungen, prüfte sein Produkt, harte Leinenhandtücher, aus asch- grauen Fasern gewebt. (43) In ihrem Roman Gesellschaft mit beschränkter Haftung aus dem Jahr 2012 erzählt Nora Bossong die Geschichte eben dieses Unternehmens – von der Firmengrün- dung bis hinein in eine Gegenwart (die unsere), die das produzierende Gewerbe vor besondere Schwierigkeiten stellt: Ist doch die industrielle Produktion (auch) von Textilien aus Deutschland nahezu verschwunden und der Vertrieb der größtenteils andernorts produzierten Ware durch die Konkurrenz auf einem globalen Absatz- markt zusätzlich unter Druck geraten. Dabei legt Bossong das Hauptaugenmerk auf die letzte Generation der Unternehmerfamilie: Kurt Tietjen ist in New York unter- getaucht, wo er nicht nur der Verantwortung für die Geschäfte des Unternehmens, sondern seinem bürgerlichen Leben generell entsagt und in diesem Zustand radi- kaler Entsagung schließlich völlig vereinsamt stirbt (was sehr an Melvilles Bartleby erinnert, der ja auch, mit den berühmten Worten «I would prefer not to», jedes und letztlich sogar jedes selbsterhaltende Handeln verweigert). Daraufhin übernimmt seine Tochter Luise die Firmenleitung und versucht das Überleben des Familien- unternehmens zu sichern, indem sie Kosten senkt (sie ‹verschlankt› das Unterneh- men: d. h. sie ‹stellt Mitarbeiter frei›) und damit beginnt, die Arbeit neu zu organi- sieren und das Produkt als Teil einer Erzählung zu vermarkten (Storytelling), die es als in besonderer Weise nachhaltig ausweist (was de facto nicht der Fall ist).9 Von Arbeit ist in diesem Roman zum einen da die Rede, wo es um die industrielle Produktion eben jener Ware geht, mit deren Verkauf das Unternehmen Gewinne erwirtschaftet – solange es durch den Wettbewerb mit kostengünstiger produzie- renden Konkurrenten nicht oder nur wenig beeinträchtigt ist. Die, die hier unter den Bedingungen industrieller oder genauer fordistischer Produktion arbeiten, bleiben im Roman namen- und gesichtslos und treten ausschließlich im Zusam- menhang einer ‹Masse› in Erscheinung.10 Sie arbeiten unter Zuhilfenahme eines 9 So in einem Gespräch mit der Rheinischen Post, in dem Luise zu Protokoll gibt: «Nachhaltigkeit und Wertebewusstsein lässt sich für uns nicht mehr vom Begriff der Qualität trennen. […] Wir küm- mern uns um soziale Probleme ebenso wie um Umweltaspekte – das liegt uns sehr am Herzen.» (254) 10 Vgl. hierzu etwa die «Ankunft der Arbeiter in der Fabrik», eine Passage, die sich lesen lässt wie ein Kommentar zu dem berühmtem Kurzfilm der Brüder Lumière aus dem Jahr 1895 (La sortie de l’usine Lumière à Lyon), auf den genau hundert Jahre später auch Harun Farocki sich bezieht (Arbeiter verlassen die Fabrik), oder auch zu der nicht weniger berühmten Szene aus Fritz Langs Film Metropolis (1927), in der sich die Masse der roboterhaft bewegten Arbeiter unter der Erde in die Fabrik begibt (sowie, ähnlich wie bei Lang und doch in ganz anderem Ton, in Walther Ruttmanns Berlin. Die Symphonie der Grossstadt, aus dem selben Jahr): Da ist die Rede von den «Truppen, die jeden Morgen bleigrau aus dem Dunst der Vorstädte auftauchten, den Stra- ßenbahnen entstiegen, das Fabriktor durchschritten und sich ihre Anwesenheit von der Stechuhr 26 Urs Urban komplexen Werkzeugs, eben der Webmaschine, an einem außerhalb ihrer selbst verorteten Gegenstand und setzen sich also mittels ihrer Arbeit in ein Weltverhält- nis, das zwischen Subjekt und Objekt (der Arbeit) deutlich unterscheidet; weil sie dabei aber immer nur einen Teil der Arbeit verrichten und ihnen der Gegenstand ihrer Arbeit regelmäßig aus der Hand genommen wird, bevor er fertiggestellt ist, ist diese Tätigkeit nicht dazu geeignet, sie aus ihrer Knechtschaft zu befreien und also zu ihrer Emanzipation beizutragen (so wie Hegel das, allerdings eben mit Bezug auf das Handwerk, durch die dialektische Umkehrung von Knechtschaft in Herrschaft für möglich hielt11). Im Gegenteil: Die Arbeit führt zwangsläufig zur Entfremdung des arbeitenden Menschen von sich selbst (der entsprechend als «selbstvergessen» [78] beschrieben wird). Die Bedingungen, unter denen diese Arbeit stattfindet, ver- ändern sich nun im Laufe der im Roman dargestellten Firmengeschichte, denn um wettbewerbsfähig bleiben zu können, sehen sich auch die Tietjens schließlich dazu gezwungen, die Produktion in Niedriglohnländer zu verlagern. Als Kurt Tietjen anlässlich einer Geschäftsreise nach China mit eigenen Augen sieht, unter welchen Umständen hier in seinem Namen gearbeitet wird (76 ff.), berührt ihn dies in einer Weise, die ihn dazu veranlasst, dies alles «lieber nicht mehr zu tun» und aus einem Lebens- und Arbeitszusammenhang auszuscheiden, von dem er sich auf andere Weise nicht glaubt emanzipieren zu können. Um Arbeit geht es zum andern aber natürlich auch da, wo die Tätigkeiten des Managements und das heißt der von dem jeweiligen Familienoberhaupt verant- worteten Unternehmensführung zur Sprache kommen: Und je weniger der Mehr- wert allein durch Produktion und Verkauf generiert wird (zu den schrumpfen- den Gewinnmargen auch Frank Jakubzik12), desto mehr kommt es auf eben diese Tätigkeiten an. Der Firmengründer stellte lediglich die Produktionsmittel zur Ver- fügung und überwachte den Produktionsprozess; zudem kümmerte er sich um seine Arbeiter – er artikulierte, und zwar im eigenen, das heißt im Interesse der bescheinigen ließen. Große runde nackte Schädel, Gesichter, die er [Justus Tietjen, der Firmengrün- der] kaum auseinanderhalten konnte. Eine Armee, zuverlässig wie die Schiffchen, die im Webauto- maten hin und her klackten» (49). 11 Diese dialektische Umkehrung vollzieht sich ausgehend von dem je unterschiedlichen Bezug zum Gegenstand, den Hegel im Falle des Herrn als «Begierde», und für den Knecht als «Arbeit» beschreibt: «Die Begierde hat sich das reine Negieren des Gegenstandes und dadurch das unver- mischte Selbstgefühl vorbehalten. Diese Befriedigung ist aber […] selbst nur ein Verschwinden, denn es fehlt ihr die gegenständliche Seite oder das Bestehen. Die Arbeit hingegen ist gehemmte Begierde, aufgehaltenes Verschwinden, oder sie bildet. Die negative Beziehung auf den Gegenstand wird zur Form desselben und zu einem Bleibenden, weil eben dem Arbeitenden der Gegenstand Selbständigkeit hat. Diese negative Mitte oder das formierende Tun ist zugleich die Einzelheit oder das reine Fürsichsein des Bewußtseins, welches nun in der Arbeit außer es in das Element des Blei- bens tritt; das arbeitende Bewußtsein kommt also hiedurch zur Anschauung des selbständigen Seins als seiner selbst.» Georg Wilhelm Friedrich Hegel [1807]: Selbständigkeit und Unselbständigkeit des Selbstbewußtseins: Herrschaft und Knechtschaft. In: Ders.: Phänomenologie des Geistes. Hrsg. von Johannes Hoffmeister. Hamburg 1952, S. 141–150, hier: S. 148–149, Hervorhebungen im Original. 12 Frank Jakubzik: In der mittleren Ebene. Erzählungen aus den kapitalistischen Jahren. Berlin 2016, S. 121. Vom Webstuhl zur Website 27 Gewinnmaximierung,13 eine Art von Sorge, die sich mit Foucault als eine ‹biopo- litische› beschreiben lässt, weil sie sich auf Hygiene, Wohnsituation, Freizeit und Bildung bezieht (48 ff.) und also auf das Leben jedes einzelnen Arbeiters zielt (und dass er sich dabei auch für Sexualität und Fortpflanzung zuständig fühlt – heißt: die ein oder andere Arbeiterin sexuell bedrängt – ist vor diesem Hintergrund nur fol- gerichtig). Seine Urenkelin hingegen verausgabt sich bei dem Versuch, das Unter- nehmen wieder wettbewerbsfähig zu machen und entsprechend global aufzustel- len: und kümmert sich vor allem um Product-Placement und Marketing und also die Produktion von Nachfrage und die Wiederherstellung von Glaubwürdigkeit (die sich dann als Gewinnerwartung an der Börse anschreiben lässt). Der Para- digmenwechsel von der industriellen zur postindustriellen Gesellschaft, der auch hier auf die 1980er-Jahre datiert wird (83) und sich städtebaulich sichtbar in der Umnutzung von Industriearchitektur manifestiert (8; 96), affiziert auf diese Weise die Unternehmenskultur  – und das heißt nicht zuletzt eben auch das Verhältnis zwischen Firmenleitung und Belegschaft: Die (mit Hilfe von Dispositiven der Kon- trolle und Disziplinierung artikulierte) Sorge um das Wohlergehen der Arbeiter – die im Rahmen der sozialen Marktwirtschaft institutionalisiert wurde14 – büßt ihre Verbindlichkeit ein, sobald sie sich nicht mehr auszahlt, und sobald aus eben die- sem Grund Arbeitsverhältnisse dereguliert werden. Wenn auch die junge Firme- nerbin ihrer Sorge um die Mitarbeiter Ausdruck verleiht, dann ist das daher anders als zuvor nur noch eine rhetorische Strategie, die letztlich auf genau das Gegen- teil zielt: nämlich die Flexibilität der Arbeitnehmer und das heißt ihre Bereitschaft, sich in ihren Rechten beschneiden zu lassen und Zugeständnisse im Bereich der Qualität von Arbeit und also letztlich oft der eigenen Gesundheit15 zu machen.16 Als ihr Vater sieht, was das in letzter Konsequenz bedeutet (nämlich den Verlust heimischer Arbeitsplätze und die Schaffung neuer Arbeit unter menschenunwür- digen Umständen), stürzt ihn das in einen moralischen Konflikt, an dem er schei- tert – Luise hingegen hält diese Entwicklung schlicht für alternativlos. Sie begreift ihr Unternehmen als eine «Gesellschaft mit beschränkter Haftung» nicht nur inso- fern sie für die selbst verschuldete Negativentwicklung schließlich (im Falle der 13 Dass Marktwirtschaft Egoismus (‹Eigeninteresse›) voraussetzt, daraus machen die Unternehmer in dem Roman keinen Hehl: «Wir verstecken unsere eigennützigen Motive; wenn sie ein für alle Mal beseitigt wären, bliebe vom Menschen wenig übrig. Es ist doch nicht die Güte, die uns antreibt. Was zählt es denn, fragte Kurt […], moralisch gut zu sein?» (108) 14 Für die Relikte der sozialen Marktwirtschaft hat Luise nur noch Spott übrig: «Das Grau der sechzi- ger Jahre hing fest und schwer über ihnen, sie fühlten sich in der sozialen Marktwirtschaft sicher, als hätte es die Siebziger nicht gegeben, und bei der Bundestagswahl entschieden sie sich vermutlich immer noch zwischen Ludwig Erhard und Walter Scheel.» (270) 15 Was in dieser Hinsicht für das «erschöpfte Selbst» auf dem Spiel steht, hat Alain Ehrenberg beschrie- ben, siehe Alain Ehrenberg: La fatigue d’être soi. Dépression et société. Paris 2000. 16 Was zu einem signifikativen double bind in der Kommunikation mit den Mitarbeitern führt: «Luise nahm, so schien es, Anteil am Leben ihrer Mitarbeiter. Sie kannte die Namen der Ehemänner, erkundigte sich nach den Kindern, versprach flexiblere Arbeitszeiten und forderte Überstunden so sanft ein, dass ihre Mitarbeiter glaubten, sie entschieden sich freiwillig dafür.» (211/212) 28 Urs Urban Insolvenz) nicht mehr selbst haftet, sondern auch insofern sie für das Wohlerge- hen der Arbeiter eben keine Verantwortung mehr übernimmt, und die Etablierung und Nutzung von Dispositiven der Arbeit, die den arbeitenden Menschen auf das nackte Leben reduzieren, billigend in Kauf nimmt. Wo aber Regierungspolitik eben diese Form von Arbeit – die Solidarität zersetzt und jeden auf sich allein stellt – för- dert (‹Hartz IV›), da ist die politische Gemeinschaft als ganze eine «Gesellschaft mit beschränkter Haftung»: Das «soziale Band»17 löst sich auf und entlässt das Subjekt in eine «Gesellschaft der Singularitäten»18. Begründen lässt sich das nur, wenn man den Markt, als etwas Transzendentes, allem andern voraussetzt – wie Luise es tut, wenn sie sagt, der Markt sei «größer als sie» (242). Es geht (inhaltlich) in diesem Roman also um die historische Veränderung von Arbeit durch Technologisierung und durch die Verlagerung der Produktion ins Aus- land (Globalisierung), und um die Folgen, die diese Veränderung für den arbeitenden Menschen hat: dem sowohl da, wo er produziert (am Webstuhl), als auch da, wo er Arbeit organisiert (im Management), zunehmend Flexibilität abverlangt wird (auch wenn ein flexibler Manager nicht dasselbe wie ein flexibler Arbeiter ist, weil ersterer Handlungsspielräume ausbaut, wo letzterer gezwungen ist, sie einzuschränken). For- mal reflektiert der Roman diesen Problemzusammenhang indes nicht: Die Erzählbar- keit dessen, was hier erzählt wird, steht an keiner Stelle in Frage, die Modalitäten der Repräsentation bleiben unhinterfragt. Stattdessen reproduziert der Text die sprachli- chen Strategien ‹realistischer› Repräsentation, indem er Transparenz simuliert – und so den Blick auf eine Geschichte freigibt, die kohärent zu sein und kontinuierlich zu verlaufen scheint.19 Genau so aber wiederholt er auf der Ebene des Erzählens (dis- cours) eine (wenn man so will positivistische, dem Fortschrittsglauben verpflichtete) Bewegung, die er auf der Ebene des Erzählten (récit) selbst zum Scheitern verurteilt. 2 Arbeit heute I: Der Mensch im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit In dem 2013 erschienenen Roman Der Überlebende von Ernst-Wilhelm Händler20 geht es um einen Ingenieur, der alle ihm zu Gebote stehenden Mittel (Wissen, 17 Jean-François Lyotard [1979]: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht. Wien 1994, S. 72. 18 Um den Titel von Andreas Reckwitz’ Buch zu zitieren: Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Sin- gularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin 2017. 19 Wenn Transparenz, wie Byung-Chul Han sagt, der kommunikative Modus des Digitalen ist, dann ist der Roman in formaler Hinsicht diesem Modus verpflichtet: «Die Forderung, das Schreiben selbst transparent zu machen, kommt eigentlich dessen Abschaffung gleich. Schreiben ist ein exklu- sives Tun, während das kollektive, transparente Schreiben bloß additiv ist. […] Das transparente Schreiben führt nur additiv Informationen zusammen. Die Gangart des Digitalen ist eben die Addi- tion.» Byung-Chul Han: Im Schwarm. Ansichten des Digitalen. Berlin 2013, S. 31. 20 Ernst-Wilhelm Händler: Der Überlebende. Frankfurt a. M. 2013. Zu Händler ist von Seiten der neu- erdings ökonomietheoretisch interessierten Literaturwissenschaftler bereits eine ganze Reihe von Untersuchungen erschienen, vgl. etwa Urban, Die Ökonomie der Literatur, 2018, S. 159 ff. (dort auch Vom Webstuhl zur Website 29 Macht, Geld) dazu verwendet, eine mit künstlicher Intelligenz begabte Maschine zu entwickeln, die dem Menschen nicht nur die Arbeit abnehmen, sondern ihn langfristig ganz ersetzen soll. Der namenlose Protagonist des Romans ist Chef der deutschen Niederlassung eines global tätigen Unternehmens, das speicher- programmierte Steuerungselemente (also die zentralen Bauteile für intelligente Maschinen) herstellt, und hat auf dem Gelände des neu erbauten Firmensitzes21 ein Labor eingerichtet, in dem er ohne Wissen der Unternehmensleitung an der Entwicklung von so genannten Swarm-bots arbeiten lässt: einer Art sozialer Robo- ter, die gemeinsam (im Schwarm) Aufgaben bewältigen können, an denen jeder für sich allein scheitert. Damit er die Arbeit im Labor unbehelligt fortsetzen kann (nicht aus ökonomischem Kalkül: die Bilanzen des Unternehmens interessieren ihn so wenig wie persönliche Bereicherung – er ist eben ein homo faber und kein homo oeconomicus) muss er auf Unternehmensebene erfolgreich sein; dabei scheut er nicht davor zurück, seine Mitmenschen (und zwar auch und gerade die, die ihm am nächsten stehen: seine Frau, seine Tochter, seinen besten Freund) für die Durchsetzung der eigenen Interessen zu mobilisieren und – wenn nötig – diesen Interessen auch zu opfern. Die instrumentelle Vernunft, die den Protagonisten bei seiner Arbeit leitet (bei der es um die Beherrschung der Dingwelt durch ein ratio- nal handelndes Subjekt geht), bestimmt auch seinen Umgang mit anderen Men- schen, die er allein als Mittel zum Zweck betrachtet und entsprechend so mani- puliert, dass sie mit ihrem Verhalten zur Durchsetzung seiner Interessen beitra- gen – als programmiere er einen Roboter, um diesen den erwünschten Ablauf von Teilhandlungen vollziehen zu lassen. In beiden Fällen setzt das Programmieren von Abläufen die Antizipation von Problemen und möglichen Lösungen dieser Probleme voraus (72). Die soziale Kompetenz (es geht um «eine Art gesellschaft- liches Experiment», 38), über die seine Roboter verfügen müssen, um erfolgreich ihre Aufgaben bewältigen zu können (Richard Sennett thematisiert das – für Men- schen – mit dem Begriff der ‹Zusammenarbeit›,22 den er der «Singularisierung der Arbeitswelt»23 entgegensetzt), geht ihm selbst dabei vollkommen ab. Die Erfah- rung des Ungenügens nicht nur hinsichtlich der biologischen Ausstattung, son- dern auch hinsichtlich der emotionalen und sozialen Kompetenz24 des Menschen weitere Literaturhinweise). Der hier besprochene Roman ist jedoch offenbar noch nicht literatur- wissenschaftlich thematisiert worden. Interessant aber in diesem Zusammenhang Franziska Schöß- lers Ausführungen zu den ‹Schöpfungsmythen› bei Händler: Franziska Schößler: Unternehmerin- nen und Schöpfungsmythen in Ernst-Wilhelm Händlers Roman Wenn wir sterben. In: Dies.: Femina Oeconomica. Arbeit, Konsum und Geschlecht in der Literatur. Von Goethe bis Händler. Frankfurt a. M. et al. 2017, S. 269–282. 21 «Bau und die Fertigstellung des Werkes» erfolgen dabei nicht irgendwie im Einklang mit seiner Umwelt, sondern ausdrücklich gegen die Natur: «Die Landschaft hatte dagegengesetzt.» (14 ff.) 22 Richard Sennett: Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaft zusammenhält. Berlin 2012, S. 15 ff. 23 Wie sie eben Reckwitz beschreibt, siehe Die Gesellschaft der Singularitäten, S. 181 ff. 24 Die Vorstellung vom Mensch als Mängelwesen verbindet ihn mit einem elitären Kreis von Ingeni- euren in seiner Firma, über die er sagt – als handele es sich bei ihnen ihrerseits um Roboter: «Die 30 Urs Urban bewegt den Ingenieur dazu, diesen durch eine menschenähnliche (humanoide) Kreatur zu ersetzen, die frei von solchen natürlichen Mängeln ist – und er nimmt dabei das «Böse»25 in Kauf, das diese Form von Schöpfungsakt voraussetzt: näm- lich die Vernichtung des Menschen, die er selbst mit seiner Arbeit ins Werk setzt. Der Weg dorthin führt über Mischformen zwischen Mensch und Maschine, die dann auftreten, wenn der menschliche Körper mit den Verlängerungen, Prothe- sen, Medien, die ihn in seiner Umwelt verorten, verwächst (und als Körper eines kulturell bestimmten Wesens ist er mit diesen immer schon verwachsen).26 Von dieser Art Cyborg zeigt sich der Ingenieur in besonderer Weise fasziniert – sieht er doch hier gewissermaßen Prototypen der menschlichen Maschine, an deren Entwicklung er arbeitet: da etwa, wo sein Freund Peter mit einem künstlichen Gebissteil auftritt (201), wo eine verunfallte Frau mit ihrer medizinischen Pro- these zu einem roboterähnlichen Wesen verwächst (was sehr an David Cronen- bergs Film Crash aus dem Jahr 1996 erinnert),27 oder wo seine Frau nur noch eingespannt in die Apparatur des klinischen Dispositivs weiterleben kann.28 Die Wahrheit – denn um nichts Geringeres geht es ihm – ist für ihn keine epistemolo- gische, logische, sprachliche Kategorie, sondern allein die «Wahrheit der techni- schen Welt»29: Sie ist «ein bewegliches Heer aus Apparaten» (137, so die Anspie- lung auf Nietzsches rhetorische Relativierung des Wahrheitsbegriffs, die hier noch überboten wird). Gegenwart bedeutet für sie vor allem Unordnung: zu viele Anblicke, zu viele Anreden, ein Überfluss von bedeutsamen signalgebenden Kombinationen, zu viele Anmutungen.» (120) Wenn es weiter heißt, diese Kollegen seien «besessen vom Abriss der Gegenwart» – dann ist das wohl eben jener «Abriss der Gesellschaft», von dem auch Rainald Goetz in seinem Roman Johann Holtrop (2012) spricht (der eben diesen Untertitel trägt: Abriss der Gesellschaft). 25 «Ich gebe dem Bösen meinen Körper, es nimmt Platz in meiner Person. Dafür kann der Fortschritt unbehelligt und ohne Schuldgefühle Riesenschritte machen. Die Wahrheit des Bösen, das bin ich.» (160) 26 Neben vielen anderen, die diese Form von «organischer Konstruktion» (Ernst Jünger [1932]: Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt. Stuttgart 1982) kulturanthropologisch herleiten (Marshall McL- uhan: Understanding Media. Dresden 1995), zeigt Karen Barad am Beispiel der Prothese bzw. des Apparats, wie verschiebbar und daher letztlich durchlässig die Grenzen zwischen Mensch und Welt sind: Karen Barad: Agentieller Realismus. Über die Bedeutung materiell-diskursiver Praktiken. Berlin 2012. 27 Über die «Frau mit der Beinprothese» heißt es: «Das rechte Bein war weit über dem Knie amputiert, das linke steckte in einem Lederstiefel. […] Sie kam ins Taumeln, mehrmals drehte sie sich auf der Stelle, sie warf den Oberkörper vor und zurück und breitete die Arme aus, nahm sie erst hoch, dann herunter. Dabei gab sie überhaupt keinen Laut von sich.» (165/166) 28 Sie ist «über Leitungen zum Austausch von Signalen und körperlichen Substanzen an ein bewegli- ches Heer von Apparaten angeschlossen.» (137) Auch sich selbst imaginiert der Protagonist als eine Art Cyborg; für eine Präsentation entwirft er «eine Animation meiner Gestalt, aus deren Händen die verschiedenen von uns entwickelten Greifarme herauswuchsen. Darauf löste sich mein Körper wie eine Hülle von einem kompletten S-bot. Eine Animation von Debbie küsste den S-bot, und er fiel wie eine Verkleidung von meinem intakten Körper ab.» (119) 29 So der Titel der von Hans Ulrich Gumbrecht herausgegebenen Essays zur Genealogie der Gegenwart (Untertitel) von Friedrich Kittler (Berlin 2013). Vom Webstuhl zur Website 31 Das eingangs besprochene Bild von Velázquez taucht nun in Händlers Roman an zentraler Stelle wieder auf: Greta, die Tochter des Protagonisten, arbeitet in der Marketingabteilung des Unternehmens, für das auch ihr Vater tätig ist, und ist dort mit der Redaktion von Werbematerial betraut, das potenzielle Käufer von den Vor- teilen des Produkts überzeugen und ihre Bedenken (etwa hinsichtlich des Verlustes von Autonomie durch Automatisierung) zerstreuen soll. Als sie, bei einem Besuch des Prado in Madrid («dort vertiefte sie sich in ein Bild, das Las Hilanderas, die Spinnerinnen, hieß», 255), eher zufällig auf das Bild von Velázquez stößt, glaubt sie, dieses nutzen zu können, indem sie gerade seiner Unzeitgemäßheit Einsichten in die heutige Verfasstheit von Arbeit, genauer: in das Verhältnis von Mensch und Technik abgewinnt (255/256). Anders als auf dem Bild, erklärt sie ihrem Vorge- setzten, gehe es heute nicht mehr um die Auseinandersetzung zwischen göttlicher und menschlicher Autorität, sondern um die zwischen Mensch und Maschine – einer Maschine, die sich immer weniger beherrschen lasse, denn der Mensch habe längst damit begonnen, die einst erworbene Selbstständigkeit wieder aus der Hand zu geben und abzutreten an technische Dispositive, die, mit künstlicher Intelligenz begabt, an seiner statt denken und handeln: «Früher», sagt Greta, «hätten die Göt- ter über die Menschen geherrscht, heute entscheide die Technik über das Leben der Menschen.» (256) Dies neue Vormundschaftsverhältnis aber, so Greta weiter, gelte es nun gerade nicht kritisch zu bedenken, sondern bedenkenlos zu akzeptieren – andernfalls ließe sich ein Produkt, das voraussetzt, sich der Herrschaft der Technik bedingungslos anzuvertrauen, nicht verkaufen. Greta selbst allerdings (die ihren Namen vielleicht einem anderen Opfer faustischer Überheblichkeit, Goethes Gret- chen, verdankt) kann diese Forderung letztlich am wenigsten einlösen: Sie begehrt auf gegen die männliche Vormundschaft in Beruf und Familie, verliert dabei jedoch schließlich nur umso mehr die Kontrolle über ihr Leben. Am Ende des Romans springt sie vor den Augen des Vaters von einem Kran in den Tod: «Während sie sich […] fallen ließ, […] schien es, als ob sie Flügel hätte, aber sie hatte keine.» (319) Wie Ikarus, der Sohn des genialischen Baumeisters, bezahlt sie für die väterliche Hybris mit dem Leben. Wenn das Bild von Velázquez hier aufgerufen wird, dann also zum einen, weil es Anlass zur Reflexion über die Bedingungen von Arbeit heute gibt – die der Roman thematisiert, indem er vor allem auf die Automatisierung von Arbeit und ihre Kon- sequenzen für den Menschen abhebt. Zum andern ist das Bild aber auch eine mise en abyme der Modalitäten künstlerischer Repräsentation: Denn Maren, die Frau des Ingenieurs, ist Künstlerin und produziert ihre Kunstwerke mit Hilfe eines Web- stuhls (so wie ja auch der Teppich auf dem Bild von Velázquez mit einem Web- stuhl aus dem im Vordergrund des Bildes gesponnenen Faden hergestellt wurde). Der Webstuhl taucht also hier nicht im Zusammenhang industrieller Produktion wieder auf, sondern als einfache (technisch überholte) Maschine zur Herstellung von Kunst (eine ästhetisch interessante, weil ökonomisch völlig ineffiziente Form von Produktion): Mit seiner Hilfe webt Maren Gobelins, die sie erfolgreich ausstellt 32 Urs Urban und verkauft. Für Maren – so beschreibt es der Protagonist, durch dessen Augen wir die Welt über die gesamte Länge des Romans zu sehen gezwungen sind – ist dabei der Webstuhl ein Werkzeug, das sie in die Welt hinein verlängert (sie ist «mit dem Webstuhl verschmolzen») und sie so zur Welt in ein Verhältnis der Distanz setzt; der Webstuhl funktioniert für sie mithin wie eine Prothese («eine Fortset- zung [ihres] Körpers», 46, «Ausweitung […] [ihres] Nervensystems», 87), die es ihr (wie eine Brille) erlaubt, die Welt zu objektivieren: also Dinge zu erkennen, indem sie von einander unterscheidbar werden (87). Zwar in grober Auflösung, aber deutlich erkennbar, zeigen diese Teppiche nun Szenen aus dem beruflichen und privaten Alltag des Protagonisten. Wo die Motive nicht aus gemeinsam Erleb- tem stammen, bezieht Maren sich dabei auf Fotos: So bei der Darstellung ihres Mannes mit einer Kollegin, die sie nach einem Foto vom Smartphone ihres Man- nes gestaltet. Wenn also die Materialität des Bildes hier immer schon den Blick auf die Welt trübt, tritt die Künstlerin doch mit einem realistischen Programm an: Sie konfrontiert den Betrachter mit einer Reihe von Bildern, die ihre, vor allem aber die Lebensgeschichte ihres Mannes (und seine Arbeit) gewissermaßen ver- doppeln; dabei ist (auch) dieser Art medialer Wiederholung aber eine Differenz eingeschrieben, die das Dargestellte verfremdet und so eben Distanz und durch diese einen Raum der Reflexion herstellt. Auf diese Weise entstehen störende Inter- ferenzen mit der Arbeit ihres Mannes, die ja nicht nur Transparenz voraussetzt (der künstliche Mensch soll aussehen wie der ‹natürliche›), sondern auch darauf abzielt, das Reproduzierte durch die technische Reproduktion zu verbessern (der Robo- ter funktioniert besser als der Mensch) und letztlich zu ersetzen.30 Der Protagonist selbst begreift seine Arbeit und die Arbeit seiner Frau – also Technik und Kunst – als Ausdruck desselben Bedürfnisses, sich durch die Objektivierung der Welt über die Welt zu erheben. Dabei will er aber die Kunst für die Technik in Dienst neh- men: als ein Medium, das den Schöpfungsakt dokumentiert und also eine Art Schöpfungsgeschichte (Genesis) transportiert, die die Herstellung des künstlichen Menschen und das heißt die Belebung der (toten) Dingwelt zum Gegenstand hat.31 Die Reflexion über die Modalitäten künstlerischer Repräsentation oder künstleri- scher Produktion von Wissen, die auf diese Weise artikuliert wird, gibt nun aber (autoreflexiv gewendet) auch Aufschluss über die literarische Ästhetik des Romans selbst, der ja letztlich seinerseits das technische (oder vielmehr soziale oder bio- politische) Experiment dokumentiert und dies tut, indem er zugleich die Bedin- gungen der (erzählerischen) Darstellbarkeit eben dieses Problemzusammenhangs 30 «Wir würden es fertigbringen, die Realität zu klonen, sie würde annihiliert und durch ihre Dop- pelgängerin ohne Menschen ersetzt werden. Die Wirklichkeit wird nicht mehr gebraucht, sie kann verschwinden, sie muss verschwinden. Neben ihrer Doppelgängerin gibt es keinen Platz für sie.» (139) 31 So wie die Arbeit eines mexikanischen Arztes, die den Protagonisten fasziniert: «Die Apparaturen, mit deren Hilfe der Urahn aus frischen Leichen Figuren produziert hatte, war [sic] in einem Keller zu besichtigen. Der Arzt hatte seine Tätigkeit durch einen Maler dokumentieren lassen.» (81) Vom Webstuhl zur Website 33 thematisiert.32 Überleben kann dieses Experiment jedoch letztlich nur einer – der Schöpfer, der (wie der Autor) seiner Schöpfung vorausgesetzt ist: «Der Schöpfer ist der allein Existierende, alles andere Daseiende ist das Werk seines Willens und Wortes. Schöpfer bedeutet: Creator ex nihilo.» (14) 3 Arbeit heute II: Bullshit Jobs in der mittleren Ebene Wo – wie in Händlers Roman – Arbeitsplätze und mit ihnen das Subjekt der Arbeit überflüssig werden, da werden diese Arbeitsplätze entweder abgeschafft und arbei- tende Menschen in die Arbeitslosigkeit entlassen (‹freigestellt›), oder sie werden (vor allem auf der mittleren Ebene) ersetzt durch das, was David Graeber Bulls- hit-Jobs nennt, also meist sehr gut bezahlte Tätigkeiten, die vor allem darin beste- hen, sinnlose Arbeit zu verrichten oder Arbeit auch schlicht zu simulieren.33 Auf diese Weise, so Graeber, entsteht ein «neuer Feudalismus», der zwischen strukturell überflüssigen und systemrelevanten Formen von Beschäftigungslosigkeit deutlich unterscheidet. In seinen Erzählungen aus den kapitalistischen Jahren (2016) schil- dert Frank Jakubzik die Arbeit «in der mittleren Ebene»34 des Managements, und die Tätigkeiten, die seine Protagonisten dort verrichten, entsprechen in vieler Hinsicht dem, was David Graeber in seinem Buch beschreibt. Worum es dabei im Einzelnen eigentlich geht, bleibt unklar: Die Protagonisten produzieren Imagefilme, präsen- tieren Projekte – meistens sitzen sie einfach in Büros oder ‹Arbeitsumgebungen› und bearbeiten ihre elektronische Korrespondenz. Die Arbeit ist hier so organi- siert, dass es letztlich egal ist, wann und wo sie stattfindet, vorausgesetzt, der arbei- tende Mensch kommt in seiner Arbeit zu sich und fühlt sich also in seiner Arbeit gewissermaßen heimisch – und das kann genauso gut tatsächlich zu Hause sein wie in einer Arbeitsumgebung, die so aussehen soll, wie zu Hause.35 Dabei erzeugt dieser Anspruch (der Mensch möge in seiner Arbeit zu sich kommen) genau das Gegenteil: Die mangelnde Konsistenz der Arbeit («Konsistenz […] ein geisteswis- senschaftlicher Quatsch, der hier nichts verloren hat.» 100) überträgt sich auf die Verfasstheit des arbeitenden Menschen und auf seine Verortung in einer (sozia- len, kulturellen, ‹natürlichen›) Umwelt. «In der mittleren Ebene» ist der arbeitende Mensch sich selbst und seiner Umgebung in einer Weise entfremdet, die ihn die 32 Wenn er diese (auf den Seiten 146–147) im Rahmen einer Theorie der möglichen Welten problema- tisiert (wie sie in anderer Weise auch von der Literaturwissenschaft produktiv gemacht worden ist). 33 David Graeber: Bullshit-Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit. Stuttgart 2018. 34 So der Titel des Romans: In der mittleren Ebene. Erzählungen aus den kapitalistischen Jahren. 35 «[E]igentlich arbeitete er zu Hause, seit die festen Büros aufgelöst worden waren» (30). «Er hatte die offenen Arbeitsplätze in den Großräumen nie gemocht und Telefonate nach der Umstellung auf das Flexible-Office-Konzept lieber von zu Hause aus geführt, außer wenn es gegen Quartalsende darum ging, Präsenz zu zeigen.» (152). Zur Organisation von Arbeit (im Sinne der Organisationstheorie, die die Gestaltung von Arbeitsumgebungen und Arbeitsabläufen bedenkt) ausführlich auch Händ- ler (105; 309) und die Filme von Carmen Losmann (Work hard play hard, 2011) und Harun Farocki (Ein neues Produkt, 2012). 34 Urs Urban Wirklichkeit als etwas extrem Unwirkliches erfahren lässt. Seine Wahrnehmung ist auf diese Weise von einem Verfremdungseffekt affiziert, der von der Wirklichkeit selbst ausgeht; wenn diese ihm «wie in Romanen», «wie im Kino» oder schlicht «unwirklich» (108) vorkommt, dann eben weil er ihr durch seine Arbeit (die Tätig- keit, mit der er Geld verdient) entfremdet ist. Auch der Versuch, sich rational dieser Wirklichkeit zu nähern, muss an ihrer Unwirklichkeit scheitern – bleibt doch die Vernunft angewiesen auf empirische Daten, die die Erfahrung (deren «Verkleine- rung» [122] beklagt wird) nicht (mehr) hergibt: «Die rationale Herleitung verstärkt den phantastischen Anstrich noch. Es ist nicht bloß […] überreizte Einbildung: Es ist tatsächlich Wirklichkeit.» (108) Damit aber stellt sich die Frage, was über- haupt Wirklichkeit ist – und es ist klar, dass diese Frage sich nicht mit dem Hin- weis auf «unendlich skalierbare Rechensysteme» (159) beantworten lässt. Wenn «nicht mehr Zahlen und Figuren»36 über die Wirklichkeit Aufschluss geben, muss man sie diesseits sprachlicher oder rechnerischer Codes vermuten: Diese roman- tische Vorstellung verbirgt sich hinter dem hier geäußerten Wunsch, «die wunder- samen Regungen der wundersamen Welt unterhalb der Dinge» (oder unter den «gespiegelten Oberflächen»; 142 125) wahrzunehmen und also Zugang zu finden zu einem irgendwie authentischen, nicht-entfremdeten Sein (ein Zustand, in dem «alle Grenzen aufgehoben» wären  – auch und vor allem die «zwischen […] Ich und Du»; 118) diesseits des Symbolischen (110; 111). Dabei gilt aber auch hier, dass es kein Außerhalb des Textes gibt – oder dass das, was es da geben mag, eben diesseits des Textes, des Symbolischen – des Codes – bedeutungslos bleiben muss: «Er mochte die Welt außerhalb des Codes. Er verstand sie nur nicht.» (39) Wenn nun also, was durchaus auch vorkommt, das Reale tatsächlich in die (‹symbolisch› verfasste) Lebenswirklichkeit hereinbricht, dann bleibt dieses letztlich sinnlos – so dass sehr schnell wieder in Frage steht, ob sich da gerade tatsächlich etwas ereignet hat. Das wird deutlich etwa da, wo der Protagonist einer der Erzählungen offenbar den eigenen Unfalltod überlebt und noch als lebender Toter die sinnlosen Routi- nen seines Alltags reproduziert (87 ff.). Und es spitzt sich radikal zu in einer wei- teren Erzählung, in der der Protagonist im Wald brutal von zwei Männern verge- waltigt wird (was ihn letztlich daran hindert, seinen Wunsch zu verwirklichen und einfach im Wald zu verschwinden, um in einem anderen Leben wieder aufzutau- chen), daraufhin aber weitermacht wie zuvor: und das heißt im Wortsinn business as usual. Die reale Erfahrung von Gewalt und Schmerz begreift er als die Fortset- zung eben jener systemischen Gewalt, der er sich ohnehin permanent ausgesetzt sieht, und die auszuhalten die eigentliche Kernkompetenz seiner Tätigkeit darstellt. Aus der Tatsache, dass diese, die «in der mittleren Ebene» tätigen Menschen, sich 36 «Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren / Sind Schlüssel aller Kreaturen / […] Dann fliegt vor einem geheimen Wort / Das ganze verkehrte Wesen fort.» So in dem berühmten Gedicht von Novalis (Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren) aus dem Jahr 1800, das Ludwig Tieck zufolge in den Hein- rich von Ofterdingen eingearbeitet werden sollte (Novalis: Heinrich von Ofterdingen. München 1994, S. 203). Vom Webstuhl zur Website 35 Arbeits- und Lebensbedingungen, die ihren Wünschen und Bedürfnissen zutiefst widersprechen («Sehnsüchte und Erinnerungen, Abweichungen und Abseiten» [65] gilt es um jeden Preis zu neutralisieren), dennoch unterwerfen, erwächst ein Widerspruch, den sie biographisch nicht lösen können – und dem sie dauerhaft ausgesetzt bleiben. Und obwohl sie alle unter diesem Widerspruch leiden, bleiben sie mit