Grundlagen, Konzepte, Anwendungen Wissenschaftskommunikation in den Geisteswissenschaften Ge or gi a Gö de ck e, A nd re as G rü ne w al d (H g. ) Georgia Gödecke, Andreas Grünewald (Hg.) Grundlagen, Konzepte, Anwendungen Wissenschaftskommunikation in den Geisteswissenschaften 2024 wbv Publikation ein Geschäftsbereich der wbv Media GmbH & Co. KG, Bielefeld Gesamtherstellung: wbv Media GmbH & Co. KG, Bielefeld wbv.de Umschlagmotiv: istock.com/Vitalii Gulenok ISBN: 978-3-7639-7600-3 DOI: 10.3278/9783763976003 Diese Publikation ist frei verfügbar zum Download unter wbv-open-access.de Diese Publikation mit Ausnahme des Coverfotos ist unter folgender Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de Für alle in diesem Werk verwendeten Warennamen sowie Firmen- und Markenbezeichnungen können Schutzrechte bestehen, auch wenn diese nicht als sol- che gekennzeichnet sind. Deren Verwendung in diesem Werk berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese frei verfügbar seien. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Hinweise zur Förderung: Das Lehrprojekt „Lost in Translation?“ wurde im Rahmen der Ausschreibung „Freiraum 2022“ der Stiftung Innovation in der Hochschullehre gefördert und umgesetzt und ebenso von der Universität Bremen unterstützt. Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 Julia Gantenberg, Elisabeth Jurack Go for it! – Potenziale für die Umsetzung von Wissenschaftskommunikation in den Geisteswissenschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Sophia Segler, Julia Gantenberg Citizen Science und Kommunikation in der superdiversen Gesellschaft . . . . . . . . 27 Barbara Heinisch Wissenschaftskommunikation in geisteswissenschaftlichen Citizen Science- Projekten am Beispiel eines sprachwissenschaftlichen Projekts . . . . . . . . . . . . . . . 45 Markus Gottschling Im Durchlauferhitzer der Gegenwart. Eine rhetorische Analyse von Geisteswissenschaftskommunikation auf Twitter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 Elke Höfler Fachdidaktik zwischen interner und externer Wissenschaftskommunikation im #twlz am Beispiel ChatGPT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80 Wolfgang Hallet Fremdsprachendidaktische Wissenschaftskommunikation in Professional Development Communities . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 Georgia Gödecke, Andreas Grünewald Lost in Translation? Studierende produzieren wissenschaftskommunikative Videos über das Lehren und Lernen von Sprachen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 Jens Kube, Denise Müller-Dum Onlinevideos für Sprachlernende und -lehrende . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 Megan Dwinger Erstellung wissenschaftskommunikativer YouTube-Videos aus studentischer Perspektive (ein Leitfaden) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 Victoria del Valle Interne Wissenschaftskommunikation in der Spanischdidaktik – eine Analyse der Zeitschrift Hispanorama und der an ihr beteiligten Akteur:innen . . . . . . . . . . 146 4 Inhalt Vorwort Knifflige Methoden, innovative Forschungsansätze und altbewährte Grundlagen – Wis- senschaftler:innen befassen sich (nahezu) tagtäglich mit ihrem jeweiligen Fachgebiet und kennen sich darin bestens aus. Aus dieser Fülle an Themen können sie schöpfen, wenn sie mit Menschen kommunizieren. Kommunizieren sie diese verständlich und anschaulich, werden sie besser verstanden: von Fachkolleg:innen aus dem eigenen und angrenzenden Forschungsgebieten oder auch von fachfernen Personen. Dies kann zu einer stärkeren Wahrnehmung und Akzeptanz der eigenen Wissenschaft beitragen. Der Prozess, wissenschaftliche Erkenntnisse, Ideen und Methoden für verschie- dene Zielgruppen verständlich und zugänglich zu machen, wird als Wissenschaftskom- munikation bezeichnet. Dabei ist Wissenschaftskommunikation „ein weites Feld“, das nach Hagenhoff et al. (2007: 7) in interne und externe Kommunikation unterteilt werden kann. Erstere bezieht sich auf den Austausch von wissenschaftlichen Informationen, Ideen und Erkenntnissen innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft oder inner- halb einer bestimmten Institution oder Organisation. Dies kann die Kommunikation zwischen Forscher:innen, wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen, Studierenden und an- deren internen Mitgliedern einer wissenschaftlichen Einrichtung umfassen. Externe Wissenschaftskommunikation hingegen bezieht sich auf den Austausch wissenschaft- licher Informationen, Ideen und Erkenntnisse mit externen Zielgruppen außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft oder Institutionen. Dies kann z. B. die Kommunika- tion mit der breiten Öffentlichkeit umfassen. Der Zweck der externen Wissenschafts- kommunikation besteht oft darin, wissenschaftliche Erkenntnisse für die Gesellschaft zugänglich zu machen, das Verständnis für Wissenschaft zu fördern und die Relevanz wissenschaftlicher Forschung und Innovationen zu betonen. Die Wissenschaftskommunikation in den Geisteswissenschaften und den Natur- wissenschaften weist einige Unterschiede auf, die sich aus den jeweiligen Merkmalen und Arbeitsweisen der Disziplinen ergeben. So ist die Kommunikation in den Naturwis- senschaften („hard sciences“) beispielsweise oft durch die Vermittlung empirischer Fak- ten und quantifizierbarer Daten gekennzeichnet. Dabei wird auf eine klare und präg- nante Sprache gesetzt. Zur Darstellung der Ergebnisse werden häufig auch visuelle Darstellungen wie Diagramme, Grafiken und Modelle verwendet, da sie eine wichtige Rolle bei der Veranschaulichung komplexer Zusammenhänge spielen. In den Geistes- wissenschaften hingegen ist die Kommunikation oft stärker textbasiert und interpreta- tiv. Forschungsergebnisse werden z. B. in Form von literarischen Analysen, historischen Untersuchungen, philosophischen Abhandlungen oder kulturellen Interpretationen präsentiert. Die Sprache ist oft nuanciert und reflektiert die vielfältigen Perspektiven und Interpretationen in den Geisteswissenschaften. Dadurch können geisteswissenschaft- liche Inhalte für Außenstehende als abstrakt und wenig greifbar wirken. Auch bildhafte Darstellungen wie Diagramme oder Grafiken werden seltener genutzt – vermutlich auch deswegen, weil im Zentrum der Geisteswissenschaften vor allem „das wenig visua- lisierbare Reflexionswissen“ (Moltmann 2020: 1) steht. Dieses Reflexionswissen ist nicht primär faktenbezogen, sondern eher als prozessual zu verstehen (vgl. Alt 2007: 13). Die Vermutung liegt also nahe, dass es die Geisteswissenschaften schwerer haben, ihre In- halte, Praktiken und Methoden nach außen zu kommunizieren. Dies zeigen z. B. auch die wenigen Studien zur medialen Repräsentation der Geisteswissenschaften in Bezug auf geisteswissenschaftliche Themen (vgl. Schäfer 2018; Scheu & Volpers 2017). Welche Möglichkeiten gibt es, geisteswissenschaftliche (Forschungs-)Inhalte an- schaulich, lebendig und verständlich zu kommunizieren? Mit dieser Frage beschäftigt sich der vorliegende Sammelband, der im Kontext eines geisteswissenschaftlichen Pro- jekts an der Universität Bremen entstanden ist. Das Lehrprojekt „Lost in Translation?“ wurde im Rahmen der Ausschreibung Freiraum 2022 der Stiftung Innovation in der Hochschullehre gefördert und umgesetzt. Es zielte darauf ab, geisteswissenschaftliche Inhalte – am Beispiel der Fremdsprachendidaktik/-forschung – für eine breitere Öffent- lichkeit zugänglich zu machen. Konzept und Umsetzung dieses Projekts sind Teil dieses Sammelbandes. Zudem wird die Rolle der Geisteswissenschaften im Allgemeinen und der Fremdsprachendidaktik/-forschung im Besonderen im Kontext der internen und externen Wissenschaftskommunikation aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Der erste Beitrag von Julia Gantenberg und Elisabeth Jurack stellt den Grundlagen- beitrag dar und bietet eine Einführung in die geisteswissenschaftliche Wissenschafts- kommunikation. In diesem Rahmen wird insbesondere die Bedeutung von dialogorien- tierten und partizipativen Ansätzen in der Wissenschaftskommunikation betont. Dabei beleuchten die beiden Wissenschaftskommunikatorinnen Möglichkeiten, wie Geistes- wissenschaftler:innen in diesem Bereich ihre Ergebnisse für die Öffentlichkeit zugäng- lich machen können. In diesem Rahmen wird aufgezeigt, welche Besonderheiten es in der Wissenschaftskommunikation der Geisteswissenschaften gibt und welche Formate und Kanäle genutzt werden können, um erfolgreich zu kommunizieren, sowohl für die Zielgruppen als auch für die Forschung in diesem Bereich. In Zusammenarbeit mit Sophia Segler beschäftigt sich Julia Gantenberg in einem weiteren Beitrag spezifisch mit Citizen Science-Projekten, am Beispiel der Sozialwissen- schaften. Ihr Beitrag betont Herausforderungen solcher Projekte, insbesondere in Be- zug auf die superdiverse Gesellschaft und die damit verbundene sprachliche Vielfalt und unterschiedliche wissenschaftliche Verständnisse. Die beiden Autorinnen heben her- vor, wie diese Faktoren das Vertrauen in die Wissenschaft und die Forschungsergeb- nisse beeinflussen können und wie Fachdidaktiker:innen und Bildungswissenschaft- ler:innen ihre Expertise in partizipative Forschungsformate wie Citizen Science ein- bringen können. Diese Themen werden anhand des sozialwissenschaftlichen Citizen Science-Projekts „GINGER - Gemeinsam Gesellschaft erforschen“ reflektiert. Die Translationswissenschaftlerin Barbara Heinisch betont die enge Verbindung zwischen Fremdsprachendidaktik/-forschung und Translation, da beide Bereiche eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Sprachkompetenz erfordern und den Trans- fergedanken sowie die Wissenschaftskommunikation einschließen. Sie untersucht – ebenfalls anhand von Citizen Science –, wie in solchen Projekten Kommunikation auf Augenhöhe gelingen kann, insbesondere in Bezug auf die Anpassung des Sprachregis- 6 Vorwort ters, die Balance zwischen Fach- und Gemeinsprache sowie die Einführung in den wis- senschaftlichen Diskurs und das wissenschaftliche Arbeiten. Markus Gottschling reflektiert in seinem Beitrag die Transformation von Twitter zu X. Aus Sicht des Rhetorikers ermöglicht dieser Rückblick wichtige Erkenntnisse zu der Frage, welche Herausforderungen und Chancen mit Geisteswissenschaftskommu- nikation in sozialen Netzwerken verbunden sein können. Anhand einer rhetorischen Analyse von Dialogen von Geisteswissenschaftler:innen zum Thema „Generative KI“ beleuchtet er, inwieweit Twitter als Wissenschaftskommunikationsplattform für den Austausch und die Debatte in der akademischen Gemeinschaft dienen konnte. Darauf aufbauend leitet er geisteswissenschaftliche Kommunikationsstrategien für die Eta- blierung zukünftiger digitaler Räume ab. Auch die Medien- und Sprachendidaktikerin Elke Höfler beschäftigt sich mit der Kommunikationsplattform Twitter: Sie betont die neuen Herausforderungen und Chancen für Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation in der digitalen Kultur, insbesondere durch Social-Media-Plattformen wie Twitter. Sie untersucht die Kommu- nikation im Twitterlehrerzimmer zu ChatGPT und zeigt, dass trotz geringer wissen- schaftlicher Kommunikation ein reger Austausch zu schulischen und nicht-schulischen Themen stattfindet. Ebenfalls ein Beitrag aus dem Bereich der Fremdsprachendidaktik/-forschung stammt von Wolfgang Hallet, der die Schwierigkeit betont, ein breites und unspezifi- sches Publikum in der Wissenschaftskommunikation zu erreichen. Er schlägt vor, stattdessen eine spezifische Community zu schaffen, die aus Expert:innen sowie Ver- treter:innen eines bestimmten pädagogischen Bereichs besteht. In dieser kollaborativen Umgebung tauschen Wissenschaftler:innen, Sprachlehrer:innen und andere Expert:- innen ihre Ideen aus und setzen sie in die Praxis um, wodurch die Wissenschaftskom- munikation Teil eines Transformationsprozesses wird. Georgia Gödecke und Andreas Grünewald stellen ein exemplarisches Lehrprojekt vor, das es angehenden Lehrkräften der Fächer Französisch und Spanisch ermöglicht, praxisnahe Erfahrungen in der Wissenschaftskommunikation über die Fremdspra- chendidaktik/-forschung zu sammeln. In Zusammenarbeit mit Fachexpert:innen und Wissenschaftskommunikator:innen erstellen die Studierenden im Rahmen des Pro- jekts „Lost in Translation?“ Videos zu Themen rund um das Lehren und Lernen von Sprachen und veröffentlichen sie. Während des gesamten Prozesses lernen sie, fach- spezifische Inhalte verständlich und lebendig zu kommunizieren. Anknüpfend an diesen Beitrag beschäftigen sich Jens Kube und Denise Müller- Dum mit Videos in der Wissenschaftskommunikation. Während sie in den Naturwis- senschaften immer beliebter werden – da sie oft spektakuläres Bildmaterial enthalten –, existieren bislang wenig Material und Vorbilder in den Geisteswissenschaften. Im Rah- men des Projekts „Lost in Translation?“ hatten die Studierenden die Gelegenheit, diese Lücke zu füllen. Der Beitrag des Wissenschaftskommunikators und der Wissenschafts- redakteurin reflektiert anhand dieses Beispiels die Zielgruppen und Inhalte fremdspra- chendidaktischer Onlinevideos sowie die Herausforderungen bei deren Produktion. Vorwort 7 Eine Studentin, die im Rahmen des Projekts „Lost in Translation?“ mitgewirkt hat, reflektiert in einem eigenen Beitrag die Videoproduktion aus studentischer Perspektive. Inhaltlich geht es um ein Video zum Thema Mehrsprachigkeit. Ziel ist es, Lehrkräften verschiedene Wege aufzuzeigen, wie die vorhandene Mehrsprachigkeit der Schüler:- innen in das Klassenzimmer und das Unterrichtsgeschehen integriert werden kann. Auf ihren Reflexionsprozessen aufbauend erstellt Megan Dwinger einen Leitfaden zur Erstellung wissenschaftskommunikativer Videos im Studium, der Transferpoten- zial aufweist. Der letzte Beitrag des Sammelbandes der Fremdsprachendidaktikerin Victoria del Valle Luque analysiert die formale wissenschaftsinterne Kommunikation in der Spa- nischdidaktik anhand der Zeitschrift Hispanorama des Deutschen Spanischlehrkräfte- verbandes (DSV). Dabei liegt der Fokus auf den beteiligten Akteur:innen und deren Kommunikationsintentionen. Mithilfe von Daten aus der Mitgliederdatenbank und ei- ner Zeitschriftenanalyse werden Informationen über die Leser:innen, Autor:innen und die abgedeckten Themenbereiche gesammelt, um Trends zu identifizieren und die Rolle der Zeitschrift im wissenschaftlichen Diskurs zu untersuchen. Wir wünschen Ihnen eine spannende und ertragreiche Lektüre! Georgia Gödecke und Andreas Grünewald Literaturverzeichnis Alt, P.-A. (2007). Die Verheißungen der Philologie. Göttingen: Wallstein. Hagenhoff, S., Hogrefe, D. et al. (2007). Neue Formen der Wissenschaftskommunikation: eine Fallstudienuntersuchung. Göttinger Schriften zur Internetforschung. Göttingen 2007. https://doi.org/10.17875/gup2007-208 Moltmann, R. (2020). Vom “Verfertigen der Gedanken”: Das Potential von Podcasts für die geisteswissenschaftliche Wissenschaftskommunikation. kommunikation@gesellschaft, 21(2). https://doi.org/10.15460/kommges.2020.21.2.624 (zuletzt abgerufen am 17.04. 2024). Schäfer, M. S. (2018). Geisteswissenschaften in den Medien. Ein Überblick über Studien zur medialen Repräsentation der Geisteswissenschaften. In M. Luginbühl & J. Schröter (Hrsg.), Geisteswissenschaften und Öffentlichkeit – linguistisch betrachtet. Bern: Peter Lang: 17–38. Scheu, A. M. & Volpers, A.-M. (2017). Sozial- und Geisteswissenschaften im öffentlichen Diskurs. In H. Bonfadelli, B. Fähnrich, C. Lüthje, J. Milde, M. Rhomberg & M. S. Schäfer (Hrsg.), Forschungsfeld Wissenschaftskommunikation Wiesbaden: Springer: 391–404. 8 Vorwort https://doi.org/10.17875/gup2007-208 https://doi.org/10.15460/kommges.2020.21.2.624 Go for it! – Potenziale für die Umsetzung von Wissenschaftskommunikation in den Geisteswissenschaften Julia Gantenberg, Elisabeth Jurack Zusammenfassung Externe Wissenschaftskommunikation zielt ab auf die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Methoden an verschiedene Zielgruppen innerhalb der Öffentlichkeit und des wissenschaftlichen Systems. Gegenwärtig steht eine dialogische und partizipa- tive Ausrichtung im Fokus wissenschaftskommunikatorischer Maßnahmen. Unab- dingbar für eine erfolgreiche Wissenschaftskommunikation ist ihre inhalts- und ziel- gruppengerechte Umsetzung. Im Vergleich zu den Naturwissenschaften sind die Geis- teswissenschaften in der Wissenschaftskommunikation noch immer unterrepräsen- tiert. Dies zeigt sich auch anhand ihrer deutlich geringeren medialen Sichtbarkeit. Der Beitrag gibt einen Überblick darüber, was die Besonderheiten von Wissenschaftskom- munikation in den Geisteswissenschaften und speziell in der Fremdsprachendidaktik/- forschung sind, welche Möglichkeiten Forscher:innen nutzen (können), ihre wissen- schaftlichen Erkenntnisse verschiedenen Zielgruppen aus der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und welche Formate und Kanäle sich für dieses spezielle wissenschaftliche Feld eignen, um einen gelungenen Beitrag zu leisten – für die unterschiedlichen Ziel- gruppen wie auch für die Fremdsprachendidaktik/-forschung selbst. Schlüsselwörter: Wissenschaftskommunikation; Wissenstransfer; Fremdsprachendidaktik/-forschung Abstract Science communication aims to disseminate scientific findings and methods to vari- ous target groups within the public and the scientific system. Currently, the focus of science communication measures is a dialog- and participatory orientated approach. Successful science communication requires content and target group-oriented imple- mentation. Compared to the natural sciences, the humanities are still underrepresen- ted in science communication. This is e.g. reflected in their significantly lower visibility in the media. This article provides an overview of the special features of science com- munication in the humanities and especially in foreign language didactics/research, what opportunities researchers (can) use to make their scientific findings accessible to different target groups from the public, and which formats and channels are suitable for this specific scientific field in order to make a successful contribution – for different target groups as well as for foreign language didactics/research itself. 1 Die Bedeutung von Wissen und seiner Bereitstellung Wissen, verstanden als die Fähigkeit, Informationen und Daten zu verstehen und zu interpretieren (vgl. u. a. Uit Beijerse 1999), gilt als eine der wichtigsten Ressourcen, um gesellschaftlichen Herausforderungen angemessen begegnen zu können (vgl. Moll & Schütz 2021). Die Notwendigkeit zur Bereitstellung wissenschaftlichen Wissens für die Gesellschaft ist unumstritten, anwendungsnahe Forschung sowie Akzeptanz von und Vertrauen in Wissenschaft und ihre Ergebnisse sind dafür unerlässlich. Als Folge nimmt auch die Relevanz von Wissenschaftskommunikation für Wissenschaft und Ge- sellschaft und ihre Akteur:innen zu (vgl. Geier & Gottschling, 2019). Wissenschaft- ler:innen sind nunmehr nicht nur gefordert, exzellente Fachforschung zu betreiben, sondern ebenso, ihre Forschungserkenntnisse sowie ihr Prozess- und Methodenwissen auf vielfältige Weise für diverse Adressat:innen zugänglich zu machen. Der Wissen- schaftsrat spricht in diesem Zusammenhang von einer „der [insgesamt vier1, Anm. d. Verf.] wesentlichen Leistungsdimensionen wissenschaftlicher Einrichtungen“ (Wissen- schaftsrat, 2016) mit dem Ziel, „die wissensbasierte Entwicklung der Gesellschaft voran- zutreiben und den gestiegenen Erwartungen aus Politik und Gesellschaft an die Leis- tungen des Wissenschaftssystems besser gerecht zu werden“ (ebd.). Der Beitrag gibt einen Überblick über die grundsätzliche Bedeutung von Wissen- schaftskommunikation und den mit ihr verbundenen Zielsetzungen. Er zeigt, was die Besonderheiten von Wissenschaftskommunikation in den Geisteswissenschaften und speziell in der Fremdsprachendidaktik/-forschung sind, welche Möglichkeiten For- schende dieser Disziplinen nutzen (können), ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse einer diversen Öffentlichkeit zugänglich zu machen und welche Formate und Kanäle sich für dieses spezielle wissenschaftliche Feld eignen. 2 Definitorische Verortung von Wissenschaftskommunikation Im Diskurs über die Bereitstellung und Vermittlung wissenschaftlichen Wissens wer- den unterschiedliche Begriffe verwendet, die je nach Verwendungskontext keiner trenn- scharfen Definition folgen. Wissenschaftskommunikation, Wissenstransfer oder auch die Übersetzung wissenschaftlichen Wissens existieren nebeneinander, beschreiben manch- mal, aber längst nicht immer, die gleichen Ansätze oder Teilaspekte. Um eine gemein- same Definitionsgrundlage für diesen Sammelband zu schaffen, ist daher zunächst eine Begriffsbestimmung erforderlich. Grundsätzlich werden unter Wissenschaftskommunikation „alle Formen von auf wissenschaftliches Wissen oder wissenschaftliche Arbeit fokussierter Kommunikation“ 1 Der Wissenschaftsrat benennt bereits seit 2013 Forschung, Lehre, Transfer und Infrastrukturleistungen als die vier Leis- tungsdimensionen der Wissenschaft, „die eng miteinander verbunden, teilweise konstruktiv füreinander sind und sich wechselseitig befruchten.“ (Wissenschaftsrat 2013, S. 2). 10 Go for it! – Potenziale für die Umsetzung von Wissenschaftskommunikation in den Geisteswissenschaften (Schäfer et al., 2015, S. 13) verstanden. Unterschieden wird dabei in interne Wissen- schaftskommunikation, die Kommunikationsaktivitäten wie Fachartikel, Tagungsbei- träge innerhalb der wissenschaftlichen Fachcommunity meint, sowie externe Wissen- schaftskommunikation, die sich an Adressat:innengruppen außerhalb des Wissen- schaftssystems richtet. Miteinbezogen sind dabei auch Wissenschaftsjournalismus, d. h. die mediale Aufbereitung wissenschaftlicher Informationen durch eine kritisch- distanzierte Betrachtung wissenschaftsexterner Journalist:innen und deren Einord- nung in gesellschaftliche Fragestellungen sowie wissenschaftsbezogene Kommunika- tion, wie sie zum Beispiel in sozialen Medien stattfindet (vgl. Ziegler & Fischer, 2020). Bei der definitorischen Abgrenzung von Wissenschaftskommunikation zum Wis- senstransfer gibt es im Wissenschaftskontext unterschiedliche Auslegungen. Der tra- ditionellen Definition zufolge wird Wissenstransfer als einfaches, lineares Modell der Übertragung wissenschaftlichen Wissens „aus dem Wissenschaftsbereich in Gesell- schaft, Kultur, Wirtschaft und Politik“ verstanden, mit dem Ziel, dieses nutz- und an- wendbar zu machen, um gesellschaftliche Problemlagen zu lösen. Anderen Definitio- nen zufolge wird Wissenstransfer als „wechselseitiger Austausch zwischen Hochschule (...) und gesellschaftlichen Akteur:innen verstanden. Insofern spielen in der konkreten Arbeit nicht zuletzt Herausforderungen der (Rück-)Übersetzung zwischen verschiedenen Wissensformen – forschungsbasiertem Wis- sen, professionellem Handlungswissen sowie Erfahrungs- und Alltagswissen – eine wichtige Rolle“ (Jeggle et al., 2021, S. 73–74). Wissenschaftskommunikation wird dabei, teilweise dem Transfer untergeordnet, als kommunikatives Werkzeug für die Umsetzung von Wissenstransfer gesehen. Diesem Verständnis nach bildet Kommunikation also die Voraussetzung für den Transfer, und zugleich gestaltet sie den Transfer von Wissen (vgl. Moll & Schütz, 2021 sowie Oestrei- cher, 2014, S. 37). Dagegen verweisen u. a. Schuldt-Baumgart und Lux (2022) auf die Unterschiede bezüglich der Zielsetzung von Wissenstransfer und Wissenschaftskommunikation. Demnach strebe Wissenstransfer die Wirkung von Forschung in der Gesellschaft an und möchte dadurch idealerweise erreichen, dass neues Wissen Anwendung findet. Die für den Transfer zum Einsatz kommenden Methoden und Formate decken sich mit denen der Wissenschaftskommunikation. Die Zielsetzungen der Wissenschafts- kommunikation seien dagegen breiter angelegt, denn diese gehe darüber hinaus: von der Information und Sensibilisierung für Forschung und deren Ergebnisse, über die Reputationssteigerung von wissenschaftlichen Institutionen und ihren Akteur:innen bis hin zur Legitimierung wissenschaftlichen Handelns. Im Zusammenhang mit externer Wissenschaftskommunikation ist teilweise auch von Übersetzung im Sinne einer der Zielgruppe angemessenen Aufbereitung von Infor- mationen die Rede. Dabei geht es u. a. um „wechselseitige Übersetzungen von wissen- schaftlich generierten Ergebnissen in eine für Partner außerhalb der Wissenschaft ver- ständliche, zugängliche und umsetzbare Form sowie umgekehrt auch Übersetzungen von außerwissenschaftlich generierten Fragen und Problemen in Forschungsfragen“ Julia Gantenberg, Elisabeth Jurack 11 (Wissenschaftsrat, 2016, S. 11). Um Wissenschaftskommunikation in ihrer Gänze zu erfassen, greift der Begriff der Übersetzung jedoch zu kurz. Wenn in diesem Sammelband also von Wissenschaftskommunikation die Rede ist, folgt dieser Begriff der Definition externer Wissenschaftskommunikation, angelehnt an Ziegler und Fischer (2020), wonach „alle Formen von auf wissenschaftliches Wis- sen oder wissenschaftliche Arbeit fokussierter Kommunikation, inklusive ihrer Pro- duktion, Inhalte, Nutzung und Wirkung (...) außerhalb des Wissenschaftssystems“ ge- meint sind. 3 Information, Dialog und Partizipation – Paradigmen und Ausrichtungen von Wissenschaftskommunikation Die Zielsetzung von Wissenschaftskommunikation ist stetig im Wandel. Traditionell unterscheidet man verschiedene Modelle und daraus resultierende Formate, die in (his- torisch bedingter) unterschiedlicher Ausprägung nebeneinander existieren: das Defizit-, das Dialog- und das Partizipations-Modell (vgl. Metten & Bornheim, 2021; Trench, 2008). Als Ausgangspunkt für gezielte Wissenschaftskommunikation in Deutschland wird das PUSH-Memorandum von 1999 gesehen. Mithilfe informierender und wissensvermit- telnder Maßnahmen sollte den angenommenen Wissensdefiziten der Gesellschaft in Bezug auf wissenschaftliche Kenntnisse sowie wissenschaftsskeptischen Einstellungen in der Gesellschaft entgegengewirkt werden (Public Understanding of Science) (vgl. u. a. Nisbet & Scheufele, 2009). Ausgehend von der Idee, dass Bürgerbeteiligung2 in einem gesteigerten Interesse und Vertrauen in die Wissenschaft münden, hat sich dieses Para- digma in den letzten 20 Jahren mehr und mehr in Richtung dialogorientierter bzw. parti- zipativer Ansätze verändert (Public Engagement with Science). Hierbei wird die Rolle der Zivilgesellschaft bei der Gestaltung der Wissenschafts- und Technologiepolitik unter- strichen und auf das große Potenzial des Wissens von Bürger:innen verwiesen (Peters et al., 2020). Der Begriff Public Engagement ist in der Wissenschaftskommunikation relativ neu. Die Ursprünge des Begriffs beruhen auf dem Verständnis der partizipativen Demokratie und lassen sich auf die Erkenntnis zurückführen, dass es notwendig ist, die Öffentlich- keit in die Gestaltung der Politik miteinzubeziehen. Im Vereinigten Königreich bei- spielsweise hat sich dieser Trend seit den späten 1990er-Jahren sowohl in der nationalen als auch in der lokalen Verwaltung in so unterschiedlichen Bereichen wie der Verkehrs- planung, Umwelt und der Gesundheitsversorgung bemerkbar gemacht (Rowe & Fre- wer, 2005). Das Konzept des öffentlichen Engagements für die Wissenschaft hat meh- rere Ursprünge – zum einen in der partizipativen Demokratie und zum anderen als methodischer Forschungsansatz in Form von zum Beispiel Reallaboren – und hat zu einer breiten Palette von Konzeptualisierungen des Begriffs geführt. Nach Rowe et al. 2 Zum teils kritisch diskutierten Begriff der „Bürger:innen“ siehe auch den Beitrag „Citizen Science und Kommunikation in der superdiversen Gesellschaft“ von Segler und Gantenberg in diesem Band. 12 Go for it! – Potenziale für die Umsetzung von Wissenschaftskommunikation in den Geisteswissenschaften (2008) ist „Engagement kein einfaches Konzept“, da es zahlreiche Gründe für die Durch- führung von Engagement und verschiedene Methoden zur Erreichung dieses Ziels gibt. Er wird somit auch als Ober- und Sammelbegriff beschrieben, da bislang weder in der akademischen noch in der politischen Rhetorik eine abgrenzende Definition möglich ist (Weingart et al., 2021). Die Formen und das Ausmaß der Beteiligung von Nicht-Wissen- schaftler:innen an der Wissenschaft sind sehr unterschiedlich, z. B. je nach Zugänglich- keit der betreffenden Disziplinen und der Art der von den Bürger:innen erwarteten Beiträge. Im Jahr 2008 erklärte das britische Ministerium für Innovation, Hochschulen und Qualifikationen: „Wir verwenden ‘Public Engagement’ als einen Oberbegriff, der viele Arten von Aktivitäten umfasst, darunter Wissenschaftsfestivals, Zentren, Museen, Cafés, Medien, Konsultationen, Feedback-Techniken und den öffentlichen Dialog“ (Department for Innovation, Universities & Skills, 2008). Dies wurde 2019 durch das National Coordinating Centre for Public Engagement, UK (NCCPE), welches 2008 ge- gründet wurde, offener kommuniziert: „Public Engagement beschreibt die unzähligen Möglichkeiten, wie die Aktivitäten und Vorteile von Hochschulbildung und Forschung mit der Öffentlichkeit geteilt werden können.“ (NCCPE, 2019) Abbildung 1: Nach dem Modell des Wellcome Trust veränderte und angepasste Public Engagement-Zwiebel. (Quelle: https://www.mpls.ox.ac.uk/public-engagement/what-is-public-engagement) Mit der ‚Public Engagement-Zwiebel‘ initiierte der Wellcome Trust 2011 ein Modell, das die Methoden und Aktivitäten des Public Engagements als eine Reihe von Schichten wie die Julia Gantenberg, Elisabeth Jurack 13 https://www.mpls.ox.ac.uk/public-engagement/what-is-public-engagement einer Zwiebel darstellt. Das Modell besteht aus einer Reihe von konzentrischen Kreisen entlang eines Kontinuums von Dialog bis Information, wobei der zentrale Kreis die Ko- Produktion darstellt. Mit jeder Ebene verschiebt sich der Schwerpunkt vom wechselseiti- gen Dialog und der Entscheidungsfindung hin zur Informationsweitergabe (siehe Abb. 1). Allerdings sollte ebenfalls auf die Schwächen des Modells hingewiesen werden, da zum Beispiel Citizen Science verschiedene Partizipationsstufen aufweisen und somit nicht nur in einer bestimmten „Zwiebelschale“ verortet werden kann. Dieser Paradigmenwechsel, ausgehend von der reinen Information über Wissen- schaft und ihre Ergebnisse hin zum partizipativen Ansatz, bestärkt noch einmal mehr das Ziel, durch die gezielte Zusammenarbeit Veränderungen und Wirkungen in der Gesellschaft zu erreichen (vgl. Seltmann, 2023; Miller et al., 2017), wobei Wirkung hier eine Veränderung in einer Zielgruppe meint, die auf Basis von Interventionen erreicht wird (Dreyer, 2021). Damit verbunden ist auch die vermehrte Akzeptanz unterschied- licher Expertisen und Wissensformen, nämlich neben wissenschaftlich fundierten Er- kenntnissen auch Alltags- und Anwendungswissen unterschiedlicher zivilgesellschaft- licher Akteur:innen als gleichberechtigt anzuerkennen. Durch diese zunehmende gesellschafts- wie wissenschaftspolitische Forderung und Förderung verstärkt sich auch ihr Stellenwert für die Wissenschaftskommunikationspraxis. Je nach Paradigma und Zielsetzung gehen mit dem jeweiligen Verständnis vom Verhältnis zwischen Wissen- schaft und Gesellschaft auch Veränderungen hinsichtlich der Kommunikationsmaß- nahmen und -formate3 einher (vgl. Ziegler & Fischer, 2020; Schäfer et al., 2019). Motive und Ziele der Wissenschaftskommunikation Ziegler und Fischer (2020) differenzieren die o. a. Ziele von Wissenschaftskommunika- tion von den Motiven für Wissenschaftskommunikation. Unter Motive fallen demnach „all jene Formulierungen und Begründungen (...), die entweder explizit oder implizit einen Aufschluss darüber geben, warum spezifische Zielsetzungen in der Wissen- schaftskommunikation verfolgt werden sollen, und zu wessen Nutzen dies geschieht“ (Ziegler & Fischer, 2020, S. 7). Hier identifizieren sie a) den Nutzen für einzelne For- schende, b) den Nutzen für Institutionen, den Nutzen für die Wissenschaft als Ganze sowie c) den Nutzen für die Gesellschaft (vgl. ebd.). Neben den genannten systemischen bzw. insti- tutionellen Motiven für Wissenschaftskommunikation wird also auch ein direkter Nut- zen für die kommunizierenden Wissenschaftler:innen gesehen. Dazu Seltmann (2023): „Der Dialog (...) mit der Öffentlichkeit kann das Weiterkommen in der eigenen Arbeit bestärken. Durch Diskussionen und Fragen können sie sich über die relevanten Säulen ihrer Forschung bewusster werden und den Kern ihrer Forschung genau durchdenken.“ Dies schaffe Motivation für neue Ideen und Ansätze (vgl. ebd.). Besonders die Kommu- nikation über Social Media wird als niedrigschwellige Möglichkeit gesehen, nicht nur den wissenschaftsinternen Austausch zu fördern, sondern kann gleichzeitig auch „Er- kenntnisse des Fachs der Öffentlichkeit zugänglich machen, über Methoden oder über aktuelle fachwissenschaftliche Diskussionen und Projekte informieren und auf vielfäl- 3 Praxistipp: Auf der Plattform wissenschaftskommunikation.de wird eine Vielzahl von Wissenschaftskommunikationsfor- maten porträtiert: https://www.wissenschaftskommunikation.de/formate/. 14 Go for it! – Potenziale für die Umsetzung von Wissenschaftskommunikation in den Geisteswissenschaften https://www.wissenschaftskommunikation.de/formate/ tige Weise den unmittelbaren Austausch mit zumindest Teilen der Gesellschaft erleich- tern“ (Geier und Gottschling, 2019, S. 284; vgl. Seltmann, 2023). Auf diese Weise kann zudem die Wahrnehmung der eigenen Person gesteigert werden (vgl. Ziegler & Fischer, 2020, S. 7; Seltmann, 2023). Als Mehrwert von Wissenschaftskommunikation bzw. des Zugangs zu und des Verständnisses von wissenschaftlichem Wissen (scientific literacy) für die Öffentlichkeit nennen Ziegler und Fischer (2020, S. 7) eine Steigerung der indivi- duellen Mündigkeit, der gesellschaftlichen Demokratiefähigkeit sowie die Stärkung der Wissensgesellschaft. Außerdem würden Politik und Öffentlichkeit ihre Entscheidungen vermehrt auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse treffen (ebd., S. 15) sowie gesellschaftlicher Fortschritt und Innovation durch wissenschaftliche Forschung voran- getrieben (ebd., S. 16; vgl. Seltmann, 2023). 4 Wissenschaftskommunikation in den Sozial- und Geisteswissenschaften – ein Sonderfall? Doch auch wenn über die grundsätzlichen Zielsetzungen und Motive für Wissenschafts- kommunikation weitgehend Einigkeit besteht, existieren disziplinäre Unterschiede hin- sichtlich ihrer Etablierung, Frequenz und Sichtbarkeit. So sind die Geisteswissenschaf- ten4 im Vergleich zu den Naturwissenschaften in der Wissenschaftskommunikation und der zugehörigen Forschung noch immer unterrepräsentiert und werden dadurch als weniger sichtbar und aktiv wahrgenommen (vgl. u. a. Geier & Gottschling, 2019, S. 283; Scheu & Volpers, 2017, S. 393). Geier und Gottschling (2019) benennen drei As- pekte, anhand derer sich dieses zeigt: erstens bezüglich der Themenbereiche von Wissen- schaftskommunikation, zweitens hinsichtlich der Forschung über Wissenschaftskommu- nikation (vgl. auch Scheu & Volpers, 2017, S. 393 sowie Schäfer, 2018) sowie drittens angesichts der vergleichsweise wenigen, aktiv kommunizierenden Wissenschaftler:innen. Deutlich wird dieser Umstand auch anhand der weitaus geringeren medialen Sichtbar- keit geisteswissenschaftlicher Themen und Forschungspraktiken (vgl. Moltmann, 2020; Milde, 2009). Schäfer (2018) kann beispielsweise zeigen, dass über 90 Prozent aller Stu- dien, die die mediale Berichterstattung über Wissenschaft und Forschung untersuchen, inhaltlich MINT-Fächer5 zum Gegenstand haben. Als Gründe dafür werden u. a. wissen- schaftspolitische Schwerpunktsetzungen (vgl. Geier & Gottschling, 2019) sowie das we- nig visualisierbare Reflexionswissen gesehen, das mehrheitlich im Fokus geisteswissen- schaftlicher Disziplinen liegt (vgl. Moltmann 2020, S. 4). Mit Blick in Diskurse über den historischen Ursprung des Begriffs Science wird deutlich, dass hiermit nur die Naturwissenschaften gemeint sind. Hamann (2014) er- klärt, dass allein im deutschen Sprach- und Kulturraum die sogenannten Humanities als Geisteswissenschaft bezeichnet wurden und sonst nicht mit dem Begriff der Wissen- 4 Nach Schäfer (2018) werden als Geisteswissenschaften in diesem Zusammenhang die Disziplinen Geschichte und Archä- ologie, Sprach- und Literaturwissenschaften, Philosophie, Ethik- und Religionswissenschaft, Kunstwissenschaft und Rechtswissenschaften verstanden. 5 MINT bezeichnet die Disziplinen Mathematik, Informatik, Natur- und Technikwissenschaften. Julia Gantenberg, Elisabeth Jurack 15 schaft bzw. Science in Verbindung gebracht worden sind. „Die Vorstellung von Naturwis- senschaften als ‚hard Sciences’, zugespitzt ausgedrückt den ‚echten’, faktenbasierten Disziplinen, mag dazu geführt haben, dass naturwissenschaftliche Themen sowohl brei- ter in massenmedialer Bearbeitung rezipiert als auch wissenschaftsintern stärker ‚be- forscht’ werden,“ führt Moltmann (2020, S. 4) dazu aus. Fachkulturelle Unterschiede zwischen den Disziplinen wurden historisch dahingehend beschrieben, als Geisteswis- senschaften eher rückwärtsgewandt und in die Vergangenheit blickend seien und Natur- wissenschaften positiv nach vorn gerichtet sind und sich an der Gesellschaft und Zu- kunft ausrichten (Snow, 1988). Dies steht im Kontrast zur gesellschaftlichen Nähe, die geisteswissenschaftlichen Themen gegenwärtig zugeschrieben wird: „Gerade Akteure aus sozial- und geisteswis- senschaftlichen Disziplinen beteiligen sich an gesellschaftlich relevanten Diskursen und tragen mit ihrer Forschung dazu bei, gesellschaftliche Probleme zu erkennen und zu bearbeiten“ (Scheu & Volpers 2017 S. 392). Im Zusammenhang mit den Ergebnis- sen wissenschaftlicher Untersuchungen, in denen Geisteswissenschaften als medial unterrepräsentiert wahrgenommen werden (vgl. u. a. Schäfer, 2018), vertreten Scheu & Volpers (2017) zudem die These, dass „Sozialwissenschaftler im Gegensatz zu Natur- wissenschaftlern nicht als Wissenschaftler oder Forscher, sondern eher als Autoren bezeichnet und damit in der Nähe von nicht-wissenschaftlichen Experten oder Laien gerückt werden“ (ebd., S. 398; auch Evans, 1995) sowie „Berichte über Sozial- und Geis- teswissenschaften ein breiteres Spektrum an Darstellungsformen aufweisen als Be- richte über Natur-, Lebens- oder Ingenieurwissenschaften“ (Scheu & Volpers 2017, S. 398). Neben der Berichterstattung über konkrete Forschungsergebnisse ist ein ho- her Anteil an „interpretativen Statements“ (ebd., S. 399), z. B. in Form von Kommenta- ren oder meinungsbetonten Artikeln, auszumachen – Formate, die nicht ausschließ- lich der Wissenschaftskommunikation zugeschrieben werden. Dies habe zur Folge, dass „sozialwissenschaftliche Forschungsergebnisse im Vergleich mit denen aus ande- ren Fachkulturen als weniger valide, gesichert oder auch nützlich dargestellt würden“ (ebd.). Demnach seien die Sozial- und Geisteswissenschaften sehr wohl im öffent- lichen Diskurs vertreten, nur eben in anderer Form als die Naturwissenschaften, näm- lich in Form von Reflexions-, Deutungs- und Orientierungswissen anstelle der reinen Kommunikation von Forschungsergebnissen. Potenziale der Fremdsprachendidaktik/-forschung Noch spezifischer als oben für die Geisteswissenschaften im Allgemeinen skizziert, verhält es sich mit dem Verhältnis der Fremdsprachendidaktik/-forschung zur Wissen- schaftskommunikation. Ihr innerwissenschaftliches Kernziel ist das Lehren und Ler- nen fremder Sprachen bzw. die Untersuchung fremdsprachlicher Lehr- und Lernpro- zesse, um daraus fundiertes Wissen zu Theorien, Zielen und Verfahren des Fremd- sprachenerwerbs in unterschiedlichen Aneignungskontexten (z. B. Schule, Fort- und Weiterbildung) zu entwickeln sowie für die Ausbildung von (zukünftigen) Fremdspra- chenlehrkräften abzuleiten. Damit sind die Fremdsprachendidaktik/-forschung von hoher gesellschaftlicher Relevanz. Denn angesichts der heutigen globalisierten und 16 Go for it! – Potenziale für die Umsetzung von Wissenschaftskommunikation in den Geisteswissenschaften kulturell multidiversen Lebenswelt stellen Fremdsprachenkenntnisse eine Schlüssel- kompetenz dar. Dennoch mangelt es dem Fach an inner- wie außerwissenschaftlicher Sichtbarkeit; in der Wissenschaftskommunikation ist die Fremdsprachendidaktik/-for- schung aktuell wenig aktiv (vgl. Gödecke & Grünewald 2021). Dabei gäbe es durchaus Potenzial, die Fachinhalte über eine dialogorientierte Ver- mittlung für die Öffentlichkeit sichtbar, erfahrbar und anwendbar zu machen. Denn wie zuvor aufgezeigt, stellt die Interaktion der Forschenden mit interessierten oder auch betroffenen Zielgruppen eine wichtige Ausrichtung von Wissenschaftskommunikation dar. Im konkreten Fall der Fremdsprachendidaktik/-forschung sind naheliegende Ziel- gruppen Fremdsprachenlernende und -lehrende, mit dem Ziel, Forschungserkennt- nisse über das effiziente Erlernen von Fremdsprachen zu teilen. Als relevante Zielgrup- pen sind neben Lehrkräften sowie Schüler:innen und deren Eltern auch Vertreter:innen aus den Medien, der Bildungspolitik, des akademischen Betriebs, von Bildungsinstitu- tionen wie Sprachinstituten und (Lehrer:innen-)Verbänden sowie Selbstlerner:innen zu nennen. Neben Schulen, als naheliegendem Praxisfeld für die Fremdsprachendidaktik/- forschung, sind deren Erkenntnisse nachgewiesen auch für (Weiter-) Bildungseinrich- tungen von Bedeutung. 90 Prozent der Volkshochschulen bezeichnen Erkenntnisse aus den Sprachwissenschaften und verwandten Disziplinen wie der Fremdsprachendidak- tik/-forschung als relevant. Sie haben einen eigenen Programmbereich für Sprachen und bieten eine Vielzahl spezialisierter Angebote für Personen mit Migrationshin- tergrund an (z. B. Alphabetisierungskurse, BAMF-geförderte Integrationskurse) (vgl. Christ et al., 2019; Ambos et al., 2017). Ob in Form von Workshops, Lehrvideos zum Fremdsprachenlernen oder -lehren, Vernetzungsaktivitäten mit Lehrpersonal an Bil- dungseinrichtungen zum Zwecke der gegenseitigen Schulung von Erwartungen und Bedürfnissen in der Fremdsprachendidaktik/-forschung oder die humoristische Kom- munikation von Besonderheiten des Sprachenlernens über Social Media – denkbar sind zahlreiche Möglichkeiten für die Fremdsprachendidaktik/-forschung, ihre Forschungs- inhalte zu kommunizieren. Neben dieser fachlich-inhaltlichen Ausrichtung hat die Fremdsprachendidaktik/- forschung außerdem das Potenzial, eine andere Form der Fachexpertise in den Wis- senschaftskommunikationsdiskurs einzubringen. Sie ist per se in der Lage, Erkennt- nisse über Sprachgrenzen hinaus zu vermitteln und kann darüber hinaus die Rolle der Sprache in dieser Vermittlung betrachten, indem sie z. B. folgende Fragen stellt: Was passiert mit wissenschaftlichen Inhalten bei der Übersetzung in eine andere Sprache? Welche Begrifflichkeiten im Kontext von Forschung und Wissenschaft verlieren bei der Übersetzung in andere Sprachen an Form oder Inhalt? Laut Wray (2016) kann Sprache sowohl Kanal als auch Hindernis für die Vermittlung wissenschaftlicher In- formationen in Text und Bild sein. Forscher:innen sind an den disziplinspezifischen Gebrauch bestimmter Wörter und Abkürzungen gewöhnt, und diese werden inner- halb der Fachgemeinschaft akzeptiert und verstanden. Kommt es zu einer interdiszi- plinären Zusammenarbeit, stellt Fehlkommunikation ein erhebliches Risiko dar. Auch hier kann die Fremdsprachendidaktik/-forschung und im internationalen Kontext auch die Sprachwissenschaft dieser Herausforderung begegnen, um Informationen Julia Gantenberg, Elisabeth Jurack 17 und Ziele adäquat zu übersetzen. Allerdings ist nicht jeder Begriff in wissenschaft- lichen Kontexten definiert, da oftmals Annahmen über das vorhandene Wissen der Rezipient:innen getroffen werden. Ebenfalls entwickeln Begriffe, die nicht klar defi- niert sind, über die Zeit eine eigene Dynamik, da ihnen verschiedene Konnotationen gegeben werden und sie sich nach und nach in potenziell unvereinbare Teilbedeutun- gen aufspalten (Wray, 2016). Und auch wenn im internationalen Forschungskontext Englisch als gemeinsame Fachsprache etabliert und anerkannt ist, kann es durch län- derspezifische Forschungstraditionen zu Übersetzungsfehlern kommen. Für die Fremdsprachendidaktik/-forschung sind also viele Wege denkbar, um Wissenschaftskommunikation aktiv zu gestalten. Die Kommunikation über Sprachen und das Sprachenlernen ist hierbei naheliegend und wird häufig praktiziert (siehe auch Beispiele im folgenden Abschnitt). Ebenso ist es von Interesse, die wissenschaft- lichen Erkenntnisse über die didaktischen Mechanismen des Sprachenlernens zu kommunizieren und dies an konkrete Zielgruppen wie z. B. Lehrende anzupassen. 5 Wissenschaftskommunikation mit Ziel und Wirkung in der Praxis Es gibt verschiedene Anlässe und Gründe, um Wissenschaft zu kommunizieren. Ex- terne Wissenschaftskommunikation lädt ein, Forschungsergebnisse, Methoden und auch Prozesse an verschiedene Zielgruppen heranzutragen. Die Art und Weise, wie diese Erkenntnisse kommuniziert werden, sollte zielorientiert und geplant ablaufen, um möglichst ressourcenschonend zu agieren. Aus der Praxis heraus betrachtet ist der Dreh- und Angelpunkt für eine effiziente und strategische Wissenschaftskommunika- tion die Maßgabe, welche konkreten Ziele (der Organisation, des Instituts oder des ein- zelnen Forschenden) zugrunde liegen. Es ist daher für kommunizierende Forschende unabdingbar, sich die Frage zu stellen, was sie grundsätzlich erreichen wollen: Was sind die langfristigen und kurzfristigen Ziele? Geht es z. B um das Erlangen einer Professur, das Sichtbarmachen von wissenschaftlichen Erkenntnissen eines Instituts oder die Legi- timierung von erhaltenen Drittmitteln? Ein Hinweis von Fissenwert und Schmidt (2002) dazu lautet: „Kommunikation ist kein Ersatz für fehlende Strukturen oder Gesetze. Sie kann keine (...) schlechten Produkte in gute verwandeln oder für andere qualitative und organisatorische Mängel gerade stehen. Sie hat ihre Grenzen. Deshalb kommt es sehr darauf an, die eigent- liche kommunikative Aufgabe hinter dem objektiven Problem zu erkennen.“ Das Erkennen der kommunikativen Aufgabe erfolgt durch das Erstellen eines Kon- zepts. Ausgehend vom Ziel der Person bzw. der Institution kann mithilfe verschiede- ner kleiner Schritte ein Kommunikationskonzept erarbeitet werden. Dies ermöglicht es Forschenden, ihre Wissenschaftskommunikation möglichst effektiv und ressour- censchonend durchzuführen. Am Anfang steht eine ausführliche Analyse: Welche Ressourcen stehen mir zur Verfügung? Was ist das Besondere an meiner Forschung? 18 Go for it! – Potenziale für die Umsetzung von Wissenschaftskommunikation in den Geisteswissenschaften Ist meine Forschung gerade ein aktuelles gesellschaftliches Thema oder derzeit eher nicht? Eine SWOT-Analyse (vgl. Runia et al., 2011, S. 62–67) hilft bei der Analyse der Ausgangslage, um anschließend daran ausgerichtet Ziele und Zielgruppen zu erarbei- ten. Auf dieser Basis folgt die Überlegung, welche Botschaft transportiert werden soll und wie diese mithilfe von Maßnahmen umgesetzt werden kann. Für die Qualitäts- sicherung ist schließlich die Evaluation der angewendeten Maßnahmen unabdingbar. Laut Niemann et al. (2023) „bieten auch Ergebnisse von (Selbst-)Evaluationen wissenschaftskommunikativer Maßnah- men die Möglichkeit, durch einen systematischen Prozess und den Einsatz passender Metho- den Aussagen über die Zielerreichung, die Effektivität und die Qualität von Wissenschafts- kommunikation zu treffen und diese damit zukünftig informierter und besser zu gestalten“. Die Evaluationsplattform der ImpactUnit (https://impactunit.de/tools/) von Wissen- schaft im Dialog6 bietet einen guten Ausgangspunkt, um die eigenen Kommunikati- onsaktivitäten geplant zu evaluieren. Forschende treten aus unterschiedlichen Gründen mit ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen oder Methoden mit unterschiedlichen Zielgruppen in Kontakt und nut- zen dafür – je nach Zielsetzung – verschiedene Formate. Nach Besley (2018) sind Prä- dikatoren für die Bereitschaft von Forscher:innen, an Aktivitäten der externen Wissen- schaftskommunikation teilzunehmen, die Einstellung (er oder sie wird die Erfahrung genießen), die Wirksamkeit (er oder sie kann mithilfe des Engagements etwas bewir- ken) und dass die Person genug zeitliche Ressourcen hat. In Abkehr von der traditionel- len Auffassung von Öffentlichkeitsarbeit, Nicht-Expert:innen zu informieren und zu überzeugen, sprechen sich Forscher:innen mittlerweile nachdrücklich für ganzheit- lichere, interaktive Ziele aus, wie Rose et al. (2020) aufzeigen können: Menschen für die Wissenschaft begeistern (82,6 % Zustimmung), das Vertrauen der Öffentlichkeit in die wis- senschaftliche Gemeinschaft stärken (88,3 % Zustimmung) oder erfahren, was die Öffent- lichkeit über bestimmte Themen denkt (82,5 % Zustimmung).7 6 Good-Practice-Beispiele für Wissenschaftskommunikation in den Geisteswissenschaften Die disziplinspezifischen Charakteristika der Geisteswissenschaften sind der Grund dafür, dass die Vermittlung geisteswissenschaftlicher Forschungsinhalte und -prakti- ken und die Zielgruppenansprache spezifische Überlegungen und Formate erfordern. 6 Wissenschaft im Dialog (WiD) ist seit 2000 die Dachorganisation für Wissenschaftskommunikation in Deutschland. 7 Konkrete Erhebungen zur Einstellung von Forscher:innen der Geisteswissenschaften in Bezug auf Kommunikationsaktivi- täten sind bislang noch unterrepräsentiert. Die meisten Studien untersuchen die Einstellung von MINT-Forschenden gegenüber ihren eigenen Wissenschaftskommunikationsmaßnahmen (u. a. Besley, 2018). Julia Gantenberg, Elisabeth Jurack 19 https://impactunit.de/tools/ Für die Geisteswissenschaften existiert eine Vielzahl von Ansätzen, um For- schungsthemen in die Gesellschaft hineinzutragen, dialogisch zu entdecken und idea- lerweise partizipativ weiterzuentwickeln. Sowohl digitale als auch analoge Formate bieten eine Möglichkeit, Fragen der geisteswissenschaftlichen Forschungspraxis zu erläutern und ihre Erkenntnisse darzulegen. Etablierte Kommunikationsformen sind hierbei zum Beispiel Podcasts, Blogs oder auch Ausstellungen. Auch Social-Media-Ka- näle wie YouTube, TikTok oder Instagram bieten ein spannendes Spielfeld zur Darstel- lung geisteswissenschaftlicher (im Allgemeinen) und fremdsprachendidaktischer (im Speziellen) Forschungsergebnisse. Ein populäres Format für Forscher:innen aus den Geisteswissenschaften, um ihre Forschung an bestimmte Zielgruppen zu vermitteln, ist das Bloggen. Auf der Blog-Platt- form de.hypotheses, einem Blogportal für Sozial- und Geisteswissenschaften, dominiert mit 50 Prozent der Blogs die Geschichtswissenschaft. Geisteswissenschaftler:innen nut- zen Kommunikationsmaßnahmen strategisch und planvoll, damit ihre Aktivitäten eine Wirkung erzielen und sie die Erfahrung als positiv empfinden. Die strategische Nutzung spiegelt sich bei König (2019) wider. Die Studie zeigt, dass 72 Prozent der Bloggenden von de.hypotheses sich sehr genau überlegen, was sie inhaltlich bloggen. Dazu gehören: mit dem Blogbeitrag ein Thema zu besetzen, Gedanken zu ordnen oder die eigene For- schungsarbeit zu dokumentieren. Ebenso wird deutlich, dass der Anteil an Beiträgen, die über das akademische Leben berichten, mit 16 Prozent eher gering ist. Die folgende Tabelle gibt einen exemplarischen Überblick über weitere aktuelle und abgeschlossene Wissenschaftskommunikationsprojekte aus den Geisteswissen- schaften. Tabelle 1: Exemplarische Übersicht über Projekte der Wissenschaftskommunikation in den Geisteswissen- schaften Analog Name Art Disziplin Autor:in Link Zeit- raum Heidelberg Street Philoso- phy Stand in der Alt- stadt Philosophie Universi- tät Heidel- berg https://www.uni-heidelberg.de/de/ newsroom/angebot-in-der-heidel- berger-altstadt-philosophie-zum- mitmachen 2023 Mural Saner 2022 Street Art verschiedene Disziplinen CAPAS Heidel- berg https://www.capas.uni-heidel- berg.de/saner_de.html 2022 Die Seele ist ein Oktopus Muse- ums- ausstel- lung Geschichts- wissenschaf- ten Exzel- lenzclus- ter Topoi, FU und HU Berlin https://www.topoi.org/project/ d-2-5/ 2016 20 Go for it! – Potenziale für die Umsetzung von Wissenschaftskommunikation in den Geisteswissenschaften (Fortsetzung Tabelle 1) Digital Name Art Disziplin Autor:in Link Zeit- raum Hinter den Dingen Podcast Geisteswis- sen-schaften SFB 980, FU Berlin https://www.sfb-episteme.de/ podcast/ seit 2018 Teach Langua- ges Online Podcast Fremdspra- chen-didak- tik/-forschung Lindsay Williams https://podcasts.apple.com/gb/ podcast/teach-languages-online- with-lindsay-does-languages/ id1433926096 seit 2018 Fluent Show Podcast Fremdspra- chen-didak- tik/-forschung Kerstin Cable, Lindsay Williams https://www.fluent.show/ 2013– 2023 Geschichte der Gegenwart Online- Magazin Geistes- und Kulturwissen- schaften verschie- dene For- schende https://geschichtedergegenwart.ch/ seit 2016 Dossier Bil- dung Online- Portal Politikwissen- schaft WZB und bpb https://www.wzb.eu/de/forschung/ forschungsgruppe-der-praesiden- tin/forschungsgruppe/projekte/ dossier-bildung seit 2011 Hypotheses Blog Geistes- und Sozialwissen- schaften verschie- dene Au- tor:innen https://de.hypotheses.org/ seit 2011 Sophie Scholl Instagram Geschichts- wissenschaft SWR und BR https://www.instagram.com/ichbin sophiescholl 2021 Ding an sich/ Menschen und Muster YouTube Geisteswis- sen-schaften Weizen- baum In- stitut Ber- lin, rbb https://www.youtube.com/@Men schenundMuster seit 2022 Langfocus YouTube Fremdspra- chen-didak- tik/-forschung Paul Jor- gensen https://www.youtube.com/@Lang focus seit 2015 loicsuberville TikTok Fremdspra- chen-didak- tik/-forschung Loic Sub- erville https://www.tiktok.com/@loics uberville/ seit 2020 deutsch_eins TikTok Fremdspra- chen-didak- tik/-forschung Clara Mun- teanu https://www.tiktok.com/ @deutsch_eins seit 2020 Darüber hinaus existieren noch zahlreiche weitere Formate und Maßnahmen, geistes- wissenschaftliche Themen öffentlich zu kommunizieren. Eine vernetzende Plattform für geisteswissenschaftliche Wissenschaftskommunikation ist die Teststrecke Berlin (https://teststrecke.berlin/). Sie sammelt inspirierende Beispiele und ermöglicht eine Julia Gantenberg, Elisabeth Jurack 21 https://www.instagram.com/ichbinsophiescholl https://www.instagram.com/ichbinsophiescholl https://www.youtube.com/@MenschenundMuster https://www.youtube.com/@MenschenundMuster https://www.youtube.com/@Langfocus https://www.youtube.com/@Langfocus https://www.tiktok.com/@loicsuberville/ https://www.tiktok.com/@loicsuberville/ https://www.tiktok.com/@deutsch_eins https://www.tiktok.com/@deutsch_eins https://teststrecke.berlin/ gegenseitige Unterstützung und Beratung vom Antrag über die Durchführung bis zur Evaluation von Wissenschaftskommunikationsmaßnahmen. 7 (Motivierender) Ausblick Für eine informierte Gesellschaft und gesellschaftlichen Fortschritt ist die adäquate Bereitstellung wissenschaftlichen Wissens von zunehmender Bedeutung. Vor allem eine dialogorientierte bzw. partizipative Wissenschaftskommunikation mit unterschied- lichen gesellschaftlichen Akteur:innen ist zu einer festen Anforderung an Wissenschaft- ler:innen geworden und wird bereits von vielen wissenschaftlichen Institutionen und Akteur:innen umgesetzt. Die Geisteswissenschaften nehmen dabei eine besondere Position ein, wie dieser Beitrag zeigen konnte. Doch nur weil sie gegenwärtig weniger sichtbar und ihre Rolle in der Wissenschaftskommunikation noch unzureichend erforscht ist, sind ihre Möglich- keiten in diesem Feld nicht geringer als die naturwissenschaftlicher Disziplinen. Die Re- levanz geisteswissenschaftlich beforschter Themen für unsere Gesellschaft ist von gro- ßer Bedeutung und sollte durch eine innovative und überlegte Wissenschaftskommu- nikation in diese hineingetragen werden. Die Vielzahl an analogen und digitalen Formaten für unterschiedliche Kommuni- kationstalente, -ziele und -ressourcen bietet viele Möglichkeiten der Umsetzung von Wissenschaftskommunikation. Auch die Fremdsprachendidaktik/-forschung hat das Potenzial, aktiv Wissen- schaftskommunikation zu betreiben und den Diskurs in der Wissenschaftskommunika- tion mit ihrer Expertise zu bereichern – praktisch, weil das Erlernen von Fremdsprachen von großer gesellschaftlicher Relevanz ist, und fachlich, indem sie die interdisziplinäre Forschungskommunikation durch ihre Erkenntnisse verbessern kann. Bereits jetzt gibt es spannende Formate, vor allem im digitalen Bereich, um Sprachenlernen sichtbar zu machen. Hier kann die Fremdsprachendidaktik/-forschung eine bereits interessierte Zielgruppe adressieren und wissenschaftliche Erkenntnisse des Fremdsprachenlernens platzieren. Ergo: Go for it! Literaturverzeichnis Besley, J. C., Dudo, A., Yuan, S., & Lawrence, F. (2018). 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Sie ist langjährige Praxisexpertin und forscht zu Citizen Science, der Beteiligung von Forschenden an Wissenschaftskommunikation Julia Gantenberg, Elisabeth Jurack 25 https://www.isoe-publikationen.de/publikationen/publikation-detail/?tx_refman_pi1%5Brefman%5D=2336&tx_refman_pi1%5Bcontroller%5D=Refman&tx_refman_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=19dfd5a23c852b913dc1ec9e91f89ce1 https://www.wissenschaftskommunikation.de/was-wissenstransfer-und-wissenschaftskommunikation-unterscheidet-58417/ https://www.wissenschaftskommunikation.de/was-wissenstransfer-und-wissenschaftskommunikation-unterscheidet-58417/ https://doi.org/10.5281/zenodo.7715494 https://doi.org/10.1371/journal.pone.0254201 https://wellcome.org/sites/default/files/wtvm054326_0.pdf https://wellcome.org/sites/default/files/wtvm054326_0.pdf https://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/3228-13.pdf?__blob=publicationFile&v=5 https://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/3228-13.pdf?__blob=publicationFile&v=5 https://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/5665-16.html https://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/5665-16.html https://doi.org/10.1177/0261927X16663591 https://www.wissenschaft-im-dialog.de/fileadmin/user_upload/Projekte/Impact_Unit/Dokumente/210701_Ergebnisbericht_Strategische_Ziele_der_Wissenschaftskommunikation.pdf https://www.wissenschaft-im-dialog.de/fileadmin/user_upload/Projekte/Impact_Unit/Dokumente/210701_Ergebnisbericht_Strategische_Ziele_der_Wissenschaftskommunikation.pdf https://www.wissenschaft-im-dialog.de/fileadmin/user_upload/Projekte/Impact_Unit/Dokumente/210701_Ergebnisbericht_Strategische_Ziele_der_Wissenschaftskommunikation.pdf sowie zu partizipativen Forschungs- und Bildungsformaten. E-Mail: gantenberg@uni- bremen.de Dr. Elisabeth Jurack leitet die Wissenschaftskommunikation an der Medizinischen Fa- kultät Universität Bonn. Sie ist langjährige Expertin auf dem Gebiet der praktischen Wissenschaftskommunikation und verfügt über Erfahrung in der Konzeption und Durchführung von Weiterbildungen im Bereich der Wissenschaftskommunikation. E-Mail: e.jurack@uni-bonn.de 26 Go for it! – Potenziale für die Umsetzung von Wissenschaftskommunikation in den Geisteswissenschaften mailto:gantenberg@uni-bremen.de mailto:gantenberg@uni-bremen.de mailto:e.jurack@uni-bonn.de Citizen Science und Kommunikation in der superdiversen Gesellschaft Sophia Segler, Julia Gantenberg Zusammenfassung Citizen Science ist in sozialwissenschaftlichen Disziplinen eine besondere Form der Wissenschaftskommunikation und birgt spezifische Herausforderungen in der super- diversen Gesellschaft (Vertovec, 2007), die sie sowohl einbindet als auch adressiert. Nach wie vor sind Citizen-Science-Projekte in den Sozialwissenschaften unterrepräsen- tiert und mit besonderen Konzeptionsfragen verbunden. In diesem Beitrag möchten wir die Herausforderungen in den Fokus rücken, die im Zusammenhang mit Polylin- gualität und sozialen Milieus in Citizen Science einhergehen. Sprachliche Diversität, unterschiedliche wissenschaftliche Verständnisse oder Wissensstände können Citizen Science und ihre Kommunikation unter Umständen grundlegend beeinflussen. Lang- fristig stellt sich die Frage, inwieweit eine vorhandene oder eben nicht vorhandene ge- meinsame „Sprache“ sich auf das Vertrauen in Wissenschaft, ihre Methoden, Prozesse und ganz zentral auch auf Forschungsergebnisse in superdiversen Gesellschaften aus- wirkt. In diesem Zusammenhang verfügen Fachdidaktiker:innen und Bildungswis- senschaftler:innen über besondere Expertise, die sie auch im Rahmen partizipativer Forschungsformate wie Citizen Science gewinnbringend einbringen können. Diese Fachperspektiven wollen wir in einen reflexiven Dialog setzen mit den Motiven und Bedürfnissen von Teilnehmenden an partizipativer Forschung wie Citizen Science. Da- für werfen wir einen Blick in die Praxis des sozialwissenschaftlichen Citizen-Science- Projekts „GINGER – Gemeinsam Gesellschaft erforschen“. Schlüsselwörter: Citizen Social Science; Superdiversität; Inklusion; Polylingualität; soziale Milieus Abstract Citizen science is a special form of science communication in social science disciplines and entails specific challenges in superdiverse societies (Vertovec, 2007), which it both integrates and addresses. Citizen science projects are still underrepresented in the so- cial sciences and are associated with particular conceptual issues. In this article, we would like to focus on the challenges that are related to polylingualism and social mi- lieus in citizen science. Linguistic diversity, different scientific concepts or levels of knowledge can fundamentally influence citizen science and its communication under certain circumstances. In the long term, the question emerges as to what extent an exist- ing or non-existing common „language“ has an impact on trust in science, its methods, processes and, most importantly, on research results in superdiverse societies. In this context, didacticians and educational scientists have special expertise that they can also contribute profitably in the context of participatory research formats such as citizen sci- ence. We want to set these perspectives in a reflective dialogue with the motives and needs of participants in participatory research such as citizen science. To this end, we take a look at the practice of the citizen social science project "GINGER – Exploring Society Together". 1 Einleitung Wissenschaftliche Erkenntnisse und Prozesse sowohl inner- als auch außerwissen- schaftlichen Zielgruppen zugänglich zu machen, wird wissenschaftspolitisch neben Forschung und Lehre als eine der Kernaufgaben von Wissenschaft bezeichnet (Wis- senschaftsrat, 2016). Dazu müssen die jeweiligen Inhalte übersetzt, d. h. der jeweiligen Rezipient:innengruppe entsprechend sprachlich angepasst werden. Dies gilt bereits dann, wenn die Kommunikation disziplinäre Grenzen überschreitet, vielmehr aber noch, wenn sie sich dem Verständnis externer Wissenschaftskommunikation nach an Zielgruppen außerhalb des Wissenschaftssystems richtet (Gantenberg, Jurack, 2024).1 Citizen Science geht dabei noch einen Schritt weiter. In diesem partizipativen For- schungsansatz forschen Wissenschaftler:innen gemeinsam mit Menschen, die nicht beruflich in der Wissenschaft tätig sind, Kommunikation also dialogisch und insbe- sondere zwischen verschiedenen sozialen Milieus stattfindet. Für eine gelungene Zu- sammenarbeit ist das gegenseitige Verstehen unabdingbar, allein schon, um die betei- ligten Citizen Scientists in meist kurzer Zeit mit dem notwendigen Wissen über den Forschungsgegenstand und die Methodik sowie über die Forschungsethik und For- schungsparadigmen auszustatten, damit auch sie einen qualitativ hochwertigen und anschlussfähigen Forschungsbeitrag leisten können. Die Kommunikationsarbeit stellt daher in Citizen-Science-Projekten einen zentralen Aspekt dar. Dies gilt umso mehr in „superdiversen Gesellschaften“ (Vertovec, 2007), damit Citizen Science unter mög- lichst inklusiven Bedingungen angeboten und durchgeführt werden kann. Die Berücksichtigung von Sprachen und ihrer Diversität bei der Umsetzung von Citizen-Science-Projekten zählt hierbei als bedeutender Erfolgsfaktor. Gekoppelt ist diese Aufgabe an den herausfordernden Transfer teils hochkomplexer Inhalte in Form zielgruppenspezifischen Übersetzens für den gemeinsamen Dialog. Dieses kann so- wohl milieusprachenspezifisch ausgerichtet sein als auch darauf abzielen, bi- und mul- tilingualen Sprecher:innen durch eine gelungene Wissenschaftskommunikation die Teilhabe an institutionalisierter Wissenschaft zu ermöglichen und damit Zugang zu einer superdiversen und damit oftmals postmigrantischen Gesellschaft (Foroutan 2019) und ihren spezifischen Sprachen zu bieten. Insbesondere in den sozialwissenschaft- lichen Forschungsdisziplinen, deren Forschungsgegenstand Aspekte des sozialen Mit- 1 Vgl. Gantenberg & Jurack „Go for it! – Potenziale für die Umsetzung von Wissenschaftskommunikation in den Geisteswis- senschaften“, S.9–26. 28 Citizen Science und Kommunikation in der superdiversen Gesellschaft einanders sind, ist es für Citizen-Science-Projekte von zentraler Bedeutung, die Gesell- schaft in ihrer (sprachlichen) Superdiversität einzubinden. Fragen rund um gelungene Wissenschaftskommunikation durch eine zielgruppenspezifische Ansprache und dia- logisches Übersetzen sind speziell im Kontext partizipatorischer Forschungsansätze wie Citizen Science zentral. Vor allem in sozialwissenschaftlichen Disziplinen besteht ihre Stärke in der Einbindung und Abbildung von (super-)diversen Gesellschaftsmit- gliedern. Der vorliegende Beitrag diskutiert daher die Bedeutung von Sprache und Kom- munikation für sozialwissenschaftliche Citizen-Science-Projekte in superdiversen Ge- sellschaften. Dafür wird zunächst auf den Begriff der superdiversen Gesellschaft von Vertovec (2007; 2015) eingegangen. Sodann wird dieser mit Citizen Science in Verbin- dung gebracht und ein Bezug zu Gelingensbedingungen von Citizen-Science-For- schung hergestellt. So sind Fragen rund um gelungene Wissenschaftskommunikation durch zielgruppenspezifische Sprache und dialogische Übersetzung speziell im Kon- text partizipatorischer Forschungsansätze wie Citizen Science zentral, da deren Stärke in sozialwissenschaftlichen Disziplinen in der Einbindung und Abbildung von (super-)diversen Gesellschaftsmitgliedern besteht. Mit Blick auf die Beteiligung superdiverser Gesellschaftsmitglieder an Forschung sind die in Citizen Science involvierten Akteur:innen gefragt, möglichst inklusive Räume zu schaffen. Ein zentraler Aspekt ist hierbei die Anpassung und Übersetzung von Sprache in beide Richtungen – von Wissenschaft zur superdiversen Gesellschaft und von dieser zur Wissenschaft. Dieser Art des dialogischen Forschens sollte ein Klima des angstfreien, gegenseitigen Lernens inhärent sein. Praxiseinblicke in die Be- deutung inklusiver Citizen Science mit dem Blick auf Mehrsprachigkeit und der Be- deutung von sozialen Milieus geben Auszüge aus dem institutseigenen Podcast „zap- Talk #10: Gemeinsam Gesellschaft erforschen im Gespräch mit Citizen Scientists“ aus dem sozialwissenschaftlichen Citizen-Science-Projekt „GINGER – Gemeinsam Gesell- schaft erforschen“ (GINGER, 2023). 2 Citizen Science – Verständnis, Entwicklung und Ausrichtung Die externe Wissenschaftskommunikation, d. h. „alle Formen von auf wissenschaft- liches Wissen oder wissenschaftliche Arbeit fokussierter Kommunikation“ (Schäfer et al., 2015, S. 13; Gantenberg, Jurack 2024), die sich an verschiedene Zielgruppen außer- halb des Wissenschaftssystems richtet, zielt darauf ab, Forschungsergebnisse und me- thodische Ansätze zugänglich zu machen bzw. sie daran zu beteiligen. Dafür ist der Einsatz von Sprache(n) unabdingbar. Was im Zusammenhang der verständlichen Auf- bereitung wissenschaftlicher Inhalte allerdings meist unidirektional betrachtet wird, also von der Wissenschaft für die Gesellschaft, reicht für andere Kontexte der Wissen- schaftskommunikation nicht aus. So benötigen partizipative Ansätze, wie sie beispiels- weise Citizen Science darstellt, ein mehrdimensionales Verstehen und Verständlich ma- chen, um ihr Potenzial möglichst voll auszuschöpfen. Sophia Segler, Julia Gantenberg 29 Als Citizen Science sind partizipative Forschungsansätze mit außerwissenschaft- lichen Akteur:innen definiert (Bonn et al., 2022, S. 12; Haklay et al., 2021). Schon bei der Namensgebung zeigt sich die Relevanz sprachlicher Übersetzung. Im Deutschen wird Citizen Science in aller Regel als Bürger:innenwissenschaften bezeichnet. Der Begriff „Bürger:in“ impliziert allerdings, dass z. B. Menschen ohne Aufenthaltsstatus oder Men- schen, die sich dem als soziales Milieu gelesenem „Bürgertum“ nicht zugehörig fühlen, ebenfalls nicht adressiert sind. Die Prinzipien guter und inklusiver Citizen Science be- inhalten dagegen, allen Gesellschaftsmitgliedern die Teilhabe an der (Ko-)Produktion von Wissen zu ermöglichen (ECSA, 2015). Ausgehend von diesem Inklusionsprinzip (Okune et al., 2018; ECSA, 2015) wird im sozialwissenschaftlichen Citizen-Science-Pro- jekt „GINGER – Gemeinsam Gesellschaft erforschen“ alternativ und inkludierend die Bezeichnung Gesellschaftsforscher:in2 genutzt. Die „Zehn Prinzipien von Citizen Science – Bürgerwissenschaften“ der European Citizen Science Association (ECSA) geben weiterführende Anhaltspunkte für die kon- zeptionelle Ausgestaltung von Citizen-Science-Projekten (ECSA, 2015). Differenziert werden Citizen-Science-Projekte u. a. hinsichtlich des Partizipationsgrades: Sind Citi- zen Scientists ausschließlich an der Datensammlung oder -auswertung beteiligt, wer- den sie in alle Forschungsschritte einbezogen, oder führen sie Forschung sogar selbst leitend durch? Prominent ist diesbezüglich die Differenzierung in die vier Stufen bei- tragend, kollaborativ, co-kreativ und kollegial (Bonney et al., 2009, S. 17; Haklay, 2013, S. 11; Shirk et al., 2012, S. 4). Zudem kann Partizipation anhand ihrer Zielsetzungen unterschieden werden in demokratische Teilhabe, Wissensproduktion und Lernen (Davies et al., 2009; Schrögel et al., 2021; Schrögel & Kolleck, 2019). Irwin (1995, S. 66–69) demonstriert anhand von Fallstudien, dass Citizen Science schwerpunktmäßig im Interesse der Gesellschaft angelegt sein muss und auch ohne institutionelle Anbindung ihre Berechtigung haben kann. Darüber hinaus existieren zivile Organisationen oder Einzelpersonen, die Citizen Science betreiben, ohne ihre For- schung offiziell als solche registriert zu haben oder sie einem breiteren Publikum zu präsentieren. Dabei ist Citizen Science kein kürzlich populär gewordenes Format, son- dern findet schon lange in unterschiedlicher Ausgestaltung unter teils anderen Bezeich- nungen statt. Strasser et al. (2019, S. 59) nennen hier z. B. Charles R. Darwins naturwis- senschaftliche Studien zur Phänologie von Tieren, Pflanzen und Naturphilosophie im 19. Jahrhundert, die teilweise zwar institutionell gefördert wurde, aber zu einem Großteil auch als Hobby und „von zu Hause aus“ stattgefunden hat. Erst mit dem Aufkommen von Nationalstaaten wurden Wissenschaften mehr und mehr zu exklusiven, institutio- nell angebundenen Berufsdisziplinen. Selbstorganisierte und wirkmächtige Hobbyfor- schung „von unten“ wurde parallel zur Institutionalisierung von Citizen Science auch weiter betrieben, insbesondere aus Motiven des Widerstands im Kontext der Umweltfor- schung von Aktivist:innen (Strasser et al. 2019, S. 60; Irwin, 1995). Als erste organisierte 2 Der Begriff „Gesellschaftsforscher:innen“ wurde im Projekt „Gemeinsam Gesellschaft erforschen“ (GINGER) eingeführt, um eine allumfassende und inklusive Übersetzung von Citizen Scientist ins Deutsche anzubieten. Der Begriff „Citizen Science“ und die Rolle der Repräsentanz und Abbildung pluraler und superdiverser Gesellschaften an der (Ko-)Produk- tion von Wissen und damit ihrer Benennung wird auch im englischsprachigen Kontext kritisch debattiert (vgl. Ellwood et al., 2023; Lin Hunter et al., 2023, Roche et al., 2020). 30 Citizen Science und Kommunikation in der superdiversen Gesellschaft Citizen-Science-Aktivität wird häufig das „Christmas Bird Count“ genannt – eine Vogel- zählung, zu der die National Audubon Society Weihnachten im Jahr 1900 in den USA aufrief und die seitdem jährlich stattfindet (Dunn et al., 2005). Gesellschaftliche Wirkung von Citizen Science Wissenschaft ist in eine Vielzahl an Fach- und ihre jeweiligen Subdisziplinen differen- ziert. Grundsätzlich werden Geistes-, Natur- und Sozialwissenschaften voneinander un- terschieden. Naturwissenschaften lassen sich maßgeblich durch (mathematische) Mes- sungen und (Art-)Bestimmungen fassen, wobei Experimente eine zentrale Rolle spielen (Frigerio et al., 2021). Im Gegensatz dazu verstehen sich die Geisteswissenschaften als „Erfahrungswissenschaften geistiger Erscheinungen“ (Dilthey, 1922). In den Sozialwis- senschaften, die wissenschaftshistorisch aus den Geistes- und den Naturwissenschaften hervorgegangen sind, steht wiederum die Erklärung sozialer Phänomene und Verhal- tensweisen im Vordergrund. Das sozialwissenschaftliche Forschen ist vor allen Dingen durch kritisches Denken, Dateninterpretation und Sinnrekonstruktion gekennzeichnet (Heinisch et al., 2021).3 Diese disziplinären Unterschiede nehmen auch Einfluss auf die Ausgestaltung von Citizen Science, die grundsätzlich für jede wissenschaftliche Disziplin einen For- schungsbeitrag leisten kann. Während naturwissenschaftlich ausgerichtete Projekte oftmals von verbesserten Möglichkeiten bei der Datensammlung von Citizen Science profitieren, ist der partizipative Ansatz in den Sozialwissenschaften vor allem mit Blick auf das plurale und vielfältige Wissen der superdiversen Gesellschaft in allen Stufen des Forschungsprozesses von großem Wert, da es hier mehr noch als in den Naturwis- senschaften auf die Diskussion um Interpretation ankommt. Franzen und Hilbrich (2015) sehen in Citizen Science daher ein Innovationspotenzial für die Sozialwissen- schaften: Der partizipative Ansatz könne relevante Impulse für sozialwissenschaftliche Forschung geben – sei es, um Forschungsfragen zu generieren oder um Ergebnisse neu zu reflektieren. Darüber hinaus könne der Gesellschaft auf diese Weise der sozial- wissenschaftliche Blick verständlich gemacht und Neugierde an sozialwissenschaft- lichen Erkenntnissen geweckt werden. Sozialwissenschaften würden so da ankom- men, wo sie hingehörten: in der Gesellschaft (vgl. ebd.). Nach wie vor dominieren jedoch naturwissenschaftliche Citizen-Science-Projekte.4 Ein Grund dafür ist die He- rausforderung sozialwissenschaftlicher Citizen-Science-Forschung, dass ihr For- schungsgegenstand häufig auf das Handeln von Personen abzielt und abhängig von spezifischen Individuen oder Gruppen ist (Pettibone & Ziegler, 2016). Für Citizen Science stellen sich deshalb die Fragen, ob sich die für den wissenschaftlichen Er- kenntnisgewinn notwendige kritische Distanz vom Forschungsgegenstand realisieren und inwiefern sich der Mensch als Forschungsobjekt vom Menschen als Forschungs- subjekt abgrenzen lässt (von Unger, 2022; Selke, 2012). 3 Für eine Darstellung der Unterschiede zwischen Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften mit Blick auf Wissen- schaftskommunikation s. auch den Beitrag von Gantenberg und Jurack in diesem Band. 4 Eine Übersicht über aktuelle Citizen-Science-Projekte in Deutschland findet sich bei „Bürger schaffen Wissen“, der deut- schen Plattform von Citizen Science: https://www.buergerschaffenwissen.de/. Eine Orientierung für alle in Europa und teilweise globale Citizen Science bietet auch eu-citizen-science. Sophia Segler, Julia Gantenberg 31 https://www.buergerschaffenwissen.de/ https://eu-citizen.science/projects Unstrittig ist, dass Citizen Science die Perspektiven auf naturwissenschaftliche und soziale Phänomene erweitert und so neues Wissen generieren kann. Gleichzeitig kann Citizen Science über Wissenschaft und ihre Methoden aufklären (Kloetzer et al., 2021) und dadurch das Vertrauen in Wissenschaft stärken (Butkevičienė et al., 2021, S. 312; Gantenberg & Göhmann, 2022). Indem sie auf Inklusion und Sensibilisierung von Intersektionalität setzt, hat Citizen Science das Potenzial, zum Abbau exklusiver Strukturen beizutragen und dadurch Wissenschaftshegemonien aufzubrechen (vgl. Pandya 2012; Humm & Schrögel 2020; Mahr et al., 2018; Paleco et al., 2021). 3 Citizen Science, polylinguale Kommunikation und die superdiverse Gesellschaft In vielen Fällen entfaltet Citizen Science vor allem dann ihre Stärke, wenn eine Vielzahl an Gesellschaftsmitgliedern partizipiert. Dies zeigt sich auch bei der gemeinschaft- lichen, kontrollierten Datensammlung an verschiedenen Orten von vielen Citizen Scien- tists, wie sie häufig in naturwissenschaftlichen Projekten stattfindet. In anderen Projekt- kontexten kann zudem eine Perspektivenvielfalt möglichst unterschiedlich sozialisierter Menschen oder auch marginalisierter Personen(-gruppen) auf den Forschungsgegen- stand einen großen Wert darstellen. Das Vorhandensein von multiperspektivem Wissen vieler unterschiedlicher Men- schen ist ein Charakteristikum diverser bzw. superdiverser Gesellschaften. Der Begriff der superdiversen Gesellschaft wurde von Vertovec (2007) in die wissenschaftliche Dis- kussion eingeführt, um komplexe Gesellschaften und ihr Zusammenleben zu be- schreiben und in ihren Dimensionen analysieren zu können. Der Begriff geht damit über eindimensionale Zuschreibungen wie „Sprache“ und „Land“ hinaus und macht so komplexe Dimensionen sozialer Gruppen erfassbar. Zu diesen gehören z. B. Mehr- sprachigkeit, Einkommen, Zugang zu Arbeit, Migration, Transnationalismus, Milieu, Sozialisation, Gender und eine Vielzahl weiterer, auch neu aufkommender Variablen (Vertovec, 2007, S. 1049). Seitdem findet das Konzept transdisziplinäre Anwendung (Vertovec, 2022, S. 48–86; López Peláez et al., 2022). Auch für Citizen Science ist die Berücksichtigung der superdiversen Gesellschaft relevant. Projektverantwortliche haben die Aufgabe, Menschen zum Mitforschen zu ge- winnen, diese über Forschungsinhalte, -ziele und -methoden aufzuklären und schließ- lich deren Forschungsbeiträge wissenschaftlich anschlussfähig zu machen. Daher zählt zu den zentralen Bedingungen für erfolgreiche Citizen Science die Beachtung gesell- schaftlicher Superdiversität – u. a. bezogen auf Sprache(n), Milieu und Sozialisation. Im Folgenden wird deshalb auf die Aspekte Polylingualität und Milieustruktur eingegangen und ein Praxisbezug zum Projekt „GINGER“ hergestellt. 3.1 Polylingualität als Merkmal superdiverser Gesellschaften Bereits Anfang der 2010er-Jahre findet die superdiverse Gesellschaft als Begriff für kom- plexe soziale Phänomene Eingang in die Soziolinguistik (vgl. Vertovec, 2007; Vertovec, 32 Citizen Science und Kommunikation in der superdiversen Gesellschaft 2022, S. 62–65; Blommaert & Rampton, 2011). Blommaert (2013, S. 193) zeigt, dass die Betrachtung von Kommunikationsveränderungen eine genauere Definition sozialer Phänomene im Kontext superdiverser Gesellschaften ermöglicht. Durch die technische Beschleunigung von Kommunikation als Folge der Digitalisierung zeigen sich auch soziolinguistische Phänomene wie „Sprachbildung, Polylinguistik, transidiomatische Praktiken, Metrolingualismus, Supervernakularisierung“ (ebd.; vgl. auch Blommaert & Rampton, 2011) in komplexeren Erscheinungsformen. Als Anzeichen von Verände- rungen der superdiversen Gesellschaft können diese konkreteren Variablen jedoch prä- ziser analysiert werden als vagere Variablen wie „Ethnizität“ oder „Land“. Als eines der prägnantesten sprachlichen Merkmale superdiverser Gesellschaften gilt Polylingualität, d. h. die Mehrsprachigkeit von Gesellschaftsmitgliedern. Diese zeigt sich hinsichtlich Sprachen wie auch Sprachwechseln, Dialekten, Registern und vielen weiteren Analysekategorien der Sprachwissenschaften. Polylingualität steht folglich als übergeordnete Kategorie für eine komplexe Realität von Sprachexistenzen und ihren Anwendungen (Van Viegen & Lau, 2020, S. 5–9) und wird mit unterschiedlicher Schwer- punktlegung soziolinguistisch betrachtet. Vertovec belegt die superdiverse Gesellschaft durch 300 Sprachen, die um die 2000er-Jahreswende allein in London gesprochen wer- den (Vertovec, 2007, S. 26). Rojas Loa et al. (2022) weisen nach, dass auch in Bremen rund 80 Sprachen gesprochen werden. Ausgehend vom Superdiversitätskonzept zeigen Møller und Jørgensen (2012) die gesellschaftlichen Realitäten von Mehrsprachigkeit am Beispiel von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Kopenhagen, die in der Kommu- nikation miteinander superdiverse Sprachregister nutzen. Diese stehen in fundamenta- lem Kontrast zu den oftmals mono- oder bilingualen Behördensprachen. Sprachbarrie- ren wie diese erschweren jedoch den Zugang zu gesellschaftlichen und staatlichen Versorgungsleistungen und können damit ein Hindernis für soziale und politische Teil- habe darstellen (vgl. Cnyrim, 2020). Ein weiteres Beispiel für die Bedeutung von Mehrsprachigkeit für Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe ist Code-Switching, d. h. der Sprachwechsel bi- oder multilin- gualer Sprecher:innen während eines Gespräches (Auer & Eastman, 2010, S. 85). Wäh- rend des Code-Switchings bedienen sich diese nicht nur mehrerer Sprachen, sondern auch unterschiedlicher sprachlicher Register, d. h. der für einen bestimmten Kommuni- kationsbereich charakteristischen Rede- und Schreibweisen. So zeigt Süverdem (2022) am Beispiel des Code-Switchings, dass türkisch-französische Sprecher:innen bei emo- tional besetzten Themen eher Türkisch, beim Sprechen über administrative und for- melle Belange dagegen bevorzugt Französisch sprechen. Zu ähnlichen Befunden kom- men Geiger-Jaillet und Schlemminger (2023) bei bilingualen Elsässisch-Französisch- Sprecher:innen. Je nach Sprech- und Milieukontexten wechseln polylinguale Sprech- er:innen also zwischen den ihnen zur Verfügung stehenden Sprachen. Unter dem Aspekt der gesellschaftlichen Teilhabe sollte Polylingualität daher als Kategorie superdiverser Gesellschaften berücksichtigt werden. Dies gilt auch für Citizen Science, die per definitionem Teilhabe ermöglichen möchte und darauf abzielt, eine superdiverse Sozialstruktur abzubilden (ECSA 2015). Die strukturelle Ermöglichung, zumindest jedoch die Sensibilisierung für Polylingualität, z. B. Code-Switching, sollte Sophia Segler, Julia Gantenberg 33 daher auch im Rahmen von Citizen-Science-Projekten vorhanden sein. Je nach Projekt- kontext, häufig jedoch im Rahmen sozialwissenschaftlicher Citizen-Science-Projekte, ist das Einfließen der Lebenswelterfahrungen von beteiligten Citizen Scientists für das an- gestrebte Forschungsziel sogar notwendig. Mindestens jedoch sollten im Projekt Struk- turen für polylinguale Phänomene berücksichtigt werden, damit über die Lebens- und Alltagserfahrungen der Citizen Scientists superdiverses Wissen eingebunden werden kann. 3.2 Milieustrukturen und Citizen Science Milieuzugehörigkeiten stellen eine weitere Analysekategorie im Kontext superdiverser Gesellschaften dar und sind für Citizen Science von Relevanz. Sie drücken sich durch eine Vielzahl an Merkmalen aus, die über die Milieuzugehörigkeit Auskunft geben kön- nen. Dazu gehören im Rahmen verbaler Kommunikation u. a. Sprachregister und ihre Variationen, ebenso wie nonverbale Codes, z. B. Körperhaltung oder Kleidung. Bourdieu (1987) zeigt die Komplexität (non-)verbaler Verhaltensweisen, indem er unter dem Be- griff des Habitus in verschiedene Typen sozialen Kapitals einführt. Aufbauend auf Bour- dieus Habitus-Analysen werden in der sozialwissenschaftlichen Forschung die soge- nannten Sinus-Milieus® angewandt, um soziale Phänomene und Einstellungen zu analysieren. Hierbei werden Typologien von Gesellschaftsgruppen u. a. aufgrund der ihnen empirisch zugeschriebenen Werte, Einstellungen und Lebensweisen gebildet. Nachfolgend hat sich eine Vielzahl von Milieu-Modellen entwickelt, die das ursprüng- liche Sinus-Milieu®-Modell ausbauen, um feinere Distinktionsmerkmale, beispiels- weise in Ober- und Mittelschicht sowie Prekariat, einzubringen (Vester et al., 2001) oder auch gruppenspezifische Präzisionen vornehmen zu können, wie das „Migranten- milieu“ von Hallenberg et al. (2018) oder das „Jugendmilieu“-Modell von Calmbach et al. (2020).5 Groh-Samberg et al. (2023) erweitern Vester et al.’s Milieu-Modell mit Schwartz’ Werte-Modell (1992), um die Analyse sozialer Integration (d. h. gesellschaftlicher Zu- sammenhalt) zu ermöglichen. Dadurch können Sozialstrukturen in Verbindung mit sozialen und politischen Werten spezifischer analysiert werden. Diese Ausdifferenzie- rungen von Milieu-Modellen sind wichtig, da auch nach Blommaert (2013, S. 194) soziale Verhaltensweisen grundsätzlich polyzentrisch (Blommaert & Backus, 2012) sein können und damit milieuübergreifend und je nach räumlicher oder zeitlicher Lage changieren. Soziale Verhaltensweisen und ihre Normen sind also nicht notwendigerweise statisch, sondern ggf. auch situativ variabel, mithin polyzentrisch. Hierzu zählen auch Sprach- register, die für andere Milieus oft nur schwer zugänglich sind. Fachregister, also fach- spezifisch genutzte Begriffe (Agha, 2007; Blommaert, 2013, S. 194), sind in der Wissen- schaft und insbesondere innerhalb einer gemeinsamen Fachrichtung ausschlaggebend für Verständigung und Verstehen. Komplexer wird es, wenn diese Fachregister an Per- sonen adressiert oder gar dialogisch kommuniziert werden, die mit Wissenschaft und Forschung weniger vertraut sind. Im Kontext von Citizen Science müssen Laien Zugang zu diesen Sprachregistern bekommen, um sich mit den anderen beteiligten Forschen- 5 Sozialwissenschaftliche und empirisch begründete Milieumodelle unterliegen ständiger Weiterentwicklung, d. h. be- stehende Modelle werden abgeändert und präzisiert, zudem entstehen neue. 34 Citizen Science und Kommunikation in der superdiversen Gesellschaft den zu verstehen und an der Forschung teilhaben zu können. Ebenso müssen auch Forscher:innen bereit sein, ihnen nicht bekannte oder gewohnte Milieusprachen einzu- binden, damit der gemeinsame (Forschungs-)Dialog möglich wird.6 Milieuzugehörigkeiten und Sprachregister müssen im Kontext von Wissenschafts- kommunikation und Citizen Science kein unüberwindbares Hindernis darstellen. Der inklusive Umgang mit und das individuelle Erfahrungswissen von superdiversen Citi- zen Scientists, auch im Hinblick reflexiver Sozialisation und Milieuzugehörigkeit(en), können ein bislang wenig genutztes Potenzial für ko-produktive Forschung darstellen – etwa bei der multiperspektivischen Dateninterpretation, die Forschungsergebnisse in den Sozialwissenschaften substanziell bereichern kann. 3.3 Prinzipien für superdiversitätssensible Citizen Science Die skizzierten Ansätze soziolinguistischer und sozialstruktureller Analysen am Bei- spiel von Polylingualität sowie Milieustrukturen und damit verbundener Fachregister sind entscheidend, um superdiverse Gesellschaften präziser abzubilden. Sie können wichtige Implikationen für politische Entscheidungen enthalten, um zielgerichtete Lö- sungen und Angebote zu entwickeln (Vertovec 2007; 2022). So stellen polylinguistische Analysen für die Bildungswissenschaften eine bedeutende Erweiterung dar, die z. B. durch eine politische Implementierung weitreichende Folgen für Bildungschancen in der superdiversen Gesellschaft haben können. In diesem Zusammenhang betonen Karakaşoğlu et al. (2021) die Relevanz mehrsprachiger Angebote am Beispiel von Teil- habe und Recht auf Bildung in Schule. Die Umsetzung mehrsprachigen Unterrichts in Schule scheitere oftmals an Widerstän